Ist das Sachbuch tot?

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Strandlaeufer

vor 3 Jahren

Es war einmal … eine Zeit, in der die Buchhandlungen vom Urknall widerhallten, in der sich DNA als Doppelhelix durch die Regale zog und jeder Leser eine kurze Geschichte der Zeit hatte. Eine Zeit, in der die Menschen wissen wollten, wo das Universum, das Leben und der ganze Rest herkamen. Eine Zeit, in der das Sachbuch noch die großen Fragen nach dem Wie und Warum behandelte. 

Ist diese Zeit vorüber? Ausgerechnet jetzt, wo jeden Monat mehr große wissenschaftliche Durchbrüche stattfinden als früher in einem Jahrzehnt. Wo wir unser Leben mit technischen Entwicklungen und biologischen Eingriffen von Grund auf umwälzen. Wo wir die Antworten auf Fragen kennen, an denen die Menschheit seit Jahrtausenden herumgeknobelt hat. Ausgerechnet jetzt will niemand etwas davon wissen? 

Die wenigen deutschen Verlage, die noch eine Sparte für das naturwissenschaftliche Sachbuch haben, streichen ihr Angebot Jahr für Jahr zusammen. Und was auf den Markt kommt, bleibt trotz wichtiger Themen und guter Kritiken häufig hinter den Verkaufserwartungen zurück. 

Warum ist das so? Interessieren euch Sachbücher zu wissenschaftlichen Themen? Warum? Warum nicht? Wann habt ihr das letzte Mal so ein Buch gelesen? Weshalb habt ihr noch nie eines gelesen? Was müsste euch ein Sachbuch bieten, damit ihr es lesen würdet? 

Was für eine Zeit erwartet uns nach der Zeit, die einmal war?  

Hikari

vor 3 Jahren

@Strandlaeufer

Ich lese genug Sachbücher in meinem Studium. Da brauch ich abends nicht auch noch welche ;) Und aufgrund der horrenden Preise leihe ich sie mir auch lieber aus, als sie zu kaufen - es sei denn, es ist ein Standardwerk, das ich definitiv benötige.

Strandlaeufer

vor 3 Jahren

Hmm, sieht so aus, als wären Sachbücher nicht das geeignete Futter für Leseratten. Aber mich interessiert immer noch, wieso das so ist. Mag noch jemand erzählen, warum ihn Sachbücher überhaupt nicht reizen?

Admiral

vor 2 Jahren

@Strandlaeufer

Nein, ich kann nicht erzählen, wieso mich Sachbücher nicht reizen. Denn sie tun es ! ;D
Momenten lese ich die Abhandlung "Sex in History". Ich wusste zB nie, wieso bei "primitiveren" Völkern (liebe Ethnologen und Anthropologen: habt Nachsicht ! Ich weiß, dass das Wort mittlerweile überholt ist, nur weiß ich nicht, was ich sonst sagen sollte) der Hintern im weiblichen Schönheitsideal so viel wichtiger war als Gesicht/Brüste/etc. wie das heute der Fall ist. Oder wieso beim Mann eher "die Inneren Werte zählen". Die Theorie hier: das kommt aus der prähistorischen menschlichen Sexstellung. Nämlich a tergo, bei der der Mann stets den Po der Frau sah, und die Frau vom Mann nichts. Erst seitdem es Menschen auch in Missionarsstellung tun und sich ansehen können, änderten sich die Schönheitsideale.

Ich schweife ab. Eigentlich wollte ich erzählen, wieso ich eben doch zahllose Sachbücher lese. Genaus deswegen. Ich will wissen und verstehen. Erkennen und begreifen, was auf der Welt passiert.

Deswegen.


Ich habe allerdings meine eigenen Theorien, wieso ich damit beinahe allein stehe.
In GB zB werden Sachbücher etwas eher gelesen als hier. Ich denke also ein Grund kann sein, dass sich der Sprach-/Schreibstil zu stark vom Alltäglichen entfernt. Besonders hier bei uns in D. Im englischen Sprachraum wird noch stärker auf den literarisch-narrativen Aspekt geachtet. Aber auch das immer weniger.
Versuch mal einer Weber/Marx/Adorno/Durkheim zu lesen. Das geht einfach nicht. :D (ohne viel Zeitinvestition)

Zum anderen ist es auch eine Frage des gesellschaftlichen Umfeldes. Die Sieger in unserer Gesellschaften sind keine Gebildeten, sondern Reiche. Egal ob sie gebildet sind oder nicht. Das heißt, es gibt keine personellen Anreize, sich weiterzubilden. Besonders da es auch keine (?) entsprechenden Vorbilder in dieser Hinsicht gibt.

Außerdem denke ich, dass es auch daran liegen könnte, dass wir einen narzisstischen Individualismus ausleben, der darauf ausgelegt ist, den meisten FUN aus dem kurzen und unfairen Leben herauszuholen. Dabei bleibt keine Zeit, sich (zeitintensiv !) mit einzelnen Wissensgebieten oder mit einem schwierigen Autor auseinanderzusetzen. Man mag dabei evtl. an die Beschleunigung des Lebens/der Sprache/der Musik/etc. seit der Industr. Rev. denken. Das Angebot an belletristischen Büchern ist dabei auch enorm gewachsen.

Und schließlich könnte es sein, dass sich das Wissen bzw. der Drang nach Verstehen immer weiter spezialisiert und monopolisiert. Die Vorgänge des Verstehens sind immer mehr an Universitäten und Forschungseinrichtungen konzentriert und lösen sich von der allg. Bevölkerung (man denke dabei als Gegensatz an die Massenveranstaltungen der Weltausstellungen der letzten beiden Jahrhunderte seit 1851/London). Dieser Punkt berührt sich wiederum mit meinem ersten.

Darf ich nochmal zusammenfassen ? Ich habe nämlich doch um Längen mehr geschrieben, als ich eigentlich wollte. :D

Eventuelle Gründe für das Nichtlesen von Sachbüchern. Dabei meine ich persönlich mit Sachbüchern eher Bücher der Themenbereiche Politik, Wirtschaft, Geschichte, Völkerkunde, Allgemeinbildung und Soziales und keine Ratgeber wie Tipps zur individuellen Selbstfindung oder zu bestem Sex oder so. :D

1. realitätsferner/abgehobener Sprachstil (bes. bei uns in D)
2. Irrelevanz von Bildung (??)
3. individualistische Ausrichtung auf Entertainment (=/ Bildung)
4. Spezialisierung des Wissens und Forschens
5. enormes, alternatives Bücherangebot


Mir fällt eben noch ein letzter Punkt ein, der so simpel wie banal ist. Evtl. sind wir beide (du, Strandläufer, und ich) hier in Lovelybooks einfach falsch. ;)


edit
Hoffentlich ist es ok, dass ich ein so altes Thema nochmal aufmache.

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