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Sommer-Kurzgeschichte: "Der Vergnügungspark"

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Hennings

vor 5 Monaten

Die Sommerferien beginnen für Chris erst in zwei Wochen. Dennoch hilft er seinem Vater bereits seit einem Monat an jedem Wochenende in Fortunas Schuss aus. Der alte Schießstand ist schon seit Jahrzehnten im Besitz seiner Familie. Aber weder die Nostalgie, noch die Tradition oder sein Pflichtbewusstsein sind die Gründe dafür, dass der 17-Jährige, wie fast jeden Sommer, in Fortunas Schuss steht und den Tag damit verbringt, anderen Leuten beim Verfehlen zuzusehen. Er möchte genug Geld verdienen, um in der letzten Augustwoche einen Ausflug mit seinem besten Freund Paul in den Süden zu machen. Nur sie beide, ohne Eltern und vor allem ohne Pauls Freundin, die für keine zwei Sekunden den Mund halten kann. Wohin sie die Reise führen wird, wissen sie noch nicht, aber irgendwo an der italienischen Küste will Chris gebührend seinen Geburtstag und offiziellen Eintritt in die Erwachsenenwelt zelebrieren.
„Wenn du feiern kannst, musst du es dir auch verdienen können“, sagen seine Eltern immer. Bis er das Geld für diesen Ausflug beisammen hat, muss er noch einige Wochen durchhalten.
Dafür, dass der Vergnügungspark eine überschaubare Größe besitzt – es braucht höchstens fünfzehn Minuten zum Durchspazieren –, gibt es sehr viele Schießstände. Insgesamt machen vier weitere Stände, die alle demselben Eigentümer gehören, Fortunas Schuss Konkurrenz. Doch keine der anderen vier Schießbuden hat im Sommer einen charismatischen Chris drinnen stehen. Er weiß, wie man mit etwas Charme Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann. Der groß gewachsene, schlanke Junge mit pechschwarzen Haaren und grünen Augen lockt aber nicht nur weibliches Publikum an. Mit ein paar frechen Sprüchen motiviert er junge Burschen und Männer häufig dazu, sich beweisen zu wollen – das funktioniert am besten, wenn sie in Begleitung einer Frau sind.
Heute ist Chris bei der Arbeit wieder auf sich selbst gestellt, sein Vater schaut nur ab und zu vorbei, ob alles in Ordnung und Nachschub bei den Souvenirs nötig ist. Die Spieler können sich aussuchen, ob sie mit einem Gewehr oder Pfeil und Bogen schießen möchten. Dazwischen gibt es ebenso die Möglichkeit, ganz klassisch mit Bällen auf in pyramidenform aufgestellte Dosen zu werfen. Chris weiß, dass es in jedem Fall wichtig ist, weit aus der Schusslinie zu bleiben. Egal, wie sehr ein Kunde bekräftigt, zielen zu können.
In der Regel freut sich Chris, wenn bekannte Gesichter, Freunde aus der Schule oder aus seiner Nachbarschaft bei ihm vorbeischauen. Es gibt nur einen Stammgast, den er nicht ausstehen kann: Lukas. Dieser Typ sitzt in derselben Klasse wie Chris, hat gute Noten, ohne viel dafür tun zu müssen, und er ist der Schulschwarm Nummer eins. Woche für Woche kommt dieser selbstverliebte Kotzbrocken zu Chris‘ Schießstand und versucht sich jedes Mal wieder vor seiner neuesten Eroberung zu beweisen. Und auch heute kann Chris ihn in der Ferne auf Fortunas Schuss zusteuern sehen. Wie jede Woche ist er auch dieses Mal von einer fünfköpfigen Traube junger Menschen umgeben. Sein bester Freund Erik, der – bis auf seinen Geschmack für Freunde – gar nicht so unsympathisch ist, geht neben ihm sowie zwei Mädchen im ähnlichen Alter, die Chris beide nicht kennt. Das ist die übliche Runde, zu der ein Glied hinzukommt, das wöchentlich ausgetaucht wird: Lukas‘ aktuelle Flamme. Als sie beim Schießstand angekommen sind, fällt Chris auf, dass er diese neue Eroberung kennt. Es ist Anna, eine Klassenkameradin, die er seit der ersten Schulstufe kennt und für die Chris in den vergangenen zwei Jahren eine kleine Schwäche entwickelt hat. Anna ist nicht nur schön, sie zählt ebenso zu den Klassenbesten.
„Hey!“, sagt Lukas, dem aufgefallen sein dürfte, dass Chris Anna unzufrieden mustert.
„Hey“, antwortet Chris ebenfalls knapp.
Lukas legt seinen Arm um Anna und flüstert ihr etwas ins Ohr. Sie kichert.
„Das Übliche?“, fragt Chris, bemüht, seine Wut nicht hörbar zu machen.
Was macht Anna mit dem Typen? Hätte er selbst sie auch einfach um ein Date bitten sollen, anstatt ewig auf den richtigen Augenblick zu warten? Wie kann sie sich nur auf so einen Trottel einlassen? Glaubt sie, er wird sie besser behandeln als seine anderen Mädchen?
Lukas zieht sogar an diesem Schießstand ständig dieselbe Nummer ab. Er wählt stets die einfachste Option: die Bälle. Dann schießt er solange bis er trifft und sucht sich dann auch noch denselben Preis aus: die billig vergoldeten Plastikäpfel. Kein kleines Stofftier oder einen Anhänger, nein, es muss immer ein goldener Apfel sein. „Für die Schönste“, sagt er dann, wenn er ihn seiner Begleitung mit einer übertriebenen Verbeugung übergibt. Heute macht der Blondschopf keine Ausnahme. Er wählt wie gewohnt die Bälle. Seine Auserwählte blickt ihn voller Bewunderung an, noch bevor er angefangen hat zu schießen. Chris kommt das Kotzen.
Lukas trifft und haut alle Dosen beim ersten Mal um. Er wird besser. Anna hüpft begeistert auf und ab, Erik gibt ihm einen anerkennenden Klaps auf die Schulter.
„Was willst du ihr geben?“, fragt Chris. Dieses Mal kann er seinen Unmut im Ton nicht überspielen.
„Einen goldenen Apfel“, antwortet Lukas, als ob er zum ersten Mal diese Auswahl treffen würde. Chris kocht vor Wut. Er nimmt einen der sieben Äpfel und wirft ihn Lukas entgegen, der ihn geschickt auffängt, sich unbeeindruckt von Chris abwendet und Anna seinen Gewinn mit der gespielten Ritterlichkeit übergibt. Während ihre Augen glänzen, kann sich Chris vor Zorn kaum zurückhalten. „Weißt du, dieser Apfel sieht irgendwie aus wie ein Herz“, meint Anna mit einem Lächeln. Bisher war Chris zwar in der Regel distanziert, aber nie unhöflich gegenüber Lukas gewesen. Das wäre seinem Vater gegenüber nicht fair, denn, einen Stammkunden zu vergraulen, schädigt das Geschäft. Außerdem war es ihm ganz Recht, dass Lukas seinen Urlaub mitfinanziert. Doch heute kocht etwas in ihm über. Nicht sie, denkt er sich, aber die Worte, die seinen Mund verlassen sind aggressiver.
„Bist du bescheuert, Anna? Der Typ ist doch ein Witz. In ein paar Tagen bist du Geschichte für den. Arbeite mal für einige Wochen hier, dann siehst du, wie er die gleiche Show mit jeder anderen abzieht. Ich hätte echt nicht gedacht, dass ausgerechnet du auf den reinfällst!“ Als er den Satz beendet hat, fallen ihm die entsetzten Blicke auf. Nicht nur von Lukas‘ Gruppe, sondern auch von ein paar umstehenden Leuten.
„Du bist...“, beginnt Lukas, doch Chris fällt ihm ins Wort. Jetzt ist es auch schon egal, denkt er.
„Und du!“, er fixiert Lukas, „Warum kommst du ausgerechnet zu meinem Stand? Es gibt vier weitere Schießstände hier! Warum kannst du zur Abwechslung nicht einmal die anderen mit deiner Anwesenheit quälen?“
Lukas versucht wieder etwas zu sagen, doch Chris ist außer sich und setzt noch einen drauf: „Aber weißt du, was das Nervigste an der ganzen Sache ist? Wegen dir müssen wir neue Äpfel bestellen. Mein Vater glaubt, die sind beliebt. Dabei liegt es nicht an ihrer Beliebtheit, sondern an deinem Mangel an Kreativität, etwas Besseres als diese bescheuerten Plastikteile auszusuchen“.
Chris holt tief Luft und schnauft zufrieden aus. Dieser Ausbruch hatte es in sich. Um ihn herum ist alles ruhig geworden. Anna blickt ihn mit einem Ausdruck an, den er nur als pure Entrüstung und Wut wahrnehmen kann. Offensichtlich, um ihm zu zeigen, wie bescheuert sie seinen Anfall findet, gibt sie ihre freie Hand, in der kein Goldapfel ist, in Lukas‘ Hand. Erik will etwas sagen, doch im selben Augenblick beginnt Lukas zu sprechen: „Du bist ein Idiot und machst dich gerade einfach nur lächerlich. Hältst dich wohl für was Besseres? Dabei bist du der Kurzsichtige, nicht ich“. Erik will ihn stoppen, doch nun ist Lukas wütend.
„Du sagst, ich komme hier Woche für Woche her und machst dich darüber lustig, dass ich nur die künstlichen Äpfel im Blick habe, während du scheinbar ständig auf meine Begleitungen fixiert warst. Mann, du warst so beschäftigt mit mir und meinen Dates, dass dir nicht mal aufgefallen ist,…“. Doch dann unterbricht ihn eine der beiden anderen Mädchen. Sie hat lange dunkle Haare, trägt kurze Shorts mit einem schwarzen T-Shirt und kirschroten Converse. Über ihre Schulter hat sie eine schwarze Umhängetasche geschwungen.
„Luke!“, zischt sie durch ihre zusammengepressten Zähne.
Doch jetzt ist er derjenige, der unaufhaltsam weiterspricht.
„Keine Ahnung, was du an dem findest, Lisa“, sagt er noch zu ihr, wendet sich dann an Chris und fährt fort, „Warum glaubst du denn, dass ich ständig hierherkomme? Um deine Visage zu sehen? Ich bin manchmal einfach zu nett“. Er schnauft noch einmal verächtlich aus und zieht Anna mit sich an der Hand davon. Erik und das andere Mädchen hechten den beiden hinterher, doch Lisa bleibt stehen. Ihr Blick ist auf den Boden gerichtet und ihre Wangen sind rot angelaufen.
Chris weiß nicht, was er sagen soll. Er weiß nicht einmal, was er gerade empfindet. Eben war er noch außer sich vor Wut, doch jetzt ist daraus plötzlich eine Mischung aus Verlegenheit und Scham geworden. Dann fasst Lisa scheinbar ihren Mut zusammen, blickt hoch und schaut ihm direkt in die Augen.
„Tut mir leid. Ich bin schuld daran, dass wir hier ständig aufkreuzen. Wenn ich gewusst hätte…“, sie stockt. Zum ersten Mal fallen ihm ihre schokoladenbraunen, mandelförmigen Augen auf. Lukas hatte Recht. Wie konnte er dieses Mädchen nur übersehen?
„Willst du versuchen?“, fragt er rasch und deutet auf die Bälle, bevor sie weggehen kann. Etwas Besseres ist ihm auf die Schnelle nicht eingefallen. Seine Nervosität fällt Lisa auf und sie lächelt.
Chris beginnt die Dosen aufzustellen, damit er etwas Zeit zum Nachdenken gewinnen kann.
Da hört er sie plötzlich von hinter dem Pult sagen: „Ich will es mit dem Bogen versuchen“. Eine ausgezeichnete Wahl. Die Wenigsten versuchen es damit.
„Kannst du Bogenschießen?“, fragt er sie.
„Ich lerne es gerade. Aber ich muss zugeben, meine Begeisterung dafür kommt von den Tributen von Panem“. Ihre Ehrlichkeit gefällt ihm.
„Oh, ich habe den Film noch nicht gesehen“, erklärt er.
Sie nimmt den Bogen in die Hand, grinst und sagt in einem frecheren Ton: „Ich habe die Filme auch nicht gesehen. Bücher sind meistens besser.“
Im selben Moment wird Chris klar, dass er dieses Mädchen kennenlernen muss.
Lisa spannt den Bogen, zielt und lässt los. Der Schuss geht leider daneben.
„Wir tricksen mit diesen Dingern immer ein bisschen, damit das Gewinnen nicht zu einfach wird. Versuche etwas tiefer zu zielen. Du kannst so oft schießen wie du willst, geht auf mich!“, versucht Chris sie zu ermuntern. Lisa nimmt einen zweiten Pfeil und spannt den Bogen. Sie lässt sich etwas mehr Zeit. Beim zweiten Mal trifft sie das Ziel zwar nicht genau in der Mitte, aber nah dran.
„Wow! Siehst du, schon beim zweiten Mal. Das verdient einen Preis. Welchen Preis möchtest du haben?“, fragt er sie mit einem erwartungsvollen Blick.
Lisa legt den Bogen weg und beginnt in ihrer Tasche zu kramen. Dann tritt sie näher an das Pult zu Chris heran und streckt ihm etwas entgegen. Er braucht einen Augenblick bevor er es erkennt: Es ist ein beinahe perfekter, roter Apfel.
„Hier“, fügt sie hinzu, „für dich kein Plastik“. Er muss lachen. Dann nimmt er den Apfel und dreht ihn in seiner Hand herum. „So ein Apfel sieht tatsächlich ein bisschen aus wie ein Herz“, kommt es mit einem Grinsen aus ihm heraus.


Fotocredit: ©rez-art

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