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Unser Mitmachkrimi "Abwege" Kapitel 11

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petersplitt

vor 7 Monaten

Plauderecke

Hallo, Ihr Lieben: Wegen des trüben Wetters poste ich heute ein XL-Kapitel. Es ist das Elfte. Viel Spaß beim lesen.



ELFTES KAPITEL

Der Wecker klingelte. Bernadette schreckte aus einem unruhigen Schlaf. Die Nacht war alles andere als erholsam gewesen. Sie war erst sehr spät eingeschlafen und starrte nun benommen gegen die Zimmerdecke. Ihr Verstand schien ihr einen Streich zu spielen. Kurzer Hand stand sie auf, schnappte sie sich ihre Unterwäsche und taumelte ins Badezimmer. Hier ging sie direkt unter die Dusche und drehte mit voller Absicht nur den Kaltwasserhahn auf. Sie fröstelte, doch während das kalte Wasser auf sie niederprasselte, erwachten ihre Lebensgeister. „Er weiß Bescheid. Sie sind in großer Gefahr. Verlassen Sie Köln auf der Stelle.“ Immer und immer wieder hatte sie gestern den Zettel mit den drei Sätzen gelesen. Kein Wunder, dass sie nicht hatte einschlafen können. „War das eine Warnung, oder als Drohung zu verstehen, hatte sie sich andauernd gefragt. Und wer wusste denn Bescheid, und vor allem über was? Oder war das Ganze nur ein übler Scherz von jemandem der ihr einfach nur Angst einjagen wollte? Kranke Hirnis gab es schließlich genug da draußen.

Aber was mache ich jetzt mit der Nachricht? Stefan davon erzählen? Nein, der kann mir hier in Köln auch nicht weiterhelfen.

Sie griff nach dem Duschgel und seifte sich von Kopf bis Fuß ein. Vielleicht vermochte sie so dieses ungute Gefühl einfach von sich abzuwaschen. Sie drehte den Warmwasserhahn auf, die warmen Wasserstrahlen zeigten schnelle Wirkung. Langsam zerplatzte ihr traumähnlicher Zustand wie eine Seifenblase. Sie stieg aus der Dusche, trocknete sich ab und blickte dabei in den Spiegel. Das Gesicht, das ihr entgegenblickte war blass und fast nicht wiederzuerkennen. Tiefe dunkle Schatten lagen unter ihren Augen.

Du musst ganz schnell etwas für dich tun“, sagte sie zu sich selbst. Ein Blick auf den Wecker zeigte ihr, dass es noch nicht einmal sieben war. Und auf einmal wusste sie, was sie zu tun hatte. Eilig kramte sie ihren Jogginganzug aus dem Koffer, der noch immer unter dem rechteckigen Tisch lag. Danach schlüpfte sie in ein paar bequeme Schuhe, band sich das Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen, öffnete die Zimmertür und schlich fast geräuschlos nach unten. Von Willi war keine Spur zu sehen und für die anderen Hotelgäste war es anscheinend noch zu früh. So schlich sie weiter den Flur entlang und schob sich lautlos durch den Ausgang. Draußen maß sie ihren Puls und begann mit den gewohnten Lockerungs- und Dehnungsübungen. Anschließend ging sie auf Zehenspitzen federnd ein Stück die Straße hinunter und atmete die frische Luft ein. Dazu machte sie noch weitere Übungen und fing langsam mit dem Laufen an. Während sie die gepflegten Vorgärten der Nachbarhäuser passierte, fing sie an sich besser zu fühlen. Sie zog noch einmal in Erwägung, ob es nicht doch klüger wäre, den Kommissar über die erhaltene Nachricht zu informieren, verwarf den Gedanken aber genauso schnell wieder, wie er ihr gekommen war, da die Chemie aus irgendeinem Grund zwischen ihnen beiden nicht stimmte. In jedem Fall wollte sie Julia gleich von dem Vorfall erzählen. Gestern hatte sie noch davon abgesehen, weil sie nicht als hysterisch gelten wollte. Meter für Meter beschleunigte sie ihren Schritt. Die ersten Minuten waren für gewöhnlich die schlimmsten. Das besserte sich allerdings, sobald sie ihren Rhythmus gefunden hatte. Jetzt wurde es leichter. Sie hatte sich dafür entschieden, häufiger die Geschwindigkeit zu wechseln. Das war eine spezielle Technik der Langstreckenläufer. Dabei strahlte ihr schlanker, athletischer Körper eine natürliche Anmut aus, welche die meisten Jogger vermissen ließen. Auf den Straßen herrschte das übliche Kölner Morgenchaos. Hier und da hörte man Autos Hupen und jemand brüllte etwas aus einem geöffneten Fahrerfenster. Etliche Personen kamen ihr entgegen. Wenn es Männer waren, so konnten sie der Versuchung nicht widerstehen, sich nach ihr umzudrehen.

Die Straße verlief parallel zu den Straßenbahnschienen bis zur Haltestelle Dünnwald. Danach kam ein Büdchen, wo man frische Brötchen oder die Morgenzeitung kaufen konnte und die St. Herrmann-Josef Kirche. Bernadette blieb einen Moment stehen und bewunderte den Kirchturm, der majestätisch in den Himmel ragte. Neben der Kirche befand sich eine unbebaute Grünfläche. Sie war eingefriedet und mit einer kleinen Holztür versehen. Unmittelbar danach machte die Straße eine Kurve und führte in ihrem weiteren Verlauf durch den Stadtwald bis hinüber zum Campingplatz. Der lag allerdings noch gut zwei Kilometer entfernt. Fast im Leerlauf sprintete sie die Straße entlang, schlug einen Haken um eine Abkürzung durch den Wald zu nehmen, überquerte eine Lichtung, lief dann weiter durch den grünen Gürtel, bis sie wieder auf der Straße landete. Hier gönnte sie sich eine kurze Verschnaufpause, um danach durch das Naturschutzgebiet am Hornpottweg bis zum Campingplatz durchzulaufen.

Der Mischwald sah so aus, als könne man sich relativ leicht darin zurechtfinden. Tief gebeugt folgte sie leise dem schmalen Weg, schlug sich wachsam durch das grüne Unterholz, sprang über abgebrochene Zweige und graue Wurzeln immer tiefer in den dunkelgrünen Schatten hinein. Die ersten Insekten meldeten sich zu Wort. Sie verlangsamte ihre Geschwindigkeit und kontrollierte abermals ihren Puls. Heute war sie wesentlich schneller unterwegs als sonst und das war auch gut so, denn schließlich hatte sie sich vorgenommen, etwas für sich zu tun. Auf einmal fuhr sie erschrocken zusammen. Aus dem Gestrüpp hinter ihr erklang ein schrilles Kreischen, das zu einem gellenden Schrei anschwoll. Sie wirbelte herum, konnte aber niemanden erkennen. Ihr Herz hämmerte wie wild unter dem verschwitzten Oberteil. Je weiter sie in das Waldstück hineinlief, desto mehr fühlte sie sich beobachtet.

Hoffentlich war es kein Fehler, allein in den Wald zu gehen“, dachte sie und blickte sich ängstlich um. Aber da war niemand. Sie atmete heftig ein und aus, doch das Geräusch, das sie dabei verursachte klang irgendwie übermäßig laut in ihren Ohren. Da ertönte von neuem dieser schauderhafte Schrei. Er kam ihr jetzt viel näher vor.

Ich muss so schnell wie möglich weg von hier“, dachte sie und begann schneller zu laufen. Hastig, nach Luft schnappend, bewegte sie sich vorwärts und erstarrte…Hinter ihr krachten Zweige. Jemand verfolgte sie. Noch im Laufen versuchte sie sich umzudrehen, konnte aber niemanden sehen, also setzte sie zu einem Sprint an. „Jetzt bloß nicht den Kopf verlieren!“ sagte sie sich.

Ab sofort brach sie nur noch kopflos durch das Unterholz, versuchte erst gar nicht mehr leise zu sein. Der nächste Schrei kam wieder ganz aus ihrer Nähe und versetzte sie noch mehr in Panik. Zitternd vor Angst zwang sie sich immer weiterzulaufen, während sie sich bemühte, ihr Gesicht mit den Händen vor herunterhängenden Ästen und Zweigen zu schützen. Trotzdem waren ihre Wangen schon zerkratzt. Blut tropfte auf ihr weißes Oberteil, doch sie rannte unaufhörlich weiter. Beim nächsten Aufheulen schrie sie laut auf. Es klang so, als befände sich jetzt jemand direkt hinter ihr. Mit einer reflexartigen Bewegung sprang sie zur Seite, stolperte und landete mitten im dichtesten Gestrüpp. Kurz darauf hatte ein mächtiges Wildschweinmännchen sein Weibchen eingeholt, und damit fanden auch seine Brunftschreie ein jähes Ende.

Bernadette rang nach Atem. Sie überlegte noch, ob sie einen Baum hinauf klettern sollte, da war der paarungswillige Keiler bereits an ihr vorbei. Er hatte von ihr keinerlei Notiz genommen.

Die mutige Bernadette aus der Eifel zittert vor einem paarungswilligen Keiler. Na das wäre eine Schlagzeile für Stefan. Der würde sich tot lachen.

Sie kam sich selten dämlich vor, doch die Lust am Joggen war ihr gründlich vergangen. Also suchte sie nach dem kürzesten Weg, der zurück zur Hauptstraße führte. Sie fand einen Pfad durch das Biotop und ließ den Campingplatz vor sich liegen. Ihr Herzschlag normalisierte sich langsam, als sie in der Ferne den Kirchturm der katholischen Pfarrkirche ausmachte. Ein kurzer Sprint wie auf einer Zielgeraden und sie hatte wieder die unbebaute Grünfläche neben der Kirche erreicht. Hier trafen gerade die ersten Sonnenstrahlen auf das verwilderte Gelände. Das kräftige grün der Pflanzen zog sie magisch an. Dahinter schimmerte ihr etwas entgegen. Etwas Helles, dass nicht in die Landschaft passte.

Könnte ein Tier sein“, dachte sie und trat näher an den Zaun heran. Ihre Hand berührte fast automatisch die kleine Holztür. Sie ließ sich öffnen. Vorsichtig betrat sie das Grundstück. Ganz langsam bewegte sie sich auf die helle Stelle zu. Als sie sah, was es war, stockte ihr der Atem. Nur mit größter Anstrengung schaffte sie es nicht gleich laut aufzuschreien. Vor ihr auf dem wuchernden Rasen lag ein menschlicher Körper.

Vielleicht ein Obdachloser?“ dachte sie noch und ging ganz vorsichtig weiter, trat näher an den Körper heran, dann haute es sie um, wie ein Torpedo. Willi starrte sie mit toten Augen an. Sie waren blass und blutleer. Bernadette konnte nicht mehr an sich halten. Ein Schrei nach dem anderen kam aus ihrer Kehle.

Willi, oh Gott nein!“ schrie sie in den frühen Morgenhimmel. „Jemand hat ihn umgebracht.“ Panikartig lief sie davon, passierte die Kirche und das Büdchen. Ein paar Männer standen draußen, unterhielten sich und tranken Kaffee. Sie starrten ihr nach, als sie an ihnen vorbeisauste. Bernadette erreichte das Hotel, schaffte jedoch kaum die Eingangstür zu öffnen. Zitternd hantierte sie mit ihrem Schlüssel an dem Sicherheitsschloss herum, -und stolperte prompt zurück auf den Bürgersteig. Jemand packte sie von hinten bei den Schultern. Der Griff war fest und bestimmend, doch sie kämpfte wie eine Löwin. Sie biss, kratzte und schlug wild um sich. Erst als sie merkte, wer es war, der sie so fest im Griff hatte, ließ sie sich fallen, drückte sich in ihre Arme und fing laut an zu schluchzen.

Julia verstand die Welt nicht mehr. Sie sah Bernadette an. Deren Gesicht war kreidebleich und zerkratzt, ihr weißes Oberteil blutdurchtränkt. Tränen rannten ihre Wangen hinunter. „D…dahinten auf dem Grundstück“, stammelte sie. „Willi…er ist tot.“

Julia hatte große Mühe Bernadette zu verstehen. „Was sagst du da? Wer ist tot?“

W...Willi, der Hotelier. Er liegt auf der Grünfläche neben der Kirche.“

Julia reagierte prompt. „Warte hier einen Moment. Ich lauf mal schnell hin und schaue nach!“

Bernadette klammerte sich an sie. „Nein, bitte lass mich jetzt nicht allein!“

Julia versuchte erst gar nicht sie abzuschütteln. „Also gut, dann komm mit. Zeig mir, was du gesehen hast!“

Bernadette gab einen Laut von sich, als sie die Straße hinunterliefen. Er war eine Mischung aus Panik und Verzweiflung. Die Männer von der Kaffeebude blickten ihnen nach und schüttelten die Köpfe. Vor der Grünfläche neben der Kirche bleiben sie stehen. Julia warf einen Blick auf das verwilderte Grün. „Ist da jemand?“ rief sie laut.

Der arme Willi“, winselte Bernadette. Wieder suchten Julias Augen das tiefe Grün ab, konnten beim besten Willen nichts verdächtiges erkennen.

Bist du dir sicher, dass dort jemand ist?“ fragte sie. Bernadette nickte mit dem Kopf. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Ganz sicher“, schluchzte sie und zeigte auf den hinteren Teil. „Dahinten liegt er, oh Gott!“

Julias Augen folgten der ausgestreckten Hand. „Warte hier“, sagte sie bestimmend. „Ich sehe mal nach.“

Hoffentlich bricht sie mir nicht zusammen“, dachte Julia, bevor sie die hölzerne Pforte öffnete und das Grundstück betrat. Konzentriert schaute sie sich überall um. Es dauerte einen Augenblick, bis sie zurück kam. Für Bernadette war es eine ganze Ewigkeit. Julia atmete schwer, ganz so, als sei sie gerannt.

Verdammt nochmal Bernadette“, sagte sie wütend. „Da ist niemand! Ich hab das ganze Gelände abgesucht, bis in die hintersten Ecken. Nichts! Träumst du jetzt schon am helllichten Tage?“

Bernadette riss die Augen auf. Sie war ein einziges Bild des Jammerns. „Du meinst er ist verschwunden?“ fragte sie.

Verschwunden oder niemals hier gewesen, ja, ganz genau, dass meine ich.“

Aber das ist unmöglich. Er kann doch nicht einfach verschwunden sein! Er war tot, tot und nochmals tot! Wenn ich`s dir doch sage. Seine Augen! Du hättest seine Augen sehen sollen.“

Julia zuckte unbeholfen mit den Achseln. Sie wusste einfach nicht mehr was sie glauben konnte, und was nicht.

Komm lass uns frühstücken“, sagte sie resigniert. „Ich brauche jetzt dringend einen Kaffee.“

Meinst du nicht, wir sollten zuerst Kommissar Gereon anrufen?“ fragte Bernadette ungläubig. Julia konnte sich eine Grimasse nicht verkneifen.

Damit der uns für völlig meschugge hält, oder was? Nein, vielen Dank! Ich hab keine Lust mich lächerlich zu machen und außerdem ist die Polizei ja bereits vor Ort. Ich bin die Polizei, schon vergessen?“

Auf einmal hatte Bernadette einen Einfall. „Da ist noch etwas Julia“, sagte sie vorsichtig. Die kam langsam vom Glauben ab.

Was um Himmelswillen kommt denn jetzt noch?“ fragte sie und spürte, dass sie im Begriff war die Geduld zu verlieren.

Ich habe eine Nachricht bekommen“, sagte Bernadette zögerlich. Julia sah sie an.

Eine Nachricht? Ja und? Auf deinem Handy?“

Nein, nicht auf meinem Handy!“

Bernadette war sauer. Sie war es leid, wie eine durchgeknallte Irre behandelt zu werden. „Jemand hat mir einen Briefumschlag unter die Zimmertür geschoben.“

Mit einem Mal war Julia hellwach. „Wann war das?“, fragte sie.

Na gestern Abend! Ich habe ihn gefunden, als ich in mein Zimmer kam.“

Und was steht drin?“

Wart es nur ab Julia. Das kannst du gleich selber lesen. Der Umschlag mit dem Zettel liegt in meinem Zimmer.“

Gemeinsam gingen sie zurück ins Petit-Colonia. Es war mucksmäuschenstill, als sie dort ankamen. Im Empfangsraum war niemand, der auf sie wartete. Auf dem Tresen lagen ein unappetitliches Käsebrötchen auf einem Teller und ein Zettel mit einer Nachricht. Auf den ersten Blick sah er genauso aus wie der, den Bernadette am gestrigen Abend bekommen hatte. Sie griff danach, ohne zu wissen, was es war. Hastig faltete sie das Blatt auseinander. Die Nachricht stammte von Willi und war mit einem Filsschreiber geschrieben worden. „Musste dringend in einer Familienangelegenheit verreisen. Hoffe am späten Abend, beziehungsweise Morgen Früh zurück zu sein. Ansonsten wünsche ich Ihnen einen wunderschönen Tag in Kölle, Willi.“ Die Unterschrift war dahin gekritzelt, doch sie ging davon aus, dass es seine war.

Da hast du`s“, sagte Julia „Verreist ist er, in einer dringenden Familienangelegenheit.“

Bernadette spürte wie sie errötete.

Er kann aber nicht verreist sein Julia, verdammt noch mal! Er ist tot! Willst du mich denn immer noch nicht verstehen? Die Nachricht kann doch jeder geschrieben haben. Bitte schön, dahinten liegt der Filsschreiber.“ Sie deutete auf einen roten Filsschreiber.

Ist ja schon gut Bernadette“, erwiderte Julia. „Komm, zeig mir die Nachricht, die du gestern bekommen hast.“

Sie gingen die Treppe hinauf und direkt durch bis zu ihrer Zimmertür. Abermals musste Bernadette den Schlüssel mehrfach im Schloss hin und her bewegen, bis sich die Tür endlich öffnen ließ. Drinnen war alles wie gehabt, ihre Sachen befanden sich genau dort, wo sie sie abgelegt hatte. Ihre Kleidung, ihr Koffer, die Kosmetikartikel im Bad. Niemand schien ihr Zimmer unbefugt betreten zu haben. Sie ging zur Nachtkonsole auf ihrer Bettseite, zog die Schublade heraus und fühlte prompt, wie ihr Herz einen Sprung machte. Der Briefumschlag mit der Nachricht war verschwunden. Nur mit Mühe konnte sie die Tränen zurück halten.

Das gibt es doch gar nicht“, murmelte sie. Unter Tränen blinzelte sie in die leere Schublade. „Gestern Abend habe ich den Umschlag hier hineingelegt. Und heute Morgen, als ich aufgestanden bin, war er noch da. Ich habe mir die Nachricht noch einmal durchgelesen. Und jetzt…?“ Sie weinte.

Du musst mich für völlig durchgeknallt halten!“

Julia sah sie an. Hilflos, ratlos. Dann nahm sie Bernadette in den Arm. Bernadette ließ ihren Tränen freien Lauf.

Ich rufe Gereon an“, entschied Julia nach wenigen Minuten.

Eine Stunde später traf der Kommissar in Dünnwald ein. Er war knurrig und nur wenig erfreut über die unerwartete Unterbrechung seiner Arbeit. Bernadette lief herum, wie ein gehetztes Tier. Ihre Nerven lagen blank.

Na da sind ja die beiden richtigen zusammen“, grüßte Gereon und grinste falsch.

Was gibt es denn so Dringendes Julia? Hätte das nicht Zeit bis am späten Nachmittag gehabt? Außerdem wolltest du nicht heute Vormittag dein Motorrad zur Inspektion bringen?“

Julia fühlte sich ertappt. Sie hatte extra eine Ausrede erfunden, damit sie und zusammen mit Bernadette zur Uni fahren konnte.

Äh..ja, das hatte ich eigentlich vor“, stammelte sie. „Allerdings erst ein wenig später. Zunächst wollte ich mit Bernadette frühstücken und dann mit ihr zusammen in die Stadt fahren.“

So, wolltest du? Mit Bernadette! Ihr scheint Euch ja bestens zu verstehen. Also, was gibt es denn so wichtiges, dass du mich extra herbestellst?“

Der Besitzer dieses Hotels ist verschwunden und Bernadette glaubt, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte“, sagte Julia vorsichtig.

Das glaube ich nicht nur, ich bin mir sicher“, rief Bernadette dazwischen. Gereon überhörte ihren Einwurf.

Ach, die gute Bernadette glaubt mal wieder etwas gesehen zu haben. Wo sind die Beweise Julia? Gibt es Blutspuren, eine Leiche? Soll ich die Spusi rufen?“

Warte mal Gerd, soweit ist es noch nicht. Aber geh mal hinauf in ihr Zimmer und schau dich dort um...“ Sie nickte Gereon zu. In diesem Moment hätte sie viel dafür gegeben, keine Polizistin zu sein. Sie gingen nach oben und begutachteten die Lage.

Hier ist doch alles in Ordnung“, meinte Gereon ein wenig später, als sie sich gemeinsam umgeschaut hatten. „Ist zwar keine Luxussuite, aber immerhin...“

„Bernadette hat eine Drohung bekommen Gerd.“

Was sagst du da? Telefonisch?“

Julia stieß einen Seufzer aus. „Nein, einen Briefumschlag mit einer Nachricht.“ Gereon schaute sich um. „Na dann zeig mal her!“

Nun, sie ist leider nicht mehr da Gerd.“

Wie bitte?“ Gereon schaute zuerst auf Julia, dann auf Bernadette und wieder zurück auf Julia.

Sag das noch mal! Ja was denkt ihr denn, wen ihr hier vor euch habt? Ihr glaubt wohl, dass ihr mich verarschen könnt! Aber da seid ihr gewaltig auf dem Holzweg! Zuerst verschwindet ihre Schwester Frau Meyfarth, das tut mir sehr leid, ist aber nun mal nicht zu ändern. Aber wir bleiben dran. Und jetzt soll angeblich der Besitzer dieser Absteige hier verschwunden sein und Sie haben nichts Besseres zu tun als zu behaupten, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte? Ihre Fantasie möchte ich haben!“

Aber ich habe ihn doch gesehen!“, antwortete Bernadette trotzig.

So? Und wo soll das gewesen sein?“ Gereon wurde langsam ungeduldig.

Auf der Grünfläche neben der Kirche, ist gar nicht weit von hier.“

Also gut, dann wollen wir mal…“

Nachsehen?“ fragte Julia. „Ist nicht nötig. Das habe ich schon erledigt. Auf dem Grundstück ist niemand, aber wir haben noch diese Nachricht hier gefunden.“

Sie reichte ihm den Zettel, der im Empfang gelegen hatte.

Was schon wieder eine Nachricht, spielen wir jetzt Stille Post?“ Gereon sah sie ungläubig an. Dann las er den Text…und verzog das Gesicht.

Na bitte schön, da haben wir es doch schwarz auf weiß. Dieser Willi ist wegen einer dringenden Familienangelegenheit unterwegs. Steht doch ganz klar und deutlich hier. Ich wette der steht heute Abend wieder putzmunter auf der Matte.“

Aber Gerd. Bernadette meinte, sie hätte ihn seit gestern nicht mehr gesehen. Und sieh dir mal dieses ranzige Brötchen an. Und was ist mit der Drohung, die sich in dem Briefumschlag befand? Ich denke, wir sollten ihre Aussagen ernst nehmen.“

Ich glaube ihr beiden habt völlig den Verstand verloren. Ich hab die Akte eines abgetrennten Armes auf meinem Schreibtisch liegen, der Staatsanwalt fährt mit mir Schlitten und ihr raubt mir meine kostbare Zeit mit solch einem Mist.“ Gereon war außer sich. Er wandte sich direkt an Bernadette. „Von mir aus können Sie gerne Anzeige erstatten. Gegen wen oder was auch immer. Die zuständige Beamtin befindet sich zufälligerweise ganz in ihrer Nähe. Ansonsten möchte ich Sie bitten, von weiteren Fantasiegeschichten Abstand zu nehmen. Wir haben weiß Gott Besseres zu tun!“

Er drehte sich um und wandte sich zum gehen. Unter an der Haustür blieb er nochmals stehen. „Nimm ihre verdammte Aussage auf Julia. Ich fahre jetzt auf dem schnellsten Weg ins Präsidium. Und genau dort will ich dich auch sehen, pünktlich nach dem Mittagessen und zwar in meinem Büro, haben wir uns verstanden?“

Jawohl Herr Oberleutnant.“

Gereon zeigte ihr den Mittelfinger und zog mit grimmiger Miene wieder ab. „Na, hab ich`s dir nicht gesagt?“ flüsterte Bernadette, als er weg war.

Er kann mich nicht leiden und glaubt mir kein Wort. Nichts, gar nichts! Jetzt komme ich mir wirklich vor wie eine dumme Gans. Julia kniff die Augen zusammen.

Naja, er ist vielleicht ein bisschen herb, das ist aber auch zu verstehen, oder nicht? Bei der Beweislage, die wir haben. Ich denke, wahrscheinlich ist er nur meinetwegen hergekommen. Blöd ist nur, dass er jetzt weiß, dass wir etwas aushecken..“

Na und?“ Bernadette ließ ihrer Wut freien Lauf. „Was ich gesehen habe, habe ich gesehen. Der arme Willi ist tot und zwar mausetot.“

Hast du die Leiche berührt?“ fragte Julia auf einmal. Bernadettes Gesicht wurde rot vor Ärger. „Das sicher nicht, aber seine Augen. Ich sagte doch schon, sie waren….“

Geschenkt Bernadette, mich musst du nicht überzeugen. Erinnerst du dich wenigstens an die Worte, die auf dem Zettel stand, den du…?“

Den ich was? Ja sicher, und ob ich mich erinnere! Es war ein Blatt von einem Notizblock. Darauf stand: „Sie sind in großer Gefahr. Er weiß Bescheid. Verlassen Sie Köln auf der Stelle.“

Hm“, meinte Julia. „Ist das jetzt als Drohung oder als Warnung gedacht? Bloß wer soll denn Bescheid wissen, und vor allem worüber?“

Genau diese Fragen habe ich mir auch schon gestellt. Die ganze Nacht. Ich habe die Nachricht immer wieder gelesen.“

Weißt du was? Wir packen jetzt deine Sachen zusammen und ich bringe dich erst einmal zu mir. In meiner Wohnung bist du in Sicherheit! Und hier werde ich noch jemanden von der Spurensicherung vorbei schicken. Der kann sich einmal in Ruhe umsehen. Und sollte Willi wirklich nicht mehr auftauchen, dann gebe ich eigenhändig `ne Vermisstenmeldung raus. Mit oder ohne Gereons Zustimmung!“

Das ist wirklich lieb von dir gemeint Julia“, erwiderte Bernadette. „Aber ich bin schon groß und kann auf mich selbst aufpassen. Außerdem lasse ich mich nicht gerne von irgendwo vertreiben, von niemandem! Und da ich das Hotel für eine Woche im Voraus bezahlt habe, gedenke ich auch hier zu bleiben.“

Aber Bernadette, ich meine es doch nur gut mit dir!“ Julia war wirklich besorgt.

Das weiß ich doch. Ich würde nur gern noch ein wenig hier bleiben. Vielleicht tut sich ja noch etwas?“

War dir das denn heute noch nicht genug?“

Doch schon, das war es wirklich. Aber was ist mit der Uni? Wir wollten doch…“

Du bist wirklich erstaunlich“, sagte Julia und blickte auf ihre Armbanduhr. „Mal sehen, es ist jetzt gleich halb elf. Und bis wir endlich gefrühstückt haben…, ich glaube daraus wird heute nichts mehr. Du hast ja gehört, was Gereon gesagt hat. Nach dem Mittagessen will er mich in seinem Büro sehen!“

Auch gut, dann fahre ich eben allein zum Unigelände. Mit den Studenten kann ich auch ohne dich sprechen.“

Julia warf ihr einen finsteren Blick zu.

Und die Warnung lässt du ganz außer Acht, was?“

Ich bin doch kein Angsthase. Außerdem hat Gereon doch gerade gesagt, dass sie gar nicht existiert.“

Das hat er nicht. Er hat lediglich nach Beweisen gefragt und die gibt es nun einmal tatsächlich nicht, bis auf deine Aussage natürlich.“

Aber die reicht dir nicht, oder?“ Bernadettes Stimme klang frostig. Sie hatte zu ihrer alten Stärke zurückgefunden. Julia bemerkte ihren Stimmungswechsel sofort.

Oh doch, die reicht mir. Komm jetzt, lass uns frühstücken gehen.“



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