Ein kleiner Einblick in "Feuerhelix"

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ElaFeyh

vor 2 Jahren

Für alle begeisterten Leseratten,

jetzt gibt es eine exklusive Leseprobe aus dem Roman Feuerhelix.
Wer kein Urban-Fantasy Fan ist, wer weder Spannung, ein wenig abstrakte Wissenschaft, griechische Mythologie noch eine Anti-Heldin mag, der sollte die folgenden Zeilen nicht lesen. Allen anderen wünsche ich viel Spaß beim Schmöckern ;-)

Lautes Randalieren an der Tür riss mich aus dem Schlaf, sodass ich beinahe vom Sofa gefallen wäre – Erebos fiel sogar böse mauzend zu Boden. Fauchend sprang er auf einen Sessel, von dem er mich anfunkelte.
»’tschuldigung, Kleiner.«
»Hey Lu, helf uns mal!« Verdutzt eilte ich in den Flur und fand Alina und Eva mit Aaron ringend auf dem Boden vor. »Was zum …«
»Jetzt leg den endlich lahm!«, schnaufte Alina mit vor Anstrengung rotem Kopf. »Der hat Kraft!«
»Warum?« Mir war immer noch schleierhaft, weshalb die beiden Aaron zu bändigen versuchten und weshalb er sich überhaupt so benahm.
»Jetzt mach endlich!«, rief Eva wütend. Stirnrunzelnd lief ich in die Küche, schnappte mir das Schlafspray, flitzte zurück in den Flur und versprühte es großzügig über Aarons Kopf. Erstaunlicherweise gebärdete er sich weiterhin wie ein wildes Tier, weshalb ich den restlichen Inhalt vor seinem Gesicht verteilte. Endlich fiel er schlaff in sich zusammen.
»Wurde aber auch Zeit.« Alina und Eva richteten sich keuchend auf, den Blick weiterhin wachsam auf den nun regungslos daliegenden Mann gerichtet.
»Wir sollten ihn nicht auf dem Boden liegen lassen«, meinte ich immer noch baff aufgrund der komischen Situation und musterte den schlafenden Nephyl mit gerunzelter Stirn. Was konnte ihn dazu gebracht haben, sich so wild zu gebärden? Bislang war er mir als ein eher ruhigerer Zeitgenosse in Erinnerung – zumindest war er das in der Schule gewesen. Seitdem waren einige Jahre vergangen, in denen allerhand passiert sein konnte.
»Dann legen wir ihn in dein Bett«, meinte Eva kurz angebunden und hob ihn zusammen mit Alina an.
»Hey, nein! Legt ihn aufs Sofa!«
»Das Zimmer lässt sich nicht abschließen.« Ich zog meine Augenbrauen noch höher. Abschließen? Das klang gar nicht gut. »Und warum nicht in dein Bett?«, motzte ich Eva an, als sie die Tür hinter sich zuzog.
»Das würde ihm nicht gut bekommen«, meinte sie mit einem süffisanten Lächeln. Wütend schaute ich zu Alina, die sich schulterzuckend in die Küche begab.
»Jetzt erklärt mir mal bitte, was hier los ist. Warum wurde er nicht irgendwo anders eingesperrt, wenn er so gefährlich sein soll?«
»Wir hatten zusammen einen Auftrag, als er einen Anruf erhielt und daraufhin komplett austickte.«
»Und warum habt ihr ihn dann nicht zu den Spezialisten gebracht?«
»Wir waren in der Nähe und da du ja für alles deine Mittelchen hast …«, erwiderte Eva schnippisch und angelte sich eine Banane aus dem Obsthängekorb. Ich verdrehte genervt die Augen. Als ob ich eine komplette Apotheke hier hätte! Viel Zeit zum Brauen hatte ich in letzter Zeit nicht gehabt. » Und was jetzt? Wir können ihn ja nicht die ganze Zeit unter Drogen halten …«
»Wir warten mal ab, wie er sich benimmt, wenn er wach wird.«
»Das kann noch ein Weilchen dauern«, sagte ich mit meinen Gedanken bei Aaron. Er würde wahrscheinlich ziemlich sauer sein. Keiner wollte einfach so lahmgelegt werden.
»Na dann. Wir müssen wieder los.« Eva schob sich das Endstück der Banane mit einer sexy Bewegung, die den meisten Männern heiße Träume beschert hätte, in den Mund und entschwebte in den Flur.
»Wie, ihr müsst los? Ihr könnt mich doch nicht mit ihm allein lassen!« Die beiden mochten ja für den Ernstfall ausgebildet sein, ich war es aber nicht! Sollte ich ihn etwa mit zerstoßenen Kräutern bewerfen oder mit rohen Nudeln?
»Du bist eine Hexe, was soll schon passieren?«, antwortete Eva süßlich aus dem Flur.
»Der Schlaftrank ist leer und ich habe nichts stärkeres hier als Warzensalbe!« Alina sah mich mitleidig an. »Nimm endlich dein ganzes Selbst an.«
»Nein! Nicht zu dem Preis!«, konterte ich vehement und zog die Augenbrauen zusammen. Bei dem bloßen Gedanken lief mir schon kalter Schweiß den Rücken herunter.
»Dann lass dir was einfallen.« Bevor ich Alina noch eine bissige Bemerkung entgegenwerfen konnte, fiel die Tür bereits ins Schloss. Ratlos stand ich mit dem Rücken an die Arbeitsplatte gelehnt und starrte den Türrahmen an. Und nun? Eigentlich müsste ich weiter für mein Zertifikat lernen und früh ins Bett, da im Labor eine Menge Arbeit auf mich wartete. Erebos erschien im Türrahmen und kam laut schnurrend mit erhobenem Schwanz auf mich zu stolziert. Den kleinen Unfall von eben schien er vergessen zu haben. Seufzend setzte ich mich an den alten Tisch, den Kopf schwer in die Hände gestützt.
»Und was machen wir beiden Hübschen jetzt?« Ich beugte mich zu ihm herunter und wollte ihn hinter den Ohren kraulen, da sprang der Kater flink auf meinen Schoß, sah mich aufmerksam an und blickte dann direkt in das Regal mit meinen Zauberbüchern.
»Du bist wohl der Meinung, dass ich ein wenig brauen soll?« Warum auch nicht? Keiner wusste, in welcher Verfassung Aaron aufwachen würde. Wahrscheinlich wäre er stinkwütend, dass ich ihn einfach eingeschläfert hatte. Vorsichtig setzte ich Erebos auf den Dielenboden, ging auf eines der Wandregale zu und zog zwei dicke Schwarten heraus, mit denen ich mich wieder an den Tisch setzte. Nach einigem Suchen hatte ich zwei Zauber gefunden, die mich vielleicht vor einem wütenden Nephylen schützen könnten. Allerdings wäre es durchaus hilfreich zu wissen, welcher Art Aaron angehörte.
»Dass er sein Wesen immer noch verschleiern muss …«, grummelte ich nachdenklich und blickte wieder ins Buch. Es hatte einmal Fiona gehört. Die Seiten waren von der Zeit vergilbt und der Rand war mit handschriftlichen Notizen meiner Tante vollgekritzelt, bei denen es sich zum größten Teil um Änderungen der Zauber handelte.
An sich war der Zauber nicht schwierig, allerdings brauchte er seine Zeit, die ich jetzt eigentlich nicht hatte. Ich hatte keine Ahnung, wann der Mann erwachte. Mit einem Blick auf die Uhr zog ich einen kleinen Topf aus einem der Unterschränke und füllte diesen komplett mit Wasser und einer Tasse Salz. Für die Kältemischung fehlte jetzt nur noch das Eis. Aus der untersten Schublade des Gefrierschranks kramte ich eine Form mit Eiswürfeln, welche ich mit einiger Gewalt löste und fünf der kleinen Würfel in den Topf mit dem Salzwasser fallen ließ. Nicht viele Zauber waren temperaturabhängig, aber dieser durfte nicht wärmer als null Grad Celsius werden, anderenfalls konnte sich die Mischung entzünden und würde ihre eigentliche Wirkung verfehlen. Ich steckte ein Kältethermometer in den Topf und rührte so lange mit diesem, bis die gewünschte Temperatur erreicht war. Anschließend stellte ich einen kleinen Topf in die Mitte des Kältebads und blickte wieder in das Buch. »Na dann schau’n wir mal: Quarzsand, Morgentau, Alraune, Muskatnuss, Eisencitrat, …« Die Liste wurde immer länger. Sorgfältig maß ich den Morgentau ab, tröpfelte ihn in den Topf und mischte zwei Gramm Eisencitrat unter. Sofort stieg stechender Eisengeruch auf und überdeckte den der vielen Kräuter, die noch auf ihre Verwendung warteten. Mit den dunkelgrünen Alraunenblättern in der Hand las ich die weiteren Vorschriften. Die Blätter sollten mit Weißweinessig zerstoßen und dann zu der kalten Eisencitratlösung hinzugefügt werden. Vorsichtig legte ich die kleinen Blätter in meinen großen, weißgrün schimmernden Achatmörser, den ich mir von meinem ersten Gehalt gekauft hatte, und begann die Blätter zu zerstoßen. Anschließend gab ich eine halbe Tasse Essig hinzu, rührte noch einmal mit dem Stößel in der Mischung und goss die grüne, stechend riechende Masse vorsichtig auf die Eisenlösung. Sobald die ersten Tropfen in den Topf fielen, begann die Mischung stark zu blubbern. Die Temperatur kontrollierend, die zum Glück noch im gewünschten Bereich lag, rührte ich im kleinen Topf. Der stechende Geruch verschwand allmählich, stattdessen stank es nun nach altem Kompost. Eilig schloss ich die Küchentür und öffnete ein Fenster. Eva würde mir den Hals umdrehen, wenn die gesamte Wohnung nach meinem Zauber roch. Erebos sprang missmutig raunzend auf das Fensterbrett und starrte mich vorwurfsvoll an.
»Ich wusste nicht, dass es so stinken würde!«, verteidigte ich mich und rieb etwas Muskatnuss in die dunkelgraue Tunke. Grünlicher Rauch stieg in einer Säule auf und fiel dann in sich zusammen, sodass er wie eine Wolke über die marmorne Arbeitsplatte waberte. Stirnrunzelnd lugte ich ins Buch.
Rauch war normalerweise kein gutes Zeichen, hier war er jedoch ausdrücklich erwünscht. Er sollte dem Gebräu den giftigen Atem nehmen, den die Alraune mit sich brachte, sodass der beruhigende Teil zurückblieb, der durch die Muskatnussöle verstärkt und durch das Eisen gebunden wurde. Dass Eisen zum Binden benutzt wurde, war mir neu, die restliche Erklärung ergab aber einen Sinn. Ich wollte Aaron ja nicht vergiften, sondern nur beruhigen. Schulterzuckend rührte ich mit einem Metallstab in dem kleinen Topf und tropfte langsam Nachtkerzenöl hinzu. Immer wieder schaute ich auf das Thermometer. Sollte es über null Grad steigen, hätte ich, laut Fionas Buch, ein komaauslösendes Mittel gekocht. Vielleicht sollte ich es darauf anlegen? Gegen Aarons Kraft hatte ich nichts entgegenzusetzen, wenn es Alina und Eva schon derart schwergefallen war, ihn zu bändigen. Andererseits wollte ich ihn nicht für die nächsten Monate schlafen legen.
Mittlerweile war die Flüssigkeit graurot geworden. Ich hob den kleinen Topf aus dem Kältebad und schüttete abgemessenen Quarzsand hinein. Augenblicklich sog er die Lösung auf und nahm deren Färbung an. Auf niedrigster Flamme erwärmte ich den Sand, damit auch jegliche Flüssigkeit aufgenommen wurde, stellte den Topf dann zurück in das Kältebad, um den Sand zu schließen, und füllte das nun braunrot schimmernde Pulver vorsichtig in drei schmale Metallstäbe, die ich an meinem Gürtel befestigte. Als Nächstes wollte ich mein Schlafspray nachkochen, aber lautes Stöhnen aus meinem Zimmer ließ mich innehalten.
»Der wacht ja schneller auf, als erwartet.« Bewaffnet mit einem Besen trippelte ich auf Zehenspitzen in den Flur. Sollte ich da jetzt wirklich reingehen? Unschlüssig beäugte ich die Tür und lauschte auf weitere Geräusche, aber bis auf das Knarzen meines Bettes hörte ich nichts. Jetzt gib dir einen Ruck, er wird dich schon nicht umbringen! Trotzdem kroch die Angst in meine Brust und begann meine Atmung lahmzulegen. Ich presste die Lippen aufeinander und bekämpfte die Panik, indem ich mehrmals tief durchatmete, bevor ich den Schlüssel umdrehte. Lautlos öffnete sich die Tür.
Zwei tiefschwarze Augen fixierten mich, lösten Urängste in mir aus, die ich nicht verstand. Er war ein Freund und kein Monster, oder doch? Jetzt gerade wirkte Aaron jedenfalls nicht wie ein guter Bekannter. Angespannt hockte er auf meinem Bett und wirkte wie eine Krähe, kurz bevor sie ihren Nachbarn hackte.
»Was ist mit mir passiert? Wo bin ich?«, verlangte er mir versteinerter Miene zu wissen. Seine Stimme schien direkt aus einem rotglühenden Schmiedeofen zu stammen. Da es mittlerweile zu dämmern begann, konnte ich sein Gesicht nur schemenhaft erkennen. Dennoch glaubte ich, ein leichtes Flimmern um ihn wahrzunehmen. Bildete ich mir das ein? Ich blinzelte, das eigenartige Phänomen blieb jedoch bestehen. Was hatte er vor? Wollte er mich verbrennen? Ging das überhaupt?! Ich nahm all meinen Mut zusammen und ging, den Besen weiterhin fest umklammert, in mein Zimmer. Was sollte schon passieren? Wenn er handgreiflich wurde, konnte ich das Pulver werfen. Also trat ich vorsichtig näher und wartete ab. Da er mich weiterhin nur fixierte, traute ich mich etwas zu sagen. Vielleicht konnte ich ihn ja besänftigen und das Ganze hier endete doch noch gut. Mein Instinkt zweifelte jedoch an meiner positiven Ansicht. Mit einigen Schwierigkeiten, da meine Hände heftig zitterten, stellte ich den Besen an die Wand, um meine guten Absichten zu unterstreichen – immerhin wirkte eine bewaffnete Person nicht gerade vertrauenserweckend –, setzte mich auf den Schreibtischstuhl und versuchte so entspannt wie möglich zu wirken. Seine abweisende Haltung und Mimik erschwerte mein Vorhaben jedoch erheblich, sodass ich stocksteif auf dem Stuhl hockte und mich zur Atmung zwingen musste. Warum jagte der Typ mir bloß so eine Angst ein? »Beruhige dich bitte«, sagte ich sanft und hoffte inständig, dass er das leise Beben meiner Stimme nicht hörte.
»Warum bin ich hier?« Jedes Wort zerschnitt die Luft und fühlte sich wie Glasscherben an, die über meine Haut kratzten. Das letzte bisschen Hoffnung, das hier unbeschadet zu überstehen, verschwand in dem Moment, als die Luft um ihn herum intensiv zu flimmern begann und die Zimmertemperatur Saunaniveau erreichte. Was passierte hier? Bei den Göttern, lass das hier gut enden! Ich ballte meine Hände, um die zitternden Finger zu verbergen. »Du bist angeblich ausgetickt, weshalb Alina und Eva dich hierher brachten.«
Schwarze Augen durchbohrten mich förmlich. Ich verkrampfte meine Hände im Schoß, sodass die Knochen weiß hervortraten, zwang mich aber ruhig zu bleiben und nicht sofort aus dem Zimmer zu stürmen, wie mein Instinkt mir entgegenschrie. Einer von uns musste bei Vernunft bleiben, andererseits konnte das hier böse enden, zumal ich immer noch nicht wusste, was er war. Ein schlimmer Verdacht drängte sich mir auf. Konnte er einer der Halbgötter sein? Dann war ich so gut wie tot, wenn er seiner Wut freien Lauf ließ, denn selbst als Hexe konnte ich ihm dann kaum die Stirn bieten.
»Was ist genau passiert?«, fragte ich zögernd und zwang mich ihn direkt anzusehen. Vergeblich. Die von ihm ausstrahlende Hitze verbrannte mein Gesicht, sobald ich es ihm länger als einige Herzschläge zuwandte.
»Meine Schwester wurde entführt.« Verdutzt hob ich die Augenbrauen. Er hatte eine Schwester? Warum hatte er sie nie erwähnt? »Die Polizei sucht sie sicherlich schon.« Die Luft wurde immer heißer. Mir brach der Schweiß aus, obwohl ich innerlich fror. Was sollte ich nur tun? Meine Worte schien er nicht verstanden zu haben, da er mich weiterhin mit mörderischem Gesichtsausdruck fixierte. Die Sonne war vollständig untergegangen und dennoch konnte ich Aaron deutlich erkennen. Die Luft um ihn herum glühte gelborange und erleuchtete mein gesamtes Zimmer.
»Hör mal, ihr habt die besten Spurenleser. Die werden sie wiederfinden!«, versuchte ich noch einmal zu ihm durchzudringen.
»Sie ist eine von vielen. Du glaubst doch nicht etwa, dass die sie nur aufgrund unseres Verwandtenstatus‘ in eine höhere Kategorie einordnen? Sie haben nicht einmal ihre Wohnung durchsucht!« Seine Stimme war eiskalt, ein krasser Kontrast zu der Umgebung, die beinahe in Flammen stand.
»Aaron!«, quiekte ich und rieb mir die Arme, auf denen ein ganzer Ameisenstaat herumzuwuseln schien, einschließlich gelegentlicher Beißattacken. Der Mann ignorierte meinen Ausruf, saß weiterhin regungslos auf dem Bett, dass aus mir unerklärlichen Gründen noch nicht Feuer gefangen hatte – Dies geschah allerdings gerade neben mir auf dem Schreibtisch mit einem Block. Ganz langsam fraßen sich die Flammen durch das Recyclingpapier und vernichteten meine Aufzeichnungen. In meinem Kopf schrillten sämtliche Alarmglocken und drängten mich zu verschwinden, ich blieb jedoch steif sitzen, auch deshalb, weil ich meine Beine keinen Zentimeter bewegen konnte, und erstickte mit einem Schal, der über der Lehne des Stuhls hing, die tanzenden Flammen. Der Geruch von verbrannten Haaren ließ für einen Moment meinen Atem stocken. Wenn ich nicht schleunigst etwas unternahm, würde ich demnächst als Aschehaufen enden! Verdammt, Alina und Eva waren hierfür ausgebildet worden, ich aber nicht! Und wenn man die beiden mal unbedingt brauchte, waren sie nicht da!
Ich sah Aaron flehend an, er schien mich jedoch kaum zu registrieren. Umhüllt von einer Hitzeblase, saß er erstarrt auf meinem Bett, die Augen zu zwei schwarzen Schlitzen verengt, die Hände im Schoß zu Fäusten geballt. Lass das hier gut ausgehen, flehte ich erneut zu den Göttern und setzte mich mit steifen Bewegungen neben ihn aufs Bett. Sobald ich in seine Nähe kam, hatte ich das Gefühl, vor einem Schmiedefeuer zu sitzen. Ich war der felsenfesten Überzeugung, dass, wenn ich ihn anfasste, was ich garantiert nicht in seinem jetzigen Zustand täte, mir meine Finger verbrennen würde.
»Woher willst du wissen, dass sie nicht ihre Wohnung untersucht haben?«, versuchte ich ihn zu beruhigen. Ich erinnerte mich an Alinas kurzen Bericht, dass Aaron nach einem Telefonat außer sich geraten war. Demnach hatte er bis dato nicht einmal von der Entführung seiner Schwester gewusst, oder doch?
Aaron starrte auf die Holzdielen und knirschte so laut mit den Zähnen, dass mir die Haare zu Berge standen. Hörte er mir überhaupt zu? »Aaron?« Sein kalter, aber zugleich feuriger Blick ließ mich zusammenfahren. Unbehaglich rutschte ich ein wenig von ihm fort, blieb aber weiterhin auf dem Bett, um ihm zu signalisieren, dass er nicht alleine war.
»Weil sie es mir vorhin mitteilten.« Das war also das Telefonat gewesen. Wie hatte er überhaupt zur Arbeit gehen können?
»Und was hast du jetzt vor?« Mir lief der Schweiß den Rücken herunter. Nicht nur, weil er mir eine Heidenangst einjagte, sondern auch, weil die Sauna zu einem Ofen mutiert war. Ich musste hier so schnell wie möglich raus! Mich wunderte, dass das Plastik meiner Schreibtischlampe nicht zu schmelzen begann.
»Du wirst mir helfen, ihre Wohnung zu untersuchen.«
»Ich?« Fassungslos glotzte ich in sein schmerzverzerrtes Gesicht. Meine Angst hatte ich für den Augenblick vergessen. »Dafür bin ich nicht ausgebildet!« Wie stellte er sich das vor? Dass ich von allen Ecken Proben nahm und analysierte? Wahrscheinlicher war eher, dass ich die einzigen Spuren aus Unachtsamkeit vernichtete! Dann gäbe es nichts mehr zu analysieren.
»Du arbeitest doch in einem Labor …« Er klang wie ein Toter; tonlos, leicht rauchig und absolut kalt. Die Angst meldete sich prompt wieder zurück in Herz und Magen – trotzdem versuchte ich, mich weiter gegen ihn zu behaupten. »Ja, aber …«
»Also. Pack deine Sachen und komm mit!« Er machte Anstalten sich zu erheben, ich blieb aber stur auf dem Bett sitzen, wagte es sogar, die Arme vor der Brust zu verschränken und die Lippen zu schürzen. Was dachte der denn, wer er sei? Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich mich an einem Tatort zu verhalten hatte, geschweige denn, wie die Ermittler die Spuren sammelten. Ich wertete sie lediglich aus ¬– das konnte ich, sehr gut sogar, aber das andere …
»Luciane …« Mein Name stand wie eine Drohung im Raum, schien genau über mir zu schweben und mich unter sich zu begraben. Ich hatte Schwierigkeiten zu atmen und japste mit einem Mal wie eine Ertrinkende nach Sauerstoff. »Aaron, bitte …« Ich fasste an meinen Hals, in welchem flüssiges Feuer hinunter in meine Lunge zu laufen schien. Scheiße, was war das?! Panisch starrte ich ihn mit weit geöffneten Augen an. Ich wollte schreien, um mich schlagen, irgendetwas tun; Sauerstoffmangel, Angst und Hitze benebelten jedoch mein Hirn, sodass ich zu keiner einzigen Handlung fähig war.
Langsam rückte Aaron auf mich zu, stemmte die Hände an die Wand hinter mir und fixierte mich so zwischen sich. »Warum weigerst du dich?«, flüsterte er kaum hörbar. Ich war kurz davor ohnmächtig zu werden und das nicht nur vor Hitze und Luftmangel, sondern auch aus Angst. Warum war niemand da, wenn ich ihn mal brauchte!
»cchhä …«, röchelte ich. Worte, sogar die erbärmlichsten Laute brachte mein geschundener Hals nicht mehr hervor, so sehr ich es auch versuchte. Vor meinen Augen verschwamm alles, mein Herz hämmerte so laut wie ein Presslufthammer, der sich – gefühlt – gleich aus meiner Brust wummern würde.
»Komm mit und sieh sie dir an!« Ich nickte schwach und betete, dass er endlich von mir abrückte. Aaron blickte mir noch einmal unergründlich in die Augen und stand dann viel zu schnell vom Bett auf, sodass ich keuchend in mich zusammensackte, weil sein Körper plötzlich fehlte, der mich an die Wand presste.
Jeder Atemzug fühlte sich an, als ob ein Sandsturm durch meine Luftröhre in die Lunge toben würde und sämtliche Zellen abschmirgelte. Vorsichtig tastete ich meinen Hals ab. Bis auf heiße Haut spürte ich aber keine Veränderung. Dass mein gesamter Körper beinahe glühte, registrierte ich wegen der Schmerzen in meiner Lunge nicht.
»Was sollte das?« Wütend setzte ich mich auf und verdrängte sämtliche Schmerzen in den hintersten Winkel meines Gehirns. Ich hatte panische Angst, aber die Wut war stärker. Was glaubte er, wer er war? Halbgott hin oder her – es gab Gesetze für so was!
»Wie sollte ich dich sonst zum Mitkommen bewegen.« Seine Miene blieb weiterhin finster, angespannt und um ihn wirbelte die kochende Luft. Als ich mit klapprigen Beinen aufstand, bemerkte ich zwei schwarze Handabdrücke genau an den Stellen der Wand, an denen sich Aaron vor wenigen Minuten abgestützt hatte. Heilige Scheiße! Sah ich jetzt auch so verkohlt aus? Hastig schaute ich an mir herab, konnte aber keine Brandblasen oder Ähnliches erkennen, auch wenn sich meine Haut so anfühlte. An einigen Stellen wirkte die Kleidung leicht rußig, ansonsten sah ich unversehrt aus. Ich blieb vor meinem Schreibtisch stehen und verfluchte mich dafür, den Besen nicht in Griffweite gestellt zu haben. Bekannter hin oder her, wenn er mir noch einmal so etwas antat, würde ich ihm eins überziehen, selbst wenn der Gegenstand dabei verbrannte. Zumindest hätte ich dann etwas versucht und würde mir nicht so jämmerlich hilflos vorkommen wie jetzt.
Als ich meine zittrigen Hände in meiner Hosentasche verbergen wollte, stieß ich an eines der kleinen Metallröhrchen, in dem ich das Beruhigungspulver aufbewahrte. Warum hatte ich da nicht schon früher dran gedacht? Langsam schloss ich meine Hand um das heiße Metall und ließ Aaron nicht aus den Augen, der abwartend vor der Tür stand und jede meiner Bewegungen aufmerksam verfolgte.
»Ich besitze nicht das nötige Equipment, um eine Spurenanalyse am Tatort durchzuführen.«
»Dann machen wir einen Abstecher in dein Labor.«
»Aaron! Ich habe dort gerade erst angefangen, ich will nicht schon wieder gefeuert werden! Falls sich das außerdem rumspricht, bekomme ich keinen Fuß mehr in die Branche!«
»Lucy, das ist meine Schwester! Du weißt, wie es ist, seine Familie zu verlieren.« Das saß. Niemand durfte meine verstorbenen Eltern und meinen Bruder für derartige Zwecke missbrauchen! Wütend funkelte ich ihn an, nicht in der Lage, irgendetwas auf seine Äußerung zu erwidern.
»Du hättest auch alles getan, um herauszufinden, was damals passiert war.« Ja, das hätte ich, wäre es nicht ein ganz gewöhnlicher Unfall mit Zeugen gewesen, die alles bis ins Detail gesehen und geschildert hatten. Innerlich kochend funkelte ich ihn an, sank aber in mich zusammen, als er schon wieder auf mich zukam. »Jetzt warte doch mal!« Ängstlich drückte ich mich an die Schreibtischplatte. Wäre ich schnell genug, um auf diesen zu klettern, das Fenster zu öffnen und herauszuspringen? Eher nicht. Stattdessen öffnete ich den Metallstift, allzeit bereit, seinen Inhalt auf meinen Gegner zu werfen.
»Ich habe keine Zeit mehr, Lucy!« Die Luft um ihn begann wieder zu brodeln. Mist, gleich würde ich als Grillhähnchen enden. Er stand jetzt knapp einen Meter von mir entfernt und fixierte mich derart intensiv mit seinem Blick, dass ich nicht länger in der Lage war richtig zu atmen, geschweige denn, meine Beine zu benutzen. Als er noch einen Schritt auf mich zu kam, warf ich ihm reflexartig den Sand entgegen, der nutzlos in der heißen Luft verpuffte und einen ekligen Gestank nach verbranntem Gummi und Eisen hinterließ. Jetzt war ich geliefert.


Autor: Ela Feyh
Buch: Feuerhelix
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