Dazwischen

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MariaBraig

vor 4 Jahren

Ich war ein Wunschkind. Zumindest wurde mir das so gesagt und ich glaubte es gerne. Wer wäre nicht gerne ein Wunschkind gewesen und außerdem war Lügen bei Androhung ewiger Höllenqualen verboten. Oder so ähnlich. Später war ich mir da nicht mehr so sicher. Vier Kinder, davon das jüngste bereits neun Jahre alt und dann noch ein Wunschkind? Aber vielleicht sollte es ein Neubeginn sein. Ein noch einmal. In Frieden und Sicherheit ein zweites Mal leben? Die andern stammten alle aus Kriegs- und Nachkriegszeiten, wer weiß, was für Gefühle und Wünsche da in Eltern entstehen, die das Aufwachsen der Kinder nicht gemeinsam erleben können. Die Mutter zuhause, der Vater im Krieg und in Gefangenschaft und der erste Nachkriegssohn in einer Zeit geboren, die man heute mit Therapien verbringen würde, um die Kriegstraumata zu verarbeiten. Damals ging es einfach weiter. Trauma hin oder her, nicht einmal das Wort war bekannt. So entstand ich, warum auch immer, Ende der 50er Jahre, von meinen Brüdern gerne herablassend als „Wohlstandskind“ bezeichnet.

Auf jeden Fall war ich das Wunsch-Mädchen. Nach vier Söhnen und einer Tochter, die aber kurz nach dem großen Krieg und bereits mit fünf Jahren zur Familie gestoßen war, also nicht mehr von Anbeginn an formbar, war hier nun das Mädchen, das all das sein und werden sollte, was die Mutter für sich selbst erwünscht hatte und nur teilweise hatte realisieren können. Ein Mädchen, mit langen Zöpfen, Schleifen im Haar, weiß normalerweise, an besonderen Tagen auch einmal rot, ein hübsches Kleidchen – und so sollte es bleiben und noch besser werden. Aber irgendetwas war da schief gelaufen. Im Äußeren eines herausgeputzten Mädchens wie es sein sollte, entwickelte sich ein weiterer Junge. Ein Junge, der keiner sein durfte, obwohl ich mir sicher war, eines Tages zu erwachen und alles wäre dann so, wie es sein musste. Bis dahin war es schwer zu leben, war es anstrengend und oft deprimierend, die Möglichkeiten eines Jungenlebens zu erkämpfen, nicht zu resignieren unter all den Einschränkungen, die ein Mädchenleben schon rein äußerlich damals mit sich brachte.

Wie oft stand ich vor dem Spiegel und prüfte mit zarten Fingern die noch zarteren Stellen im Gesicht, die doch so langsam endlich einmal Haare hervorbringen mussten. Aber nichts geschah, die kleinen Härchen blieben wie sie waren. Ich liebte alle die Menschen, die meinten, mich aus der vermeintlich falschen öffentlichen Toilette schicken zu müssen, die mich als Jungen erkannten, weil ich schwarz bis zu den Ellbogen mein Mofa auseinandermontierte. Aber auch die, die mir mit lobendem Unterton bestätigten, dass an mir ein Junge verloren gegangen sei, weil ich mit der Heckenschere stundenlang meine Kraft und mein Durchhaltevermögen demonstrierte, oder in wilder Fahrt mit meinem Fahrrad heranpreschte, um dann mit nach hinten geschwungenem Bein abzusteigen, als ob da nicht die Stange fehlen würde, die mein Mädchenfahrrad zu meinem Leidwesen nicht bieten konnte. Immerhin hatte ich das Netz am Hinterrad, das das Verwickeln der Röcke mit den Speichen verhindern sollte, schon lange entfernt.

Ich war ein Junge und würde ein Mann werden. Kein Zweifel war da möglich, bei manchen dauerte es eben länger, bis die Stimme kippte und der Bartwuchs so richtig einsetzte. Auch das Wachsen der Brüste konnte nur ein vorübergehender Fehler sein, der sich sicher bald wieder von allein korrigieren würde. So lange musste ich eben meine Jungen-Unterhemden, die ich mir erstaunlicherweise erkämpft hatte, so straff ziehen, dass nicht die Gefahr bestand, dass jemand meine Unebenheiten erkennen konnte. Dies war eine Aufgabe, die nie endete, solange man in Bewegung war. Mütterliche Fragen, warum jedes Unterhemd nach kurzer Zeit in der Höhe des Gürtels zwei Löcher hatte, beantwortete ich mit Schulterzucken.

Das Leben eines Mädchens barg viele Entbehrungen in den sechziger Jahren, noch dazu hin auf dem Land, wo sich alles nur langsam weiterentwickelte. Ich wollte Pfadfinder sein, ich wollte Ministrant werden, ich wollte ein Fahrrad mit Stange und ich wollte nur mit einer Badehose bekleidet baden. Dies alles war nicht möglich, das Letztere anfangs noch, aber irgendwann auch nicht mehr. Aber ich konnte durchsetzen, im Fanfarenzug als erstes Mädchen eine Trommel zu schlagen. Es ging nicht um die Trommel, es ging darum, dass nur Jungen dies taten und mich würde also jeder als Jungen erkennen. Und ich wollte später zur See fahren, Kapitän auf großer See wollte ich werden. Lernte jeden Seemannsausdruck, den ich in Abenteuergeschichten finden konnte, bestellte mir, nur mit dem Nachnamen in der Adresse, sämtliche Unterlagen für eine Berufsausbildung bei der Handelsmarine. Und musste feststellen, dass ich zwar Funkoffizier werden konnte, aber nicht Kapitän. Nun denn, wieder ein Traum weniger, denn mittlerweile hatte ich die Hoffnung doch so ziemlich aufgegeben, dass sich da in nächster Zeit noch etwas ändern würde, an meiner körperlichen Entwicklung. Und ich liebte es, Theater zu spielen. Nachdem ich aus dem Alter heraus war, in dem man bei Auftritten im Altenheim als geschlechtslose Blume, Mäuschen oder Zwerg auftrat, gelang es mir immer wieder, Männerrollen zu ergattern, waren doch die theaterbegeisterten Jungen in der Minderheit. Als ich eines Tages während der Faschingszeit als Prinz verkleidet das Klassenzimmer betrat und ein Mädchen mich anschwärmte „ach, ich dachte, da kommt ein richtiger Prinz zur Tür herein“, da wurde sie eine Zeit lang zu meiner Freundin. Heiraten in der großen Pause war ein beliebtes Spiel unter den Mädchen, das einzige das ich begeistert mitspielte, war ich doch der Mann in unseren kurzen, aber immer wieder erneuerten Ehen.

Ansonsten spielte ich die bösen Spiele der Jungen. Allein, denn für sie war ich ja ein Mädchen, das sie nicht als ihresgleichen anerkannten. Ich jagte wie sie den Mädchen in der großen Pause die Brezeln ab, zog wie sie Wickelröcke auf und rannte mit vorgetäuschten Spinnen in der Hand quietschenden Mädchen hinterher. Irgendwann passte das alles nicht mehr. Ich zog mich mehr und mehr zurück, prüfte noch hin und wieder, mit immer weniger Hoffnung, den Bartwuchs und wurde zum Einzelgänger. Das erwachende Interesse zwischen Mädchen und Jungen passte nicht für mich. Für Jungen interessierte ich mich nur insofern, dass ich ihnen gleich sein wollte und für Mädchen durfte ich mich nicht interessieren, wusste noch nicht einmal, dass es auch diese Möglichkeit gab.

Es sollte noch sehr lange dauern, bis ich erkannte, dass es für mich mehr Möglichkeiten gab, als Junge oder Mädchen, als Mann oder Frau im herkömmlichen Sinne zu sein. Dass es völlig uninteressant und auch nicht notwendig war, mich in diese vorgegebenen Schubladen zu pressen, dass ich einfach ich sein konnte ohne jedes Wenn und Aber. Aber das ist eine andere, eine erwachsene Geschichte.

 

Veröffentlicht in: Ingrid Escher (Hrsg): Anthologie “Kindheitserinnerungen. CooL Verlag Bergisch Gladbach 2012

 

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