Kolumne: Gewalt in Jugendbüchern- Wie genau sind Altersempfehlungen?

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muchobooklove

vor 4 Jahren

Jugendbuch-Kolumne August 2013 von Juliana:

Was kann und will man den Jugendlichen von heute zumuten?

Liebe Verlage,

Wer kennt das nicht: Du sitzt die halbe Nacht aufrecht im Bett, zitternd vor Aufregung blätterst du die Seiten des Buches um. Bis es (endlich?) zu Ende ist! In deinem Kopf wirbeln die gelesenen Worte und Eindrücke. Kopfkino ist manchmal härter als die Realität!

Gerade das ist mir erst vor kurzem passiert. Voller Spannung habe ich "Ashes- Brennendes Herz" in einer Nacht auslesen müssen und konnte dann vor Aufregung kaum schlafen. Bilder von blutigen, ausgeweideten Körpern zogen an meinem inneren Auge vorbei. Ich muss zugeben manchmal brauche ich diese Art von Nervenkitzel, die Gänsehaut, die man am ganzen Körper spürt, jeder Schatten bedeutet Gefahr, um am nächsten Morgen zu wissen … es war nur ein Buch! Als ich dann aufgrund des zweiten Bandes im Internet recherchiert habe, fiel mir die Altersempfehlung ins Auge. Empfehlung ab 14 Jahren, da kam ich dann doch ins Grübeln! Ich habe ein Patenkind, das dieses Jahr 15 geworden ist. Hätte ich ihr dieses Buch geschenkt? Ohne den Inhalt zu kennen und nur im Bezug auf Cover und Klappentext müsst ich diese Frage mit ja beantworten! In Erwartung an eine dystopisch- angehauchte und doch spannende Liebesgeschichte à la „Cassia & Ky“ hätte ich den Roman gekauft. Die Vorstellung, dass nichtsahnende Großmutter oder Eltern ihren Enkeln dieses Buch schenken, denn schließlich wurde es groß gehypt und umworben, erschreckt mich umso mehr!

Kann man den Altersempfehlungen der Verlage trauen? Wie genau funktioniert eigentlich dieses System? Nach einigen Recherchen im Internet habe ich schon einige kritische Stimmen gefunden. Denn es gibt nicht, wie in der Filmbranche üblich, unabhängige Experten sondern die Verlage und Buchhändler entscheiden selbst. „Harry Potter“ (Altersempfehlung 10 Jahre) ist auch ein sehr gutes Beispiel. Ich gehöre zu dieser Generation- Potter und bin quasi mit dem Protagonisten gewachsen und gealtert. Gerade bei den letzten Bänden ein wichtiger Punkt, denn nun kann man als 10 Jährige schon alle Bücher lesen, ob man alles begreift und umzugehen weiß kommt ja auch oft auf das jeweilige Kind an. Doch empfehlen würde ich es nicht!

Den Bestseller „Tribute von Panem“ habe ich, damals 19 Jahre jung, regelrecht verschlungen und doch gehört auch diese Trilogie eher zu den Grenzgängern. Viele Bücher in der Jugendbuchabteilung sprechen gerade ältere Leser an, auch ich gehöre dazu. Ein einfacher Weltenaufbau und keine komplexe Schreibweise, machen es zu einem Buch für Zwischendurch. Praktischerweise kauft man dann auch noch für die Kinder mit, denn seien wir mal ehrlich meist entscheiden die Eltern, was ein Kind liest! Wenn man aber dann doch selbst entscheidet, warum greift man als Jugendlicher oft auch zu Werken, welche vielleicht den Horizont über schreiten? Ich denke, man brauch auch eine gewisse Forderung beim Lesen, zu einfach möchte man es ja auch nicht haben und dann macht lesen vielleicht keinen Spaß mehr. Eine sprachliche Forderung finde ich durchaus ok, wenn man in jungen Jahren schon zu den großen Werken der Weltliteratur greift und dabei Spaß hat, warum nicht! Glauben die Verlage jugendlicher Protagonist, gleich jugendlicher Leser? Ich wage die These aufzustellen das gut die Hälfte der Leser dem jugendlichen Alter bereits entwachsenen ist und vielleicht setzt der Verlag gerade darauf!

Vielleicht bräuchten manche Bücher einen Hinweis neben dem Klappentext, wie eine Art Prüfsiegel als Orientierung. Ein Anfang wurde schon gemacht: Vor gut zwei Jahren haben Wissenschaftler aus Konstanz eine Software entwickelt, mit welcher es Eltern ermöglicht wird ein Buch einzustufen. Hierbei wird vor allem die Komplexität der Sprache und Handlung analysiert, aber auch erklärt welche Gefühle die Geschichte wecken kann. Eine Hürde dabei ist, dass die Verlage ihr Texte digital zur Verfügung stellen müssten. Es ist schwierig den Inhalt eines Buches subjektiv und einheitlich für jeden Leser zu betrachten und vielleicht liegt die Zukunft in diesem Computerprogramm, aber ich vertraue da doch lieber dem Rat meiner Bibliothekarin oder dem Buchhändler in meiner Lieblingsbuchhandlung.

Kann man auf auf die Empfehlungen der Verlage noch vertrauen?

hauptsachebunt

vor 4 Jahren

Auf die Empfehlungen der Verlage kann man nicht vertrauen! Dies ist jetzt allerdings kein Vorwurf den Verlagen gegenüber, sondern meine persönliche Erfahrung. Das Lesealter ist etwas ganz anderes, als das tatsächliche Alter. Ich denke, das der Unterschied gerade bei Kinderbücher sehr deutlich wird, bzw. beim Übergang vom Kinder- zum Jugendbuch.
Es gibt Kinder, die ihrem Alter weit voraus sind und problemlos auch schon Jugendbücher lesen können. Wichtig ist, dass man sehr früh lernt, eigene Grenzen zu setzen. Das ist aber nur möglich, wenn die Eltern schon früh mit gutem Beispiel vorangehen, und sich sehr genau damit auseinandersetzen, was die Kinder lesen. Genauso wichtig ist es, sich mit den Kinder über deren Gefühle beim Lesen zu unterhalten und ihnen gegebenfalls das Buch abnehmen, oder einfach pausieren. Wenn ich das bereits als Kind lerne, sollte es auch später kein Problem darstellen, Bücher abzubrechen, weil man gefühlsmäßig nicht damit zurechtkommt. Bei Filmen ist es doch genauso. Nicht jeder Mensch, ob 18 oder 80, kann Horrorfilme sehen, die bekanntlich ab 18 Jahren freigegeben sind. Die Altersangabe kann und sollte nicht mehr als ein Richtwert sein. Alles andere ist entweder Sache der Eltern, oder obliegt meinem eigenen Empfinden.

jess020

vor 4 Jahren

Dass Jugendbücher die Bezeichnung "Jugendbuch" eigentlich nicht verdienen, habe ich selbst schon recht oft gedacht! Gerade die zur Zeit so gern gelesenen Dystopien werden ja als Jugendbücher bezeichnet, sind meiner Meinung nach aber doch sehr gewalttätig. Als ich letztens von einer Bekannten meiner Mutter gehört habe, dass ihre 12-Jährige Tochter Bücher wie die Panem-Trilogie oder "Die Bestimmung" liest, war ich schon recht verblüfft - ich habe ersteres auch erst mit 20 Jahren gelesen, letzteres sogar erst vor wenigen Monaten und fand es stellenweise sehr brutal. Wenn ich mir überlege, dass man noch quasi als Kind so etwas liest.. ich weiß nicht, wäre es mein Kind, ich würde das nicht erlauben.

Aber ich finde auch, dass die neueren Liebesromane für "Jugendliche" zu prickelnd sind dafür, dass es auch jüngere Jugendliche lesen könnten. Kann aber auch gut sein, dass ich da zu empfindlich bin.

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thot

vor 4 Jahren

Also ich sehe das wie Dani und thenight.
Meistens haben die Jugendlichen die wenigsten Probleme mit solchen Sachen... Und die, die ängstlicher sind, lesen es ohnehin nicht.

Ich glaube, als Erwachsener traut man Jugendlichen viel zu wenig zu und denkt *Übertreibung*, dass die gleich Amok laufen, wenn sie sowas in einem Buch "vorgemacht" bekommen.

Ich denke, die Jugendlichen heutzutage sind ohnehin viel weiter als früher. Was die schon mit 14 erleben, das haben "wir" vielleicht mit 16/17/18 gemacht. Wenn man denen ein Weichspüler-Buch vorlegt, dann erreicht man damit, dass sie gar nicht mehr lesen und nur noch Filme schauen.

Gela_HK

vor 4 Jahren

Ich vertraue da ganz auf meine Kinder. Mein Sohn wollte mit 7 Jahren unbedingt Tintenherz lesen, weil ihm das Cover so gut gefallen hat. Nach einigen Kapiteln wurde es ihm aber zu aufregend und hat es von sich aus weggelegt.
Wir diskutieren viel über Bücher, die Geschehnisse. So lernen die Kinder selbst einzuschätzen, ob sie etwas lesen wollen oder nicht. Bisher sind wir damit sehr gut gefahren.
Die Altersempfehlungen vom Buchhandel ignorieren wir geflissentlich.

IraWira

vor 4 Jahren

@Gela_HK

Ganz blöd - letztlich ist das doch auch die Entscheidung, die wir als Erwachsener auch immer wieder treffen müssen. Auch da gab es schon Bücher, die ich weggelegt habe, weil sie mir nicht gut taten. Darum finde ich es auch wichtig, dass die Kinder auch lernen, das abzuschätzen und nicht nur unkritisch konsumieren, weil es ihnen so empfohlen wird, sondern gegebenenfalls selber den Schlussstrich ziehen. Das betrifft ja auch nicht nur das Lesen, sondern auch noch viele andere Bereiche, gerade auch bei Heranwachsenden.

elfentroll

vor 4 Jahren

da ich schon in frühen Jahren ca. mit 11 Stephan King zu las und es hat mir nicht geschadet ,bin ich auch dafür, wie einige auch hier die Altersfreigabe abzuschaffen. Ich liebe Horror und Grusel in Büchern und in Filmen. Es gibt Kinder aber auch Erwachsene die es nicht mögen und die schalten halt ab oder legen das Buch weg. Jeder sollte selbst entscheiden was er oder sein Kind mag und verträgt. So war es auch bei mir. Mit pädagogisch Wertvollen Büchern und Filmen kann ich nichts beginnen.

RubyRose

vor 4 Jahren

Ich empfinde die ganze Geschichte auch als eher kritisch. Die sogenannten Jugenromane sind oft zu explizit in Gewalt und Liebesszenen. Dabei könnte es doch so einfach sein. Ich für meinen Teil halte mich im Groben an diese Liste:

Ab 6
Alles ist rosarot. Häschen, Blümchen, Schmetterlinge. Geschichten, die ohne Bedenken für sehr junges Publikum zugänglich sein können. Ohne Schimpfwörter, ohne Gewalt. Absolut keine sexuellen Handlungen, auch Küsse nur angedeutet. Händchenhalten erlaubt ;)

Ab 12
Hier ist ein sehr dezenter Gebrauch von Beleidigungen erlaubt, allerdings keine mit sexueller Färbung. „Harmlose Prügeleien“ können vorkommen. Küsse, Streicheln – okay. Aber die Klamotten bleiben an oder die Tür zum Schlafzimmer zu.

Ab 16
Ab hier dürfen die Charaktere sich auch mal komplett entblößen und miteinander in (Bett-)Aktion treten. Allerdings nicht in allen Einzelheiten beschrieben.
Gewalt kann in Maßen vorkommen. Allerdings nicht, wenn sie sich nur zum Selbstzweck hat, sondern nur, wenn sie Teil eines größeren Handlungsbogens ist.
Beleidigungen können auch sexuell gefärbt sein.

Ab 18
Bestimmte Themen sind immer P18. Darunter fallen in jedem Fall Vergewaltigung, detaillierte Gewalt (physisch und psychisch) und ausformulierter Sex.
(Quelle: myfanfiction.de)

Natürlich kann man das bei den Kinderbüchern noch genauer spezifizieren, allerdings ist es rein moralisch gesehen wirklich ok. Das spezifische Lesealter allerdings kann man damit noch lange nicht herausfinden. Ich habe Harry Potter ab 9 gelesen. Die Tribute von Panem erst 10 Jahre später, vielleicht auch, weil sie nicht viel früher erschienen sind. Allerdings wäre es für Eltern und Verwandte wichtig zu wissen, dass nicht jeder im Alter von 8 Leselernbücher erst lesen sollte und im Gegenzug andere mit 12 immer noch Probleme mit den ersten Bänden von tintenherz haben.

In dem Zug sollte man vielleicht auch noch mal die ganzen Märchen überdenken. Überlegt euch mal um was für Themen es da geht. Polygamie (Schneewittchen, und sorry, nur weil es in der Disneyverfilmung aussieht als wären die kleinen Männer asexuell, muss das noch lange nicht sein), Kanibalismus (Hänsel und Gretel) und Serienmörder (Ritter Blaubart). Selbst wenn die Intension dahinter wichtig als Moral für die Kinder ist, sollte man doch gelegentlich überlegen was für Horrorgeschichten da teilweise schon Vorschüler zu hören bekommen.

IraWira

vor 4 Jahren

Anders herum zeigen uns aber genau die Märchen und Mythen, dass Kinder gar nicht so viel rosa brauchen. Kinder und Jugendliche sind Persönlichkeiten, die auch ein wenig schwarz und weiß abkönnen - wenn man sie denn lässt.
In der Regel können sie zwischen Buch und Wirklichkeit unterscheiden, lernen aber gleichzeitig, dass das Leben manchmal auch eine Herausforderung ist. Natürlich sollte ein Kind, das bei Benjamin Blümchen Angst hat, nicht unbedingt Harry Potter lesen, aber welches Recht haben wir eigentlich, den Kindern vorzumachen, dass die Welt rosa ist? Ist das kein Betrug?
Und ganz ehrlich, früher haben die Familien alle in einem Raum geschlafen, trotzdem gab es reichlich mehr als nur ein Kind und kein kind war sexuell geschädigt oder verstört (zumindest nicht unter normalen Umständen) . Auf dem Bauernhof liefen freilaufende Hunde und Katzen rum, wurden Pferde und Rinder zusammengebracht und die Kinder waren mittendrin und mit Sicherheit unter 16.
Guckt man sich Tom Sawyer und Huckleberry Finn an, da gab es Prügeleien, da gab es Alkoholismus, etc und das sind klassiker der Jugendliteratur. Warum erziehen wir unsere Kinder so verklemmt und lebensunfähig? Tun wir ihnen wirklich einen Gefallen damit?
Warum darf Sexualität nicht einfach etwas Normales sein, wo man deutlich macht, dass es erst ab einem bestimmten Alter sein sollte, aber das trotzdem nichts ist, vor dem man geschützt werden muss?
Sind alle Kinder, die an FKK-Stränden vorbeikommen, potentiell geschädigt?
Und ganz ehrlich, das Ganze geht völlig an der Realität vorbei. Schon in den Grundschulen wird mit sexuell gefärbten Schimpfwörtern um sich geschmissen, da gibt es die ersten Verliebtheiten, da gibt es sogar den ersten Sexualkundeunterricht. Mit Blümchen, Häschen und Schmetterlingen hätte man keins der Kinder, die ich kenne und das sind ziemlich viele, hinterm Ofen vorlocken und zum Lesen bringen können.

IraWira

vor 4 Jahren

*schubs* Ich fand die Diskussion eigentlich schon sehr interessant...

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