Kolumne: Der Historische Roman - Trend oder Trittbrettfahrer?

Neuer Beitrag

muchobooklove

vor 4 Jahren

Kolumne Historischer Roman August 2013 von Michael

Fakten vs. Fiktion? Unterhaltung oder Klischees?

Liebe Verlage,

„Historische Romane“ liegen absolut im Trend des deutschen Buchhandels. Besucht der interessierte Leser seine Buchhandlung, so präsentiert sich, eine breite und auf den ersten Blick vielversprechende Auswahl an Titeln. Insbesondere die Romane nationaler wie internationaler Autorinnen bilden anscheinend das Rückgrat des Angebotes.

Ihre Heldinnen sind Hebammen, Totenwäscherinnen, Bogenschützinnen, Henkerinnen, Hexen, Huren, Heilige usw.. Es gibt wenige Berufsstände, soziale Herausforderungen und Schicksale, die nicht rührend und sentimental erzählt werden dürften. Hier werden meistens wenig historische Fakten mit verzweifelten und aus der Not geborenen, starken Frauen auf einem Leidensweg der Rache, der Anerkennung und natürlich der Liebe geschickt kombiniert, so passiert z.B. im Roman: „Die Wanderhure“, der wohl erfolgreichste und zu Recht am meisten kritisierteste Titel des Autorenehepaares. Hier spielt die Liebe die ganz, ganz große und übergeordnete Hauptrolle die so banal erzählt wird, dass die historischen Elemente quasi nicht mehr zum Tragen kommen.

Fast schon inflationär werden hier Geschichten zu Papier gebracht, bei denen Historiker laut aufschreien. Doch analysieren wir den Unterhaltungswert: Es sind zumeist Leserinnen , die sich auf eine literarische Reise durch die Zeit bewegen und damit ihre Heldin im alten Rom, im mittelalterlichen Köln oder in den 30-jährigen Krieg begleiten.Ihre Heldinnen sind edel, sanft, sensibel und stark und kämpfen nicht nur mir den Waffen einer Frau, sondern legen gerne Nadel und Faden auf die Seite, um ein Schwert zu schwingen, (z.B. Sabine Martin „Die Henkerin“) oder ihre Argumente durchschlagend mit einem Pfeil zu unterbreiten, (z.B. „Die Bogenschützin“) von Martha Sophie Marcus. Mag sein, dass sich die eine oder andere Autorin recht viel künstlerische Freiheit dabei nimmt. Doch es gibt auch Ausnahmen und Romane, die hinlänglich sauber und kristallklar recherchiert sind, die Spannung aber dadurch nicht gemindernt oder die Handlung in ein Klischee versetzt wird, z.B. die Titel von Rebecca Gablé „Das Lächeln der Fortuna“ (Die Waringham-Saga), „1813 Kriegsfeuer“ von Sabine Ebert oder „Die Maurin“ von Lea Korte. Die Autorinnen wissen wie man schreibt und historische Fakten, mit realistischer Fiktion verwebt. Spannend, Unterhaltsam, fantastisch recherchiert – perfekt!

Der Grat zwischen Fakten und Fiktion ist ein schmaler, ein unruhiger Tanz auf der Nadelspitze. Die Erwartungshaltung der Autorinnen mag manchmal hoch sein, doch die Verkaufszahlen dürften genügen, um immer wieder eine Fortsetzung zu rechtfertigen. Im Grunde ist es okay, das Ziel wurde erreicht – der oder der Leserin wurden ein paar unterhaltsame Stunden geschenkt und vielleicht wurde die Situation der Heldin für das eigene Privatleben adaptiert. Hurra…..die Welt ist wieder bunt und schön, wie z.B. bei „Die Hexe von Nassau“ oder „Die letzte Hanseatin“ von Lena Falkenhagen.

Wie sehen die „männlichen“ Leser oder auch Autoren diese Flut von historischen Romanen aus der Feder, oder eines Laptops einer Autorin, vielleicht auch einer Kollegin? Ich persönlich muss neben der guten und spannenden Unterhaltung, auch aus der historischen Perspektive begeistert werden. Widersprüche oder historische Details, die es in der erzählenden Epoche noch gar nicht gegeben haben kann, verärgern mich so sehr, dass dann für mich ein zweiter Teil oder gar ein anderer Roman der Autorin nicht mehr in Frage kommt.

Der Trend scheint weiterhin beständig zu sein, doch „Quo Vadis“ Historischer Roman – Wohin gehst Du?

Ein LovelyBooks-Nutzer

vor 4 Jahren

Jeder Trend erzeugt Trittbrettfahrer, Das ist völlig normal und in vielen Bereichen so. Aber genauso gibt es Bücher, die den Trendsetter durchaus auch übertreffen. Genau wie bei allen anderen Büchern gibt es also Tops und Flops, die man auf verschiedenste Weise versucht, für sich herauszufiltern (und jeder legt da andere Maßstäbe an). Es handelt sich hier also absolut nicht um ein spezifisches Problem der historischen Romane. Man könnte genauso gut darüber jammern, dass es überhaupt "schlechte" Bücher gibt. Aber da es Verlage gibt, die diese drucken, gehe ich davon aus, dass sie auch gekauft werden.... die Nachfrage ist also da...

Lorne

vor 4 Jahren

"Fast schon inflationär werden hier Geschichten zu Papier gebracht, bei denen Historiker laut aufschreien." hat Michael geschrieben und hier sehe ich das Hauptproblem des heutigen historischen Romans.
Oft sind Zeitalter, Orte und Personen völlig austauschbar und die Handlung könnte zur Not auch jetzt und hier spielen.
In der oft kritisierten "Wanderhure" ist das übrigens nicht der Fall. Da spielt das Konzil von Konstanz eine nicht unbedeutende Rolle, ebenso Kaiser Sigismunds Auseinandersetzung mit den Fürsten und auch die Hussitenkriege.
Leider kommt es aber immer öfter vor, dass Autoren sich die Geschichte zurechtbiegen und aus "dramaturgischen" Gründen verändern.
Typisches Beispiel ist ein immer wieder geschildertes Aufeinandertreffen von Richard Löwenherz und Sultan Saladin.
Das hat es definitiv nie gegeben und wer es dennoch erzählt, schreibt Fantasy und keine historischen Romane. Von Kartoffeln auf dem Kreuzzug und anderen hanebüchenden Auswüchsen schlechter Recherche ganz zu schweigen.
Natürlich können im Mittelpunkt historischer Romane fiktive Gestalten stehen, ohne Frage. Doch wenn sie auf historische Personen treffen, müssen Ort und Zeit stimmen. Punkt!
Da lasse ich nicht mit mir Reden. Es gibt genügend Spielraum für Spannung, Liebe, Konflikte, da muss man nicht noch die Geschichte verdrehen.
Und genügend Autoren, die das ebenso wie ich sehen, lange Recherchereisen unternehmen, sich durch alte Folianten und Bibliotheken kämpfen und die Arbeit nicht scheuen, ein spannendes UND historisch korrektes Werk vorzulegen, das auch vor den Augen von geschichtlich interessierten Lesern Bestand hat.

Beiträge danach
52 weitere Beiträge (Klassische Ansicht)
Beiträge davor

moorlicht

vor 4 Jahren

@nirak03

Da geht es mir ganz ähnlich. Meistens kommen allerdings auch eher Dokumentationen über die (männlichen) Pharaonen. Vor einiger Zeit wurde dann auch mal Hatschepsut ausführlicher erwähnt, was ich ziemlich überraschend fand. Solche Berichte scheinen eher Ausnahmefälle zu sein. Schade, denn er war sehr interessant und stichhaltig aufgezogen.

Danke für den Link. :)

nirak03

vor 4 Jahren

@AnkeDietrich

Das ist sicher eine gute Frage. Gelesen habe ich bisher "Schwarze Frau vom Nil" von Brigitte Riebe und "Die Herrin vom Nil" von Pauline Gedge. Die Bücher haben mir gut gefallen. Ausserdem habe ich von Tanja Kinkel gelesen "Die Säulen der Ewigkeit". Es spielt zwar nicht im alten Äygpten, erzählt dafür aber die Geschichte von Giovanni Belzoni, wie er die alten Tempel entdeckte. Hat mir gut gefallen.

Autoren: Brigitte Riebe,... und 2 weitere Autoren

AnkeDietrich

vor 4 Jahren

@moorlicht

Eine interessante Doppel-DVD ist "Die alten Ägypter" sowie "Nofretete". Beide Dokus, eigentlich sind es insgesamt fünf, liefen auch schon im Fernsehen.

AnkeDietrich

vor 4 Jahren

@nirak03

Ich kenne beide Bücher. An "Schwarze Frau vom Nil" kann ich mich nicht mehr so genau erinnern. Das Buch von Pauline Gedge hatte mir aber sehr gut gefallen, sodass ich es schon mehrfach gelesen habe. Was mir etwas sauer aufgestoßen ist, waren die Sklaven im alten Ägypten. Ansonsten gefiel mir die Geschichte.
Es gibt sooo viele Bücher, die ich gelesen habe. Auf Schlag kann ich Dir die Trilogie "Herrscher der Zwei Länder" von Pauline Gedge empfehlen. Lese ich derzeit zum wiederholten Mal. Schon nach wenigen Zeilen bist Du im alten Ägypten. Du spürst die Hitze, die stickige Luft, den Staub .... Einfach klasse geschrieben.
Das Buch von Tanja Kinkel ist mir nicht bekannt. Kommt aber auf meine Merkliste.

Autor: Pauline Gedge

Ein LovelyBooks-Nutzer

vor 4 Jahren

Ähnlich wie Frauen des 21. Jahrhunderts, die man ins Mittelalter versetzt, ärgern mich auch grammatikalische Fehler wie "der am meisten kritisierteste..." Erst mal vor der eigenen Tür kehren, werter Michael.

lea_korte

vor 4 Jahren

Auf jeden Fall bedanke ich mich für die gute Bewertung meiner Romane. :-)
Herzliche Grüße
Lea
www.leakorte.de

Frida

vor 4 Jahren

Nun, es ist nie zu spät für den eigenen Senf.
Als begeisterte Leserin historischer Romane und sowie manisch als auch beruflich motivierte Geschichtsinteressierte finde ich in deinem Blog zu wenig negative Kritik an Massen abfertigenden Autoren(-paaren) und zu wenig Lob für wirklich gute AutorInnen. (Wo bleiben die Urgesteine der historischen Geschichten wie Umberto Eco oder Noah Gordon, die ja die Schwemme quasi einleiteten. Es wird immer wieder auf I. Lorenz und Sabine Ebert herumgehackt, (und Negativpresse ist zumindest auch welche) wer aber erledigt das Hacken beispielsweise bei gewissen Saga-ErfinderInnen. Von A wie Abby Lynn bis Z wie Zislandsagas ;-), von denen man überhäuft wird, vor denen man sich gar nicht retten kann.
Zu wenig werden da die lokalkolorierenden Autoren wie Ulrike Schweikert und Ivonne Hübner und Sabine Weigand hervorgehoben, die wirklich Jahre, nicht nur schlichte Wochen, in Archiven herumgraben, um authentische und ungelogene Geschichten zu erzählen. Die finden nicht immer das verdiente breite Publikum, weil sie zu wenig mainstream, zu sehr das Detail ieben.

Autoren: Ivonne Hübner,... und 2 weitere Autoren
Bücher: Die Tuchhändlerin,... und 2 weitere Bücher
Neuer Beitrag

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist! Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach!

Hol dir mehr von LovelyBooks