Mein erstes Buch, "Torwelten - Dunkles Erwachen"

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Ein LovelyBooks-Nutzer

vor 4 Jahren

Biete euch hier mal mein erstes Werk als Leseprobe an. Klassisches High Fantasy-Epos. :-)
Würde mich freuen wenn ihr dazu ein Kommentar schreibt oder es gar rezensiert. Ist auch als Ebook oder Print-Version bei Amazon erhältlich.

Viel Spaß beim Lesen!

Ein LovelyBooks-Nutzer

vor 4 Jahren

Prolog

Mein lieber Junge.
Hier sitze ich nun, beschützt und behütet im Palast meines Freundes, und schaue aus dem Fenster hinaus in die friedliche Natur. Ich sehe die Bäume und Sträucher, den kleinen Bach unten im prachtvoll angelegten Park. Sehe Vögel, die zwitschernd durch die Lüfte gleiten. Es ist so perfekt, so ruhig, so friedlich. Und doch sieht es in mir ganz anders aus. Denn du bist irgendwo da draußen, und ich weiß nicht, wie es dir geht. Große Schuldgefühle plagen mich deswegen. Ich bin in der Überzeugung hierhergekommen, das Richtige zu tun, aber nun bin ich mir alles andere als sicher.
Ob ich dich jemals wiedersehen werde? Ich hoffe es so sehr. Wenn nicht, so sind diese Zeilen allein für dich bestimmt. Sie sollen kein Abschiedsgruß sein, und ich will nicht sentimental werden. Aber ich möchte, dass du verstehst, was ich damals tat, warum ich es tat und wie alles begonnen hat. Wenn ich sterben sollte, ohne die Möglichkeit gehabt zu haben, dir die Wahrheit zu sagen, so wird mein Freund dir alles erzählen. Ich weiß, dass er es tun wird.
Wenn ich an damals denke, dann ist es, als wäre es erst gestern gewesen. Ich stehe neben mir selbst und betrachte mich, und je länger ich darüber nachdenke, desto schwerer fällt mir die Unterscheidung von Vergangenheit und Realität. Dabei ist es schon zwanzig Jahre her, zwanzig lange Jahre…
Damals fing alles mit einem Ende an. Es war still, totenstill. Noch nie hatte ich eine derartige Stille erlebt. Nicht einmal jetzt, wo ich endlich in Frieden leben könnte und die Entscheidungen anderen überlassen sollte. Der Wind zerrte an meiner Kleidung. Ich spürte die Hitze der unzähligen Feuer auf dem riesigen Schlachtfeld. Eine Hitze, die so unbeschreiblich war, dass es mir auch jetzt wieder eiskalt den Rücken hinunterläuft. Ich hatte den metallischen Geschmack von Blut in meinem Mund, von meinem eigenen und jedem Einzelnen, der an diesem Tag sein Leben gelassen hatte. Ich spürte den beißenden Geruch von pechschwarzem Rauch, der in meinen Lungen brannte, und roch die Mischung aus Panik, Schweiß und Exkrementen. Der Duft von Fäulnis und verbranntem Fleisch war allgegenwärtig. Ich werde diesen Geruch wohl niemals vollkommen aus meinen Erinnerungen verbannen können.
Nur wenige Stunden zuvor hatte ein heilloses und ohrenbetäubendes Chaos in der Hochebene von Materia geherrscht, direkt an den Ausläufern des Drachengebirges. Es war eine gewaltige Schlacht gewesen. Zu Tausenden waren sie gekommen, diese verdammten Ausgeburten, angeführt von einem Dämon, einem Fürsten der Hölle. Niemand von uns hatte wirklich daran geglaubt, dass wir siegen würden, als wir die Heerscharen von Bestien erblickten. Am wenigsten wohl ich selbst. Und dann stand ich da, zusammen mit meinen Freunden, und blickte hinab auf den Berg aus Leichen, ein offenes Massengrab, wie es diese und viele andere Welten wohl noch nie zu Gesicht bekommen hatten. Ich atmete ruhig ein und aus, versuchte die Stille aufzusaugen, doch es gelang mir nicht. Und meinen Freunden genauso wenig.
Sicher, wir hatten gesiegt, aber zu welch einem horrenden Preis. Ich weiß damals wie heute nicht genau, wie viele wir waren, die sich gegen diesen scheinbar übermächtigen Feind stellten, aber ich sehe erneut all die Leichen vor meinem geistigen Auge und weiß, dass fast niemand unbeschadet aus dem Gemetzel entkommen war. Die meisten waren tot, lagen mit verdrehten Leibern und angsterfüllten wie weit aufgerissenen Augen zwischen all den toten, klumpigen Körpern der Höllenbrut. Diejenigen, die das Pech hatten, noch am Leben zu sein, erfüllten die Luft mit einem leisen, klagenden Wimmern, welches vom Wind in alle Himmelsrichtungen getragen wurde. Doch niemand wollte darauf hören. Es war einfach still.
Wenn man sich den Himmel betrachtete, konnte man kaum glauben, dass es helllichter Tag sein sollte. Als unser Feind über den Hügelkamm marschiert war, hatte er die Nacht mit sich gebracht. Eine Schwärze, die alles zu verschlingen vermochte. Der Himmel hatte sich innerhalb weniger Sekunden verdunkelt und die Wolken blutrot gefärbt.
Auch als die Schlacht vorüber war und ich erneut zum Himmel blickte, war er noch wolkenverhangen. Er trug eine unnatürliche Dunkelheit in sich und trommelte Melodien von Tod und Vernichtung. Hier und da zuckten noch vereinzelte Blitze hervor, die die roten Wolken aufrissen und blutende Wunden hinterließen. Schon da hätte uns allen klar sein müssen, dass dieses glückliche Ende die Wahrheit trübte…
Viele gaben damals den Orks die Schuld. Immerhin waren sie es, die gelernt hatten, sich dunkler Magie zu bemächtigen und ein Portal zur Hölle zu öffnen, direkt in das Herz von Barathrum. Wie, das war uns nach wie vor ein Rätsel, denn bislang waren Orks nicht für ihre magischen Künste bekannt gewesen. Letztendlich spielte es aber auch keine Rolle mehr. Eines dieser Mistviecher hatte es jedenfalls geschafft, und allein das war schon Grund zur Sorge. Es konnte nur bedeuten, dass ihre Schamanen lernten, echte Magie zu wirken. Vielleicht wussten die Orks ja gar nicht, was genau sie da getan hatten. Oder doch? Immerhin wurden sie, soweit ich weiß, von den Bestien verschont. Als Dank dafür, dass man ihnen den Weg auf diese Welt geebnet hatte? Wohl kaum. Vermutlich wäre es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis auch die Orks den unbändigen Hass der Höllenbrut zu spüren bekamen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Dämon die Orks als ebenbürtig angesehen hätte. Hatte also nicht doch die Nachlässigkeit und Überheblichkeit der Menschen dazu geführt, dass diese Hölle über sie hereinbrach?
Man konnte sich darüber streiten, und man hätte nie eine befriedigende Antwort erhalten, aber letztendlich wurde die Arroganz der Menschen nun mit Blut bezahlt, und der Blutzoll war wahrlich hoch. Innerlich empfand ich zu meiner eigenen Schande Genugtuung, dass es so gekommen war, da über viele Jahre hinweg niemand hatte auf mich hören wollen. Die Menschen waren sich ihrer Sache schon immer zu sicher gewesen und hielten sich für unbesiegbar. Zumindest auf Materia. Hier war die Herrschaft der Menschen noch jung, aber dafür waren sie umso überheblicher. Was sind schon dreihundert Jahre Regentschaft? Nichts! Ich hatte immer gehofft, dass die Menschen durch diesen Krieg vorsichtiger werden würden, aber wenn ich auf mein Herz höre, zweifle ich daran. Auch heute noch.
Aber ich schweife ab. Warum sich über etwas Gedanken machen, was nicht mehr umzukehren ist? Eine gute Frage, nicht wahr? Vielleicht kannst du sie ja eines Tages beantworten. Lass mich zurückblicken auf die vielen Feuer und die vielen Leichen. So viele Tote! War es wirklich ein Sieg? Wir hatten zwar die Scheusale getötet, aber ihr Anführer war nicht tot. Nur seine fleischgewordene Hülle hatten wir zerschmettert. Ich sah an mir herab. Meine Kleidung war von Brandlöchern übersät und meine Hände wiesen große Brandblasen auf. Fast wäre ich bei den Kämpfen gestorben. Aber eben nur fast.
Dann, vor meinen Füßen, stand sie da. Diese kleine silberne Truhe. Das Symbol unseres Triumphes. Es handelte sich dabei nicht um eine gewöhnliche Truhe. Unter großen Anstrengungen mit stärkster Magie erschaffen, barg sie eine eigene Welt in sich, ein Gefängnis für die Seele des Dämons. Mehrere Tage Meditation und etliche Zauber waren nötig gewesen, um sie zu erschaffen. Fast wäre ich dabei wahnsinnig geworden, noch nie zuvor hatte ich etwas Vergleichbares hergestellt. Und ich spürte noch immer die kräftezehrenden Auswirkungen, doch es hatte sich gelohnt. Wir schafften es tatsächlich, die Seele des Dämons zu fangen und zu verbannen. Auf einen Splitter der verlassenen Welten, wo er keinen Schaden mehr anrichten konnte. Zumindest hofften wir das. Denn um ihn zu fangen, musste auch ich dunkle Magie anwenden, und das war immer gefährlich und wird es stets sein. Ich weiß nicht, welche Wege du noch einschlagen wirst, aber ich bitte dich schon jetzt, hüte dich vor dem Gebrauch von Magie! Erst Recht vor dunklen und bösen Zaubern! Zunächst habe auch ich mich gesträubt, denn dunkle Magie ist nie sicher. So chaotisch und wankelmütig sie ist, so liegt in jedem dunklen Zauber ein Hintertürchen. Sie ist heimtückisch und verführerisch, zu schnell kann man sich von ihr blenden lassen. Kein Wunder, dass sich die Orks über kurz oder lang dieser Magie hingaben. Und umso verwunderlicher, dass die Menschen mit ihrem schwachen Geist sich noch nicht haben blenden lassen. Oder doch? Bei dem Gedanken wird mir ganz mulmig. Aber so weit sind wir hoffentlich noch nicht. Die Tatsache, dass es immer noch eine Möglichkeit gab, die Seele des Dämons wieder aus der Truhe zu befreien, wusste bislang nur ich. Und so sollte es auch bleiben. Es ist besser, nicht jedes Wissen weiterzugeben, auch nicht an die engsten Weggefährten. So habe ich es schon immer gehandhabt. Auch das merke dir: Jeder noch so gute Freund kann dir mit seinem Wissen über dich das Genick brechen! Er muss es nicht einmal wollen, und doch passiert so etwas Tag für Tag. Lerne, gutmütig und gleichzeitig unnahbar zu sein. Glaub mir, es ist schwieriger, als du denkst. Und es wird dir Schmerzen und Kummer bereiten. Mehr als einmal. Selbst ich bin darin bis heute nicht perfekt.
Traurig blickte ich damals meine drei Gefährten an. Sie wären für mich in den Tod gegangen, blind konnte ich ihnen vertrauen. Und doch teilte ich dieses Geheimnis mit niemandem von ihnen. Denn auch wenn dieser Zauber den Sieg brachte, fühlte ich mich noch immer unbehaglich. Ständig hatte ich das Gefühl, etwas übersehen zu haben.
Zu viert standen wir damals dort auf dem Hügel, über den zuvor die Bestien gekommen waren. Fast eine Stunde standen wir alle schweigend da, starre Blicke auf die zerfetzten Körper gerichtet. Manche der Bestien waren bis zur Unkenntlichkeit zerrissen und komplett entstellt. Und in fast jedem toten Blick lag so unendlich viel Angst. So viel, dass es vermutlich noch für mehrere Generationen reichen würde.
Zwei meiner Freunde verabschiedeten sich schließlich von uns. Es waren die beiden, die geholfen hatten, den Dämon zu fangen, indem sie ihn auf dem Schlachtfeld ablenkten und, wie ich vermute, mehr als nur ihr Leben riskierten. Der dritte unter uns war der Einzige, der es körperlich mit der bösen Übermacht hatte aufnehmen können. Er war es gewesen, der den tödlichen Schlag gesetzt hatte, als ich am Ende den dunklen Bannzauber wob, der dem Dämon seine Seele entriss und in die Kiste sperrte.
Ein letztes Mal sahen wir einander an. Zufrieden, aber auch erschöpft. Wir alle hatten die traurige Gewissheit, dass wir uns wohl nie wieder sehen würden – zu viel war geschehen, und zu viel hätte wieder geschehen können. Wir würden erst wieder vereint sein, wenn eine neue Zeit der Sorgen hereinbrechen würde. Und wir alle hofften insgeheim, dass dies nicht geschah, solange wir noch lebten. Vielleicht bin ich deshalb hierher gereist und blicke nun in die ruhige Natur hinaus, genieße einen guten Kräutertee und knabbere zwischendurch warmes, duftendes Gebäck, während ich dir diese Zeilen schreibe. Vielleicht bin ich einfach nur hier, um sie nicht mehr wiedersehen zu müssen. Aus purer Angst…
Wir gaben uns die Hand, wortlos und ohne auch nur die kleinste Regung in unseren Gesichtern. Der eine würde in die Stadt der Menschen gehen und darauf achten, dass sich die Bewohner von Materia in Zukunft aufmerksamer und umsichtiger verhalten würden. Der zweite kehrte zurück nach Seldona, in die Stadt der Tore. Sie reisten wieder in ihre Heimat, die Gefahr für sie und alle anderen Welten war vorerst abgewehrt.
Ich blickte ihnen nach, bis ihre Umrisse am Horizont nur noch schemenhaft wahrzunehmen waren. Dann stand ich dort, allein mit meinem besten und ältesten Freund. Ihm vertraute ich noch mehr als den anderen beiden. Mehrere Minuten lang standen wir schweigend da, sahen herab auf das zerstörte Land, welches vor wenigen Stunden noch so voller Leben gewesen war. Ein idyllischer Landstrich, der zu weiten Ausritten entlang der schneebedeckten Gebirgsausläufer einlud. In meiner Jugend hatte ich das oft gemacht, und die Berge hatten mich immer begleitet. Welche Jahreszeit auch gerade war, die Spitzen der Berge waren stets zu sehen. Es war ein majestätischer Anblick, geschaffen für alle Zeiten. Doch selbst die weißen Gipfel waren von schwarzroten Wolken umschlungen und erinnerten an die blutigen Gebisse der unzähligen Toten. Man konnte denken, dass selbst diese riesigen Zeugen der Zeit ihren Tribut zahlen mussten. Wehmütig blickte auch mein Freund zu den Gipfeln hinauf, denn sie waren seine Heimat. Er atmete laut schnaubend aus, schüttelte einmal den Kopf, so als wolle er seine Gedanken ordnen, und blickte mich dann traurig an.
Dann fragte er mich, ob ich es tun würde.
Ich wusste, dass er mich genau das fragen würde, obwohl ich dieselbe Frage vor der Schlacht schon einmal beantwortet hatte.
Ich sagte ihm, dass er genau wisse, dass ich ihm mein Wort gegeben hatte und daran auch festhalten würde. Ich sagte ihm, dass er bereits bei mir wäre und ich auf ihn aufpassen würde. Dass er sich keine Sorgen zu machen bräuchte, weil es ihm gut ginge. Und dass wir ihn nicht bei den Menschen lassen könnten, weil sie zu einfältig und machthungrig seien. Niemand wusste, was geschehen mochte, sollte sie es herausfinden. Das Risiko war einfach zu groß.
Er gab zu Bedenken, dass auch ich ein Mensch sei. Aber ich konnte ihn besänftigen und ihm klarmachen, dass ich anders war. Ich versprach ihm hoch und heilig, ihn so gut es ginge von der Außenwelt abzuschirmen. Dass es ihm an nichts mangeln und er ein gutes Leben führen würde.
Er segnete meine Worte mit einem Nicken ab. Heute weiß ich, dass ich am Ende doch versagt habe. Leider. Doch ich möchte fortfahren.
So standen wir wieder eine ganze Zeit lang einfach nur da. Allmählich stieg uns der beißende Geruch von Tod und Verwesung immer stärker entgegen. Ich musste mir ein Tuch vor Mund und Nase halten, damit mir nicht übel wurde, so sehr stank es. Die ersten Krähen fingen an, hoch über dem Leichenberg zu kreisen, in der Hoffnung auf eine reiche Ausbeute. Angewidert blickte ich zu meinem alten Freund, doch der starrte nur gefühllos in das Tal und schnaubte verächtlich.
Dann kam die zweite Frage, die mir zu beantworten Bauchschmerzen bereitete. Er wollte wissen, was ich mit der Kiste tun wolle. Diese verfluchte Kiste. Ich nahm sie an mich, weil ich der Meinung war, sie wäre in seiner Welt nicht sicher. Irgendwie betrachtete ich wohl diese ganze Welt als unsicher. Auch wenn er argumentierte, mit den Schwächlingen in seiner Welt mühelos fertigzuwerden. Kaum hatte ich meine Gedanken ausgesprochen, schwenkte sein Blick ruckartig zu mir, und dann auf die Kiste. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, und eine gewisse Boshaftigkeit lag darin.
Ich beruhigte ihn – er wisse genau, dass ich das nie behaupten oder an seinen Fähigkeiten zweifeln würde. Hätte ich das getan, wäre diese Schlacht verloren gegangen. Aber so schwach die Menschen sein mochten, so gefährlich konnten sie auch werden. Wenn ich bedenke, was sie in den wenigen Jahrhunderten alles erreichten, trotz ihrer offensichtlichen Schwächen. Und nicht zuletzt die Orks. Niemand hätte für möglich gehalten, dass sie die dunkle Kunst der Magie erwerben würden, und doch war es so gekommen. Nur ihretwegen standen wir nun auf diesem Hügel. Nein, ich wollte die Kiste mitnehmen und sie an einem sicheren Ort verwahren. Weit weg von diesem Tal des Todes, und auch weit weg von meinem ältesten Freund.
Er blähte seine Nüstern und schnaubte laut, so dass Staub aufgewirbelt wurde, der sich in kräuselnden Bewegungen wie kleine Wirbelstürme den Hang hinunter bewegte. Offensichtlich akzeptierte er meine Begründung, aber teilen wollte er meine Meinung nicht. Aber ich kannte ihn, und ich wusste, dass er mir nicht böse war. So schnell er erregt war, so schnell beruhigte er sich auch wieder.
Ich musste ihm versprechen, seinem Sohn nie von ihm zu erzählen. Es sei besser für alle. So ein Narr.
Ich fragte ihn noch einmal eindringlich, ob er das wirklich wolle. Denn ich war mir sicher und bin es auch heute noch, dass er von seiner Forderung nicht vollkommen überzeugt war. Auch wenn er sehr heftig reagierte, wie ich zugeben muss. Denn er bejahte es dermaßen vehement, dass es keine Widerrede gab. Auch als ich ihn darauf hinwies, dass mein neuer Zögling ja auch irgendwann einmal erwachsen werden und anfangen würde, Fragen zu stellen. Doch er schrie nur, dass ich mir dann etwas einfallen lassen müsse. So wie ich es immer tat.
Er brüllte mich derart an, dass selbst die Krähen vor Schreck aufgescheucht wurden, doch ich nahm es ihm nicht übel. Immerhin war er der Einzige, der trotz des Sieges nur verloren hatte und viel aufgeben musste. Jeder Sieg hatte seinen Preis, das wussten wir beide. Auch wenn es ungerecht erschien, dass nur einer dafür zahlen musste, aber so war das nun einmal. Regungslos hielt ich seinem wütenden Blick stand. Ich wusste, ich würde mir etwas einfallen lassen, auch wenn ich zu dem Zeitpunkt noch keinen blassen Schimmer hatte, was.
Also gab ich mein Versprechen. Und er bat mich um Vergebung. Dafür, dass er mich angeschrien hatte, und dafür, dass er diese Bürde bei mir ablud. Ich war nie böse auf ihn gewesen und hatte ihm bereits vergeben, als er seine Worte aussprach. Inzwischen muss wohl ich ihn um Vergebung bitten, denn mit diesem Brief breche ich meinen Schwur. Aber vielleicht habe ich das auch schon viel früher getan. Innerlich, in meiner Seele, ohne es zu wissen.
Wie auch immer, mein Freund drehte sich um und verschwand.
Noch lange blickte ich ihm nach. So lange, bis ich seinen Körper in den schwarzen und blutroten Wolken verschwinden sah. Es war ein Gefühl, als hätte der Himmel ihn regelrecht verschluckt. Ja, es war besser, wenn wir uns nie wieder sahen, und so denke ich bis heute. Auch wenn mich das unglaublich traurig machte. Denn ich realisierte, dass er in diesem Moment nicht der Einzige war, der heute für den Sieg teuer bezahlen musste. Jeder hatte Verluste hinzunehmen. Auch ich.
Benommen und mit Tränen in den Augen hob ich damals die kleine silberne Kiste auf und starrte sie vorwurfsvoll an. Hoffentlich war es das wert, dachte ich mir. Ich verließ den Hügel, wandte mich vom Schlachtfeld ab und ließ den Tod hinter mir. Auf dem Weg zur Brücke blickte ich mich nicht mehr um. Ich hatte wirklich genug von all dem, neue Aufgaben und ein hoffentlich ruhigeres Leben warteten auf mich. Die Gefahr war gebannt. Zumindest hoffte ich das.
Und es kam, wie es kommen musste. Denn wie ich heute weiß, waren meine Ängste berechtigt. Ich hatte etwas übersehen. Diese Vision überkam mich vor ein paar Wochen, und ich will und darf sie dir nicht vorenthalten. Seitdem hat sich so vieles verändert…



In dem Leichenberg regte sich eine Gestalt und sah benommen an sich herab. Sie bemerkte, dass sie von oben bis unten mit Blut beschmiert war. Ein stechender Schmerz durchzog ihren Körper. Sie war verletzt. Blut sickerte aus einer klaffenden Wunde am Bauch. Die Kreatur wusste, dass die Verletzung nicht tödlich war, sie würde verheilen. Was war geschehen? War die Schlacht vorüber? Ihre letzte Erinnerung war, dass sie gerade einem Menschen den Arm ausgerissen hatte, und dann war da dieses grelle Licht. Es war so gleißend hell, dass die Kreatur geblendet wurde und jeden ihrer Gefährten auf dem Feld umwarf. Irgendeine Kraft wurde entfesselt, und sie war sich sicher, dass diese Kraft nicht gegen die Menschen gerichtet war.
Völlig verwundert stellte die Kreatur fest, dass die Schlacht nicht mehr tobte. Unter Schmerzen kroch sie über die vielen Toten hinweg, bis hin zum reglosen Körper ihres Anführers. Als sie feststellte, dass er tot war, brüllte sie ihren Zorn heraus. Sie blickte sich um. Hier und da bewegten sich noch einzelne Körper, aber ihre Gefährten waren alle tot. Nur Menschen schienen noch zu leben. Warum hatte sie überlebt?
Kurzerhand schnitt sie dem Leichnam ihres Anführers eine Kralle ab und verstaute sie in einem kleinen Lederbeutel. In wildem Zorn ergriff sie ein Schwert, das gerade in ihrer Nähe lag. Sie schleppte sich über das Schlachtfeld und tötete jeden menschlichen Körper, dem noch Leben innewohnte. Danach kroch sie den Hügel hinauf, nach wie vor schwer vom Kampf gezeichnet und sichtlich erschöpft. Die Kreatur wusste, dass sie von hier verschwinden musste. Sie kannte ihr Ziel, denn nur dort konnte sie unterkommen. Es gab nur diesen einen Ort, wo sie vorerst nicht auffallen würde. Sie wollte in diese Stadt.
Die Stadt der Tore.



Yadmar

Laurin wollte innerlich fluchen. Seit bereits zwei Stunden kauerten er und seine beiden Freunde hinter einem alten Holzzaun, der nur noch von rostigen Nägeln zusammen gehalten wurde. Hier und da waren bereits Bretter entfernt worden, zum Teil mutwillig herausgebrochen, oder sie lagen aufgedunsen wie Wasserleichen auf dem schwach glänzenden, feuchten Kopfsteinpflaster. Es regnete in Strömen. Wenigstens waren sie hier einigermaßen vor dem Regen geschützt. Beharrlich, aber mit mieser Laune, hockten sie unter dem nicht weniger baufälligen, aber immerhin überdachten Vorbau einer alten Schmiede. Da der Schmied bereits vor Monaten gestorben war, wurde sie nicht mehr genutzt und war verlassen. Es wäre sowieso kaum rentabel gewesen, die Schmiede zu verkaufen, schließlich gab es davon mehr als genug in Yadmar. Ein starker Wind heulte durch die Straße. Der Zaun klapperte leise und drohte jeden Moment wegzufliegen, sollte der Wind noch stärker werden. Ein einzelner Fensterladen baumelte quietschend hin und her und schlug gelegentlich gegen die von der Witterung dunkel gegerbten Bretter der Hauswand. Die Eingangstür war bereits herausgerissen worden, vermutlich hatten Plünderer nach dem Ableben des Eigentümers auf ein paar lohnenswerte Funde gehofft und waren bei ihrem Vorgehen nicht zimperlich gewesen. Aber wen interessierte das schon? Hier kam niemand mehr her, um nach dem Rechten zu sehen. Der Wind heulte wie ein hungriges Rudel Wölfe durch die offene Tür, und das Vordach knarrte und ächzte furchteinflößend, während der Regen wild auf die Schindeln peitschte. Aber sie waren halbwegs trocken geblieben.
Bisher zumindest.
Die Nacht war über Yadmar hereingebrochen, während sie dort hockten und zitterten. Nur wenige Einwohner der Stadt waren jetzt noch unterwegs, und in Anbetracht des Wetters war das auch keine große Überraschung. Normalerweise waren um diese Uhrzeit die Straßen prall gefüllt, denn in diesem Teil der Stadt waren viele Geschäftsleute, Arbeiter, Raufbolde, Seeleute und allerlei zwielichtiges Gesindel unterwegs. Letztere trieben dort für gewöhnlich ihr Unwesen, während in den Tavernen Geschäfte mit reichlich Alkohol besiegelt wurden und die Seeleute die Zeit an Land nutzten, um herumzuhuren oder sich einfach nur volllaufen zu lassen oder sich zu prügeln. Nur an diesem Abend regnete es so stark, als würde der Himmel selbst über der Stadt auseinander brechen. Und so zogen es die meisten vor, zu Hause zu bleiben oder den Regen an einem warmen Feuer bei einem Humpen Bier auszusitzen.
Es war eine Spätsommernacht. Noch nicht so kalt, als dass man unbedingt frieren musste, aber die Nässe und der Wind gingen ihnen durch Mark und Bein. Zudem hatten sich auf dem Boden bereits einige Pfützen gebildet, und die Feuchtigkeit drang langsam, aber stetig in ihre Stiefel. Laurin spürte, dass seine Zehen bereits feucht wurden. Seinen Freunden Lyle und Roscoe schien es ihren Gesichtsausdrücken nach zu urteilen nicht viel besser zu ergehen.
Verdammt nochmal!, fluchte Laurin erneut in sich hinein. Dabei hatte er seine Stiefel extra noch einmal eingefettet. Er beschloss sich neue zu kaufen, wenn das hier rum war. Geld dafür würde er dann mit Sicherheit genug haben. Trotz dieser widrigen Umstände war es für Laurin die perfekte Nacht. Mit etwas Glück würde niemand etwas von ihrem Vorhaben mitbekommen.
Dass er und seine beiden Freunde Halblinge waren, würde niemandem auffallen. Zwar wurde die Stadt von Menschen regiert und der überwiegende Teil der Bevölkerung bestand aus ihnen, aber auch allerlei Zwerge, Elfen, Gnome und eben Halblinge gingen in Yadmar ihren Geschäften nach oder lebten hier. Ab und zu sah man sogar einen Ork, noch öfter sogar Halb-Orks, das durchaus abstoßende Ergebnis einer Vereinigung von Mensch und Ork. Laurin hatte selten etwas Hässlicheres gesehen.
Yadmar war mit etwa einer Viertelmillion Einwohner die mit Abstand größte Stadt des Kontinents und wurde einst von Elfen erbaut. Vor fast zweitausend Jahren wurde sie von Drachen fast vollständig zerstört und danach von Menschen wieder aufgebaut. Seitdem wurde Yadmar zweimal von Orkstämmen aus den Teufelsspitzenbergen belagert, aber nie eingenommen. Die Stadt wird seit Generationen vom sogenannten Rat der Sechs regiert. Fünf der sechs Ratsmitglieder waren immer geheim und niemandem bekannt. Den Sechsten jedoch kannte jeder im Volk. Er war das endgültige, entscheidende Oberhaupt des gesamten Rates. Seit seiner Gründung hatte der Rat immer aus drei Menschen, einem Elfen, einem Zwerg und einem - wie die Einwohner gerne spotteten - „Kleinwüchsigen“, also einem Halbling oder Gnom, bestanden. Seit nunmehr zwanzig Jahren hatte der ehrenwerte Tovomir Svensson den Vorsitz. Ein junger Mann, der seit dem letzten Krieg auf Materia mit gerade einmal zwölf Jahren auf den Thron des Rates gesetzt wurde, da sein Vorgänger Rolf Torgirdsson, ein weiser und gerechter Herrscher, in der Schicksalsschlacht ums Leben gekommen war.
Alle nur erdenklichen Güter wurden in Yadmar gekauft und getauscht. Stoffe aus dem Süden des Landes, Erze aus dem Drachengebirge, Töpferwaren und Kunstgegenstände aus den Tiefen Wäldern, der Heimat der Hochelfen. Eingelegte und kandierte Früchte aus dem Landstrich Selgon, der ursprünglichen Heimat der Halblinge, waren ebenso heißbegehrte Waren wie allerlei kuriose und magische Erfindungen aus Breckingen, einer Hafenstadt im Norden, wo die Gnome lebten. Hierbei handelte es sich hauptsächlich um große metallene Konstrukte, welche die Gnome Maschinen nannten, die auf ein magisches Befehlswort hin zum Leben erwachen und eigenständig Arbeiten verrichten konnten. So sonderbar diese Maschinen auch waren, so teuer waren sie auch, und nur Adlige und gut betuchte Händler konnten sie sich leisten.
Die Stadt trug nach wie vor ihren elfischen Namen, was frei übersetzt Jademeer bedeutete. Der Name symbolisierte sowohl den Wohlstand der Stadt als auch ihre Lage am Meer, das stets schimmernd grün gefärbt schien. Es war eine reiche und vermögende Hafenstadt, die für viele Händler von großer Bedeutung war. Aber wie überall lockte dieser Reichtum nicht nur Kaufleute, sondern auch Diebe und Hehler an.
Und genau deshalb standen Laurin und seine beiden Gefährten jetzt hier. Sie waren nichts anderes als Diebe. Für einen kurzen Moment dachte Laurin zurück und musste unwillkürlich schmunzeln. So hatten sich seine Eltern ihren Sohn wohl nicht erträumt. Ein Dieb! Er, der Sohn eines ehrbaren Geschäftsmannes, auf den Spuren eines Gesetzlosen. Sein Vater wollte immer, dass er später einmal sein Geschäft in Bergheim übernahm. Laurin zog es jedoch vor, die Städte zu bereisen und etwas von der Welt zu sehen. Ein Geschäft zu führen, war ihm viel zu langweilig und nicht gewinnbringend genug. Seit zwei Jahren war Laurin nun schon von zu Hause fort. In diesen zwei Jahren musste er sehr schnell lernen, dass das Leben nicht umsonst war und auch Abenteuer ihren Preis hatten.
Aber bisher hatte er immer wieder Auswege gefunden und schlug sich wacker durch. Schon als Kind war er gut darin, sich zu verstecken oder sich fast lautlos zu bewegen. Jetzt, da er ein Dieb war, kam ihm das zugute, und er baute seine Fähigkeiten ständig aus. Als er vor gut einem Jahr nach Yadmar gekommen war, kannte ihn niemand. Inzwischen hatte er in der Bevölkerung einen Namen.
Sie nannten ihn den Schatten.
Während er so darüber nachdachte, überkam ihn ein Gefühl von Stolz. Auch wenn es nicht allein sein Verdienst war. Im Grunde gebührte dieser Titel nicht ihm allein, sondern auch seinen beiden Freunden Lyle und Roscoe. Die beiden Brüder und er kannten sich seit ihrer Kindheit und hatten schon damals viel Unfug angestellt, und sie alle träumten von Reichtum. Reichtum, den man auf ehrliche Weise kaum erlangen konnte. Und wenn, dauerte es ihnen zu lange. Insgeheim beanspruchte er den ihnen verliehenen verruchten Titel jedoch in erster Linie für sich, immerhin heckte er die Diebstähle aus und entschied, was wann zu tun war. Auf die beiden verzichten wollte er aber dennoch nicht, sie brauchten sich gegenseitig. Es war immer gut, nicht allein zu arbeiten. Sie gaben sich gegenseitig Rückendeckung und hatten sich damit bisher immer erfolgreich das Gelingen ihrer Raubzüge gesichert.
Zudem hatten die beiden ihre ganz individuellen Talente. Roscoe war einer der besten Schlossknacker, die Laurin je gesehen hatte. Bisher musste noch jedes Schloss nachgeben, wenn er es öffnen wollte. Und Lyle war ein exzellenter Bogenschütze und Messerwerfer, ein guter Rückhalt bei plötzlich auftretenden Problemen. Ja, sie waren gut, aber Roscoe war auch seltsam und Lyle manchmal extrem nervig. Während Roscoe es in der Regel vorzog, nie ein Wort zu sagen und ständig nachdenklich wirkte, so war Lyle umso mehr ein Plappermaul und meckerte ständig. immer passte ihm irgendwas nicht: Ob ihm zu warm war, oder zu kalt, es zu dunkel war oder zu hell, zu viele Menschen auf der Straße waren, ihm das Abendessen noch quer hing, oder er einfach nur müde war und lieber im Bett liegen wollte, als ein Haus auszukundschaften.
So war es auch an diesem Abend. Es regnete, und das war für Lyle mal wieder Grund genug, unaufhörlich zu jammern.
»Kann mir einer von euch beiden bitte verraten, warum wir das ausgerechnet heute Abend machen müssen? Ich weiß, du hast es mir gesagt, Laurin. Aber könntest du es mir bitte noch einmal erklären? Warum müssen wir ausgerechnet bei diesem Mistwetter in das Haus einbrechen?«
Auf eine gewisse Weise konnte Laurin ihn verstehen. Es war natürlich nicht angenehm, bei dem Regen hier zu stehen und darauf zu warten, das Haus endlich betreten zu können.
Die Kälte lähmte Laurins Glieder immer mehr, und seine Beine fühlten sich allmählich taub an. Vorsichtig bewegte er seine Zehen. Durch den Regen konnte er es selbst nicht hören, aber er war sich sicher, dass sie bei jeder Bewegung leise schmatzende Geräusche von sich gaben. Ein wenig schabte die Haut am harten Leder seiner Stiefel. Laurin war überzeugt, wenn sie nicht bald ins Trockene kämen, würde er sich an diesem Abend noch ein paar üble Blasen laufen. Aufgeweicht und schrumpelig genug fühlte sich die Haut seiner Füße jedenfalls an.
Lyle hatte zwar wirklich Recht, aber gerade diese Umstände waren für das, was sie vorhatten, perfekt. Weder Mond noch Sterne waren zu sehen. Nur ein paar vereinzelte Laternen spendeten ein mehr als spärliches Licht, das durch den Regen fast völlig verschluckt wurde. Wie kleine Glühwürmchen sahen die Laternen aus, die vor Schreck und Kälte mitten in der Luft erstarrt waren und nur darauf warteten, dass der Regen aufhörte und sie endlich weiterfliegen konnten.
Alles sprach dafür, dass sie es heute Nacht tun mussten. Sie würden ungesehen auf das mit Metallstäben umzäunte Gelände kommen. Wirklich niemand würde etwas bemerken.
Und auch seine geschwärzte Lederrüstung sowie sein dunkler Mantel würden ihren Teil dazu beitragen. Er konnte Lyle und Roscoe davon überzeugen, sich ebenfalls dunkle Kleidung zu besorgen. Man war einfach viel schlechter zu erkennen in der Nacht. Auch wenn Lyle erst einmal wieder protestierte und der Ansicht war, Schwarz stehe ihm nicht und mache ihn viel zu blass, willigte er letztendlich doch ein. Viel blieb ihm auch nicht übrig. Wie so oft gab er den Argumenten von Laurin nach. Innerlich kochte Lyle deshalb, und Laurin wusste das sehr genau.
Wenn doch nur endlich das Licht in dem Zimmer gelöscht werden würde. Seit einer gefühlten Ewigkeit beobachteten sie nun schon das Haus und richteten ihren gespannten Blick auf dieses eine kleine Fenster, während der Regen immer heftiger wurde.
Während Lyle mit motzigen Blick dahockte, verzog Roscoe keine Miene. Stumm und vollkommen konzentriert starrte er wie ein Löwe nach oben, der seine Beute fixierte. Als wäre kein Regen da, der seinen Blick trübte, und keine Dunkelheit, die seine Sicht einschränken konnte. Vermutlich hätte die Hauswand neben ihm einstürzen können, er wäre nicht von der Stelle gewichen. Er wirkte so kalt wie ein Eisblock. Unnahbar. Emotionslos.
Ganz anders war es bei Laurin. Irgendetwas machte ihm Sorgen, und es war nicht allein das Wetter und die Tatsache, dass Lyle noch ewig weiter meckern würde, wenn nicht bald das Licht im Fenster erlosch. Er wollte sich gar nicht ausmalen, wie es wäre, wenn Lyle sich auch noch erkälten würde! Dann wäre die Stimmung für die nächsten Tage dahin.
Viel hatten sie bisher nicht über das Haus und den Besitzer in Erfahrung bringen können. Laurin wusste nur, dass das Anwesen einem gut betuchten Elfen namens Longollion gehörte. Angeblich war er Magier, und er war nicht gerade kontaktfreudig. Die meisten Einwohner von Yadmar mieden ihn. Sie waren der Überzeugung, dass Longollion selbst für einen Elfen unglaublich arrogant war und er keinerlei Freundschaften zu Menschen pflegte. Laurin wunderte das nicht, er hätte auch kaum ein anderes Verhalten von einem Elfen erwartet. Es gab nur zwei Sorten Elfen: Arrogante und extrem arrogante. Longollion gehörte eindeutig zur letzteren Sorte. Zwar hatte auch er Bedienstete und Angestellte, die Menschen waren, aber er behandelte sie schlecht. Ansonsten war das Gelände nur durch zwei Elfenwachen und zwei Hunde abgesichert.
Pah, Hunde! Mit denen würden sie spielend fertig werden! Es gab diverse Tricks, um diese Viecher auszuschalten. Er hatte extra zwei große Stücke Fleisch mitgenommen. Nur für den Fall, dass er die Hunde bestechen musste, sollten sie von ihnen entdeckt werden. Wenn sie damit beschäftigt waren, es zu fressen, würde er den Dolch zücken, und die Hunde damit Geschichte. Laurin grinste bei dem Gedanken. Es wären nicht die ersten Wachhunde, die so ein unerwartetes Ende fanden. Außerdem besaßen sie alle ein Pulver, das den Geruch von Anis verströmte, so dass Hunde ihre Witterung nicht mehr aufnehmen konnten. Man musste es nur in die Richtung pusten, in der man die Hunde vermutete, und schon hatte man im Idealfall wertvolle Minuten gewonnen, die zur Flucht reichten. Das Zeug war teuer und nur schwer zu bekommen, aber es machte sich bezahlt. Nur würde es bei dem Regen nicht viel nützen, deshalb das Fleisch. Bei dem Gedanken daran lief Laurin das Wasser im Mund zusammen. Sein Magen knurrte. Wenn es ein Argument gegen den Einbruch heute Nacht gab, dann die Tatsache, dass es schon Stunden her war, seit er das letzte Mal etwas gegessen hatte. Die Vorstellung, jetzt an einem prasselnden Feuer zu sitzen und diese wirklich nicht gerade billigen Fleischstücke warm und gebraten auf einem Teller liegen zu haben, hatte wirklich etwas für sich. Er hatte das Fleisch ganz legal gekauft, da er nicht am Ende für den Diebstahl von etwas Essbarem, das vor wenigen Stunden noch zu dem Hinterteil einer Kuh gehört hatte, im Kerker landen wollte. „Das wäre wirklich ein unrühmliches Ende für den SCHATTEN gewesen. Nie bei einem Einbruch erwischt worden und dann verhaftet bei dem Versuch, dem Metzger die Wurst unter dem Hintern wegzumopsen.“
Ein leichter Schauer durchlief seinen Körper und er unterdrückte einen Seufzer. Eine seiner Hände legte er auf den laut grummelnden Bauch, so als wolle er seinen rebellierenden Magen beruhigen und trösten. Ihm sagen, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis es etwas zu essen gab. Es würde bestimmt nicht mehr lange dauern. Gewiss nicht. Doch zunächst mussten sie diesen Einbruch hinter sich bringen. Laurin richtete seine Konzentration und seinen Blick wieder auf das Fenster und versuchte, sich noch einmal an alles zu erinnern, was für diese Nacht wichtig war.
Die Idee für den Einbruch war ihm gekommen, als er ein Gespräch einer der Angestellten des Elfen belauscht hatte. Sie hatte einer anderen Angestellten von den unglaublichen Schätzen im Haus Longollions vorgeschwärmt. Marta war ihr Name und, sie arbeitete in der Küche des Magiers. Er war ihr daraufhin gefolgt und konnte sie bestechen, ihm mehr über die Schätze zu erzählen. Angeblich wurde in der Bibliothek des Elfen in einer gläsernen Schatulle ein Edelstein aufbewahrt, der von innen heraus schwach leuchtete. Sie hätte einmal kurz die Gelegenheit gehabt, ihn zu bewundern, als sie Longollion sein Mittagessen brachte. Und sie war überzeugt, dass der Edelstein magisch war. Dieser Edelstein war das Ziel der heutigen Nacht. Die Vermutung, dass der Edelstein magisch war, machte Laurin jedoch auch Sorgen, denn er war kein Freund von Magie und all jenen, die sie anwandten. Magie war für ihn unnatürlich und fremd und gegen jede Ordnung. Sicherlich gab es auch positive Magie, zum Beispiel solche, die zur Heilung eingesetzt wurde. Trotzdem hatten Halblinge noch nie viel Wert auf Zauberei gelegt. Sie vertrauten lieber auf ihre Fähigkeiten. Trotz seiner Bedenken reizte ihn die Tatsache, dass ein solcher Gegenstand auch unglaublich wertvoll sein musste. Denn magische Gegenstände, egal welcher Art, waren selten. Falls sie ihn stehlen konnten, würde er auf dem Schwarzmarkt eine hübsche Summe einbringen. Das Einzige, was ihm wirklich Kopfschmerzen bereitete, war die Frage, ob dieses teure Kleinod tatsächlich nur durch zwei Wachen und zwei Hunde beschützt wurde. Marta war sich absolut sicher, dass es sonst keine Sicherheitsvorkehrungen gab, vor allem keine magischen Alarmzauber oder dergleichen. Gewundert hätte es Laurin nicht, immerhin hatten sie ja vor, in das Haus eines Magiers einzubrechen. So blieb ihnen nur die Hoffnung, dass Marta ihnen alles erzählt hatte und ihre Aussagen der Wahrheit entsprachen. Zum wiederholten Male überprüfte er seine Ausrüstung und seine Waffen. Die Armbrust war bereits gespannt, nur ein Bolzen musste noch eingelegt werden. Auch die Dolche saßen fest am Körper, und sein Kurzschwert befand sich ebenfalls frisch geschärft und eingefettet in seiner Schwertscheide.
Alles war vorbereitet, jetzt musste nur noch das Licht ausgehen.
»Laurin, ich rede mit dir.«
Und Lyle musste endlich seine Klappe halten.
»Ich habe dich gehört«, zischte Laurin verärgert zurück. »Und wenn ich es dir noch hundertmal sage: Es wird heute gemacht, weil die Bedingungen optimal sind. Es ist Wochenende, die Bediensteten sind fast alle außer Haus, es ist eine pechschwarze Nacht. Und es regnet. All das begünstigt unser Vorhaben. Wann geht das endlich in deinen verfluchten Schädel? Und sei gefälligst etwas leiser!«
»Aber ich meine ja nur, weil...«
»Nichts da, ich will nichts mehr hören! Warum fängst du immer diese Diskussionen an? Ich bin es leid. Wenn du noch einen Grund willst, dann bitte: Weil ich hier das Sagen habe und es endgültig entschieden ist! Reicht dir das?«
»Ja, schon gut, reg dich ab«, brummte Lyle beleidigt vor sich hin. Immer wieder blickte er genervt und wütend zu Laurin herüber, sagte jedoch nichts und verkrampfte weiterhin seine Gesichtsmuskeln.
Laurin bemerkte sehr wohl, wie beleidigt und sichtlich genervt Lyle war. Für einen kurzen Moment musste er schmunzeln. Normalerweise wäre es bei dem lauten Plätschern des Regens nicht wahrnehmbar gewesen, aber er wusste genau, das Lyle gerade leise vor sich hin fluchte. Laurin konnte regelrecht hören, wie die Zähne seines Freundes aufeinander malmten wie zwei steinerne Mühlräder in einer Weizenmühle. Ja, er schmunzelte, aber es nervte ihn auch, wenn Lyle so reagierte. Wäre er nicht so ein perfekter Schütze, er hätte sich nie auf eine langfristige Arbeit mit ihm eingelassen. Trotz aller Freundschaft. Er fragte sich oft, wie Roscoe das ertrug. So war das wohl bei Brüdern, man akzeptierte sich einfach. Aber er selbst war nicht Lyles Bruder. Er würde ihn sich noch einmal vornehmen, am besten jetzt sofort. Wenn er etwas nicht brauchen konnte an diesem Abend, dann war es Lyles schlechte Laune und damit einen unkonzentrierten Partner. Der Einbruch würde schwierig genug werden, das spürte er.
Gerade als er sich Lyle zur Brust nehmen wollte, bemerkte Laurin plötzlich eine Hand auf seiner Schulter und schreckte auf. Mehr aus Gewohnheit als aus Angst glitt seine Hand zu einem seiner Dolche. Als er sich umdrehte, blickte er direkt in die ausdruckslosen schwarzen Augen von Roscoe. Der hatte dieses ganze Gemecker kommentarlos über sich ergehen lassen. Wie immer. Sein Blick war nach wie vor eiskalt, und Laurin durchfuhr erneut ein Schauer. Seine Nackenhaare stellten sich auf, so unheimlich wirkte Roscoe in diesem Moment auf ihn. Von allen Halblingen war er mit Abstand der seltsamste, den er je kennengelernt hatte.
Roscoe grinste ihn daraufhin mit seinen dreckigen Zähnen diabolisch an und riss, wie dem Wahnsinn verfallen, seine Augen auf. Er packte Laurin am Kinn und ließ seinen Blick leicht zur Seite wandern. Dabei drehte er Laurins Kopf mit, in Richtung des Hauses. Nun starrten sie beide in den wabernden Schleier aus Regen, starrten auf die andere Straßenseite. Direkt auf das Haus. Langsam hob Roscoe seinen linken Zeigefinger und deutete in Richtung des Fensters.
Endlich! Das Licht war erloschen!
»Also gut, wir machen es wie immer. Roscoe geht vor, ich folge dicht hinter ihm. Lyle, du hältst uns den Rücken frei!«
»Pffft, in Ordnung!«, gab Lyle kurz angebunden von sich.
„Es geschehen noch Zeiten und Wunder. Endlich mal keine großen Widerworte. Dass ich das noch erleben darf", dachte Laurin und wollte den Gedanken schon aussprechen, behielt ihn dann aber für sich.
Mit einem breiten Lächeln bewegte sich Laurin durch den Regen über die leere Straße. Vor ihm lief Roscoe, der nach wie vor angriffslustig grinste, geduckt in Richtung des Zauns. War Roscoe am Ende wirklich durchgedreht? „Der hat sie doch nicht mehr alle! Genau wie sein Bruder! Ein Spinner vor mir und einer hinter mir. Das kann ja noch spannend werden. Wer weiß was heute noch alles passieren wird.“
Weit und breit war niemand zu sehen, nur entfernt hörte man schwache Laute aus einer Taverne, die sich in einer Seitenstraße befand.
»Es ist nur ein weiterer Einbruch, nur ein weiterer Einbruch«, murmelte Laurin vor sich hin und versuchte krampfhaft, seine Zweifel zu zerstreuen, während die Dunkelheit ihn und seine Gefährten verschluckte und sie von der Straße aus nicht mehr zu sehen waren.



Xartsardrak

Es war mitten in der Nacht, als er erwachte. Es waren wieder diese Träume, die ihn nicht schlafen ließen. Seit nunmehr zwanzig Jahren ging das so. Anfangs hatte er überhaupt keine Träume gehabt, ja, er wusste nicht einmal, dass er überhaupt in der Lage dazu war. Für seine Rasse war diese Fähigkeit absolut untypisch. Er war ein Drache, und Drachen träumten nicht. Träume waren lediglich das Gedankengut schwacher Kreaturen. Diese ganzen Zweibeiner, deren Hirn und Vorstellungsvermögen viel zu klein waren, um Erlebtes sofort zu verarbeiten. Menschen, Elfen, Zwerge, Orks, Halblinge, Gnome und wie sie alle genannt wurden. Sie unterschieden sich in vielen Dingen, aber diese eine Sache hatten sie alle gemeinsam. Träume…
Er wollte nicht abstreiten, dass sie herausragende Fähigkeiten besaßen. Und sie waren tapfer. Er selbst hatte es erlebt, damals, vor zwanzig Jahren. Als Unterschiede nichts mehr galten und es nur noch um das gemeinsame Überleben ging. Als die Horden der Finsternis aus der Hölle emporgestiegen waren und das ganze Land, die ganze Welt, mit Tod und Unterdrückung überziehen wollten. Selbst sein Leben sah er damals gefährdet, auch wenn er wohl der Einzige war, der es zumindest körperlich mit ihnen hätte aufnehmen können. Von seiner Gattung war er der Einzige, der an dieser Schlacht teilgenommen hatte. Es gab nur noch wenige von ihnen, entweder, sie lebten nicht mehr hier, oder sie waren längst gestorben. Nur er war noch auf Materia. Hier hatte er Ruhe, hier hatte man ihn nach dem großen Sterben mit offenen Armen empfangen, ihn verehrt. So wie einst, als es noch viele von ihnen gegeben und sie die Welten regiert hatten. Lange war das her, sehr lange. Es war eine Genugtuung zu sehen, dass ihn nicht alle anderen Wesen respektlos behandelten. Wer wusste schon, wie es woanders gewesen wäre. Schon vor der Schlacht hatte man ihn respektiert, und danach behandelten sie ihn wie einen Gott. Man brachte ihm Opfer dar, schlachtete Rinder und Schweine zu seinen Ehren. Diese Menschen. Sie waren schon ein komisches Volk. Er wollte diese Opfergaben nicht, er wollte nur respektiert und in Ruhe gelassen werden. Und sein Fressen wollte er selber jagen. Das lag in seiner Natur. Auch wenn es natürlich angenehm war, sich füttern zu lassen. Als er so darüber nachdachte, musste er schmunzeln und gab ein lautes Grunzen von sich. Und trotzdem, mit den Jahren hatte er sich von den Menschen entfernt. Er wollte sich wieder auf seine Urinstinkte besinnen und hatte sich entschieden, sich von ihnen abzuwenden. Und sie ließen ihn gewähren. Das war für ihn der größte Beweis, dass sie ihn respektierten. Jagen aus Lust, Töten nur zum Spaß, das alles war nicht mehr wichtig. Seit der Schlacht war er dessen überdrüssig. Und doch musste er immer wieder daran denken, immer wieder sah er diese Bilder vor seinem geistigen Auge. In seinen Träumen…
Er wollte diese Träume nicht mehr. Träume waren ein Zeichen von Schwäche, nie zuvor hatte er Probleme damit gehabt, etwas Erlebtes so zu verarbeiten, dass er nicht weiter darüber nachdenken musste. Warum war das so? Lag es daran, dass er alt wurde? Vermutlich nicht. Er war nicht mehr jung, doch gewiss lagen noch ein paar hundert Jahre vor ihm. Auch das unterschied ihn von allen anderen, er wurde mit Abstand am ältesten. Er war stark, seine Rasse war stark, die anderen waren schwach. Und doch hatte er diese Träume. Wurde er etwa auch schwach? Er versuchte, sich abzulenken. Obwohl er wach war, sah er es immer noch deutlich vor sich: Die Heere der Menschen, Elfen und Zwerge. Er und seine drei Freunde hatten sie angeführt, gegen einen scheinbar übermächtigen Feind. Und sie hatten kämpfen müssen, denn hätten sie sich nicht gewehrt, wären alle, vermutlich auch er selbst, längst tot. Er schüttelte sich, und doch gelang es ihm nicht, wegzusehen. Er sah, wie die Horden über den Hügelkamm gestürmt waren, hier in seiner Heimatwelt, nicht weit von seinem Zuhause. Sie waren brüllend und schreiend über das Land gekommen, wie eine Urgewalt, hatten jeden Strauch, jeden Baum, jedes Lebewesen zermalmt, das ihren Weg kreuzte. Von Blutdurst getrieben, hatten sie wie wahnsinnig gewirkt. Ohne Gefühl, ohne Respekt, ohne Moral, ohne Ordnung, aber mit einem Ziel, eine einzige Zerstörungsmaschine. Sie wollten vernichten. Es waren Tausende gewesen. Allen voran dieses riesenhafte dämonische Wesen, das es an Größe fast mit ihm hatte aufnehmen können, und er war schon gewaltig.
Ihnen, die die freien Heere angeführt hatten, war klar gewesen, dass diese Kreatur ihr Ziel sein musste. Er sah wieder, wie die Heere aufeinander geprallt waren, wie die Horden der Hölle Stahl und Feuer gegen sie geworfen hatten, ohne an ihr eigenes Leben zu denken. Wie sie sie reihenweise unter sich begruben. Die Schreie der Verletzten und Sterbenden, die das gesamte Tal mit einem einzigen Klagelied überzogen. Wie sie ausgewachsene menschliche Körper mit bloßer Hand in zwei Teile zerrissen, Elfen die Köpfe abgebissen wurden und die massigen Körper der Zwerge unter den schwarzen Streithämmern der Feinde zerplatzen wie Seifenblasen. Und doch hatten sie gesiegt. Sie hatten die Höllenbrut geschlagen und ihrem dämonischen Anführer das Leben genommen.
Er hatte es ihm genommen.
Als dieser verrückte und kaltblütige Mensch den entscheidenden Zauber wob, hatten der Elf und der Zwerg den Dämonenfürsten abgelenkt und dabei fast ihr Leben verloren. , Als die Kreatur die Gefahr erkannte, war es zu spät, und Xartsardrak hatte ihre Kehle zerfetzen können. All das, was dieses Monster ausmachte, seine gesamte Boshaftigkeit und unersättliche Lust auf Schmerz, verbannen können. Und wieder konnte er dieses Prickeln fühlen, diesen Schauer, der ihn durchlief, als er dem Dämon das Leben aushauchte. Doch er wollte das nicht mehr. Er wollte es nicht mehr sehen. Die Bilder überfluteten ihn, flackerten mal klar, dann wieder undeutlich, in seinem Kopf. Vor Jahren hatte es angefangen, erst recht selten, doch in letzter Zeit immer häufiger und seit fast einem Monat fast jede Nacht. Er konnte kaum noch schlafen. Er schüttelte sich erneut und schrie seine Wut hinaus, brüllte aus Leibeskräften, so dass die Höhlenwände anfingen zu beben und einzelne Gesteinsbrocken zu Boden fielen.
Plötzlich erschien ihm alles zu eng. Sein eigenes Zuhause schränkte ihn ein, machte ihm Angst. Diese verfluchte Enge. Er wollte raus, raus an die Luft, den Sternenhimmel betrachten und über nichts mehr nachdenken müssen. Hastig rannte er hinaus, durch den langen Tunnel, und erreichte den Eingang zur Höhle. Ein weites, offenes Plateau erstreckte sich vor ihm und gab einen Blick frei auf das Drachengebirge. Es war eine karge Einöde, kaum ein Strauch wuchs hier, kein Tier verirrte sich in diese Höhen. Ringsum waren mehrere Berge zu sehen, sie umzingelten den Gipfel, der sein Zuhause beherbergte. Wie Zähne eines großen Raubtieres sahen sie aus, und auch deswegen hatte er damals nicht fortgehen wollen. Zu sehr passte dieser Ausblick zu ihm selbst, zu dem, was er darstellte und was ihn ausmachte. Er setzte sich und sah hinauf zum Himmel. Es war wirklich eine sternenklare Nacht, der Mond war inzwischen aufgegangen und präsentierte sich leuchtend rot in seiner vollen Größe. Er versuchte, sich zu entspannen. Es war lange her, dass er sich diesen Anblick gegönnt hatte.
Allmählich verschwanden die Bilder vom Krieg aus seinem Kopf. Endlich! Er dachte über die Menschen nach. Seit nunmehr einem Jahr hatte er keinen mehr zu sehen bekommen, und seine Freunde noch länger nicht. Zwanzig Jahre. Für einen Drachen waren zwanzig Jahre nur eine kurze Zeitspanne, und doch kam es ihm wie eine Ewigkeit vor. Auch wenn er wusste, dass sie damals beschlossen hatten, sich niemals wieder zu sehen, vermisste er sie. Vor allem seinen alten Freund, den Menschen, den Magier. Jörgson. Wie es ihm wohl gehen mochte? Und ob er überhaupt noch lebte? Immerhin war auch er nur ein Mensch. Ob er sich an sein Versprechen gehalten hatte? Bestimmt. Jörgson war ein guter Kerl, und ein guter Freund. Niemals würde er ihn enttäuschen, das wusste er. Wehmütig legte er sich hin, blickte noch immer zu den Sternen hinauf und malte sich aus, wie es seinen Freunden wohl ergangen sein und was sie gerade tun mochten. Er atmete tief ein und schnaubte geräuschvoll in die kalte Nacht hinein, so dass feiner Gesteinsstaub aufgewirbelt wurde und ein sanftes Echo von den Bergen widerhallte.
Plötzlich fuhr er herum. Da war etwas gewesen, ein Geräusch. Unbekannt und fremd. Oder hatte er sich getäuscht? Da, wieder! Er sah sich um. Spielte ihm sein Kopf wieder einen Streich? Kehrten die Gedanken zurück, leise und heimtückisch? Oder trug ihm der Wind Geräusche zu? Laute, die weit entfernt geäußert und bis hierher getragen worden waren? Unwahrscheinlich. Da war es wieder! Diesmal lauter. Es kam ihm vor wie ein Flüstern. Leise. Heimlich. Versteckt. Er konnte nicht genau sagen, was er hörte. Nur vereinzelt bekam er Buchstaben mit. Sprach da jemand? Er blickte sich um. Niemand war zu sehen. Das Flüstern wurde lauter, kam immer näher. Er legte die Ohren an und kniff die Augen zusammen. Da war niemand. Wäre jemand auf dem Plateau gewesen, er hätte ihn längst gesehen und gewittert, die Sinnesorgane eines Drachen waren jedem anderen weit überlegen. Niemand konnte sich einfach so anschleichen. Aber er hörte es immer noch, lauter, fordernder. Es drang direkt in seinen Kopf, manifestierte sich. Vereinnahmte ihn. Alle anderen Gedanken waren schlagartig wie weggeweht. Als hätte der Nordwind selbst versucht, ihm seinen Kopf frei zu blasen, um ihn für das Flüstern empfänglich zu machen.
Und es wurde immer lauter. Immer fordernder. Gewaltiger. Das Flüstern wurde zu einem Kreischen, ein einzelner Schrei. Laut. Wie eine Urgewalt schlug es in seinem Kopf ein. Es schmerzte. Er wälzte sich auf dem Boden, krümmte sich. Nie zuvor hatte er solche Schmerzen empfunden. Er versuchte, die Stimme zu verstehen, doch es gelang ihm nicht. Der Schrei wurde immer lauter. Lauter! Lauter! Und lauter! Er hätte nie gedacht, dass jemand so laut und so hell schreien konnte. Er hatte Angst, sein Trommelfell würde gleich platzen.
Dann war es plötzlich vorbei. Der Schrei war weg. Erschöpft drehte er sich herum, starrte ungläubig hinaus in die kalte Nacht, auf die dunklen Spitzen der Berge, auf die großen Raubtierzähne.
Kurz darauf hörte er die Stimme erneut. Sie flüsterte wieder, diesmal jedoch klar und deutlich. Und er hörte, was sie sagte. Es war nur ein Wort. Nur ein einziges Wort. Er erschrak. Die Stimme war die ganze Zeit in ihm gewesen, in seinem Kopf. Und sie sagte etwas, das er lange nicht mehr vernommen hatte. Zwanzig Jahre hatte er dieses Wort nicht mehr gehört. Die Stimme rief seinen Namen.
»Xartsardrak!«

Hikari

vor 4 Jahren

@Ein LovelyBooks-Nutzer

Hallo Wyrmling,

mach doch einfach eine Leserunde auf und biete ein paar Exemplare Deines Buches dort als Gewinn an, sofern Dein Verlag das zulässt oder wenn Du das als Self-Publisher kannst. So bekommst Du auf jeden Fall Feedback und Rezensionen und auch einen regen Austausch.

So eine Leserunde kann man selbst eröffnen - aber ich bin mir auch sicher, dass das Lovelybooks-Team Dir mit Rat zur Seite steht.

Noch viel Erfolg mit Deinem Buch!

ChattysBuecherblog

vor 4 Jahren

@Ein LovelyBooks-Nutzer

Eine Rezension zu schreiben, wenn man nur eine kurze Leseprobe hat, ist nicht wirklich nützlich. Denn schließlich kann sich ja auch die Geschichte in eine völlig andere Richtung entwickeln, die man aufgrund der Leseprobe nicht kennt.

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