Dietrich Garstka

 4 Sterne bei 14 Bewertungen

Alle Bücher von Dietrich Garstka

Dietrich GarstkaDas schweigende Klassenzimmer
Bei diesen Partnern bestellen
Amazon
Das schweigende Klassenzimmer
Das schweigende Klassenzimmer
 (14)
Erschienen am 09.02.2018

Neue Rezensionen zu Dietrich Garstka

Neu
markus1708s avatar

Rezension zu "Das schweigende Klassenzimmer" von Dietrich Garstka

Eine wahre Geschichte über Mut und Zusammenhalt in der DDR der 50er Jahre
markus1708vor 3 Monaten

November 1956, in Ungarn erhebt sich gerade das Volk gegen die russische Besatzungsmacht. Währenddessen bereitet sich in der damaligen DDR, in Storkow, einem kleinen Ort östlich von Berlin, eine 12. Klasse auf die Abiturprüfungen in einem halben Jahr vor. Man hört verbotenerweise RIAS, den Rundfunk im amerikanischen Sektor, und darin die Nachricht, das zu Gedenkminuten aufgerufen wird, als Zeichen der Solidarität. Spontan beschließen die Schüler: das machen wir auch! Der nächste Lehrer betritt den Klassenraum, stellt Fragen, keiner antwortet. Fünf quälende Minuten lang. Danach geht erst einmal alles weiter seinen Gang, aber die Obrigkeit ist informiert worden, und die schlägt mit unerbittlicher Härte zurück. Von Konterrevolution ist die Rede, von Verrat am Sozialismus. Man will den Initiator ermitteln um an ihm ein Exempel zu statuieren. Doch die Klasse hält zusammen, schweigt, keiner verrät den anderen. Und so eskaliert die Geschichte immer weiter, bis dass die komplette Klasse der Schule verwiesen wird und kein Abitur in der DDR mehr machen darf. Bis auf vier Klassenkameradinnen beschließen daher alle, über die damals noch offene Grenze nach West-Berlin zu fliehen um dort ihr Glück zu suchen. Dafür müssen sie alles aufgeben: Familie, Freunde und Freundinnen, die vertraute Heimat. Und während die Geschichte in der DDR totgeschwiegen wird, schlägt sie im Westen hohe Wellen, die Medien stürzen sich auf die Geschichte und berichten umfangreich über die sensationelle Flucht einer fast vollständigen Schulklasse.

Mit dem Abstand von ein paar Jahrzehnten beleuchtet Dietrich Garstka, einer der damals geflüchteten Schüler, die Ereignisse von damals. Er spricht mit ehemaligen Mitschülern und Lehreren, zitiert umfangreich aus den Akten die damals angelegt wurden. Und wirft somit einen manchmal melancholischen, immer aber sehr berührenden Blick zurück auf eine Zeit, die das Leben der Klasse sprichwörtlich auf den Kopf gestellt hat. Das Buch ist eine Lehrstunde über das Leben in einer Diktatur, über Zusammenhalt und füreinander einstehen. Es ist auch für uns, die wir in einer Demokratie leben dürfen, immer noch wichtig zu lesen, denn es zeigt auf, was alles auf dem Spiel stehen kann wenn man sich nicht so verhält wie die Obrigkeit es wünscht und dafür bestraft zu werden droht. Es gibt aktuell Länder in Europa, in denen ich mir auch heute ähnliches sehr gut vorstellen kann. Leider. Für mich satte fünf von fünf Sterne.

Kommentieren0
3
Teilen
Sigismunds avatar

Rezension zu "Das schweigende Klassenzimmer" von Dietrich Garstka

Beklemmender Aufruf zum Schutz der Meinungsfreiheit
Sigismundvor 5 Monaten

Einen erschütternden Bericht über die Willkür eines totalitären und menschenverachtenden Regimes lieferte der in der Mark Brandenburg aufgewachsene Autor Dietrich Garstka (1939-2018) mit seinem 2006 erstmals veröffentlichten und seitdem mehrfach neu aufgelegten Buch „Das schweigende Klassenzimmer“. Zur Uraufführung des gleichnamigen Films auf der diesjährigen Berlinale erschien im Februar eine aktuelle Taschenbuch-Neuausgabe beim Ullstein-Verlag.
Garstka berichtet in seiner sorgfältig recherchierten Dokumentation aus eigenem Erleben, der Sichtung amtlicher Unterlagen und den Erinnerungen vieler Beteiligter in der Nach-Wende-Zeit über die Erlebnisse einer Abiturklasse, der er selbst als Schüler angehörte, im November 1956 im märkischen Storkow.
Auf die Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes reagierten die angehenden Abiturienten damals zu Beginn einer Unterrichtsstunde spontan mit einer Schweigeminute. Die für diesen DDR-Bezirk zuständigen Parteifunktionäre suchten deren Rädelsführer vergeblich. Sogar der DDR-Bildungsminister schaltete sich ein, um die Verantwortlichen zu ermitteln, und machte den Vorgang zu seiner persönlichen Angelegenheit. Doch trotz aller Drohungen und Erpressungen hielten Schüler und Eltern zusammen. Sogar die Drohung, das Gymnasium verlassen zu müssen und auf keinem DDR-Gymnasium das Abitur machen zu dürfen, damit sich den beruflichen Lebensweg zu verbauen, schüchterte die Schüler nicht ein, sondern schweißte die Abiturienten sogar noch enger zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammen.
Bald kam der Plan zur Flucht nach West-Berlin auf, was damals - zur Zeit vor dem Mauerbau - noch mit dem Übergang von Ost- nach West-Berlin am Bahnhof Friedrichstraße vergleichsweise leicht möglich war. Das gegenseitige Vertrauen unter den Schülern und deren Eltern war so stark, dass sogar Mitschülerinnen, die die DDR nicht verlassen wollten, die Fluchtpläne ihrer Klassenkameraden trotz möglicher Repressalien geheim hielten. Nachdem allen 16 fluchtwilligen Abiturienten der Übergang nach West-Berlin und anschließend in die Bundesrepublik gelungen war, machten sie als Klassengemeinschaft im Westen ihr Abitur.
Der Autor Dietrich Garstka, der zu den Wortführern der Gruppe gehörte und als Erster geflohen war, gibt in seiner Dokumentation einen eindrucksvollen Bericht über den Alltag und das Zusammenleben in der DDR zur Zeit des Kalten Krieges, als Partei und Staatssicherheit meinten, den noch jungen Sozialismus gegen die Gefährdungen des westlichen Kapitalismus verteidigen und in allen Kritikern nur Staatsfeinde erkennen zu müssen. Garstka schildert die Dramatik der Geschehnisse in ihren Einzelheiten sowohl durch Wiedergabe offizieller Protokolle als auch durch Erlebnisberichte der Schüler, ihrer Eltern und der damaligen Lehrer. Es ist ein dramatischer Bericht über die Wirklichkeit der DDR-Diktatur in jenen Jahren, die nicht mit dem Jahrzehnt vor der Wende vergleichbar ist.
Gerade deshalb ist diese authentische Dokumentation ehemals junger Menschen, die sowohl die DDR in ihren Anfängen als auch später als Erwachsene die Bundesrepublik kannten, eine spannende, beklemmende und informative Lektüre nicht nur für Erwachsene. Dieses Buch ist vor allem Heranwachsenden zu empfehlen, die nur die Jahre nach der Wiedervereinigung kennen und für die die DDR nur Geschichte ist. Aus dieser Lektüre erfährt man vieles hautnah über die Willkür der DDR und vergleichbarer totalitärer Systeme.
In heutiger Zeit kommt die Neuauflage dieses Buches gerade recht: Auch wenn unsere Demokratie gelegentlich fehlerhaft sein oder Schwächen aufzeigen mag, lehrt uns dieses Buch doch immerhin, dass es lohnt, unsere demokratischen Freiheiten zu schätzen, was den Abiturienten von Storkow damals und den DDR-Bürgern in späteren Jahrzehnten niemals vergönnt war und von ihnen - damals wie 1989 - nur unter Repressalien und Entbehrungen, unter Verzicht auf Familie und Heimat erkämpft werden musste. Garstkas Buch „Das schweigende Klassenzimmer“ ist keineswegs eine Abrechnung mit der DDR, sondern sein Aufruf, die Freiheit des Denkens und die Würde des einzelnen Menschen zu schützen, für deren Erhalt sich mutig und unerschütterlich einzusetzen.

Kommentieren0
1
Teilen
S

Rezension zu "Das schweigende Klassenzimmer" von Dietrich Garstka

Vergessene Geschichte
Streifivor 7 Monaten

1956, in Ungarn wurde gerade der Aufstand von den Sowjets niedergeschlagen. Eine Abiturklasse der DDR beschließt spontan eine Schweigeminute einzulegen. Damit beginnt eine Geschichte die so wahr wie manchmal auch traurig ist. Aus dieser Schweigeminute entsteht am Ende der Verdacht, dass das kapitalistische Ausland hier versucht hat die Jugend ideologisch zu vergiften und die DDR gezielt zu schwächen.

Dietrich Garstka erzählt seine Geschichte, die gleichzeitig auch die Geschichte seiner Klassenkameraden ist. Da die Klasse keinen Rädelsführer benennen will und kann, wird sie geschlossen vom Abitur ausgeschlossen. Daraufhin flüchtet der Großteil der Klasse in den Westen.


Diese Geschichte ist wahr, sie ist Dietrich Garstka und seinen Klassenkameraden so passiert. Das schlägt sich auch im Schreibstil nieder. Immer wieder werden diverse staatliche Protokolle zitiert was den Lesefluss gerade am Anfang ziemlich behindert. Trotzdem ist es spannend mitzuerleben, wie die Jugendlichen immer wieder drangsaliert, bedroht und ihre Familien beleidigt werden, bis es zum Ausschluss aus der Schule kommt. Die Flucht in den Westen ist durch die noch offenen Grenzen gerade im nahegelegenen Berlin noch relativ einfach möglich. erstaunt hat mich, dass die zurückgebliebenen Familien zwar Anfangs bedrängt wurden die Kinder zurück zu holen, aber ansonsten nicht viel gegen sie unternommen wurde. Das hat sich wohl erst nach dem Mauerbau deutlich verschärft.


Irritiert hat mich die Erzählperspektive. Es handelt sich zwar um einen Ich-Erzähler, der über sich selbst aber in der dritten Person berichtet. So kam es mir manchmal so vor als wäre der Erzähler ein unbenannter Mitschüler. Am Anfang habe ich es nicht wirklich durchblickt und habe mich mehrmals gefragt, ob es wohl mehr als einen Dietrich in der Klasse gegeben hat. Durch diese schwebende Perspektive kann Garstka auch über die Ereignisse berichten, die er selbst nicht erlebt hat, weil er schon im Westen war. Trotzdem hätte ich mir hier eine andere Lösung gewünscht, ich fand das recht verwirrend.


Obwohl ich mehr einen Roman statt einem Erlebnisbericht erwartet hatte, fand ich das Buch durchaus interessant, zeigt es doch, wie der unsicher Staatsapparat der DDR schon bei kleinsten Unregelmäßigkeiten war. Und wie dann mit Kanonen auf Spatzen geschossen wurde.

Für Geschichtsinteressierte sicher ein interessantes Buch.

Kommentieren0
1
Teilen

Gespräche aus der Community

Neu

Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Community-Statistik

in 25 Bibliotheken

auf 3 Wunschlisten

von 1 Lesern aktuell gelesen

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach

Hol dir mehr von LovelyBooks