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NadineStenglein

vor 1 Jahr

Kleine Leseproben aus Rubinmond :)

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Aurelio

Silbern spiegelte sich der Vollmond auf der glatten Wasseroberfläche des Sees, in dessen Nähe wir unsere Zelte aufgeschlagen hatten. Ich ließ meine Blicke durch die grüne Landschaft schweifen. Es war schön und dennoch merkwürdig zugleich, denn je genauer ich sie mir betrachtete, desto bekannter kam sie mir vor. Ein Gefühl von wohliger Wärme durchschlich mich – ich wollte mehr davon und genoss daher jede Sekunde. Es war mir, als wäre ich schon einmal hier gewesen. Ich durchforstete meine Erinnerungen und nach einer Weile wurde ich tatsächlich fündig. Diese war allerdings aus einem Traum geboren, also nicht wirklich. Ein Traum, in dem auch er wieder aufgetaucht war. Er, in den ich mich verliebt hatte, den es aber in Wirklichkeit nicht gab und der auch in all den Träumen, in denen ich ihm begegnete, kein gewöhnlicher junger Mann war. Nur, was genau er war, hatte ich irgendwie vergessen. Aber ich kannte seinen Namen - James. Ich sah sein hellhäutiges Gesicht mit den weichen, makellosen Zügen. Die vollen, blassroten Lippen. Und diese markanten Augen, in denen ein tiefblaues Meer wogte, in welches ich jedes Mal eintauchte. Wie ich es liebte, mit den Fingern in seinem kurzen schwarzen Haar zu wühlen; und die Art wie er sprach – seine Stimme klang sanft und elegant. Jedes Mal wenn wir uns küssten, musste ich mich auf die Zehenspitzen stellen, so groß war er. Ich presste eine Hand auf meine Brust und fühlte den schnellen Schlag meines Herzens. Aus den Tiefen meines Inneren kroch Sehnsucht empor, die ich mit nichts stillen konnte und die über mich schwappte wie stürmische Meereswogen, in denen ich zu ertrinken drohte.
James war mit keinem Jungen, dem ich bisher begegnet war, vergleichbar. Nach jedem Traum war alles, was mir von ihm blieb, dieses Gefühl der Sehnsucht. Vermischt mit der Hoffnung, ihn bald wiederzusehen, sobald ich die Augen schloss.

Mittig:

James bremste ein wenig ab. „Schau mich an, Faye!“, schrie er und ich spürte, wie er an mein Kinn fasste und meinen Kopf in seine Richtung drehte. Unsere Blicke trafen sich kurz, und mir wurde wieder ein wenig klarer. James riss das Lenkrad herum und brauste in die andere Richtung weiter.
„Dion ist ein Fuchs. Er hat seine Truppe geschickt gestreut.“
„Was jetzt?“, wollte ich wissen und merkte, wie dünn und zittrig meine Stimme auf einmal wieder klang.
Beinahe gleichzeitig tauchten hinter und vor unserem Wagen mehrere Fahrzeuge auf.
„Die nehmen uns in die Mangel“, sagte James. Ich blickte mich um. Unsere Verfolger waren schnell und fuhren bereits dicht auf, während James versuchte, den anderen auszuweichen.
Ich hatte solche Angst, dass ich glaubte, mein Herz könnte mir vor Aufregung jeden Moment aus der Kehle springen, und schlug die Hände vors Gesicht.
„Geschafft!“, rief James Sekunden später.
Ich spreizte die Finger und blickte hindurch.
Der Wagen geriet ins Schlingern. In letzter Sekunde schaffte es James ihn wieder auszubalancieren. Danach trat er das Gaspedal durch. Die tanzenden Lichter im Spiegel bedeuteten nichts Gutes.
„Wenn wir wieder aus dem Wald raus sind, dann schau auf keinen Fall mehr Richtung Mond, Faye.“
„Okay“, stammelte ich und umfasste den Türgriff so fest, dass meine Finger schmerzten. Abwechselnd starrte ich nach vorne, zu James und in den Außenspiegel. Die Lichter kamen näher...



Ich ging die Stufen hinab, die mir Dr Wieland beschrieb. Weiter und weiter, tiefer und tiefer. Dabei löste sich die Dunkelheit, die mich umgab, allmählich auf. Irgendwann erschien ein Tor vor mir, welches bis in den Himmel zu reichen schien. Ich erkannte nur die Umrisse – sandfarbene Steine, die sich perfekt zueinander fügten. Das Tor selbst war mit einem grauen Nebelschleier verhangen.
„Tritt hindurch, hab keine Angst.“
Nach nur einem Schritt hielt ich wieder inne, mein Körper war wie blockiert. „Ich kann nicht“, flüsterte ich.
„Dir kann nichts geschehen. Nur Mut!“, sprach er mir zu. Ich atmete durch und stellte mir vor, dass James an meiner Seite ging, was mir schließlich wirklich half, die Schwelle zu passieren. Es war sogar leichter als gedacht. Hinter dem Tor lichtete sich das Bild und ich fand mich in einer wunderbaren Landschaft wieder, die erfüllt war mit verschiedenen wohlriechenden Düften. Erstaunt ließ ich die Blicke schweifen. Sofort durchströmte mich ein heimeliges Gefühl. Nicht nur, dass mir die Umgebung bekannt vorkam, ich liebte diesen Ort und wusste sogar, was hinter der nächsten Abbiegung zu finden war. In mir begann das Adrenalin zu kochen. Ich lief drauf los und öffnete erstaunt den Mund. Er war tatsächlich da – der kleine Steinbrunnen mit einer Engelsfigur, aus deren Mund ein dünner Wasserstrahl ins Becken mündete, mal stärker, mal schwächer.
„Was siehst du, Faye?“, hörte ich Dr Wielands Stimme. Es kam mir vor, als töne sie direkt aus dem blauen Himmel, der sich über dem Garten spannte. Ähnlich einem unsichtbaren Lautsprecher.
Der parkähnliche Garten war umrandet von einer hüfthohen Buchshecke, hinter welcher eine Stadt lag. Ich wusste nicht, wie sie hieß, aber ich wusste genau, in welchem Land ich war und sogar in welchem Jahr. Tränen stiegen mir in die Augen.
„Faye? Erzähl mir wo du bist“, bat Dr Wieland.
„In Südfrankreich … Es ist der 16. September 1666...


Autor: Nadine Stenglein
Buch: Rubinmond
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