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37 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 23 Rezensionen

sowjetunion, volkskontrolleur, engel, papagei, schwarzer humor

Der wahrhaftige Volkskontrolleur

Andrej Kurkow , Kerstin Monschein
Fester Einband: 430 Seiten
Erschienen bei Haymon Verlag, 25.11.2011
ISBN 9783852186795
Genre: Romane

Rezension:

Wir haben es in diesem Roman eigentlich mit vier Geschichten zu tun. Ein Schuldirektor verliebt sich romatisch-unbürokratisch in die Stiefmutter eines Schülers. Ein Varietee-Künstler reist mit einem Papagei, der patriotische Gedichte aufsagt, im Land umher. Ein Engel, der aus den Himmelsscharen desertiert ist, schließt sich einer Gruppe von Armeedeserteuren an. Und schließlich die Geschichte von Pawel, einem einfachen Bauern, der zum Volkskontrolleur ernannt und in den äußersten polarnächtlichen Norden des Landes geschickt wird. Hintergrund des Geschehens ist die frühe Sowjetzeit, als die Menschen noch gutgläubig und zukunftsfroh waren.

Die Geschichten sind ineinander geblendet. Das geht auch gut, da sie sich deutlich voneinander abgrenzen. Jede der Geschichten hätte auch für sich stehen. Sie alle hätten ebenso hintereinander erzählt werden können. Der Leser wartet eigentlich vergeblich darauf, dass sich die Erzählstränge irgendwann treffen. Verbindendes Element ist der Patriotismus der Menschen. Kurkow erzählt im Stile eines Volksmärchens. Seine Leser wissen in der Rückschau wesentlich mehr als die handelnden Personen, denen die herannahenden Schrecken der Zwangskollektivierung verborgen bleiben. Sie fühlen sich und benehmen sich wie in einem Märchen, dass unbedingt ein gutes Ende finden wird.

Das ist eigentlich Kurkows Trick: Er belebt ein Propagandagemälde, lässt die ideal dargestellten Menschen herabsteigen und schickt sie auf die Reise durch die sowjetische Wirklichkeit. Daraus ergibt sich Situationskomik der absurden Art. Voller Ernst und erhobenen Hauptes träumend stoßen sie wie in einem Slapstickfilm mit den allergewöhnlichsten Dingen des Lebens zusammen.

Mir persönlich hat sich das Buch nicht so recht erschlossen. Der Grundgedanke, dass sich die Realität alle Mühe gibt, die Träumenden auf die Probe zu stellen, hat sich bald erschöpft. Da der Roman aus Sicht dieser idealen Sowjetmenschen geschrieben ist, geht der Autor nie über deren Verstehen hinaus. Das erschwert dem mit der Sowjetrealität unvertrauten Leser das Verstehen, da vieles nur angedeutet bleibt. So erging es auch mir. Manches ist komisch oder grotesk, anderes aber erschloss sich mir nicht.

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krimi, skurril, korruption, erpressung, schwarzer humor

Lutetia Stubbs: KellerLeichen

Matthias Czarnetzki
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei lulu.com, 26.09.2010
ISBN 9781446157398
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

"Es gab wirklich einige Ungereimtheiten in dieser Stadt, seltsame Vorkommnisse, komische Menschen, aber schließlich war das Provinz!" (Auszug)

Die Familie Stubbs bezieht eine alte Schlossburg im ländlichen Borough. Harold, der verwitwete Vater, ist Mathematikprofessor und will sich ganz der Erziehung seiner Kinder widmen. Lutetia Stubbs ist die Grufti-Detektivin, schlagkräftig und schlagfertig. Der pfundige Bruder Marx versucht sich eine Existenz im örtlichen Hanfhandel aufzubauen. Als Erzieher kommt Harold eindeutig zu spät. Aber eine neue Frau käme jetzt genau richtig.

Das beschauliche Borough hat seine Leichen gut vergraben, in diesem Fall eingemauert. Schließlich sind 30 Jahre eine lange Zeit. Haben die Toten und ihre Mörder ihre Ruhe nicht verdient? Ein Bürgermeister ist verschwunden, mit ihm die Gemeindekasse. Der Bürgermeister taucht gut mumifiziert wieder auf. Wo aber ist das Geld?

Die Personen sind allesamt schräg. Von pensionierten Dominas bis zum debilen Dorfpolizisten ist alles dabei. Die Familie Stubbs ist kein Fremdkörper in diesem Dorf. Es ist ein Wettlauf um die Krone der Skurrilität, bei dem die Dörfler vorne liegen.

Der Autor schreibt flott. Fast wie in einem Slapstick ist das Tempo hoch. Es geht Schlag auf Schlag. Das ist gewollt und durchaus gelungen. Wer einen Krimi erwartet, der nachdenklich den Täter umkreist, ist hier falsch. Wer Skulduggery Pleasant mag, der wird das Buch lieben. Das ist witzig, schnell und sarkastisch.

Großstadt trifft Provinz. Unerschütterlicher Spürsinn findet die Leiche im Dorfkeller. Wer vor keiner Peinlichkeit zurückschreckt, der schreckt auch vor Mord nicht zurück. Wer in diesem Borough wohnt, der hat nichts zu verlieren. 'Kellerleichen' ist ein ebenso schräger wie spannender Krimi.

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Tags: krimi   (1)
 

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Wittgenstein

Raouf Khanfir
Buch: 152 Seiten
Erschienen bei Hablizel, 21.03.2011
ISBN 9783941978072
Genre: Romane

Rezension:

Jemand, der sein Leben lebt, wie er sein Leben eben lebt, könnte immer dazu getrieben werden, etwas zu tun, was mit der Art, wie er sein Leben lebt, nicht zu tun hat.

Landvermesser K. aus Kafkas >Das Schloss< reist aus Montreal an, um im heutigen Wittgenstein das Erbe einer ihm unbekannten Großtante anzutreten und einen Serienmord aufzuklären.

Marco H. ist der Landvermessser K., den der Autor in die heutige Zeit versetzt hat. Ein sympathischer Nichtsnutz, der das Leben in Montreal genießt und sich treiben lässt.

Nachhaltig wird seine Ruhe durch ein Schreiben des Amtsgerichtes Bad Berleburg gestört, in dem ihm mitgeteilt wird, dass er von seiner Großtante ein Haus im deutschen Wittgenstein geerbt hat. Er beschließt aus seinem Leben in Montreal auszusteigen und in ein neues Leben in Wittgenstein einzusteigen. Er renoviert das geerbte Haus, besorgt sich eine neue Freundin und einen neuen Job. Störend ist nur, dass in seiner neuen Umgebung ein Serienmörder sein Unwesen treibt. Nun, dieser Fall will aufgeklärt sein, ehe das neue Leben von Marco H. endgültig bezugsfertig ist.

Erzählt wird zum einen aus der Perspektive von Marco H., vor dessen Augen die Geschehnisse wie ein Film ablaufen. Er ist kein Typ, der das Leben nah an sich herankommen lässt. Es sind immer ein paar leere Sitzreihen vor ihm. Zum anderen wird aus der Perspektive des Serientäters geschildert. Dessen Aufgeregtheit bildet den Kontrast zu Marco H.'s Gleichmut. Die Sprache ist in beiden Fällen schmucklos und gegenständlich. Die Haltung des Erzählers ist wohltuend trocken und gelassen.

Das Leben, das sich um Marco H. bildet, besteht aus Relitäten wie Haus, Job, Freundin sowie aus übernatürlichen Erscheinungen - nicht anders als in Kafkas >Das Schloss<. Die Großtante ist zwar gestorben. Dies hält sie aber nicht ab, das Haus als durchaus realer Geist zu bewohnen. Ein ehemaliger Nachbar aus Montreal zeigt sich nicht nur dort, sondern auch in Wittgenstein über jeden Schritt von Marco H. informiert.

Der Einstieg in das Buch ist reichlich philosophisch. Doch bald sind die ganzen geistvollen Anklänge nur Beiwerk, weil sich die Story schnell und zunehmend fesselnd entwickelt. Marco H. leidet nicht an seiner Existenz, verliert sich nicht in Deutungen seines Ichs, sondern lebt locker, fröhlich und oberflächlich vor sich hin. Irgendwie will die philosophische Anlage des Buches nicht zu diesem Typen passen. Das ist auch gut so. Die eigentliche Stärke des Buches ist, wie Marco H. quasi im Schongang einen Serienmörder überführt, als tapeziere er ein Zimmer. Irgendwie ist Marco H. in diesem Buch nicht anders ein Fremder als in Wittgenstein.

Die Kapitel aus der Sicht des Serienmörders bieten nichts Neues. Sie sind nicht schlecht, aber doch deutlich schwedische Kost. Die Schilderung der Wittgensteiner ist eine der Stärken des Buches. Mit ein paar Worten kommen die Personen und ihr Alltag zum Leben. Dieser Autor hat muss sich Lebenswirklichkeit nicht zurechtkonstruieren. Er teilt sie mit den Wittgensteinern.

Aufs Ganze gesehen hat sich der Autor nicht aus der reichlich bestückten Schablonenvitrine des Serientätergenres bedient. Sein Ansatz ist völlig neu. Dieser Marco H. purzelt in ein fremdes Leben, in einen ungelösten Kriminalfall, in ein philosophisches Buch. Das hat Klasse und ist auf jeden Fall lesenswert. Dieser Autor wird noch von sich reden machen.
petermarnet@blogspot.com

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