Kolumne: Pseudonyme berühmter Autoren. Reiner Werbegag oder nachvollziehbare Tarnung?

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muchobooklove

vor 4 Jahren

Krimi-Kolumne August 2013 von Sebastian:

Haben die Autoren Angst vor zu harter und voreingenommener Kritik?

Liebe Krimi-Leser,

Erich Kästner hat es getan, Stephen King ebenso und nun auch Joanne K. Rowling: Wie viele andere berühmte Autoren/Autorinnen haben sie sich dazu entschieden, eines oder mehrere ihrer schriftstellerischen Werke nicht unter ihrem eigenen Namen, sondern unter einem Pseudonym zu veröffentlichen. Die Gründe für derartige "Verschleierungsaktionen" sind vielfältig, doch sind sie auch immer gerechtfertigt oder verbirgt sich dahinter nur clevere PR?

Ein Aufschrei ging durch die Medienlandschaft und die sozialen Netzwerke, als Mitte Juli plötzlich herauskam, dass die wohl bestverdienendste Autorin der Welt still und heimlich schon im April ein neues Buch unter dem Decknamen "Robert Galbraith" veröffentlicht hatte. Gleichzeitig hat diese Enthüllung für kontroverse Diskussionen über die Gründe einer solchen Aktion gesorgt, die ich an dieser Stelle gerne aufgreifen und mit euch fortführen möchte. Daher meine Frage an euch: Wie steht ihr Pseudonymen berühmter Autoren gegenüber?

Meiner Meinung nach muss hier immer auch die jeweilige Motivation der Autorin/des Autors berücksichtigt werden. Im Fall von J.K. Rowling zum Beispiel kann ich das Verhalten durchaus nachvollziehen. Die Britin hat Millionen Bücher ihrer Harry-Potter-Reihe verkauft und wird immer am Erfolg genau dieser Romane gemessen werden. Jedes ihrer nachfolgenden Werke wird mit Argusaugen beobachtet und muss sich am Erfolg von "Harry Potter" messen lassen. Dass dies nicht immer von Vorteil ist, musste Rowling schon bei ihrem ersten Erwachsenenroman "Ein plötzlicher Todesfall" erfahren, der die an die Autorin gerichteten Ansprüche insgesamt wohl nicht wie gehofft erfüllen konnte. Wäre dies anders gewesen, wenn der gleiche Text von einem unbekannten Autor veröffentlicht worden wäre? Und ist die Kritik an dem Buch aufgrund der Prominenz der Autorin vielleicht etwas unfair und überpenibel ausgefallen? Kann man es da nicht verstehen, dass Rowling durch die Wahl ihres Pseudonyms "Robert Galbraith" eine unvoreingenommene Betrachtung ihrer schriftstellerischen Könnens erhalten wollte – ganz ohne den Druck, dass die ganze Welt auf sie schaut?

Außerdem muss man auch bedenken, dass mit einer Buchveröffentlichung immer ein recht straffes Programm auf die Autorin/den Autor zukommt, vor allem bei einer so prominenten Schriftstellerin wie J.K. Rowling. Die Werbetrommel muss kräftig gerührt, Interviews gegeben und eine ganze Reihe weiterer Pressetermine wahrgenommen werden. Vielleicht hatte Rowling auf diesen ganzen Rummel, der sicherlich auch immer mit einer gehörigen Portion Stress verbunden ist, einfach keine Lust? Hier kann ich es mir gut vorstellen, dass sie die (bis zur Enthüllung ihres Pseudonyms gewonnene) ungewohnte Freiheit genossen hat. Zudem ist sie in der angenehmen Position, dass sie sich diesen Luxus aufgrund ihrer zurückliegenden Erfolge finanziell leisten kann. Außerdem ist J.K. Rowling bei weitem nicht die erste, die sich für die Verwendung eines Pseudonym entschieden hat. Auch Bestsellerautor Stephen King veröffentlichte mehrere Bücher unter dem Namen "Richard Bachman" – aus Neugier, ob sich seine Romane ohne den ruhmreichen Namen auf dem Cover auch noch gut verkaufen würden.

Allerdings gibt es noch viele weitere Gründe, die Autoren zur Wahl eines Decknamens veranlassen. Viele haben sich in einem bestimmten Genre bereits einen Namen gemacht, möchten sich aber gerne auch noch in einem anderen Bereich literarisch austoben, ohne sofort mit ihren bisherigen Werken in Verbindung gebracht werden. So schreibt die Amerikanerin Eleanor Marie Robertson z.B. unter dem Namen Nora Roberts romantische Liebesromane und unter dem Pseudonym J.D. Robb futuristische Sci-Fi-Krimis. Oft schließen sich auch mehrere Autoren zusammen und veröffentlichen ihre Gemeinschaftswerke unter einem gemeinsamen Namen, wie es die Autoren-Ehepaare Nicci Gerrard und Sean French ("Nicci French") oder Alexandra und Alexander Ahndoril ("Lars Kepler") tun. Der frühere MI6-Mitarbeiter David John Moore Cornwell durfte wiederum als ehemaliges Mitglied des Auslandsgeheimdienstes keine Texte unter eigenem Namen veröffentlichen und schreibt seitdem als "John le Carré". Gerade in früheren Zeiten wurden Pseudonyme auch häufig gewählt, um einer möglichen Verfolgung aufgrund regierungskritischer Texte zu entgehen, wie es unter dem NS-Regime z.B. bei Erich Kästner der Fall war.

Diese Motive sind meiner Meinung nach absolut nachvollziehbar und ich habe teilweise auch Verständnis dafür, wenn man aus Marketing-Gründen die Namen der Autoren ein wenig "modifiziert". Schließlich verkaufen sich historische Romane mit dem geheimnisvollen Namen "Rebecca Gablé" bestimmt besser als wenn auf dem Cover Ingrid Krane-Müschen stehen würde. Viele Autoren möchten sich trotz ihres schriftstellerischen Erfolges ihre Privatsphäre bewahren und entscheiden sich deshalb für Pseudonyme. Albern wird es in meinen Augen aber, wenn Verlage und Autoren willkürlich mit Pseudonymen um sich schmeißen und das Verwirrspiel überhand nimmt. Oft stößt man bei solchen (fiktiven) Autorenbiografien dann noch auf den Vermerk "XYZ ist das Pseudonym eines erfolgreichen deutschen Autors". Hier scheint mir die Tarnung als reiner PR-Gag gewählt und ist für mich damit überflüssig. Allerdings lohnt es sich manchmal auch, vor einer zu schnellen Vorverurteilung lieber noch ein zweites Mal hinzuschauen. Als Martin Krist z.B. im letzten Jahr seinen Thriller "Die Mädchenwiese" veröffentlicht hat und relativ offen kommuniziert wurde, dass sich dahinter der u.a. im gleichen Genre tätige Autor Marcel Feige verbirgt, fand ich die Namenswahl zunächst völlig unverständlich. Da Krists neuer Roman aber im Ullstein Verlag erscheinen sollte, der Schriftsteller mit seinem richtigen Namen jedoch noch im Goldmann Verlag unter Vertrag stand, ergab die Wahl des Pseudonyms schließlich doch noch einen Sinn.

Fühlt ihr euch als Leser durch Pseudonyme getäuscht oder könnt ihr das Versteckspiel der Autoren nachvollziehen?

MichaelSterzik

vor 4 Jahren

Ich denke, dass hat ganz verschiedene Gründe. Zum einen fließen da sicherlich die rechtlichen Verträge ein z.B. Wechsel des Verlages usw. zum anderem ist es für den Autor auch interessant "Neuland" zu betreten. Vielleicht möchte der Autor etwas ausprobieren, einen neuen Stil, ein neues Genre, vielleicht ein wenig respektloser oder drastischer.

Erfolg ist messbar - ganz klar. Wird ein Roman mehr gekauft, wenn sich ein bekannter und erfolgreicher Autor dahinter verbirgt, oder werden "neue" Autoren, mit neuen Namen skeptischer und verhaltener gekauft?!

Aus der Perspektive eines Autors, finde ich es spannend sich "verstecken" zu können oder zu dürfen.

ladyan

vor 4 Jahren

Also, wenn ich Autorin wäre, würde ich meine ersten Bücher auf jeden Fall unter einem Pseudonym schreiben. Ich meine, nachher sind die Bücher nicht toll und wenn ich mal ein richtig gutes Buch rausbringe würde, würden die Kritiker vielleicht sagen: Nach den ersten beiden Büchern nun der durschlagende Erfolg: Aber hat sie den überhaupt verdient? oder so was Ähnliches.
Außerdem wollen Autoren immerhin auch ihre Privatsphäre, da finde ich es schon in Ordnung, dass sie ein Pseudonym verwenden.
Und es ist ja auch ihr gutes Recht, immerhin machen das auch viele Promis...
ich jedenfalls habe kein Problem damit, ich meine, ich achte beim Bücherkauf eh mehr auf den Inhalt als auf den Autor... :-)

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bknicole

vor 4 Jahren

Ich finde es bei J.K. Rowling absolut nach voll ziehbar und würde wenn ich Sie wäre wohl genau das Gleiche tun, da einfach jedes neue Buch von ihr nun mit Harry Potter verglichen wird. Harry Potter war ein Mega Erfolg ja und ich liebe die Buchreihe, ich finde jedoch dass man ein Buch, welches sich um Politik dreht und vom Genre her gar nichts mit seinem Vorgänger zu tun hat, nicht mit diesem Vergleichen kann. Leider hat die Presse genau das bei ihrem neuen Buch getan. Beides Bücher beschäftigen sich mit 2 ganz unterschiedlichen Themen, die einfach nicht Zusammenhängen. Viel mehr hatte ich gehofft, dass man den Vergleich lassen würde und das Buch an sich bewertet. Ich bin mir auch sehr sicher, dass sie niemals wieder so ein tolles Buch wie Harry Potter schreiben wird und diese Buchreihe wohl auch einen großen Druck auf sie ausübt, denn jeder erwartet erneut ein Meisterwerk von ihr. Unter einem Pseudonym zu arbeiten erspart ihr erstens diesen Druck, zweitens wird das Buch mal nicht mit Harry Potter verglichen und drittens kann sie davon ausgehen, dass man eine faire und ehrliche Kritik schreibt.

Und warum sollten Autoren nicht ein Pseudonym anstatt ihres echten Namens benutzen dürfen? In Zeiten des Internets kann man sich so besser schützen und das sollte man einfach auch respektieren.

Was ich jedoch schade fände wäre z.b. wenn jemand ein Buch unter einem neuem Pseudonym veröffentlicht, der mein absoluter Lieblings autor ist und dieses Buch dann an mir vorbei geht, weil ich den Autor darauf nicht kenne. Ich bin nämlich was Bücher angeht ein Gewohnheitstier und orientiere mich meist an Autoren, deren Bücher ich schon gelesen habe. Da weiß ich einfach ,dass mir der Schreibstil gefällt und mich das Buch auch überzeugt.

Gelinde

vor 4 Jahren

Ich denke jeder kann machen was er will.
Und es sind bestimmt immer irgendwelche Gründe da, auch wenn ich sie nicht verstehe oder weiß.

Generell nervt es mich aber wenn ich dann mal wieder durch Zufall erfahre, daß dieser oder jener Name ein Pseudonym ist und ich den oder die Autorin ja unter einem anderen Namen kenne.

BuechermonsterBlog

vor 4 Jahren

bknicole schreibt:
Was ich jedoch schade fände wäre z.b. wenn jemand ein Buch unter einem neuem Pseudonym veröffentlicht, der mein absoluter Lieblings autor ist und dieses Buch dann an mir vorbei geht, weil ich den Autor darauf nicht kenne.

Das kann ich total nachvollziehen. "The Cuckoo's Calling" wäre auch an mir vorbeigegangen, wenn es durch die Enthüllung nicht so im Fokus der Öffentlichkeit gewesen wäre, wodurch mir ein wirklich Buch entgangen wäre.

Daher finde ich es auf jeden Fall angenehmer, wenn die Pseudonyme der Autoren offen kommuniziert werden – wobei das die Autoren und Verlage in vielen Fällen sicherlich anders sehen ;-)

MaraLaue

vor 4 Jahren

BuechermonsterBlog schreibt:
Daher finde ich es auf jeden Fall angenehmer, wenn die Pseudonyme der Autoren offen kommuniziert werden

Dann braucht man überhaupt keine Pseudonyme mehr. ;-) Sinn des Ganzen ist doch, dass der eigentliche Autor - egal aus welchen Gründen - anonym bleiben kann. Rowling wollte mit ihrem Pseudonym erreichen, dass ihr Buch ehrlich und vor allem UNVOREINGENOMMEN beurteilt wird, nachdem ihr erster Nach-Harry-Potter-Versuch ausschließlich an HP gemessen wurde, obwohl es sich um ein völlig anderes Genre handelt. Unvoreingenommenheit ist nun nicht mehr möglich. Das Buch wird jetzt in erster Linie gekauft, weil es "ein Rowling" ist, nicht weil man den Inhalt aufgrund des Klappentextes für interessant hält. Eben das wollte die Autorin durch das Pseudonym vermeiden.
Und dass gute Bücher an einem vorbeigehen, kann man ganz einfach dadurch verhindern, indem man sein Lesefutter ausschließlich nach dem Klappentext und anderen Inhaltsangaben kauft, nicht nach dem darauf stehenden Autorennamen. ;-)

Ein LovelyBooks-Nutzer

vor 4 Jahren

Also mir ist es ehrlich gesagt eigentlich egal welcher Autor unter welchem Pseudonym schreibt, denn mir kommt es eher auf den Inhalt an, wenn mich das Cover mit dem Klappentext schon anspricht, dann nehm ich dass. Nur bei Nora Roberts bzw. J. D. Robb mache ich eine Ausnahme, denn unter Robb schreibt sie ja ihre Eve Dallas Krimis und die muss ich haben, weil die Megaklasse sind.

Aber im Grunde genommen ist es mir wurscht, denn ich wähle aus, welches Buch ich haben möchte und da ist mir der Name des Autoren eigentlich ziemlich egal.

Stephie2309

vor 4 Jahren

Wie du selbst schreibst, machen Pseudonyme für mich nur mit dem richtigen Motiv einen Sinn. Wenn man sich, wie J.K. Rowling, dahinter 'verstecken' möchte und zB eine objektive Meinung zu erhalten, finde ich das völlig in Ordnung.

Völlig bescheuert finde ich es dagegen, wenn Autoren sich für jedes Genre oder jeden Verlag ein anderes Pseudonym zulegen und das dann aber offen kommunizieren oder die echten, gleichen Autoren-Portraits verwendet werden. Wer den Autor kennt oder nur einmal die Website aufruft, weiß sofort, was Sache ist, und dann finde ich es absolut sinnlos.

Genauso sinnlose finde ich es, an einem Pseudonym festzuhalten, das längst aufgedeckt wurde. Bestes Beispiel: Nicolas Barreau. Es ist längst rausgekommen, dass sich dahinter kein schnuckeliger Franzose, sondern eine deutsche Autorin verbrigt!

MaraLaue

vor 4 Jahren

Stephie2309 schreibt:
Genauso sinnlose finde ich es, an einem Pseudonym festzuhalten, das längst aufgedeckt wurde. Bestes Beispiel: Nicolas Barreau. Es ist längst rausgekommen, dass sich dahinter kein schnuckeliger Franzose, sondern eine deutsche Autorin verbrigt!

Das ist unter Umständen nicht ihre Entscheidung gewesen, denn im Verlagsvertrag ist festgeschrieben, unter welchem "Verlags-Pseudonym" ein Autor/eine Autorin in dem Verlag ausschließlich veröffentlicht wird. Verlags-Pseudonyme heißen deshalb so, weil man sie nur und ausschließlich für Werke verwenden darf, die in diesem einen betreffenden Verlag veröffentlicht werden. Für andere Verlage - und entsprechend andere Genres, denn nur wenige (große) Verlage decken mehr als ein Genre ab - MUSS man sich ein neues Pseudonym ausdenken oder den Realnamen verwenden. Barreau hatte deshalb möglicherweise gar keine andere Wahl, als weiterhin unter diesem Namen zu veröffentlichen. Besonders wenn sie vielleicht für mehrere Bücher einen Gesamtvertrag abgeschlossen hat, statt für jedes einzeln oder es sich um eine Serie handelt. Es wäre sehr irritierend, wenn die Hälfte einer Serie unter Pseudonym und die andere Hälfte unter Realnamen veröffentlicht würde, nur weil die wahre Identität an die Öffentlichkeit gekommen ist.

Davon abgesehen gibt es nur sehr wenige "aufgeflogene" Pseudonyme, die der breiten Öffentlichkeit bekannt sind wie Rowling/Galbraith, King/Bachmann oder Robertson/JD Robb. Bei anderen mag vielleicht ein Teil der Leser erfahren haben, wer wirklich dahintersteckt, aber ein anderer Teil der Leser hat davon immer noch keine Ahnung. Für diesen Teil bleibt das "wahre Ich" der Autoren immer noch im Verborgenen und für diese soll die Illusion erhalten bleiben.

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