Leseprobe aus "Distant Shore"

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Tanja_Bern

vor 3 Jahren

Auf dem Weg nach Farranfore verdichteten sich die Wolken und verdüsterten die Landschaft. Wind kam auf und Ben schätzte, dass er vom Meer kam, denn als er das Fenster herunterfuhr, schmeckte er die salzige Luft der See. Ein Regenguss kam so heftig, dass er binnen Minuten völlig die Sicht auf der Autobahn verlor.

„Verflixt, als ob der Linksverkehr nicht schon genug Probleme macht“, murrte er.

Sturmböen griffen nach seinem Wagen und Ben konnte das Fahrzeug kaum auf der Spur halten. Als sein Handy das GPS verlor und er nur noch anhand der Beschilderung weiterkam, verlor er zuweilen die Orientierung. Der Sturm peitschte über die Hügel und fegte Äste von Sträuchern auf die Straßen. Bei Castleisland fiel es Ben schwer, die richtige Abzweigung zu finden und er bog Richtung Tralee ab. Viel zu spät bemerkte er, dass dies ein Fehler war, denn hier fand er keine Verbindung mehr nach Farranfore.

Immer noch wütete das Wetter. Die Wolken neigten sich so weit zur Erde, dass sie die Hügel zu verschlingen drohten. Mittlerweile fuhr Ben nur noch im Schritttempo, kein anderes Auto schien auf den Straßen zu sein.

So rasch wie das Unwetter gekommen war, verschwand es unerwartet und Ben blickte ungläubig auf vereinzelte Sonnenstrahlen, die sich bereits ihren Weg durch die graue Wolkenwand suchten.

Dann blitzte am südwestlichen Himmel etwas Blaues hervor. Das Meer?

Auf Kristins CD sang die Sängerin Órla Fallon von entfernten Küsten …

Ben wollte sehen, wie der Wind die Wellen an den Strand schlug. Er wollte von Irland auf den Nordatlantik schauen!

Spontan bog er in einen Weg, der augenscheinlich zum Strand führte. Dies bereute er allerdings recht schnell, denn Schlaglöcher und Schlammpfützen machten ein Fortkommen bald unmöglich. Der Wagen holperte noch ein Stück weiter und blieb dann stecken. Die Reifen drehten durch und Ben schaltete genervt die Zündung ab.

„Na, das klappt ja alles ganz prima.“

Dem Wetter traute Ben noch nicht wirklich, deshalb wartete er noch ein wenig ab, bis er schließlich ausstieg.

Klare Luft wehte ihm entgegen. Sie brachte den Geruch nach Meer, Torf und feuchten Wiesen mit sich. Für einen Moment schloss Ben die Augen, sog die Düfte in sich ein. Trotz des Unwetters fühlten sich die Temperaturen mild an. Leises Blöken tönte über die grasüberwachsene Fläche. Einige Schafe, die Schutz vor dem Regen gesucht hatten, trotteten in seine Richtung. Ben blickte sich weiter um. Von seiner Position aus konnte er bereits einen Zipfel vom Meer sehen. Links von ihm erhob sich ein erdfarbener Hügel.

Er ließ sein Fahrzeug zurück und ging die schlammdurchweichte Straße hinab. Sie endete an einer breiteren Fläche, wo Ben vermutete, dass man hier bei normalem Wetter sein Auto abstellen konnte, und ging in einen Pfad über, der durch kurzes Gras verlief. Je näher Ben dem Meer kam, desto mehr Sand fand sich zwischen den Halmen. Dann bot sich ihm ein wunderschöner Ausblick.

Wie dunkle Tinte schwappte die See an den Strand, weiße Schaumkronen trieben auf der Oberfläche. Die Wolkendecke riss auf und die Sonne warf glitzernde Schemen auf das bewegte Wasser, tauchte die Umgebung in goldenen Schein. Am Strand hob ein helles Pferd aufmerksam den Kopf in seine Richtung. Es lief allein durch die Brandung. Verwundert sah sich Ben um.

Nein, nicht allein, dachte er.

Weiter hinten sah er eine schlanke Gestalt mit flatterndem Haar. Suchend blickte sie auf den Sand, hob von Zeit zu Zeit etwas auf und trug es zurück ins Meer.

Dies war also die Küste, die Kristin so geliebt hatte.

When you dream of me, dream when I'll meet you. On that distant shore …, erinnerte er sich an Órla Fallons Lied, das Kristin an den Anfang ihrer CD gesetzt hatte. Er wünschte sich nichts mehr, als sie hier wiederzusehen − doch das blieb ein unerfüllter Traum.

 

*

 

Hanna linste zu ihrer Stute Bríd. Sie tänzelte in den vorderen Wellen und tollte am Strand wie ein Hund. Belustigt beobachtete sie einen Moment ihr Pferd, dann fiel ihr Blick wieder auf einen Seestern, der verloren im Sand lag. Behutsam hob sie ihn auf und brachte ihn zurück in das sichere Wasser. Ein Wiehern ließ sie aufhorchen, denn sie kannte Bríds Laute gut.

War dort jemand?

Oben in den Dünen stand ein junger Mann und schaute auf sie herab. Wie lange mochte er schon hier in der Gegend sein? Hatte er sich im Unwetter verlaufen? Sie selbst war noch nicht lange hier, war durch den Regen her geritten, um die Seesterne zu retten, die oft nach einem Sturm an den Strand gespült wurden. Ihr Onkel lachte immer über ihre Eigenarten, doch Hanna kümmerte sich nicht darum.

Das Blöken der Schafe drang bis zum Strand herunter und sie fragte sich, ob Cormacs Tiere wieder ausgebüchst waren.

Der Mann lief den kleinen Pfad hinab und ging auf Bríd zu. Sein blondes Haar war windumtost und er suchte Augenkontakt zu ihr. Fragend sah er sie an. Um zu verdeutlichen, dass er ruhig zu ihrem Pferd gehen könne, nickte Hanna ihm zu.

Unsicher näherte er sich Bríd. Die Stute schnupperte neugierig an seiner Jacke. Vorsichtig streichelte er ihr über die Nüstern. Bríd senkte den Kopf und schubberte sich an ihm − so enthusiastisch, dass der Fremde aufgrund ihrer Kraft zurückstolperte. Amüsiert grinste Hanna.

Ihr Border Collie Charly kam mit hängender Zunge aus den Dünen geprescht und raste ins Wasser. Belustigt schüttelte Hanna über ihre Tiere den Kopf. Ihr Onkel sagte immer, sie wären genauso verrückt wie sie.

Suchend schaute Hanna in das angespülte Treibgut. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Ein winziger Seestern war mit den dunklen Algen angespült worden. Er hatte die Größe ihres Daumennagels. Behutsam hob sie ihn in ihre Handfläche und betrachtete das kleine Meereswesen, das ohne ihre Tat hilflos im Sand vertrocknen würde.

„Hier ist noch einer“, sagte plötzlich der Fremde direkt neben ihr. Sie hatte ihn nicht bemerkt.

Mit funkelndem Blick schaute Hanna ihn an. Er sah gut aus mit dem kurzen Haar, das vom Wind abstand, und den grauen Augen, die in seinen Tiefen einen melancholischen Zug vermuten ließen.

„Danke.“ Sie nahm ihm vorsichtig den Seestern ab. Ohne sich weiter um ihn zu kümmern, ging sie zum Wasser, watete in die Wellen und brachte die beiden Tiere in ihren gewohnten Lebensraum.

„Können sie nicht selbst zurückkrabbeln?“, fragte der Fremde.

Hanna drehte sich zu ihm um. Eine Welle schwappte so hoch, dass ihre Hose vom Meer umspült wurde. Sie schüttelte den Kopf. „Sie würden langsam vertrocknen und sterben.“

„Das wusste ich nicht.“

Bríd trabte zu ihnen.

„Vorsicht! Sie wirft dich sonst um.“

Der Mann drehte sich um und konnte dem Pferd gerade noch ausweichen.

Hanna zuckte mit den Schultern. „Sie ist ein freches Biest.“ Sie fasste nach den Zügeln und zog Bríd zärtlich zu sich heran, küsste sie auf die Nüstern.

„Ich heiße Ben.“

Charly stürmte heran und begrüßte ihn, als würde der Hund ihn bereits kennen. Die schmutzigen Sandpfoten ignorierte Ben und streichelte den Border Collie ausgiebig.

„Mein Name ist Hanna. Hast du dich verlaufen?“

„Eher verfahren. Mein Auto steckt oben im Schlamm fest.“

Hanna lachte auf. „Dann hast du jetzt ein weiteres Problem. Cormacs Schafe lieben Autos.“

Ben entgleisten die Gesichtszüge. „Ich verstehe nicht. Werden sie den Wagen …“

Sie winkte ab. „Sie machen nichts kaputt, keine Sorge. Aber sie belagern parkende Autos.“

„Oh, okay. Dann … dann werde ich sie wohl vertreiben müssen.“

Ein Grinsen konnte sich Hanna nicht verkneifen. „Du kannst es versuchen.“

Die sturen Viecher reagierten nur auf gälische Zurufe und Charly würde mit ihnen weitaus besser zurecht kommen.

Hanna beugte sich hinab und holte eine wunderschöne Muschel aus dem Sand. Aus einem Impuls heraus gab sie ihm das Meereskleinod. „Vielleicht bringt sie dir Glück.“

Verdutzt nahm Ben sie entgegen. Sie schenkte ihm ein kleines Lächeln, rief Charly zu sich und wanderte weiter den Strand entlang.

Warum wirkte er so verloren? In seinem Blick lag eine Sehnsucht, die sie nicht deuten konnte − und Trauer. Sie sah sich zu ihm um. Er betrachtete die Muschel und schaute ihr dann verunsichert nach. Ihr Herz machte einen Satz, als sie ihn auf diese Weise zurückließ.

 

*

 

Ben starrte auf die Muschel, die Hanna ihm gegeben hatte. Das Innere schillerte in der Sonne und schien einen Zauber zu bergen. Die Oberfläche erstrahlte in klarem Weiß und war glatt geschliffen. Er sah auf. Hannas Haar schlang sich wie kupfergoldene Algen um ihre schmale Gestalt. Die Augen schimmerten blaugrün wie das Meer.

Abrupt löste sie den Blick, rief ihren Hund zu sich und schlenderte davon. Nur einmal sah sie sich mit einem seltsamen Ausdruck um.

Wie bei Phil Gallagher barg diese Frau für ihn eine Vertrautheit, die er tief in der Seele spürte, aber nicht einzuordnen wusste.

Versonnen lächelte Ben. Kristin hatte Recht. Auf diesem Land lag ein Zauber und er wurde von den besonderen Menschen, die hier lebten, verströmt.

Mit der Muschel in seiner Hand ging er den Pfad zurück zu den Dünen. Nur einmal stockte er. Einen der Seesterne hatte Hanna übersehen. Bewegungslos verharrte das Meerestier im Sand und wartete auf den unvermeidlichen Tod. Ben steckte die Muschel in die Hosentasche und hob ihn auf. Ob er vielleicht gar nicht mehr lebte?

Hanna verschwand hinter einer Biegung und konnte ihm diese Frage nicht beantworten. Schulterzuckend trug Ben den Seestern zu einem Felsen im Meer. Dort setzte er ihn ins Wasser. Zaghaft hob sich einer seiner fünf Arme und Ben lächelte.

Wie hatte Kristin sie früher genannt?

Sterne der See.


(aus den Kapiteln "Entfernte Küste" und "Sterne der See")

 

Autor: Tanja Bern
Buch: Sterne der See
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