Theodor Fontane Frau Jenny Treibel

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Inhaltsangabe zu „Frau Jenny Treibel“ von Theodor Fontane

Klassikertexte mit Materialien im Anhang für den Einsatz im Unterricht - das zeichnet die Reihe »Reclam XL – Text und Kontext« aus. Die Bände haben ein größeres Format als die Universal-Bibliothek und damit mehr Platz für Randnotizen. Auch inhaltlich bieten sie mehr: Auf die sorgfältig edierten Texte mit Erläuterungen einzelner Stellen folgt ein Anhang mit Text- und Bilddokumenten zum literaturgeschichtlichen Hintergrund. Die Herausgeber sind erfahrene Lehrerinnen und Lehrer, die die Materialien nach den neusten Erkenntnissen von Germanistik und Fachdidaktik erarbeitet haben. Die Bände von Reclam XL sind im Textteil seiten- und zeilenidentisch mit denen der Universal-Bibliothek und daher parallel verwendbar.
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  • Rezension zu "Frau Jenny Treibel oder 'Wo sich Herz zum Herzen find't'" von Theodor Fontane

    Frau Jenny Treibel

    Penelope1

    10. May 2011 um 09:03

    Frau Kommerzienrätin Jenny Treibel erinnert sich nur ungern an ihre "einfachen" Wurzeln des Kolonialwarenhandels. Denn heute gehört sie zur "höheren Gesellschaft" und tut alles, um ihrem Stand gerecht zu werden und ihr Ansehen zu erhöhen. Sie geht auf feine Gesellschaften, ist selbst gerne Gastgeberin und umgibt sich gerne mit Damen und Herren der feinen Berliner Gesellschaft. Als Ihr Sohn Leopold ihr seine Verlobung mit der schönen und klugen, jedoch unstandesgemäßen Professorentochter Corinna verkündet, versucht sie mit all ihren zur Verfügung stehenden Mitteln, die Hochzeit zu verhindern. ************* In diesem "Roman" setzt sich Theodor Fontane mit der Berliner Gesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts auseinander: die -meist- "neureichen" Mitglieder der höheren Gesellschaft auf der einen Seite und die und die "Kleinbürger" auf der anderen Seite. Im Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung werden so manche Opfer gebracht, Geld und öffentliches Ansehen stehen scheinbar über den persönlichen Belangen und Wünschen. Auch Corinna, die Professorentochter, versucht, durch eine Hochzeit mit Leopold, dem Sohn des Kommerzienrates, ein Mitglied der "höheren Gesellschaft" zu werden, mit all seinen Vor- und Nachteilen. Doch Corinna ist klug genug, um sich rechtzeitig auf die wahren Werte zu besinnen und entscheidet schließlich nach ihrem Herzen. Fontane ist es gelungen, auf seine eigene, satirische Art, die Ironie des Strebens nach Macht und Ansehen darzustellen. Dabei lässt er immer wieder auch tiefsinnige Redensarten einflechten, besonders gut gefallen hat mir in dieser Hinsichdt Kommerzialrat Treibel, der sich dem allgemeinen Streben nach immer mehr Ansehen und Geld nicht anschließen mag, sondern durch seine witzige und humorvolle Art auch seine Freunde zum Nachdenken anregen will: "Genieße fröhlich, was du hast" oder "Man muss zufrieden sein, mit dem durch Schicksalsbeschluss Gegebenen" sind nur einige Zitate aus dem reichen Wortschatz des Kommerzialrates. Ein Werk, dass der aufstrebenden Berliner Gesellschaft des 19. Jahrhunderts auf humorvolle Art und Weise einen Spiegel vorgehalten hat ("Frau Jenny Treibel" erschien in vier Fortsetzungen 1892 in der "Deutschen Rundschau"), was sicherlich nicht immer Freude hervorgerufen hat. Aus heutiger Sicht eindrucksvoll, humorvoll, und ein Lesevergnügen der besonderen Art!

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  • Rezension zu "Frau Jenny Treibel oder »Wo sich Herz zum Herzen findt«" von Theodor Fontane

    Frau Jenny Treibel

    Sokrates

    Mit "Jenny Treibel" hat Fontane einen sehr sarkastischen und klaren Roman geschrieben; ein Roman, der mir bisher von allen Fontane-Werken am Besten gefallen hat. Thema ist die anvisierte Ehe zwischen der Professorentochter Corinna und Leopold, dem Sohn der Jenny Treibel, dem gehobenen Bürgertum angehörend. Das gemeinsame Glück beider scheint sich einzustellen, eine heimliche Verlobung findet statt, allerdings hatte Frau Jenny Treibel mit ihrem Sohn Leopold anderes vor: Corinna ist ihr gesellschaftlich nicht "gut genug" - sie wirkt also auf ihren Sohn massiv ein, verordnet ihm Hausverbot. Corinna und Leopold bleiben indes weiterhin in Briefkontakt, zu einem neuerlichen Eheversprechen zwischen beiden kommt es jedoch nicht. Stattdessen strebt Jenny Treibel eine Verheiratung Leopolds' mit Hildegard Munk an, einer Frau, die besser in ihre aufstrebenden Hoffnungen passt. Da sich Leopold nicht wieder zu einem weiteren Heiratsantrag an Corinna durchringen kann, nimmt sie schließlich den Heiratsantrag ihres Cousin Marcell an. Dies entspricht auch dem heimlichen Wunsch ihres Vaters. Leopold bleibt bei Hildegard. Meine Meinung: Fontane beschreibt in einer sehr klaren, ungekünstelten und jeden berlinerischen Dialekt weglassenden Form die Geschichte zweier, dem Bürgertum angehörenden Familien im Berlin um die 1880er Jahre. Vom Wirtschafts- und dem damit einhergehenden gesellschaftlichen Aufschwung motiviert, streben die Familien an ihren eigenen gesellschaftlichen Stand zu verbessern; und dies immer noch (auch) mit dem klassisch-tradierten Mittel der Heirat. Zwar sind die Protagonisten in ihrer Entscheidung weitgehend frei, wen sie heiraten wollen (Unmut seitens der Eltern wird zwar geäußert, bliebe aber sanktionslos) - doch im Falle der Jenny Treibel ist es der eigene Sohn, der aus persönlicher Unsicherheit heraus der übermächtigen, ihn noch dominierenden Mutter folgt und Corinna dann doch nicht heiratet. Für Gefühle oder Liebe hat Frau Treibel wenig übrig, auch wenn sie ansonsten zu Poesie und Schwärmerei neigt; geht es um gesellschaftliche Bestrebungen, weiß sie bereits seit der eigenen Heirat ihre Wünsche zielstrebig durchzusetzen, auf alles Sentimentale zu verzichten. Bereits sie selbst heiratete nicht aus Schwärmerei, sondern aus dem Wunsch heraus, gesellschaftlich aufzusteigen. Der Mädchenname der Jenny Treibel bringt es deutlich zum Ausdruck. All dies gelingt Fontane in fantastischer Form darzustellen. Die Dialoge sind klar, humorvoll, plastisch. Es macht Spaß als Leser an Abendgesellschaften teilzunehmen, zu deren Themen eben auch die neuste Literatur von George Sand oder Alfred de Musset oder die Ausgrabungen eines Heinrich Schliemann gehören. So gesehen entwirft Fontane auch ein Bild der inneren Zustände des damaligen Bürgertums: sich mit den literarischen, geistigen und zivilisatorischen Errungenschaften der Zeit zu schmücken, sie zu konsumieren, sie zu diskutieren. Sich mit Bildung zu "kleiden" - es ist en vogue, sich gebildet zu geben. Daneben strebt man weiterhin nach der Mehrung des Besitzes. Eben eine Zeit des Aufbruchs für das Bürgertum, das sich immer mehr gegen die alten gesellschaftlichen Schichtungen zur Wehr setzt, den mittlerweile - auch finanziell - ins Hintertreffen gekommenen Adel zu überholen, dabei aber selbst dessen Lebensstil nachzuahmen sucht. Leider werden beim Lesen nicht alle diese Erkenntnisse deutlich; es empfielt sich daher kurz einen Blick in ein Buch zu werfen, das sich mit der gesellschaftlichen Lage in Deutschland um 1870 beschäftigt, also den bekannten "Gründerjahren" und dem Beginn des deutschen Kaiserreiches. Hier ganz besonder zu empfehlen Nipperdey's "Deutsche Geschichte". Nichts destotrotz ist das Buch ein wunderbares Leseerlebnis!

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  • Rezension zu "Frau Jenny Treibel" von Theodor Fontane

    Frau Jenny Treibel

    buecherelfe

    15. January 2011 um 22:56

    Meine Meinung Die Berliner Kommerzienrätin Jenny Treibel, seit ihrer Heirat der wohlhabenden Bourgeoisie angehörig, lädt zum Dinner. Unter den geladenen Gästen ist Corinna, die mit Charme und Esprit die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Nicht zuletzt ihr Vetter Marcell verehrt sie. Ins Auge faßt Corinna an jenem Abend allerdings den jungen Leopold Treibel, den sie der gesellschaftlichen Position wegen heiraten möchte. Als Jenny Treibel, die sich selbst für eine sentimentale Idealistin hält, von diesen Intentionen erfährt, vergisst sie jedoch jeden Idealismus. Der Roman weißt keinerlei Charakterveränderungen auf. Die Handlung ist flach und nur die Ausraster Jennys sind hin und wieder lustig zu lesen. Ansonsten ist die Story ziemlich langweilig. Theodor Fontane hat einen eigenartigen Schreibstil und greift sehr oft auf englische Begriffe zurück, was man eigentlich gar nicht denkt, denn der Roman ist schon 100 Jahre alt. Ansonsten liest es sich recht einfach, wenn auch etwas zäh. Originalität kommt viel zu kurz. Es ist eine Romeo und Julia Liebesgeschichte, die schon sehr oft durchgekaut wurde. Nichts neues! Fazit Leider muss ich sagen, überzeugt dieses Werk mich nicht. Ich durfte es für den Deutschunterricht lesen und werde es vor dem Abitur nicht mehr anrühren. Es hat mich viel Zeit gekostet es zu lesen, weil die Geschichte mich einfach nicht gefesselt hat und somit langweilig war.

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  • Rezension zu "Frau Jenny Treibel" von Theodor Fontane

    Frau Jenny Treibel

    Huebner

    29. October 2010 um 14:36

    Theodor Fontane (1819 – 1898) „Frau Jenny Treibel oder Wo sich Herz zum Herzen find´t“, Komplettabdruck 1893. Vom Mangel der Gegenwartsbelletristiker, den Nebenfiguren zu wenig Aufmerksamkeit zu widmen, kann bei Fontane nicht die Rede sein. Anders als noch im 1887 erschienen „Irrungen, Wirrungen“ oder dem 1894/95 erschiennen „Effi Briest“ kann in „Frau Jenny Treibel“ zwar weniger von einer Handlung die Rede sein, so doch aber von einer Figurenexplosion. Der Roman, der im eigentlichen eine novellistisch-romanhafte Mischform ist, weil sich das, was sich zuträgt auf 2 Monate (Mai-Juli) komprimiert, hat keinen Hauptdarsteller, so aber mehrer gleichberechtigte Figuren, die aufgrund ihres stimmgewaltigen Engagements nicht als eigentliche Nebenfiguren bezeichnet werden dürften. Und während die zeitgenössischen Kritiker, namentlich Joseph Ettlinger, Max Haese, Robert Lange, Paul von Szczepanski u.v.a. in den Jahren 1892/93 das Satirische, versteckt Ironische und durchaus Realistische lobten, verzweifelt der mit dem 19.Jh. unerfahrene Leser des 21 Jahrhunderts an der Schlüpfrigkeit, die weder als solche noch in irgendeiner Hinsicht als witzig erkannt wird, weil die Anspielungen auf Fürst Pückler-Muskau, Mr. Booth, Horaz, Aristoteles etc. wenn schon erkannt, so doch nicht gedeutet werden können, ohne Reclams grüne Erläuterungsreihe zu Rate zu ziehen. Ein Lesegenuss bleibt bei verpflichteten Schülern und Studenten meist aus und wandelt sich zum Lesefrust. Und doch kann „Frau Jenny Treibel“ so leicht verstanden werden, wirft man ein Blick auf ein Berlin vor der Jahrhundertwende. Es ist die Rede von einem Berlin, das den Aufschwung der Industrialisierung der 1870er überstanden und deren erste Krise bereits durchlitten hat, ein Berlin, in dem vor allem die Arbeiter unter den Rezessionen leiden. Fontane spart hinsichtlich jener Repressalien zwar nicht mit Anspielungen, geht auf die eigentliche Wirtschaftspleite seines Berlins aber auch nicht ein. Seine erzählerischen Talente nutzen einem Trompetertischchen und Blumenestraden mit Goldlack eben mehr als dem wirtschaftlichen Katzenjammer einer Großstadt. Fontantes Augenmerk liegt auf zwei Personengruppen, die das Fontansche Berlin widerspiegeln. Da findet sich das Haus Treibel zum einen und das Haus Schmidt zum anderen. Der Titelheldin, die nichts als ihre Meinung dafür einbringt, eine Titelheldin zu sein, kann der Leser von 2010 kaum die „Hartherzigkeit“ des Kritikers vom ausgehenden 19 Jahrhundert zusprechen, denn nur zu gut nachvollziehbar ist die Sorge um das familiäre Hab und Gut und die Bemühungen, die Söhne ordentlich zu verheiraten. Und um nichts anderes dreht sich „Frau Jenny Treibel“ als um die Verheiratung ihres jüngsten, Leopold, der nach Möglichkeit nicht in die Hamburger „Besserwisserei“ einheiraten sollte, wie es schon sein aälterer Bruder, Otto, mit Helene, geb. Munk, vorgemacht hat – und es am Ende doch tun wird, denn diejenige, die sich Leopold aussucht, Corinna Schmidt, passt der Treibel doch nicht. Aber der Reihe nach: wer sind die Figuren, mit denen Fontane spitzfindige Kritik an der Berliner Bourgeoisie der 1880er übt? Jenny Treibel, ihres Zeichens, ehemalige Traubenrosinenverläuferin, Tochter eines Kolonialwarenhändlers, glückte es, sich mit dem Industriellen Kommerzienrat Treibel zu verheiraten. Diese bourgeoise Heirat steigt ihr zu Kopfe. Fontane gibt seiner Titelheldin einen überheblichen, realitätsfernen Charakter. Der Herkunft nach kann Jenny Treibel auf einer gesellschaftlichen Ebene mit der Wirtschafterin Rosalie Schmolke (Hause Schmidt) angesiedelt werden, doch sieht sich Jenny eher feudal und dem Adel ganz nah. Wie mag sie aussehen, die Jenny? Fontane spart an einem personalen Erzähler, der die Äußerlichkeiten der Figuren direkt aufzählt, das Benehmen, angefangen vom flachen Atem, bis hin zur Gesangesstimme geben jedoch Auskunft über die Korpulenz, mit der Jenny ihrem Stande Ehre macht. Das Äußere steht ihrem Inneren Pate: resolutes Auftreten, (das geräuschvolle Zurückschieben des Türriegels, geräuschvolle Geschäftigkeit). Jenny Treibel ist gesegnet mit zwei Söhnen, derer älterer, Otto, mit einer von Komplexen (dem Hamburger Komplex [Conrad Wandrey 1919]) behafteten Gemahlin, Helene geb. Munk, in der Gesellschaft glänzen soll und derer jüngerer, Leopold, sich mit der Professorentochter Corinna heimlich verlobt hat … und auch wieder nicht. Die Hamburger glänzen durch ihre weltmännische Art, mit der es gelingt, die aufmerksame Jenny Treibel immer wieder zu „shocking“. Corinna Schmidt, so bieder der Name, so bieder das Mädchen und dennoch von außergewöhnlicher Klugheit, hat nichts Skandalöses an sich auch ihre gesellschaftlich angetriebenen Heiratspläne sind alles andere als sensationell. Leopold ist das schwarze Schaf der Treibelschen Industriellenfamilie. Er kommt weniger auf einem feurigen Pferd zu seiner Verarbredung, denn „mit einer langsam herantrottenden Droschke“ (S. 124) Und eben diese erzählerischen Rafinessen machen den kleinen Roman zu etwas unwahrscheinlich Ulkigen. Man sieht den vorsichtig im Schritt dahin reitenden Leopold auf seinem temperamentlosen, ausgedienten Mangenpferd durch die lichte Landschaft von Treptow gerade zu vor sich und kann Corinna nur beipflichten, wenn sie ihm keinen Vorwurf machen, kann „dass aus ihm kein Held wird“ (S. 182). Ihr Cousin, Marcell ist so etwas wie der tragische Held des Ganzen. Im ersten gemeinsamen Kapitel, dem 5., wird klar, dass er in Corinna verliebt ist, beziehungsweise durch ein ganz frühes Miteinander (Kap. 7.2. – aus Marcells Ansprache würde man heut auf eine traumatische Buddelkastenliebe mit Corinna schließen) von Corinna eingenommen ist und ihrem Vater, dem Professor Wilibald Schmidt, das „alte Lied“ – „Corinna“ (Kap. 7.2.) in eben dem regelmäßigen Pathos vorsingt, wie die Treibel ihr Credo „Glück von deinen tausend Losen“ (Kap. 4, 16). Dies Lied wurde ihr von Wilibald Schmidt in einer bourgeoisen Ära vermacht, als sie miteinander verlobt gewesen waren und man meinen konnte, dass sich „Herz zum Herzen find´t.“ (Kap. 4, 16) Die Figuren charakterisieren sich mithilfe dessen, was sie sagen. Fontane spart am Erzähler, was dem Ganzen einen bühnenstückhaften Beigeschmack gibt. So berichtet der Kunstwart 1892, die Figuren würden nicht in der Exposition des Stückes vorgestellt, sondern wie aus einem Nebel treten und schließlich so nahe vor einem stehen, dass man sie fühlen könne. (Dies aus Sicht 1892) Die Figuren-Kreise, in denen Fontane seine Handelnden anordnet, sind bemerkenswert. Während sich Frau Jenny Treibel klar zur Berliner Bourgeoisie hinzu zählt und mit den Leutnants a.D. und musisch Versierten eine feudale Ständehierarchie gegenüber den Untergebenen aufrecht zu suchen scheint und dass, ohne dem Adel anzugehören, zeigt sich der Gelehrtenkreis um Professor Wilibald Schmidt als der einzige Zirkel, der größere Ziele oder gesellschaftlichen Ideale (gern in Diskussionen über Mykenä und Schliemann) überhaupt erwähnenswert findet, während der Bourgeoisie-Kreis selbstverliebt, protzend, („Protzentum [Adolph Stern, 1893]) und letzten Endes sich selbst belügend dargestellt wird. Der alte Treibel ist lediglich „beim Zeitung lesen Politiker“ (Walter Paetow, 1893) und kann überhaupt nicht einwirken in Ständehierarchien und sein eigenes Ansehen. Die parallele Existenz der Figurengrüppchen, der Makrokosmen und das Aufeinanderwirken der einzelnen Figuren (Mikrokosmen) bzw. das gegeneinander wirken der Makrokosmen machen den Roman so faszinierend. Die beiden Häuser Schmidt und Treibel machen den Stellenwert von „Ich bin, was ich habe“ sehr deutlich. Das „Haus“ Treibel symbolisiert hierbei den Besitz, während das „Haus“ Schmidt den „Besitz von Bildung“ verkörpert und somit eine bipolare Ausgangslage vermittelt. Das „Haus“ Schmidt allerdings trügt, denn es erweckt nur den Anschein, dass man sich auf dem Olymp der Wissenden bewegt und unter den griechischen Philosophen eine sättigende Existenz findet. Die Titelfigur, Jenny Treibel, könnte als zwischen beiden Figurenzirkeln sitzende, gescheiterte Verkörperung von Besitz und Bildung betrachtet werden, denn Fontane stellt die Treibel als impertinent, naiv, aber berechnend und sich an Rituale klammernd, dar. Hier wirken Fabrikbesitzer und Akademiker, freie Unternehmer und Beamte auf einander ein, selbst die Wohnsituation (Moderne Villa vs. Berliner Mietshaus) spricht die Gegensätze aus, auf die Fontane kritisch aufmerksam machen will. Die Treibelsche Firma stellt Berliner Blau her (einem Ideal an Farbe für die Uniform idealer Soldaten, von denen ironischerweise Leopold Treibel ausgemustert wurde) und der Archäologe Marcell ist mit der Ausgrabung Trojas beschäftigt (im weitesten Sinne) so kommen beide Kreise auch wieder auf einen gemeinsamen Nenner: Dem Bürgertum, in dem Anspruch und Wirklichkeit nicht übereinstimmen. Beide Figurenkreise sparen nicht mit Kritik aneinander. So kritisiert der Besitzende den Gebildeten und der Gebildete den Besitzenden. Weder der eine noch der andere Wortführer der jeweiligen Gruppe sollte als Sprachrohr Fontanscher Ansichten gelten gelassen werden. Neutralität ist Fontane nicht geglückt, aber Parteinahme hat er wohl auch nicht angestrebt und nimmt auch einen Schmidt-Treibel Antagonismus aus. Die Dialoge der Figuren des Schmidt-Kreises lesen sich wie ein Redensartenlexikon. Die Akademiker werfen mit Klassiker-Zitaten um sich, dass der Gesprächsgegenstand zuweilen auf der Strecke bleibt. Und nicht nur die Akademiker beherrschen die Dialektik des Zitierens, sondern auch die Industriellen: während Jenny Treibel dem Drang nachgeht, ihren Grad an Bildung auf der Zunge zu führen, verstricken sich der alte Treibel und seine Gäste ins Zitieren, bis der Sinngehalt der Zitate völlig entstellt scheint. Kants kategorischen Imperativ heranzuziehen geschieht bei der Tischsituaion des „Treibel-Abends“ nur um des Klangs der Worte willen. „Positiv“ und „negativ“ können nicht die Rasterkriterien für den Schmidt-Kreis und den Treibel-Kreis sein, denn allein der Kommerzienrat Treibel ist auf seine großväterliche Art viel zu sympathisch, als dass er der Bösewicht im Ungleichgewicht sein könnte. Fontanes Namengebung der adeligen Vertreter seiner Erzählung ist maßgeblich: so heißt die dicke Hofdame Ziegenhals und die dürre ist die Bromst. Diesen Witz kennen wir spätesten von Botho („Irrungen, Wirrungen“), der den In-Namen deutscher Ritterlichkeit vor der Brust zu tragen hat. Der greise Fontane der 1890er wird die devote Haltung der kleinen Leute gegenüber der Oberschicht zur Kenntnis genommen haben. Man kann ihm eine Abkehr von politischen Interessen also nicht unterstellen. In „Frau Jenny Treibel“ wird der Fontansche Hang zum Realismus deutlich: „Es wird nicht gelobt und nicht getadelt“ (Max Haese, 1892) alles, was wir erfahren, entspringt der Fontanschen Phantasie. Frau Jenny Treibel beispielsweise entspricht in ihrem Verhalten den 1850er Jahren aber nicht jemanden, der als Geschäftsmensch durch die 1873er Börsenkrise gegangen ist. Eine Frau mit der Wirtschaftskrise in der persönlichen Vergangenheit würde sich anders benehmen. Und doch dürfen wir Fontane nicht der Ungenauigkeit oder Augenwischerei bezichtigen, denn im Verständnis der 1890er erstarkte die Einsicht, sich politisch betätigen zu müssen, um die eigenen Interessen durchsetzen zu können. Die Stagnation solcher Weltverbesserungspläne hält uns der Kommerzienrat Treibel vor Augen. Selbst, wenn Fontane eine Frau Justizrätin Kette zum Vorbild für die Figur der Jenny Treibel nahm und diese Umwege über Frau Kommerzienrätin Jenny Conradin (Entwurf 1), ferner über eine gutherzige, aber dumme Kommerzienrätin (Entwurf 2) und eine Kommerzienrätin Jenny Treibler, viel klüger als die im zweiten Entwurf, aber wohl noch zu gut (Entwurf 3) nehmen musste. Auch ein Blick auf Fontanes Biografie lässt auf gründliche Voruntersuchungen des Stoffes schließen, ging er doch in den 1880ern bei Großindustriellen ein und aus. Vielleicht mag ihn der geballte Naturalismus, der der Industrie anhängig ist, bald die Verbindungen dorthin abgebrochen lassen haben. Die Realistische Echtheit in Fontanes „Frau Jenny Treibel“ wird gerühmt und spiegelt eben wieder Fontanes Inakzeptanz des erstarkenden bleichsüchtigen und schwarz malenden Naturalismus (nach Königsberger Hartung´sche Zeitung 6.12.1892) wider. Sein Realismus, bürgerlicher Realismus, ist der Grund, weshalb es Fontane immer wieder auf die Lektürelisten Berlin/Brandenburger Schüler und Studenten schafft. Denn wenn sich die Fontanschen Berliner auf den Berliner Straßen bewegen und über Berliner Angelegenheiten plaudern, (so Kap. 5: Corinna und Marcell – Gegend Köpenickerstraße – Corinna nimmt die Betrachtung eines Schutzmannes zum Anlass ihre Befindlichkeit gegenüber Marcell), fühlt man sich selbst wie ein Berliner. I.Hübner

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  • Rezension zu "Frau Jenny Treibel" von Theodor Fontane

    Frau Jenny Treibel

    leserin

    05. December 2009 um 15:09

    Der Roman wurde 1891 fertiggestellt. Frau Jenny Treibel, verheiratet, Kommerzialrätin liebt die vornehme Gesellschaft und veranstaltet Dinnerpartys. Sie lädt Corinna, eine Professorentochter, ein, die viel Aufmerksamkeit in der Herrenwelt erregt. Marcel wirft ein besonderes Auge auf sie. Sie aber möchte gerneder höheren Gesellschaft angehören und "drängt" sich dem jungen Leopold Treibel auf und verlobt sich. Die Mutter lehnt dies kategorisch ab. Der Inhalt ist nicht sehr außergewöhnlich, aber die Sprachgewandtheit und die Wortdichtheit des Schriftstellers hat mich zum Weiterlesen sehr inspiriert. Er schreibt zwar öfters lange Sätze, aber Form und die Aussage waren für mich sehr beeindruckend. Fontane schreibt in der "alten Sprache" und ich mußte des öfteren nachschlagen, um die Wörter richtig zu deuten. Es gibt zwar einenAnmerkungs- Teil am Ende Buches, der so manches auch erklärt. Fazit: Diesen Klassiker zu lesen, ist eine wertvolle Erfahrung.

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  • Rezension zu "Frau Jenny Treibel" von Theodor Fontane

    Frau Jenny Treibel

    November

    29. September 2009 um 16:10

    Fontanes "Jenny Treibel" habe ich im schulischen Zusammenhang gelesen. Entgegen meiner Mitleser im Lk finde ich dieses kleine Buch interessant und witzig. Allerdings störte das Lesevergnügen die vielen mir unbekannten Wörter und ständigen Verweise. Anfangs war es recht schwierig bei den ellenlangen Hypotaxen nicht den Überblick zu verlieren - sicher ein Grund, der vielen diese Art Bücher verleidet. Ist man jedoch erst einmal in der Handlung,kann man sich nicht nur an der ironisch-sarkastischen Betrachtungsweise des Bürgertums, sondern auch an einer tatkräfigen Corinna, einem ulkigen Professor und natürlich an der ewig lamentierenden und dominanten Frau Jenny Treibel erfreuen. Nach ausführlicher Beschäftigung mit diesem Roman muss ich jetzt noch einmal auf die geniale Verwendung der Sprache durch Fontane hinweisen. Ich habe "Jenny Treibel" aus diesem Grund ein zweites mal gelesen und ich bin wahrlich fasziniert, wie Fontane seine Figuren allein durch die Gespräche charakterisiert.Sein feinsinniger Humor und die Andeutungen werden zumeist erst bei genauerer Betrachung deutlich, bereiten aber ein (zumindest mir) großes Vergnügen.Fontane ist daher besonders für diejenigen empfehlenswert, die sich für das Facettenreichtum der Sprache samt präziser Verwendung begeistern können.

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  • Rezension zu "Frau Jenny Treibel" von Theodor Fontane

    Frau Jenny Treibel

    MrsCodyMcFadyen

    03. September 2009 um 01:03

    Das perfekte Buch um zu zeigen, wie wichtig es ist einen gewissen soziales Status zu haben, ohne den man auf gut deutsch gesagt richtig auf die Schnauze fällt…. Das ist nur die „Kerngeschichte“, es passiert noch mehr darum herum: Frau Jenny Treibel, Kommerzienrätin und ihr Mann haben einen Sohn, der verheiratet werden soll. Nachdem er sich seine Verlobte aussucht, die in der sozialen Rangordnung viel weiter unten steht, als Leopold selbst, verbietet Jenny ihrem Sohn die Hochzeit. Man möchte also bis zum Ende wissen, wer mit wem… Zwischen Fontanes Naturgeschichten schweben wir in der Welt der Liebe und der Ungerechtigkeiten der sozialen Ungleichheit. Die gewisse Heftigkeit derer wird einem deutlich, dass es ja damals noch bei den Eltern lag, die Braut für ihren Sohn auszusuchen. Heute ist man sich damit selbst überlassen, tut es aber genauso. Welcher Arzt heiratet eine Putzfrau? Nur 4 Sterne bekommt das Buch, weil ich besser Vergleiche von Fontanes Seite habe. Es hat sich alles etwas in die Länge gezogen, man hätte meiner Meinung nach ein paar Gespräche zwischen manchen Personen kürzen können, da diese eher unwichtig waren und das Buch nicht in der Handlung voranbrachten. Das Ende ist leicht überraschend, als man dann wusste, wer mit wem genau. Trotzdem, die Ungerechtigkeit und eine Empörtheit über das Verhalten der Erwachsenen gegenüber ihren Kindern bleiben ganz klar. Warum kann denn der arme Junge nicht selbst entscheiden? Das Fazit hierzu ist, dass ich denke, alles in allem ein gelungenes Buch, dass unglaublich stark zum Nachdenken anregt – und zum Fröhlich sein, das man heute selbst entscheiden kann, wen man heiraten möchte. Sei es den Professor oder den Kassierer!

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  • Rezension zu "Frau Jenny Treibel" von Theodor Fontane

    Frau Jenny Treibel

    DriftinHeart

    10. March 2009 um 16:04

    sehr ironisches, den ständedünkel des deutschland im späten 19. jahrhundert aufs korn nehmendes buch, schön geschrieben, sympatische charaktere.

  • Rezension zu "Frau Jenny Treibel" von Theodor Fontane

    Frau Jenny Treibel

    Aki

    15. February 2009 um 15:34

    Im Deutsch LK hab ich dieses Buch gehasst. Aber wenn ich jetzt so drüber nachdenke, hat Fontane die Gesellschaft (wie hieß es Spießbürgertum?) richtig gut getroffen

  • Rezension zu "Frau Jenny Treibel oder »Wo sich Herz zum Herzen find't«" von Theodor Fontane

    Frau Jenny Treibel

    SagMal

    06. August 2008 um 18:41

    Fontanes "Frau Jenny Treibel" hat eine ziemlich vorhersehbare Story, ist aber anschaulich geschrieben. Jenny Treibel, selbst erst durch eine Hochzeit zu Reichtum und Wohlstand gekommen, untersagt ihrem Sohn Leopold die Heirat mit der Professorentochter Corinna Schmidt, weil diese keine Reichtümer besitzt. Corinna wiederum will Leopold nur wegen des Geldes heiraten, findet ihn ansonsten aber absolut langweilig... Den Rest der Auseinandersetzung zwischen den Seiten Reichtum (verkörpert durch die Treibels) und Bildung (dargestellt durch die Schmidts) kann man sich denken...

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  • Rezension zu "Frau Jenny Treibel" von Theodor Fontane

    Frau Jenny Treibel

    JeunesseDoree

    14. March 2008 um 11:11

    Die ewige Suche nach Erfüllung und Glück. Dreh und Angelpunkt in Fontanes Roman ist die bezaubernd forsche Professorentochter Corinna, welche mit ihrem Intellekt alle um den Finger wickelt und die besseren Kreise ordentlich aufmischt. Diese versteift sich in den Gedanken ihr Glück zu machen, indem sie sich den mediokren Sohn des Kommerzienrats und Industriellen Treibel an den Hals wirft, obwohl ihr Herz an einem anderen hängt, aber da hat sie die Rechnung ohne dessen Mutter Jenny Treibel gemacht, welche den Skandal um jeden Preis verhindern will. Diese Jenny ist eine leidenschaftliche Schwärmerin für das Ideele und die Poesie, und hängt mit ihrem Herzen immernoch an ihrer Jugendliebe, dem Vater von Corinna. Doch trotz dieser Schwärmerei ist sie nie ihrem Herzen gefolgt, sondern immer dem Lockruf des Geldes, des Ruhmes und dem äußeren Schein. Sie hat genau den Weg hinter sich den Corinna einschlagen will und entwickelt sich trotzdem (oder gerade deshalb) zu ihrer Widersacherin. Fontanes hat die Figuren hier wirklich großartig miteinander verwoben, und die Gespräche im Salon und im kleinbürgerlichen Gelehrtenkreis sprühen vor Witz und Intelligenz. Alles in allem ein lehrreicher und unterhaltender Roman, sofern man vor Geschichten mit weniger dramatischen Geschehen nicht zurückschreckt.

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