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Unser Mitmachkrimi "Abwege" Kapitel 18

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petersplitt

vor 7 Monaten

Plauderecke

Hallo, Ihr Lieben: Hier kommt das Kapitel 18. Diesmal besuchen wir Günter im Polizeiarchiv...

Viel Spaß beim Lesen...


ACHTZEHNTES KAPITEL

Nach der Mittagspause wartete Günter mit einer Überraschung auf. Es war gerade kurz nach zwei, als er Julia zu sich hinunter ins Archiv bat. Die junge Polizistin ließ alles stehen und liegen und beeilte sich. Sie nahm zwei Stufen auf einmal, Kriminalrat Sengel kam ihr entgegen…und drückte sich erschrocken gegen die Wand, als Julia wie vom Blitz getroffen an ihm vorbeisauste.

Hey, nun aber mal schön langsam, junge Dame. Wo soll es denn so schnell hingehen?“

Oh sorry Chef, war keine Absicht“, sagte Julia schnaufend. „Ich muss dringend ins Archiv, die Arbeit ruft.“

Sengel sah ihr nach und lächelte. „Wow, von dir hätte ich gerne noch ein Paar mehr hier“, sagte er, doch Julia bekam das Kompliment nicht mehr mit. Sie war schon im Erdgeschoss und auf dem Weg nach ganz unten. Das Polizeiarchiv befand sich im Keller des Gebäudes. Günter war erfreut sie zu sehen.

Hi Julchen, Kaffee?“ fragte er väterlich.

Gern, aber spann mich nicht länger auf die Folter. Nach deinem Anruf bin ich hier im Sturzflug runter gebraust. Dabei hätte ich beinahe noch unseren Polizeichef umgenietet.“ Günter lachte. „Na wenigstens lohnt es sich!“, versprach er, ging zu der kleinen Kaffeemaschine, die auf einem Ablagewagen stand und ließ zwei Tassen volllaufen. Eine davon stellte er seiner Kollegin auf den Tisch.

Ich hab sie gefunden Julia!“

Was?“

Günter nippte an seiner Tasse. „Na die fehlenden Seiten!“

Machst Du Scherze?“ Julia sah ihn ungläubig an.

Nein, sollte ich?“ Günter schenkte ihr ein breites Grinsen. „Hinter der Registratur befindet sich doch dieser kleine Raum mit den Metallschränken.“

Ja und?“

Die Schränke sind vollgestopft mit alten Kassetten, Dokumenten und eben auch Aufnahmen. Und da habe ich das gefunden, wonach ich suchen sollte.“

Julia riss die Augen auf. Ihre Hände zitterten und der Kaffee schlabberte auf ihre hellblaue Bluse. Sie wusste nicht was sie zuerst tun sollte. Fluchen oder jauchzen. Mit einer legeren Handbewegung wischte sie sich über die Bluse. Danach war sie ganz Ohr für Günters grandiose Neuigkeit.

Was für ein Glück Günter! Ist das wirklich wahr?“

Ich erzähl zwar gerne Witze, aber nicht solche. Ich habe schon alles digitalisiert! Möchtest du es sehen?“

Was für eine Frage!“

Günter holte einen zweiten Stuhl und die beiden setzten sich an seinen Schreibtisch. Julia starrte gebannt auf den Bildschirm seines Computers und staunte nicht schlecht. Das Vernehmungsprotokoll erschien. Ungeduldig scrollte sie sich durch den Text. Den Anfang hatte sie bereits gelesen, aber da waren sie, die fehlenden Seiten.

Kannst du mir die Seiten ausdrucken?“ fragte sie.

Schon geschehen, guck mal was da liegt!“ Er deutet auf einen kleinen Beistelltisch, wo sich unter anderem sein Drucker befand.

Ausgedruckt, sortiert und gelocht. Fertig to go....!“

Julia umarmte ihn. „Du bist ein wahres Genie Günter. Wenn du wüsstest, wie sehr du mir damit hilfst, aber jetzt muss ich wieder nach oben. Vielen Dank für Alles, den Kaffee eingeschlossen, ich schulde dir was…“

Gern geschehen, schade, dass du schon gehen musst. Ich bin froh, wenn sich hier unten mal etwas tut. Auf Dauer kann es hier im Archiv ganz schön einsam sein.“

Das kann ich nachvollziehen Günter. Wenn es nach mir ginge…“

Ist schon gut Julchen. So schlimm ist es hier unten nun auch wieder nicht. Komm einfach ab und zu mal auf ´nen Kaffee vorbei und dann geht’s.“

Diesmal nahm Julia den Aufzug, fuhr hinauf in die zweite Etage und ging in ihr Büro. Gereon glänzte mal wieder durch Abwesenheit, was ihr sehr gelegen kam. Auf ihrem Schreibtisch lag eine Liste. Julia setzte sich, legte Günters Blätter bei Seite und sah sich die Liste genauer an. Es war eine Namensliste. Einige davon waren rot angestrichen. Horst Schürmann, David Karsch, Günter Mäurer, Hartmut Fleißig, Sabine Hartmann und Diana Meyfarth. Julia überlegte, dann fiel es ihr auf. Ließ man die beiden Mädchen außen vor, dann hatte man: Horst Schürmann - Anwalt. David Karsch – Bankier, Günter Mäurer - Schönheitschirurg und Hartmut Fleißig - Börsenmakler. Diese fünf Personen besaßen angesehene und gutbezahlte Jobs. Mit ein wenig Fantasie konnte man sie sogar zu der High Society zählen. Machte man allerdings eine Negativrechnung auf, dann war Schürmann ein zwielichtiger Anwalt, Karsch vergab faule Kredite, Mäurer verpflanzte Billigimplantate und Fleißig manipulierte den Handel mit Derivaten ausländischer Banken. Bingo, genauso wird ein Schuh draus, dachte Julia. Eine feine Gesellschaft von Vermissten ist das. Nur was haben die beiden Frauen damit zu tun?

Julia legte die Liste beiseite, griff stattdessen zu den Blättern, die Günter ihr ausgedruckt hatte, Dazu legte sie ihre Beine auf den Schreibtisch und machte es sich bequem, so wie sie es immer tat, wenn Gereon nicht im Büro war.

Bei den ausgedruckten Seiten handelte es sich tatsächlich um jene, die ihm Originalprotokoll fehlten. Julia lass sich den Text durch. Auf den Seiten drei und vier befand sich Schuberts ausführliche Begründung, warum er die Morde begangen hatte. Er sprach vom verlängerten Arm Gottes und dass er diejenigen bestrafen musste, die von keinem irdischen Gericht belangt werden konnten, sei es aus Mangel an Beweisen, aufgrund von Verfahrensfehlern, oder weil sie irgendein Winkeladvokat herausgeboxt hatte. Dabei muss sich Schubert regelrecht in seine Aufgabe als göttlicher Richter, wie er sich selbst nannte, hineingesteigert haben. Als Julia Schuberts Aussagen gelesen hatte, blieb sie still auf ihrem Stuhl sitzen und dachte nach. Dabei kam ihr die Theorie von dem Nachahmungstäter wieder in den Sinn. Möglicherweise lag sie gar nicht so falsch mit ihrer Vermutung. Bloß wer wollte unbedingt verhindern, dass jemand das komplette Vernehmungsprotokoll von Schubert zu sehen bekam? Einen Moment später kam ihr noch eine zweite Frage in den Sinn: Wer war überhaupt dazu in der Lage?

Sie rätselte noch einen Moment vor sich hin, als die Bürotür aufging und Gereon den Raum betrat. Julia erschrak und schaffte es nicht mehr rechtzeitig ihre Füße von der Schreibtischoberfläche zu ziehen. Gereon bekam einen Tobsuchtsanfall.

Du glaubst wohl, du bist hier in einem Erholungsheim, was!“

Julia nahm ihre Füße vom Tisch, doch Gereon hatte schon das nächste Übel ausgemacht. Er deutete auf ihre Bluse mit den Resten von Günters Kaffee.

Wie siehst du eigentlich aus? Wir haben hier Publikumsverkehr! Was sollen denn die Leute von uns denken? Das wir in einem Dreckstall arbeiten?“

Julia kämpfte gegen Wut und Tränen an. Das hatte sie nicht verdient. Ohne ein Wort zu sagen, stand sie auf und rannte aus dem Büro. Gereon konnte so verdammt gemein sein. Ständig war sie der Blitzableiter für seine Launen. Unterwegs auf dem Flur fing sie sich allerdings sofort wieder. Ich muss dringend mit Bernadette sprechen. Endlich gibt es neue Erkenntnisse. Sie griff zu ihrem Handy und wählte Bernadettes Nummer. Es meldete sich nur die Mailbox.

Wo steckt sie denn wieder?“ fragte sie sich und versuchte es ein zweites Mal. Jetzt meldete sich ihre Stimme. Bernadette hörte sich etwas gereizt an.

Hallo? Ach du bist es Julia. Ich war gerade im Bad. Diese Badewanne ist einfach umwerfend!“

Julia konnte sie sich leibhaftig vorstellen, wie Bernadette Stunde um Stunde in der Wanne lag. „Es gibt Arbeit“, sagte sie. „Ich habe neue Erkenntnisse!“

Bernadettes Stimme veränderte sich auf der Stelle. „Ist das wahr Julia? Dann treffen wir uns nachher in Mannis Rästaurang? Wann machst du Feierabend?“

Jetzt sofort. Für heute reicht es mir!“

Was ist denn los?“

Erzähle ich dir später.“

Oh....okay, ich ziehe mich schnell an und fahre dann los.“

Abgemacht Bernadette, bis gleich.“

Um halb fünf wirkte Mannis Rästaurang noch wie ausgestorben. Bernadette, die als erste eintraf, setzte sich an jenen kleinen Tisch, an dem sie bereits vor ein paar Tagen gesessen hatte. Sie nickte Manni freundlich zu. Der ließ seine Gläser stehen und kam an ihren Tisch.

Nanu schöne Frau, heute mal ganz alleine hier?“ scherzte er.

Hallo Manni“, grüßte sie zurück. „Ich warte auf Julia. Sie müsste eigentlich jeden Augenblick kommen.“

Na dann ist ja gut. Ich zapf schon mal ein weiteres Kölsch.“ Er wollte sich von ihr abwenden, doch im gehen schien ihm noch etwas einzufallen.

Sag mal, hast du eigentlich Rita erreichen können?“

Bernadette dachte an die überraschende Begegnung mit Mannis Aushilfe in ihrem Hotel. „Ja, aber nicht so wie Du denkst“, gab sie zur Antwort. Manni verstand nicht, was sie meinte.

Äh…dann ist ja gut“, sagte er. „Ansonsten wird sie heute Abend sowieso hier sein. Ich erwarte viele Gäste wegen des Fußballspiels.“

Bernadette wollte etwas erwidern, als sie Julia die Tür hereinkommen sah.

Ah du bist schon da?“, grüßte Julia und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Gleichzeitig drückte sie Manni an sich.

Ja, ja! Ich mach ja schon“, grüßte der freundlich zurück. „Das Bier ist schon so gut wie unterwegs.“

Julia setzte sich Bernadette gegenüber. Die spürte die innere Unruhe der jungen Polizistin.

Also los, dann erzähl schon, was hast du ausgegraben?“

Julia lachte. „Das kann man tatsächlich so nennen, nur das ich es nicht wahr, der gegraben hat, sondern mein Kollege Günter.“

Der aus dem Archiv?“

Ja, genau der. Stell dir vor, er hat doch tatsächlich die fehlenden Protokollseiten gefunden.“

Was? Ist nicht wahr!“ Bernadette zog die Augenbrauen hoch. „Und? Hat es sich gelohnt? Was steht denn drin?“

Detaillierte Aussagen des Serienmörders Schubert zu seinen Verbrechen vor fünfzehn Jahren!“

Und?“

Anscheinend hat Schubert aus weltfremden Motiven gehandelt.“

Wie bitte?“ Bernadette verstand nicht was sie meinte.

Der Typ muss sich für eine Art Vollstrecker Gottes gehalten haben. Jedenfalls hat er nur Personen umgebracht, die mächtig was auf dem Kerbholz hatten. Und jetzt kommt`s: Sie alle konnten für ihre Taten gerichtlich nicht mehr belangt werden.“

Ein waschechter Held, was?“

So ähnlich und wen wundert`s da, dass dieser Schubert noch bis heute seine Bewunderer hat. Im Internet existiert sogar noch eine Fanseite von ihm.“

Ich glaub´s ja nicht“, sagte Bernadette. „Und somit hätten wir auch Futter für deine Theorie, dass hier und heute ein Nachahmungstäter am Werk sein könnte?“

Julia wusste, worauf Bernadette hinaus wollte. Genau darüber hatte sie vorhin nachgedacht. Manni kam zu ihnen herüber und stellte zwei Gläser mit Kölsch auf ihren Tisch. Als er wieder gegangen war sagte sie: „Ich frage mich nur, warum versucht jemand diese Information zu verheimlichen? Ich meine, es ist wirklich nicht einfach, Seiten eines Vernehmungsprotokolls aus einem Polizeiarchiv verschwinden zu lassen!“

Bernadette griff nach ihrem Glas. „Vielleicht sind sie ganz einfach verlorengegangen?“

Was? Erzähl das mal dem Günter. In seinem Archiv geht nichts verloren. Aber da ist noch etwas. Führe dir Mal die Namen unserer vermissten Personen vor Augen. Wenn wir deine Schwester und die Hartmann außen vor lassen, dann haben wir es mit vier Herren aus der High Society zu tun.“

Bernadette sah Julia verblüfft an.

Ja und?“ fragte sie.

Ich habe ihre Namen durch den Computer laufen lassen. Sie alle sind nicht ganz koscher, wenn du verstehst was ich damit sagen will. Es gab Strafanzeigen, die abgeschmettert wurden und Gerüchte, haufenweise Gerüchte. Den Anwalt Horst Schürmann kenne ich sogar persönlich. Das heißt, ich kannte ihn. Der war aalglatt, das kann ich dir sagen.“

Momentmal! Also einmal angenommen, du hast Recht Julia. Was haben dann Diana und Sabine mit denen zu schaffen?“

Genau das frage ich mich auch schon die ganze Zeit. Die einzige Erklärung, die ich dafür habe, sind die Sexpartys. Von Schürmann weiß ich zufällig, dass er solche Veranstaltungen liebte. Naja und nachdem was wir über Diana und Sabine in Erfahrung gebracht haben…ohm tut mir leid, aber es könnte doch sein, dass sie diese Männer auf solchen Partys kennengelernt haben?“

Bernadette sagt eine Zeitlang kein Wort. Sie saß nur da und schwieg. Dann trank sie ihr Glas mit einem Zug leer.

Ich werde es herausfinden“, rief sie plötzlich. Ich werde verdammt noch mal herausfinden, was dieses Schwein meiner Schwester angetan hat.“

Manni drehte sich zu ihr um. „Uhi…Du hast aber ein Temperament!“ Er wollte noch etwas sagen, als die Tür aufging und eine Horde FC-Anhänger in roten und weißen Trikots das Lokal betraten.

Ole, ole ole ole“, grölten sie und strömten an den Tresen. Dort nahmen sie Manni voll in Beschlag, was eine weitere Unterhaltung mit den beiden Frauen unmöglich machte.

Lass uns hier verduften, das Lokal wird gleich brechend voll sein”, meinte Julia. Wie recht sie damit hatte, zeigten die folgenden Minuten. Immer mehr Fans drängten sich durch den Eingang. Julia gab Manni ein Zeichen, der nickte und schrieb etwas auf einen Deckel. Dann forderte sie Bernadette mit einem Stupser auf, mit ihr nach draußen zu gehen. In der Tür wären sie beinahe noch mit Rita zusammengestoßen. Bernadette blickte ihr nach und sah, wie sie mit ihrer Handtasche auf Mannis Theke zusteuerte, dann aber hinter einer Tür mit der Aufschrift Privat verschwand. Kurz darauf war sie wieder da und begann sich um die Bestellungen der Gäste zu kümmern.

Lass uns einfach noch woanders hingehen“, sagte Julia. „Ich kenne einen guten Jazzclub in der Altstadt. Dort treten abends immer Live Bands auf.“

Sie bemerkte Bernadettes Zögern.

Ach nun komm schon. Ein bisschen Abwechslung kann nun wirklich nicht schaden. So jung kommen wir nicht mehr zusammen.“

Und Bernadette ließ sich überreden.


Frage 1: Jemand hat mir als Titel für unsere Geschichte „Abgründe“ vorgeschlagen. Gefällt mir auch sehr gut. Was meint Ihr? Sollen wir es bei „Abwege“ belassen, oder lieber „Abgründe“ nehmen?


Frage 2: Soll der Name "Sengel" für den Herrn Kriminalrat bleiben? Oder habt Ihr einen besseren Vorschlag?


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