Neues vom Verleger

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Nikola_Hahn

vor 5 Jahren

Von verrückten Büchern und Lesern, einem saugemütlichen Ohrensessel in einer wunderbar altmodischen Buchhandlung ... und einem Verleger, der keiner ist.

Wenn man sich anschaut, wie rasant sich die "Lese(r)welt" ändert, und wenn man dann noch dazu als Schriftsteller mittendrin steckt, kitzelt es doch ein wenig in der Feder: Was treiben die da? DIE ... die Bücher schreiben, die sie machen, verkaufen, lesen, besprechen, zerreißen, lieben.

Wissenschaftler untersuchen, Ökonomen bilanzieren, Autoren machen Geschichten draus. Deshalb möchte ich an dieser Stelle ab sofort ein paar Auszüge aus meiner "Schreibstube"* hinterlassen ... Perspektivwechsel inklusive.

Ernstgemeint?

Auf keinen Fall. Womöglich. Manchmal. Hier und da. Ein bisschen.

Viel Vergnügen! Und ja: Kommentare sind erwünscht.

Eure Nikola

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* Quelle: Nikola Hahns "Schreibstube" und (c) Thoni Verlag.

 

Autor: Nikola Hahn

Nikola_Hahn

vor 5 Jahren

Der Schmierfink da drüben!

Kneipengespräche bei Willi um die Ecke, Donnerstagabend, irgendwann.

Der VERLEGER (ruft quer durch den Raum): Willi! Bringst du mir noch ein Bier?

Willi (ruft zurück): Das ist schon das vierte!

Der VERLEGER: Ist mir egal!

Eddy Weber (sitzt am Tresen): Mir auch eins, bitte.

(Willi zapft gemächlich zwei Bier. Sieben Minuten später. Stellt Eddy das Bier hin, bringt dem VERLEGER das zweite.)

Willi: Wo hast du denn deinen Herrn Buchmann gelassen?

Der VERLEGER: Der hat schon genug für heute.

Willi: Hm.

DerVERLEGER: Tja.

Willi: Jo, also, dann. (Verschwindet wieder hinter dem Tresen.)

Eddy: Ist dem die Frau weggerannt?

Willi: Nö.

Eddy: Sondern?

Willi: Hat einen Verlag gegründet.

Eddy (interessiert): Ach, tatsächlich?

Willi: Hm.

Eddy: Und jetzt läuft`s nicht, oder was?

Willi: Hm.

Eddy: Hat er schon einen Leiter für die Marketingabteilung?

Willi: Häh?

Eddy: Ich frag ihn am besten selbst. (Nimmt sein Bier und geht zum Tisch des VERLEGERS.) He, Kumpel! Darf ich mich zu dir setzen?

Der VERLEGER: Kennen wir uns?

Eddy: Noch nicht. Aber du wirst es nicht bereuen, ich versprech`s. (Setzt sich und trinkt einen Schluck.) So ein frisch Gezapftes hat was.

Der VERLEGER: Sie trinken nicht oft Bier, was?

Eddy: Warum?
Der VERLEGER: Mein Freund und ich versuchen seit Jahren, Willi zu überzeugen, dass drei Minuten fürs Zapfen reichen.

Eddy (streckt ihm die Hand hin): Eddy.

Der VERLEGER: Hm.

Eddy: Kannst auch Ad sagen. Das sagen alle. (Macht eine kleine Pause, nippt am Bier. Grinst.) Ich habe gehört, dass du einen Verlag gegründet hast und wollte dir einen Deal vorschlagen. Ich bin nämlich Marketingexperte. Und hab gerade zufällig ein bisschen Luft für neue Aufträge.

Der VERLEGER: Ich glaube, ich hab da keinen Bedarf für.

Eddy: Die meisten Unternehmen gehen nicht kaputt, weil sie schlechte Produkte anbieten, sondern weil die Inhaber keine Ahnung haben, wie sie sich richtig vermarkten! Glauben Sie`s mir: Wer den Leuten was verkaufen will, muss ein vernünftiges Marketingkonzept haben!

Der VERLEGER: Ich will nichts verkaufen.

Eddy: Ein Verlag druckt Bücher, oder? Und die sollen …

Der VERLEGER (trinkt einen großen Schluck): Der Name ist Konzept genug, find ich. Thoni - der Verlag ohne Bücher.

Eddy (stutzt einen Moment, lacht): Super, das! Ein Verlag ohne Bücher! Wer hat sowas schon gehört! Das ist …

Der VERLEGER: Eine ziemlich spinnerte Idee, ich weiß. Ich wollte auch eigentlich nur meinem Freund Berti helfen. Der ist Buchhändler und muss immer stapelweise Bücher verkaufen, die er nicht mag. Und, noch schlimmer: ständig die Stapel umräumen, weil Neues kommt oder das Alte nicht mehr gefragt ist. Wobei alt so ungefähr zwei bis vier Wochen umfasst. Und wenn ich ihn fragte, ob er mitkommt ein Bier trinken, (trinkt bei der Gelegenheit sein Glas leer), hat er immer Ausreden gehabt. Von wegen viel Arbeit und so. Na ja, hab ich gedacht, wenn er privat nicht will, mach ich es eben geschäftlich. Dann kann er nicht Nein sagen. Wenn der Verlagsinhaber sogar selbst kommt und das Programm vorstellt. Außerdem wollte ich ihn mal wieder lachen sehen.

Eddy (bekommt langsam glühende Wangen): Das ist genial! Sowas habe ich noch nie gehört! DAS kann man vermarkten, bis die Bude qualmt! Ich sag`s dir, Kumpel!

Der VERLEGER: Aber ich will doch gar nichts verkaufen!

Eddy: Sag mal, bist du so dumm oder tust du nur so? Klar willst du was verkaufen! Deine Idee! Die Idee, die hinter dieser Verlagsgründung steckt! Und sag mir nun nicht, dass da nicht noch was anderes dahinter ist.

Der VERLEGER: Willi! Noch ein Bier!

Eddy: Na, komm, sag schon!

Der VERLEGER: Mein Briefkasten quillt über vor Manuskripten.

Eddy: Das ist prima!

Der VERLEGER: Das ist Mist! Die Klappe ist schon kaputt gegangen von all dem Zeug, und das Zurückschicken kostet pro Tag mehr Porto als die Anmeldung des Verlags beim Gewerbeamt.

Eddy: Du willst mir jetzt nicht erzählen, dass du Manuskripte zurückschickst?

Der VERLEGER: Warum? Was ist falsch daran?

Eddy (schüttelt den Kopf): Ich sag dir jetzt mal was: Du brauchst dringend einen Marketingschef, einer, der dir sagt, wie du deine geniale Idee unter die Leute bringst, und zwar so, dass das monetär vertretbar ist.

Der VERLEGER: Monetär vertretbar …

(Die Tür geht auf, Reporter Rudi Ratlos vom NNB kommt herein. Schaut sich um. Sieht den VERLEGER, überlegt kurz und kommt zum Tisch.)

Rudi: Guten Abend. Schön, dass ich Sie treffe. Ich müsste dringend einen neuen Termin mit Ihnen ausmachen.

Der VERLEGER: So. Und warum?

Rudi: Ähm, ja. Vielleicht sollten wir es doch noch mal mit einem Interview versuchen?

Der VERLEGER: Das letzte war nicht besonders erfolgreich.

Rudi: Wann hätten Sie Zeit?

Der VERLEGER: Also, eigentlich … gar nicht.

Eddy: Natürlich hat er Zeit. Haben Sie ein Kärtchen? Ich rufe Sie an.

Der VERLEGER und Rudi (gleichzeitig): Wie bitte?

Eddy (grinst und streckt Rudi die Hand hin): Eduard Weber. Thoni-Verlag. Marketingabteilung. Also?

Rudi (zückt beeindruckt seine Visitenkarte und händigt sie aus): Könnten Sie mir sagen, wann …

Eddy: Ich rufe Sie an, ja? Ach, und keine Sorge: Sie kriegen ein Exklusiv-Interview.

Rudi: Sicher?

Eddy: Sicher.

(Rudi geht zufrieden zur Theke und bestellt ein Bier. Eddy neigt sich zum VERLEGER.)

Eddy: Siehst du, so flunzt das!

Der VERLEGER: Warum hast du mich nicht ausreden lassen. Jetzt musst du telefonieren wegen des Termins. Dabei hätten wir es doch gleich jetzt abmachen können.

Eddy: Ts! Kumpel, du brauchst wirklich dringend einen Marketingexperten. Bist du morgen Abend wieder hier?

Der VERLEGER: Wahrscheinlich.

Eddy: Gut. Dann bis morgen. Bis dahin hab ich auch ein Grobkonzept.

Der VERLEGER: Also, ich bin der Meinung …

Eddy (grinst): Keine Sorge! Ich mach das ganz umsonst. Wenn der Laden erst brummt, können wir gern über eine vernünftige Honorierung reden. Und weißt du was, Kumpel? Ich bin tausendprozent sicher, dass der Laden brummen wird! Und jetzt gehen wir beide schön nach Hause.

(Der VERLEGER will protestieren. Eddy deutet in Richtung Theke.)

Eddy: Der Schmierfink da drüben wartet doch nur, bis ich weg bin. Dann wird er versuchen, dir die Infos für lau rauszusaugen. Aber so läuft das nicht!

(Willi kommt mit dem Bier).

Eddy: Alles auf meine Rechnung. (Deutet auf das Bier.) Und das bringst du dem Herrn Journalisten. Mit besten Grüßen vom VERLEGER.

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