Leseprobe - Was sag ihr dazu?

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Eva-Maria_Sammer-Smetana

vor 3 Jahren

Leseprobe

Was, wenn es kein Morgen mehr gibt?

München, Frühling 2001

Ich kann kaum atmen. Meine Arme und Beine fühlen sich an, als ob sie aus Zement wären. Langsam versuche ich meine Augen zu öffnen, um mir Klarheit zu verschaffen, wo ich eigentlich bin. Doch mir fehlt die Kraft, meine Augenlider zu bewegen. Warum bin ich bloß so schrecklich müde und erschöpft? Auf meinem Brustkorb müssen sich Ziegelsteine befi nden. Alles an mir fühlt sich so unendlich schwer und erdrückend an. Kann denn niemand diese Steine von mir nehmen? Ich ringe zunehmend um Luft, doch auch das gelingt mir aus eigener Kraft fast nicht mehr. Wenn mich nicht bald jemand von dieser Last auf meinem Oberkörper befreit, wird meine Atmung völlig zum Erliegen kommen. Da ich selbst nichts dagegen tun kann, bleibt mir nur noch die Möglichkeit, jemanden auf mich aufmerksam zu machen. Der Versuch, meine Lippen zu bewegen, um mich bemerkbar zu machen, scheitert. Obwohl ich mich bis jetzt noch keinen einzigen Millimeter rühren konnte, erscheint mir schon alleine der Gedanke daran ein extremer Kraftakt zu sein. Ich versuche meine letzten Energiereserven zu mobilisieren, um meine Finger zu bewegen. Zumindest die schweren Brocken, die sich auf meinem Brustbein befi nden, versuche ich zu ertasten. Egal wie sehr ich mich auch anstrenge, ich habe keine Kontrolle mehr über meinen Körper. Er bewegt sich nicht. Meine Erschöpfung wird zunehmend stärker und gewinnt schließlich die Oberhand. Nach und nach verlässt mich mein letztes Stückchen Kraft.

Als ich mein Bewusstsein wiedererlange, gelingt es mir, meine Lippen nun ein kleines Stück weit zu bewegen. Ich habe zwar keine Ahnung, was in der Zwischenzeit passiert ist, aber ich bekomme nun endlich wieder genügend Sauerstoff. Es ist zwar ein Hauch von Leben in mich zurückgekehrt, doch es scheint mir unmöglich zu sein, auch nur ein einziges Wort zu sagen. Kein einziger Ton verlässt meinen Mund. Bin ich stumm? Habe ich womöglich verlernt, Wörter und Sätze zu bilden? Oder hat mein Gehirn etwa gänzlich die Fähigkeit zum Sprechen verloren? Nein, das ist völlig unmöglich. Ich kann schließlich in Wörtern und Sätzen denken. Aber warum finden sie den Weg aus meinem Kopf nicht in meinen Mund? Langsam versuche ich meine Augen zu öffnen. Es klappt nicht auf Anhieb. Ich wage einen neuerlichen Anlauf. Jetzt sind meine Augen zwar einen Spalt weit geöffnet, dennoch kann ich nicht viel erkennen. Um mich herum ist es sehr hell. Dieses grelle Licht schränkt mein Sehvermögen sehr stark ein. Es ist fast unmöglich, die Augen auch nur ein kleines Stück weit offen zu halten. Nur sehr langsam gewöhnen sich meine Pupillen an die Umgebung. Nach und nach lassen sich meine Augenlider etwas weiter anheben. Ganz dicht neben mir nehme ich eine vertraute Stimme wahr. Es ist die Stimme meiner Mutter. Nun kann ich eine Bewegung auf meinem Gesicht spüren. Sie streicht langsam mit ihrem Handrücken über meine Haut. Ich kann ihren Ring an meiner Wange fühlen. Mama versucht mir zu sagen, dass ich intubiert wurde und deshalb nicht sprechen kann. Woher weiß sie denn, was ich denke? Zumindest bin ich nicht taub. Mein Gehörsinn funktioniert einwandfrei. Das ist aber auch das einzige Sinnesorgan, worauf ich mich noch verlassen kann. Krampfhaft versuche ich, mit meinen Augen eine Bewegungsrichtung für meinen Kopf vorzugeben. Nur schwerlich lässt er sich wenige Millimeter nach links drehen. Jetzt kann ich sie erkennen. Glücklich darüber, dass ich nicht alleine bin, versuche ich zu lächeln. Die Kräfte beginnen wieder zu schwinden. Meine Augenlider werden schwerer. Diese kleine Veränderung meiner Blickrichtung bedeutet für meinen Körper eine enorme Anstrengung. Jeder Atemzug fühlt sich an wie Tausende winzig kleine Nadelstiche...

Autor: Eva-Maria Sammer-Smetana
Buch: Bonfire Heart
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