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Unser Mitmachkrimi, Teil 2 von Kapitel 7

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petersplitt

vor 7 Monaten

Plauderecke


Hier kommt der zweite Teil von Kapitel 7. Viel Spaß beim lesen. Gerne nehme ich wieder Eure Anregungen und Kritiken entgegen.



Aber Diana hatte keinen Unfall gehabt, und sie war schon gar nicht tot. Sie befand sich ganz hier in der Nähe. Ihr wurde schwindelig, sie rappelte sich jedoch wieder auf und versuchte nicht auf das Getuschel der Passanten zu hören, die stehenblieben, und sie mitleidig anstarrten. Ohne auf den Verkehr zu achten, überquerte sie die Straße. Autofahrer hupten, manche fluchten. Ein Jugendlicher auf einem Motorroller, in den sie beinahe gelaufen wäre, zeigte ihr den Mittelfinger. Plötzlich war jemand an ihrer Seite und berührte ihren Arm. Die blauen Augen einer blonden jungen Frau blickten sie besorgt an.

Was ist denn los mit dir?“, fragte Julia und schob sie sanft zur Seite, um sicherzustellen, dass sie nicht wieder auf die B-51 laufen konnte.

Ich bin nicht verrückt, wenn du das meinst“, sagte Bernadette.

Davon gehe ich aus, aber so wie du davon gerannt bist…, ich habe mir wirklich Sorgen gemacht. Hast du sie wenigstens gefunden?“

Wen?“

Na Diana!““

Also hast du sie auch gesehen?“

Nein, ich habe niemanden gesehen. Ich habe nur mein Bier getrunken und versucht mich mit dir zu unterhalten. Dann bist du plötzlich wie von der Tarantel gestochen aufgesprungen und zur Tür gestürzt, hast Diana geschrien und bist auf die Straße gerannt.“

Und du bist mir gefolgt?“

Das hatte ich zumindest vor, aber du…“

Und warum bist du mir gefolgt?“

Weil Du deine Sachen liegen gelassen und ausgesehen hast, als sei der Leibhaftige hinter dir her gewesen.“

Bernadette zuckte mit den Schultern. „Vielleicht war er es so, oder ich leide schon unter Halluzinationen. Außerdem habe ich einen tierischen Hunger“, entgegnete sie verzweifelt. Sie wusste, dass sie Julia eine Antwort schuldig war.

Deinem Hunger können wir schnell Abhilfe schaffen. Ich kenne ein erstklassiges Lokal ganz hier in der Nähe.“

Bernadette überlegte nicht zweimal. Sie war den ganzen Tag unterwegs gewesen, fühlte sich furchtbar müde und erschöpft. Aber sie hatte Hunger wie ein Pferd.

Also gut, lass uns gehen.“

Kurze Zeit später saßen sie sich im Al Capriccio, nur zwei Häuserblocks entfernt gegenüber. Bernadett hatte sich auf der Damentoilette frisch gemacht und studierte die Speisekarte. Julia beobachtete sie dabei und tat selbst so, als könne sie sich nicht richtig entscheiden.

Und? Hast du was gefunden?“ fragte sie.

Bernadette zuckte mit den Schultern. „Ach, ich weiß nicht genau. Die ganze Aufregung von heute ist mir irgendwie auf den Magen geschlagen. Zuerst hatte ich einen riesigen Kohldampf und jetzt habe ich eigentlich überhaupt keinen Appetit mehr. Was nimmst du denn?“ Sie klappte die Karte zusammen und legte sie beiseite.

Also ich würde ja am liebsten mal wieder Muscheln essen, aber beim letzten Mal, als ich welche gegessen habe, ist mir schlecht geworden.“

Bernadette musste lachen. „Wenn dir davon schlecht wir, warum isst du sie dann immer wieder?“

Weil ich sie liebe. Und jedes Mal denke ich: Heute wird mir davon bestimmt nicht schlecht.“ Sie grinste. „Weißt du, es gibt eben nichts Besseres als frische Muscheln. Dazu einen Salat und einen guten Wein. Apropos Wein. Magst du auch einen?“

Bernadettes Blick signalisierte Zustimmung. Sie studierte die Weinkarte. Da kam auch schon die Kellnerin an ihren Tisch.

Was darf ich Ihnen bringen?“

Okay, ich habe mich gerade selbst überredet. Ich nehme die Muscheln, einen gemischten Salat mit Brot und einen lieblichen Rotwein“, sagte Julia.

Die Kellnerin notierte ihren Wunsch.

Für mich dasselbe, nur ohne die Muscheln“, entschied Bernadette schnell.

Wie? Nur Wein und Salat? Ich kann ihnen die Cannelloni empfehlen“, sagte die Kellnerin.

Bernadette überlegte einen Augenblick.

Also gut, dann nehme ich die.“

Wieder schrieb die Kellnerin etwas auf ihren Zettel.

Mit Hackfleisch oder Ricotta Füllung?“

Ricotta, bitte.“

Prima, ich bin gleich zurück.“ Dabei stellte sie vorab zwei leere Weingläser auf den Tisch.

Eigentlich bin ich nicht gerade scharf auf Cannelloni“, sagte Bernadette, als die Bedienung in Richtung Küche verschwunden war.

Ach was, die sind bestimmt gut. Alles was sie hier servieren ist normalerweise ausgezeichnet.“

Du gehst wohl öfters aus Essen?“ fragte Bernadette. Julia zuckte mit den Achseln. „Naja, ich bin Single.“

Was? Ah, ich verstehe.“

Und wie sieht es bei dir aus?“

Früher schon. Zusammen mit Diana, als sie noch in der Eifel wohnte.“ Sie schluckte. „Oder wenn mich Stefan irgendwohin ausführt.“

Sie lächelte nervös. „Stefan ist mein Ex-Freund, aber wir wohnen noch zusammen. Ist irgendwie `ne komische Geschichte, aber so ganz komme ich nicht von ihm los.“

Julia sah wie Bernadettes Augen feucht wurden und hätte am liebsten etwas passendes gesagt, doch die Kellnerin kam zurück und brachte eine Karaffe mit Wein.

Einen kleinen Moment noch. Die Salate kommen gleich.“ Schon war sie wieder weg. Bernadette sah Julia an. „Bist du dir mit den Muscheln auch wirklich sicher? Was, wenn dir wieder schlecht wird?“ fragte sie. Julia grinste.

Dann verschwinde ich eben schnell auf die Toilette und danach geht es mir wieder gut.“

Bernadette schüttelte den Kopf. „Ich an deiner Stelle wäre da etwas vorsichtiger.“

So wie du, was?“

Bernadette stützte ihren Ellbogen auf den Tisch und blickte Julia noch intensiver an. Ihr Lachen war verschwunden.

Diana macht mir Sorgen. Ich kann einfach nicht begreifen, warum sie so mir nichts dir nichts verschwunden ist.“

Julia wollte etwas erwidern, aber die Kellnerin kam und brachte die Salate.

Entschuldigung, aber in der Küche ist plötzlich der Teufel los. Habe ich noch etwas vergessen?“

Die beiden Frauen schüttelten ihre Köpfe. Die Kellnerin füllte ihre Gläser bis zur Hälfte.

Ich hoffe, der Wein schmeckt Ihnen. Bitte melden Sie sich einfach, wenn Sie etwas benötigen.“ Julia nickte bestätigend und wandte sich wieder Bernadette zu.

Vorhin, als du so down warst, wollte ich dich nur trösten, aber in Wahrheit kommt es mir auch irgendwie seltsam vor, dass in letzter Zeit so viele Personen in Köln verschwinden.“ Sie biss sich auf die Zunge. „Oh, Entschuldigung. Das wollte ich gar nicht sagen. Dumm von mir, das Thema überhaupt anzusprechen.“

Sie saßen eine Weile zusammen, stocherten in ihren Salaten herum, und sprachen kein Wort. Bis…

Julia, ich…“

Ist schon in Ordnung, Bernadette. Du musst wirklich nicht darüber sprechen.“

Aber Diana, ich meine, ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie draußen auf dem Fühlinger See war....“

Aber was ist mit dem Mantel und der Handtasche, die wir am Seeufer gefunden haben und jetzt soll sie auch noch hier aufgetaucht sein. Mitten in Köln?“

Bernadettes Gesicht wurde zu einer steinernen Maske.

Ich habe sie gesehen!“

Und hat sie dich auch gesehen? Ich meine, hat sie mit dir gesprochen?“

Leider nein. Als ich auf der Straße ankam, war sie bereits in der Menschenmenge verschwunden.“

Bernadette stand ohne Vorwarnung auf und eilte zur Toilette. Als sie wieder kam bemerkte Julia, dass sie geweint hatte. Die Kellnerin kam und stellte lächelnd das Essen auf den Tisch.

Cannelloni und eine Portion Muscheln, wohl bekommt´s“, sagte sie und verschwand.

Bernadette blickte Julia vorsichtig an. „ Guten Appetit“, sagte sie.

Schweigend begannen sie zu essen.

Wie ist deine Pasta?“ erkundigte sich Julia nach einer Weile.

Danke, gut. Der Hunger treibt es hinein!“

Wieder aßen sie schweigend. Schließlich hielt es Bernadette nicht mehr aus.

Es ist nicht so, wie du denkst“, sagte sie nach einer längeren Pause. Ich bin nicht verrückt. Ich habe sie wirklich gesehen.

Ich hab doch gar nichts gedacht!“

Doch, hast du wohl. Du hast gedacht, ich spinne!“

Ach was! Es geht mich ja auch nichts an, verstehst du?“

Bernadette trommelte mit ihren Fingern auf der Tischplatte. „Kannst Du mir nicht erklären, was das alles zu bedeuten hat?“

Julia ließ ihre Frage unbeantwortet und widmete sich den Muscheln. Vorsichtig öffnete sie die schwarze Schale und sog das helle Fleisch in sich ein. Dann nahm sie eine der beiden Muschelhälften, riss sie von der anderen ab und besaß somit eine kleine Schaufel um das weitere Muschelfleisch aus der harten Schale zu entfernen.

Die Muscheln waren hervorragend.

Wir sollten wirklich keine Probleme herbeireden“, sagte sie und prostete Bernadette zu.

Das hat meine Mutter auch immer gesagt. Gott sei ihrer Seele gnädig.“

Bernadette trank einen Schluck Wein und beobachtete Julia dabei, wie sie das Muschelfleisch verschlang.

Julia, ich hoffe, Du weißt was du da tust. Geht es dir gut?“

Sehr gut, Bernadette. Wirklich sehr gut.“ Sie kaute, was das Zeug hielt.

Kann ich Ihnen noch etwas bringen?“ Sonja war wieder aufgetaucht.

Kaffee vielleicht, oder einen Dessert?“

Möchtest Du, Bernadette?“

Sie schüttelte den Kopf. „Für mich nicht mehr, danke.“

Dann bringen Sie uns bitte die Rechnung, Sonja.“

Die Kellnerin notierte rasch, was sie verzehrt hatten und addierte den Betrag.

Julia bezahlte und gab ihr ein kräftiges Trinkgeld.

Vielen Dank. Ich hoffe Sie beehren uns bald wieder“, sagte sie Kellnerin und hielt den beiden Frauen die Tür auf.

Worauf Sie sich verlassen können“, entgegnete Julia und zwinkerte ihr mit einem Auge zu. Noch während sie um den ersten Häuserblock gingen, donnerte es und über den Ausläufern der Stadt zuckten die ersten Blitze. Sie blickten beide zum Himmel und berechneten im Geiste, wann der Regen losbrechen würde.

Hör zu, es tut mir leid“, sagte Julia als sie vor dem Eingang des Petit Colonia standen. „Ich hab mehr Fragen gestellt, als mir zusteht. Es geht mich ja wirklich nichts an.“

Bernadette wollte etwas erwidern und sich von ihr verabschieden, da fiel ihr noch etwas ein.

Er hat sie auch gesehen, er muss sie kennen!“ rief sie mit lauter Stimme. Julia sah sie verwundert an. „Von wem sprichst du überhaupt?“

Na von dem Wirt in der Kneipe! Ich erinnere mich, dass er sie gegrüßt hat.“

Bist du dir da ganz sicher?“

Natürlich. Ich hab es ganz deutlich gesehen.“

Na dann nichts wie hin. Die Kneipe hat sicher noch geöffnet. Fragen wir ihn doch selbst.“ Julia packte sie am Arm und zog sie mit sich.

Manni, der Wirt vom Balthasar war dabei seine Schankstube aufräumen. Er wunderte sich nicht schlecht über die beiden Besucherinnen, die er bereits am frühen Abend schon einmal bedient hatte. Noch mehr war er überrascht, als ihn Bernadette nach der Dame fragte, die sie vor dem Fenster gesehen haben will.

Und dafür seid ihr extra hergekommen“? fragte er verwundert. „Das ist Rita. Sie hilft manchmal hier aus. Hat sie irgendetwas angestellt?“

Nein, das nicht. Aber sind Sie sicher, dass sie Rita heißt und nicht Diana?“

Manni verzog das Gesicht. „Ich kenne sie nur als Rita Schäfer und kann mir beim besten Willen auch keinen Grund vorstellen, warum Sie mir ihren wahren Namen verschwiegen haben sollte. Sicher verwechseln Sie Rita mit einer anderen Person!“

Bernadette war völlig durcheinander. Sie konnte kaum noch an sich halten.

Ich weiß nicht…ich bin mir nicht sicher“, stammelte sie. Julia beobachtete das Häufchen Elend an ihrer Seite. Sie wandte sich an den Wirt: „Hat diese Rita vielleicht eine Adresse, oder hast du eine Idee, wo wir sie finden können?“

Der Wirt zuckte mit den Schultern. „Da müsste ich nachsehen. Ich bin mir sicher, dass ich irgendwo ihre Telefonnummer notiert habe. Obwohl, wenn ich es mir recht überlege, sie kommt wenigstens einmal pro Woche her und fragt nach, ob sie aushelfen kann.“

Julia schob Bernadette zum Ausgang. Bevor sie ging, wandte sie sich noch einmal an den Wirt: „War ein langer Tag heute, vielen Dank für die Auskunft, Manni. Ich glaube ich bringe meine Begleiterin jetzt lieber ganz schnell zurück zu ihrem Hotel. Ich schau dann in den nächsten Tagen nochmal vorbei.“

Ja, tu das, Julia. Du kennst ja meine Öffnungszeiten. Macht`s gut ihr zwei.“

Manni knipste das Licht aus und Julia brachte Bernadette zurück zum Petit Colonia. Es war schon weit nach halb zwölf, als letztgenannte hinauf auf ihr Zimmer schlich, die Tür öffnete, ihre Schuhe abstreifte, die Handtasche aufs Bett warf, die Zimmertür von innen zusperrte und den Teller mit dem Käsebrötchen auf ihrer Nachtkonsole fand. Sie grinste. „Der gute Willi glaubt wohl, ich hätte immer noch Kohldampf“, murmelte sie zu sich selbst. Dann ging sie ins Bad, zog sich aus, putzte sich die Zähne und kletterte in das fast schon antike Bett. Wieder quietschte der Rahmen.

Gute Nacht, du halber Hahn“, sagte sie zu dem Brötchen, lächelte, drehte sich auf die Seite und schlief sofort ein.


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