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Annette_F

vor 7 Monaten

In jungen Jahren war mein Vater eine auffällige Erscheinung: eine Art menschlicher Kleiderschrank mit Haaren im Farbton von Strandhafer und ungleichen Augen: eins blauer, eins brauner. Im Alter von 26 Jahren stieg Henry an einem Sonntag in Kiel in den Zug und ergatterte den letzten Platz in einem Sechser-Abteil. So kam er zwischen einer 90-Jährigen und einer jungen Brünetten zu sitzen, die in einem Schnittmuster-Heft blätterte. Die Brünette, die den Fensterplatz innehatte, rückte soweit es ging von meinem Vater ab und konzentrierte sich auf die Nähanleitung für ein Bolero-Jäckchen, wodurch sie meinen Vater derart reizte, dass er aus Boshaftigkeit ein Gespräch mit der alten Dame anfing.

Wohin sie denn wolle, fragte mein Vater.

Sie verstehe nicht, schrie diese zurück. Sie sei ein wenig schwerhörig. Ob der junge Mann vielleicht ein bisschen lauter sprechen könne?

Wohin sie denn wolle, dröhnte mein Vater der Frau ins Ohr. Laut zu sprechen machte ihm nichts aus. Weil er in Schiffsbäuchen arbeitete, war er den Umgang mit hohen Dezibel-Zahlen gewohnt. Und so trompeteten die alte Dame und er sich Informationen über die Wetterlage zu, über Abfahrtsort, Anschlusszüge und Zielbahnhof. Schließlich landeten sie bei der Familie.

Sieben Enkel und zwei Urenkel, schrie das Mütterchen, aber da werde er sicher auch hinkommen, ein so gutaussehender Junge wie er. Ob er denn schon verheiratet sei?

„Durchaus“, schrie mein Vater, „aber nicht mit einer Frau.“

Bis zu diesem Punkt hatten die Reisegenossen noch versucht, über die doch recht öde Unterhaltung hinwegzuhören. Jetzt hatte mein Vater ihre gesammelte Aufmerksamkeit.

Die Oma schien etwas verunsichert, ging dann aber von einem Hörfehler aus. Verheiratet, das sei gut. Und Kinder?

Nein, versicherte mein Vater. Keine Frau, keine Kinder.

Das verstehe sie nicht, befand das Mütterchen, nun deutlich irritiert. Was sei er denn nun? Verheiratet oder nicht?

„Verheiratet“, schrie mein Vater. „Mit einem Dieselmotor. Ich bin Schiffsmechaniker.“

Rechts von meinem Vater versuchte die distanzierte Brünette, ihre Atmung zu kontrollieren. Mein Vater schielte auf sie hinunter. Er stellte fest, dass die Zeitschrift, die sie so angestrengt las, falsch herum auf ihrem Schoß lag. Außerdem bemerkte er, dass sie dichte Wimpern hatte und dass ihre Oberlippe sich beim Lächeln an einer ungewöhnlichen Stelle nach oben zog. Er beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Das war 1963. 

Autor: Annette Freudling
Buch: Meerzahl
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