Goethes Werther gilt als Wegbereiter der Empfindsamkei, aber für mich war die Lektüre vor allem eines: anstrengend. Ich vergebe 2 Sterne, weil ich die sprachliche Eleganz und die historische Bedeutung anerkenne, mit dem Protagonisten und der Auflösung aber überhaupt nicht warm wurde.
Werther ist für mich kein tragischer Held, sondern ein selbstverliebter Melancholiker, der sein Unglück genüsslich zelebriert. Statt Abstand zu gewinnen oder Verantwortung zu übernehmen, steigert er sich in eine Spirale aus Jammer und Vorwürfen. Seine Briefe wirken nicht authentisch verzweifelt, sondern inszeniert, und nach einer Weile ist dieses Gejammer einfach nur noch ermüdend.
Das größte Problem aber ist das Ende. Nach all dem psychologischen Aufbau wirkt der Selbstmord wie ein dramaturgischer Kurzschluss. Statt einer zwingenden Tragödie liefert Goethe eine fast verklärende Darstellung des Sterbens, die mir weder stimmig noch überzeugend erscheint. Anstatt Erschütterung bleibt Ratlosigkeit.
Vielleicht war das Buch für seine Zeit revolutionär. Aus heutiger Sicht empfinde ich es als überkonstruiert, emotional übertrieben und in der Auflösung schlicht unbefriedigend. Wer auf historische Bedeutung und intensive Gefühlsschilderungen Wert legt, mag es mögen, für mich war es eine Enttäuschung.




