Sich in verbotenen Träumen verlieren / Ein Porträt (2015)

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DoreenGehrke

vor 5 Monaten

[Ich möchte meine Autorenseite etwas ausbauen, indem ich hier ein paar Texte veröffentliche, die ich für meinen Blog geschrieben habe. Ob man das hier bei Lovelybooks so machen kann, weiß ich nicht. Vielleicht meldet sich der eine oder andere ja und schreibt mir, ob er oder sie das so in Ordnung findet.


In Lack und Leder fühle sie sich immer wie in einer Rüstung. Stark und mutig. Aber auch in Dessous spüre sie die Kraft, sich alles zutrauen zu können. Erotische Fantasien freien Lauf lassen - sich Gefühlen widerstandslos hingeben. 
Wie stellt man sich eine Escort-Dame vor? Stark geschminkt mit ausladendem Dekolleté? 
Nein. Es ist dieser anmutige Gang, wie sie von der Garderobe des Cafés zu ihrem Tisch schreitet und dabei nicht nur die Blicke der Männer auf sich zieht. Es ist diese aufrechte Haltung einer grazilen Erscheinung, die vermuten lässt, dass sie sich ihrer Schönheit bewusst ist. Und es sind diese erdbeerroten Lippen, wie sie sinnlich den Rand der Tasse Kaffee berühren. Kein Zweifel. Lilly lässt jeden Mann sich in verbotenen Träumen verlieren. 
»Und die Frauen wissen das«, sagt sie. »Eifersucht ist es nicht, ganz und gar nicht. Die wenigsten Frauen möchten mit fremden Männern schlafen, aber die meisten wollen so schön und selbstbewusst sein wie ich. Es ist der Neid, der sie auffrisst.« 
Viele Frauen würden gerne ein ausgiebiges und hemmungsloses Sexleben mit ihren Männern haben. Ohne jegliche Angst vor Peinlichkeiten. Aber sie empfänden zu viel Scham und haben nicht den Mut, sich auf erotische Liebesspiele einzulassen. 
»Beziehungen würden besser funktionieren und nicht so schnell in die Brüche gehen, wenn sich beide mehr auf sich einlassen könnten. Sich dem anderen zu offenbaren und hinzugeben. Das hat nichts mit Unterwerfung zu tun. Nein, das ist Vertrauen. Und Vertrauen ist Liebe, und Liebe ist Freiheit.« 
Lillys Augen funkeln - Leidenschaft ist ihre Passion. 
Als ich sie nach ihrer Familie frage, wird sie aber ernst. Die Augen verlieren an Glanz. Sie fährt sich durchs Haar und zieht ein paar ihrer schwarzen Locken vors Gesicht. Warum Lilly als Escort-Dame arbeitet, könnten ihre Eltern bis heute nicht verstehen. 
»Besonders mein Vater hat ein Problem damit. Aber er kann es akzeptieren.« 
Blut sei eben doch dicker als Wasser. Lilly habe nur nie bedacht, wie Fremde reagieren könnten. 
»Einmal, als meine Mutter im Ort einkaufen war, wurde sie als ›Hurenmutter‹ beschimpft. Das hat mir wehgetan, und bis heute habe ich damit zu tun. Damals wollte ich aufhören. Aber stellen Sie sich vor, gerade mein Vater meinte, ich solle auf keinen Fall wegen dem Getratsche von irgendwelchen ›vertrockneten Weibern‹ mein Leben ändern. Wichtig sei doch nur, dass ich selber mit dem, was ich mache zurechtkomme und zufrieden bin.« 
Lilly lacht. Das Glitzern in ihren Augen zieht sich zurück und ihre kurz zuvor gebeugte Haltung wird wieder aufrecht. Nur die dünnen Finger umfassen weiterhin die Tasse Kaffee. Sie verliert sich in Gedanken und wirkt traurig. 
Dennoch, starke Persönlichkeiten führen kein geheimes Leben. Als unabhängige Escort-Dame zu arbeiten, bedeutet, alles selbst in die Hand zu nehmen. Eigenes Marketing, eigenes Zeitmanagement. Auf ihrer Website zeigt sich Lilly ganz offen, in Wort sowie in Bild. Leistungen und Preise sind für jeden ersichtlich, jeder kann sie per E-Mail erreichen. 
Bei der Frage, ob Lilly nie etwas Angst spüre, zumindest dann, wenn sie ein Neukunde bucht, sagt sie schmunzelnd: »Keine Angst, aber große Aufregung und Spannung.« 
Die Männer hinterließen bei ihren Anfragen ihre Telefonnummern. Bei einem ersten Gespräch sei sich Lilly immer gleich sicher, ob es der potentielle Kunde wirklich ernst meine oder sich einen Spaß mit ihr erlaube. Sobald Lilly für ein Treffen zusagt, müsse der Kunde eine Anzahlung überweisen. Erst dann treffe sie sich mit dem Mann, und bis jetzt habe sie ihr Bauchgefühl noch nie enttäuscht. Da Wünsche und Neigungen bekannt seien, wisse Lilly immer ganz genau, was sie anzieht, wie sie sich schminkt, welche Rolle sie spielt. 
»Bereits wenn ich das passende Outfit aus dem Schrank hole und auf meinem Bett ausbreite, beginnt es bei mir zu kribbeln. Ich male mir dann immer aus, wie es wohl sein wird. Das Essen, vielleicht Theater oder Oper, das Glas Wein im Hotelzimmer und zum Schluss das erotische Feuerwerk. Ich freue mich immer.« 
Enttäuschungen, sagt sie, habe sie aber auch schon erlebt. Dann wenn Männer zu viel über ihre Probleme reden, zumeist familiärer Natur. Besonders oft würden Männer schlecht über ihre Frauen sprechen. Sie hätten sich jahrelang gehen lassen, würden im Bett nur wie ein fauler Sack rumliegen und den Sex über sich ergehen lassen. In diesen Situationen sage sich Lilly immer, sei sie ein Dienstleister und es sei dann eben doch nur ein Job. 
»Aber schön ist es nicht. Ich bin Escort-Dame, keine Psychotherapeutin. Aus diesem Grund habe ich mich schon von Stammkunden trennen müssen. Ich ertrug es einfach nicht mehr.« 
Wie lange Lilly als Escort-Dame arbeiten möchte, wisse sie nicht. Aber sie habe keine Angst vor der Zukunft. Sollte sie irgendwann nicht mehr das Bedürfnis haben, sich erotischen Abenteuern hinzugeben oder man buche sie zu wenig, würde sie aufhören und etwas anderes machen. 
»Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass das passieren soll. Wenn ich aber mein Studium beendet habe, könnte ich in einer Literaturagentur arbeiten oder ich setze meine akademische Laufbahn fort und mache als Escort-Dame weiter.« 
Lilly habe ihr Leben nicht geplant, aber sie halte sich immer eine Option offen. Für den Fall, Lilly würde eine eigene Familie gründen wollen. Denn eine Mutter könne keine Escort-Dame sein. 

Name und Aussehen der porträtierten Person sind aus Gründen des Personenschutzes frei erfunden.

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