Andreas Maier Das Zimmer

(26)

Lovelybooks Bewertung

  • 24 Bibliotheken
  • 1 Follower
  • 0 Leser
  • 6 Rezensionen
(11)
(10)
(5)
(0)
(0)

Inhaltsangabe zu „Das Zimmer“ von Andreas Maier

Mit einem Bein steht er noch im Paradies, dafür hat die Geburtszange gesorgt. Immer ist er ein Kind geblieben, und wurde doch stets älter, und leben mußte er auch irgendwie. Nun ist er schon dreißig. Ein Tag im Leben Onkel J.s. Es ist das Jahr der ersten Mondlandung. 1969. Hin- und hergerissen zwischen Luis Trenker, der Begeisterung für Wehrmachtspanzer und den Frankfurter Nutten, wird J. plötzlich als ein Mensch erkennbar, der außerhalb jeden Schuldzusammenhangs steht, noch in den zweifelhaftesten Augenblicken. Einer, der nicht zugreift, weil er es gar nicht kann, während die Welt um ihn herum sich auf eine heillose Zukunft vorbereitet.

Stöbern in Romane

Die Schlange von Essex

Unnahbare Charaktere, emotionsarme Erzählung. Konnte mich nicht überzeugen.

campino246

Die Kieferninseln

Uff. Recht sehr langweilig. Wer sich allein an poetischer Sprache ergötzen kann, mag es vielleicht verschlingen ...

buchmadchen

Leere Herzen

Unbedingt lesen ein aktueller, nachdenklicher, spannender Roman. Trifft den Zeitgeist

Campe

Mein Herz in zwei Welten

Roman über ein Neuanfang, Freundschaft und Selbstfindung

Sanny

Unter der Drachenwand

Arno Geiger hat mit seinem letzten Roman erneut bewiesen, das er einer der besten jüngeren deutschsprachigen Autoren ist.

Aliknecht

Acht Berge

2 völlig unterschiedlichen Lebensentwürfen, Auffassungen von Natur u. a., die später als Erwachsene kaum gegensätzlicher sein könnte

Erdhaftig

  • Rezensionen
  • Leserunden
  • Buchverlosungen
  • Themen
  • Andreas Maier | DAS ZIMMER

    Das Zimmer

    Bookster_HRO

    26. September 2017 um 16:03

    INHALT: Das idyllische Bad Nauheim in der Wetterau, ein paar Kilometer nördlich von Frankfurt am Main, ist 1969 ein verschlafenes Nest und J., der Onkel des Ich-Erzählers, ein verschlafener Zeitgenosse. Seine schwierige Geburt ließ ihn »mit einem Bein im Paradies stehen« und so irrt er als 39-jähriges Kind staunend durch eine Welt die stark im Wandel begriffen ist. Autos für jedermann, Menschen auf dem Mond – alles kaum zu fassen, besonders mit einem so geringen Fassungsvermögen. Wir lernen Onkel J. bei einem ganz gewöhnlichen Tagesablauf kennen, pendeln mit ihm zur Arbeit nach Frankfurt, beobachten ihn bei den Frauen im Rotlichtviertel, begleiten ihn auf seinen nachmittäglichen Botengängen für die Familie und später dann auf dem Weg zu seiner Stammwirtschaft, wo er sich für den harten Tag belohnen darf, und erkennen: Onkel J. ist ein Idiot, ein soziales Opfer mit fragwürdigen Vorlieben und gefährlichem Hang zur Unterwerfung (was sein komplettes Umfeld auch ausnutzt). Aber er ist auch wunderbar unschuldig, will einfach nur ein wenig Anerkennung und geht in seiner Einfalt den steinigen Weg immer und immer weiter. FORM: Der vorliegende Roman DAS ZIMMER ist Auftakt einer auf elf Bände angelegten Familiensaga namens ORTSUMGEHUNG. Andreas Maier (*1967) legt im ersten Band den Fokus auf seinen Onkel, während die Folgebände eher die eigenen Erfahrungen behandeln. DAS ZIMMER liest sich wie ein 200-Seiten-Porträt in dem ebenjener Tag im Jahre 1969 minutiös abgearbeitet wird, um mit jeder Begebenheit auf den Charakter J.’s eingehen zu können. Der Ton, den Maier dabei anstimmt, schwankt zwischen ironisch und nüchtern. Manchmal weiß man nicht so recht: Macht sich Maier jetzt über den Onkel lustig? Oder will er einfach nur aufrichtig beschreiben? Oder zuckt er mit den Schultern und sagt: »Schaut ihn euch an! Noch Fragen?« Da war jemand, der sich jeden Tag bereitwillig als Opfer darbot, und je mehr man zuschlug und zutrat, desto loyaler band er sich an einen. Das kannten sie nicht. Das überforderte sie. Da mussten sie gleich wieder zuschlagen. (Seite 86) Sicher: Onkel J. kann einem leidtun, aber er ist in mancher Hinsicht auch furchtbar unsympathisch. Diese Ambivalenz, sowohl in Onkel J.’s Charakter als auch in der Tonlage des Autors, hinterlässt einen interessanten Nachgeschmack, der einem auch ein wenig den Spiegel vorhält und am schlechten Gewissen rüttelt. FAZIT: Mir hat der Roman sehr gut gefallen. Durch Marina Büttners wohlwollende Besprechungen der Folgeromane bin ich auf die ORTSUMGEHUNG aufmerksam geworden (An dieser Stelle vielen Dank!) und dieser großartige erste Band hat mein Interesse an den Fortsetzungen geweckt. Fünf Sterne plus Leseempfehlung! *** Diese und viele weitere Rezensionen könnt Ihr in meinem Blog Bookster HRO nachlesen. Ich freue mich über Euren Besuch ***

    Mehr
  • Rezension zu "Das Zimmer" von Andreas Maier

    Das Zimmer

    WinfriedStanzick

    05. October 2012 um 15:37

    In seinen Frankfurter Poetikvorlesungen 2006 , die bei Suhrkamp unter dem Titel "Ich" veröffentlicht wurden, hatte der hessische Schriftsteller Andreas Maier schon einem breiteren Publikum Rechenschaft gegeben über die Hintergründe seines Schreibens: "Ich bin nur ein Mensch auf der Suche nach Worten, die längst schon gefunden sind, die im Matthäusevangelium schon alle dastehen, in perfekten logischen Sequenzen, schärfer, als Wittgenstein es je gekonnt hätte, eine erschöpfende Analyse dessen, warum wir falsch sind und warum wir dadurch schuldig werden vor allem und vor jedem, nämlich bloß kraft unseres wahrheitsfernen Tuns. Eine literarische Form dafür zu finden ist sehr schwer, ich glaube, man kann keine Form dafür finden, dass wir falsch sind, keine ernste, denn eine Form, die sich vom Einverständnis des Lesers verabschiedet, ist keine Form, sondern für den Leser eine Zumutung, wie ja auch das Matthäusevangelium. Das größte philosophische Werk des Abendlandes. Das uns nichts sagt als bloß: Seid nicht. Das uns sagt: Wenn ihr aufhört, zu sein, dann seid ihr. Meine Damen und Herren, wenn wir uns im Matthäusevangelium wieder finden, dann immer nur auf der Seite der Hohepriester, immer auf der Seite der Kleingläubigen, der Rechthaber, der Schriftgelehrten und Sophisten. Also auf Seiten derer, die sich verteidigen, die verteidigen, was sie haben, als sei das richtig, das ist unser tägliches Brot, die Selbstverteidigung, aber dieses Brot hat uns Gott nicht gegeben, und übrigens auch die Philosophie nicht, und die Literatur auch nicht. Und Sie begreifen vielleicht gar nicht, was das ist. Da Sie alles, was Sie haben und tun und wollen und erlangen, für natürlich und gut halten, und wenn Sie kurz nachdenken würden, aber im Ernst nachdenken, kehrten Sie um, aber das werden Sie nicht tun." Die unter dem Titel "Onkel J. Heimatkunde" vorgelegten gesammelten Kolumnen von Andreas Maier waren ein treffendes Beispiel dafür. Mit Spannung habe ich deshalb den ersten Band einer von ihm angekündigten, noch nicht begrenzten Romanreihe (man spricht von 10 Bänden) über seine Heimat, die Wetterau erwartet. Im Roman „Das Zimmer“, vom autobiographischen Ich-Erzähler geschrieben, begegnet uns jener Onkel J. wieder. Sein Zimmer, in das sehr viel später der zu Lebzeiten des Onkels noch kleine Andreas Maier einziehen wird, sein Leben und seine Philosophie werden erzählt. Dazu nimmt Maier einen Tag aus dem Leben des Onkel und schildert seinen Ablauf vom frühen Aufstehen noch in der halben Nacht, seiner Fahrt nach Frankfurt, wo er arbeitet, seinen Diensten für die Familie nach seiner Rückkehr am Nachmittag und vor allen Dinge den Aufenthalt in seinem geliebten Forsthaus Winterstein, wo er seinen Schoppen trinkt. Onkel J. besitzt einen nazibraunen VW Variant, den er von seinem Schwager bekommen hat. Dieses Auto ist sein Ein und Alles, ermöglicht ihm die Momente von Freiheit, für die die lebt. Maier schreibt (und deutet auch weitere Folgen seiner „Ortsumgehung“ an): „Ich bin bislang nie auf den Gedanken gekommen, über meinen geburtsbehinderten Onkel J. zu schreiben. Über ihn und sein Zimmer. Über das Haus und die Straße. Und über meine Familie. Und unsere Grabsteine. Und die Wetterau, die die ganze Welt ist. Die Wetterau, die für die meisten Menschen nach einer Autobahnraststätte benannt ist, A 5, Raststätte Wetterau. Und die heute in eine Ortsumgehungsstraße verwandelt wird. Die Wetterau ist eigentlich eine Ortsumgehungsstraße mit angeschlossener Raststätte. Wenn ich das sage, lachen sie. Und es war doch einmal meine Heimat. Meine Heimat, eine Straße, Und nun schreibe ich eine Ortsumgehung, während sie draußen meine Heimat ins Einstmals planieren, und ich beginne mit meinem Onkel in seinem Zimmer. Das ist der Anfang, aus dem sich alles ableitet.“ Das Buch hat den Rezensenten, der unweit der Wetterau seine ersten drei Jahrzehnte verbracht und sie gut kennt, nachhaltig beeindruckt und bewegt. Jener vielversprechende Beginn einer traurig- verrückten Familiensaga, die mehr ist als das, eine Buchprojekt, das eine Reflexion sei will über Zeit und Zivilisation und, vergleiche das Eingangszitat aus Maiers Poetikvorlesung, die Würde des Menschen und wie sie erhalten werden kann. Man wird abwarten müssen, ob Andreas Maier das hohe literarische Niveau über das ganze Romanprojekt über wird halten können. Das vorliegende Buch jedenfalls zeigt, dass er viel mehr ist als ein „Heimatdichter“. Maier ist eine der wichtigsten Stimmen in der gegenwärtigen deutschen Literatur. Es nimmt deshalb nicht Wunder, dass „Das Zimmer“ für den Deutschen Buchpreis 2010 nominiert worden ist.

    Mehr
  • Rezension zu "Das Zimmer" von Andreas Maier

    Das Zimmer

    capkirki

    06. March 2012 um 20:17

    Ich hatte ich ja schon eine Rezension zu Andreas Maiers’ “Das Haus” geschrieben. Ich war so begeistert von dem zweiten Band seiner “Familiensaga”, dass ich mir auch den ersten kaufen musste. Aber wie das so ist, wenn man mit zu grossen Erwartungen an ein Buch rangeht, man kann fast nur enttäuscht werden. Und so war ich von diesem Auftakt der Saga nicht wirklich angetan. Es ist keinesfalls ein schlechtes Buch! Mir gefällt Maiers direkt Art, sein schnörkelloser Schreibstil und natürlich bin ich auch hier von dem “Heimatteil” des Buches begeistert. Auch die Geschichte, die er erzählt, berührt auf ihre eigene Weise. Es geht um Maier’s Onkel, den wir nur als J. kennenlernen. Onkel J. ist von Geburt an behindert. Für ihn selbst ist das nicht schlimm, denn er lebt in seiner ganz eigenen, unschuldigen Welt. Was jetzt passiert, hat er gleich wieder vergessen. Wenn die Mitschüler ihn fast totschlagen, steht er am nächsten Tag wieder da und will “dazu” gehören. Wenn der Vater ihn demütigt, himmelt er ihn am Abend wieder an, wenn die Kollegen sich über ihn lustig machen, freut er sich trotzdem auf seine Arbeit in Frankfurt. Auch der Autor hat als Kind kein gutes Verhältnis zum stinkenden Onkel, der sich nicht wäscht und hat panische Angst davor, in das Zimmer oder die Werkstatt des Onkels gehen zu müssen – das Zimmer in dem er nun als Erwachsener sitzt und dieses Buch schreibt. Andreas Maier beschreibt das Leben seines Onkels anhand eines normalen Tages. Aufstehen, anziehen, zum Bad Nauheimer Bahnhof laufen, Zugfahrt nach Frankfurt, die Arbeit bei der Post, Bier, Zigaretten, Rückfahrt, die Pflichten zu Hause, die Fahrt zum Winterstein, um dort seine “Freunde” und “Jäger” zu treffen. Während seiner Erzählung, wechselt Maier zwischen echten und fiktiven Erinnerungen, springt in den Zeiten hin und her, nimmt den Tod des Onkels vorweg und landet dann wieder bei einer Schulgeschichte – es könnte so sein, man weiss es nicht, vielleicht war es doch anders und vielleicht ist es gar nicht passiert, schliesslich war er nicht dabei. Das ist genau der Punkt, der mich an dem Buch gestört hat. Er schreibt über etwas, das er vielleicht weiss, springt in die Zukunft, um dann doch wieder auf das Ausgangsereignis zurück zu kommen. Für meinen Geschmack waren das zu viele Verschachtelungen und zu viel “könnte”. Ausserdem scheint der Autor besessen zu sein von “Ortsumgehungen”, speziell DER Ortsumgehung in der Wetterau – der B3. Er erwähnt sie unzählige Male in dem Buch. Was mir dagegen sehr gut gefallen hat, war die Tatsache, dass Maier ganz nebenbei ein Bild des hessischen Alltags in den 60er Jahren zeichnet. Indem er einen Tag im Leben seines Onkels beschreibt, lässt er uns teilhaben an der Arbeitswelt der damaligen Zeit, an den Familienzuständen, der Nachbarschaft, der Einstellung der Menschen, kurz dem Alltag und seiner Entwicklung. Es gab wirklich schöne Szenen – wie z.B. die, in der sich jeder bewusst wird, wieviel Verkehr es mittlerweile auf der Kaiserstrasse in Friedberg gibt. Für solche Zeilen liebe ich Maier. Für den Rest des Buches eher weniger… Trotzdem werde ich auch den dritten Teil der Saga lesen, denn wie gesagt, Andreas Maier hat seine ganz eigene Art, vom Leben zu erzählen. Und natürlich spielt auch der Faktor Wetterau eine grosse Rolle für mich. Aber wenn ich das Wort “Umgehungsstrasse” noch einmal lese, flipp ich aus

    Mehr
  • Rezension zu "Das Zimmer" von Andreas Maier

    Das Zimmer

    *Arienette*

    26. January 2011 um 09:12

    Inhalt: Mit einem Bein steht er noch im Paradies, dafür hat die Geburtszange gesorgt. Immer ist er ein Kind geblieben, und wurde doch stets älter, und leben mußte er auch irgendwie. Nun ist er schon dreißig und hat seine große Liebe, einen VW-Variant Typ 3, mit dem fährt er zwischen den blühenden Rapsfeldern umher. Es ist das Jahr der ersten Mondlandung, 1969, als man in Frankfurt am Main noch Treppensteigen geht in den Bordellaltbauten um den Bahnhof herum. Ein Tag im Leben Onkel J.s. Hin- und hergerissen zwischen Luis Trenker, der Begeisterung für Wehrmachtspanzer und den Frankfurter Nutten, wird J. plötzlich als ein Mensch erkennbar, der außerhalb jeden Schuldzusammenhangs steht, noch in den zweifelhaftesten Augenblicken. Einer, der nicht zugreift, weil er es gar nicht kann, während die Welt um ihn herum sich auf eine heillose Zukunft wie auf die Erlösung vorbereitet. Nach den Romanen Wäldchestag, Klausen, Kirillow, Sanssouci und Onkel J. Heimatkunde setzt Andreas Maier neu an: Das Zimmer ist ein Erinnerungsporträt und Roman zugleich, vielleicht der Beginn einer großen Familiensaga, eine Reflektion über Zeit und Zivilisation, über die Würde des Menschen und wie sie erhalten bleiben kann. (Quelle: Suhrkamp) Der Autor: Andreas Maier wurde 1967 im hessischen Bad Nauheim geboren. Er studierte Altphilologie, Germanistik und Philosophie in Frankfurt am Main und ist Doktor der Philosophie im Bereich Germanistik. Er lebte wechselweise in der Wetterau und in Südtirol. Andreas Maier wohnt in Frankfurt am Main.(Quelle: Suhrkamp) Meine Meinung: Erzählt wird die Geschichte des Onkels J., der "mit einem Bein im Paradies steht". Trotz geistiger Zurückgebliebenheit führt er ein halbwegs eigenständiges Leben; fährt einen VW-Variant Typ 3, arbeitet tagsüber in Frankfurt bei der Post, besucht heimlich Bordelle und geht abends in die Wirtschaft. Sein Auto liebt er über alles; aus dem Einparken in die Garage macht er eine Zeremonie. Nur hin und wieder fragt die Familie nach Mithilfe - dann fängt J. an zu grummeln "Immer ich" - doch bleibt er friedlich und tut, was er tun muss. Angesiedelt ist der Roman im hessischen Wetterau, nördlich von Frankfurt. Andreas Maier beschreibt ironisch und mit trockenem Humor über die Lebensgewohnheiten und Bräuche in einem kleinen hessischen Dorf im Jahre 1969, im Fernsehen läuft Familie Hesselbach, der Ort hat noch keine Ortsumgehung. Der Autor stammt selbst aus der Gegend und so fließen sicherlich eigene Erfahrungen mit ein. Angelegt ist der Roman wohl als Romanprojekt über elf Bände. Da habe ich nicht schlecht gestaunt. :wink: Der Roman hat es im übrigen auf die longlist des Deutschen Buchpreises 2010 geschafft. Mir hat der Roman jedenfalls gefallen und bin schon gespannt auf weitere Bücher von Andreas Maier.

    Mehr
  • Rezension zu "Das Zimmer" von Andreas Maier

    Das Zimmer

    Clari

    08. December 2010 um 17:49

    Modernes Leben und Erinnerungen an eine versunkene Zeit. Andreas Maier beschreibt in einem eigentümlich lakonischen Stil ausführlich ein Familienleben, das skurril, zuweilen witzig, sicher aber zu einem guten Teil nostalgisch zu nennen ist. Onkel J. ist das Faktotum der Familie Boll, einer Steinmetzfamilie in der Wetterau, genauer gesagt in Friedberg. Um ihn wird sich die Geschichte drehen und damit die anderen Familienmitglieder in Erinnerung um sich scharen. Der arme Onkel J. ist mit einer Behinderung geboren worden und wird ständig, immer und überall geärgert. Zu Ende des 2. Weltkrieges war er gerade einmal 14 Jahre alt. Schon immer und bis zu ihrem Tod lebt er bei seiner Mutter. Er bastelt gerne, erledigt kleine Botengänge und Besorgungen für die Steinbruchfirma der Familie, bis ihm sein Schwager später eine Lohnarbeit bei der Post verschafft. Wir schreiben das Jahr 1969. Der Autor nutzt die Geschichte seines Onkels für einen eindrucksvollen Bericht über die Wetterau und die eigenwilligen Charaktere seiner Familie in den sechziger Jahren. Friedberg, Bad Nauheim und die bewaldete Umgebung sind Orte der Handlung. Da wird dem Bier schon in den frühen Morgenstunden zugesprochen, das Butterbrot in der Dose, Kino, der Kiosk an der Ecke und das Wirtshaus sind häufig erwähnte Elemente, die sowohl Stimmungen als auch das Wohlbefinden der Bürger gewährleisten. Das letzte Lebensjahr des Onkels bietet den Anlass, um sich einer Zeit zu nähern, die Gemächlichkeit verbreitet und Zufriedenheit signalisiert. Der Onkel ist ein tumber Tor, ein Behinderter, der durch sein Verhalten zur Belustigung seiner Mitmenschen beiträgt. Immerhin durfte er noch Auto fahren lernen und konnte seine einfache Arbeit bei der Post verrichten. Betäubend ist sein Körpergeruch, den der kleine Andreas als ekelerregend und zum Fürchten empfindet. Sein Auto und seine Polohemden besitzen die gleiche Farbe, die an militärische Tarnfarbe denken lässt. Frauen spielen für Onkel J. eine gewichtige aber schamhafte Rolle, doch traut er sich kaum über Pornohefte und das Frankfurter Bahnhofsviertel hinaus. Andreas Maier schildert diesen Onkel als Unikum, abstoßend und faszinierend zugleich. Er ist die zentrale Figur des Romans, um die sich die Familie und die ganz und gar durchschnittlichen Bürger des Städtchens versammeln. Das schlichte Leben und die simplen Freuden werden atmosphärisch dicht und genau beschrieben. Man spürt das gemütliche und einfache Dasein am besten in den Worten und Taten der Protagonisten. Die Vorboten des zu Ende gehenden 20. Jahrhunderts lassen Befürchtungen aufkommen, dass es mit der Idylle in der Wetterau bald vorbei sein könnte. Hinreißende Naturbetrachtungen komplettieren den Eindruck einer verhältnismäßig heilen Welt. Das Rotkehlchen oder ein unvergleichlicher Sonnenuntergang, „den einem niemand nehmen kann, für das ganze Leben nicht“ führen immer wieder zur Atmosphäre des Ländlichen und Beschaulichen. Der Autor Andreas Maier hat mit diesem Roman eine Familiengeschichte begonnen, in der man unschwer biographische Züge entdeckt, und von der man hofft, dass sie noch fortzuspinnen sein wird.

    Mehr
  • Rezension zu "Das Zimmer" von Andreas Maier

    Das Zimmer

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    08. September 2010 um 07:13

    Mittlerweile ist bekannt, dass der Heimatdichter Andreas Maier sehr gerne über die Wetterau schreibt, das ist seine Heimat, da will der Heimatdichter immer wieder hin und zurück und hier muss er bleiben. Nach ein paarmal Irrsinnsliteratur über die Desaster der Kommunikation, Natur und Thomas Bernhard, geht es ans neue Mammutprojekt, 11 Romane sollen es werden, ob Maier das ernst meint, kann niemand sagen, aber: „Erst lebt man vierzig Jahre, dann braucht man vierzig Jahre, um all das aufzuschreiben. Dann bin ich achtzig und darf sterben“, sagt er in und das ist natürlich der Satz des Jahrhunderts, ein Weltallsatz, das größte Wortkino das jemals gebaut worden ist, soviel steht fest. Natürlich ist Maier nicht an Thomas Bernhard geschult, vor allem nicht nur und ausschließlich, das wäre zu einfach, über den hat er schließlich promoviert und nach so etwas schmeißt man ja meistens alles weg, was einen an diese Phase erinnert, so haben es meine Freunde getan, nein, nicht meine Freunde, eher Bekannte, Promovierende kenne ich wenig. Nein, nein, der Maier liebt Dostojewskij, aus ganzem Herzen natürlich, sonst hätte er „Klausen“ nicht mit einem Zitat aus den „Dämonen“ beendet und Kirilow nach einem der Hauptprotagonisten dieses Weltallwerkes benannt. Der russische Vormittagszocker hatte einstmals Fürst Myschkin in die Arena geworfen, den „Idioten“, dessen großes Herz einfach verschluckt wird von einer schwafelnden Welt. „In Wahrheit spricht er [der Onkel, Anm. d. Red.] eine ganz andere Sprache, eine vor den Worten, eine, die sowieso immer zwischen den Dingen ist, nur wir wissen sie meistens nicht, weil wir immer reden und daher zu laut sind für die Dinge“. Entgegen aller literarischen Zärtlichkeit umarmt Maier aber den Onkel J. auch im Nachhinein nicht, nicht komplett, er stinkt immer noch, dieser Onkel und hängt bei den Nutten herum, der Wetterauer im Frankfurter Bahnhofsviertels, der schmerzfrei durch die Welt stapft, immerzu das gleiche erzählt und in seiner Jugend aus dem Dorf geprügelt wurde, wovon er recht wenig weiß, gespürt hat er schließlich nichts, weggepackt hat man ihn trotzdem, sicher ist sicher: „Mein Onkel sah dort im Wald immer etwas, wo andere nichts sehen. Dagegen sah er unter den Menschen nie etwas, das sahen immer nur alle anderen“. So rennt J. also an dem Sozialen vorbei, lässt sich immer mit derselben Masche veräppeln, redet superlativistisch über Luis Trenker, die Bergrettung und glorreiche Panzer, erzählt eigentlich immerzu das gleiche, dasselbe und ist mittendrin und daneben. Mittendrin in der eigenen Welt, die Maier sich nur vorstellen kann, neben der Spur und das auch noch vollkommen. „Wie jeder Mensch“, würde Heinz von Foerster jetzt schnattern und wild in die Schläuche lachen, die aus seiner Nase hängen. Falls Bücher den Auftrag haben sollten, man beachte die konjunktivistische Strecke, eine Sehnsucht im Leser zu entfachen, dann will ich nach diesem Buch wieder nach Meiderich ziehen und meiner Familie beim Leben zusehen. Ich will auch in eine Buchhandlung, um mir ein weiteres Maier-Buch zuzulegen. Und ich bekenne mich offenkundig zur Heimat, zumindest für einen kurzen Moment. Allerbeste Aussichten, definitiv, denke ich mir, sitze in meiner Wohnung, die vor mir mal jemand anderem gehört hat und freue mich auf neue Nachbarn, wenn Frau Blanes und Frau Cording alsbald das Zeitliche segnen.

    Mehr
  • Was ist LovelyBooks?

    Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist! Mehr Infos

    Buchliebe für dein Mailpostfach!

    Hol dir mehr von LovelyBooks