Mitmachkrimi "Abwege" Zweites Kapitel

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petersplitt

vor 6 Monaten

Plauderecke

Heute biete ich Euch ein komplettes Kapitel an. ( nicht lektoriert!)  Viel Spaß beim Lesen! Wie immer freue ich mich über Feedbacks und Anregungen.

 

 Mitmachkrimi Abwege

 

 ZWEITES KAPITEL

 

Polizeihauptkommissar Gereon schlug ärgerlich mit der Faust auf seinen Schreibtisch. Ich möchte mal gerne wissen, wann du endlich in die Gänge kommst? Vor fast zwei Stunden ist die Meldung eingegangen, dass am Fühlinger See ein Kanu kopfüber im Wasser treibt, aber weit und breit keine Menschenseele zu sehen ist. Kümmere dich endlich darum!“

 Polizeihauptwachtmeisterin Julia Brück versuchte cool zu bleiben. Wenn Gereon einmal in Rage kam, dann ließ man ihn am besten reden. Außerdem schrieb sie gerade an einem Bericht, den sie lange vor sich hergeschoben hatte, und endlich zuende bringen wollte. Sie hasste Papierkram.

 „Bin gleich fertig, Chef und dann fahre ich mit Klaus hinaus nach Fühlingen und checke die Lage.“

 "Schön - das ist ja auch dein Job! Wir können doch nicht seelenruhig zuschauen, wie Bürger aus unserer Stadt verschwinden. Kriminalrat Sengel und der neue Staatsanwalt machen mir die Hölle heiß. Wir müssen jeder verdammten Meldung nachgehen, auch wenn es sich nur um ein umgekipptes Boot handelt. Ansonsten steht morgen wieder im Express, die Polizei würde nichts unternehmen.“

Das versteh ich doch, Chef. Wer hat denn den Unfall gemeldet?“

 „Von Unfall habe ich kein Wort gesagt. Das ist reine Spekulation. Der Anrufer hat ausgesagt, er sei mit seiner Freundin am Fühlinger See spazieren gegangen und habe dabei das Boot gefunden. Das ist alles.“

 Julia erhob sich von ihrem Platz. In ihren Händen hielt sie einen Computerausdruck, der gerade frisch aus dem Drucker gekommen war. Sie versuchte ihren Chef ein wenig aufzuheitern.

 „Spazieren gegangen, Chef? Mit seiner Freundin? Wer hat denn heutzutage noch so viel Zeit? Naja, ich sehe mir den Vogel einmal aus nächster Nähe an. Scheiß Bereitschaftsdienst! Ich wäre jetzt lieber zuhause. Na ja, ist sicher nichts Wichtiges.“

 „Nun red nicht so dummes Zeug, Julia! Mach, dass du endlich fort kommst. Kannst mir dann später erzählen, was es gegeben hat. Die Nacht ist noch jung.“

 Sie schnappte sich ihre Lederjacke und verließ das Dienstzimmer. Draußen auf dem Flur atmete sie tief durch. Gereon konnte manchmal ein richtiges Ekelpaket sein. Vor allem, wenn er schlecht drauf war. Sie kannte ihn, seit sie von der Polizeischule gekommen war. Das waren noch Zeiten gewesen. Damals hatte sie sich nur ein winziges WG-Zimmer am Rande der Stadt leisten können, wo es nur sporadisch warmes Wasser und Strom gab. Dafür aber waren die Wände des beinahe schon baufälligen Gebäudes so dünn gewesen, dass sie jedes auffällige Wort ihrer Mitbewohner verstehen konnte. Am Tag waren es Streitigkeiten, die sie sich an den Kopf warfen und Nacht auf Nacht folgte das unaufhörliche Gestöhne aus ihrem Schlafzimmer, wenn sie sich wieder versöhnten. So hatte sie niemals enden wollen, war dann so oft sie konnte zum Blutspenden gegangen, um sich ein paar Cent extra zu verdienen. Eine finanzielle Verbesserung war erst eingetreten, als ihr der Job bei der Kölner Polizei angeboten wurde.

 Sie ging die Treppe hinunter in den ersten Stock. Hier hatten die Kollegen ihren Arbeitsplatz. Ohne anzuklopfen öffnete sie die Tür zum Zimmer Nummer 18 und musste prompt laut loslachen. Wachtmeister Klaus Behringer saß an seinem Schreibtisch und las Zeitung. Seine Füße lagen auf der Tischplatte, sein Stuhl wippte und neigte sich gefährlich nach hinten. Er trug verwaschene Jeans, ein zu großes Polohemd und ausgelatschte Turnschuhe. Sein verlebtes Gesicht benötigte dringend eine Restaurierung.

 „Nix los bei dir?“ begrüßte sie ihn sarkastisch. Klaus blickte von seiner Zeitung auf und strahlte sie an.„Ach du bist das, Julia. Das kannst du wohl laut sagen. Ist fast schon ein bisschen wie bezahlter Urlaub hier. Ich komme sogar dazu, die Zeitung zu lesen.“

 Klaus Behringer war erst vor einem Jahr als Quereinsteiger zur Polizei gekommen. Seitdem arbeitete er als Springer in den unterschiedlichen Dezernaten. Meistens wurde er dort eingesetzt, wo Not am Mann war, was in diesem Augenblick allerdings nicht der Fall zu sein schien.

 „Schluss mit lustig, Klaus. Befehl vom obersten Häuptling. Ich soll dich mitnehmen nach Fühlingen. Es hat eine Meldung gegeben.“

 Klaus blickte auf seine Armbanduhr. Es war bereits nach 22 Uhr.

 „Um diese Zeit noch?“ fragte er. „ Ich meine, was soll denn da draußen los sein? Ja wenn wir Sommer hätten, dann wäre das natürlich etwas anderes, aber so...“

 Julia zuckte mit den Achseln. „Seitdem sich die Vermisstenanzeigen gehäuft haben, ist Gereon ein wenig nervös geworden. Also, was soll`s, tun wir ihm den Gefallen und fahren mal kurz hinaus zum See. Ist wahrscheinlich sowieso nur falscher Alarm. Nimm deine Taschenlampe mit!“ Sie grinste und zog ihn am Ohrläppchen.

 "Au“, sagte Klaus, blickte sie verstohlen an und nahm seine langen Beine von der Schreibtischplatte.

 Sie verließen gemeinsam das Polizeigebäude und gingen auf den Hof, um sich eines der Dienstfahrzeuge zu nehmen, welches die Fahrbereitschaft den Beamten zur Verfügung stellte. Julia betrachtete das Lichtermeer von Köln, das scheinbar nirgendwo enden wollte. Sie mochte diese Stadt, das besonderes Flair und die Lebensfreude der Bewohner. Klaus bewegte sich auf einen blitzblank geputzen Passat zu. Dabei fasste er sich unbewusst an den Bauch. Zu wenig Bewegung und unregelmäßige Mahlzeiten hatten ihm ein chronisches Magenleiden beschert. Dazu rauchte er noch wie ein Schlot. Auch jetzt, während die Fernbedienung das Auto entriegelte, beschloss er, sich noch schnell eine Zigarette anzuzünden.

 „Denk nicht mal dran, sagte Julia bestimmend, die ihren Kollegen in und auswendig kannte.

 „Nur ein paar Züge, so viel Zeit muss sein. Ich muss ja hier draußen rauchen!“ Er griff zu seinem Feuerzeug. „Bei Euch in der Abteilung ist wohl mehr los, was?“ fragte er, um von dem Thema Rauchen abzulenken. Er zog an seiner Zigarette und blies den blauen Dunst genussvoll in den Himmel.

 „Das kannst du wohl laut sagen“, erwiderte Julia, die auf sein Ablenkungsmanöver hereinfiel. „Zwei Frauen sind misshandelt und ausgebraubt worden und dazu kommt diese scheinbar endlose Liste vermisster Personen.“

 „Und wer bearbeitet die Fälle?“

 „Na wer wohl? Gereon höchst persönlich. Und er schwitzt Blut und Wasser, seit der neue Staatsanwalt im Amt ist. Der muss ein richtiger Stinkstiefel sein.“

 „Ich habe bereits von ihm gehört“, erwiderte Klaus. Und sonst?“

 "Bei Irene im Imbiss hat es gebrannt. Die kennst du doch sicher, oder nicht?“

 „Meinst du die Alte von der Bruzelbude unten am Rheinufer?“

 „Genau die!“

 „Der hätte man schon viel früher die Bude abfackeln sollen, so wenig, wie die das Frittenfett gewechselt hat.“

 „Aber Klaus...“

 „Hoffentlich hat es keine Verletzte gegeben?“

 „Nur Irenes Koch und der war sturzbetrunken. Hat wahrscheinlich auch den Brand verursacht. Gereon hat ihn in Schutzhaft genommen.“

 „Schutzhaft?“

 „Na klar, Irene hat gedroht ihn umzubringen.“

 Beide amüsierten sich köstlich.

 „Sonst noch etwas?“

 „Nicht das ich wüsste. Fahren wir?“

 Klaus warf seine Zigarette in einen Gulli, worauf Julia mahnend den Zeigefinger hob. Sie grinsten, stiegen in den Dienstwagen und fuhren hinaus nach Fühlingen.

 Der See lag ruhig und dunkel vor ihnen, fernab des hektischen Nachtlebens der großen Stadt. Nur ab und zu tauchten die Scheinwerferlichter eines vorbeifahrenden Autos auf. Meist waren es Liebespärchen, die nach einem einsamen Plätzchen suchten. Klaus lenkte den Passat auf den Parkplatz bei der Regattabahn. Ein junger Mann stand vor einem aufgemotzten VW Polo und wedelte wild mit den Armen.

 „Wurde auch langsam Zeit, dass Sie kommen“, begrüßte er die beiden Beamten. „Ist ja schon eine Ewigkeit her, seit ich bei Euch angerufen habe.“

 „Immer schön mit der Ruhe, junger Mann. Am besten Sie zeigen uns einfach die Stelle und wir schauen uns ein bisschen um. Julia, bringst du bitte die Taschenlampe mit...“

 Das Gelände zum Ufer des Sees hin war stockdunkel. Julia leuchtete den Pfad mit ihrer Taschenlampe aus, während der junge Mann unaufhörlich drauf los plapperte und von seinem Fund erzählte. Es dauerte keine zehn Minuten, da hatten sie das Ufer erreicht. Jemand hatte das Kanu an Land gezogen.

 „Das war ich“, sagte der junge Mann voller Stolz. „Ich dachte bevor es abtreibt...“

 Julia und Klaus untersuchten das Boot, konnten aber weder eine Beschädigung, noch sonst etwas Ungewöhnliches feststellen. Bis auf die Tatsache natürlich, dass es mit der Öffnung nach unten lag. Sie drehten es um und Julia leuchtete mit der Taschenlampe hinein. Eine gähnende Leere schlug ihr entgegen.

 „Falscher Alarm, das hab ich mir doch gleich gedacht“, sagte sie. „Das Kanu wird sich irgendwo losgerissen haben.“

 „Mag sein, dass du recht hast Mädel, aber jetzt, wo wir schon einmal hier sind, komm leuchte mal das Ufer aus. Vielleicht finden wir noch etwas Anderes.“

 Sie suchten eine Weile das Gelände direkt am Ufer ab, fanden aber außer leeren Bierflaschen und benutzten Kondomen nichts Verdächtiges.

 „Lass uns die Aktion abbrechen“, sagte Klaus und machte sich daran den Pfad zu suchen, auf dem sie hergekommen waren.

 "Okay, lass uns Schluss machen…nein warte Klaus, hier ist noch etwas.“

 Der Schein der Lampe fiel auf einen verkohlten Baumstumpf, der ganz in Ufernähe stand und den jemand als Feuerstelle benutzt hatte. Daneben lagen: ein heller Mantel und eine Handtasche in passender Farbe. Die beiden Polizisten staunten nicht schlecht. Verdammt, was war das jetzt? Hatte sich vielleicht ein Liebespaar in die Büsche geschlagen?

Julia ging auf ihren Fund zu und lenkte den Strahl der Lampe auf die Fundsachen.

 „Sehen neu und teuer aus, oder was meinst du Klaus?“

"Sieh mal in der Tasche nach, ob da irgendetwas drin ist?“

 Julia reichte Klaus die Lampe, nahm routinemäßig ein paar Latexhandschuhe aus der Seitentasche ihrer Jacke, stülpte sie über ihre Hände und öffnete die Handtasche. Zum Vorschein kamen eine Geldbörse, ein Schlüsselbund, Papiertaschentücher sowie diverse Schminkutensilien. Julia interessierte in erster Linie die Geldbörse.

 „Bingo, ein Perso“, sagte sie.“

 „Perso?“

 „Ja, einen Personalausweis! Leuchte mal direkt auf die Vorderseite. So, jetzt kann ich was erkennen. Der Ausweis gehört einer Diana Meyfarth. Ausgestellt in Daun, Landkreis Vulkaneifel.“

 „Ich brech zusammen“, sagte Klaus „Nun ist doch noch ein Fall daraus geworden. Gereon muss sofort davon erfahren.“

 „ Am besten, ich rufe ihn gleich an“, entgegnete Julia. „Er soll entscheiden, wie es weiter geht. Wahrscheinlich wird er noch im Dunkeln das ganze Gelände absuchen lassen wollen.“

 Und genauso geschah es. Gereon schickte eine Zehnerschaft mit Suchhunden an den Fühlinger See, die mit Leuchtmitteln bewaffnet, bis in den frühen Morgenstunden das weiträumig abgesperrte Ufer absuchte. Der Erfolg blieb aus. Also griff Gereon zu drastischeren Mitteln und schickte zwei Sporttaucher nach. Sie suchten zunächst jene Stelle ab, wo das Boot ans Ufer getrieben war. Da war nichts, außer ein paar alten Gummistiefeln und einem verrosteten Fahrradrahmen. Danach erweiterten sie den Suchradius bis hin zur Mitte des Sees. Nichts! Von einer Diana M. war weit und breit keine Spur zu sehen. Am späten Nachmittag blies Gereon die ganze Aktion ab. Er schickte Klaus Behringer und Julia Brück, die beide völlig erschöpft waren nach Hause. Außer Spesen war nichts gewesen. Doch wenigstens würde ihm diesmal niemand Untätigkeit vorwerfen können. Und dennoch blieb der Verbleib von Diana M, sowie der Umstand, dass ihre persönlichen Utensilien am Ufer des Sees aufgetaucht waren, ungeklärt.

 

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