Helmut Pöll

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Die Elefanten meines Bruders

Die Elefanten meines Bruders

 (19)
Erschienen am 05.08.2012

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Rezension zu "Die Elefanten meines Bruders" von Helmut Pöll

Über einen ganz besonderen Jungen....
renievor 3 Jahren

Helmut Pöll hat mit "Die Elefanten meines Bruders" einen Roman geschrieben, der einen berührenden Einblick in die Seele eines Kindes gewährt, das zuviel Energie hat.
Der 11-jährige Billy Hoffmann hat von vielem zuviel: zuviel Energie, zuviel Fantasie, zuviele Fragen. Er ist ein anstrengendes Kind - wie viele Erwachsene meinen. Und er leidet an ADHS... nicht, weil heutzutage viel zu schnell und leichtfertig ADHS diagnostiziert wird. Nein, Billy leidet wirklich an dem Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätssyndrom.

Worum geht es in diesem Roman?
Billy Hoffmann ist elf und findet es doof, dass zwischen seinem Vor- und Nachnamen kein „Tiee“ steht wie bei einem Amerikaner. „Tiee“ stünde für Trevor oder Timothy, was ziemlich cool wäre.
Sein größter Wunsch ist es, mit seinem großen Bruder Phillipp in den Zirkus zu den Elefanten zu gehen. Das kann er aber nicht, weil der Bruder am Vorabend der Vorstellung überfahren wird....
Die Elefanten meines Bruders - Ein Roman über ADHS und einen Zirkusbesuch, der nie stattgefunden hat. (Klappentext) 

Billy hat von vielem zuviel. Aber etwas fehlt ihm gewaltig: sein Bruder Phillipp. Im Alter von 6 Jahren musste Billy miterleben, wie sein älterer Bruder bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Der Tod von Phillipp hat eine riesige Lücke in seinem bisher kurzen Leben hinterlassen. Heute, 4 Jahre später, hat sich Billys Seele immer noch nicht von dem Verlust erholt. Phillipp fehlt ihm, genauso wie die Elefanten, die die beiden im Zirkus besuchen wollten. 

"Aber vielleicht ist es auch so, dass man einmal im Himmel das wird, was man sich ganz fest wünscht. Wenn ich als Opa sterbe, dann wünsche ich mir, dass ich im Himmel wieder ein kleiner Junge bin. Dann suche ich Phillipp, zeige ihm unsere beiden Eintrittskarten, die ich natürlich bis dahin aufhebe, und gehe endlich mit ihm in den Zirkus." (S. 27)

Zum Glück ist da Mona, Billys Schulkameradin und beste Freundin. Mit ihr kann Billy über alles sprechen. Ihr schüttet er seine Seele aus, sie versteht ihn. Sie können miteinander lachen, sie können miteinander weinen. Sie bilden ein Gespann, das unzertrennlich ist. Beide sind sich einig: Erwachsene sind merkwürdig, kompliziert und unlogisch. Erwachsene nehmen Kinder nicht ernst und verwenden häufig eigenartige Ausdrücke wie "Jemandem einen Bären aufbinden". Und wenn die Kinder dann versuchen, diese Ausdrücke in die Tat umzusetzen, reagieren die Erwachsenen mit Überheblichkeit, Unverständnis oder verlegenem Lachen, so auch in diesem Fall, als Billy sich einen Stoffbären auf den Rücken bindet und damit durch die Wohnung rennt.

"Man darf nicht lügen und man darf nicht berechnend sein. Jedenfalls dürfen Kinder das nicht. Später sieht es anders aus. Wenn man arbeitet, dann darf man auch nicht lügen. Aber wer gar nicht lügt und gar nicht berechnend ist, den beißen die Hunde. Das sagt mein Vater manchmal." (S. 137)

Die Fantasie von Billy ist grenzenlos. Er hängt viel vor dem Fernseher. Seine Helden sind Action- und Krimifiguren. Und dann ist da noch "Star Wars". Die Weltraumsaga hat es ihm angetan. Hier holt er sich Inspirationen für seinen Alltag. Seine Fantasie bewirkt, dass er die Filmwelt in seine Gedankenwelt einfließen lässt - sehr zum Unwillen seiner Eltern, die oft überfordert sind, wenn er mal wieder mit dem Todesstern in der Hand, schreiend durch die Wohnung rast.
Dies ist für ihn u. a. eine Möglichkeit, seiner Energie ein Ventil zu geben, oder, wie er so schön sagt "seinen Fusionsreaktor" vor dem Explodieren zu bewahren.
Billy ist aber auch ein Schlitzohr. Natürlich leidet er unter den Energie- und Panikattacken. Aber genauso ist er auch in der Lage, seine "Anfälle" genau dann zu bekommen oder so zu tun, als ob, wenn es die Situation erforderlich macht - also dann, wenn Ärger droht und es brenzlig für ihn werden könnte.

Der Autor Helmut Pöll hat die Geschichte aus der Sicht von Billy geschrieben. Dabei ist es ihm gelungen, sich auf die Sprache eines 11-Jährigen einzulassen - manchmal altklug, manchmal naiv und immer herzerfrischend ehrlich. Die Logik von Billy ist verblüffend. Und oft stellt man als Leser fest, wie kompliziert die Denkweise von Erwachsenen doch sein kann. Das Leben könnte so einfach sein, wenn man sich ab und zu darauf einlassen würde, die Welt durch die Augen eines Kindes zu betrachten.

"Ein Dilemma ist, wenn man sich für was entscheiden muss, aber beides kacke ist." (S. 142)

Helmut Pöll schafft es, sich in die ADHS-gebeutelte Seele eines Kindes hineinzuversetzen und die Gedanken dieses Kindes absolut authentisch wiederzugeben. Dies geschieht mit einem Humor, der teilweise zum Brüllen komisch ist. Oft habe ich mich gefragt, wie Helmut Pöll nur auf solche Ideen kommt. Er lässt Billy Sätze von sich geben, die einfach nur originell sind. Trotzdem wirkt Billys Geschichte nie klamaukhaft. Helmut setzt den Humor nur dann ein, wenn es Billys Gefühlslage zulässt. Es gibt Situationen, in denen die Verletzlichkeit von Billys Seele zum Vorschein kommt. Denen begegnet Helmut mit viel Respekt und Einfühlungsvermögen.

Fazit:
Die Geschichte von Billy hat mich berührt, aber auch zum Lachen gebracht. Ich kann sie nur jedem empfehlen, der Kinder hat und manchmal an diesen verzweifelt (also allen Eltern! ;-))
Ich könnte mich ärgern, dass ich dieses Buch nicht schon früher gelesen habe. Mal sehen, wahrscheinlich werde ich sie nochmal mit meinem 11-jährigen Sohn lesen. Ich bin mir sicher, er wird die Geschichte von Billy genauso lieben wie ich.
Klare Leseempfehlung!

© Renie

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Rezension zu "Die Elefanten meines Bruders" von Helmut Pöll

Ein Rohdiamant
Ein LovelyBooks-Nutzervor 6 Jahren

Meist fällt mir schon während des Lesens eines Buches ein, was ich in der Rezension schreiben werden. Diesmal nicht. Dieses Buch hat mich sofort gefesselt und es brauchte einige Tage um diese amüsante und doch todtraurige Geschichte zu verarbeiten. Diese Geschichte passiert vielleicht in vielen Haushalten, wenn auch nicht so dramatisch mit dem Tod von Geschwistern. Doch das Thema ADHS ist präsent.

Was mich an dieser Story besonders angesprochen hat ist die Sprache. Sie ist so einfach, und so passend, denn es wird aus der Sicht des zehnjährigen Billy erzählt. Die einfache Sprache macht aber genau dieses Buch aus, denn man hat schnell das Gefühl, Billy sitzt vor einem und erzählt aus seinem Leben.

Ich denke, diese Geschichte ermöglicht einen ganz anderen Blickwinkel auf ADHS-Kinder. Ich kann sie jetzt etwas besser verstehen, glaube ich, auch wenn ich keine Vorstellung davon habe, ob es in einem ADHS-Kopf wirklich so aussieht.

„Die Elefanten meines Bruders“ ist eine absolut lesenswerte Geschichte. Wie sie nicht liest hat etwas verpasst.

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Alexandra_vom_Buecherkaffees avatar

Rezension zu "Die Elefanten meines Bruders" von Helmut Pöll

Ein Roman über ADHS und einen Zirkusbesuch, der nie stattgefunden hat.
Alexandra_vom_Buecherkaffeevor 6 Jahren

Aus dem Klappentext des Buches:

Billy Hoffmann ist elf und findet es doof, dass zwischen seinem Vor- und Nachnamen kein „Tiee“ steht wie bei einem Amerikaner. „Tiee“ stünde für Trevor oder Timothy, was ziemlich cool wäre. Sein größter Wunsch ist es, mit seinem großen Bruder Phillipp in den Zirkus zu den Elefanten zu gehen. Das kann er aber nicht, weil der Bruder am Vorabend der Vorstellung überfahren wird.Mit seinen elf Jahren leidet er an ADHS. Aufmerksamkeitsdefizit-hyperaktivitätssyndrom. „Das habe ich aber gar nicht“, sagt er. „Ich habe nur viel Energie“. Deshalb rennt er auch zwanzigmal um die Säule vor der Tiefgarageneinfahrt, bis seine Mutter das Auto geholt hat - und muß zwanzigmal in anderer Richtung zurückrennen, bevor er einsteigen kann.
Die Welt der Erwachsenen erlebt er als willkürlich und zutiefst verstörend. Auf keinen Fall erstrebenswert.

Erwachsene haben ja oft Migräne. Das kommt, wenn das Hirn nicht mehr so leistungsfähig ist wie bei einem Kind. Dann warten die Erwachsenen auf schlechtes Wetter und bekommen Migräne.

Von Beruf will er später mal Spaziergänger werden, vielleicht auch Raumkreuzerkommandant. Sein Rüstzeug für den Umgang mit der Realität bezieht Billy haupsächlich aus Filmen. Er ist eine wandelnde Filmdatenbank und antwortet auf Fragen, wenn möglich, mit Filmzitaten seiner Helden. Das gibt ihm Sicherheit. Aber so verschwimmen Fiktion und Wirklichkeit immer mehr miteinander.

Meine Gedanken zu dem Buch:

Der Autor Helmut Pöll hat mit mit dieser Geschichte "die Elefanten meines Bruders" ein Werk erschaffen, dass ein Tür öffnet in die Welt eines Jungen, der unter ADHS leidet, der hochgradig hyperaktiv ist. Billy Hoffmann ist 11 Jahre alt, wird bald 12 und hat so einiges zu verarbeiten. Sein Bruder, der vor fünf Jahren bei einem Unfall ums Leben kam, ist in seinen Gedanken meist zentraler Mittelpunkt. Er vermisst ihn sehr und sein letztes Andenken an seinen Bruder hütet er wie einen Schatz. Dieses Andenken ist wie eine letzte Türe zu Patrick, die er nicht schließen möchte und auch nicht schließen kann.
Billy selbst sieht sich nicht krank, wie seine Eltern und auch seine Psychologin glauben, er hat einfach nur zu viel Energie, die er verarbeiten muss.
Der junge Billy erzählt in diesem Buch seine eigene Geschichte und lässt uns teilhaben an seinem Leben, gewährt uns Einblicke in seinen Alltag, in seine Probleme, in seine schönen Momente und wir erfahren, was er mag, was er nicht so gerne mag und was in regelrecht in Rage bringt. Billy ist sehr lebenslustig, neugierig und aufgeweckt und sehr "Nasewei s" und durch seine immer wieder sehr ironische Art würzt er seine Geschichte mit einer grossen Portion Humor.
Die Sprache ist der eines elfjährigen Jungen sehr angepasst, umgangssprachlich und immer mal wieder lapidar und der Stil spiegelt einfach grandios seine Unruhe, seine Hektik wider. Oft sind die Sätze kurz, wie abgehackt und auch der Inhalt ist immer wieder sprunghaft, so wie auch Billys Gedanken. Wenn sein "Fusionsreaktor" in den roten Bereich gerät, überträgt sich das durch diesen Schreibstil geradezu auf den Leser und man kann sich in etwa vorstellen, was in Billys Kopf gerade vor sich geht. Ich selbst habe in der Tat auch immer wieder Herzklopfen bekommen, sprich: ich habe regelrecht mitgefiebert mit Billy und ich konnte so manches Mal nachvollziehen, wenn er mit seinem "Todesstern auf Raumpatroullie" gehen musste, sprich: durch die Wohnung Rasen musste, bis die überschüssige Energie abgebaut war und er wieder zur Ruhe kam.

"Manchmal habe ich Ideen, die ich nicht mehr aus meinem Kopf bringe. Ich sage mir dann, denke nicht an XY, aber dann denke ich extra an XY und dann drehe ich total durch und muss eine Stunde mit dem Todesstern durch die Wohnung rasen."
eBook Pos. 982

Seine Gedanken sind immer wieder gestochen scharf und er treibt seine Eltern, seine Lehrer und auch seine erste Psychologin gerne in die Enge mit seinen vielen Fragen. Dabei will er doch einfach immer nur klare Antworten. er kann die Erwachsenen in vielen Dingen nicht verstehen - das "Drumherumreden" gehört für ihn da definitiv mit dazu.
Es ist ein faszinierendes Leseerlebnis, seinen Gedankengängen zu folgen, denn auf seine ganz persönliche Art ist er sehr, sehr intelligent. Er "schlaumeiert" auch sehr gerne, was ihm in seinem Umfeld immer wieder Minuspunkte einfährt.
Aber alte schwarz-Weiss-Filme wie Miss Marple, Pistazieneis und seine liebe Freundin Mona können ihn immer wieder besänftigen.

"Bunte Filme regen mich oft auf. Vor allem wenn sie schnell geschnitten sind. Dann werde ich zappelig, muss von meinem Stuhl aufspringen und renne wie irre in meinem Zimmer herum, bis meine Mutter hereinschießt und den Fernseher abstellt."
eBook Pos 122

In dieser Geschichte werden gleich zwei ernste Themen verarbeitet - zum einen der Umgang mit dem Verlust seinen Bruders, zum anderen das Leben mit ADHS. Und doch schafft es Herr Pöll, dies dem Leser mit einer faszinierenden Leichtigkeit zu vermitteln, dass man zwar permanent darüber nachdenkt und auch mit Billy mitfühlt, aber trotzdem nicht so schwer mit der Thematik belastet wird. Und dies gefällt mir besonders gut. Ich bin eingeladen, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen, mir meine Gedanken dazu zu machen und evtl. auch mit anderen über das Gelesene zu diskutieren - aber es erdrückt mich nicht, wie es Geschichten dieser Art gerne mal tun. Ich hatte nach Beenden des Buches noch lange Billys Geschichte im Kopf. Es hallt noch lange nach, aber eben auch die lustigen Momente, die schönen Momente in seinem Leben.

Kurz & gut - mein persönliches Fazit


"Die Elefanten meines Bruders" hat mich von der ersten Seite an in seinen Bann gezogen, ich habe Billy und auch seine Freundin Mona sofort in mein Herz geschlossen.
Ein wirklich grandioses Werk, dass nicht mit Spannungsmomenten trumpfen muss, sondern dass mich einfach ein Lebensjahr lang an Billys doch sehr energiegeladenen Leben teilhaben ließ. So authentisch, so ernst und auch immer wieder auf subtile Weise sehr gesellschaftskritisch - und doch mit einem sehr liebenswerten Humor gewürzt, wurde dieses Werk für mich zu einem echten Leseereignis. Mich hat Billys Geschichte nicht mehr losgelassen, daher von mir eine ganz klare Leseempfehlung!


© Rezension: Alexandra
buecherkaffee.blogspot.de

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