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Ein LovelyBooks-Nutzer

vor 2 Jahren

Kapitel 1

 

Allein und einsam sitze ich im Flugzeug von Philadelphia nach Mexiko Stadt und denke über die letzten Monate meines Lebens nach, wobei mein dreißigster Geburtstag vor zwei Tagen völlig unspektakulär vorübergegangen ist.

Den Nachmittag habe ich mit meiner Familie verbracht, doch am Abend habe ich meine Reisetasche gepackt, die mich nach Palenque in Mexiko begleiten soll.

Dass dieser Flug letztendlich mein ganzes Leben völlig auf den Kopf stellt, ahne ich zu diesem Zeitpunkt nicht im Entferntesten.

Palenque ist mir archäologisch völlig unbekannt, denn ich hatte bisher ausschließlich in Ägypten gearbeitet.

Vor vier Monaten habe ich meine Lebensgefährtin Faith aus meiner Wohnung geschmissen, weil sie mich ständig mit anderen Männern betrog und mich laufend hintergangen hat.

Es hat verdammt wehgetan sie hinauszuwerfen, aber ich konnte einfach nicht mehr.

Der ständige Betrug und vor allem die Streiterei darum, hat noch mehr wehgetan als der Umstand, dass sie plötzlich von heute auf morgen nicht mehr da war.

Obwohl ich einmal dachte, sie wäre die Liebe meines Lebens und die Frau, die ich einmal heiraten und vielleicht sogar Kinder mit ihr haben werde.

So schnell kann ein Traum zu Ende gehen und das Leben muss sich plötzlich einen neuen anderen Weg suchen, damit man vielleicht eines Tages wieder glücklich sein kann.

Doch davon bin ich im Moment ziemlich weit entfernt.

Ich ging also weiterhin meiner Arbeit als Dozent für ägyptische Geschichte an der University of Pennsylvania in Philadelphia nach.

Das ist die gleiche Universität, an der ich fünf Jahre lang Archäologie und Anthropologie studiert hatte.

Nach dem Studium war ich zunächst einige Jahre in Ägypten bei verschiedenen Ausgrabungsstätten tätig, bis mir die Universität die Beschäftigung als Dozent anbot.

Ich nahm die Stelle dankbar an, weil mich der staubige Job im Wüstensand, im Tal der Toten und nach einer leidigen Geschichte mit der Presse nach drei Jahren doch ziemlich mitgenommen hatte.

Letzte Woche jedoch sprach mich Professor Collins völlig unerwartet darauf an, ob ich nicht wieder einmal Lust hätte eine archäologische Stätte zu untersuchen?

Ein gewisser Mr. Lázló Dunaway, millionenschwerer Finanzmagnat und Börsenmakler aus New York hätte ihn darauf angesprochen, ob er nicht einen Archäologen kenne, der zwar fleißig aber sehr diskret sei.

Er suche einen Archäologen für Palenque in Mexiko, wofür er eine Grabungsgenehmigung hätte.

Ich war zunächst sehr erstaunt darüber, dass Collins gerade auf mich kam, ausgerechnet bei dem Thema Mittelamerika, das noch nie mein Wirkungskreis war.

Immerhin hatte ich mich auf Ägypten spezialisiert und von den mittelamerikanischen Kulturen bei meinem Studium nur am Rande etwas aufgeschnappt.

Aber Collins hatte das Dilemma mit Faith mitbekommen und meinte, eine kleine Abwechslung täte mir ganz gut und ich könne jederzeit wieder als Dozent an die Universität zurückkommen, wenn ich gar nicht mit dem Thema klar käme…

Gut! Habe ich mir gedacht, warum eigentlich nicht, wieder einmal heraus aus dem tristen Philadelphia in ein etwas wärmeres Klima und vor allem weit weg von Faith.

Nach nicht allzu langem Überlegen habe ich dann neugierig geworden, begeistert zugesagt.

Die letzte Woche habe ich hauptsächlich damit zugebracht, mich über die mittelamerikanischen Kulturen und vor allem über Palenque zu informieren und mich möglichst schlau zu machen.

Dabei mir fiel auf, dass dieses Thema mindestens genauso interessant ist wie Ägypten, wenn nicht sogar noch mehr.

Warum ist mir das bisher noch nie aufgefallen?

Meine Passion war bis jetzt immer nur das alte Ägypten mit seinen Pharaonen und ich habe gar nicht gesehen, dass es sogar Parallelen zu Mittelamerika gibt.

Jetzt werde ich mich wohl oder übel sowieso weiter damit beschäftigen müssen, vor allem wenn es um die Schriftzeichen der Maya geht, welche mir im Moment noch völlig fremd sind.

Dabei fällt mir gerade so ein, dass ich es versäumt habe, mich gleichzeitig über meinen neuen Arbeitgeber Mr. Dunaway zu informieren oder ihn wenigstens im Internet zu recherchieren.

Nachdem Collins aber meinte, Mr. Dunaway mache einen sehr seriösen Eindruck und da er sogar eine Grabungserlaubnis für den Tempel der Inschriften hat, welche mit großer Wahrscheinlichkeit nicht jeder bekommt, hielt ich das erst einmal nicht für so wichtig.

Ich werde mich einfach überraschen lassen.

 

Nach der Landung in Mexiko-Stadt geht es erst einmal weiter nach Villahermosa im mexikanischen Bundesstaat Tabasco.

Von dort aus geht es weiter nach Palenque im Landesteil Chiapas, mit einer kleinen privaten Cessna Caravan Propellermaschine, die für höchstens zwei Piloten und sechs Passagiere ausgerichtet ist.

Heute bin ich allerdings der einzige Passagier und wir fliegen Richtung Südost Palenque Stadt entgegen, das inzwischen einen eigenen kleinen Flughafen besitzt und schon fast an der Grenze zu Guatemala liegt.

Dort wartet man bereits auf mich, weit weg von den Badestränden Mexikos und das Ziel liegt ziemlich weit im Inland und mitten im Regenwald Mexikos.

Mr. Dunaway wollte mich vom Flughafen abholen und ich hoffe er ist pünktlich, denn der lange Flug war ziemlich anstrengend und ich freue mich auf ein kleines Dinner und vor allem auf ein Bett oder wenigstens auf einen einigermaßen bequemen Schlafplatz.

Mein Tag begann ziemlich früh damit, dass ich meiner sehr netten Nachbarin Mrs. White erst einmal erklären musste, wohin sie meine Post nachsenden soll und ihr dann meinen Wohnungsschlüssel überlassen habe, damit sie meine … naja eher die Pflanzen von Faith, gießen kann.

Sie soll sich auch nach dem Gefrierschrank, der Heizung und allem anderen umschauen, damit nicht irgendwann, das Wasser einen Stock tiefer läuft, wenn es im Winter kalt wird.

Ich werde meine Wohnung wohl ein paar Monate nicht mehr sehen, aber im Moment wo es in Philadelphia Mitte Oktober bereits ungewöhnlich kalt ist, bin ich gar nicht so böse darum.

Danach war ich noch kurz in der Universität und habe meinen Schreibtisch leer geräumt, wobei ich zeitgleich meine Eltern telefonisch darüber informierte, dass ich wahrscheinlich die nächsten Monate in Mexiko zubringen werde.

Meine Mutter war gar nicht begeistert, sie meinte nur warum ich mir das wieder antun wolle im Staub der Zeit herum zu kratzen.

Ich hätte doch einen wunderbaren bequemen Job als Dozent und die Gefahren in Mexiko mit den dort herrschenden Drogenkriegen wären ja auch nicht zu unterschätzen.

Ich konnte sie aber damit beruhigen, dass es in Chiapas nicht ganz so schlimm wäre mit den Drogenbanden, wie in anderen Teilen Mexikos und wir ja abgeschottet im Regenwald arbeiten.

Außerdem habe ich jetzt wieder einmal richtig Lust, vor Ort an den Objekten zu arbeiten und mich das Thema Mittelamerika archäologisch inzwischen sehr interessiert.

Damit hat sie mir dann endlich ihren Segen gegeben und mir viel Glück gewünscht.

 

Die Sonne nähert sich dem Horizont und geht relativ rasch in einen tiefroten Farbton über.

Der Abend naht und ich weiß in den Tropen ist es dann sehr schnell Nacht, deshalb bin ich froh, dass der Pilot Mr. Cooper endlich in den Sinkflug übergeht und zur Landung ansetzt.

Mr. Cooper ist ein etwa achtundfünfzigjähriger Mann mit inzwischen ergrautem zerzaustem Haupthaar und ebenso grauem kurzem Bart.

Das Gesicht ist von der Sonne gebräunt und er trägt eine Sonnenbrille in der typischen Pilotenform.

Seine Gestalt ist hochgewachsen und schlank, er sieht jedoch so aus, als hätte er sein ganzes Leben im Regenwald verbracht.

Sehr gesprächig ist er während des Fluges jedenfalls nicht, deshalb gehen mir ja so viele Dinge durch den Kopf.

Wir setzen butterweich auf dem Boden auf und Mr. Cooper lässt die Maschine ausrollen, woraufhin ich den Sicherheitsgurt löse, mir meine Reisetasche und meinen Laptop schnappe und zum Ausgang gehe.

Mr. Cooper öffnet die Tür und hängt eine kleine Metalltreppe ein, welche ich hinuntersteige und im Augenwinkel sehe ich, dass ein sportlich elegant gekleideter Herr auf mich zukommt, vermutlich Mr. Dunaway!

„Mr. Bolder, ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen!“

Der etwa fünfundfünfzigjährige Herr reicht mir freundlich die Hand.

„Ich bin Lázló Dunaway, ihr Auftraggeber! Herzlich willkommen in Mexiko!“

Der sehr schlanke, feingliedrige und etwas größere Mann als ich, trägt eine beigefarbene Flanellhose, ein dunkelblaues Hemd dessen Ärmel er bis zum Ellenbogen hochgekrempelt hat und darüber einen hellblauen, ärmellosen V-Pullunder.

„Oh, Mr. Dunaway! Guten Abend! Die Freude ist ganz meinerseits, ich war schon sehr gespannt darauf Sie kennenzulernen!“

Der Mann hat für sein Alter noch erstaunlich schwarzes, kurz geschnittenes Haar und ich kann nicht ein einziges graues Haar entdecken.

Mr. Dunaway blickt mich aus dunkelgrünen Augen an, in denen ein seltsames Glitzern liegt!

Er ist etwa einen Meter fünfundachtzig groß und seine Haut ist tief gebräunt, ob von der Sonne oder ob sie von Natur aus so braun ist kann ich nicht ausmachen.

Denn wenn er nicht so groß wäre und ich es nicht besser wüsste, dass er Amerikaner ist könnte man ihn glatt für einen Indio halten.

„Kommen Sie Mr. Bolder, beeilen wir uns, dass wir zur Ausgrabungsstätte kommen, die Sonne ist schon so gut wie untergegangen und wenn wir uns nicht beeilen ist es stockdunkle Nacht!

Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass Sie sicher sehr müde sind und vielleicht noch einen Happen essen wollen.

Unser Koch Miguel hat für Sie extra etwas übrig gelassen.“

Gemeinsam machen wir uns auf dem Weg zu seinem Jeep Wrangler Black Edition, welchen wir sogleich erreichen.

„Das ist aber sehr nett von Miguel, ich habe tatsächlich Hunger. Der kleine Bissen im Flugzeug reicht ja gerade einmal aus um den Appetit anzuregen.“ sage ich verhalten schmunzelnd.

„Sie haben Humor Mr. Bolder! Das gefällt mir!“

Mr. Dunaway grinst mich an, während er sich auf den Fahrersitz zwängt und ich werfe meine Reisetasche auf den Rücksitz.

Daraufhin schwinge ich mich auf den Beifahrersitz und nehme meinen Laptop auf den Schoß, währenddessen Mr. Dunaway auf eine Straße in südwestliche Richtung einbiegt.

„Die Strecke zwischen dem Flughafen und den Ausgrabungsstätten beträgt nur circa acht Kilometer, wir werden also in etwa zehn Minuten da sein.

Haben Sie schon einmal Ausgrabungen in Mittelamerika betrieben Mr. Bolder?“ fragt mich Mr. Dunaway neugierig.

„Nein Sir, bisher war ich nur in Ägypten tätig! Ich habe mich aber die ganze letzte Woche eingehend informiert und ich denke, ich kann mich auch in dieses Metier einarbeiten.

Die Methoden von Ausgrabungen sind ja schließlich immer gleich. Nur die zeitliche Bestimmung von Funden, ihre Bedeutung und ihren Wert einzuschätzen, werde ich noch lernen müssen.

Aber ich denke, das bekomme ich mit der Fachliteratur die ich teilweise dabei habe und anderweitig auf meinem Laptop gespeichert habe, schon hin.

Nur das mit der Schrift der Maya und ihrer Bedeutung macht mir noch etwas Kopfzerbrechen. Wie ich gelesen habe, ist sie bis heute noch immer nicht hundertprozentig entziffert!“ antworte ich und lege meine Stirn in Falten.

„Darüber brauchen Sie sich keinen Kopf machen, ich kenne mich da hervorragend aus. Ich bin zwar kein gelernter Archäologe, beschäftige mich aber schon seit Jahrzehnten damit und kann Wertvolles durchaus von Schund oder Fälschungen sehr gut unterscheiden.

Auch wegen den Schriftzeichen brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Ich habe da jemanden in London, der sie entziffert. Wir müssen Miss Spencer nur gute Bilder zu mailen … und Sie Mr. Bolder müssen einfach nur etwas finden, das ist alles!“

Mr. Dunaway schmunzelt in sich hinein und ich staune über so viel Selbstbewusstsein.

Sagte Collins nicht, der Mann wäre Finanzmagnat und Börsenmakler?

„Miss Spencer? In London? Warum haben Sie sie dann nicht auch hierher geholt?” frage ich überrascht.

„Weil sie zwar eine hervorragende Kennerin der Mayasprache und deren Schriftzeichen ist, aber von Ausgrabungen keine Ahnung hat und auch nicht im feuchten Urwald im Dreck buddeln will.

Die Großstadt ist ihr lieber, sie neigt eher dazu in einem Büro oder in einem Labor zu arbeiten. Zudem habe ich die Auflage erhalten einen ausgebildeten Archäologen zu beschäftigen, um die Grabungsgenehmigung zu erhalten.“

„Aha! Na, dann hoffe ich, dass wir bald etwas finden!“ ich mache enttäuscht eine kurze Pause.

„Darf ich Sie noch etwas fragen, Sir!“

„Natürlich, was immer sie wissen wollen.“

Mr. Dunaway lächelt mich von der Seite an.

„Wenn Sie hier in Mexiko sind, wer macht dann eigentlich ihre Börsengeschäfte?“

Er lacht kurz laut auf und grinst mich wieder an.

„Ich glaube, darüber brauchen Sie sich wirklich keine Gedanken zu machen Mr. Bolder, das Geld für die Ausgrabung wird schon nicht ausgehen.“ schüttelt er belustigt mit dem Kopf.

„Nein, ich habe eine eigene Firma, die sich nur mit Börsengeschäften beschäftigt und durchaus einige fähige Mitarbeiter, die meine Arbeit während meiner Abwesenheit ganz gut erledigen.

Außerdem habe ich hier über das Internet Kontakt zu ihnen und kann jederzeit eingreifen, wenn mir etwas nicht passt.

Obwohl die Verbindung erst so richtig funktioniert, seitdem ich vor zwei Wochen einen eigenen Sendemast neben dem Ausgräbercamp habe errichten lassen.“ erneut wirft er mir schmunzelnd einen Seitenblick zu, während ich nach vorne blickend die Lichter von Gaslaternen entdecke und daneben einige Zelte, die für solche Ausgrabungsstätten typisch sind.

Mir graut nun plötzlich bei dem Gedanken an die harten Pritschen, die meistens zum Schlafen darin stehen, was mir gerade eben erst wieder einfällt, wo ich die Zelte sehe.

Allein schon wegen der unbequemen Holzliege bereue ich nun fast meinen Entschluss hierhergekommen zu sein.

Daran hatte ich in der ersten Euphorie gar nicht gedacht und ich bedauere schon jetzt meinen Rücken.

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