Leserunde zu "Pralinenherz" von Laura Sommer (Chick Lit)

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Ein LovelyBooks-Nutzer

vor 5 Jahren

(Leider geht die "Leserunde" nicht, die ich seit zwei Tagen zu eröffnen versuche, LB mag das Buch nicht finden, obwohl es gelistet ist).
Hier der Link: http://www.lovelybooks.de/autor/Laura-Sommer/Pralinenherz-Frauenroman-chick-Lit-1002272230-w/

 

 

 

Hallo :)
Dies ist meine erste Leserunde, ich hoffe, dass ich alles richtig mache.
Es geht um das Buch "Pralinenherz", dass es morgen kostenfrei auf Amazon.de gibt. Sonst kostet es 2,99 Euro - für 227 Seiten.
Natürlich würde das Buch lektoriert und korrigiert.
Hier der Link zu Amazon: http://www.amazon.de/Pralinenherz-Frauenroman-chick-Lit-ebook/dp/B00ADSTK28/ref=sr_1_3?ie=UTF8&qid=1354030827&sr=8-3

Es wäre schon ein paar Meinungen dazu zu hören :)

 

 

 

Pralinenherz

 

Laura Sommer

 

Widmung

Vielen Dank an Silke, die jedes Kapitel vorab lesen durfte und mir mit Rat und Tat zur Seite stand :)

 

Kapitel 1
Mein Leben? Perfekt!


„Hanna! Hannaaa!“, schrillte es durch die Galerie.
„Beeil dich!“ Die Stimmbänder von Frau Behlitz vibrierten und ihre Stöckelschuhe klackerten bedrohlich über das Parkett, als sie nervös hin und her lief.
„Ich bin gleich da!“, rief Hanna augenrollend und balancierte dabei ein Tablett, dekoriert mit Kaffee, kleinen verpackten Keksen, Milch und Zucker. Sie eilte die Treppen hinunter und setzte ihr schönstes Lächeln auf. Gekünstelt, aber wirksam, was sie am interessierten Blick des Kunden erahnen konnte. Dieser musterte sie eindringlich und konnte seine Augen nicht von ihren Beinen abwenden.
„Da bist du ja ...“, jauchzte Frau Behlitz theatralisch, entriss Hanna das Tablett und stellte es auf den Tisch, bediente nun selbst den potentiellen Käufer zweier Gemälde.
„Entschuldigen Sie bitte.“ Ihre Hände vor sich haltend, stand Hanna da wie eine Bedienstete, die auf den nächsten Befehl ihrer Herrin wartete. Diese glitt mit ihren knochigen Fingern über die bereitgelegten Formulare und reichte dem älteren Mann einen Stift.
Während der Käufer sich den Vertrag durchlas, machte Hannas Chefin eindringliche Augenbewegungen, als Zeichen dafür, dass sie sich schleunigst entfernen sollte. Es hätten aber auch nervöse Zuckungen oder ein epileptischer Anfall sein können, da war Hanna sich nie ganz sicher.
So lief sie zurück die Treppen in die erste Etage hinauf, wo sich eine Kochnische befand. Hier war ihr kleiner persönlicher Rückzugsort, eine Wohlfühloase sondergleichen. Tee, Kaffee und allerlei Leckereien, die ihr über den Tag hinweg halfen.
Ihre Eltern, die ein Pralinengeschäft in Köln betrieben, schickten ihr jede Woche ein Paket, so dass Hanna ein Stück Heimat in Berlin vorfand. Diese bewahrte sie im Kühlschrank auf, sonst könnte sie die Pralinen trinken bei dem Wetter.
Sie knabberte an einer gekühlten Praline, gefüllt mit feinstem Nougat, setzte sich dabei an den Tisch und prüfte ihre E-Mails. Flink huschten ihre Finger über das Smartphone. Heute waren es beinahe 30° und so trank sie beim Stöbern ein Mineralwasser mit Eiswürfeln. In der Galerie herrschten zum Glück nicht solch hohe Temperaturen. Hanna liebte den Sommer, wenn sie dabei ein luftiges Kleid und Sandalen tragen durfte. Nicht aber, wenn sie in der Galerie war und die Bluse bis oben hin zugeknöpft sein musste. Mit einem Flyer fächelte sie sich etwas Luft zu, las dabei lächelnd die Nachrichten ihrer Freundinnen und die ihrer Eltern.
In diesen Momenten seufzte Hanna wohlig auf, fühlte sich zurückversetzt zu der Zeit, als sie noch in Köln lebte.
Seit 14 Monaten war sie bereits in Berlin und konnte sich noch nicht mit dieser Stadt und all ihren Bewohnern anfreunden.
Lediglich Oliver zuliebe blieb sie.
Das Gespräch zwischen dem Käufer und ihrer Chefin zog sich noch eine Weile, so hatte sie genug Zeit, ein paar Skizzen zu machen. Ihre pinkfarbene Skizzenmappe nahm sie überall hin mit, falls sie inspiriert wurde, musste sie es einfach zu Papier bringen. 
Erst das Zuschließen der Tür erweckte Hannas Aufmerksamkeit und so versteckte sie schnell ihre Bilder, huschte an das Geländer und lief erneut die Treppen hinunter, denn wie sonst immer …

Hanna!“, rief ihre Chefin sie, wenn ein Kunde die Galerie verließ. Als sie neben ihr stand und eine erneute Standpauke auf sie zukam, versuchte sie sich weit fort zu träumen, zugleich nickend alles zu bejahen, was Frau Behlitz ihr vorwarf.
„Zu kurzer Rock! Die Haare strenger nach hinten!“ Und das obligatorische „Gutes Personal sei ja ach so schwer zu finden“, drängten sich an ihr Ohr, doch Hanna schloss nur ihre Augen, sah ihre Freundinnen und ihre Eltern, das Pralinengeschäft und die Köstlichkeiten, die sie in so manch schwerer Stunde über alles hinwegtrösten konnten.
„Das nächste Mal ...“, zeterte Frau Behlitz und lief dabei mit ihrer Handtasche an Hanna vorbei, bereit zu gehen und die Tür bereits aufreißend. 
„Ja, Frau Behlitz! Natürlich, Frau Behlitz. Selbstverständlich!“ Was auch immer ihr vorgeworfen wurde, ließ sich mit Unterwürfigkeit ihrerseits wieder wett machen.
Als sie endlich aus der Galerie verschwunden war, begann Hannas Arbeit nach der Arbeit in Form von Akten sortieren, E-Mails beantworten und die Reinigungskraft hereinzulassen, die jeden Abend alles säuberte.


„Schätzchen!“, rief Greta, die mit einer Tüte durch die Hintertür stürmte. 
„Es ist ein Junge! Ein Junge!“ Greta lief zu Hanna und nahm sie in den Arm. Ihre Wangen glühten und ihre Hände waren zittrig.
„Eine Woche zu früh, aber gesund! Das ist ja die Hauptsache! Ich habe gerade eine SMS von meinem Schwiegersohn bekommen!“ Sie öffnete stolz die Tüte und hatte Mühe, ihre Umhängetasche abzunehmen. Hanna half ihr lachend.
„Ganz ruhig Greta, sonst bekommst du gleich einen Herzinfarkt! Und herzlichen Glückwunsch, Oma!“
Greta war eine der wenigen Menschen in Berlin, die Hanna in ihr Herz schließen konnte. Sie war Anfang 50, naschte ebenso gerne Pralinen wie Hanna selbst und war ein wahres Goldstück.
„Sie schickt mir gleich noch ein Foto. Oh, ich bin so aufgeregt! Am liebsten wäre ich sofort ins Krankenhaus.“ Das lag aber am anderen Ende des Stadtgebietes und ihre Arbeit konnte sie ja nicht ausfallen lassen.
„Dann fahre ich dich gleich. Es liegt ja fast auf dem Weg. Ich muss nur noch so viele E-Mails beantworten ...“! Gemeinsam gingen sie hinauf zur Küche, wo Greta ein paar Leckereien aus der Tüte fischte.
„Kuchen, ganz lecker! Selbstgemacht natürlich. Nur für dich und mich. Als ob ich es geahnt habe, dass heute mein Enkelkind auf die Welt kommt!“ 
Die Stücke wurden auf beiden Tellern verteilt und gemeinsam vernascht.
„Du backst wie meine Mutter, wirklich.“ Hanna leckte sich über die Lippen und kein Krümel überlebte den Festschmaus.
Als Gretas Handy sich mit einem Klingelton meldete, verschluckte Greta sich, hustete und begann mit ihrer freien Hand zu wedeln.
„Da ist ja das Foto … und ein Video!“ Beide rückten näher zusammen und betrachteten den kleinen Jonas, wie er zerknittert in den Armen der frischgebackenen Mutter lag.
„Noch ganz neu“, jauchzte Greta. 
„Endlich Oma. Ach, ist das schön!“ Sie zerdrückte ein paar Tränchen und rief ihre Tochter an, während Hanna ihren Laptop aufschlug und sich an die Bearbeitung der E-Mails machte. 
Bewerbungen von Studentinnen, die ganz begeistert von Frau Behlitz Galerie waren. „Na, wenn die wüssten ...“, dachte Hanna und schrieb ihnen eine Standardabsage.

Finn Wolf schrieb ihr auch noch eine Antwort zurück und setzte neben seinem Namen ein Smiley, was Hanna zum Lächeln brachte. Typisch Kölner, dachte sie. Die hatten noch Humor, waren witzig und anständig! Es war wirklich zu schade, dass seine Firma, die für Frau Behlitz die Webseite und die Flyer gestaltete, in Köln saß. Würde er in Berlin wohnen, gäbe es hier wenigstens einen weiteren Vertrauten.
Hier war sie die Sklavin, wohl bis ans Ende ihrer Tage. Bei ihrem Glück würde ihre Chefin ewig leben. Vielleicht war sie ein Vampir!? In ihrer Nähe verlor sie jegliche Energie, sicher saugte sie diese genüsslich aus. Irgendwie. Hanna schmunzelte und arbeitete fleißig weiter, plauschte mit Greta, die wie ein Wirbelwind über das Parkett schwebte, um ja schnell fertig zu sein.
„Jonas ist so ein toller Name! Und wenn er nach meinem Schwiegersohn kommt … man, das wird ein hübscher Kerl! Die Mädchen werden ihm alle nachlaufen! Und wenn er die Intelligenz seiner Oma hat, man!“ Greta war gar nicht mehr zu bremsen und unterhielt Hanna damit, die nur lachend den Kopf schüttelte.

Um kurz nach 20 Uhr verließen beide die Galerie durch den Hinterausgang, wo Hannas Auto stand.
„Du bist so lieb, wenn ich dich nicht hätte. Um die Uhrzeit mag ich ja gar nicht mehr auf die Straße gehen, auch wenn es nur ein kurzer Fußweg ist.“ Die Galerie lag in einer guten Wohngegend, dennoch häuften sich Überfälle und man konnte ja nie vorsichtig genug sein.

Ja, ich habe auch immer Pfefferspray dabei. Wie kommst du denn zurück? Fährt dein Schwiegersohn dich nach Hause?“ Sie prüfte den Rückspiegel und sauste über die Straße, so dass Greta sich festhalten musste.
„Ja, keine Sorge, ich werde bis zur Tür gebracht.“ Greta lachte, denn Hannas Fahrstil war so wild, dass sie sich wie in einer Achterbahn fühlte. Am Krankenhaus angekommen, hielt sie direkt vor dem Eingang, damit Greta nicht so weit laufen musste.
„Und du willst auch nicht mitgehen?“, fragte Greta, die bereits ausgestiegen war und hektisch ihre Sachen sortierte.
„Ich muss noch zur Konditorei. Der Besitzer wartet bereits auf mich“, entgegnete Hanna ihr.
„Aber mach viele Fotos!“ Irgendwann wollte sie auch Kinder haben, mit Oliver. Sie würden viele wunderschöne und intelligente Babys bekommen, darauf freute sie sich schon. Hanna hatte ihr Leben durchgeplant und war sich sicher, dass alles perfekt sein würde.
„Mache ich!“ Greta winkte Hanna noch hinterher, als sie vom Parkplatz des Krankenhauses fuhr und die Konditorei „Berlin Tortilicious“ ansteuerte. Dabei wanderten ihre Augen immer wieder auf die Uhr im Armaturenbrett ihres kleinen grasgrünen Stadtflitzers, drückte das Gaspedal durch und überfuhr beinahe ein Stoppschild.
„Los … fahrt doch!“ Sie war schon viel zu spät und musste sich sputen, damit sie den Inhaber noch erreichte.
Dieser wollte eigentlich um 20 Uhr schließen, hatte aber noch privat etwas zu erledigen, was Hanna gerade recht kam. Sie hastete hinein, nachdem sie ihr Auto halb auf dem Gehweg, halb auf dem Bürgersteig parkte. 
Sie lief durch die Tür und erblickte Herrn Wagner, der die Kasse leerte und Hanna freundlich anlächelte.
„Na, da haben sie sich ja beeilt“, meinte der Inhaber und winkte sie zu sich, um mit ihr in einen Nebenraum zu gehen.
„Entschuldigen Sie bitte. Meine Chefin war so lange da und … naja. Ich wollte eigentlich vor 20 Uhr hier sein, wenn sie mir schon das freundliche Angebot machen, heute länger zu bleiben.“ Hanna blickte freudig auf die Kostproben, die Herr Wagner auf dem Tisch verteilte.
„Es ist ja noch genug Zeit. Ich muss erst um 21 Uhr auf den Geburtstag und verziere noch die Torte.“ Er deutete auf eine mehrstöckige Torte, die er mit Marzipan überzog und bereits jetzt köstlich aussah.
Neben den Kostproben für Olivers Geburtstagstorte stand jeweils ein Kärtchen mit den Zutaten, die Hanna gerne wollte.
„Pistazie, Rum, Haselnuss ...“, las sie vor und probierte von jedem Stückchen etwas.
„Die ist genau richtig“, meinte Hanna und holte eine Zeichnung mit einer CD-Rom hervor, die sie in ihrer Handtasche transportierte.
„Haben Sie das gemalt?“ Herr Wagner stupste die Brille zurück auf seine knollenartige Nase, lächelte, als er es genauer betrachtete. 
Hanna lächelte verlegen und nickte.
„Talentiert! Haben Sie in der Galerie auch eigene Bilder zum Verkauf?“, fragte Herr Wagner, der die CD-Rom einlegte und das Bild am Computer öffnete, um es später als Zuckerdruck auf die Torte aufzulegen.
„Nein. Ich habe zwar viele Bilder gemalt, aber … ich finde keine Galerie. Meine Chefin möchte sie auch nicht ausstellen. Im Internet wurde auch noch keines verkauft, also ...“ Hanna lachte und zupfte dabei verlegen an ihrer Tasche herum.
„Also … statte ich die Geburtstagstorte für meinen Freund damit aus. Essbare Kunst, das hat doch auch etwas.“
Herr Wagner nickte und bediente derweil den Computer.
„Sie können die Torte am Freitag um 18 Uhr abholen. Falls es etwas später wird … ich bin auch noch länger da.“ Er nahm seine Brille ab und rieb sich die Augen, bevor er sie wieder aufsetzte und nach seinem Stift suchte.
„Ihre Daten habe ich ja. Wenn noch etwas ist, rufen Sie mich an“, dabei notierte er sich noch ein paar Daten, die Hanna ihm durchgab. Neben der Torte sollte es noch weitere Leckereien geben, auf die sie keinesfalls verzichten wollte.
„Also noch Donuts und einen Früchtekuchen?“, sprach Herr Wagner, der die Liste fertig machte. Hanna nickte erneut und freute sich auf den Geburtstag und dass sie sich einmal quer durch das Buffet futtern konnte.

Es war kurz vor 21 Uhr, als Hanna die Wohnungstür aufschloss und hörte, wie der Fernseher ein Fußballspiel übertrug.
„Bin wieder da!“, rief sie aus dem Flur und legte ihre Tasche an die Garderobe, schlüpfte aus ihren Schuhen und lugte ins Wohnzimmer, wo Oliver sich zurücklehnte und sie anlächelte. Er legte sein Handy zur Seite, nachdem er es ausschaltete, in seine Hosentasche steckte und dann aufstand.
Hannas Augen wanderten zu dem Handy, er musste es sich wohl neu gekauft haben.
„Hast du wieder Überstunden gemacht?“ Oliver küsste Hannas Lippen und umschlang ihre Taille, zog sie an sich.
Kurz war Hanna durch sein Handy abgelenkt, küsste Oliver dann aber zurück, schmiegte sich an ihn und vergaß das Handy, was nun in Olivers Hosentasche weilte.
„Wir fahren doch morgen nach Frankfurt. Da war noch viel zu tun. Und du bist auch wirklich nicht böse, wenn wir deinen Geburtstag auf Samstagabend verschieben?“, log sie, denn Oliver sollte am Freitag überrascht werden, wovon er nichts ahnte.
„Es ist nur mein Geburtstag, nichts besonderes. Es ist mir sogar lieber, wenn wir am Samstag feiern, denn ohne dich macht es gar keinen Spaß ...“ Er biss ihr sanft in den Nacken, als er sie herumdrehte und Hanna erneut an sich drückte.
„Oh, ich habe das Gefühl, da hat mich jemand vermisst ...“, kicherte sie und legte ihre Hände auf die seinen.

Hanna hatte den perfekten Mann. Er sah gut aus, war beruflich erfolgreich und genoss hohes Ansehen. Bei anderen Frauen war er sehr beliebt, doch er gehörte ihr ganz allein. Auch wenn sie noch nicht verheiratet waren, so gab er sogar sein geliebtes Fußballsehen für sie auf, nur um sie im Schlafzimmer zu verführen. Nach so einem anstrengenden Arbeitstag war es genau das richtige, was ihr half, abzuschalten.

Bäuchlings lugte sie durch die Tür, beobachtete Oliver, wie er sich die letzten Minuten des Spieles ansah. Verträumt sog sie den Geruch seines Hemdes ein, das sie ihm vom Leibe reißen durfte. Er benutzte noch immer dasselbe Parfüm wie vor drei Jahren, als sie sich kennenlernten. Dieser herrliche Duft erinnerte sie an die Wildnis, die Natur und einen starken Mann, den sie sich willenlos zu eigen machte. 
Ein verliebter Seufzer schlich sich von ihren Lippen, als sie aufstand, nur mit seinem Hemd bekleidet und sich zu ihm auf die Couch setzte.
„Wolltest du nicht schlafen?“ Er legte den Arm um Hanna, streichelte sanft über ihre Hüfte.
„Ich genieße die letzten Minuten mit dir, dann male ich noch etwas. Wir werden schließlich bald vier Tage voneinander getrennt sein ...“, seufzte sie und schloss dabei ihre Augen.
In diesen Momenten war sie froh, dass er sich kein bisschen für ihre Arbeit interessierte und nicht ahnte, dass die Ausstellung in Frankfurt bereits am Donnerstag endete.
„Um 11 Uhr muss ich am Flughafen sein. Vier Tage mit der alten Behlitz. Das wird ein wahres Vergnügen werden. Zum Glück habe ich mein eigenes Zimmer!“ Sie lachte und beobachtete Oliver, der sie anlächelte. Es war seine ruhige Art, die Hanna so sehr an ihm schätzte. Er war so erwachsen, viel reifer als sie selbst. Doch auch wenn er nicht viel lachte oder albern war, zog sie seine männliche, teils unterkühlte Art an. Oliver wusste, was er wollte und im Anzug sah er einfach umwerfend aus! Zudem akzeptierte er ihre kleinen Macken, die so manchen Mann vergraulen würden. Dafür liebte sie ihn umso mehr. Welche Frau würde nicht dahin schmelzen, wenn ihr Angebeteter sie auf Händen trug und ihr sagte, wie schön sie sei, auch wenn sie das vielleicht gar nicht war?

Nachdem Oliver im Schlafzimmer verschwunden war, wollte sie noch ein neues Bild malen. In der Wohnung hatte Hanna ein eigenes Zimmer, nur für ihre Arbeiten. Hier konnte sie sich entspannen und sich ganz ihrer Leidenschaft widmen.
Sie durchsuchte ihre Skizzen nach einem Bild, was sie auf die Leinwand bannen konnte. Frauen umringt von Blumen, hübsche Männerkörper, Landschaften. In ihrem Fundus gab es allerlei Anregungen, doch keine sprach sie so richtig an. Bis sie eine alte Skizze fand, die sie zeichnete, kurz bevor sie Oliver kennen lernte. Ein sanftes Lächeln umspielte Hannas Lippen und sie fuhr die Bleistiftlinien mit ihren Fingerspitzen nach.
Es war die Skizze eines Mannes, den sie am Kölner Bahnhof traf. Sie erinnerte sich an diesen Moment und ein wohliges Gefühl stieg in ihr auf. Wie von Zauberhand glitt der Pinsel über den Stoff der Leinwand. Hanna schuf ihre eigene Traumwelt, gespickt mit Bauchweh und vielen Schmetterlingen, die ihre Sinne vernebelten.

Auch wenn dieser Augenblick drei Jahre zurücklag, erinnerte sie sich noch an die dunkelbraunen Locken, die sanft im Wind wehten. Sein Hemd, das eng an seinem Körper lag und eine schwarze Hose, die seinen knackigen Hintern gut betonte. Als er sich herumdrehte, schauten sie sich für einen winzigen Augenblick in die Augen, doch er reichte aus, um Hanna zu verzaubern. Als sie versuchte, seine Augen zu zeichnen, schauderte es sie, denn sie hatte sein Gesicht wieder klar vor Augen, längst vergessene Erinnerungen kehrten zurück und hinterließen ein angenehmes Gefühl von Sicherheit und Sehnsucht.
Sie erinnerte sich aber auch daran, wie Oliver sie im nächsten Moment ansprach und sie den Mann aus den Augen verlor. Es war so ein schöner Moment und zugleich ein noch schönerer, da sie den Mann ihres Lebens traf. Hanna seufzte und zeichnete neben dem Mann eine Frau, schöner und zierlicher als sie selbst, doch mit den gleichen langen Haaren. Braun, wie die Farbe von Haselnusscreme, mit langen Beinen wie von einer Gazelle und prallen Brüsten, die sie nur zu gerne selbst an sich sehen würde.


Die Figuren auf dem Bild nahmen mehr und mehr Gestalt an, bis Oliver sie aus ihrer Träumerei riss.
„Warst du die ganze Nacht hier?“ Er schlurfte zu Hanna, küsste ihre Stirn und trank einen Schluck Kaffee, wollte ihr einen zweiten reichen, doch Hanna starrte ihn nur panisch an.
„Die ganze N... “ Sie schaute nach draußen, sah die Sonne, wie sie vorsichtig hinter einigen Häusern hervorlugte und die Wipfel der Bäume erhellte. 
„Ach du Schreck!“ Hanna sprang auf und nahm die schmutzigen Pinsel, lief mit ihnen eilig ins Bad, um sie auszuwaschen. Oliver stand kopfschüttelnd neben der Malerei und nahm den Kaffee an sich, brachte diesen zurück in die Küche.
„Es ist erst kurz nach 8 Uhr, du hast noch genug Zeit! Außer ...“, murmelte er und trank noch einen Schluck, da Hanna wie ein Wirbelwind an ihm vorbeirannte.
„Ich habe noch nicht gepackt!“, jammerte sie und verschwand im Schlafzimmer.
„Was ich dir schon vor zwei Tagen gesagt habe ...“
„Weiß ich doch! Nicht reden … helfen!“, schrie sie nun, riss dabei die Schranktüren auf und kletterte auf einen Stuhl, um einen Koffer vom Schrank zu ziehen. Dabei balancierte sie geschickt auf ihren Zehenspitzen und landete mit einem lauten Poltern auf dem Teppich.
„Du bist doch nur vier Tage weg ...“ Oliver hatte die Ruhe selbst und betrachtete genüsslich das hektische Schauspiel, trank dabei seine Tasse leer und schüttelte den Kopf.
„Ja. Vier Tage! Dann noch der Hinflug, der Rückflug, die Meetings abends, die Geschäftskleidung … ich brauche noch einen Koffer! Und einen für meine Schuhe …!“ Sie rannte erneut an ihm vorbei, um ihre Kosmetiktasche zu packen.
„Ich hab´s dir g...“
„Schweig still!“, fauchte sie, mit drohendem Zeigefinger und wütendem Blick zu ihrem Liebsten, der ihr ins Badezimmer gefolgt war, um zu duschen.
„Ist das eine Drohung? Ich wollte eigentlich noch schnell mit dir unter die Dusche springen … so als kleines Abschiedsgeschenk ...“ Grinsend entledigte er sich seiner Hose und seiner Boxershorts, die zu Boden glitt. Skeptisch beäugte Hanna seine kreisende Hüfte, die er spielerisch hin und her schwang. Doch diese war nicht das Einzige, mit einer pendelartigen Bewegung. 
„Interesse?“, fragte er mit einem schelmischen Grinsen, doch Hanna blickte nur wie erstarrt in Olivers Gesicht.
„Ich … muss … packen!“ Dabei ballte sie ihre Fäuste und fuchtelte wütend mit ihnen, bevor sie zurück in ihr Zimmer lief, um ihre Skizzen und einige Fotoabzüge zu holen, die sie mit zur Messe nehmen wollte.
„Du hast noch zwei Stunden! Das reicht für … ein- oder zweimal.“ Oliver pfiff fröhlich, während er duschte, was Hanna auf die Palme brachte.
Wütend schleuderte sie ihre Sachen in den Koffer, nahm sie wieder heraus, sortierte die rote Bluse wieder aus, stopfte sie in den anderen Koffer, um sie danach zurück in den Schrank zu hängen.
„Ich weiß nicht, was ich anziehen soll!“, fluchte sie, huschte dabei zurück ins Bad, wo Oliver sich abtrocknete.
„Zieh was bequemes an, du musst schließlich viel Gepäck mit dir herumschleppen ...“ Er grinste besserwisserisch und kassierte einen zweiten, wütenden Blick, während Hanna ihre Kosmetiktasche packte.
„Mein Deo lässt du aber bitte hier“, er angelte dieses aus dem rosafarbenen Beutel heraus und wich Hannas Hand aus, die ihn zu schlagen versuchte.
„Finger raus! Du bringst alles durcheinander!“, zischte sie und verschwand mit der halben Badezimmereinrichtung im Schlafzimmer. Oliver staunte nicht schlecht, als er nur noch die Überreste vorfand, nicht aber seine Zahnbürste. Augenrollend griff er in den Schrank, wo noch eine eingepackte Ersatzzahnbürste lag, die er benutzen konnte.
Hanna hinterließ derweil ein Schlachtfeld im Schlafzimmer, bevor sie mit zwei Koffern und einer Umhängetasche herauskam, völlig zerzaust und außer Atem.
„Du hast immer noch über eine Stunde, um zu duschen.“ Oliver legte Zeigefinger und Daumen auf seine Armbanduhr und betrachtete das Ziffernblatt.
„Das ist nicht lustig ...“. Hanna stellte ihr Gepäck in den Flur und verschwand fluchend im Badezimmer.

 

Ich will ja nichts sagen, aber … ich hab es dir vorher gesagt!“ Oliver lachte und ging derweil zum Bäcker, wo er sich mit belegten Brötchen und einer Zeitung ausstattete.
Nach einer halben Stunde kam sie wieder heraus, hatte sich abreagiert und schaffte es so, ihren Liebsten zu umarmen. Hanna stand hinter ihm und küsste seine Wange, als dieser noch die Tageszeitung las.
„Hast du dich beruhigt?“, fragte er und gönnte sich seine zweite Tasse Kaffee und ein belegtes Brötchen.
„Geht so. Ich habe noch ein paar Minuten, dann muss ich los. Frau Behlitz will immer, dass ich früher da bin, sonst ist ihre Laune im Keller. Noch tiefer als sonst.“ Sie setzte sich auf Olivers Schoß und klaute ihm eine Brötchenhälfte.
„Rufst du mich jeden Tag an?“, fragte Oliver, der seine Arme um Hannas Hüften legte.
„Ja, mehrmals“, kicherte sie und fügte bedrohlich hinzu: „Und ganz viele SMS und Luftküsschen!“ Dabei rieb sie ihre Nase an seiner, küsste ihn abermals.
„Einmal täglich reicht. Ich wollte mich noch mit Kumpels treffen und da wir sicher in Kneipen gehen oder Fußball schauen ...“
„Schon klar, ich werde dich nicht belästigen. Die Abende gehören ganz dir, versprochen!“ Beide küssten sich innig. Dabei versuchte er mit seiner Hand unter ihr Handtuch zu gleiten, was Hanna zu verhindern wusste.
„Ich muss jetzt leider los und mich vorher noch anziehen. Du willst doch nicht, dass ich zu spät komme?“ Sie lächelte und küsste ihn ein letztes Mal, bevor sie im Schlafzimmer verschwand, um sich etwas anzuziehen.

 

 

Kapitel 2

Mein Leben! Es gerät ins Wanken!

Mit großen Schritten hastete Hanna durch den Flughafen und war froh, doch die flachen Ballerinas angezogen zu haben. Sie war wie ein Packesel ausgestattet und erreichte keuchend den Treffpunkt, den ihre Chefin auserkoren hatte. 
„Großes gelbes Schild, an Gate 5. Blaue Bank. Alles klar!“
Jedoch war von dieser noch nichts zu sehen, so dass Hanna sich hinsetzte und ihre Taschen nach dem Flugticket durchwühlte.
„Ach, auch schon da?“ Plötzlich stand Frau Behlitz neben ihr, perfekt gestylt und mit dem gleichen strengen Blick, den sie wie eine Maske trug. Vielleicht konnte sie auch gar nicht anders schauen? Ein Schlaganfall vielleicht oder eine andere Krankheit, die sie nicht dazu befähigte, zu lächeln? Doch, Hanna erinnerte sich. Lächeln konnte sie schon. Dann erschienen goldene Euro-Zeichen in ihren Augen und ihre spitzen Zähne funkelten hinter ihren schmalen Lippen hervor.
Sie schüttelte sich kurz bei diesem Kopfkino des Grauens und stand auf, um ihre Chefin zu begrüßen.
„Ja, zwanzig Minuten früher als verabredet“, prahlte Hanna, wohlwissend, dass zwanzig Minuten früher für Frau Behlitz sechs Stunden zu spät hießen.
„Wie auch immer. Deine Karte hast du ja, dann können wir jetzt einchecken. Ich hoffe, du hast alles dabei, so kannst du ja schlecht auf die Messe gehen.“ Sie betrachtete ihre Angestellte abwertend und beschwerte sich zugleich über den viel zu kurzen Rock. Schließlich konnte man ihre Knie sehen. Zwar war ihr eigener Rock um ein vielfaches kürzer, Marke „breiter Gürtel“ und ihre hängenden Falten am Po hätte man auch mit einer Schichttorte verwechseln können. Wie hypnotisiert starrte Hanna auf die wabbelnden Hautschichten und schüttelte sich erneut, als sich Frau Behlitz herumdrehte und Hanna ihr büstenhalterloses A-Körbchen entgegen flatterte. Mit weit aufgerissenen Augen und einer Ganzkörpergänsehaut zwang sie sich, ihrer Chefin in die Augen zu sehen.
„Natürlich, ich habe auch längere Röcke dabei!“, meinte Hanna und wand sich so aus der prekären Situation heraus, wechselte schnell das Thema, indem sie mit ihrem Gepäck zum Schalter eilte. Frau Behlitz ging ihr jauchzend nach. 
Nach dem Check in und einigen Kontrollen durften sie in das Flugzeug einsteigen und Hannas Gebete wurden erhört. Sie und Frau Behlitz bekamen zwei getrennte Sitzplätze, da der Flug ausgebucht war. Zwar dauerte dieser nur etwas mehr als 65 Minuten, aber es war erholsam und Balsam für ihre angeschlagene Seele.
Ihr Hotel war schnell gefunden und nach einer Dusche und frischer Kleidung, die Frau Behlitz zuvor absegnete, fuhren sie gemeinsam zur Messe.
„Wenn ich rede, wird nicht dazwischen geplappert, das macht sonst einen schlechten Eindruck! Gebe keine Visitenkarten heraus, ich möchte nicht belästigt werden, von irgendwelchen Möchtegern-Firmen. Die, mit denen ich zusammen arbeiten möchte, suche ich mir selbst aus. Flyer annehmen kannst du, suche dir am Ende des Tages die aus, die du für wichtig erachtest. Das ist natürlich eine Überprüfung deiner Fähigkeiten.“ Hanna blinzelte irritiert und irgendwann formten sich die Worte ihrer Chefin in ein „Blabla“ und ihre Gedanken schweiften ab. Frankfurt war eine schöne Stadt, in der Hanna noch nie war und sie freute sich auf die Messe. Frau Behlitz wusste natürlich nicht, dass sie heimlich einige Bilder mitgenommen hatte, die sie anderen Galerieinhabern zeigen wollte, da wäre sie schneller gekündigt, als sie schauen konnte.
„Verstanden?“, zeterte sie theatralisch und erwartete eine Antwort.
„Äh. Natürlich!“ Hanna wurde aus ihren Träumen gerissen, was sie ärgerte. Denn in ihrer Illusion waren alle Galerieinhaber begeistert von ihren Arbeiten und nahmen sie mit Kusshand.
An der Messe angekommen, bezahlte sie den Taxifahrer, der sie mit traurigen Augen musterte.
„Viel Glück ...“, murmelte er, empfand dabei tiefes Mitleid, was Hanna ein wenig Kraft gab, die gemeinsamen Tage mit ihr zu überstehen.
„Danke. Und gute Fahrt weiterhin!“
Das Messegelände in Frankfurt war atemberaubend. Menschenmassen drängten sich durch die Flure, sprachen, lachten, aßen und tranken, rannten und telefonierten lauter, als Hanna es lieb war.
„Wir treffen uns dann um 19 Uhr am Taxistand. Keine Minute später!“ Somit verschwand die alte Hexe endlich und Hanna hatte das Gefühl, wieder Luft zum Atmen zu bekommen. Diese Frau war wie ein zu eng geschnürtes Korsett. Wie der vergiftete Apfel in ihrer Kehle.
Laut seufzend sah sie sich um und kämpfte sich durch die Massen. Dass sie getrennt voneinander Jagd auf Neuerungen waren, machte die Sache für Hanna wesentlich einfacher, auf Kundenfang zu gehen. Hier gab es so viele Möglichkeiten!
Verlage und Galerien. Künstler und Firmen, die ihre Kreativität zum Ausdruck brachten. Die vielen Stände waren teils spektakulär, mit Fernsehern ausgestattet oder großen Plakaten. Fasziniert sah sie sich um und kam mit den ersten Galeristen ins Gespräch, tauschte Visitenkarten aus und nahm viele Prospekte und Flyer mit, wie sie nur tragen konnte.
„Vorsicht! Platz machen bitte!“, ertönte es hinter Hanna, die erschrocken herumfuhr, jedoch war es schon zu spät und ein Garderobenständer stieß sie um. Mit einem erschrockenen Quietschen fiel sie gegen eine Trennwand, die sofort nachgab und sie in einen der Stände plumpsen ließ.
Ihr Aufprall wurde von einigen leergeräumten Kisten gebremst, doch machte sie dabei genug Krach, um beschämt ihre Hände vor das puterrote Gesicht zu legen.
Die Trennwand wackelte hin und her und nahm ihre ursprüngliche Position an, jedoch war Hanna nun in einer Art Abstellraum gelandet. Um sie herum niemand, nur viele Kisten, Kleidungsstücke und Aufsteller.
„Oh nein! Wie peinlich!!!“, fluchte sie und versuchte, sich aus der Kiste zu befreien. Jedoch blieb sie mit ihrem Hintern stecken, wedelte hilflos mit ihren Beinen wie ein Käfer, der auf dem Rücken gelandet war.
„Das gibt es doch nicht!“, jammerte sie und strampelte weiter, sehr zur Belustigung eines jungen Mannes, der an der Tür stand, um sich das Schauspiel anzusehen.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte er, lief auf sie zu und reichte ihr die Hand.
„Es … geht schon!“, fluchte Hanna, die dank des viel zu langen Rockes keine Beinfreiheit besaß.
„Ok, ok!“ Der junge Mann hob unschuldig beide Hände in die Luft und ging einen Schritt zurück.
„Verfluchte … blöde … warum steht die hier!!!“, knurrte sie und zappelte weiter. 
Ihr Gegenüber lachte und ging nun in die Hocke, neigte sein Gesicht und fragte sie erneut: „Ich helfe gerne …, aber ich habe Angst, dass Sie mich beißen.“ Dabei betrachtete er die kampflustige Hanna, die dabei war, den Karton in Stücke zu reißen, es jedoch auf Grund der vielen Klebestreifen nicht schaffte.
Erschöpft ließ sie alle Viere von sich fallen und starrte zur beleuchteten Decke, die wie kleine Kameras auf sie gerichtet waren.
„Ist ja gut ...“, murrte sie erneut und reichte dem Fremden ihre Hand, sah ihn erst jetzt an und erstarrte zugleich, als er ihr aufhalf. Dabei zog sie den Karton noch mit sich, der sich an ihrem Hintern festsaugte wie ihr erster Freund in der 8. Klasse, der sich an ihrem Hals verewigt hatte.
„Das haben wir gleich.“ Er zog den Karton von ihrem Hintern und klopfte ungeniert über ihr Jackett, an dem sich nun einige Styroporreste verewigen wollten.
„Hey!“ Hanna fuhr herum und hätte ihm fast mit der flachen Hand ins Gesicht gelangt, doch er schaute sie nur verwundert an, zeigte dann auf eines der fiesen hellgrünen Teile, die am Boden lagen.
„Passt farblich nicht ganz zu Ihnen, aber wenn Sie möchten ...“ Er steckte es ihr wieder an und dank ihrer elektrisch aufgeladenen Jacke blieb sie an ihr kleben.
„Danke ...“, murmelte sie und befreite sich dann selbst von den Überresten aus dem Karton, fixierte dann wütend die Wand und berührte sie.
„Ich bin da irgendwie durchgefallen, jemand hat mich geschubst. Ungehobelter Kerl!“ Sie strich sich einige Haarsträhnen zurück und schaute erneut zu dem jungen Mann, der dann die Türklinke betätigte.
„Das war eigentlich eine Tür, aber … irgendwas hat sie aus den Angeln gerissen. Aber hey! Jetzt haben wir eine Schwenktür, das hat doch auch was für sich.“ Er lachte laut los, was Hanna aber zutiefst peinlich war. 
Er sagte ihr gerade indirekt, mit ihrem dicken Hintern die Tür zerlegt zu haben. Sie versank förmlich im Erdboden und versuchte, sich an ihm vorbeizustehlen.
„Äh, entschuldigen Sie bitte ...“ Hanna fluchte innerlich, sah dieser junge Mann doch dem einen so ähnlich, den sie noch in der letzten Nacht zu malen versuchte. 
„Nicht doch. Hauptsache, Sie haben sich nicht verletzt und das hier sollten Sie besser mitnehmen.“ Er hob ihre Tasche auf, die Hanna beinahe hier hätte liegen lassen.
„Wo ist nur mein Kopf!“ Hanna errötete erneut und kniete sich ebenfalls hin, um ihm beim Aufheben ihrer Flyer und Visitenkarten zu helfen.
„Ach, was für ein Zufall! Sie arbeiten für Frau Behlitz?“ Er lächelte Hanna an und sorgte bei ihr für Herzklopfen. So stark, dass sie ganz weiche Knie bekam und seitlich auf ihren Hintern fiel.
„Alles in Ordnung?“ Besorgt legte er seine Hand auf ihren Rücken und stützte sie so.
„Sie haben ja ganz glasige Augen. Ich hole Ihnen etwas zu trinken!“ Er sprang auf und griff in die Kühlbox, öffnete eine Flasche Limonade, um sie Hanna zu bringen.
Diese kniete noch immer am Boden und sammelte ihre Flyer ein, verstaute sie in ihrer Tasche.
„Es geht schon, vielen Dank.“ Sie nahm die Flasche an und trank etwas. Durst hatte sie ja und das kühle Getränk kam ihr gerade recht, zudem unterbrach es die peinliche Stille ihres noch peinlicheren Auftrittes.
„Sie kennen meine Chefin?“, fragte sie schüchtern und traute sich endlich, ihn anzusehen.
So tiefe grüne Augen. Wie Smaragde oder Pistazien, die sie so sehr liebte. Sie glänzten und hatten eine magische Wirkung auf Hanna, die nun mit beiden Händen die Flasche umklammerte.
„Ja.“ Er sah sich um und kam etwas näher.
„Jetzt verstehe ich auch, warum Sie so schwach auf den Beinen sind.

So jemanden um sich zu haben, raubt einem die letzte Kraft oder Nerv. Eigentlich beides.“ Dabei zwinkerte er ihr zu und entlockte Hanna ein zögerliches Lachen.
„Sie kreuzt hier jedes Jahr mit einer neuen auf, länger scheint es wohl niemand mit ihr auszuhalten. Mein Vater hat schon viel für sie gemacht, er ist dieses Jahr aber nicht mit auf der Messe, aber ich vertrete ihn.“ Noch immer ruhte seine Hand auf Hannas Schulter, die nervös aus der Flasche trank.
„Ihr Vater?“ Hektisch durchforstete sie ihre Gedanken, wobei sie das Gefühl hatte, dass diese wie ein Bücherregal umgeworfen wurden, bei ihrem Sturz. Frau Behlitz arbeitete mit vielen zusammen, doch an so ein schönes Gesicht würde sie sich doch erinnern. Sie verfluchte ihr Gedächtnis, das gerade nicht funktionieren wollte und war sich sicher, dass all ihr Blut gerade nicht in ihrem Kopf war. 
Zudem sah er dem Mann von damals so ähnlich. Seine Haare waren etwas länger und sein Duft … erinnerte sie an einen Bach, der durch ein blühendes Tal verlief.
Hanna schloss ihre Augen und ertappte sich dabei, seinen Duft einzuatmen, so dass sie erschrocken von ihm wich.
„Äh und Sie sind?“, fragte Hanna, die derweil auf einem Stuhl Platz nahm, der in einer Ecke stand.
„Finn Wolf. Ich glaube, wir haben auch schon einmal telefoniert? Es ging dabei um die Webseite, die ...“
Da leuchtete es Hanna endlich und es fuhr ihr durch Mark und Bein. Mit weit aufgerissenen Augen und einem Rinnsal der Limonade, die ihr aus dem Mund tröpfelte, starrte sie diesen Leckerbissen an, der sich so fürsorglich um sie kümmerte.
Natürlich erinnerte sie sich. An den freundlichen Mann, mit dem sie bereits einige Male am Telefon das Vergnügen hatte und auch an die vielen E-Mails, die sie oft im Namen von Frau Behlitz schrieb. Erst gestern bekam sie noch eine E-Mail von ihm, mit dem Smiley neben seinem Namen.
Erschrocken fuhr sie sich über die Lippen, versuchte ihr peinliches Auftreten zu kaschieren, sprang auf und drückte ihm die Flasche in die Hand.
„Ja. Ja natürlich! Hanna! Ich bin Hanna!“, rief sie erschrocken und nahm die Flasche dann doch wieder an sich.
Finn lachte und reichte ihr die Hand, die Hanna gerne annahm und schüttelte.

Da habe ich ja endlich mal ein Gesicht zu der sympathischen Stimme am Telefon.“ Finn lächelte sie freundlich an und schaute zu einem seiner Mitarbeiter, der in die Kammer lugte.
„Finn? Die alte Behlitz ist da …“, flüsterte dieser genervt und erblickte dann Hanna, räusperte sich.
„Kommst du bitte?“ Dabei nickte er mit dem Kopf, dass es wohl dringend sei und er froh wäre, wenn er ihn ablösen könnte.
Finn lachte und grinste Hanna an.
„Wenn man vom Teufel spricht, was?“ Er lief aus der Kammer heraus und Hanna hörte ihn nur noch laut: „Frau Behlitz! Schön, dass Sie hier sind!“ rufen und musste dabei kichern. Doch dann wurde es still um sie herum. Auch wenn die vielen Menschenmassen sich durch die Gänge drängten, laut gesprochen wurde und man kaum sein Wort verstand, umschloss sie doch diese Stille und das Gefühl, was sie vor drei Jahren erleben durfte.
Sie hielt sich ihren Bauch, schaute auf ihre gesammelten Werbeflyer und sah sich dann um.
War er es wirklich? Dieser Mann? Oder sah er Finn nur ähnlich? Das wäre doch ein verrückter Zufall. Schließlich lernte sie Oliver an genau dem Tag kennen und wurde doch glücklich mit ihm. Jetzt und hier Bauchkribbeln zu bekommen, war ihrem Freund gegenüber einfach nicht fair. 
Hanna stand auf und stellte die leere Flasche beiseite, schlich sich dann durch die von ihr demolierte Tür hindurch, verschloss sie von außen und schlich sich so an Frau Behlitz heran. 
Diese lehnte entspannt an der Theke mit den verschiedenen Infoflyern, spielte an ihrer Kette und lüftete ihr Dekolleté, dessen Offenbarung Finn die nackte Panik ins Gesicht schrieb. Hanna erkannte die prekäre Situation und stellte sich neben ihre Chefin, die sie gleich mit einem bösen Blick strafte, als hätte sie den Flirt ihres Lebens unterbrochen.
„Ja, meine Assistentin. Hast du auch endlich hergefunden?“, stänkerte sie gleich abfällig in Hannas Richtung, die Finn verlegen anlächelte.
„Ja, ich musste mich noch … ähm, durch die Massen drängen“, versuchte sie sich zu verteidigen, doch Frau Behlitz holte gleich zum Gegenschlag aus.
„Mit Masse durch die Massen zu wollen, da dauert das natürlich länger. Das nächste Mal plane deine Zeit besser ein!“ Dass sie erst in einer Stunde hätten hier auftreten sollen, davon verlor sie natürlich kein Wort und ließ Hanna wie eine tollpatschige, übergewichtige Pute dastehen.
Peinlich berührt schloss sie ihre Augen und hoffte einfach, dass ihr Kopf explodieren würde. Die Blutspitzer würde sie dafür sogar in Kauf nehmen. Mit den heutigen Waschmitteln bräuchte sie ihre blutverschmierte Kleidung noch nicht einmal vorbehandeln!
Finn räusperte sich auffällig und versuchte so, Frau Behlitz von weiteren Peinlichkeiten abzuhalten, die gerade erst in Fahrt kam. Noch bevor sie ihren knochigen Körper in Kampfstellung bringen konnte, legte Finn ihr eine Hand auf die Schulter und schob sie beiseite.
„Ich zeige ihnen am besten schon mal unsere Neuerungen, die würden sich auch prima für Ihre Webseite eignen!“ 
Hanna blieb am Stand stehen, kämpfte mit den Tränen, doch bewahrte sie Würde. Ein seitlicher Blick in einen Standspiegel offenbarte das Ausmaß der Katastrophe. Ein viel zu dicker Hintern wölbte sich unter dem Rock und ihre apfelgroßen Brüste verdeutlichten diese Ausmaße nur noch. Seufzend drehte sie sich hin und her, um das gewaltige Ding von allen Seiten zu betrachten, sehr zum Vergnügen Finns, der durch ihr Posieren leicht abgelenkt war. 
So ausgehungert wie Cornelia Behlitz wollte sie nicht werden. Nur ein Tag ohne Kohlenhydrate und die Frau würde verhungern! Sie trank sogar weniger, um ja ihr Idealgewicht von unter 45 kg zu behalten, dabei war sie nur wenige Zentimeter kleiner als Hanna.
Nach einer gefühlten Ewigkeit und vielen klagenden Seufzern, die Hanna in Gegenwart des Spiegels verbrachte, ging Frau Behlitz erhobenen Hauptes an Hanna vorbei.
„Ich denke, wir sehen uns dann in Berlin wieder. Ich habe noch ein Meeting, das wird sicher erfolgreicher, wenn ich keinen Klotz am Bein habe! Wie gut, dass dein Vertrag in vier Tagen ausläuft und Dienstag dein letzter Arbeitstag sein wird!“ Somit rauschte sie in die Menge hinein, durchstocherte diese mit ihren Ellenbogen und erntete erschrockene Schreie ihrer Mitmenschen, die ihre Knochen zu spüren bekamen. Hanna sah ihr wütend nach und ballte ihre Fäuste. Nein, sie ruft ihr jetzt nicht nach, dass sie eine verbitterte, vertrocknete, frigide …
„Sie war heute ja richtig gut gelaunt.“ Finn stemmte die Hände in seine Hüften und schaute Hanna mit hochgezogenen Augenbrauen an, die noch immer vor Wut zitterte. 
„Geht so.“ 
„Wie halten Sie es nur aus, sie nicht zu töten? Also mehrfach? Die Frau muss einfach mehrere Leben haben oder unsterblich, anders kann ich mir das einfach nicht erklären.“
„Sie ist der Teufel persönlich. Wenn man die Augen zusammenkneift, kann man ihre Hufe erkennen und den spitzen Dreizack!“, zischte Hanna und verschränkte schraubend ihre Arme.
Beide schwiegen eine Weile, bis Hanna sich lockerte und Finn freundlich anlächelte.
„Dann werden wir wohl künftig nicht mehr miteinander telefonieren, aber vielleicht finde ich ja schnell eine neue Galerie, die einen guten Webdesigner brauchen … dann rufe ich Sie gleich als erstes an.“ Dass sie nicht übernommen würde, ahnte Hanna zwar, doch es tatsächlich gesagt zu bekommen, zog ihr den Boden unter den Füßen weg.
„Wenn Sie einen Job in Köln suchen, helfe ich Ihnen gerne“, bot Finn ihr an, doch Hanna schüttelte mit dem Kopf.
„Ich bin in Köln geboren, meine Familie und meine Freunde leben dort, aber … Berlin ist jetzt meine Heimat.“ Dabei schwang so viel Wehmut in ihrer Stimme mit, dass Finn sie skeptisch beäugte.
„Mein Freund … ich wartete darauf, dass er mich endlich fragt. Naja. Trotzdem, vielen Dank für die Limonade und die lieben Worte!“ Sie reichte ihm ihre Hand zum Abschied und verschwand mit gesenktem Haupt in der Menge, vergaß dabei aber etwas Wichtiges, das Finn fand und so einen Grund hatte, sie später anzurufen.

Hanna weinte sich in ihrem Hotelzimmer in den Schlaf, rechnete durch, wie lange sie noch anteilig Miete zahlen konnte, bevor Oliver auch ihren Anteil übernehmen müsste.
Sie bewarb sich seit Monaten, jedoch fand sich keine Galerie, die sie einstellen wollte. Doch etwas anderes machen als Galeristin? Ihr Notfallplan als Künstlerin ging auch nicht auf. Kein Bild ließ sich verkaufen und somit waren die Einnahmen von Frau Behlitz die einzigen, die sie zu verzeichnen wusste.
Zur Not würde sie übergangsweise woanders arbeiten. In einem Büro oder einer Konditorei. Solange Oliver bei ihr war, gab es noch einen Hoffnungsschimmer.
Doch ihre Gedanken kreisten immer wieder über die Tatsache, dass sie hier niemand anderen hatte. Keine beste Freundin, nicht einmal gute Freundinnen. Keinen Job. Keine Familie.
Und Oliver? Er tat so geheimnisvoll in den letzten Monaten, telefonierte mit einem Handy, das immer ausgeschaltet war, wenn sie da war und das er versteckte, sobald sie den Raum betrat.

Kuchen war das einzige, worauf sie sich freuen konnte!

Am nächsten Morgen schlenderte sie zum Flughafen, beobachtete fremde Pärchen, die Hand in Hand in den Urlaub fliegen wollten, Rentnerpaare und kleine Kinder, die ihr ein Lächeln auf die Lippen zauberten.

Sie schloss ihre Augen und genoss den Flug über die Wolken, sie wollte sich jetzt keine Gedanken mehr machen, was wäre, sondern sich auf seinen Geburtstag freuen. Den leckeren Kuchen und all die Köstlichkeiten, doch als sie sich dabei ertappte, erstarrte sie.

Sie blickte hinaus auf die Felder und Häuser, die so winzig erschienen wie Spielzeug. Lauschte dabei nur mit halbem Ohr der Durchsage des Piloten, der etwas über das Wetter in Berlin erzählte.
Das war doch armselig!
War es überhaupt die richtige Entscheidung, nach Berlin zu ziehen? Hanna war sich da nicht mehr so sicher …

 

 


Kapitel 3

Mein Leben? Ein Scherbenhaufen!


Olivers 35. Geburtstag wollte sie nicht mit trüben Gedanken beginnen, sondern ihn gebührend feiern. Seine Eltern, die sie liebevoll `Schwiegerdrachen in spe´ nannte, lebten ebenfalls in Berlin und wollten sich um Punkt 16 Uhr im Foyer seiner Wohnung einfinden. Es war natürlich nie die Rede von ihrer gemeinsamen Wohnung. Hanna war in ihren Augen eine lästige Untermieterin auf Zeit, was sie nach endlosen Diskussionen nicht weiter zu verteidigen versuchte. Zu Anfang ihres Kennenlernens hatte Hanna ja den Verdacht, dass Frau Behlitz und besagte Schwiegerdrachen miteinander verwandt sein mussten, zumindest seine Mutter.
Sie war bösartig, gehässig und herablassend, würdigte Hanna keines freundlichen Tones und strafte sie ein jedes Mal mit herabwürdigen Blicken. Ihr Mann, mit dem sie seit über 40 Jahren verheiratet war, lebte das Leben des ewigen Ja-Sagers, gehorchte brav wie ein kastriertes Schoßhündchen, der nach bereitwilligen Kunststückchen-Vorführens einen abgenagten Knochen zugeworfen bekam. Er antwortete seiner Frau mit imaginärem Schwanzwedeln und erschauderte lechzend bei ihrem rauen Ton ein jedes Mal, so dass es Hanna eiskalt den Rücken herunterlief.

Die von Birkenhausens waren eine angesehene Familie in Berlin, genossen Einladungen und vergnügten sich auf der Rennbahn, erkauften sich Einladungskarten auf Galaveranstaltungen mit beliebter A-Prominenz und leugneten zu keiner Zeit ihren Reichtum. Frau von Birkenhausen führte dabei stets die neuesten Kostümchen und Edelsteine aus, zum Leidwesen ihres Mannes, der sich dafür das ein oder andere Auto verkneifen musste, das er seiner Sammlung ach so gerne hinzugefügt hätte.
Hanna interessierte so etwas nicht. Ihr Wunsch war es eigentlich, eine liebe Schwiegermutter zu haben, die ihr Fotos von Oliver zeigen würde, nackt auf einem Bärenfell, vor einem Kamin. Das erste Mal auf seinem Nachttöpfchen. Beim Fußballspielen. Eine Frau, die sie an ihre Mutter erinnerte, warmherzig und liebevoll. Aber nein, sie bekam eine Frau, Marke nässendes Ekzem, das sich tief in ihre Haut fraß und auch mit der besten Medizin nicht wegzubekommen war. 
In den drei Jahren, die sie Oliver nun kannte, arrangierte sie sich mit dieser Situation, duldete ihr anstrengendes Verhalten und schluckte jedes Wort, jede Geste und jede Mimik dieser Frau. 
Oliver selbst sah das natürlich nicht so, verteidigte dieses Biest von Frau, als wäre er Ödipus persönlich. Das waren die Momente, in denen Hanna am liebsten gleich nach Köln zurückfahren wollte, doch sie liebte diesen Mann einfach, der sie ansonsten glücklich machte. Eigentlich.

Ja, Oliver liebte sie, so wie Hanna nun mal war, also verzieh sie ihm seinen Mutterkomplex. Schließlich beruht eine gute Beziehung auf Kompromissen. Und Frau von Birkenhausen war ihr Kompromiss. 
Hanna war noch im Hotel, als sie die verschiedenen SMS erhielt, dass sich nun jeder auf den Weg machte. Neben seinen Eltern kamen natürlich auch seine besten Freunde, deren Freundinnen und Arbeitskollegen. 
16 Menschen wollten heute bespaßt werden und Hanna überlegte kurz, ob sie sich nicht einfach ein Clownkostüm überwerfen sollte, um ihrer Rolle gerecht zu werden.
Abgesehen von seinen Eltern, kannte sie die anderen kaum. Oliver traf sich nur selten mit ihnen in der Wohnung, wenn, dann holten sie ihn nur ab. Die wenigen Male, die sie gemeinsam unterwegs waren, behielt Hanna in keiner guten Erinnerung. Seine Freunde und Arbeitskollegen waren allesamt groß, gutaussehend und mit einer süßen Blondine ausgestattet, die mehr Schönheitsoperationen vorweisen konnten als Schuljahre. Und dann war Hanna mittendrin. Sie passte da einfach nicht rein und war froh, dass so ein Mann wie Oliver sie überhaupt liebte, sie begehrte und ihr dies mit Geschenken und Gesten auch zeigte.
Es schauderte sie ein jedes Mal, wenn Hanna zurück an ihren Ex-Freund dachte. Da nahm sie seine Eltern und seine Freunde gerne in Kauf. Sie waren nichts gegen Andreas. Alleine bei dem Gedanken an sein Gesicht, griff sie sich an den Hals und musste schlucken. 

Ein Blick auf ihre Armbanduhr ließ Hanna aufschrecken und so hastete sie zu ihrem Auto und holte bei Herrn Wagner die Torte ab sowie weitere Leckereien. Bei einem Partyservice hatte sie Snacks bestellt, auch mit dem Wissen, dass ihr dieses Vergehen von Frau von Birkenhausen als Vorwurf noch lange nachgetragen werden würde. Als Frau, vor allem als Olivers Freundin, sollte sie gefälligst selbst für das leibliche Wohl sorgen, egal ob Überraschungsparty oder nicht. Da sie ja schlecht stundenlang in der Küche kochen und backen konnte, wenn es doch eine Überraschungsparty war, verstand diese Frau einfach nicht. Am liebsten würde sie mit Oliver ganz alleine feiern. Essen gehen, kuscheln und sich eine Schleife um die Hüfte binden, damit er sie auspacken konnte.
Sie steuerte ihren geliebten Flitzer durch die Stadt und sah die ergraute Dame bereits wütend hin und herlaufen, als sie vor dem Wohnkomplex einen Parkplatz fand. Hanna atmete erneut tief ein und aus, umklammerte das Lenkrad wie eine Würgeschlange ihre Beute, bevor sie aus dem Wagen ausstieg.
„Hanna! Na endlich! Wie lange wollten Sie uns denn noch warten lassen?!“, keifte sie los und tippelte mit ihren Füßen auf Hanna zu. Ihr Rock war so eng, dass sie nur kleine Schritte machen konnte, sehr zu Hannas Freude, die sofort Reißaus nahm und zum Kofferraum ging. Jede Sekunde ohne die Nähe dieser Frau war eine Wohltat!
„Frau von B...“, murmelte Hanna mit einem gequälten Lächeln, die aber sogleich unterbrochen wurde.
„Wir haben es schon halb vier!“ Dabei schlug sie wild mit ihrem manikürten Zeigefinger auf eine goldene Armbanduhr, die exakt 15.27 Uhr anzeigte.
„Ja, ich w...“ Hanna versuchte alles, um die Situation zu retten, als sie den Kofferraum öffnete, doch Frau von Birkenhausen war kaum zu bremsen. Ihr werter Gatte stand an seinem schwarzen Wagen, streichelte ihn andächtig, als wollte er das Auto beruhigen. Schließlich fuhren sie knapp über eine Stunde zu Olivers Wohnung, da musste der Wagen sicherlich unter ihrer schrillen Stimme leiden, was ihr Mann wohl wusste. Das arme Auto. Und wer bemitleidete sie?

Hanna verweilte kurz auf Herrn von Birkenhausen und zuckte erneut zusammen, als der Schwiegerdrachen sie beiseite drängte.
„Ach, das wird doch alles kalt! Sie haben ja wirklich Nerven! Erst lassen Sie uns hier warten und dann kühlt auch noch das Essen aus!“
„Das sind extra Thermo...“, murmelte Hanna, die sich hilfesuchend nach den Freunden von Oliver umsah, die eigentlich tragen helfen sollten.
„Papperlapapp! Kein Wunder, dass mein Oliver so dünn geworden ist. Schlimm genug, dass er diesen Fraß zu essen bekommt und Sie nicht in der Lage sind, ihn selbst zu verköstigen. Nein! Jetzt wird auch noch alles kalt!“
„Entschuldigen Sie bitte, Frau Beh... äh Frau von Birkenhausen!“ Hanna erschrak selbst, denn beinahe hätte sie einen falschen Namen verwendet. Die zwei waren sich aber auch zu ähnlich.
„Nicht faul herumstehen und stottern, tragen Sie wenigstens schon mal die Sachen nach oben. Als Olivers … Geliebte oder wie auch immer ich Sie bezeichnen soll, können Sie ja wenigstens einen kleinen Beitrag für seine Zufriedenheit leisten!“
Hanna faltete ihre Hände, räusperte sich und schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass doch endlich jemand auftauchen würde, um diese brenzlige Situation zu neutralisieren.

Die anderen sind sicher gleich da, dann tragen wir alles hinauf und überraschen ihn, wenn alles dekoriert ist. So wie wir es abgesprochen ha...“ Hanna versuchte sie daran zu erinnern, was vereinbart war. Scheinbar war es der senilen Schachtel entfallen.
„Davon weiß ich nichts! Dekorieren müssen wir auch noch? Sie haben ja überhaupt nichts geplant! Wenn ich das gewusst hätte! Alles muss ich selber machen!“ Theatralisch legte sie ihren Handrücken gegen die in Falten zerknitterte Stirn und drehte sich zu ihrem Mann herum, der noch immer das Auto streichelte.
„Rüdiger! Rüüüdiger!“, fauchte Frau von Birkenhausen, als riefe sie einen streunenden Hund, der verbotenerweise in der Öffentlichkeit urinierte. Rüdiger schreckte zusammen und wandte sich seiner Frau zu, lief dabei zögerlich ein paar Schritte in ihre Richtung.
„Ja Hilde, meine Liebste?“, sprach er, beinahe beruhigend und wie in Trance, als sei er ein Ritter, der einen Drachen zu besänftigen versuchte. In diesem Moment bogen zwei Autos in die Einfahrt und Hanna seufzte erleichtert, da sie zwei von Olivers Freunden am Steuer erkannte.
„Jetzt steh da nicht so faul herum, hilf mir wenigstens tragen, wenn diese Mätresse es nicht fertig bringt.“ Sie schnalzte genervt mit ihrer Zunge und griff sich das Paket mit den Donuts.
„Freundin, Verlobte. Bald Ehe-Frau. Ich bin keine Mätresse, Frau von Birkenhausen!“ Hanna riss sich zusammen, um ja nicht auszubrechen. Es brodelte in ihr, wie ein Vulkan, der seine Lava bereits viel zu lange zurück hielt.

 

 

Doch Frau von Birkenhausen lachte nur spöttisch auf.
„Ehefrau? Ehe? Sie?“ Ihre trüben Augen glitten über Hannas Körper. Kraterähnliche Fältchen bildeten sich um ihre Mundwinkel herum, als sie abfällig die in ihren Augen, schlechte Wahl ihres Sohnes begutachtete.
„Eine Ehefrau sollte zum Einen in ein Brautkleid passen und zum Anderen Klasse besitzen, Anstand. Schön sein. Höflich sein. Geschickt sein. Kochen können ...“, zählte sie auf und lachte dabei gehässig. Ihr Mann Rüdiger stand hinter ihr und schaute abwesend auf die Donuts. Scheinbar hatte er heute noch nichts gegessen, was ihm wohl jegliche Kraft raubte, Hanna zu verteidigen.
„Da sind wir! Kommen wir zu spät?“, rief ein Mann, der aus dem Auto stieg.
Hanna stieß einen dankbaren, stillen Gruß in den Himmel und lief auf Jan zu, den sie gut kannte. Er war Olivers bester Freund und brachte ein kleines Blondchen mit. Die wechselte er so oft wie seine Unterwäsche. 
„Schön, dich zu sehen. Nein, du bist pünktlich und kommst wie gerufen! Ich habe schon alles im Auto.“ Im zweiten Wagen saßen ebenfalls Freunde von Oliver, die Hanna vom Sehen her kannte. Vier Paare kamen ihr nun entgegen. Davon vier Männer in guter Kleidung, drei süßen Blondchen mit viel zu hohen Absätzen und eine Brünette, die normal gekleidet war und Hannas Aufmerksamkeit weckte.
Sie reichte jedem die Hand und bei den Frauen, die man teils noch als Mädchen bezeichnen müsste, gab es ein Küsschen links und ein Küsschen rechts. Die Brünette war ihr jedoch neu und so reichte Hanna ihr nur die Hand.
„Ich hoffe, es ist okay, wenn ich einfach so mitgekommen bin. Ich kenne Oliver noch nicht, aber Ben kennt ihn ja sehr gut. Er hat mir viel von dir und Oliver erzählt.“
Beinahe wäre Hanna in Tränen ausgebrochen, als sie feststellte, dass diese Frau normal zu sein schien. Sie war gut gekleidet, aber nicht zu billig, machte sogar einen intelligenten Eindruck.
„Nein, das macht gar nichts. Ich freue mich immer, jemand Neues kennenzulernen!“ Diese junge Frau rettete ihren Abend! 
Jeder schnappte sich etwas aus Hannas Kofferraum und trug es bis zum Fahrstuhl. Oliver sollte ja erst gegen 17 Uhr nach Hause kommen, so war noch genug Zeit, alles zu dekorieren und sich zu verstecken.
„Ich hoffe wirklich, dass Markus und Johann den Mund halten. Die sollen ihn noch schön bis 17 Uhr beschäftigen und dann her lotsen“, meinte Jan, der auf sein Handy schaute und wohl auf eine Nachricht der beiden Lockvögel wartete.
„Hast du nichts mehr von ihnen gehört?“, fragte Hanna und rückte etwas näher.
„Nur, dass sie ihn heute Mittag nach der Arbeit abgeholt haben und dass sie ihn beschäftigen würden. Naja. Wenn bis jetzt noch nichts kam, haben sie wohl noch Spaß.“ Dabei grinste er breit und räusperte sich, als er Hannas fragenden Blick bemerkte. Noch dachte sie sich nichts dabei, doch bald würde sie verstehen, wie sie die einzelnen Puzzlestückchen zusammensetzen musste, damit sie ein stimmiges Bild erhielt.
Gemeinsam gingen sie den Gang entlang, zu der Wohnung, jedoch stutzte Hanna, als sie die Tür aufschloss. War das etwa Musik? Kam sie aus der Wohnung? Sie hielt inne und schaute die anderen an, die die Musik ebenfalls hörten, als Hanna die Tür einen Spalt öffnete. War Oliver etwa zuhause?
„Ich dachte, sie wollten ihn ablenken?“, flüsterte Hanna, doch Jan zuckte nur mit den Schultern.
„Vielleicht ist er kurz hier, um sich umzuziehen?“, meinte Jan, der in die Wohnung lugte.
„Mist aber auch … ihr geht alle in die Küche und ich schaue, wo er ist, dann könnt ihr euch schon mal verstecken!“ So hatte sie sich das eigentlich nicht vorgestellt. 
„Die bekommt aber auch nichts auf die Reihe!“ Frau von Birkenhausen verdrehte nur entnervt ihre Augen, erntete aber zischende Laute der anderen, die um Ruhe baten.
„Ist ja gut, ist ja gut!“ Unschuldig hob sie beide Hände, sie selbst trug natürlich nichts. Alleine ihre Anwesenheit sollte genügen, um ihren Spross zu beglücken.
Die Gruppe blieb in der Küche stehen, nur Jan schlich Hanna nach, die sich zum Schlafzimmer vorwagte, aus der die Musik ertönte.
Wie ein Tunnel kam ihr der Flur vor. Dunkel und mit Klängen erfüllt, die sie gut kannte. Es war Musik, die Oliver auflegte, wenn sie einen romantischen Abend hatten. Eben dieses Lied, was Hanna so liebte. Sie stützte sich an der Wand ab, da sie weiche Knie bekam. Warum lief dieser Song jetzt? War Oliver wirklich da? Zog er sich nur um? War die Anlage vielleicht von ganz alleine angegangen? Ihre Gedanken waren wirr und ihr Herz raste, obwohl sie sich nur langsam fortbewegte.
Die Schlafzimmertür war nur angelehnt, so dass Hanna nur ihre Hand gegen diese legen musste, um sie weiter zu öffnen.

Ein erregtes Keuchen schlich sich an Hannas Ohren, drang in ihren Kopf ein, als sie zugleich die bewegten Bilder vor sich sah. War es ein Film, der sich vor ihr abspielte? Ein Tagtraum? Ein Szenario, das sich in ihrem Kopf befand und ihre Augen ihr einen Streich spielten?
Olivers Mutter stand nun hinter Jan, da sie nicht länger warten wollte, dieser starrte ebenso schockiert wie Hanna auf das Liebesspiel der beiden, die noch nichts von der Anwesenheit der Partygäste bemerkt hatten.
Die dünne Blondine, die unter Oliver lag, genoss sichtlich seine Aufmerksamkeit. Oliver selbst war viel zu beschäftigt, um zu bemerken, dass sich mittlerweile fast alle Partygäste hinter ihm versammelten. 
„Oliver?“, hauchte Hanna schockiert, die viel zu entsetzt war, als überhaupt reagieren zu können. Ihr Alptraum spielte sich vor ihr ab, ihre schlimmste Befürchtung, er könnte sie betrügen, wurde wahr.
Jan versuchte, Hanna von der Tür wegzuziehen, doch dann ging schon ein Raunen durch den Flur, als die anderen mitbekamen, was im Schlafzimmer geschah.
Lachen, Grölen, peinliches Schweigen und ein entsetzter Aufschrei Hannas, deren kleine heile Welt zerbrach.
„Du Scheißkerl!“, schrie sie und wollte sich auf ihn stürzen, doch Jan hielt sie zurück, bis auch Oliver endlich mitbekam, dass er hier nicht alleine mit seiner Eroberung war.
„Hanna? Was?!“ Er rollte sich zur Seite, bedeckte sich und erhaschte flüchtig die anderen Personen, die durch den Flur in das Schlafzimmer starrten. 
Die fremde Frau begann zu kreischen und hielt sich ein Kissen vor ihren nackten Körper. Doch ihr Aufschrei wurde durch Hannas Schreie übertönt.
„Wie kannst du mir so was antun? Du verdammtes Arschl...“ Jan hatte alle Mühe, sie zurückzuhalten und in den Flur zu ziehen.
„Ruhig! Ruhig!“, rief er und drängte Hanna einige Schritte zurück, die sich kraftlos auf das Sofa drängen ließ. 
Ein peinliches Schweigen beherrschte das Wohnzimmer. Aus dem Schlafzimmer drang noch immer die Musik des Beischlafes, was Hanna die Tränen in die Augen trieb und sie ihr Gesicht hinter beiden Händen versteckte.
„Wir gehen dann besser ...“, murmelte Ben, der seine Freundin mit sich zog und den anderen gestikulierte, ihm zu folgen. Schweigend verließen sie den Raum, bis nur noch Jan, Olivers Eltern und Hanna selbst im Wohnzimmer saßen.
Plötzlich schlich sich die blonde Frau, die noch keine zwanzig Jahre alt war, durch den Flur und versuchte, sich zur Haustür zu bewegen. Hanna sah sie nur fassungslos an, konnte nichts sagen, da ihre Stimme versagte. Am liebsten hätte sie ihr hinterher gebrüllt, sie beleidigt, auf sie eingeprügelt und all ihre Wut an der Frau ausgelassen. Doch der eigentliche Schuldige kam erst jetzt aus dem Schlafzimmer heraus und versuchte, sich zu erklären. Hanna starrte zu Boden. Warum fühlte sie sich nur so schlecht und brachte kein Wort hervor? Sie wollte weinen und schreien! Doch ihre Knie zitterten und ihr Herz schmerzte so sehr, dass sie nur stumme Tränen weinte.
„Ich lasse euch dann alleine“. Jan warf Oliver einen entschuldigenden Blick zu und verließ dann die Wohnung. 
Frau von Birkenhausen lief derweil auf und ab, ihr Mann saß auf der Couch und beobachtete seine Frau.
„Würden Sie bitte auch gehen? Das geht nur Oliver und mich etwas an!“ Dabei betonte sie jedes Wort mit einer aggressiven Note, doch Frau von Birkenhausen dachte nicht daran, jetzt die Wohnung zu verlassen.
„Sie haben hier gar nichts zu melden! Sie sind doch selbst schuld, wenn Sie glauben, dass solch ein Mann wie mein Oliver ...“
„Raus jetzt! Sofort!“ Hanna sprang auf und warf ihr einen so wütenden Blick zu, dass Olivers Mutter zusammen schreckte.
„Mutter, es ist besser, wenn du und Vater jetzt gehen. Das geht nur Hanna und mich etwas an ...“ Oliver wirkte gefasst, ganz im Gegensatz zu Hanna, die nicht wusste, wohin mit sich.
„Gut! Gut! Ist ja gut!“ Als wäre sie die Unschuld in Person, hob Frau von Birkenhausen beide Hände und stand dann auf, nahm ihre Handtasche an sich und stolzierte den Flur entlang.
„Ruf aber an, wenn du das hier geklärt hast!“ Mit diesen Worten verabschiedete sie sich und war mit ihrem Mann durch die Tür verschwunden.
Für einen kurzen Augenblick war Hanna erleichtert, dass alle weg waren. Doch nun stand sie hier mit Oliver, ganz alleine.
Ein trauriger Blick wanderte zu dem Mann, den sie so sehr liebte und viele Gedanken schwirrten durch ihren Kopf.
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll … dass es mir leid tut, hilft jetzt sicher nicht ...“, murmelte Oliver, der sich verlegen durch sein Haar fuhr, dabei auf und ablief, wie ein Tiger im Käfig.

Hanna setzte sich wieder, versuchte ihre Gedanken und Gefühle zu sortieren. Bilder traten vor ihrem geistigen Auge auf, Erinnerungen an Situationen, die erst jetzt Sinn ergaben.
Das Puzzle fügte sich zusammen.
„Das Handy … ich habe es mir also nicht eingebildet. Du hast ein zweites Handy. Rufst du sie damit an? Ist sie jemand, die du öfters siehst? Oder hast du mehrere? War es das erste Mal?“, fragte Hanna und starrte dabei zu Boden. Sie konnte diesem Mann nicht in die Augen sehen. 
Doch Oliver schwieg, ging mit zögernden Schritten auf Hanna zu, kniete sich dann vor sie, doch Hanna sah beiseite.
„Fass … mich ja nicht an!“, zischte sie und sprang auf, um wegzugehen. Sie stellte sich an das Fenster und sah auf den Parkplatz, wo sie seine Freunde sah, die davon fuhren.
„Willst du das wirklich wissen?“, fragte Oliver, der sich nun auf den Sessel setzte und laut seufzte.
„Eigentlich nicht, aber was soll ich sonst machen? So tun, als wäre nichts gewesen?“ Mit verschränkten Armen drehte sie sich zu Oliver herum. Ihre Stimme klang ruhig, auch wenn sie innerlich tobte, zeigte sie ihm dies nicht. Noch nicht.
„Ich will die Wahrheit wissen.“ Und das wollte sie wirklich. Sie kam sich so dumm vor, so ungeliebt. So verraten.
„Liebst du mich überhaupt? Wofür war ich denn gut? Deine Freunde mögen mich nicht. Deine Eltern hassen mich. Du schläfst mit einer anderen. Blond. Schlank. Das genaue Gegenteil von mir. Wofür war ich gut?“ Sie fand keinen Sinn in ihrer Beziehung. Da war plötzlich nichts mehr. Nur noch ein Scherbenhaufen, in den sie trat. Doch sie spürte ihre blutigen Füße nicht, ertrug den stillen Schmerz, wollte Antworten.
„Natürlich liebe ich dich! Ich … ich kenne sie schon länger, wir sind Kollegen. Sie arbeitet in meiner Firma. Wir haben nur geredet, ich habe etwas getrunken. Es ist einfach passiert. Und ja, es war nur das eine Mal!“ Oliver faltete seine Hände, wirkte gelassen und Hanna wusste, wenn er sich so benahm, dann log er.
„Was ist mit Veronika?“, fragte sie und beobachtete dabei Olivers Reaktion, der kurz erstarrte, bevor er sich verlegen am Hinterkopf kratzte und Hanna fragend betrachtete.
„Frage mich jetzt ja nicht wer! Ich dachte, sie sei nur ein Fehler gewesen. Nur ein Ausrutscher. Wir waren ja noch nicht lange zusammen, sahen uns nur alle zwei Wochen … doch ich wusste von ihr. Auch, dass es irgendwann aufhörte, als ich zu dir zog.“ Warum war sie überhaupt nach Berlin gekommen? Gab Familie und Freunde auf. Für was?
Sie begriff langsam, dass sie damals nur hoffte, dass Oliver nicht länger fremdgehen würde, wenn sie erst einmal bei ihm war. Doch sie erlag einem Trugschluss.
Oliver schwieg, schien sich nicht einmal zu schämen.
„Schon gut. Du brauchst nichts weiter zu sagen. Ich verstehe schon.“ Sie lief an ihm vorbei ins Schlafzimmer, stopfte ihr Hab und Gut in einige Taschen.
„Reagierst du nicht etwas übertrieben?“ Er war ihr gefolgt und verstand die ganze Aufregung nicht.
„Ok. Ich habe dich betrogen. Aber ich bin doch bei dir! Ich lebe mit dir zusammen, nicht mit Veronika oder Marina. Mit dir. Mit der Frau, die ich liebe und auch heiraten will. Mit der ich Kinder will!“
Hanna lachte nur abfällig, beachtete ihn gar nicht weiter. Sie räumte die Schubladen aus und verstaute alles Wichtige in den Tüten und einer Tasche, was sie brauchte.
„Du kannst ja beide heiraten. Aber ich will keinen Mann, der neben mir noch andere hat. Es ist vorbei. Es ist so was von vorbei!“
„Und was willst du jetzt machen? Willst du dir hier eine eigene Wohnung nehmen? Wo willst du denn hin?“, fragte er sie und lief Hanna in den Flur nach, wo sie sich ein letztes Mal zu ihm herum drehte.
„Du hast mir drei Jahre gestohlen. Die werde ich nicht zurückbekommen. Aber … du wirst irgendwann weinend dasitzen und dir wünschen, dass du das nicht getan hättest. Wenn du neben einer dümmlichen Frau sitzt, die dich nur des Geldes wegen will. Dann wirst du dir wünschen, dass ich noch hier wäre. Aber dann wird es zu spät sein. Es ist jetzt schon zu spät, aber du hast es noch nicht begriffen.“ Sie schüttelte ihren Kopf und griff sich einen Aktenordner, der im Regal stand, stopfte ihn in ihre Tasche.
„Du wirst es sicher nie begreifen ...“ Sie riss die Haustür auf und lief zum Treppenhaus, sah sich nicht um. Mit jedem Schritt, den sie ging, fühlte sie sich freier. Glücklicher.
Ein zartes Lächeln umspielte ihre Lippen, die nur von einigen Tränen geschmückt wurden.
Nie wieder einen Mann, der sie betrügt.
Nie wieder Frau von Birkenhausen und die ständigen Demütigungen.

Nie wieder Frau Behlitz, die ihre Arbeit doch nicht schätzte.
Sie war frei! Und doch hatte sie alles verloren. Ihre Liebe. Ihre Arbeit. Ihre Wohnung …

Hanna war nun ganz alleine. Obdachlos. Mittellos.
In einer fremden Stadt, die sie nie ihre Heimat nennen konnte.

Als sie die Treppen hinunterlief und das Foyer erreichte, sah sie ihren kleinen grünen Flitzer, der sie zum Lächeln brachte.

Nein. Sie war nicht allein. Sie hatte Freunde und eine Familie, die auf sie warteten!

 

 

 

 


Autor: Laura Sommer
Buch: Pralinenherz

Ein LovelyBooks-Nutzer

vor 5 Jahren

Hi Laura,

danke für den Tipp mit dem kostenlosen Ebook, das werde ich mir morgen runterladen und bin dann auch gerne bei der Leserunde dabei :)

justitia

vor 5 Jahren

Danke für den Tipp, werde es morgen runterladen und mache dann gerne bei der Leserunde mit ;)

Scathach

vor 5 Jahren

Am Donnerstag hab ich geburtstag und bekomm meinen Reader :-) Da kann ich dann auch dabei sein :-)

Leseglueck

vor 5 Jahren

Ich würde auch gerne mitmachen. :)

Ein LovelyBooks-Nutzer

vor 5 Jahren

Vielen Dank, ich freue mich auf eure Teilnahme :)
Nicht vergessen, heute gibt es das Buch kostenfrei, sonst kostet es 2,99 Euro.

justitia

vor 5 Jahren

@Ein LovelyBooks-Nutzer

Soeben erworben, muss jetzt nur noch auf den PC. Freue mich drauf ;))

saskia_heile

vor 5 Jahren

habs auch eben erworben und freu mich auf die leserunde :)

Ein LovelyBooks-Nutzer

vor 5 Jahren

http://www.lovelybooks.de/leserunde/Pralinenherz-Frauenroman-chick-Lit-von-Laura-Sommer-1002562218/?liste=modern

Bitte umziehen :)
Jetzt funktioniert es ;)

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