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NadineStenglein

vor 2 Jahren

Liebe Leser, hier eine neue Leseprobe aus AURORA SEA :)

Jamie war der felsenfesten Meinung, dass Haley seinen Plan mit der Insel in ihren letzten Stunden unbewusst gespürt hatte und ohne genau zu wissen, weshalb sie es für wichtig empfand, diesen ungenauen Gedanken in das Kuvert zu zeichnen.

»Als ich dann die Insel gesehen habe, wusste ich, dass ich es wohl tun musste, so verrückt es auch war«, erklärte ich ihm, während wir durch das Labyrinth liefen.

»Meine Freunde, die Merbies, sind die gute Seele des Meeres. Sie wollen den Frieden der Tiefen wiederherstellen, den die Avarthos stören.«

»Wer sind diese Avarthos?«, fragte ich.

Jamie setzte sich auf einen Felsen, der beinahe die Form einer Bank hatte. Ich ließ mich neben ihm nieder und genoss seine Nähe, wenngleich ich innerlich durch all die Neuigkeiten, die ich erfuhr, erzitterte. Jamie suchte meinen Blick. In seinen Augen lag ein Ausdruck purer Verzweiflung.

»Was ich dir nun sagen muss, wird dein ganzes Leben verändern, Emma Bennet. Und ich hoffe, du wirst die Kraft finden, um damit umzugehen.«

Ich erinnerte mich an Haleys Worte.

»Haley hat mir beigebracht, vorwärtszugehen und stets daran zu denken, dass ich schon einige Kämpfe hinter mir habe, ohne untergegangen zu sein.«

Meine Worte schienen ihn etwas zu erleichtern.

»Die Avarthos sind Meereswesen mit einer schwarzen Seele, die am liebsten auch das Land besitzen wollen. Sie hassen die Menschen dafür, dass sie die Meere ausbeuten, aber sie haben vor einer Weile auch entdeckt, dass der verhasste Feind ihnen nützlich sein kann.«

Was er sagte, brachte mein Blut in Wallung und meine Gedanken zum Explodieren. Aber es war lange noch nicht alles.

»Sie halten die Seelen der Menschen, die sie einfangen konnten, als Sklaven, vor allem um von ihnen mehr über das Landleben zu erfahren und zu lernen, wie man dort leben kann. Sie haben sich auch ihre Sprache angeeignet.«

Ich fühlte mich, als hätte mir gerade jemand einen Fausthieb verpasst.

»Heißt das, sie können an Land kommen? Ich meine, als Menschen getarnt?«

»Manche von ihnen haben es schon probiert. Es gelang ihnen nur kurz. Sie können nicht länger an Land überleben als Fische. Noch nicht! Zudem verlieren sie dort noch zu schnell ihre Kraft. Aber sie lernen dazu. Jeden Tag.«

»Dann ist es wirklich wahr. Ich meine, einer der Avarthos hat die Fischer umgebracht und er wollte auch mich schnappen.«

Ich erzählte ihm von dem Angriff am Meer, nachdem Haley ins Wasser gegangen war.

»Die Avarthos sind zurzeit auf Seereise. Sie besuchen Artgenossen in anderen Meeren. Aber über Ultraschall können sie mit denen auch aus der Ferne kommunizieren. Das Meer ist zurzeit nicht gefährlich für dich. Lange werden sie allerdings nicht wegbleiben. Das tun sie nie. Aber noch ist ein wenig Zeit.«

»Was ist mit meinen Eltern? Wie geht es ihnen?«

»Sie vermissen dich schrecklich. Sie werden von den wenigen Avarthos, die hier geblieben sind, streng bewacht. Ich konnte mich davonstehlen. Sie wollen, dass du weißt, dass sie dich sehr lieben, Emma, und an dich glauben.«

Mein Herz verkrampfte sich bei dem Gedanken an Mom und Paps. Ich konnte die Tränen nicht zurückhalten, die mir einem kleinen Wasserfall gleich über die Wangen kullerten. Jamie berührte sie mit einer Fingerspitze.

»Ich wünschte, ich könnte sie wegwischen, dir mehr helfen und Schöneres erzählen.«

»Was muss ich noch wissen?«, fragte ich und versuchte mich zusammenzureißen.

Nach einer kurzen Pause erzählte er weiter.

»Du hast vorhin den Tod der Fischer angesprochen. Sie haben den Anführer der Avarthos getötet. Nun rückt sein Sohn, Evenfall, an dessen Stelle und glaub mir, er will nicht nur weitere Menschen, er sinnt auch auf Rache. Er war dabei, als sein Vater starb.«

Meine Kehle war wie ausgetrocknet. Tausend Bilder schossen mir durch den Kopf. Nicht auszudenken, wenn auch Georg und den anderen beim nächsten Fischgang etwas passieren würde.

»Evenfall will in die Fußstapfen seines Vaters treten und seine Interessen wahren. Doch vor allem will er eines«, fuhr Jamie fort.

Der Ausdruck in seinen Augen machte mir Angst.

»Dich, Emma!«, sagte er dann.

»Mich?«

»Er will dich, seit er dich das erste Mal gesehen hat. Ich hab gehört, wie er mit seinem engsten Vertrauten über dich gesprochen hat und wie sehr er dich verehrt. Er hat sich in den Kopf gesetzt, dich zu einer Avarthos zu machen, zu seiner persönlichen Gefährtin. Zuerst hat er sich in deine Stimme verliebt.«

Das zog mir den Boden unter den Füßen weg. Das konnte und durfte doch nicht wahr sein. Ich erinnerte mich daran, dass ich häufig am Strand gesungen hatte. Ein Meeresungeheuer hatte sich in mich verliebt und das Leben meiner Eltern und vieler anderer auf dem Gewissen.

Mir wurde schwindlig, wenn ich daran dachte, dass ich an der Seite eines solchen anscheinend seelenlosen Wesens existieren sollte.

»Soweit ich es mitbekommen habe, sah er dich vor ein paar Jahren am Strand, da warst du dreizehn, und verliebte sich auf der Stelle. Immer wieder hielt er nach dir Ausschau und hoffte, dass er dich zu sich ziehen könnte. Gott sei Dank hast du das Wasser gemieden. Zu jenem Zeitpunkt wussten die Avarthos noch nicht, wie sie an Land gelangen könnten, ohne Gefahr zu laufen, dort für immer zu stranden.«


Autor: Nadine Stenglein
Buch: Aurora Sea
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