Kapitel 27 unseres Mitmachkrimis "Abgründe"

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petersplitt

vor 5 Monaten

Hallo, Ihr Lieben: Hier kommt Kapitel 27 unseres Mitmachkrimis „Abgründe“.

Heute ist Julia Brück an der Reihe....Viel Spaß beim Lesen...



SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Woanders wünschte Ingrid Goldmeyer Julia, die gerade ins Präsidium kam, einen schönen guten Morgen. „Siehst aber nicht so aus, als ob du viel Schlaf abbekommen hättest“, sagte sie neckend.

Morgen Ingrid, geht so“, erwiderte Julia kurz angebunden. „Liegt etwas besonders an?“

Nicht dass ich wüsste. Das heißt Kommissar Gereon hat vorhin angerufen. Er ist heute Vormittag außer Haus und kommt erst gegen Mittag ins Büro. Ist ein bisschen viel unterwegs in letzter Zeit, meinst du nicht auch?“

Julia zuckte mit den Achseln. „Hat er dir gesagt, was er vor hat?“

Ich weiß nur, dass er in Rheinbach ist, ansonsten sagt mir ja keiner was.“

Sie zog einen Schmollmund, lächelte aber dann wieder.

Was will er denn da?“ dachte Julia und wollte schon zum Aufzug gehen.

Halt warte mal!“, hörte sie Ingrid rufen. „Da ist noch etwas. Kriminalrat Sengel erwartet dich in seinem Büro. Es sei dringend, hat er gesagt.“

Und das erfahre ich erst jetzt! Ist der große Boss denn bereits im Haus?“

Klar ist er das, Julia. Er ist vor einer halben Stunde gekommen.“

Na dann will ich ihn nicht länger warten lassen.“

Julia ging zum Aufzug und fuhr hinauf in den dritten Stock. Hier war alles blitzblank geputzt und die Mahagonitüren besaßen Namensschilder aus Messing. Sie klopfte an die Tür des Vorzimmers und wartete brav, bis man ihr Einlass gewährte.

Gehen Sie ruhig durch“, sagte Sengels Sekretärin zu ihr. Sie war eine Dame fortgeschrittenen Alters mit grauem Haar, aber immer top modisch gekleidet. Die Zimmertür zum Büro des Kriminalrats stand offen. Sengel selbst stand mit dem Rücken zum Fenster und meditierte vor sich hin. Trotz doppelter Sicherheitsverglasung, konnte er dicke Regentropfen gegen die Scheibe donnern hören. Er drehte sich um und versuchte hinauszuschauen. Eine tiefe Schwärze schlug ihm entgegen. Es war fast unmöglich etwas durch die Regenwand zu erkennen. Auf einmal wurde er von einem grellen Blitz geblendet. Der kam ganz plötzlich und ohne Donnerwarnung. Er erschrak und ging reflexartig einen Schritt zurück. Erst jetzt bemerkte er, dass jemand sein Büro betreten hatte.

Ah, Sie sind es, Frau Brück. Guten Morgen, bitte nehmen Sie Platz. Er räusperte sich und deutete auf einen bequemen Lehnstuhl, der vor seinem Schreibtisch stand.

Guten Morgen Herr Kriminalrat“, erwiderte Julia brav. „Sie haben mich rufen lassen?“

Richtig! Sagen Sie, wo steckt eigentlich Kommissar Gereon? Den hätte ich auch gern bei unserem Gespräch dabei. Er müsste doch längst in seinem Büro sein.“

Das müsste er, doch so viel wie ich gehört habe, ist er nach Rheinbach gefahren. Mehr weiß ich leider auch nicht. Er muss sich bei mir ja auch nicht an oder abmelden.“

Das ist sicher richtig. Aber dann erklären Sie mir bitte was das ist!“

Sengel griff in die oberste Schublade seines Schreibtischs und nahm einen Umschlag heraus. Den legte er vor Julia auf den Schreibtisch. Die verstand nicht sofort, was der Kriminalrat von ihr wollte. Sie sah allerdings, dass die Adresse auf der Vorderseite mit einem Filsstift geschrieben war.

Nun sehen Sie schon nach, was drin ist“, forderte sie Sengel ungeduldig auf. Julia tat was er von ihr verlangte, griff in den Umschlag und holte zwei Seiten eines Dokumentes heraus. Sie sah sich die Papiere genauer an. Oben rechts waren Aktenzeichen angegeben und unten in der Fußzeile standen die Seitenzahlen drei und vier.

Diesen Umschlag hat mir Frau Goldmeyer eben gegeben. Er war heute Morgen in der Post. Können Sie sich darauf einen Reim machen?“

Das sind die fehlenden Seiten des Schuberts Protokolls!“ ging es Julia durch den Kopf. „Ich glaube ich werde verrückt“, sagte sie laut.

Oh bitte Sie nicht auch noch“, erwiderte Kriminalrat Sengel, der ihre Reaktion beobachtet hatte. „Ich brauche Leute, die einen klaren Kopf bewahren. Aber können Sie mir sagen, was das ist?“

Julia schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich“, sagte sie, auch wenn sie eine Vermutung hatte, diese aber dem Kriminalrat im Augenblick noch nicht mitteilen wollte. Doch Umschlag und Schriftbild kamen ihr irgendwie bekannt vor. „Nehmen Sie den Kuvert an sich“, sagte Sengel. „Ich erwarte eine Antwort von Ihnen. Finden Sie heraus, was es damit auf sich hat!“

Sehr gern Herr Kriminalrat“, erwiderte Julia, stand auf und verabschiedete sich. Endlich bot sich die Chance, ihr Können unter Beweis zu stellen. „Ich muss unbedingt zu Pfarrer Vödisch“, entschied sie für sich selbst, ging daraufhin in ihr Büro, holte etwas aus der Schublade ihres Schreibtisches und ließ es in ihrer Jackentasche verschwinden. Kurz darauf befand sie sich bereits wieder im Aufzug und fuhr hinunter ins Erdgeschoss. Ingrid Goldmeyer blickte von ihren Notizen auf, als sie Julia kommen sah. Neugierde stand in ihren Augen geschrieben.

So, ich bin dann auch mal weg“, flachste Julia. Ingrid reichte ihr die Liste, Julia trug sich aus und verließ das Präsidium. Draußen regnete es noch immer. Sie rannte quer über den Parkplatz zu einem blauen Dienstwagen, setzte sich hinter das Lenkrad und startete den Motor, als ihr einfiel, dass sie noch unbedingt mit Bernadette telefonieren wollte. Sie stellte den Motor wieder ab und wählte ihre Nummer. Zuerst ertönte das Freizeichen, dann antwortete ihre Mailbox.

Mist“, dachte Julia. „Ich versuche es später noch mal.“

Sie startete den Wagen erneut und fuhr hinaus nach Dünnwald. Die Herrmann – Joseph Kirche lag majestätisch vor ihr, wie immer. Julia parkte den Dienstwagen auf dem Besucherparkplatz und ging auf das hölzerne Portal zu. Gedanklich bereitete sie sich auf das Gespräch mit dem Pfarrer vor. Es würde nicht einfach werden. Ehrfürchtig betrat sie das Gotteshaus. Pfarrer Vödisch schien schwer beschäftigt zu sein. Jedenfalls war er kurz angebunden, als Julia ihn auf den Umschlag mit den Protokollseiten ansprach.

Davon weiß ich nichts", sagte er barsch. Julia fand seine Reaktion irgendwie unzutreffend, deshalb hakte sie sofort nach und hielt dem Pfarrer den besagten Umschlag unter die Nase. „Wenn Sie einmal das Schriftbild der Adresse auf diesem Umschlag mit dem hier vergleichen würden…!“

Sie zog einen weiteren Umschlag aus ihrer Jackentasche. Es war Bernadettes Nachricht, die ganz plötzlich verschwunden, -und beim Pfarrer auf mysteriöser Weise wieder aufgetaucht war.

Ja und?“, fragte Vödisch, vermied es jedoch sich die beiden Umschläge richtig anzusehen.

Achten Sie besonders auf die Schrift. Die beiden Schnörkel unter den Buchstaben I und E sind identisch. Beide wurden von der gleichen Person geschrieben. Und wenn ich die Nachricht, die angeblich von dem verschwundenen Hotelier stammen soll zusammen mit den beiden Briefumschlägen in die KTU gäbe…, was glauben Sie, würde wohl dabei herauskommen?“

Vödisch zuckte mit den Achseln. Julias Vermutungen schienen ihn nicht besonders zu interessieren. Also antworte sie für ihn.

Ganz genau, man würde herausfinden, das alle drei Schreiben die gleiche Handschrift tragen, also von ein und derselben Person stammen!“

Vödisch wurde ungehalten, sein Taon rauer. „Wie schön für Sie, aber was geht mich das an? Sehen Sie nicht, dass ich sehr beschäftigt bin? Ich muss die nächste Messe vorbereiten.“

Es geht Sie `ne ganze Menge an, da Sie sich in relativer Nähe zum Hotel Petit-Colonia befinden. Daher möchte ich Sie bitten, mit mir aufs Präsidium zu kommen, und sich ihre Fingerabdrücke nehmen zu lassen.“

Vödisch wurde langsam richtig sauer. „Wie bitte? Meine Fingerabdrücke, ich glaube es geht los, junge Dame. Wieso das denn?“

Ganz einfach, damit wir sie mit denen vergleichen können, die sich eventuell noch auf den Umschlägen befinden.“

Der Schlag saß, doch Julia setzte noch einen drauf.

Das gleiche gilt übrigens auch für jene Fingerabdrücke, die wir nach einem Brand in einer alten Villa im belgischen Viertel gefunden haben.“

Das Ganze war nur ein Bluff, doch als sie sah, wie sich die Gesichtsfarbe des Pfarrers von einem ungesunden Grau in ein aschfahles Weiß verwandelte, wusste sie, dass sie ins Schwarze getroffen hatte.

D...damit habe ich aber wirklich nichts zu tun“, stammelte Vödisch. „Gerd wird bestimmt nicht zulassen, dass Sie mich mitnehmen.“

Der Befehl wurde mir von weiter oben erteilt Herr Pfarrer.“

Das war wieder ein Bluff. „Diesmal wird Ihnen die Verwandtschaft zu Kommissar Gereon nur wenig nützen!“

Ganz ohne Vorwarnung sackte der Pfarrer in sich zusammen.

Es war ein Unfall“, sagte er. „Ein gottverdammter Unfall. Ich wollte sie doch nicht umbringen. Den Brand habe ich nur gelegt, um diesen Sündenpfuhl für immer auszulöschen. Die Mädchen, die dort ein und ausgingen, waren doch noch so jung. Jemand musste sie doch beschützen.“

Er machte eine Pause und flüsterte etwas, dass Julia nicht verstand. Jedenfalls nicht alles. Nur den letzten Satz hörte sie klar und deutlich:. „Gott verzeihe mir.“

Erzählen Sie weiter“, forderte sie den Pfarrer besonnen auf. Sie wusste, dass sie jetzt mit viel Fingerspitzengefühl vorgehen musste.

Die Frau hat mich erwischt, als ich dabei war, die Brandbeschleuniger in der Villa zu verteilen.“, gestand Vödisch mit rauer Stimme. „Auf einmal stand sie vor mir, auf ihren hohen Hacken und hat auf mich eingeredet. Sie wollte wissen, was ich in dem Haus zu suchen hatte und drohte damit, die Polizei zu rufen. Da habe ich sie gestoßen. Nur ganz leicht, aber es genügte. Sie rutschte aus, fiel hin und knallte dabei so unglücklich mit dem Kopf gegen das Treppengeländer, dass Sie auf der Stelle tot zusammenbrach.“

Totschlag im Affekt“, dachte Julia.

Ich bin in Panik geraten und habe das Feuer gelegt.“

Sie haben die Villa angezündet und in aller Ruhe dabei zugesehen, wie sie abbrannte!“, schrie Julia.

Das ist nicht wahr!“

Oh doch Herr Pfarrer. Erzählen Sie mir keine Märchen. Es gibt einen Zeugen. Ich muss Sie jetzt mit nehmen. Alles Weitere wird das Gericht entscheiden.“

Vödisch schien zu überlegen. Auf einmal wirkte er sehr gefasst.

Aber ich werde mich vorher doch noch umziehen dürfen!“, sagte er. „Ich meine, Sie können mich doch schlecht in der schwarzen Robe abführen?“

Wo er recht hat, hat er recht“, dachte Julia.

Also gut! Ziehen Sie sich etwas anderes an. Ich werde hier auf Sie warten.“

Sie bemerkte ihren Fehler erst als es bereits zu spät war. Der Pfarrer hatte sich in sein privates Zimmer zurück gezogen. Plötzlich zerriss ein Schuss die Stille. Julia erschrak und rannte zur Tür mit der Aufschrift Privat. Doch sie war von innen verschlossen und ließ sich nicht öffnen. Mit einer Reflexbewegung griff sie zu ihrem Handy und wählte die Nummer des Polizeipräsidiums.

Fünfzehn Minuten später traf der erste Streifenwagen ein. Davon ging Julia jedenfalls aus, aber es war kein Streifenwagen, sondern ein grauer Mitsubishi Geländewagen, der vor dem Kirchenportal hielt. Das hätte sie stutzig machen müssen, was es aber in ihrer Aufregung nicht tat. Und als anstelle von uniformierten Kollegen Staatsanwalt Heller auf der Bildfläche erschien, hätte es sie noch mehr stutzig machen müssen, doch wieder tat es das nicht.

Die Kollegen kommen gleich, ich war gerade in der Nähe, kann ich helfen?“, fragte Heller und Julia begnügte sich damit, dass er da war. Sie machten sich daran, die Tür zu Vödischs Privatgemach zu öffnen und nach zwei erfolglosen Versuchen schafften sie es mit vereinten Kräften. Mit einem Krachen sprang die Tür auf und dann sahen sie die Bescherung vor sich: Pfarrer Vödisch hatte sich das Gehirn weggeblasen. Sein Kopf war eine einzige blutige Masse und der Rest hing über seinem Schreibtisch. Julia wusste, sie hatte es vermasselt. Es dauerte eine Weile bis sie aus der Schockstarre erwachte und reagierte.

Ich rufe den Gerichtsmediziner an“, sagte sie tonlos, drehte sich um, nahm ihr Handy in die Hand und wählte die entsprechende Nummer. Im gleichen Augenblick spürt sie, wie sich etwas weiches auf ihr Gesicht drückte. Sie bemerkte den beißenden Geruch, fühlte den Schmerz in ihrer Lunge, als sie atmen wollte, dann spürte sie plötzlich gar nichts mehr.


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