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Tanja_Bern

vor 3 Jahren

DIE FAHRENDEN

Westmorland 1764

Die hügelige Landschaft rauschte förmlich an mir vorbei, als ich über die Felder und Wiesen ritt. Auf meinem Pferd fand ich endlich die Freiheit, nach der ich mich so sehr sehnte. Hier draußen war ich einfach nur John − nicht der Sohn eines Adligen. Diese Augenblicke, wenn ich über das feuchte Gras galoppierte, genoss ich insgeheim. Wind wehte mir das Haar aus dem Gesicht und ich fühlte mich frei. Erst als die Hufe meiner Stute im Schlamm eines Ackers versanken, verminderte ich das Tempo, und wir schritten gemächlich Richtung Fluss.
Überrascht zügelte ich meinen Schimmel, als vor mir einige Pferdewagen auftauchten. Zigeuner? Meine Stute tänzelte ungeduldig und ich strich ihr über den Hals. „Ruhig“, murmelte ich und starrte zu den Fremden hinüber.
Mein Vater wäre nicht begeistert, wenn er wüsste, dass sich Fahrende hier am Fluss niedergelassen hatten. Unentschlossen ließ ich die Zügel lockerer, ritt langsam auf sie zu. Sollte ich sie vertreiben? Würden sie überhaupt auf mich hören?
Die Leute sahen kurz auf, als ich mitten in ihr Lager ritt, ignorierten mich aber großteils. Mein Pferd warf nervös den Kopf hin und her. „Nun hör schon auf“, ermahnte ich es leise und zog die Zügel enger. Einige hielten nun doch inne und starrten mich an. Ich musste etwas sagen!
„Was soll das hier werden?“, fragte ich und kämpfte immer noch mit meiner Stute.
„Wir lagern hier“, antwortete ein älterer Mann gleichgültig.
„Das ist nicht zu übersehen. Und wer hat euch das erlaubt? Ihr seid auf dem Land meines Vaters.“
Sie reagierten einfach nicht. Es war ihnen schlicht egal, was ich sagte. Ärger keimte in mir auf, doch mir blieb jegliches Wort im Hals stecken. Ein junger Mann stand unerwartet vor mir, strich meiner Stute sanft über die Nüstern und schaffte es, sie zu beruhigen. Braune Locken umrahmten sein Gesicht. Die dunklen Augen sahen mich prüfend an.
„So nervös?“, sagte er dann leise zu dem Pferd.
Ich holte tief Luft. Es hatte mir die Sprache verschlagen! Ich räusperte mich, versuchte mich zusammenzureißen, doch ich konnte ihn nur anstarren. Ein Lächeln huschte über seine gut aussehenden Züge und scheinbar belustigt schüttelte er leicht den Kopf, wandte sich ab.
Ich fühlte mich entlarvt! „Bleib stehen!“, brachte ich hervor.
Er gehorchte, drehte sich jedoch nicht um. „Hier ist kein Platz für Befehle. Wir sind keine Eurer Dienstboten.“ Dann ging er davon und verschwand hinter einem der Pferdewagen.
Einen Moment verharrte ich verdutzt. Unsicher schauten einige zu mir auf und ich brachte es nicht übers Herz, sie fortzujagen. Also wendete ich mein Pferd und flüchtete.
Ein Regenschauer überraschte mich. Nach Hause wollte ich trotzdem nicht. Ich zügelte mein Pferd und hielt das Gesicht in das kühle Nass. Meine Schimmelstute nutzte meine Unaufmerksamkeit und zupfte an einigen Gräsern. Ich beugte mich vor, wollte ihren Kopf behutsam hochziehen, aber sie schnaubte unwillig und stellte sich stur. Mit einem Schmunzeln sah ich auf mein Pferd, das nur Dummheiten im Kopf besaß.
„Du bist ein stures Biest und ich bin viel zu nachgiebig, weißt du das? Komm schon!“ Als ich mich durchsetzte, hob die Stute zwar den Kopf, buckelte aber. „Himmel, dann lauf zu!“ Diese Worte schienen für sie das Stichwort zu einem gnadenlosen Galopp zu sein, der mich bis in den Wald trug. Dort parierte ich sie durch und ritt im Schritt weiter.
Regen rauschte auf das dichte Laub der Wipfel, die nur vereinzelte Tropfen hindurchließen. Ich sah eine Weile dem Wiegen der Äste zu und dachte an den jungen Mann. Begann es wieder? Ich fragte mich, ob diese verwirrenden Gefühle je aufhörten?
Als Vater mir damals das erste Mal meine Frau Hellen vorstellte, fand ich ihre Sanftmut faszinierend, willigte später in die Heirat ein, in der Hoffnung, dass sie mir die Flausen aus dem Kopf trieb. Noch heute, nach fast sieben Ehejahren, bewunderte ich Hellen für ihre Geduld, ihre innere Ruhe, die unerschütterlichen Gefühle, die sie für mich hegte. Mehr noch als meine Schwester Deidre wurde sie eine Vertraute, doch ihre Gegenwart erinnerte mich jedes Mal daran, dass ich ihrer Liebe einfach nicht gerecht werden konnte. Denn meine geheimen Gedanken gingen in eine völlig andere Richtung, die ich niemals aussprechen durfte.
Wieder schweiften meine Überlegungen zu den Fahrenden. Der Ausdruck gefiel mir besser als Zigeuner, denn er verunglimpfte diese Menschen nicht. Die Augen des Mannes erschienen mir wie die Fenster einer Seele, auf die ich schon lange wartete. Würde er nun meine Träume beherrschen, wie damals Hellens Cousin? Oder wie der Stallbursche der O’Brians, den ich sehnsüchtig in meiner Jugend beobachtet hatte?
Ich seufzte auf. Konnte ich nicht einfach normal sein? Was brachten diese Gefühle, diese Träume mir? Nichts! Noch nie hatte ich ihnen in irgendeiner Weise nachgegeben, ich fügte mich stets den Wünschen meiner Familie.
Dieser Fremde beherrschte nun trotzdem mein Innerstes.
Nachdenklich stieg ich ab, starrte auf das Unterholz. Meine Stute wandte den Kopf und stupste mich an. Sie erspürte meine Stimmungen wohl besser, als jeder andere. Ich lehnte meine Stirn an ihre. Still verharrten wir in dem Zwielicht des kleinen Hains. Sie riss mich aus meinem düsteren Denken, indem sie wieder zu Unsinn überging. Ich stolperte fast auf den Weg, weil sie übermütig ihren Kopf an mir rieb. Mit einem Lächeln schubste ich sie zurück.
„Wenn du dich kratzen willst, nimm einen Baum!“, rügte ich sie.
Eine Weile wartete ich den Regen ab, lief ein Stück zu Fuß durch den Fichtenwald. Die Stute trottete hinter mir her. Als der Weg zurück auf die Felder führte, stach die Sonne hervor und leuchtete durch die Krone einer alten Eiche. Ihre warmen Strahlen ließen mich lächeln. Ich atmete tief durch, schwang mich wieder auf den Rücken meines Pferdes und ritt zwischen den niedrigen Trockenmauern, die unsere Felder begrenzten, zurück nach Hause.
Unser Herrenhaus stand zwischen hohen Buchen. Ein knorriger Kirschbaum drängelte sich zwischen die Laubbäume und der Efeu rankte sich von den Stämmen bis an die grauen Wände des Gebäudes. Der Vorgarten wirkte verwildert, weil das Geld fehlte, um einen Gärtner zu entlohnen, aber ich mochte es so.
Lilly-Ann, unser Stallmädchen, nahm mir die Stute ab und ich schlich zum Hintereingang, weil ich nicht wollte, dass man sah, wie feucht meine Kleider waren. An der Rückseite des Hauses bildeten Rosen eine fast undurchdringliche Barriere. Die roten Blüten ragten bis zu den Fenstern hinauf und wiegten sich im Wind. Meine Heimlichtuerei war vergebens, denn meine Frau Hellen erspähte mich, sobald ich eintrat.
„Wo warst du, John?“ Sie kam auf mich zu. Sorge umwölkte ihre sanften Gesichtszüge.
„Nur ausreiten“, antwortete ich wortkarg.
„Warum hast du mich nicht mitgenommen?“, antwortete sie mit einem traurigen Ausdruck.
Ich sah kurz zu meiner Schwester Deidre, die ruhig an einem Stickrahmen ihre Muster bearbeitete. Sie brauchte nichts zu sagen. Ihr geringschätziger Blick reichte völlig aus, um mir ihre Meinung mitzuteilen.
„Es tut mir leid, Liebes“, wandte ich mich wieder an Hellen. „Aber vielleicht war es auch besser, mich überraschte ein Regenschauer.“
„Das sehe ich“, sagte sie lächelnd. „Komm, ich lege dir etwas Trockenes bereit.“ Hellen wandte sich ab und ging die Treppe hinauf. Ich schaute ihr nach. Ihr hellbraunes Haar war hochgesteckt und sie trug ein schlichtes aber ausladendes Kleid, das sie nun vorne raffte, um nicht auf den Stufen zu stolpern. Anstatt ihr zu folgen, ließ ich mich in den Sessel neben Deidre fallen, die nun ihre Stickerei sinken ließ.
„Du solltest dich umziehen, John. Vater wird nicht begeistert sein, wenn er seinen Sessel feucht vorfindet.“
Ich starrte auf den Siegelring an meiner rechten Hand. „Ja, ich weiß.“
Deidre schnaubte leise, als ich keine Anstalten machte, mich zu erheben. Ich ignorierte ihre Missbilligung und sagte: „Es sind Fahrende auf unserem Land. Sie lagern unten am Fluss.“
„Und?“, fragte sie und zog die Augenbraue genauso hoch wie ich – sie bevorzugte allerdings die andere Seite.
„Also, Deidre!“ Ich hatte die Stimme gesenkt, weil ich nicht wollte, dass Vater etwas mitbekam. „Was denkst du, wird Vater sagen?“
„Gar nichts, wenn er es nicht weiß.“ Ruhig stickte sie ihr Deckchen weiter und sah nicht einmal auf.
„Ich hatte nicht vor, es ihm sofort zu sagen“, erwiderte ich.
„Gut. Und jetzt geh zu Hellen.“
Ich hörte für gewöhnlich auf sie. Also raffte ich mich auf. Langsam stieg ich die mit dunkelrotem Teppich überzogenen Stufen hinauf, dessen Oberfläche leicht verschlissen war. Ich fasste nach dem Geländer und schaute hinab auf die dunklen Möbel, die das Herrenhaus füllten, das ich mit meiner Familie bewohnte.
„John?“
Ich riss den Blick von den Räumlichkeiten und strebte auf unseren Wohntrakt zu.
„Ich komme, Liebes.“
Hellen und ich verzichteten auf Zofen und Kammerdiener. Deidres Mädchen verschlang genug Kosten. Auch wenn mein Vater ein Baronet war und wir in einem vornehmen Haus lebten, so waren die Ländereien und die Pferde unser einziger Reichtum. Viel Geld besaßen wir nicht, wir gehörten sozusagen zum verarmten Landadel.
Hellen stand in unserem Schlafgemach und reichte mir trockene Kleidung, die ich dankbar entgegennahm.

*

Der Tag verging viel zu rasch. Innerlich beherrschte der junge Fahrende meine Gedanken, deshalb versuchte ich mich abzulenken und vertiefte mich in die Verwaltung, die unseren Landsitz betraf. Vater war, seit einem Anfall vor zwei Jahren, ein wenig durcheinander. Oberflächlich betrachtet merkte man ihm nichts an, aber er konnte sich nicht mehr wie früher konzentrieren und sehr oft vergaß er die Organisation des Haushaltes. Trotzdem ließ ich ihn nie spüren, dass ich insgeheim seine Arbeit übernahm. Gefühlsmäßig war er der Herr im Hause und würde es für mich immer sein.
Aber auch mir fiel die Konzentration heute schwer. Ich lehnte mich zurück, starrte auf die Holzverzierungen auf meinem Sekretär. Das Tintenfass war noch immer unberührt und ich spielte mit meiner Schreibfeder, ließ sie durch meine Finger gleiten.
Es klopfte leise und ich fuhr auf. Man musste mich nicht unbedingt träumend bei der Arbeit vorfinden.
„Herein“, sagte ich und tauchte rasch die Federspitze in die Tinte, tat geschäftig.
Hellen trat mit einem Lächeln in mein persönliches Zimmer, in dem ich arbeitete, wo aber auch immer noch das Bett stand, in dem ich vor der Ehe genächtigt hatte. Dieser Raum blieb mein Rückzugsort und niemand kam unangemeldet herein.
Ich steckte den Federkiel in das Fässchen und, erwiderte ihre Freundlichkeit mit dem gleichen Ausdruck.
„Magst du zum Tee kommen, John?“
„Ja, das ist tatsächlich eine gute Idee.“ Ich reckte mich ein wenig. Hellen näherte sich, strich mir zaghaft über das Haar. Zärtlich öffnete sie das Band, das meinen zerzausten Zopf zusammenhielt, ordnete die herausgerutschten Strähnen und bändigte sie wieder.
„Sonst tadelt dich Deidre wieder“, flüsterte sie mit einem Zwinkern und hauchte mir einen Kuss auf die Wange. Ich räusperte mich amüsiert und folgte ihr in den Salon zum Tee, wo Vater und Deidre bereits warteten.
Der eher formlose Nachmittag ging langsam in den Abend über. Immer noch saßen wir an dem kleinen Tisch. Der Tee war bereits getrunken, Deidre stickte wieder und Vater scherzte mit Hellen, die froh zu sein schien, dass sich jemand mit ihr beschäftigte. Denn ich schaute nur schweigend aus dem Fenster und beobachtete, wie die Sonne hinter den Hügeln von Westmorland unterging. Irgendwann zog ich mich mit Hellen in unsere Räumlichkeiten zurück.
In dieser Nacht liebte ich sie, denn ich wusste, Hellen sehnte sich nach meiner Berührung. Als sie später in meinen Armen schlief, dachte ich erneut an den jungen Mann, der mit seiner Familie am Fluss lagerte. Gereizt verdrängte ich sein Bild aus meinem Kopf und presste Hellen an mich. Wir hatten die schweren Vorhänge nicht zugezogen und ich sah, wie der Regen an die Scheiben prasselte.
Ob ihre Pferdewagen dicht waren?
Ein leises Stöhnen entschlüpfte mir, weil meine Überlegungen keine Ruhe gaben.
„Kannst du nicht schlafen?“, murmelte Hellen an meiner Brust.
„Doch, sorg dich nicht.“
An ihrem ruhigen Atem spürte ich, dass sie bereits weiterschlummerte. Als ich die Augen schloss, ergab ich mich meinen Träumen, wehrte mich nicht mehr dagegen und sah ihn mit wehendem Haar auf mich zukommen.

*

Morgens beim Frühstück saß ich unruhig an dem großen Tisch und war versunken in meinen Gedanken. Irgendjemand sprach mich an, und ich brauchte einen Moment, um dies zu registrieren.
„Wo bist du wieder, John?“, fragte mich mein Vater liebevoll.
„Oh, weit weg“, antwortete ich schelmisch.
Die Familie lachte verhalten.
„Deidre hat eine Frage an dich gerichtet, mein Lieber.“ Hellen sah mich auffordernd an. Sie lächelte versonnen, als ich unter dem Tisch nach ihrer Hand griff. Ich schaute auf meine Schwester und erkannte, dass sie mir etwas mitteilen wollte − und sicher nicht das, was sie aussprach.
„Du hast mir gestern gesagt, eines der Holztore an den Weiden wäre nicht in Ordnung.“
Ich zog eine Augenbraue hoch. Hatte ich das? Dann begriff ich! Sie wollte mir einen Grund geben, mich zurückzuziehen. Aber warum?
„Ja, ich werde nachher mal sehen, dass ich es Jean zeige.“
Vater sah mich wohlwollend an. „Aber nicht, dass du noch selbst den Hammer schwingst.“
Wieder schmunzelten sie, Deidre nicht. Wir schauten uns an.
Bring ihnen Essen, formte sie wortlos mit dem Mund.
Das war also der wahre Grund. Ich nickte unmerklich.
Vater rief nach dem Frühstück nach Jean, unserem Knecht. Damit hatten wir nicht gerechnet. Das Tor der Trockenmauer war eine Ausrede gewesen, damit ich verschwinden konnte. Mir entschlüpfte ein leiser Fluch. Deidre gab mir einen Wink. Ich verstand und verschwand in den Ställen. Denn wenn Jean ein Tor reparieren sollte, musste erst einmal eins beschädigt sein.
„Lilly-Ann?“
Das zarte Gesicht unseres Stallmädchens lugte aus einer der Pferdeboxen hervor.
„Ja, Sir?“
„Nimm dir ein Pferd und reite hinten zu den Weiden. Zerschlage dort eines der Holztore.“
Sie öffnete überrascht den Mund. „Zerschlagen?“
„Ja – aber bitte übertreibe es nicht. Und zu keinem ein Wort!“
„Ihr werdet es mir doch nicht vom Lohn abziehen?“, fragte sie misstrauisch.
„Lilly-Ann! Also wirklich!“, sagte ich empört, griff in meine Tasche und holte eine Münze daraus hervor, die ich ihr in die Hand drückte.
Ihr schmutziges Gesicht hellte sich auf. „Ich bin schon fort!“ Sie nahm sich einen Holzhammer, führte eine Stute aus dem Stall und schwang sich ohne Sattel auf den Rücken des Tieres. Mit fliegendem Haar preschte sie davon. Erst da wurde mir bewusst, dass sie meine Stute genommen hatte. Schnaubend nahm ich den dunkelbraunen Wallach meiner Schwester und ritt in die entgegengesetzte Richtung. Dann zügelte ich kopfschüttelnd das Pferd. Du lieber Himmel, ich war heute so furchtbar zerstreut. Die Lebensmittel!
Deidre kannte mich gut. Sie wartete am Waldrand mit einem Korb. „Wusstest du, dass ich hier sein würde, oder hat dich dein Kopf wieder im Stich gelassen?“, fragte sie belustigt.
Ich lachte herzhaft auf. „Es war mein Kopf.“ Ich beugte mich hinunter und nahm den Korb.
Meine Schwester besaß manchmal eine wohltätige Ader. Mir hingegen war ein wenig seltsam zumute. Gestern noch hatte ich diese Leute nicht gerade freundlich empfangen und heute brachte ich ihnen Essen? Wie würden sie das auffassen? Mit einem Seufzen ritt ich zum Lager. Ich musste den jungen Mann einfach noch einmal sehen. Dieses Geschenk war dafür ein guter Vorwand.
Die Fahrenden sahen alarmiert auf. Ich stieg unbeeindruckt von meinem Pferd und stellte den Korb auf den Boden. „Ein Gruß von meiner Schwester.“
„Und was ist das für ein Gruß?“
Ich fuhr herum. Er stand direkt hinter mir, musterte mich aufmerksam. Mein Herz machte einen Satz, geriet ein wenig aus dem Takt, aber ich riss mich zusammen. „In dem Korb sind Nahrungsmittel.“
„Und Ihr meint, wir haben nichts?“
„Das meint meine Schwester“, erwiderte ich.
Ein Mann mittleren Alters griff nach der Gabe. „Jake! Verärgere die feinen Leute nicht!“ Er wandte sich an mich, verbeugte sich leicht. „Ich danke Euch, Sir!“
Jake … das war also sein Name.
„Tu ich das denn? Euch verärgern?“, fragte Jake und sah mich mit einem verschmitzten Ausdruck an.
Fast verlegen schüttelte ich den Kopf.
Seine Augen waren braun, wie die eines Rehs, die dunklen Locken gebändigt und zu einem Zopf gebunden. Vereinzelte Sommersprossen waren auf seiner Nase und seinen Wangen. Nicht viele, man sah sie ausschließlich, wenn man nah vor ihm stand. Ich blinzelte und bemerkte, dass er mich ebenso musterte – allerdings wesentlich schamloser als ich.
„Ihr sagtet gestern, es ist Euer Land?“, hakte Jake nach.
Ich nickte. „Ich heiße Jonathan Gregory McKay. Mein Vater ist Baronet und ihm gehören diese Ländereien, ja.“
„Mylord McKay oder Sir Jonathan? Wie darf man Euch denn ansprechen?“, fragte Jake schnippisch.
Für einen Augenblick schaute ich ihn verdutzt an. Ich war es gewöhnt, mich mit meinem vollen Namen vorzustellen, spürte aber, dass dies hier völlig unangebracht war.
„Wegen meines Vaters nennt man mich meist Sir John, aber … nenn mich einfach John. Bitte keine Förmlichkeiten.“
Immer noch betrachtete er mich abwägend. Dann lächelte er und dieser Ausdruck fuhr mir tief ins Herz.
„Mein Name ist Jakob O’Malley … aber nenn mich einfach Jake.“
Ich konnte ein leises Auflachen nicht verhindern, denn er hatte meinen Tonfall perfekt nachgeahmt.
„Also … John, vielen Dank für das Essen.“ Als er meinen Namen aussprach, schien das Eis gebrochen. Jegliche Förmlichkeit fiel von uns ab und ich war dankbar dafür.
Er blinzelte plötzlich, drehte sich um und ging fort. Mich durchfuhr das Gefühl, er würde noch etwas zu mir sagen wollen, also wartete ich, stand wie angewurzelt da. Die anderen beachteten mich nicht. Jake verharrte tatsächlich noch einmal und wandte mir sein Gesicht halb zu.
„Vielleicht kommst du mal am Abend zum Lagerfeuer. Möglich, dass dir so was gefällt.“
Er wartete auf eine Antwort.
„Wieso glaubst du, dass ich daran Gefallen finden könnte?“
Jake drehte sich gänzlich zu mir. Ein Schmunzeln lag auf seinen Lippen. „Weil dein Blick das sagt.“

Autor: Tanja Bern
Buch: Nah bei mir
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