Thorsten Falke stellt sich vor – mit einer Kurzgeschichte

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Thorsten_Falke

vor 9 Monaten

Liebe Lovelybooks-Leser,

als Neuling in eurer Mitte möchte ich mich mal kurz vorstellen: Ich schreibe am liebsten Lovestorys, sei es in Romanform oder als Kurzgeschichte. Nach dem Motto „Gegensätze ziehen sich an“ finden darin meist zwei sehr unterschiedliche Charaktere zueinander. In meinem ersten Roman Das Jahr der zwei Welten ging es zum Beispiel um einen schüchternen jungen Filmvorführer, der sich in eine eher unbefangene Kinobesucherin verliebt.

Kurioserweise konnte ich das Interesse eines Verlegers erst wecken, nachdem ich – angeregt durch die Mitglieder einer Textwerkstatt – zwei nicht mehr ganz so junge, aber auch sehr verschiedene Männer in den Mittelpunkt eines Liebesromans gestellt hatte. Okay, ich bin ohnehin davon überzeugt, dass Liebe etwas Universelles ist - warum also nicht? Das Ergebnis ist mein Midlife Lover.

Zum Kennenlernen möchte ich euch heute aber meine Kurzgeschichte Marina ans Herz legen, weil ich darin nicht nur meine drei Hobbys Baden, Kino und Lesen unterbringen konnte, sondern auch einen meiner Lieblingsfilme sowie eines meiner liebsten Bücher zitiert habe. Aber lest doch einfach selbst ...


Marina

Die junge Frau tauchte wie aus dem Nichts auf. Sie näherte sich mit langsamen, geschmeidigen Schwimmbewegungen, und während sie seitlich am Badefloß vorbeizog, blickte sie zu mir hoch und stellte lächelnd fest: »Das Wasser ist heute irgendwie anders.«
»Wie denn anders?«, fragte ich und blickte von meinem Sonnenplatz inmitten des Teufelssees auf sie hinunter. Unter der Wasseroberfläche zeichneten sich die Konturen ihres nackten Körpers ab, und ihre langen blonden Haare schienen in der Strömung darüber zu schweben.
»Ich weiß nicht. Irgendwie weicher«, antwortete sie und lachte mich über die Schulter hinweg an. Dann wandte sie den Blick wieder nach vorn und hielt auf eine der ballförmigen Bojen zu, die das Naturschutzgebiet dahinter markierten.
Ihr ruhiges Dahingleiten, ihre sanfte Stimme, ihre ungewöhnlichen Worte – irgendwie kam mir das alles ganz und gar unwirklich vor. Und doch hatte ich das Gefühl, etwas Ähnliches schon einmal erlebt zu haben: ein klassisches Déjà-vu? Nicht wirklich, denn die Szene, die ich in diesem Moment im Kopf hatte, stammte aus dem englischen Spielfilm Local Hero: Danny, Mitarbeiter eines amerikanischen Ölmultis, soll in Schottland den gesamten Grund und Boden rund um eine Bucht aufkaufen; er verfällt jedoch schnell dem Reiz der Landschaft und dem Charme der ansässigen Dorfbewohner. Besonders angetan hat es ihm die Meeresbiologin Marina, die mehr Zeit im Wasser als an Land zu verbringen scheint und in der besagten Szene ebenso unvermittelt am Strand auftaucht wie das Mädchen im See: »Ich hab eine hübsche Stelle hier, nicht wahr?«, fragt Marina mit einer ähnlich betörenden Stimme, und Danny antwortet verlegen: »Ja, gefällt mir, die Stelle.«
Die junge Frau wendete an der Boje und schwamm in einem weiten Bogen quer über den See zurück zum Ufer. Sie schlang sich ein großes Handtuch um den Körper; mit beiden Händen zog sie ihre nassen Haare darunter hervor und lockerte sie ein wenig. Anschließend spazierte sie barfuß den Uferweg entlang; ihr Handtuch leuchtete blendend weiß in der Sonne. Wieder blitzte in meiner Erinnerung eine Szene aus Local Hero auf: Marina steht in einem strahlend weißen Kleid im Mondlicht neben Danny.
Warum war das Mädchen so dicht an dem Floß vorbeige-schwommen? War es einfach nur Neugierde gewesen? Hatte sie mich hier draußen in der Sonne liegen sehen und sich gedacht: Den Typen da drüben, den schaue ich mir mal näher an? Ich verfolgte jeden ihrer Schritte, und als sie hinter einem Baum verschwand, spielte ich mit dem Gedanken, zurückzuschwimmen und am Ufer auf sie zu warten; irgendwann musste sie ja umkehren. Doch was hätte ich dann zu ihr sagen sollen? »Hey, du siehst aus wie die Marina aus Local Hero!« Dummerweise ist Local Hero aber kein Kultfilm, von dem jeder schon mal gehört hat. Ich blieb also liegen und beobachtete aus respektvoller Entfernung, wie die blonde Frau wieder hinter dem Baum zum Vorschein kam und zu ihrem Liegeplatz zurückschlenderte.
Nach einer Weile ließ ich mich ins Wasser gleiten. Die Strecke über den See, die ich zurücklegte, war noch länger als der Bogen, den »Marina« – im Geiste nannte ich das Mädchen jetzt einfach so – auf dem Rückweg zum Ufer geschwommen war; doch obwohl auch ich oft in diesem See badete, spürte ich nicht den geringsten Unterschied, was die Härte des Wassers betraf.
Als ich an der Stelle vorbeikam, an der »Marina« sich sonnte, saß sie mit angezogenen Knien auf ihrem Handtuch und blickte zu mir herunter.
»Also, ich merke keinen Unterschied«, rief ich ihr zu.
»Echt nicht?«, antwortete sie und sah mich dabei so ungläubig an, als könnte sie sich nicht vorstellen, dass nicht jeder Mensch ihre – zugegebenermaßen nicht gerade überlebenswichtige – Gabe hatte.
»Vielleicht liegt’s ja daran, dass wieder frisches Wasser eingeleitet wurde«, schob ich die einzige mir vernünftig erscheinende Erklärung für ihre Wahrnehmung nach. Unter den Badenden hatte sich nämlich herumgesprochen, dass der Teufelssee längst ausgetrocknet wäre, würde er nicht regelmäßig aufgefüllt – aus »Marinas« Nicken konnte ich allerdings nicht entnehmen, ob auch sie zu den Eingeweihten gehörte.
Das Thema jedenfalls schien damit für sie erledigt zu sein. Für mich war es das auch – trotzdem platzte ich mit einer Frage heraus, von der ich im Nachhinein kaum glauben konnte, dass ich sie wirklich gestellt hatte: »Darf ich mich für einen Moment zu dir setzen?«
Über »Marinas« Gesicht huschte ein Lächeln, während sie achselzuckend antwortete: »Klar, warum nicht?«
Mit kurzen, gezielten Blicken checkte sie mich ab, während ich die Böschung hinaufstieg. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, worüber ich mit ihr reden sollte. Fast wäre mir ein banales »Schönes Plätzchen hier!« herausgerutscht, doch dann entdeckte ich auf der Wiese neben ihrem Rucksack ein Buch. Konnte es wirklich solche Zufälle geben? Das Cover zeigte ein verwunschenes altes Haus, und der Schriftzug darüber setzte sich aus jenen sechs Buchstaben zusammen, die mich die ganze Zeit über beschäftigten: Marina.
»Sag mal, die Marina in dem Buch da – hat die etwas mit Wasser zu tun?«, fragte ich. »Lebt sie am Meer oder so?«
»Wegen des Namens, meinst du?«, erwiderte das Mädchen amüsiert. »Nein, nicht direkt. Aber ihr Lieblingsplatz ist eine Bucht mit einem schönen Strand, außerhalb von Barcelona.«
»Eine Bucht mit einem Strand … Genau wie die Marina, an die du mich erinnerst.«
»Ich erinnere dich an …?«
»… an eine Filmfigur, ja. Du wirst den Film nicht kennen. Meine Marina ist Meeresbiologin.«
»Ach ja? Was ist das für ein Film? Erzähl doch mal!«
Ich setze mich neben sie ins Gras und schwärmte ihr von den liebenswert schrägen Charakteren aus Bill Forsyths anrührender Komödie vor, und anschließend erzählte sie mir die tragische Liebesgeschichte zwischen dem Waisenjungen Óscar und der todkranken Marina aus dem Roman von Carlos Ruiz Zafón.
»Hast du Lust, das Buch zu lesen?«, fragte sie.
»Hast du Lust, eine DVD zu sehen?«, fragte ich zurück.
»Vielleicht«, antwortete sie. »Aber jetzt hab ich erst noch mal Lust, schwimmen zu gehen.«
»Weil das Wasser heute so schön weich ist?«, frotzelte ich.
Sie lachte nur, und während wir gemeinsam unsere Bahn zogen, kam mir eine weitere Szene aus Local Hero in den Sinn: Danny und Marina liegen am Strand. Er überschüttet sie mit Küssen, und als er dabei an ihrem Fuß ankommt, entdeckt er, dass sie Schwimmhäute zwischen den Zehen hat. Dass schon Menschen mit Schwimmhäuten geboren wurden, ist eine Tatsache. Aber dass »Marinas« Haut die Härte von Wasser erspüren kann – muss ich das deswegen auch glauben?

© Thorsten Falke

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