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Ein LovelyBooks-Nutzer

vor 4 Jahren

Der Duft der Maiglöckchen

Leseprobe:
Es war nicht so, wie es schien. Kommissar Berger hatte seinen Beruf geliebt. Er konnte nichts daran ändern, dass seine Mundwinkel nach unten hingen, unter seinen blauen Augen schwarze Schatten lagen und seine Stirn tiefe Falten aufwies.
Er hatte immer so ausgesehen. Nur seine ehemals braune Lockenpracht wich einem spärlich grauen Haarkranz, der heute sein Haupt bedeckte. Er war Single, da er nie auf den Gedanken gekommen war, zu heiraten. Frauen hatten für ihn etwas Rätselhaftes, Mystisches an sich. Er hatte nicht gelernt, damit umzugehen und wollte es nicht mehr lernen. Er war auch so gut
zurechtgekommen.
Nun war er fünfundsechzig Jahre alt, pensioniert und konnte seinen Ruhestand genießen. Er hatte sich ein kleines, weiß verputztes Häuschen mit grünen Fensterläden und einem roten Ziegeldach gekauft. Das Häuschen lag nur ein paar Hundert Meter vom Waldrand entfernt. Es gab darin eine Küche, ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer und ein Gästezimmer. Das
Gästezimmer war genau genommen überflüssig. Besuch erwartete er sowieso keinen. Er hatte weder Freunde noch Verwandte. Aber er konnte in diesem Zimmer seine alten Akten aufbewahren, in denen er immer wieder gerne stöberte. Und das Wandern lag ihm im Blut. Dafür war Schrobenheim ein ausgezeichnetes Fleckchen Erde.
Berger liebte es, durch die Wälder zu streifen und die klare Luft einzuatmen. Er liebte den Geruch der Tannennadeln und die Stille in den Wäldern. Dem Rauschen der Blätter im Wind und dem Gesang der Vögel konnte er stundenlang zuhören.
An einem herrlichen Maitag machte er sich auf den Weg in den Wald.
Er hatte sich vorgenommen, den ganzen Tag zu wandern.
Berger schritt kräftig aus. Bald würde er den Waldrand erreicht haben. Die Glocken der nahen Kirche schlugen neunmal, der Wind war mild und streichelte seine Wangen. Fröhlich pfiff er eine kleine Melodie, die er schon seit seiner Kindheit kannte: „Das Wandern ist des Müllers Lust.“ Er erinnerte sich noch gut an den Tag, an dem er dieses Lied zum ersten Mal gehört hatte. Das war damals als …
Ein dumpfes Geräusch, das aus dem Wald kam, durchdrang die Stille. Berger zuckte zusammen. Das war ein Schuss gewesen! Auch wenn er nicht mehr im Dienst war, reagierte er unweigerlich so, wie es ihm seine jahrelange Berufserfahrung eingab. Er rannte los so schnell er konnte und tastete dabei nach einer Waffe, die er natürlich nicht dabei hatte. Dabei stolperte er über einen Maulwurfshügel, konnte sich eben noch abfangen, bevor er auf die Nase fiel, und kam keuchend oben an. Doch er war zu spät gekommen. Im Wald raschelte etwas. Berger sah eine kleine dunkelhaarige Frau, die eine Pistole in der Hand hielt, durch das Gehölz flüchten. Dicht am Waldrand lag ein kleiner stämmiger Mann, der mit offenen blauen Augen in den Himmel starrte. Durch das weiße Hemd sickerte Blut. Berger sah; der Schuss hatte ihn mitten ins Herz getroffen. Da war nichts mehr zu retten. Er kannte die Einwohner von Schrobenheim nicht alle. Aber Gernot Winter, der hier vor ihm auf dem Boden lag, den hatte er gekannt. Die Dame mit der Pistole musste die Frau aus Polen sein, die seit einiger Zeit Gernot Winters zweite Gattin gewesen war. Entsetzt musterte er die Leiche und überlegte sich, ob er der Frau folgen sollte. Aber er stand wie festgewachsen im Gras. Etwas Unbestimmbares, das er nicht greifen konnte, hinderte ihn daran. Tatsache war, auch Herr Winters erste Frau Barbara hatte versucht, ihren Mann zu ermorden. Sie war verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Trotz ausführlicher Recherchen war sie nicht gefunden worden.
Berger hielt es sogar für möglich, dass ihr Mann sie getötet hatte. Man musste mit allem rechnen. Die Menschen waren schlecht und verdorben. Und das war ein Fall, den er nie gelöst hatte. Er würde ihn bis zu seinem Ende beschäftigen. Denn für Kommissar Berger durfte es keinen Fall geben, den man nicht aufklären konnte.

Inhalt: Schrobenheim ist eine Kleinstadt mit gepflegten Vorgärten, neugierigen Nachbarn und ordentlichen Familienverhältnissen. Wer hier aus der Reihe tanzt, der bekommt gesellschaftlich keinen Fuß mehr auf den Boden. In diese kleingeistige Atmosphäre zieht die junge Barbara Winter. Ihr Ehemann Gernot ist ein waschechter Schrobenheimer und kann nicht verstehen, dass seiner Frau die Kleinstadtidylle nicht so recht gefallen will. Doch damit soll bald Schluss sein, denn Gernot hat ein Verhältnis mit Barbaras Arbeitskollegin Veronika und plant mit ihr Barbaras vorzeitiges Ableben. Die junge Frau wird reich erben, wenn ihr Vater, der derzeit noch in einem Pflegeheim dahinvegetiert, stirbt – was nur noch eine Frage der Zeit ist. Doch der Zufall funkt dazwischen und das Opfer erfährt von den Mordplänen, dreht den Spieß um und bald stecken alle Beteiligten in einem Skandal, den Schrobenheim noch nicht erlebt hat!





Buch: Der Duft der Maiglöckchen
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