Kolumne: Belletristik ist tot, es lebe die Belletristik

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Caroline_Piper

vor 4 Jahren

Roman-Kolumne August 2013 von Mareike:

Genreliteratur, das sind die Hamburger unter den Büchern

Liebe Leser,

Was ist eigentlich Belletristik

Le belle et le triste – das Schöne und das Traurige – hierin liegt der französische Ursprung des Wortes Belletristik, das heute nicht viel mehr als ein Mysterium zu sein scheint. Dabei umfasst es so viele Aspekte, ohne die Literatur gar nicht zu denken wäre. Werte, Emotionen und die Ästhetik der Sprache sind für mich die wichtigsten Parameter dessen. Natürlich kann man auch etwas unprätentiöser an die Sache herangehen und einfach von „Romanen“ im Allgemeinen sprechen, wie auch der Titel der Kategorie hier auf Lovelybooks lautet. Doch dann geraten wir gleich ein bisschen in die Bredouille, denn Krimis sind ja auch Romane sowie Fantasy-Bücher und Chick-Lit ebenfalls.

Von Kriminalromanen, Thrillern, Fantasy, Young Adult Fiction, Chick-Lit und Romantasy

Naja, das sind ja eigentlich alles eher Genres, werdet ihr jetzt im Stillen und ganz zu Recht denken. Aber was sind denn überhaupt Genres? Der Versuch, Bücher in Kategorien zu pressen einerseits, eine Strategie des Buchmarktes andererseits, so scheint es mir. Denn was ist das Schreiben für ein bestimmtes Genre eigentlich anderes als der Versuch, seine Zielgruppe besonders im Blick zu haben. Mit bösen Zungen gesprochen ist das die Garantie dafür, beim Veröffentlichungsprozess bereits einschätzen zu können, wer das Buch am Ende kaufen wird. Darum wird auch immer schnell ein neues Genre entworfen, wenn gerade eine innovative Art des Schreibens mit Erfolg belohnt wurde.

Eine kleine Geschichte:

Ich sitze mit zwei Freunden von mir, nennen wir sie Justus und Gabi, an einem sonnigen Tag wie diesem in einer Eisdiele. Justus ist gerade dabei, sich eine Karriere im Verlagswesen aufzubauen, Gabi hat Journalismus studiert und steht kurz vor dem Mutterschutz. Justus erzählt uns von einem neuen Projekt, von dem er gehört hat und das sich im Bereich „Romantasy“ bewegt. Darauf Gabi: „Romantasy, nie gehört“ Justus: „Das ist ein neues Genre, das sich irgendwo zwischen Romantic Fiction und Fantasy bewegt, so Vampire und so“ wir nicken einstimmig, denn nun ist uns allen klar, dass hier die Nachfolgen von Stephenie Meyers „Twilight“-Saga spürbar werden. Wieder einmal wird ein Markt bedient. Man möchte so schnell wie möglich dabei sein, bevor er übersättigt ist und ein neues Genre gefunden werden muss.

Ich seh' den Wald vor lauter Bäumen nicht

Damit wird nicht nur die gesamte Belletristik oder alle Romane in logische Kategorien unterteilt, sondern diese werden wieder unterteilt, bis die gesamte Kriminalliteratur in Detektivromane à la Sherlock Holmes, Polizeiromane wie Mankels Wallander, Thriller der Dan Browns dieser Erde und Splatter im Stile von Karin Slaughter zerfällt, und die Fantasy-Literatur in High Fantasy à la Tolkien, Romantasy wie "Twilight", Dark Fantasy der Stephen Kings und Konsorten, Dark Romance im Stile von Edgar Allen Poe und historisch anmutende Fantasy, z.B. von George R.R. Martin. Und bei all diesen spezifischen Genres frag' ich mich wieder, wo denn nun die Belletristik abgeblieben ist? Denn wenn ich ehrlich bin, dann möchte ich gar nicht immer Genreliteratur lesen. Manchmal erscheint sie mir zu sehr auf ihr Publikum zugeschrieben. Manchmal sehe ich die Zutatenliste, die Autoren und Verlagen im Kopf herumgeschwirrt haben mag, zu deutlich vor mir.

Aha, denke ich, hier ist ein bisschen Detektivroman mit den Zutaten verschrobener Ermittler aus zerrütteten Familienverhältnissen, hochintelligenter Täter, der eigentlich nur mit dem Ermittler spielen will, Frau oder wahlweise Kinder oder beides des Detektivs, die plötzlich in den Fall hineingezogen werden, gemischt worden, das Ganze wurde mit einem Hauch arktischer Kälte und einem leichten Hang zur Alkoholabhängigkeit garniert und schon war der skandinavische Kriminalroman in Anlehnung an Henning Mankell, Jo Nesbø oder Arnaldur Indridason fertig. Ich weiß ja, dass die meisten Schriftsteller mit viel Herzblut an ihr Werk herangehen, aber ich frage mich dennoch, woher dieser Hang zum an Fast-Food erinnerndem Literatur-Rezept kommen mag. Möchte denn niemand heute mehr eigene Gourmet-Kreationen entwerfen? Ist die Angst vor dem Scheitern so groß?

Mehr Belletristik braucht das Land

Ich sag es ganz offen – Ich mag Fastfood. Ein schöner Burger ab und zu ist ein herrliches Vergnügen, ebenso wie ein Krimi mit den oben von mir erwähnten Zutaten wunderbar sein kann. Aber irgendwie wünsche ich mir trotzdem öfter, mit Gourmet-Kreationen verwöhnt zu werden. Ich möchte Schriftsteller haben, die schreiben, weil sie damit das Schöne und das Traurige ausdrücken wollen, weil sie das Gute und das Böse im Menschen zeigen wollen und zwar ohne sich vorher zu überlegen, ob es dafür ein Publikum geben mag. Autoren, die der Wahrheit auf den Grund gehen mögen und mich damit überraschen, wie zum Beispiel Column McCann dies vor einigen Jahren mit „Der Tänzer“ getan hat oder Romane, die einen mit ernsten Themen zum Lachen bringen können wie Matt Ruff mit „Ich und die anderen“, Bücher, die unvergessen bleiben, weil sie anders sind, so wie auch Aravind Adigas „weißer Tiger“ oder Hermann Kochs „angerichtet“, um mal zwei jüngere Beispiele der Literatur zu nennen. Und wenn ihr es euch doch lieber überlegen und kein Risiko eingehen wollt, so rufe ich euch hiermit zu, liebe Autoren, liebe Verleger: Es gibt uns noch, uns Leser, die gerne einmal bis zum Äußersten getrieben werden möchten, die lachen und weinen wollen, die beim Lesen nicht mit Genrestrategien überrascht werden wollen, sondern mit richtig guten Geschichten, mit richtigen 5 Sterne Menüs, wie sie eben nur die immer weniger zu findende Belletristik für uns bereithält!

Ja, das rufe ich laut und hinter vorgehaltener Hand wende ich mich fast gleichzeitig zu euch Lesern da draußen und frage euch leiser: Es gibt uns doch noch, die Belletristik-Leser, oder?

Ein LovelyBooks-Nutzer

vor 4 Jahren

Es ist gerade zu heiß, um auch noch eine hitzige Diskussion zu beginnen... deshalb belasse ich es ganz einfach mal bei einem "Zugabe"-Ruf, denn dies war der deutlich beste Beitrag aus der Blogger-Reihe... sowohl thematisch als auch stilistisch. Sowas lese ich gerne wieder, selbst wenn ich mal ganz anderer Meinung sein sollte... :-)

Daniliesing

vor 4 Jahren

Ich kann da auch nur vollkommen zustimmen und muss sagen, dass ich die Kolumne nur zustimmend nickend konnte und sie mit einem Schmunzeln lesen musste.

In dem Zusammenhang fände ich es ja mehr als spannend, wenn wir hier gute belletristische Romane sammeln. Denn trotz ihres scheinbaren "Schattendaseins" gibt es zum Glück noch das ein oder andere Goldstück zu entdecken.

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AnnaChi

vor 4 Jahren

Natürlich gibt es sie, die Belletristik-Leser, beispielsweise mich. Und es gibt auch die guten Bücher jenseits aller "Genres", in denen auch junge Autoren ihr erzählerisches Talent beweisen. Letztes Beispiel "Blasmusikpop" von der jungen Autorin Vea Kaiser, das mich sehr begeistert hat. Oder auch Autoren wie Wolfgang Herrndorf oder Hansjörg Schertenleib, die so wunderbar schreiben.
Es lohnt sich auch immer wieder, die Belletristik-Klassiker wieder hervorzuholen und (neu) zu entdecken.
Und wer seinen Kinder nicht die Romane von Astrid Lindgren oder Erich Kästner schenkt, sondern irgendwelchen Einhorn-Zauberfee-Pferde-Freundinnen-Kitsch, versündigt sich an ihnen und verdirbt ihnen auch den späteren Appetit an einem leckeren Roman. Denn wirklich gut schmecken nur gute, literarisch hochwertige Bücher - egal in welchem Alter.

Ninjutsu

vor 4 Jahren

@Queenelyza

Also ich muss sagen das ich es in der Musik gar nicht so schlimm finde. Schließlich kann man dort die Genre-Bildung recht gut nachvollziehen, gibt es doch so nette Schautafeln. :D Außerdem sind dort die meisten Genres doch schon recht alt. Ich jedenfalls bin froh, dass es die Abstufung Thrash Metal und Co. gibt.
Aber ich schweife vom Thema ab.

Ja sowas ist dann noch nervige, wenn die Autoren dann auch noch nieder gemacht werden, wenn sie mal ein ganz anderes Buch schreiben. Toleranz ist eben leider nicht jedermanns Sache.

Ein LovelyBooks-Nutzer

vor 4 Jahren

@Poesiesoso

Danke für diesen guten Beitrag.

sylvia_d

vor 4 Jahren

Danke für diesen tollen Beitrag! Mir ist sofort ein so eben erschienenes Buch eingefallen, auf den das die genannten Punkte zutreffen. Florian Tietgens mutiges Buch "wenn es Zeit ist". Ein Qindie-Autor, den ich sehr bewundere, vor allem für seine Sprachmelodie.
Ich selber versuche auch, für mich zu schreiben, und nicht an die potenziellen Leser zu schreiben. Dies ist aber nicht immer einfach. Vor allem wenn der "Markt" so nah und über die sozialen Netzwerke so erreichbar ist, dass man sich über Wünsche etc. austauschen kann. Die Zeiten, an denen Autoren an ihrer alten Schreibmaschiene ihr einsames Schriftstellerleben fristen, sind vorbei.
Das macht es aber nicht einfacher. Ich möchte heute nicht mehr für die Schublade schreiben, sondern gelesen werden.
Wenn ich aber sehe, welche Art Bücher hochgepuscht und mit dem Button "Bestselller" versehen werden, wird mir schlecht.
Auf diesen Markt würde ich niemals aufspringen. Dann doch lieber für die Schublade schreiben.

Nachdenkliche Grüße von
Sylvia

Autor: Florian Tietgen
Buch: ... wenn es Zeit ist ...

doceten

vor 4 Jahren

via Webseite von Dani ...

Toller Beitrag, Caro!

Maria-M-Lacroix

vor 4 Jahren

Hallo, ich verfolge die Diskussion seit einigen Wochen und habe nun für Qindie einen Artikel geschrieben, der sich mit der Problematik (und anderen verwandten Themen) ein wenig befasst.
Wer Interesse hat, mal reinzulesen ... einfach dem Link folgen :)

http://www.qindie.de/aber-ich-will-kein-self-publisher-sein/

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Ein LovelyBooks-Nutzer

vor 4 Jahren

Die Sprüche, dass etwas tot ist sind tot. Es leben die Sprüche, dass etwas tot ist und trotzdem lebt.

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