Vom Wert der Bücher - ein sentimentaler Erfahrungsbericht

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Widmar-Puhl

vor 6 Monaten

Die Wiedervereinigung Deutschlands hatte eine unerwartete Folge: im Leseland DDR, wo Autoren und Bücher bis zur Wende Gegenstand großer Wertschätzung waren, konnte man Tausende von Klassikern der Weltliteratur in Leinen gebunden auf Müllkippen finden. Den Lesern galt die Eigenproduktion aus DDR-Verlagen plötzlich nichts mehr. Stattdessen waren Pornos und Computer-Fachbücher die Renner im Buchhandel. Seit einiger Zeit findet ein ähnlich rabiater Umbruch bei der Bewertung des gedruckten Buches statt. Die Facebook-Generation will Texte für den Tablet-PC und Wegwerfliteratur. Schöne und vor allem alte Bücher aber finden kaum noch Käufer.
Bei der Vorbereitung unseres Umzugs habe ich eine schmerzhafte Erfahrung gemacht. Wir zogen aus einem Reihenhaus in eine seniorengerechte Dreizimmerwohnung und müssen uns verkleinern. Und da sich in einem Kritiker- und Autorenhaushalt so einiges an Büchern ansammelt, mussten wir auch Teile unserer geliebten Bibliothek ausmustern. Lange habe ich Rezensionen und Essays über Science Fiction und über den Praktischen Nutzen von Utopien zwischen Phantasie und Wissenschaft geschrieben. Die Bücher, die ich zu diesem Zweck mit Anmerkungen und Unterstreichungen vollgekritzelt hatte, kamen zuerst dran: Man muss sich auch trennen können. Bleiben durften nur einige Werke mit Widmungen von Autoren, die ich besonders schätze und persönlich kennen lernen durfte. Bis auf Stanislaw Lem, die umwelt- und Sozialutopien von Bruce Sterling und die Romane von William Gibson, der zu den Erfindern des Cyberspace gehört, flog alles raus. Bücher mit allzu vielen Spuren intensiver Bearbeitung sind unverkäuflich, klar wie Kloßbrühe.

Andere Bücher sollten helfen, wenigstens einen Teil der Umzugskosten zu decken. Vor zehn Jahren hatte uns ein Freund nicht ohne Stolz erzählt, nach dem Tod seines Vaters habe er die geerbten Bücher über ebay verkauft. Ein nützlicher Tipp, dachten wir, und fingen an, unsere wichtigsten Schätze zu fotografieren. Im Zeitalter von WIKIPEDIA kamen zuerst unsere großen Lexika auf die Liste der Trennungskandidaten: Der große Brockhaus, 24 in Kunstleder gebundene Bände mit Goldschnitt, der mich mehr als ein Monatsgehalt gekostet hatte, ging für 30 € weg. Meyers großes Konversationslexikon in 24 Bänden (Lederrücken, ebenfalls Goldprägung, viele prachtvolle farbige Kupferstiche) und Alexander von Humboldts Standardwerk „Der Kosmos“ aus dem Stuttgarter Cotta-Verlag brachte ich zu einem großen Antiquariat in der Innenstadt, denn bei ebay hatten die Angebote dafür 5 € nicht überstiegen. Ich dachte jetzt: da müssen Fachleute ran; Laien können den Wert solcher Sachen gar nicht einschätzen. Der Fachmann schätzte und erklärte, das Lexikon mit ein paar geringfügigen Gebrauchsspuren sei ebenso unverkäuflich wie der Aufklärer Humboldt – ganz gleich, ob der Verlag in Stuttgart sitze. Er müsse ständig ganze Nachlässe aufkaufen und habe schon Dutzende solcher Werke praktisch neuwertig in den Regalen stehen. Die seien hoffnungslos überfüllt, sagte er mit einem Achselzucken.

Na ja, dachte ich, wer so blöd ist, ganze Nachlässe aufzukaufen, ist sowieso kein Partner für mich. Man muss die Spreu vom Weizen trennen. Als ich meinen Rollkoffer voller Antiquitäten zurück in die Tiefgarage zog, schwante mir: die Sache würde arbeitsintensiv. Wir klapperten also systematisch führende Antiquariate und Auktionshäuser in ganz Deutschland ab – telefonisch, man hat ja eine Flatrate. Zehn Prozent der potenziellen Käufer zeigte echtes oder geheucheltes Interesse. Die bekamen E-Mails mit Fotos und genauen Beschreibungen des Zustandes und bibliographischen Angaben. Einige riefen daraufhin sogar zurück.

Die Frau eines Antiquitätenhändlers aus Baden-Württemberg meinte, vor allem zwei Werke
seien für ihren leider verreisten Mann sicher ein Schnäppchen: die gesammelten Werke eines gewissen August von Platen aus der Cotta´schen Bibliothek der Weltliteratur, und ein sehr gut erhaltenes, ledergebundenes Exemplar „Historische und kritische Nachrichten von dem Leben und den Schriften des Herrn von Voltaire und anderer Neuphilosophen unserer Zeit“, 1779 herausgegeben von Johann Christoph von Zabuesnig zu Augsburg. Dann gingen zwei Wochen ins Land, der Herr Gemahl kehrte zurück und ließ auf erneute Anfrage ausrichten, seine Frau habe die Sache falsch eingeschätzt, er bedauere: doch kein Interesse.
Und so ging es weiter. Ich erinnere mich noch lebhaft an ein langes Telefonat mit einem Antiquar aus der Universitätsstadt Erlangen, der mich gleich als Seelenverwandten akustisch an seine Brust drückte. Er könne sich vor wunderbar erhaltenen kostbaren Büchern aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert kaum retten, könne aber so gut wie nichts verkaufen. Derzeit treffe ein Überangebot auf schwindende Nachfrage. Die heute 30jährigen kaufen kaum noch Bücher. Die einzige Ausnahme: „Masse-Verkäufe“ über Agenten in Osteuropa. „Immer wieder ordern russische Oligarchen oder Mafiabosse vom Balkan eine antike Bücherwand für Büro, Wohnzimmer bzw. Salon oder Besprechungsraum“, sagte er. „Dann kommt es aber nur auf die Optik an. Hauptsache, die Bücher sind gleich hoch. Was drin steht, ist völlig egal. Das kann genauso gut Türkisch wie Deutsch oder Italienisch sein“. Einen Markt gebe es nur noch für Bücher prominenter Autorinnen und Autoren mit persönlicher Widmung, Unterschrift und Datum.

Sie sind doch Autor und Kritiker. Haben Sie nicht solche Sachen? Dafür würde ich sogar von Erlangen nach Stuttgart reisen“, sagte er. Dafür müsste ich aber die gewagte Widmung von Gioconda Belli in ihrem erotisch-historischen Roman „Das Manuskript der Verführung“ weggeben, nach dessen Besprechung mich die Dichterin auf beide Wangen geküsst hat. Oder den Essayband, in den mir Stanislaw Lem, Autor zahlloser technischer Utopien, nach seinem letzten großen Interview hineingeschrieben hat, wieso er keine Science-Fiction mehr schreibt, sondern nur noch Aufsätze über Technikfolgenabschätzung. Ausgeschlossen!
Der Erlanger Antiquar gab zu: „Das wäre barbarisch“.
Der Gute kannte auch jenen Erlanger Germanistikprofessor, der in Pension ging und seine ganze Bibliothek an die Studenten verschenkte. Der weitläufige Verwandte meiner Frau hatte vor gar nicht langer Zeit versucht, seine Bestände zu verkaufen, und sie schließlich auf Büchertischen im Foyer der Mensa gratis abgegeben. Mein Erlanger Antiquar: „Wer weiß, ob es unseren Laden noch gibt, wenn Sie in den Ruhestand gehen und Zeit haben, mich zu besuchen“. Er sehe ringsum ein großes Antiquariatssterben, denn fast niemand kaufe mehr alte Bücher. Vor allem habe niemand einen Sinn für das Buch als Kunstwerk, an dem Papierhersteller, Lederverarbeiter, Drucker und Grafiker – und manchmal sogar Autoren – jahrelang gearbeitet haben.
Lieber Bücher an echte Interessenten verschenken als sie für ein paar Euro Spekulanten in den Rachen zu werfen, dachte ich. Mit der Leiterin der örtlichen Bibliothek (eiuber nicht unbegbten Ffreizeit-Lyrikerin!) bin ich ganz gut bekannt, und sie zeigte sich entzückt bei der Aussicht auf geschenkte Bücher. Sie kam mit einem sportlichen Mini, drei Umzugskartons und einem Körbchen. Als ich versuchte, ihr besonderes Interesse auf eine Sammlung von Lyrik-Anthologien aus aller Welt zu lenken, meinte sie aber knapp: „Eskimo-Lyrik wird bei uns nicht so oft verlangt“. Mit wachsender Verzweiflung schob ich ihr „Die schönsten österreichischen Gedichte“ zu, aber sie winkte ab: „Ziegelsteine auch nicht“.

Als sie mir die „Menschheitsdämmerung“ zurückgab, jenes von Kurt Pinthus zur Weimarar Zeit herausgegebene Dokument expressionistischer Dichtung, wagte ich Widerspruch. Das sei doch Weltliteratur, und hat eine Bibliothek keinen Auftrag zur Volksbildung? Kann sie sich wirklich ausschließlich an der Nachfrage orientieren? Da wurde sie spitz: „Die Auswahl hier treffe ich“.

Die gesammelten Jahrgänge der historischen Dissidentenzeitschrift „KONTINENT fand sie zu speziell, aber immerhin nahm sie ein paar Bände Science Fiction mit. Ganz gern hätte sie auch meine alphabetisch geordnete Lyrik-Autorensammlung, die Romane, Erzählungen und Biographien gesichtet, aber die standen nicht zur Disposition. Die Krimis aber, beschlossen meine Frau und ich, gehen nach diesen Erfahrungen an Leute, die mit ihren Bildungslücken nicht auch noch angeben. Wir kennen welche.

Die Rosinenpickerei ging den ganzen August hindurch so weiter. Es war ein Monat der Hitze und der Demütigungen. Etwas Erholung fanden wir eine Woche lang auf der Datscha meines Schwagers bei Zwickau. Er bekam Meyers Konversationslexikon von 1906 umsonst. Der Sohn einer örtlichen Kollegin freut sich über die gesammelten Ausgaben von „Asterix und Obelix“, eine Freundin zeigte sich mit einigen Flaschen guter Weine für die luxuriösen Kunstbände erkenntlich: über die Sammlung Frieder Burda in Baden-Baden sowie einige große Ausstellungen von Dalí, Picasso und Christian Schad. Ihr Mann, ein Architekt, jubelte über vergriffene Kataloge von Otto Herbert Hajek. Früher schrieb ich öfter mal über Kunst, heute nur noch ganz selten. Also, was soll´s? Wir haben Freunde, Nachbarn und Kollegen gezielt angesprochen und ihnen Bücher geschenkt. Denn kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, und auch Kleinvieh macht am Ende ganz schön viel Mist.

Ich suche noch einen fanatischen Altphilologen, der Benselers Griechisch-Dutsches Lexikon von 1904 und das lateinisch-deutsche Handlexikon von Doktor G.H. Lünemann aus Göttingen haben möchte (gedruckt 1820 in Leipzig). Mit diesen Büchern ist gearbeitet worden, das sieht man den Ledereinbänden an. Nur Verrückte aber wissen das zu würdigen, fürchte ich. Inzwischen habe ich auch die Reste der Science-Fiction-Sammlung längst in der grünen Tonne entsorgt, denn die Regale mussten frei werden, bis der Möbelwagen kam. Die Zeitschrift „einundzwanzig“ bat für die Einrichtung der Redaktion um Spenden und bekam außer 10 Bänden Propyläen-Weltgschichte auch 30 Bände „Wörterbuch der deutschen Sprache“ von den Gebrüdern Grimm. So kann ich ein wenig dabei helfen, dass in Stuttgart auch zukünftig noch Geschichten entstehen, die gut geschrieben sind und nicht nur gut gemeint.

Und bevor mich jemand fragt: Ja, ich bin sicher, auch in Zukunft wird es noch Bücher geben. Aber es werden mehr Wegwerf-Bücher wie reine Unterhaltungsromane dabei sein, mehr Kultbücher für kleine Nischen wie Gedichtbände, Heimatgeschichte oder wissenschaftliche Publikationen. Die Privatbibliothek des deutschen Bildungsbürgertums stirbt aus, nicht zuletzt auch weil sich Bildung trotz gegenteiliger Behauptungen finanziell eben nicht lohnt. Bücherwände werden seltener und spezieller werden als bisher, und historische oder antike Bestände wird man bald fast nur noch als Dekoration finden.

Um das Überleben jener Literatur zu fördern, die nicht als Datei auf Tablet-PCs kommt und keinen Mainstream für den Massengeschmack bietet, habe ich dem Verband deutscher Schriftsteller (VS) vorschlagen, eine App für gute Literatur zum täglichen Gebrauch zu entwickeln – zum Beispiel Aphorismen und ein „Gedicht des Tages“. Antwort: „Wunderbare Idee, aber dafür haben wir keinen Sponsor.“ Wie Poetry Slams zeigen, geht Literatur längst auch andere Wege als den handelsüblichen Vertrieb des gedruckten Hardware-Buches. Für die übrigen Schätze der Buchkunst sollten wir schleunigst Museen einrichten (und museale Abteilungen in großen Häusern wie der neuen Stuttgarter Stadtbibliothek). Denn das Gutenberg-Museum in Mainz reicht beileibe nicht aus als Heimat für all die Schönheit, die ins Exil wird gehen müssen.

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