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Mitmachkrimi "Abgründe" Kapitel 31

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petersplitt

vor 7 Monaten

EINUNDDREIZIGSTES KAPITEL

Das Grundstück lag hinter Erftstadt. Sie waren der Schilderung von Frau Heller gefolgt und hatten den kleinen Waldparkplatz gefunden. Klaus reichte Kommissar Gereon das Fernglas.

Niemand zu sehen Gerd, nur ein grauer SUV steht einsam und verlassen auf dem Parkplatz.“ Er kannte die Routine. Gereon würde aussteigen, die Umgebung sichern und ihm ein Zeichen geben. Genauso geschah es. Gereon verließ den Wagen, blickte sich vorsichtig nach allen Seiten um und ging dann zum Parkplatz. Auf dem matschigen Boden gab es grobe Reifenspuren und jede Menge Fußabdrücke die einen Hang hinaufführen. Er checkte den grauen Geländewagen, schüttelte den Kopf und ging hinter einem umgestürzten Baum in Deckung. Nichts geschah. Jetzt gab er das verabredete Zeichen.

Los geht`s“, dachte Klaus, griff nach der Taschenlampe und stieg aus dem Dienstwagen. Gereon wartete auf ihn. Gemeinsam schlichen sie den Trampelpfad hinauf. Oben auf dem Hügel stießen sie auf verwittertes Mauerwerk. Dahinter befand sich ein Teil der Wehranlage.

Hier muss es sein!“, rief Gereon aufgeregt und wollte sofort losrennen. Dann sahen er die ausgetretenen Stufen, die ins Innere führten. Er besann sich. Am Ende befand sich eine verrostete Eisentür. Die beiden Polizisten gingen darauf zu. Der Strahl ihrer Taschenlampe erfasste ein Sicherheitsschloss, welches ziemlich neu aussah. Die Tür war verschlossen.

Und jetzt?“, fragte Klaus mit sorgenvoller Miene. „Das war´s dann wohl.“

Von wegen!“ Gereon grinste ihn an und zog einen Schlüsselbund aus seiner Jackentasche.

Kleines Andenken an unseren Staatsanwalt. Lag neben seinen gemeingefährlichen Glückspillen.“ Er probierte zwei Schlüssel aus, nichts tat sich. Beim dritten hatte er Erfolg. Die Tür ließ sich öffnen. „Simsalabim, Sesam öffne dich....“ Klaus fiel die Kinnlade herunter. Das war mal wieder typisch Gereon. Der Mann war ein Unikat.

Hinter der Tür führte ein dunkler Gang in die Tiefe. Vorsichtig gingen die Männer weiter – mit ihren Waffen im Anschlag. In dem Gang roch es muffig. Hier und da fiel der Kegel der Taschenlampe auf eine feuchte Wand. Dann kam die alte Wehranlage noch besser in ihr Blickfeld. Sie schauten sich um. Die Anlage war größer als sie angenommen hatten. Wie ein riesiges Labyrinth. Wo konnte Heller sein?

Der Gang führte zu einer zweiten Tür. Diese besaß gleich zwei Sicherheitsschlösser. Diesmal dauerte es etwas länger, bis sie die Tür geöffnet hatten. Dahinter verbarg sich wieder ein Gang, Er war beleuchtet. Aus dreckigem Glas flackerte ihnen ein milchiges Licht entgegen. Vorsichtig schritten sie voran. Nach dreißig Metern gelangten sie an einen Holzverschlag. Hier schien es zunächst nicht weiterzugehen. Vorsichtig schauten sie sich um. Das Innere wirkte bequem und geräumig, war zweckmäßig eingerichtet. Es gab ein Klappbett, einen Drehstuhl, ein Gaskocher, einen Kühlschrank und einen Schreibtisch mit einem großen Bildschirm. Der war eingeschaltet. Gebannt starrten die beiden Polizisten auf den Monitor. Als sich das Bild klärte, wichen sie instinktiv zurück. Sie blickten in einen großen Raum, in dem eine ungeheuerliche Szene vor sich ging. Drei Frauen und ein Mann waren an eine Wand gekettet. Sie hielten Plastikmasken vor ihre Gesichter.

Da ist Julia“, rief Klaus aufgeregt, doch Gereon mahnte ihn zu Ruhe, denn das war noch längst nicht alles. In der Mitte des Raumes saß ein gefesselter Mann auf einem Stuhl. Auf seinem Kopf thronte ein unförmiges Ding, das wiederum mit einem orangefarbenen Behälter verbunden war. Gereon und Behringer konnten sein angstverzerrtes Gesicht erkennen. Desweiteren stand dort ein Apparat mit Schläuchen, vielen Schläuchen, die sowohl mit den Masken der anderen Gefangenen, als auch mit dem gefesselten Mann in der Mitte verbunden waren. Was zum Teufel ging hier vor sich?

Die beiden Polizisten hielten den Atem an. So eine groteske Szene hatten sie noch niemals gesehen. Das Bild wackelte und präsentierte sich zunächst ziemlich unklar. Jetzt schien der Raum in einem Nebelfeld zu liegen. Dann verschärfte sich das Bild wieder und die Männer konnten jede Einzelheit erkennen. In dem Raum herrschte anscheinend eine absolute Stille. Jeder schien zu beobachten, was der andere tat. Nur der Mann auf dem Stuhl in der Mitte zerrte an den Stricken und versuchte sich zu befreien. Falls er schrie oder weinte, so konnten es die anderen Gefangenen aufgrund des Knebels, der in seinem Mund steckte, nur als ein leichtes Röcheln wahrnehmen. Sie setzten die Masken auf…und verstanden immer noch nicht worum es ging. Dann, beim ersten Atemzug den sie taten, summte der Beatmungsautomat und presste ihre Luft in den abgehenden Schlauch. Dort gelangte sie weiter bis an die Membrane, die das Ventil unterhalb des orangen Behälters steuerte. Bereits bei der zweiten Atmung liefen einzelne Tropfen der ätzenden Flüssigkeit auf den Kopf von Ralf Blasius. Die Szene war gespenstisch. Blasius riss die Augen auf und wollte losbrüllen, doch der Knebel in seinem Mund hielt ihn zurück. Langsam dämmerte es den Anderen, was sich das Schwein für eine Teufelei ausgedacht hatte. Nicht Ralf Blasius würde die Prüfung absolvieren, sondern sie! Mit jedem Atemzug, den sie taten, würde etwas von der ätzenden Säure auf seinen Kopf und über sein Gesicht laufen. Die Vorstellung, was sie dem armen Mann antaten, wenn sie atmeten, war grauenvoll.

Diana schrie wie wild und schlug mit ihren Fäusten gegen die Wand. Doch je mehr sie sich bewegte, desto schneller musste sie atmen und Rolf Blasius bezahlte die Zeche dafür. Ein kleiner Büschel seines Haupthaares war bereits verschwunden. Dort trafen die ätzenden Tropfen unmittelbar auf seine Kopfhaut. Er zuckte, Tränen liefen an seinen Wangen entlang. Plötzlich riss sich Sabine Hartmann den Inhalator von ihrem Gesicht.

N…nein, ich tu das nicht, ich kann das nicht, ich will das nicht“, stammelte sie. Sofort war Heller bei ihr, griff nach der Spritze und stach zu. Es dauerte nur wenige Sekunden. Ihre Augen traten aus den Höhlen, ihr Körper fing an zu zittern und sie brach zusammen. Einen Augenblick später zuckte sie nur noch leicht. Aber damit war der Horror noch nicht vorbei. Aus ihrem Mund lief Blut. Adern platzen, Haut zerfetzte, Fleisch verbrannte. Letztendlich war sie nur noch eine leblose Masse.

Wo befindet sich dieser verdammte Raum? Los mach hinne, Klau. Wir müssen ihn finden!“ Gereon war außer sich. Er trieb Klaus zu äußerster Eile an, wandet sich von dem Schreibtisch mit dem Monitor ab und stieß prompt gegen den Drehstuhl. Der bewegte sich keinen Millimeter. Gereon wunderte sich, dann sah er den Eisenring und verstand. Der Ring war mit Schrauben auf den Bohlen befestigt worden. Für welchen Zweck er gedacht war, wurde ihm sofort klar, als er den zweiten Ring bemerkte. Der war mit einer stark angerosteten Eisenplatte auf einem der Balken am Fußboden befestigt. Die Falltür war als solche kaum zu erkennen. Gereon drückte die Stuhllehne nach hinten. Langsam, ganz langsam hob sich der Holzboden in die Höhe. Darunter führte eine Treppe irgendwo hinein ins Innere der Wehranlage und genau dort musste sich auch der verdammte Raum befinden.


Diana musste sich übergeben. Dadurch fiel ihr kurz der Inhalator aus ihrem Gesicht. Hastig griff sie danach und setzte ihn wieder auf. Julia und Beierle wandten sich ab. In ihren Gesichtern stand blankes Entsetzten. Hastig atmeten sie ein und aus. Genau das bewirkte, dass die gelbe Flüssigkeit aus dem orangen Behälter jetzt schneller auf Ralf Blasius hinab tropfte. Er versuchte ihr auszuweichen, schaffte es aber nicht. Mittlerweile hatte die Säure sein rechtes Auge erreicht. Die Flüssigkeit ätzte es aus. Er Spieß schrie, ein Markerschütternden Schrei folgte dem nächsten. Balsius konnte kaum noch etwas sehen. Dazu kamen die höllischen Schmerzen. Er war kurz davor, sein Bewusstsein zu verlieren. Bei so viel Schmerz schaltete der Körper einfach ab. Diana, Julia und Beierle hielten inne. Auf einmal hörten sie auf zu atmen. Fast schien es so, als würde Blasius wieder zu sich kommen. Aber lange würden sie ihre Luft nicht anhalten können. Wer würde dem armen Kerl den Todesstoß versetzten?


Kommissar Gereon stürmte als erster durch die Falltür. An ihrem Ende befanden sich ein Gang und Türen, unendlich viele Türen. „Welche ist die richtige verdammt?“

Er rüttelte an der ersten Tür, nichts tat sich. Dann an der zweiten, wieder nichts. Die dritte ließ sich öffnen. Der Raum dahinter war leer und dunkel. Gereon und Behringer gingen zur nächsten. Dahinter gab es Geräusche. Instinktiv wussten Sie, dass sie an der richtigen Stelle waren. Gereon zählte bis drei, entsicherte seine Pistole – und gab das Zeichen. Gemeinsam rissen sie die Tür auf und starrten in Hellers eiskalte Augen. Gereon zog den Hebel seiner Waffe durch und drückte ab. „Fahr zur Hölle, du Schwein!“ Er schoss sein komplettes Magazin leer. Staatsanwalt Heller vollführte einen Bauchtanz, bevor er schwergetroffen zusammenbrach. Klaus eilte zu dem gefesselten Mann hin und riss den Stuhl zur Seite, während Gereon das Atmungsgerät abschaltete. Sie hätten nicht eine Sekunde später kommen dürfen. In großen Schüben lief die gelbliche Flüssigkeit auf den Boden und verpuffte auf dem grauen Zement. Von Blasius wäre nicht einmal mehr ein Fleck übriggeblieben. Erschöpft lehnten sich die Polizisten gegen die Wand. Auch den drei Gefangenen ging es nicht viel besser. Sie hatten die Inhalatoren abgenommen und hingen leblos an ihren Ketten. Ihre Kleidung war durchtränkt von Blut, Urin und erbrochenem. Diana stöhnte vor sich hin. Es waren Geräusche, die nichts mehr Menschliches an sich hatten. Sie war nicht mehr fähig zu sprechen. Gereon war der erste, der sich wieder bewegte. Er schloss den Gefangenen die Fesseln auf. Tausend Qualen fielen von ihnen ab. Dann deutete er auf den verletzten Mann, der immer noch in Fesseln lag.

Blasius benötig dringend Hilfe“, sagte er.

Das erledige ich“, rief ihm Klaus zu und lief nach oben. Er rannte und rannte, bis sein Handy Empfang bekam. Er konnte gerade noch den Notruf senden, bevor er erschöpft zusammenbrach.

Unterdessen kümmerten sich Gereon und Julia weiter um die Gefangenen. Diana kauerte zusammengekrümmt wie ein Kleinkind auf dem Boden. Sie sah die beiden Kriminalbeamten an, als seien sie eine Fata Morgana. Gereon ging auf sie zu und wollte sie in die Arme nehmen, doch Diana wich zurück.

Es ist vorbei“, sagte er leise. „Der Kerl der Euch das angetan hat ist tot. Die Rettung ist schon unterwegs.“

Dieses Mal ist es wahr“, dachte Diana. „Ich bin auf dem Weg ins Totenreich.

Schummriges Licht, murmelnde Stimmen, undefinierbare Geräusche, alles schien so unwirklich und so weit von ihr entfernt zu sein, und doch war alles so unmittelbar, so furchtbar real. Sie schwebte irgendwo über sich dahin, so wie der Engel des Todes.

Sie sind alle tot“, sagte sie in Trance.

Hören Sie, es ist vorbei“, sagte Gereons Stimme in weiter Ferne.

All die Dinge, die ich nie getan habe“, dachte sie.

All die Dinge, die ich niemals hatte.“

Gereon berührte vorsichtig ihren Arm. „Frau Meyfarth“, es ist vorbei“, sagte er abermals.

Lass mich du Schwein“, sie drückte ihn von sich weg.

Aber hier ist die Polizei, Frau Meyfarth, Kommissar Gereon. Haben Sie geträumt?“

Geträumt, wiederholte sie. Ich habe geträumt.“

Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Als endlich das SEK und die Sanitäter eintrafen wehrte sie sich nicht mehr, sondern ließ es einfach geschehen, dass man sie abtransportierte.



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