Colum McCann Wie spät ist es jetzt dort, wo du bist?

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Inhaltsangabe zu „Wie spät ist es jetzt dort, wo du bist?“ von Colum McCann

“Das unglaubliche Mysterium der menschlichen Erfahrung ist die Klammer dieser Erzählungen, und dass sie so zwingend erscheinen, ist das Zeichen für McCanns Genie", schreibt die Washington Post. In der längsten, der Novelle 'Dreizehn Sichtweisen', geht ein alter Mann an einem verschneiten Tag in Manhattan mit seinem Sohn essen. Der Sohn muss los, und als der Mann später allein das Restaurant verlässt, wird er auf offener Straße überfallen und umgebracht. Die mit dem Fall betrauten Kriminalbeamten rekonstruieren seine Wege, die Überwachungskameras bei ihm zu Hause, im Lokal und auf der Straße aufgezeichnet haben. Ihre Arbeit gleicht der von Dichtern: der Suche nach einem zufälligen Schlüssel, der, an der richtigen Stelle eingepasst, plötzlich allem Sinn verleiht. Dieses "Schlüssel"-Stück des vorliegenden Bandes, wenn nicht sogar von McCanns Werk, wird ergänzt durch weitere Erzählungen. Eine Frau ruft an Silvester aus einem Unterstand in den afghanischen Bergen zu Hause an; eine andere erkennt ihren früheren Folterer als Mitglied einer Friedensverhandlungskommission im Fernsehen wieder. Die Themen von McCanns Erzählungen sind vielfältig, immer stark an den Ereignissen dieser Welt orientiert, doch letztlich geht es ihm um die Zerbrechlichkeit seiner Figuren und die Kraft, die diese aus dem Leben schöpfen. Und er findet noch in den hintersten Winkeln unseres Daseins das, was uns groß macht.

Drei Erzählungen und eine Novelle vom Feinsten!

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    Wie spät ist es jetzt dort, wo du bist?
    Buecherschmaus

    Buecherschmaus

    19. June 2017 um 12:09

    Drei Erzählungen und eine Novelle des aus Irland stammenden, schon lange in New York lebenden Autors Colum McCann sind in dem nach einer der kürzeren Geschichten benannten Band „Wie spät ist es jetzt dort, wo du bist?“ veröffentlicht.Bei einer solchen Sammlung kann es sich immer entweder um eine recht beliebige Zusammenstellung von Texten handeln, die in einer bestimmten Zeitspanne entstanden sind, oder aber auch um inhaltlich auf die eine oder andere Weise miteinander verknüpfte Stories. Diese Verflechtung kann so weit reichen, dass eine Art Roman daraus entsteht. Das ist bei den Geschichten in diesem Band nicht der Fall, sie stehen inhaltlich für sich selbst. Und doch ergeben sie, ähnlich wie bei Konzeptalben in der Musik, eine Art Einheit. Auch wenn die Erzählungen sich in ihrer Länge, in Inhalt und Erzählperspektive kaum gleichen, sie weder Personen noch Ort oder Zeit gemeinsam haben, so ist es doch eine Unterströmung, eine Stimmung, ein Gefühl, das sie alle verbindet.Es ist ein Gefühl der Unsicherheit und der Vereinzelung, das das gesamte Buch durchzieht. Die Personen befinden sich in Lebenssituationen, die sie nachhaltig erschüttern, aus ihrer Lebensbahn werfen, mühsam errichtete Sicherheiten gründlich durchrütteln und sie oft mit einer Form der Gewalt und des Verlustes konfrontieren, die eher anonym und ungreifbar daherkommt.Das geht nicht immer so gut aus wie in „Sh´kol“, in der eine Frau verzweifelt nach ihrem verschwundenen Adoptivsohn sucht. Dieser ist geistig retardiert und vermutlich frühmorgens zum Schwimmen ins Meer aufgebrochen. Eine großangelegte Suchaktion bringt tagelang kein Ergebnis, bis schließlich der Junge von selbst wieder auftaucht. Was genau mit ihm geschehen ist, werden wir nicht erfahren, die tiefe Erschütterung seiner Adoptivmutter dafür greifbar miterleben. In der Geschichte „Frieden“ ist es eine ältere Nonne, deren Leben durch eine Fernsehnachricht durcheinander gebracht wird. In einer Reportage über eine Friedenskonferenz in London erkennt sie unter den Aktivisten einen Mann, der sie einst aus ihrer Missionsarbeit in Kolumbien entführte und wochenlang gefangen hielt, quälte und vergewaltigte. Die Narben dieser Zeit trägt sie noch sichtbar auf ihren Brüsten, aber auch tief in ihrem Inneren. Eigentlich zur Erholung in einem Kloster für Schwestern im Ruhestand an der amerikanischen Ostküste lebend, macht sie sich auf nach England, um ihrem einstigen Peiniger noch einmal gegenüber zu treten.Am massivsten tritt die unerwartete Gewalt in das Leben des Protagonisten der ersten und längsten Geschichte, der Novelle „Dreizehn Sichtweisen“. In ihr trifft sich der alte Richter Mendelssohn mit seinem Sohn an einem schneereichen Tag in seinem Stammrestaurant. Es ist beeindruckend, wie McCann diesen alten Menschen mit all seinen körperlichen Beeinträchtigungen, seinen Verlusten und Ängsten, aber auch seiner Kraft und seinem Lebenswillen beschreibt und ganz langsam entwickelt. Ich habe selten eine so beeindruckende und authentische Beschreibung dieses Lebensalters auf so engem Raum gelesen. Der Sohn steckt in seinen eigenen Problemen, hat wenig Zeit und Sinn für diese Begegnung, bricht sie verfrüht ab. Er weiß nicht, dass er seinen Vater zum letzten Mal sehen wird. Dieser wird nämlich direkt vor dem Lokal Opfer eines Gewaltverbrechens. Die polizeilichen Ermittlungen dazu, die sich hauptsächlich auf die Bilder diverser Überwachungskameras stützen, werden kunstvoll zwischen die Schilderungen aus der Perspektive Mendelsohns geschoben. Eine spannende Verflechtung von Zeit- und Erzählebenen. Diese Novelle ist sicher nicht nur wegen ihres Umfangs das Zentrum dieser Sammlung. Kurz nach ihrer Entstehung im Jahr 2014 wurde Colum McCann selbst Opfer eines Gewaltverbrechens und auf der Straße niedergeschlagen. Ein traumatisches Erlebnis für den Autor.„Manchmal kommt es mir so vor, als würden wir unsere Zukunft beschreiben, während wir zu anderen Zeiten nur zurückschauen können. Letztlich aber ist jedes Wort autobiographisch, vielleicht am meisten, wenn wir das Autobiographische zu vermeiden suchen.“Neben diesen Erfahrungen des Gefährdetseins, der Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz, der Unsicherheit von Lebensentwürfen und der Allgegenwart von drohenden Verlusten ist das Schreiben, das Verfassen von Geschichten ein wiederkehrendes Motiv in den Erzählungen dieses Bandes. Gleich zu Beginn vergleicht der Autor die Arbeit der Polizei mit der des Dichters: „Es ist wie die Suche nach dem rechten Wort, das, an der rechten Stelle, einem Gedicht die rechte Bedeutung gibt“ und„Dichter und Polizisten wissen, dass die Wahrheit Mühe macht: Sie stellt sich nicht zufällig ein, sondern muss wie mit Meißeln herausgearbeitet werden, ein Produkt von Zeit, Distanz und Arbeit.“Am deutlichsten wird dies in der titelgebenden Geschichte, in der eine Frau in der Silvesternacht mit ihrer Lebensgefährtin telefonieren möchte. Diese ist als Soldatin auf Wachposten in einsamem afghanischem Gebirge. Das Besondere an dieser mit 13 Seiten kürzesten Geschichte ist, dass sie als Ideenskizze für eine geplante Kurzgeschichte des Autors konstruiert wird. Er spielt mit den Ideen und der Konstruktion. Es ist mehr eine Geschichte über das Verfassen einer Geschichte als diese selbst. Und doch schafft McCann Atmosphäre und lässt die explizit fiktiven Personen nah herankommen. Das ist eine wahre Kunst. Die Bedrohlichkeit der ganzen Situation fasst er in sprachliche Mittel, so sehen zum Beispiel die Sterne der afghanischen Nacht „aus wie Einschusslöcher“.In seiner klaren, knappen Erzählweise hat Colum McCann mit „Wie spät ist es jetzt dort, wo du bist“ auch in der kurzen Form ein beeindruckendes Werk geschaffen.

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