Wünsche allen ein Frohes Fest!

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jaromir

vor 3 Jahren

„Ich trink nur das eine!“, sagte Alfons. „Muss meiner Alten den Karpfen bringen. Sonst verdrischt sie mich wieder!“

„Du hast doch deinen freien Willen, Mann!“, sagte Pepa. „Von dem redest du ständig. Hau deiner Alten einfach aufs Maul, wenn sie dir wieder mal brutal kommt!“

„Sie ist stärker als ich“, sagte Alfons. „Ich bin durchs Denken geschwächt. Den freien Willen gibt’s sowieso nicht mehr! Den haben die Gehirnforscher abgeschafft. Sie haben gemessen, dass der Mensch handelt, bevor er denkt. Du bist nicht der Schmied deines Schicksals. Dein Leben ist eine irre Aneinanderkettung von unglücklichen Zufällen, die du dir in der Kneipe zu etwas Schönem dichten musst! Auch den Heiligen Abend vor einem Jahr habe ich bis ins Detail geplant: mit Ruhe und Friede und mit selbst gebranntem Sliwowitz am Abend und einem Karpfen im Bauch, nach dem es sich schön philosophieren lässt. Stattdessen hat’s Terror gegeben: 

Meine Alte hat mich gleich in der Früh zum Metzger geschickt, den Karpfen zu holen. Leider waren die frischen Karpfen bei unserem Metzger aus. Ich rufe meine Alte an, ob ich einen eingefrorenen Fisch bringen könnte, aber nein, sie will einen frischen. ‚Wir werden doch keinen Karpfen aus der Gefriertruhe essen!“, kreischte sie. „Warum hast du den Karpfen nicht früher gekauft? Den haben wir doch jedes Jahr ein paar Tage in der Badewanne.’

‚Weil ich meine Badewanne nicht mehr mit Fischen teilen will!’, sagte ich, hockte mich aufs Mofa und fuhr nach Ostrava. Saukalt! Ich hatte nur das Hemd unter dem Mantel, hab ja gedacht, dass ich gleich wieder heim bin. Genau hinter den Lücken zwischen den Knöpfen meines Mantels befanden sich aber auch die Lücken zwischen den Hemdenknöpfen und drunter kein Unterhemd. So raste ich auf meinem Mofa, der eisige Wind blies mir entgegen und geißelte durch diese Lücken meine nackte Haut. Ich hielt an und zog mir den Mantel mit der Rückseite nach vorne an, also mit den Knöpfen nach hinten. Gleich war mir wärmer. 

In Krmelin stand vor der Bäckerei eine Schlange, daneben eine Menge Leute ums Bäckereifenster herum, sie schlürften Glühwein aus ihren dampfenden Tassen. Der Teufel hat mir zugeflüstert: halte an und trink eine heiße Tasse Wein, doch der freie Wille meiner Alten, der bei mir im Hirn eine kleine Sendeanstalt hat und nonstop sendet, sagte mir: fahr weiter, sonst gibt’s Schläge! Auch mein freier Wille mischte sich ein: Bleib standhaft, sagte er mir, gleich trinkst du zu Hause Sliwowitz! Ich fuhr also weiter! 

In Ostrava kaufte ich den Karpfen und bretterte auf dem Mofa zurück. Es schneite wie verrückt. Und wieder Krmelin und die Bäckerei. Ich wollte auch jetzt auf dem Rückweg dem Glühwein widerstehen, mein freier Wille bildete zusammen mit dem freien Willen meiner Alten eine unbeugsame Front gegen die Einflüsterungen des Teufels - ich blicke nur schnell zu dem Bäckereifenster rüber, ob die Glühweintassen immer noch so hübsch dampfen würden, gucke zurück auf die Strasse, zucke dabei UNGEWOLLT nur ein bisschen mit dem Lenker, und der frische Schnee auf dem Asphalt wird zur Todesfalle. Das Mofa rutscht aus! Das Vorderrad macht eine Pirouette um 180 Grad, der Impuls von 40 Kilometern pro Stunde wirkt plötzlich gegen mich, ich fliege über den verdrehten Lenker, schlage Saltos und lande auf dem Rücken im großen Schneebett am Rand der Straße: 

Ein frisch aufgeschütteltes Bett - weich wie in Daunen lande ich und liege. Schön! Hoch fliegen und… liegen! Auf dem Rücken in den Schneeflocken, sie fallen dir in den Mund, bedecken deine Augenlider, als streuten Götter Blütenblätter weißer Rosen auf den Körper der toten Schneekönigin! Liegen bleiben ist die vornehmste Äußerung des freien Willens eines Mannes! Bald würde der Schnee über mir einen Grabhügel bilden: hier liegt Alfons, dessen freier Wille nie so richtig wusste, was er wollte, doch schon eilten die Glühweintrinker von der Bäckerei zu mir. Keiner hob mich aber hoch! Sie blieben vor mir stehen, und beglotzten mich mit Schreck in den Augen! Wie ich da in meinem Mantel lag, den ich wegen des eisigen Windes mit der Rückseite nach vorne angezogen hatte. 

‚Schaut!’, sagte plötzlich eine Frau. ‚Er muss sich das Genick gebrochen haben. Sein Gesicht ist verkehrt rum!’ Das sagte sie und fiel auch gleich in Ohnmacht.

Ich stand auf, um sie zu beruhigen. ‚Auch seine Füße sind verkehrt rum!’, kreischte ein Kind, und eine andere Frau wurde ohnmächtig. Ich schritt auf die Leute zu, und sie liefen vor mir davon. ‚Ich hab mir nur den Mantel mit der Rückseite nach vorne angezogen!’, brüllte ich. ‚Wegen des eisigen Windes!’“
(Aus „Fifi poppt den Elch“ von Jaromir Konecny)

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