Olivier Sillig erzählt die Lebensgeschichte des Gauklers Hardouin, im Gepäck ein in Alkohol eingelegter Hermaphrodit. Es ist aber nicht nur seine Geschichte, sondern auch die Geschichte dieses namenslosen Hermaphroditen, seiner beiden Assistenten Tiécelin und Juan, und dem Grüppchen sonderbarer Menschen, die sich nach und nach dem Gaukler und Schauspieler auf seiner Reise durch Europa anschließen. Die Geschichte streift entführt den Leser auf den Karneval von Venedig, begleitet Kolumbus´ Fahrt nach Westen und zu guter letzt auf dem Galgenberg von Marseille.
Der Autor schreibt, als würde er nicht über das ausgehende Mittelalter schreiben, sondern als hätte er die Geschichten dieser Gaukler hautnah miterlebt. Es wirkt nichts erfunden, oder dazu gedichtet, die Sprache wirkt so echt und voller Magie, dass man sich tatsächlich ins Mittelalter versetzt fühlt. Zwischendurch hatte die Geschichte für mich einige Längen, als der Autor zu sehr auf die Sexualität der Protagonisten einging und der Erzählfluss unterbrochen wurde von einer Rückblende in Hardouins Leben vor dem Zusammentreffen mit Tiécelin und einem Ausblick in die Zukunft, bei dem es zu einem Aufeinandertreffen Tiécelins mit Hardouins erstem Assistenten Juan kommt. Die handelten Protagonisten sind nicht nur durch ihren erwählten Beruf Grenzgänger der Gesellschaft, sondern auch durch angeborene oder erlangte Behinderungen, Homosexualität oder einer außergewöhnlichen Lebensgeschichte. Einige Handlungsstränge tragen derart märchenhafte Züge, dass Realität und Utopie auf wundersame Weise vermischt werden.
Insgesamt war der Roman "Schule der Gaukler" ein außergewöhnliches Leseerlebnis für mich, da er von der Sprache und der Geschichte so unheimlich authentisch wirkt.
Direkt ins Auge gestochen ist mir in diesem Fall die Aufmachung des Buches. Der Klappentext ist um 90 Grad verdreht zum Buchcover zu lesen und beginnt zusammen mit dem Titel des Buches bereits auf dem Buchrücken.
Olivier Sillig
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Olivier Sillig
Schule der Gaukler
Neue Rezensionen zu Olivier Sillig
“Schule der Gaukler” des Künstlers Olivier Sillig liest sich wie ein Märchen für Erwachsene.
An diesem Buch stimmt alles: Wunderschön und liebevoll herausgegeben ist das Buch ein wahres Prachtstück. Der Inhalt ist durchkomponiert und spannend geschrieben mit unglaublichem Gefühl für die Sprache. Denn es ist nicht nur ein Roman sondern auch eine unangestrengte Sprachlektion. Hier ist die Rede von Idiomen, Eigennamen und Diphtongen, die so gekonnt in die Geschichte mit eingeflochten wird, dass die linguistischen Ausführungen nicht stören sondern bereichern.
Es ist kalte Nacht. Die Kinder trinken Alkohol und tanzen, damit ihnen warm wird. Sie haben ja schließlich keine anständigen Klamotten, nichts zu essen und nur Geschichten, die sie am Leben halten. Aber nicht mehr lange, denn in dieser Nacht werden sie alle sterben. Alle, bis auf den Waisen Tiécelin, der von Hardouin, einem Gaukler, vorm Erfrieren gerettet wird.
Tiécelin hat zuerst große Angst vor dem älteren Mann, aber nach und nach lernt er den Gaukler besser kennen. Der Junge erfährt, dass Hardouin bei einem Kartenspiel das “Ding”, einen in Alkohol konservierten Hermaphroditen, gewonnen hat. Daraufhin hat er sich einen Wagen bauen lassen und stellt das Ding seitdem auf Märkten zur Schau. Dazu braucht er aber einen Gehilfen und findet diesen in Tiécelin. Hardouin bringt seinem Assistenten den neuen Beruf bei und gemeinsam begeben sie sich auf eine spannende Reise, die quer über die Märkte Südeuropas führt.
Schon bei der ersten gemeinsamen Marktschau treffen sie auf die Hellseherin Grand Macabre, die Tiécelin die Geschichte des Dinges erzählt. Aber ob es wahr ist, was sie über den Hermaphroditen Carlocarla berichtet, woher er stammt und wie er in den Glasballon gelangte? Das wird Tiécelin nie erfahren. Trotzdem ist die Geschichte so beeindruckend, dass Tiécelin das Ding fortan als Freund betrachtet. Mit der Zeit lernt Tiécelin nicht nur das bunte Jahrmarktleben kennen, sondern beginnt auch ein eigenes Leben zu führen. Er wächst heran und wird zu einem selbstständigen Mann, schließt Freundschaften und gründet eine eigene Familie. Trotzdem wird er immer ein Leben in Bewegung führen und auf diese Weise auch schmerzhafte Verluste erleiden müssen.
Wer sich auf “Schule der Gaukler” einlässt, wird eine bunte Reise über die mittelalterlichen Märkte von Europa, nach Lissabon, Venedig und Isfahan und durch deren Geschichten antreten.
Gespräche aus der Community
Welche Genres erwarten dich?
Community-Statistik
3 Bibliotheken


