Patrick Spät Und, was machst du so?

(7)

Lovelybooks Bewertung

  • 5 Bibliotheken
  • 1 Follower
  • 1 Leser
  • 2 Rezensionen
(5)
(1)
(1)
(0)
(0)

Inhaltsangabe zu „Und, was machst du so?“ von Patrick Spät

»Und, was machst du so?« Wer hat sie bei der Begegnung mit neuen Leuten nicht schon gehört oder selbst gestellt, diese Frage, die das Selbstverständnis unserer Zeit auf den Punkt bringt: Ich arbeite, also bin ich. Mehr denn je definieren wir uns und unsere Mitmenschen über die Arbeit. Aber wie steht es tatsächlich um unsere Arbeitsgesellschaft? Was wird da eigentlich gearbeitet? Zu welchen Bedingungen? Wer macht die Drecksarbeit? Und: Warum nehmen wir nicht einfach mal den Fuß vom Gas? Vergnüglich und provokativ zeigt Patrick Spät anhand von alltäglichen Beispielen und historischen Anekdoten, wie sehr sich die Arbeit vom Menschen »entfremdet« hat – von Calvin über Marx bis hin zur »Generation Praktikum« –, wie die Arbeitsideologie entstanden ist, wie sie den Globalen Süden bluten lässt und weshalb sie schließlich zwecklos ist: Die Automatisierung durch Maschinen und Computer vernichtet am laufenden Band Arbeitsplätze – vielleicht aber befreien uns die Automaten ja irgendwann von der Arbeit? Am Ende steht die Hoffnung, dass wir uns vom Arbeitsfetisch lösen. Dass wir endlich wieder leben.

Ein JA zur Arbeit, ein NEIN zu den heutigen Verhältnissen. Sehr empfehlenswerte Lektüre! Wissenschaftlich, aber verständlich.

— LittleMissEMmA
LittleMissEMmA

Ein wunderbares Manifest gegen die Arbeitswut!

— Nespavanje
Nespavanje

Schöne Abhandlung mit philosophischen und passenden Ausflügen über den Stellenwert von "Arbeit" früher und heute.

— BuchCafeNero39
BuchCafeNero39
  • Rezensionen
  • Leserunden
  • Buchverlosungen
  • Themen
  • „Eine fröhliche Rezension“ oder „Ich arbeite, also bin ich“

    Und, was machst du so?
    Nespavanje

    Nespavanje

    18. December 2016 um 18:56

    „Lohnarbeit, Gartenarbeit, Beziehungsarbeit, Blowjob – alles ist zur Arbeit geworden.“, sagt Patrick Spät in seiner fröhlichen Streitschrift gegen den Arbeitsfetisch. In einem lockeren und umgangssprachlichen Ton, aber deswegen nicht weniger ernsthaft angegangen, widmet er sich dem Phänomen der Modernen Arbeitsgesellschaft. Mit kritischem Blick richtet er sich vor allem an die 75% der berufstätigen Menschen, die in ihrer Arbeit unglücklich sind und innerlich bereits gekündigt haben, die einen immensen finanziellen Verlust für die Unternehmen bedeutet, die jene beschäftigen. Auch wenn ich solchen Statistiken eher kritisch beäuge, glaube nie einer (Statistik), die du selbst nicht gefälscht hast, schätze ich mich glücklich zu den restlichen 25% zu gehören. Dieses kleine aber feine Werk ist eine umfangreich argumentierende Kritik am Arbeitswahn und gleichzeitig ein Loblied auf den Müßiggang. Arbeit scheint das zentrale Thema unseres Lebens geworden zu sein. Aber zu welchem Preis und zu welchen Bedingungen? Spät kritisiert aber nicht nur. Nein, er zeigt auch Gegenentwürfe zu unserer Arbeitsgesellschaft und Beispiele auf, wie man es vielleicht besser machen könnte. Für einige wird das wohl nach anarchistischer Utopie klingen und Patrick Spät sagt, dass er durchaus von einer solchen träumt. Eine Gesellschaft die nicht auf den Kosten anderer lebt und in der Solidarität herrscht. Wer sich also schon mal gefragt hat, ob das Leben vielleicht mehr ist als arbeiten zu gehen und Überstunden zu machen, der findet in diesem Buch bestimmt neue Einsichten und Inspiration.

    Mehr
  • Arbeiten oder Leben?

    Und, was machst du so?
    Sokrates

    Sokrates

    16. December 2015 um 09:17

    „Lohnarbeit, Gartenarbeit, Beziehungsarbeit, Blowjob – alles ist zur Arbeit geworden.“ - Mit diesem knappen, aber herzlichen Zitat lockt der Klappentext den Leser, zu Patrick Spät's Buch Und, was machst du so? Fröhliche Streitschrift gegen den Arbeitsfetisch zu greifen. Und wer wird sich darin nicht wiederfinden: Spät weiß von missliebigen Studentenjobs, sinnlosen Überbrückungstätigkeiten, vermittelt durch das Arbeitsamt, oder stumpfsinniger Fließbandarbeit, die im Schichtsystem absolviert wird, zu berichten. In zunächst noch recht simpler Argumentationsfolge besteigt Spät zunehmend souveräner den Berg der „Arbeitswahnsinnigen“ und hinterfragt das absurde Arbeitsdiktat der Moderne: unterfüttert mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, wonach bspw. die Wirtschaft wesentlich mehr Gewinne einfahren würde, wenn nicht bereits ein gutes Drittel ihrer Belegschaft innerlich gekündigt hätte, bis hin zur grundsätzlichen Frage, wie Arbeitsverhältnis und -ethos heute definiert und praktiziert werden sollten. Dass Arbeit in unserem Kulturkreis eine sinnstiftende und den Sozialstatus definierende Betätigung ist, kann als bekannt vorausgesetzt werden. Den Wandel hin zu der von Arbeitserfolg geprägten Sozialgesellschaft erlebte Europa schon in der Frühen Neuzeit, als Luthers Protestantismus – und hier vor allem des noch strengeren Calvin – wirtschaftlichen Erfolg, disziplinierten Fleiß und rastlose Arbeit im Diesseits von nun an als einzige Indikatoren für eine Erlösung im Jenseits ausriefen (S. 16). An diesem Schwerpunkt habe sich bis heute nichts geändert. Schlimmer noch, denn der sich seit Ende der 1970er Jahre etablierende Neoliberalismus habe das Arbeits- und Rentabilitätsdiktat in sämtliche Gesellschaftsbereiche eingeschwämmt. Spät's Kritik hieran ist bitter nötig: zu recht stellt er nach einigen knalligen Pointen fest, dass die Produktivitätsfixierung mittlerweile nicht mehr zeitgemäß erscheint. Er zitiert den US-amerikanischen Ethnologen David Graeber 6 , der betont, dass „[...] die zentrale Frage ist, wie man die Annahme außer Kraft setzen kann, dass harte Arbeit – und als Konsequenz die pflichtgemäße Befolgung von Anordnungen und Befehlen – eine irgendwie intrinsische moralische Angelegenheit ist. Das ist ein Gedanke, der zugegebenermaßen auch große Teile der Arbeiterklasse beeinflusst hat. Für jeden, der an der Befreiung der Menschen interessiert ist, ist dies das vertrackteste und schwierigste Problem. Zu den wenigen Punkten, denen in der öffentlichen Debatte anscheinend jeder zustimmen muss, gehört die These, dass nur die, die arbeiten wollen – ja, noch mehr: nur die, die bereit sind, sich nahezu irrsinnigen Formen der Arbeitsdisziplin zu unterwerfen -, moralisch irgendwelche Ansprüche stellen können, dass nicht einfach Arbeit, sondern eine Arbeit, die für die Finanzmärkte irgendeinen Wert hat, die einzig legitime moralische Grundlage für Belohnungen irgendwelcher Art ist. Das ist kein ökonomisches Argument. Das ist ein moralisches. […] Doch bei jeder Krise lautet die Antwort darauf von allen Seiten gleich: Die Menschen müssen mehr arbeiten!“ (S. 34) Wem das alles zu sehr nach sinnloser Fabuliererei, nach „heißer Luft“ eines Geisteswissenschaftlers aussieht, der sei beruhigt: Spät's „Lösung“ (wenn er denn überhaupt eine präsentieren möchte) sieht nicht einfach so aus, dass er alle Menschen auffordert, besser lieber „nichts“ mehr zu tun. Es geht ihm vielmehr darum, zu hinterfragen, in welchen Kausalschleifen wir seit nunmehr 200 Jahren intensiver Produktionsprozesse leben und arbeiten. Zurecht warnt Spät mit Jeremy Rifkin, welcher bereits seit Anfang der 1990er Jahre vor der zunehmenden Rationalisierung und Technisierung warnt, welche zwar unbestreitbar Vereinfachungen mit sich bringt, andererseits Arbeitsplatzverlust dort bedeutet, wo „einfache“ Arbeit durch Computer ersetzt wird. Es ist bereits jetzt schon so, dass Maschinenarbeit rentabler ist als Menschenarbeit. Unbeantwortet bleibt die Frage, mit welcher Arbeit jedoch diejenigen zu versorgen sind, deren Verwendung mit der Technik „outgesourced“ wurde. Auf Wirtschaftsprobleme sodann einzig mit der Forderung zu reagieren, „mehr Arbeitsplätze“ würden das Problem beheben, sei schlichtweg falsch. In diesem Zusammenhang bemerkt Spät auch korrekt, wie sich parallel zum „Arbeitsdiktat“ die gesellschaftliche Einstellung etabliert habe, welche die „Arbeitsunwilligen“ sozial ausschließt bzw. bestrafen will. Wurde es 1919 noch als „arbeitsscheu“ bezeichnet, steigerte sich die Wortwahl nach 1933 zum „Asozialen“, „Gemeinschaftsfremden“ oder gar „Schädling“. Auch unter sozialistischem Vorzeichen nach 1945 änderte sich die Deutungshoheit nicht – treu nach dem Motto Lenins „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ (der es bis in die Verfassung der UdSSR geschafft hat). Auch heute herrscht eine ähnliche Interpretation: wir erinnern uns an Guido Westerwelles „spätrömische Dekadenz“. Spät's Resümee fällt daher verhalten optimistisch aus. Nicht nur, weil sich sein anarchistischer Ansatz, weniger und auch sinnvoller zu arbeiten, wohl bis auf Weiteres in dieser Gesellschaft nicht verwirklichen lassen wird; auch die Forderung nach einem Denkwandel erscheint noch sehr naiv. Neben sinkenden Löhnen in prekären Beschäftigungsverhältnissen und steigender weltweiter Arbeitslosigkeit stimmt den Leser die Frage bei weitem nicht fröhlich: „Wer soll sich all die Konsumgüter noch leisten, wenn selbst in den Industrienationen die Menschen verarmen? Fast zwei Drittel der jungen Leute in Spanien und Griechenland sind arbeitslos. In England nimmt die Zahl der 'zero-hour' Verträge massiv zu, bei denen der Beschäftigte auf Abruf arbeiten müssen, wenn der Arbeitgeber sie benötigt.“ (S. 112) Was tun?, fragt Spät im letzten Kapitel. „Es ist nicht leicht, dem Arbeitswahn ein Schnippchen zu schlagen und Kleinode der Freiheit zu schaffen: wir könnten, wenn möglich, in Teilzeit arbeiten; Frührentner werden; auswandern; Kleidung, Möbel und Elektrogeräte secondhand kaufen; Tauschringe gründen und nutzen; unnötige Verträge kündigen; unnötigen Besitz verkaufen oder gar nicht erst erwerben; ein Bistro oder einen Buchladen als Genossenschaft gründen; als Selbstversorger einen Schrebergarten oder gleich ein Agrarkollektiv betreiben; und auch die Fabriken als Kollektivbetriebe organisieren. Klingt hippiemäßig? Nur für den Spießer. Erstens gibt es bereits zahlreiche dieser Organisationsformen, gerade in krisengebeutelten Städten und Ländern, die erfolgreich alternativ wirtschaften. Zweitens sind diese Organisationsformen vielleicht schon bald ein Modell für die ganze Welt.“ (S. 155) „Beschreibe ich eine anarchistische Utopie? Vielleicht. Doch wer ohne solche Ideale lebt, hat schon verloren, wird weiter wie ein Zombie zur Arbeit hetzen und, während die Welt in Flammen steht, sein heimisches Nest mit Teelichtern dekorieren.“ (S. 157) – Die kleine, kurze Streitschrift gegen den Arbeitsfetisch kommt knallig-bunt daher, führt auch in ebenso flotter Art und Weise in eine Materie, die man nicht einfach in knappen Sätzen abhandeln kann. Dafür ist unsere Gesellschaft mit ihren Wertvorstellungen auch zu komplex. Spät gelingt es mit lockerem Tonfall in diese sperrige Thematik einzusteigen und spätestens ab der Buchmitte in anspruchsvoll-analysierendes Fahrwasser zu gelangen, welches uns sicher ins utopische Ende des Buches bringt: hin zum Aufruf an die Leser, ganz unbedingt und dringend einmal ihr Leben, ihre Erwartungen daran sowie ihre eigene und die ihrer Kinder Zukunft zu hinterfragen und die Frage zu stellen: „Haben wir das Leben richtig verstanden?“ (S. 158)

    Mehr