Rezension zu "Hohenecker Protokolle: Aussagen zur Geschichte der politischen Verfolgung von Frauen in der DDR" von Ulrich Schacht
TanteGhostKeine seichte Unterhaltung, sondern knallharte Wahreit, wie es wirklich hinter den dicken Mauern von Hoheneck zuging.
Inhalt: Ulrich Schacht, selber auf Hoheneck zur Welt gekommen, hat hier Eindrücke von Frauen gesammelt, welche auf Hoheneck ihre Haftstrafe wegen versuchter Republikflucht abgesessen haben.
11 Frauen, 11 Haftstrafen auf Hoheneck. Jede kommt mit ihren eigenen Worten hier zu Wort, erzählt das, was sie erlebt hat und wie sie es erlebt hat. Gemein ist allen diesen genau eins. Die Gefangenen wurden stellenweise sehr unmenschlich behandelt. Die Haftbedingungen waren zu keinem Zeitpunkt das, was man als menschenwürdig bezeichnen würde und immer stand der Umerziehungsgedanke im Vordergrund. Die Frauen sollten gebrochen werden, was auf unverschämt hohen Arbeitsnormen fußte, oder durch zwangsweise herbeigeführten Schlafmangel und psychische Unterdrückung durch Entzug eigentlich normaler Dinge wie Hygiene oder Privatsphäre.
Erschütternde Worte, erschütternde Schicksale. – Verursacht durch einen Staat, der seine Bürger zwanghaft einsperren musste, damit sie ihm nicht alle weggerannt sind.
Fazit: Ein unscheinbares, graues Buch, welches sein Dasein ungewöhnlich lang auf meinem Sub gefristet hat. – Auf Hoheneck selber war ich einmal als „Besucher“. Es war schon die Zeit, als die Burg als Mahnmal galt und kein Gefängnis war. Aber auch hier, ohne den laufenden Anstaltsbetrieb, war es alles andere als einfach, die Eindrücke zu verkraften und einfach so wegzuwischen. Das hat dazu geführt, dass ich unter anderem auch dieses Buch gekauft habe, weil mich die ganzen Geschichten rund um dieses berühmt, berüchtigte Bauwerk, einfach nur im faktischen Sinne interessieren.
Ulrich Schacht ist hier nicht der Autor, sondern der Herausgeber. Inspiriert zu diesem Buch wurde er durch die Tatsache, dass er auf der Burg zur Welt gekommen ist. Auch seine Mutter musste auf dieser Burg eine schreckliche Zeit durchmachen, was sie vor ihm dann aber auch nie verheimlicht hat. – Eine sehr interessante, als auch erschütternde Lebensgeschichte, die man auf keinen Fall einfach so stehen lassen kann. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass sich Herr Schacht für die Haftbedingungen und das Schicksal der Frauen interessiert hat, welche hier eine Zeit ihres Daseins fristen mussten.
Die Geschichte seiner Mutter ist hier auch erzählt und abgedruckt. Gerade hier wurde klar, dass die damals junge und schwangere Frau durch Denunziation eingefahren ist. Ob Herr Schacht durch seinen Geburtsort jemals Nachteile erfahren hat, wird nicht so ganz ersichtlich, aber aus heutigem Blickwinkel und den Gerüchten und Geschichten, die sich schon immer über die Burg erzählt werden, kann ich mir das sehr gut vorstellen.
Die Erzählungen der Frauen haben alles eins gemeinsam. Nicht einer ist die Zeit hier wirklich leicht gefallen. An nicht einer ist das hier Erlebte spurlos vorbeigegangen. Die Erzählungen sind alle sehr bildhaft und haben mir bei der Lektüre in jedem Fall den einen oder anderen Schauer über den Rücken gejagt. Fakt ist für mich aber auch, nach dem, was hier als Haftgrund aufgeführt worden ist, bin ich mir sicher, dass ich mit Sicherheit auch mit den Organen der DDR aneinandergeraten wäre, wenn es diesen Staat noch heute gäbe und ich mich genau so entwickelt hätte, wie ich es getan habe.
Das Buch ist für ein Taschenbuch recht großformatig gehalten. Dafür ist es zwar gut geklebt, aber im Allgemeinen recht schlabberig und billig gestaltet. Es lies sich, während dem Lesen, wirklich sehr schlecht halten, weil mir immer irgendeine Seite weggeklappt ist und um das Buch mit der Hand komplett zu umfassen, war es zu groß. – Manchmal frage ich mich, was genau eigentlich entscheidet, wie groß oder dick so ein Buch sein soll. In jedem Fall hatte ich immer irgendwie einen Krampf in der Hand und musste es immer irgendwo auflegen oder zumindest abstützen.
Die Seitenaufteilung war recht augenfreundlich. Dauerhaft lesen war möglich, wenn man genügend Licht hatte. – Ich bin durch den Ereader einfach inzwischen komplett verwöhnt. So ein Taschenbuch hat nun mal leider keine Hintergrundbeleuchtung.
Vom Schreibstil her, sind die Erzählungen so unterschiedlich wie die Charaktere, die hier zu Wort kommen. Es gab Lebensgeschichten, die habe ich voller Emotionalität erlebt und beim Lesen Gänsehaut bekommen. Es gab aber auch Erzählungen, da habe ich sogar einzelne Passagen überlesen, weil ich mit der Art, wie es erzählt wurde, nicht zurechtgekommen bin.
Fakt ist mal, dass man hier definitiv keinen Unterhaltungsroman liest, sonder wirklich erlebtes Schicksal. Alle waren auf ihre eigene Art schrecklich und gehören erzählt und gelesen.
Wer sich mit der DDR beschäftigt, kommt an dem berüchtigtsten aller Gefängnisse nicht vorbei. Und noch ehrlicher, als ein ehemaliger Sträfling es berichten kann, wird man es in keinem Fall bekommen. – Ich kann das Buch all jenen empfehlen, die nach der Wahrheit hinter den heilen Versprechen der DDR suchen.







