Es ist immer wieder ein besonderer Moment für einen Leser, den finalen Band einer Trilogie vor Augen zu haben. Einerseits bereitet man sich gedanklich auf den Abschied vor. Einen Abschied von bekannten Orten und Charakteren, die man meist im Lauf der Jahre lieb gewonnen hat – einen Abschied von einem Szenario, das einen gefangen hielt und einen Abschied von einem Spannungsbogen, der so weit getragen hat.
Andererseits ist man voller Hoffnungen, dass sich alle offenen Fragen im letzten Band des Mehrteilers auflösen, dass die Wege der Protagonisten auf plausible und nachhaltige Art und Weise ein lang anvisiertes Ziel erreichen und schließlich, dass man die Geschichte mit ruhigem Leser-Gewissen loslassen kann. All diese Hoffnungen begleiten den treuen Leser auf seinem letzten Weg – und doch wird er in manchen Fällen bitterlich enttäuscht, wenn sie inhaltlich verpuffen und nicht erfüllt werden.
„Méto“ folgen wir seit nunmehr zwei Jahren. Wir haben erlebt, wie er im „Haus“ zu eigenem Bewusstsein gelangte und wie ihm langsam klar wurde, dass diese künstlich geschaffene Gesellschaft der Kinder und Jugendlichen tiefere Ursachen haben musste. Wir wurden Zeuge seines Erwachens, des Zweifelns und des Hinterfragens und letztlich waren wir dabei, als sich Méto erhob und die Grenzen des Hauses sprengte.
„Die Insel“ war das Ziel. Sie war so nah und doch so fern, aber erst außerhalb des Hauses hob sich der Schleier des Geheimnisses Zug um Zug. Alles schien dem Erhalt der Gemeinschaft der Jungen untergeordnet zu sein. Das gesamte System schien darauf zu basieren, das Gleichgewicht im Haus zu wahren. Und doch blieben Fragen über Fragen. Warum waren die Jungen hier – warum immer genau 64 in verschiedenen Altersstufen und was geschah mit den Freunden, die dem Haus im wahrsten Sinne des Wortes entwachsen waren?
„Die Insel“ war ein wichtiger Schritt in der Entwicklung „Métos“ und doch beantwortete sie ihm keine Frage mit endgültiger Sicherheit. Auf der Grundlage seiner Spekulationen begann er sich eine Welt zusammen zu reimen, die nicht anders sein konnte. Er begann langsam zu realisieren, dass seine Wurzeln nicht auf dieser Insel liegen konnten. Und er verstand, dass seine Eltern ihn ins „Haus“ auf der „Insel“ abgeschoben hatten. Sie hatten sich gegen ihn entschieden – so wie alle Eltern der mysteriösen Gemeinschaft.
All dies wurde ihm klar, als ihm die erste Frau begegnete, die er jemals zu Gesicht bekam. Sie war heimlich auf der Insel, um nach ihrem Bruder zu suchen, den man weggegeben hatte. Weil es so gefordert war. Aber warum nur… verflucht… warum…? Was war das für eine “Welt” da draußen? Was war passiert – welche Ursache gab es für ihre Existenz und wer trug Verantwortung für dieses System, das an römische Diktaturen erinnerte. Von Legionen mutiger Krieger bewacht, von Sklaven versorgt und von feindlichen Stämmen bedroht.
Méto hat seine Flucht aus dem „Haus“ nicht lange durchgehalten. „Die Insel“ forderte ihren Tribut und am Ende allen Verrates wurde ins „Haus“ zurück gespült. Diesmal jedoch beseelt von dem Wunsch, die „Welt“ zu erkunden. Beseelt vom Gedanken der Revolution und der Auflehnung.
„Die Welt“ wartete auf Méto und Méto erwartete die „Welt“. Er hatte einen Plan… er musste sich des Systems bedienen – er musste aus dem Inneren wirken… er musste sich zum JA-Sager entwickeln, um sich Vertrauen zu erschleichen. Jedes Mittel war ihm Recht… die “Welt” war sein Ziel… er musste sie entdecken.
Und hier sitzt der Leser nun, nach zwei Jahren des gemeinsamen Weges und wartet gemeinsam mit „Méto auf Klarheit. Gemeinsam in die „Welt“ hinaus… die Vorfreude war riesig und die Hoffnung auf Freiheit übertraf alles. Wir begleiten „Méto“ auf seinem gefährlichen Weg und werden Zeuge einer atemberaubenden Revolution aus dem Inneren heraus. Dem Erwachen und dem ersten Verstehen folgt nun die Erhebung. „Méto“ verlässt erstmals „Haus“ und „Insel“ und erkundet „Die Welt“.
Eine „Welt“, die er so nicht erwartet hätte. Am Ende aller Kriege – am Ende aller Verseuchung der Erde – am Ende aller Katastrophen hatten die mächtigen der „Welt“ versucht dem Schicksal eine Wendung zu geben. Zonen wurden geschaffen, gefährliche Gebiete wurden für die Bevölkerung gesperrt, ein Wiederaufbau sollte gelingen – und dafür mussten Opfer gebracht werden.
Ein Kind pro Familie… mehr erlaubte man keiner Familie… nur ein Kind. Scharfe Gesetze wurden erlassen und Eltern von mehreren Kindern mussten sich entscheiden… eine grausame Wahl. Wer durfte bleiben, wen musste man fortgeben… und dies ohne jemals wieder etwas von den„verbannten Kindern“ zu erfahren.
„Die Welt“ lässt Méto atemlos nach seinen Wurzeln suchen – lässt ihn unaufhaltsam das wahre Ausmaß seiner Existenz im Haus erkennen und schließlich führt ihn die „Welt“ zur einzigen Erkenntnis, die zu Méto passt:
Finde dich nicht ab… Finde dich… Und helfe anderen, sich zu finden!
Diese Trilogie setzt inhaltlich und sprachlich Maßstäbe. Eine revolutionäre Geschichte mit einem furiosen Schlussband. Atemlos erkennt der Leser selbst, was in den ersten beiden Teilen nur als Symptom zu fühlen war. Und doch wartet am Ende des fantastischen Jugendbuchs eine Überraschung, die größer kaum sein könnte. Wir erfahren alles über das „Haus“ und die „Insel“.
Und es muss jedem Leser dieser Trilogie klar sein, dass Méto nicht Méto wäre, wenn er nicht seine Schlüsse zöge. Méto verändert die Welt und nichts bleibt, wie es ist. Nichts bleibt, wie es war. Nur Méto bleibt er selbst – unverbogen, ungebeugt und aufrecht.
Es hat sich gelohnt „Méto“ die Treue zu halten, da er sich selbst treu geblieben ist. Trilogien wie diese gibt es nicht viele auf dieser „Welt“… und gut, dass es eine solche „Welt“ nicht gibt…. Noch nicht….
Danke, Yves Grevet, für diese epochale Utopie!
Illustrierte Rezension: Literatwo