Je öfter ich das Gedicht lese, das mein Sohn heute im Abi interpre...

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Peter Probst

vor 7 Jahren

Je öfter ich das Gedicht lese, das mein Sohn heute im Abi interpretieren musste, umso schwieriger finde ich es. Beim ersten Lesen dachte ich mir: ja klar! Aber allmählich ...

Rainer Maria Rilke: Die Irren

Und sie schweigen, weil die Scheidewände
weggenommen sind aus ihrem Sinn,
und die Stunden, da man sie verstände,
heben an und gehen hin.

Nächtens oft, wenn sie ans Fenster treten:
plötzlich ist es alles gut.
Ihre Hände liegen im Konkreten,
und das Herz ist hoch und könnte beten,
und die Augen schauen ausgeruht

auf den unverhofften, oftentstellten
Garten im beruhigten Geviert,
der im Widerschein der fremden Welten
weiterwächst und niemals sich verliert.

Carriecat

vor 7 Jahren

Ja ist ansprusvoll aber auch schön.
Von Interpretationen halte ich eigentlich nichts... Der Autor hat sich da bestimmt was dabei gedacht und wenn er gewollt hätte, dass der Leser es auch weiß, hätte er es dazu geschrieben.

Merithyn

vor 7 Jahren

Ich habe letztes Jahr mein Abitur gemacht und hatte mich auch für die gedichtinterpretation entschieden. Ich kann Ihnen nur zustimmen, Herr probst, beim ersten Mal lesen dachte ich "WOW das ist ja super" und als ich dann anfing zu arbeiten und es wieder und wieder las, wurde es immer schwieriger. Ich finde Interpretationen sind schwer zu bewerten, nicht bei jedem Gedicht kann man sich herreinfühlen und ahnen was sich der autor dachte und manchmal macht das ganze auseinandergepflücke das schöne gedicht kaputt.

Volpina

vor 7 Jahren

mh im grunde ist es egal, was der autor uns sagen wollte, mit Interpretationen soll man lernen die Worte aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Bei einem guten Lehrer (was ja nicht immer vorraussetzung ist) geht es nicht um richtig oder falsch, wenn man seine Ansichten gut begründen kann.
und deshalb beim offensichtlichen anfangen und zum abstrusen überleiten.

Volpina

vor 7 Jahren

Ansätze:
geschichtliches einbinden, Rilkes Besuche der Irrensnstalten (weiß nicht mehr genau wann)
die oftentstellten Gärten - menschlicher Geist (ja gut auch noch recht offentsichtlich)
musikalität der Worte (man sollte sich gedichte immer mal laut vorlesen)
das schweigen zwischen "normalen" und "Irren"

irgendwie so ...

Peter Probst

vor 7 Jahren

Danke für die klugen Antworten. Ich bin ganz bei Ihnen. Das Gedicht hat eine große Tiefe und steht für sich. Ich fürchte nur, das bayerische Kultusministerium sieht das anders und gibt den Lehrern einen Lösungsschlüssel zur Hand. Aber wie heißt es so schön: Was juckt es die stolze Eiche, wenn sich der Eber an ihr reibt.

Volpina

vor 7 Jahren

@Peter Probst

mh dann hilft vielleicht ein schematischer Lösungsansatz:
Gedichtinterpretation

I. Einleitung

1. Gedichttitel, Autor, Aussage zur/für Entstehungszeit/den Dichter
2. Gedichtart
3. Gattung
4. Epoche (falls bekannt)
5. Themenstellung des Gedichts

II. Hauptteil

Formale Aspekte

1. Strophen/Verse
2. Reimschema

Inhaltliche Aspekte

1. Titel vs. Inhalt, Erwartung des Lesers vs. Erfüllung durch das Gedicht
2. inhaltliche Gliederung
3. lyrisches Ich

Sprachliche Aspekte

1. Sprache - Wortwahl & Stil (sachlich, distanziert, lyrisch, emotional ...)
2. Wortarten - hier v.a. Adjektive/Adverbien, Verben, Pronomina, Interjektionen
4. Satzbau
5. Bilder
Belege nicht vergessen
Wirkung und Funktion der erkannten sprachlichen Mittel

III. Schluss

1. Wirkung insgesamt
2. Relevanz heute

da muss man auch nicht mehr allzuviel deuteln

einbuchdassesnicht

vor 7 Jahren

Die Frage stellt sich immer in Vers drei der Strophe, in meiner Lesart. In Strophe 1 würde ich vermuten: man verstände sie, aber es hört sie ja niemand, es hört ihnen niemand zu?; in Strophe 2: sie beteten, aber es giebt wohl keinen Gott mehr und in der Dritten: der oftentstellte (?) Garten im Widerschein der fremden Welten? Welche fremden Welten sind gemeint? Wie kann das zu verstehen sein?
In jedem Falle gern gelesen, Rilkes Wortwahl befriedet und erwärmt mich in jedem Gedicht neu.

einbuchdassesnicht

vor 7 Jahren

@Volpina

Schön, dass für jedem andere Sachen immer ganz offentsichtlich sind. Der Irre schaut also aus dem Fenster und sieht, was er selbst ist (gleicht dem Geist, den er begreift). Bedeutet das die dritte Strophe ist so ein wenig aus der Sicht des Irren geschrieben?

Ein LovelyBooks-Nutzer

vor 7 Jahren

Hatte heut selbst die Ehre dieses Gedicht zu interpretieren. Und es war echt schwer. Vor allem auch die zweite Aufgabe, dieses Gedicht in das Problemfeld von zwei anderen Gedichten einzuordnen...

Ein LovelyBooks-Nutzer

vor 7 Jahren

von zwei anderen Texten, nicht Gedichten wollt ich sagen :)

Peter Probst

vor 7 Jahren

Ah, noch eine Leidtragende. Ich werde meinen Sohn grüßen!

Ein LovelyBooks-Nutzer

vor 7 Jahren

Ohhh.. Das is nett :)

Volpina

vor 7 Jahren

@einbuchdassesnicht

der verwilderte Garten als Sinnbild des eigenen verwilderten Verstandes, aber das ist ja nur ein Lösungsansatz. ich finde nicht, dass es da ein richtig und falsch gibt. kann dem herrn rilke ja nicht in den Kopp kucken. aber wenn man sich das mal bildlich vorstellt, vielleicht mit der Spiegelung des eigenen Gesichtes im Fenster und der garten im Hintergrund? widerschein=spiegelung, dann wären die fremden Welten das eigene Gesicht, was zu bestimmten wahnarten ja auch passt. man darf nicht vergessen, dass Rilke ja persönliche erfahrungen mit Sanatorien gemacht hat.
passt allerding nicht hundertpro auf oftentstellt. - zur 2. fält mir noch etwas ein (vielleicht etwas weiter hergeholt): aber wenn man bedenkt, dass sie des nächtens alleine sind und wenn niemand etwas von ihnen will, wenn keiner sie mit verhaltensregelungen und richtig und falsch drangsaliert, dann finden sie ruhe im Herzen. das "könnte beten", würde ich eher im geschichtlichen ansatz sehen. oder aus Rilkes beziehung zur Religion. beten als befreiung von Kummer?

einbuchdassesnicht

vor 7 Jahren

@Volpina

Ja, das ist natürlich richtig: Dem Rilke kann man nicht in den Kopf gucken, und fragen kann man ja auch nicht mehr. Aber gerade weil es ja kein richtig und falsch gibt, ist es ja so schön die Lösungsansätze auszutauschen - und zu schauen ob das hinhaut insgesamt in dem Gedicht. Und die Verknüpfung von wilder Garten und Irrsinn (gegen angelegtes Geviert und Konkretem und Trennwänden) finde ich richtig.
Das mit dem bildlich vorstellen, finde ich sehr schön. Aber die fremden Welten erschließen sich mir einfach nicht. Hermetisch, vielleicht würde ich das auch besser verstehen wäre ich irrer.
Zu 2. Warum es ihnen unverhofft gut geht, steckt im Gedicht nicht drin, würd ich sagen. Mir reicht die Beobachtung, dass ihre Hände im Konkreten liegen, wo ihnen ja sonst die Scheidewände fehlen. Aber das kann dann vielleicht jeder für sich erfühlen.
Beten: ich weiß gar nicht, wie das ist. Was hatte Rilke denn für eine Beziehung zur Religion, zum Beten?

Anne

vor 7 Jahren

Anne

Ich habe mich gestrn auch für das gedicht Die irren im Abitur entschieden, doch ob ich das richtig interpretiert habe, ist fraglich =) auch die zusatzfrage war nicht leicht...

leseratte...

vor 7 Jahren

ich hab letztes Jahr ein Gedicht von Ingeborg Bachmann interpretiert. Hätte ich bloß den Grass genommen...

Yougene

vor 5 Jahren

Yougene
@Peter Probst

Mich hat erstaunt, wie Sie schreiben: Ja, klar! Hätte mich interessiert, was Sie damit gemeint haben. Mir gingen dazu gerade einige Ideen durch den Kopf. Hier einige Bemerkungen (wobei zu sagen ist, daß ich mich schon lange mit Rilke beschäftige).
Das Gedicht gehört ja zu den Neuen Gedichten, bei denen es Rilke darum ging (um es auf eine Summe zu bringen), sich des Bewußtseinsstroms bewußt zu werden, der durch eine Außenwelt ausgelöst wurde, und ihn zu protokollieren. Was geht hier in mir vor? Die Innenwelt der Außenwelt (der Innenwelt) wird Peter Handke später sagen.
Jeder weiß um die mentalen Reaktionen, die eine Begegnung mit solchen Menschen (Irre) bei einem selbst auslöst. Allein das Wort "Irre" ist ein Ausdruck für etwas nicht Faßbares, etwas nicht Vorstellbares (also kein klärender Begriff). Mit psychopathologischen Diagnose läßt sich ein solches Erlebnis rationalisieren, aber damit wird leicht den eigenen Empfindungen und Emotionen ausgewichen. Was mag in einem solchen Kopf vor sich gehen? An der Teilhabe am "normalen" Leben beraubt, sowohl auf der mentalen Ebene als auch auf der Ebene der Ziele und der Zwecke, sind sie in Einrichtungen untergebracht ("das Geviert") und leben ein fremdes Leben neben dem Unsrigen.
Die Irren sind hier zudem der Fähigkeit beraubt, sich auszudrücken
Nur die Realität ist unverrückbar (der Garten, der "niemals sich verliert"), der aber durch diesen Blick zum "Widerschein der fremden Welten weiterwächst"... (eine Außenwelt der Innenwelt), aber eben nicht die "konkrete" Außenwelt wie für "normale" Menschen.

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