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UlrikeSo

vor 4 Jahren

Prolog

Jemand rüttelte an ihrer Schulter. Mere wandte sich ab, stöhnte. Ihr Kopf zersprang bei der geringsten Bewegung.

„Du musst gehen“, sagte er. Philipp. Seine Stimme war ihr vertrauter als die eigene. Er stieß an die Kornflasche, sie kullerte unters Sofa.

„Schrei nicht so, mein Kopf“, sagte sie.

„Der Kleinert kriegt heute den Schlüssel.“

Sie hatte Schmerzen, und er kümmerte sich um irgendwelchen unwichtigen Scheiß. Kurz öffnete sie die Augen, aber die Sonne blendete.

„Ich krieg noch Geld von dir“, flüsterte sie, „Du hast mich bestohlen.“

„Von wegen bestohlen, das war eine Bürgschaft, und die hast du freiwillig unterzeichnet.“

Sie hörte, wie er in die Küche ging und mit jemandem redete. Mühsam richtete sie sich auf. Das Kind hustete rasselnd, plapperte Unverständliches.

Er hatte ihre Sachen auf den Sessel gelegt, Daunenjacke, Stiefel. Mütze. Sie zog sich an.

„Du solltest dich verabschieden“, rief er aus der Küche.

„Hast du Geld für mich?“, schrie sie zurück.

„Nein“, sagte er und trat wieder ins Wohnzimmer. Auch er trug bereits Schuhe und Jacke.

„Julia fragt immer nach dir.“

„Wenn du kein Geld hast, tja. Sie wird mich sowieso vergessen, sie ist noch nicht mal zwei.“

„Du verhältst dich wie deine eigene Mutter.“

„Und, hat es mir geschadet?“

Er streckte die Arme aus, zog sie an sich und ließ sofort wieder los.

„Mensch, hast du getankt“, sagte er.

„Aber eine Kippe auf den Weg hast du noch, oder?“

Er drückt ihr ein Päckchen in die Hand. Halbleer. Alter Knauserer. Zitternd zündete sie sich eine an.

Als sie die Kälte draußen betrat, standen zwei Männer am Jägerzaun. Einer im Anzug, einer in gebügelten Jeans. Philipp begrüßte sie, aber Mere ging ohne ein Wort an ihnen vorbei.

1

Emmy sah an dem Wandgemälde vorbei, als sie zum Podium ging. Der Saal im dreißigsten Stockwerk des König-Buildings füllte sich langsam mit Gästen. Sie stellte ein Glas Wasser auf das Rednerpult, wischte einen Staubfussel weg und schaltete das Mikrophon ein, um es zu testen.

Sofort pfiff und quietschte es schrill aus den Boxen, die ersten Gäste starrten sie an. Und der Knopf zum Ausschalten klemmte.

„Frau König, ich komme schon!“, rief der Hausmeister von Weitem und rannte zu ihr, „damit nachher alles in Ordnung ist, wenn der Chef, also ihr Mann, seine Rede hält.“ Er sah aus, als wäre er der beste Kunde des Fitness-Studios im dritten Stock. Eine leichte Röte überzog sein Gesicht, als er Emmy anlächelte.

Was erlaubte der sich, dachte sie und deutete völlig unnötigerweise auf die Knöpfe der Sprechanlage.

„Emmy!“, rief da eine tiefe Stimme. Luise, frisch aus New York eingeflogen. Wie sie dastand, in ihrem roten, bodenlangen Kaftan. Alles an ihr war rot, die Haare, der Mund, die Fingernägel. Sie liebte es aufzufallen. Das musste man als in die Jahre gekommene Aktionskünstlerin wohl auch. Die Zeiten, in denen sie sich nackt mit Stacheldraht umwickeln ließ, waren schon lange vorbei.

Schnell verließ Emmy das Podium über die Seitentreppe und ging ihr entgegen. Luise musterte sie von oben nach unten. In der Boutique hatte das graue Kostüm mit seiner silbernen Bluse sehr edel gewirkt. Jetzt fühlte Emmy sich erbärmlich.

„Und, wo sind deine Kunstwerke?“, fragte Luise und wies mit einer ausladenden Geste auf die Wand hinter dem Rednerpult.

Aber Emmy sah immer noch nicht hin. Sie kannte den Anblick: Meterhohe rote Zacken, die an schwankende Börsenkurse erinnerten und mit kräftigen Pinselschwüngen auf tausende kleine Passfotos gesetzt waren. „Die Krise“ hieß das Gemälde sinnigerweise. Luise hatte es für die Kanzlei zur heutigen Hundertjahrfeier gemalt. Schließlich war sie eine König, die Enkelin des Firmengründers und Tante von Tilman, Emmys Mann.

„Meinst du nicht, dass du ins Senckenbergmuseum mit seinen Dinosaurierskeletten gehörst? Du letzte Hausfrau des neuen Jahrtausends.“

Emmy atmete tief durch und strich eine störrische Haarsträhne hinter ihr Ohr. Nur nicht aus der Ruhe bringen lassen, heute nicht.

„So ein Bild ist schneller fertig als ein Buch.“ Ihre Stimme zitterte, und ihr Herz schlug stärker als sie es wollte. Luise schlenderte zu den Panoramafenstern an der Seite des Saales.

„Die perfekte Ergänzung für meine ‚Krise‘.“ Sie deutete auf das Frankfurter Bankenviertel.

Gerade führte Tilman die Justizministerin zu ihrem Platz, gleich war es soweit. Emmy legte den Arm hinter Luises Rücken und versuchte, sie zu den Stühlen zu schieben.

„Banker!“ Luise schüttelte Emmys Hand ab. „Geld verdirbt den Charakter, hatte schon mein Großvater gewusst.“

„Dann gehört das Bild wohl besser in eine Bank, oder?“, konnte Emmy es sich nicht verkneifen. Zum Glück sprang Tilman gerade die kleine Treppe zum Podium hoch. Es würde endlich anfangen, und Luise musste still sein. Aber natürlich nahm Luise als eine der letzten mit ausufernden Gesten neben Emmy Platz.

„Herzlich Willkommen!“, erklang Tilmans Stimme ohne Störung aus den Boxen. Emmy nickte dem an der Tür stehenden Hausmeister zu, der daraufhin den Saal verließ.

Nach der Begrüßung sprachen die Justizministerin und die Oberbürgermeisterin. Und dann war endlich der Moment für Tilmans Rede gekommen war.

„Meine Schwester Patrizia und ich sind sehr stolz darauf, eine lange Familientradition fortsetzen zu dürfen.“

Zum Glück hatte sie ihm die stahlblaue Krawatte ausgesucht. Sie hob sich so wohltuend von den roten Zacken im Hintergrund ab.


(...)

Autor: Ulrike Sosnitza
Buch: Ein Klick zu viel
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