Leseprobe: "Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren - Teil 2"

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Nikolaus_Klammer

vor 3 Monaten

Kapitel Eins
Nachfolge


„Mich haben sie nicht gekreuzigt.“
Oscar Wilde

Nur zwölf Stunden dauerte die Fahrt mit der Reichsbahn von Augsburg nach Berlin und es wäre schneller ge­gangen, hätte er nicht in Nürn­berg und Leipzig umsteigen und eine länge­re Wartezeit in Kauf nehmen müssen. Es waren zwölf Stunden Zeit, sich daran zu gewöhnen, von einer Welt in eine an­dere zu gelangen; viel zu wenig Zeit, um der Er­schütterung zu ent­gehen, die der eines Bantu-Ne­gers gleicht, der den hei­matlichen Kral ver­lässt, um nach New York zu gehen.

Aber schließlich stand Sebastian Kerr kurz nach neun Uhr morgens verwirrt und allein ge­lassen mit seinem kleinen Koffer in der Hand auf dem weitläu­figen Platz vor dem Anhalter Bahnhof und bestaunte selbstvergessen den großstädtisch brandenden Ver­kehrsstrom, der sich vor seinen Augen ohne erkenn­bare Regeln oder Ziele über die breiten Straßen wälz­te. Der gertenschlanke junge Mann konnte kaum fas­sen, dass er tatsächlich in der Hauptstadt ange­kommen war; das unbequeme, stickige Abteil und den Blick auf endlose Birken- und Kiefern­wälder vor den zitternden Fensterscheiben in der Vergangenheit hinter sich gelassen und sich ohne ernsthafte Verlet­zung durch das Men­schenchaos der Bahnsteige ge­kämpft, gestoßen, gequetscht, geschoben und ge­quält hatte.

Er war in diesem Moment sehr stolz auf sich und atmete begeistert die beißend vom Ausstoß der Ver­brennungsmotoren durchtränkte Luft, als stünde er auf dem Gipfel eines Schweizer Berges, den er vor­her mühsam erklommen hat­te. Ein paar lyrische Zei­len, die er für diesen An­lass gedichtet hatten, kamen ihm in den Sinn.

Aber bin denn ich so traut verlassen im blut des tags sieh mich liegen tot ...

Nach schier endlosen, bitteren Jahren des Zö­gerns war sein Leben endlich in Bewegung ge­kommen und allein die Schwerkraft würde be­wirken, was ein Wille niemals schaffen konnte. Für immer, wie er dachte, hatte er jener Stadt den Rücken gekehrt, die ihm nicht länger Hei­mat sein sollte, deren fehlgeleiteter und dumpfer Bürgerstolz ihn so beengt hatte, dass er sich jede Nacht mit dem Gedanken in sein Lager leg­te, noch vor dem Morgen ersticken zu müssen.
Sebastian lachte befreit und stieß eine Dampf­wolke über seinen Kopf, die sich in der kalten, stinkenden Luft schnell auflöste. Gleich darauf betrachtete er er­schrocken seine Umgebung. Doch hier in Berlin in­teressierte niemanden, was in Augsburg ein Skandal gewesen wäre. Die eiligen Menschen, die über den breiten Trottoir in seiner Nähe hetzten, sahen nicht einmal auf. Der Neuankömmling war nur ein lästiges Hin­dernis in ihrem Weg. Niemand außer Sebastian stand, alle eilten ihren noch geheimnisvollen, viel­leicht unergründlichen Zielen entgegen. Den­noch schämte sich Sebastian über seine unpas­sende und unplacierte Gefühlsäußerung und griff mit einem plötzlichen Schrecken in die Manteltasche. Der Um­schlag mit dem wertvol­len Empfehlungsschreiben knisterte jedoch be­ruhigend unter seiner tastenden Hand.

Der naive Jüngling aus der Provinz ist noch nicht gleich bei seiner Ankunft bestohlen wor­den, dachte er erleichtert.

Ungeachtet seiner nicht gerade prallen Reise­kasse und in völliger Unkenntnis um die Größe der Stadt, fasste er seinen Koffer fester, machte er einen ent­schiedenen Schritt nach vorn und winkte sich einen langsam vorbeifahrenden Mietwagen heran, dessen  Fahrer auch prompt vor ihm bremste. Sebastian setzte sich auf die Rückbank und nannte dem mor­genmürrisch auf einem Zigarrenstummel kauenden Chauffeur, der seine Schirmmütze tief in die Stirn gezogen hatte, die Adresse, die auf dem Umschlag in sei­ner Tasche stand. Er musste dazu nicht nachse­hen, er kannte sie längst auswendig, hatte sie sich während seiner Zugfahrt immer und immer wieder memoriert. Jetzt erst warf der Taxifahrer einen Blick zurück und musterte seinen neuen Fahrgast abschät­zend, fast verächtlich. Wahr­scheinlich taxierte er die Liquidität seines Kun­den.

„Das ist draußen in Tegel“, ergänzte Sebastian mit entschlossener Stimme. Der Fahrer nickte, mit den Fingern gegen seine Schirmmütze tip­pend. Sein Au­tomobil setzte sich zitternd in Fahrt und reihte sich hupend in den dichten Straßenverkehr ein. Trotz der so sprichwörtli­chen Geselligkeit der Berliner, die wahrschein­lich nur auf einem Missverständnis be­ruhte, blieb der Chauffeur stumm. Er überließ den Fahrgast seinen aufgeregten Gedanken und Empfin­dungen; der lehnte sich auch bald schräg auf den Koffer neben sich auf dem Sitz und sah begierig hin­aus, suchte den Blick auf eine der Sehenswürdigkei­ten zu erhaschen. Doch sie ver­bargen sich geschickt vor ihm.

Der Tag, an dem Berlin mit Sebastian Kerr ei­nen neuen, hoffnungsvollen Eroberer begrüßte, war Donnerstag, der 24. Januar des Jahres 1929. Er war am 10. Februar 1908 in der ehe­mals freien Reichs­stadt zu Augsburg, jener ural­ten und berühmten bayerisch-schwäbischen Stoffhandelsmetropole am Lech, geboren und der Sohn von Walther Kerr, eines leitenden An­gestellten der G. Haindl’schen Papierfa­briken. Als entarteter Spross eines ehrbaren Kauf­mannsgeschlechts schrieb er Erzählungen, Ge­dichte und Dramen. Nun machen diese Daten je­den, der sich mit dem zeitgenössischen Theater beschäftigt, stutzig und dies war die Crux im Le­ben des aufstre­benden Dichters, der Sebastian war:
Sah man einmal davon ab, dass er auf den Tag ge­nau zehn Jahre jünger als Bert Brecht war, stimmten ihre Kurzbiografien doch frappierend überein. Ob­wohl sie einander nie bewusst begeg­net waren, stand ihre Geburtshäuser nur wenige Straßenzüge ausein­ander am alten Stadtgraben und der jüngere Bruder von Bertolt und der älte­re von Sebastian waren bis zu ihrem Notabitur im Jahre 1918 in die gleiche Klasse der Kreiso­berrealschule in der Hallstraße ge­gangen. Ber­tolt und Sebastian wuchsen in der 'Bleich' auf, spielten in den Büschen der Kahnfahrt zuerst verstecken und später mit den bezopften Bür­gertöchtern heimlich Doktor, holten sich ihren ers­ten Rausch im Lueginsland-Biergarten und besuch­ten selbstredend die selben Schulen - die Barfüßer­volksschule und anschließend das Real­gymnasium -, hatten dort ihre ersten literari­schen Gehversuche un­ternommen und teilweise sogar das selbe Lehrperso­nal erlitten.
„Während meines neunjährigen Eingeweckt­seins an einem Augsburger Realgymnasium ge­lang es mir nicht, meine Lehrer wesentlich zu fördern“, hatte Brecht einmal nach seinem drit­ten Bier resigniert festgestellt.

Die Viten begannen sich erst aufzutren­nen, als B. B. zu­erst nach München, anschließend nach Berlin zu Max Reinhard ging und inzwischen ein bekann­ter und anerkannter Autor war. Sebasti­an Kerr jedoch brachte nie eines seiner Stücke auf die Bühne, obgleich er sich als zumindest ebenso be­gabt einschätzte. Er war im pfahlbür­gerlichen Augsburg verblieben und in ihm wühl­te bestän­dig ein dunkles Gefühl von Neid und Wut, wenn er an seinen erfolg­reichen Doppel­gänger dachte.

Das war der Grund, aus dem Sebastian nach Berlin gefahren war: Er wollte jenen Schatten, der über sei­nem Leben hing, aufsuchen, sich durch eine Kon­frontation mit dem, den er nie ge­sehen hatte, befrei­en. Er war sich bewusst, dass es ihm nicht leicht fal­len würde, Brecht im Ge­wimmel der Metropole zu finden und mit ihm ins Gespräch zu kommen. Vom Bier abgesehen, hasst sein älterer Doppelgänger alles, was aus Augsburg kam und ihn an seine ungeliebte Ge­burtsstadt erinnerte. Aber Sebastian war wil­lens, es trotzdem zu versuchen.

Die Anlaufadresse, die er bei sich trug, war die ei­nes gewissen Dr. Eduard Gere, eines Kriegska­meraden seines Vaters. Gere war als technischer Direktor in den Borsig-Maschinenbauwerken angestellt und wohnte in einer großen Villa di­rekt am Tegeler See. Sebastian war diesem Mann erst einmal vor vielen Jahren begegnet und hatte ihn als einen strammen Deutschnatio­nalen in Erinnerung, der bei jeder sich bieten­den Gelegenheit von seinen Erlebnissen in den Schützengräben der Westfront oder seinen Stu­dentenjahren in Heidelberg berichtete. Gere war ein Mensch, der ihm nicht sympathisch, dessen ganze Lebensart und Einstellungen ihm zuwider waren. Der Herr Dr. mit seinem rot glänzenden Schmiss auf der linken Wange stammte übri­gens aus einer kon­vertierten jüdischen Familie - sein Großvater hatte Aaron Gerstein geheißen und Kessel geflickt - und entsprach genau dem Typus, gegen den der junge, glühende Sozialist in seiner Literatur Sturm lief. Den­noch hatte er keine Skrupel, diese Verbindung auszu­nutzen, hatte sich vom widerstrebenden Vater ein Emp­fehlungsschreiben anfertigen lassen und sich te­lephonisch angemeldet.

Verachtung darf kein Hindernis sein, wenn man Hilfe und Logis benötigt, dachte Sebastian. Er hoffte, nicht allzu lange auf den Mann und seine Familie angewiesen zu sein, denn er träumte davon - nicht zuletzt mit der freundli­chen und ein wenig beschämenden Unterstüt­zung von Brecht – hier in der Reichshauptstadt bald eine große Karriere als Autor beginnen zu kön­nen.

Die Taxifahrt dauerte bereits fast drei Viertel­stunden und der Betrag, dem das Taxameter mit ruhigem Klicken entgegen kletterte, verursachte in Sebastians Unterleib ein unangenehmes Ru­moren. Es stellte sich immer deutlicher als ein Fehler heraus, am Bahnhof einen Wagen zu mieten; er hätte versuchen sollen, mit der Un­tergrundbahn bis zur Seestraße oder mit der neugebauten S-Bahn bis Charlottenburg und von dort aus mit dem Bus weiter zu kommen. Oder noch besser zu Fuß zu gehen; auch wenn er keine Ahnung hatte, wie weit die Entfernungen wa­ren. Doch sie schienen erheblich zu sein. Jetzt hatte er kein Interesse mehr für irgendwelche Sehenswür­digkeiten. Er starrte nach vorn ge­lehnt durch die gläserne Trennscheibe auf das Taxa­meter und zuckte bei jedem der knacken­den Zahlen­radbewegungen zusammen. So ent­ging ihm auch ein Blick auf das Charlottenbur­ger Schloss und ihm fällt kaum auf, wie seine Umgebung langsam ihren groß­städtischen Cha­rakter verliert und nun eher seiner Heimatstadt glich. Schließlich ging die Fahrt auf ei­ner Chaussee an einer größeren Wasserfläche ent­lang, die teilweise zugefroren war.

Das muss der Tegler See sein, dachte Sebasti­an.

Das Taxi hielt endlich doch noch in einem bour­geoisen Vorort direkt vor dem Vorgarten einer nied­rigen Villa, die nicht viel älter als das Jahr­hundert war. Sebastian zahlte mit einem bitte­ren Geschmack im Mund und der Taxifahrer lä­chelte zum ersten Mal, dabei freundlich die Müt­ze lüpfend.

Sebastian atmete noch einmal aufgeregt ein und stieg dann umständlich aus dem Wagen. Das Aben­teuer seines Lebens begann ...

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