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VerenaRabe

vor 6 Jahren

Vor kurzem ist mein vierter Roman „Der längste Tag in unserem Leben“ ins Finale des DeLia Literaturpreises gewählt worden. Das freut mich natürlich sehr und gibt mir Ansporn für meine Arbeit. Aber es ist noch etwas Anderes, das mich immer weiter auf dem manchmal mühsamen Pfad der Schriftstellerei hält: Die Begeisterung für das Schreiben und das wunderbare Gefühl, Ideen in Geschichten verwandeln zu können.
Immer wieder bin ich gefragt worden, wie ich auf meine Geschichten komme, ob ich die Angst vor dem weißen Papier kenne und wie ich es schaffe, über 300 oder mehr Seiten am Ball zu bleiben.
Deshalb möchte ich hier das Schreiben zum Thema machen. Heute geht es um den ersten Einfall, die Eingebung, die am Anfang eines jeden Romanes steht. Alle paar Tage gibt es an dieser Stelle dann etwas Neues rund ums Schreiben.

Bei meinem ersten Roman „Thereses Geheimnis“ war ein inneres Bild der Auslöser für die Geschichte. Ich fuhr auf der Autobahn und sah vor meinem inneren Auge ein fünfjähriges Mädchen mit Zöpfen in einem zerschlissenen Rock und Pullover in Herrenschuhen mit heruntergerutschten grauen Wollstrümpfen durch ein Trümmerfeld laufen. Ich wusste sofort, dass es Häuserruinen aus dem zweiten Weltkrieg waren und dass dem Mädchen etwas Furchtbares zustoßen wird. Ich dachte zuerst, nein, darüber möchte ich nicht schreiben. Es wäre zu schmerzhaft, aber dieses Bild ließ mich nicht los. Ich dachte immer wieder an das Mädchen, das ich erst nur von hinten sah. Irgendwann drehte sie sich um und verriet mir ihren Namen: Anna. Und dann kamen auch die anderen Figuren dieses Romanes zu mir: Therese, Annas Mutter, Ralph Cross, ein britischer Bomberpilot, Marie, Thereses Tochter. Ich fing an, über die Bombenangriffe auf Hamburg zu recherchieren und die Geschichte ließ mich nicht mehr los.
Bei „Charlottes Rückkehr war ein Foto die Initialzündung für die Geschichte. Im Jüdischen Museum in Berlin sah ich zufällig ein Bild, das ich zuerst gar nicht zuordnen konnte: Zwei Kinder, ungefähr drei und fünf Jahre alt, sitzen neben zwei großen Koffern, und tragen Pappschilder mit Nummern an Kordeln um ihren Hals. Die beiden Kleinen wirkten so traurig und verloren. Dieses Bild erschütterte mich tief, zumal meine Kinder gerade ungefähr in diesem Alter waren. Ich fand heraus, dass 1938-39 10000 jüdische Kinder gerettet wurden, weil sie ohne ihre Eltern nach England geschickt worden waren. Sie waren zwischen 2-und 17 Jahren alt. Die meisten sahen ihre Eltern, die später ermordet wurden, nie wieder.
Bei „Der längste Tag in unserem Leben“ stand mein eigenes Erleben am Anfang der Arbeit an dem Roman. Ich war am 7. Juli 2005 in London und recherchierte für „Charlottes Rückkehr“. Als an diesem Tag die Bomben auf der Circle Line hochgingen, war ich nur drei Stationen entfernt. Meine U-Bahn blieb für eine halbe Studne im Tunnel stecken, ich wusste sofort, was los war. Am Nachmittag lief ich mit Tausenden von Londonern stundenlang durch die Stadt, weil nichts fuhr: Keine Taxen, keine Bahnen, keine Busse. Zurück in Hamburg ließen mich die Anschläge nicht mehr los. Mir wurde klar, was es bedeutet, dass sich alles von einer Sekunde auf die andere ändern kann und ich begann, über die Schicksale der Opfer zu recherchieren.

Aber erst, wenn die Idee oder ein Bild immer wieder zu mir zurückkommen, sich nicht abschütteln oder verdrängen lässt, fange ich an, in die Geschichte einzutauchen.
Ich freue mich auf Eure Fragen.

Autor: Verena Rabe
Bücher: Der längste Tag in unserem Leben,... und 2 weitere Bücher

Daniliesing

vor 6 Jahren

Hallo Verena,

deine Vorstellung und die Hintergründe zur Entstehung deiner Bücher finde ich total spannend! Ich habe auch gleich eine Frage: Gibt es jemanden, der deine Bücher immer zuerst liest, wenn sie fertig sind oder sogar schon beim Entstehungsprozess reinlesen darf?

VerenaRabe

vor 6 Jahren

Liebe Danilesing,

ich schicke ein Exposé an meinen Agenten, der beurteilt dann, ob die Geschichte so laufen kann. Er bekommt auch immer die ersten Kapitel. Dann besprechen wir, ob ich schon auf dem richtigen Pfad bin oder noch etwas ändern soll. Die erste Hälfte habe ich auch immer meiner Lektorin geschickt und mir gerne ihre Anmerkungen angehört.
Manchmal lese ich meinem Mann Kapitel vor - bei "Der längste Tag in unserem Leben" auch unserer Tochter, weil eine Figur so alt war wie sie damals, und ich wissen wollte, ob ich den richtigen Ton getroffen habe.
Kurz nach der Entstehung der Idee muss mein Mann manchmal herhalten, weil ich ihm die Geschichte in groben Zügen erzähle. Er ist nicht vom Fach und kann mir daher ab und zu mit dem nötigen Abstand Tipps geben. Oder ich verwerfe seine Einwände und komme deshalb weiter, denn meistens weiß ich schon selbst ziemlich gut, wohin die Reise gehen soll.
Bei meinem ersten veröffentlichten Roman "Thereses Geheimnis" habe ich mit einer befreundeten Autorin Texte besprochen. Jetzt mache ich das nicht mehr. Ich verlasse mich auf das Urteil meines Agenten und der Lektoren.

Schöne Grüsse Verena

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VerenaRabe

vor 6 Jahren

Heute geht es um Recherche.
Meine ersten drei Romane hatten historische Themen als Hintergrund, daher musste ich viel recherchieren und lesen. Entweder habe ich mir Literatur in der Staatsbibliothek in Hamburg besorgt (bei Thereses Geheimnis über die Bombenangriffe Ende 1943 auf Hamburg) oder ich war in Berlin im Institut für Antisemitismusforschung, wo ich einen Kontakt hergestellt hatte, als ich über die jüdischen Kindertransportkinder für mein drittes Buch recherchiert habe. Mein Geschichtsstudium hat mir natürlich bei der Recherche sehr geholfen, da ich dort gelernt habe, wie man mit Quellen und Sekündärliteratur umgeht. Natürlich ist es wichtig, sich Notizen zu machen, entweder im Computer oder auf Karteikarten. Für meinen vierten Roman habe ich Karteikarten benutzt. So konnte ich die Informationen sehr einfach nach Themen ordnen.
Parallel zur Recherche haben sich die Figuren und die Geschichte immer weiter entwickelt. Das ist ein kreativer Prozess, der nicht zu erklären ist. Ich fange an, mit den Figuren zu leben und je mehr ich über ein Sachthema weiß, desto konkreter wird die Geschichte.
Wichtig war mir immer der Kontakt mit Augenzeugen. Als ich über die Kindertransportkinder recherchiert habe, bin ich nach London geflogen und habe einige getroffen. Für das erste Buch war ich in den alten Luftschutzbunkern, um mir besser vorzustellen, wie es sich damals anfühlte, dort sein zu müssen, und ich habe viele Menschen getroffen, die mir erzählt haben, wie sie die Angriffe damals erlebt haben. Oft kamen sie von selbst auf mich zu, ohne dass ich sie gesucht habe, es war fast ein wenig magisch. Viele waren froh, mir ihre Geschichte erzählen zu können, da sie es einfacher fanden, sich einer Fremden zu öffnen.
Wenn ich bestimmte Orte beschreibe, kenne ich sie immer.
Als ich einen Roman geschrieben habe, der auf den Lofoten spielt, war ich zweimal dort. Ich finde, dass es nicht ausreicht, einen Ort im Internet zu recherchieren, es ist nicht so authentisch. Man muss all seine Sinne benutzen, um einen Ort zu begreifen.
Das ist jetzt sicher erst einmal genug Informationen zu diesem Thema. Ich freue mich auf Eure Fragen.

Buecherwurm1973

vor 6 Jahren

"Schubs" :-)

Daniliesing

vor 6 Jahren

@VerenaRabe

Du schreibst ja, dass sich deine Figuren wie von selbst entwickeln. Hast du trotzdem Lieblingsfiguren in deinen eigenen Büchern?

VerenaRabe

vor 6 Jahren

..eigentlich mag ich immer die Figuren am liebsten, über die ich gerade schreibe. Es ist wichtig, dass ich alle meine Figuren gut finde, auch die Nebenfiguren. Dabei passiert es mir natürlich schon, dass ich Passagen über die eine Figur lieber schreibe als über die andere, weil sie mich mehr unterhält oder amüsiert. Da ich immer aus mehreren Blickwinkeln schreibe, habe ich in der Regel mindestens eine männliche und eine weibliche Sicht. Es gefällt mir, Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven zu schildern.
Was die männlichen Figuren angeht: Ich bevorzuge den Happy Go Lucky Typ, der etwas chaotisch, aber liebenswert ist. In jedem meiner Romane war eine Figur so angelegt. Aber das bedeutet nicht, dass die Frauen immer streng sind und die Männer auf Spur bringen...
Momentan verabschiede ich mich von einer Figur, einem französischen Schriftsteller, der in meinem gerade fertig gestellten Roman eine entscheidende Rolle spielt. Ich vermisse ihn und die weibliche Hauptperson. Aber ich freue mich auch schon wieder auf meine neuen Figuren, die sich schon vage am geistigen Horizont abzeichnen.

Daniliesing

vor 6 Jahren

@VerenaRabe

Das klingt logisch und spannend! Hast du auch schon mal eine richtig 'böse' Figur geschaffen, die dir aber gerade deshalb so gut gefällt?

VerenaRabe

vor 6 Jahren

@Daniliesing

In meinem zweiten Roman "Ein Lied für die Ewigkeit" beschreibe ich eine wirklich böse Figur, einen Nazi, der seine Tochter schlägt, verrät und dann ihren Geliebten in den Tod treibt. Diese Figur ist sehr wichtig und ich habe mich auch intensiv mit ihr beschäftigt. Ich habe versucht, seine Beweggründe zu verstehen. Aber ich konnte den Mann nicht mögen. Also muss ich meine Aussage revidieren, dass ich all meine Figuren mögen muss. Das vielleicht doch nicht. Aber sie müssen mich interessieren und verstehen zu versuchen, warum Menschen böse werden und sind, ist spannend.

VerenaRabe

vor 6 Jahren

..da ich gerade anfange, eine neue Geschichte zu bauen, mache ich jetzt an dieser Stelle erst einmal Schluss mit der Fragerunde. Vielen Dank für Euer Interesse! Es hat mir viel Spaß gemacht, mich mit Euch über das Thema auszutauschen.

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