Frage zu Jonas Winner

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vampire

vor 6 Jahren

vampire

Hallo Herr Winner, gibt es reale Begebenheiten, die den Anstoß zum Verfassen ihres Romans gaben? Spielt Gesellschaftskritik eine Rolle?
Danke vorab

Autor: Jonas Winner

Jonas_Winner

vor 6 Jahren

Hallo Vampire,
vielen Dank für Ihre Frage. Reale Begebenheiten ... Also, dass etwas passiert wäre und ich daraufhin gesagt hätte: Jetzt weiß ich was ich schreiben will, so etwas gab es nicht. Es war vielmehr so, dass ich, seitdem ich 14, 15 Jahre alt bin, davon geträumt habe, einen richtigen großen schönen tollen Film zu machen, etwas in der Art von "Blade Runner" oder "Spiel mir das Lied vom Tod" oder dergleichen. Einen Film, den man im Kino sieht, und nach dem man richtig aufgewühlt wieder ins Freie tritt. Aber je länger ich mich dann mit der Welt des Kinos und des Filmemachens beschäftigt habe, desto deutlicher wurde, dass solche großen, grandiosen Filme in Deutschland praktisch nicht mehr gemacht werden. Und das wurde immer deutlicher. Inzwischen scheint man sich ja geradezu damit abgefunden zu haben, dass in Deutschland nur noch kleinere Kinofilme entstehen. Das war für mich eine Riesen-Enttäuschung. Bis ich eben eines Tages... (Antwort ist länger geworden, 2. Teil folgt sogleich)

Autor: Jonas Winner
Buch: Davids letzter Film

Jonas_Winner

vor 6 Jahren

(2. Teil) ... Bis ich eben eines Tages - und damit komme ich auf Ihre Frage zurück - die Idee hatte, dass ich garnicht wirklich einen FILM machen muss, um das zu erreichen, worum es mir ging, dass ich auch ein BUCH schreiben konnte, in dem so eine Geschichte erzählt wird, wie sie mir vorschwebt. Einen solchen Film zu machen ging nicht, weil es unmöglich war, genügend Geld dafür aufzutreiben. Wenn ich jedoch ein Buch schrieb, gab es dieses Problem nicht! Ich konnte einfach eine Situation BESCHREIBEN und schon entstand sie im Kopf des Lesers im Prinzip genauso wie sie entsteht, wenn man die Situation als Zuschauer im Kino sieht. Klar, es ist ein Unterschied. Aber das, worauf es ankommt: Dass der Leser/Zuschauer für den Moment regelrecht "in der Geschichte drin ist", das ist mit den Mitteln des Films genauso gut wie mit den Mitteln des Buchs, der Sprache erreichbar. Das war für mich der entscheidende Anstoß. Als ich das einmal begriffen hatte, hat mich nichts mehr gehalten. (3.Teil folgt)

Jonas_Winner

vor 6 Jahren

(3. Teil) ... Ich habe mich hingesetzt und angefangen eine Geschichte zu schreiben, wie ich sie immer schreiben wollte. Und brauchte auf nichts anderes Rücksicht zu nehmen als darauf, dass sie mich selbst fesselte, dass sie mich in eine Welt entführte, wie ich sie mir für einen Film immer erträumt hatte.

Noch kurz zu ihrer zweiten Frage, ob in "Davids letzter Film" Gesellschaftskritik eine Rolle spielt. Da muss ich kurz zögern, weil ich überlege, was das eigentlich ist: "Gesellschaftskritik". Also dass man bestimmte Aspekte einer bestimmten Gesellschaft, (wohl meistens der, in der man lebt, oder?) herausgreift und aufzeigt, was einem daran nicht gefällt, oder was schlecht ist, bzw. was man daran schlecht findet. Richtig? Hmmmmm... Also in dem Sinn ist meine Geschichte keine Gesellschaftskritik. Was ich sozusagen aufs Korn nehme, ist etwas anderes. (4.Teil folgt)

Jonas_Winner

vor 6 Jahren

(4.Teil) ... Es ist nicht ein Aspekt der Gesellschaft, in der wir leben, es ist vielmehr eine MÖGLICHE Gesellschaft. Lassen Sie mich das kurz ausführen: Als ich die Geschichte entworfen habe, bin ich der Frage nachgegangen, wie ein brillanter, hemmungsloser Mann versuchen könnte, unser Miteinander, die Grundlagen unseres Zusammenlebens - mit einem Wort: unsere Werte - weiterzuentwickeln. Wobei es mir nicht darum ging, einen religiösen Fanatiker, einen triebgesteuerten Verbrecher o.ä. zu beschreiben, sondern einen Mann, der in der Lage ist, rational und folgerichtig einen Gedanken zu Ende zu denken. Dabei wird er zu bestimmten Vorstellungen darüber geführt, die entfernt auch mit der Frage zu tun haben, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Deshalb würde ich nicht sagen, dass Gesellschaftskritik KEINE Rolle in meinem Buch spielt. Nur die Gesellschaft, um die es mir in der Geschichte geht, die ich, wenn Sie so wollen, beurteile, ist nicht die, in der wir leben ... (5. Teil folgt)

Jonas_Winner

vor 6 Jahren

(5. Teil) ... es ist vielmehr eine Vorstellung von Gesellschaft auf die man kommen könnte, wenn man darüber nachdenkt, wie man unsere Gesellschaft weiter entwickeln sollte.
Aber auch das will ich zum Abschluss kurz sagen: Zunächst einmal ist das Buch wirklich ein Thriller, es geht um rätselhafte Filme, um Geheimnisse, Spuren, Indizien, Entschlüsselungen. Nur wenn man weiter in die Geschichte eindringt, zeigt sich, dass diese Geheimnisse und Rätsel vor einem Hintergrund stattfinden, der über einen einfachen Mord, ein einfaches Verbrechen hinausgeht, vor einem Hintergrund, der eben unsere innigsten Überzeugungen und Wertvorstellungen betrifft.

Puhhhh, das waren jetzt ganz schön lange Antworten, ich hoffe, ich habe Sie nicht gelangweilt. Aber ihre beiden Fragen waren nicht so einfach zu beantworten, finde ich. Was denken Sie? Können Sie mit meiner Erwiderung etwas anfangen? Würde mich freuen. Viele Grüße, Jonas Winner

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