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26 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 18 Rezensionen

kiel, historischer krimi, anja marschall; krimi; historisch; norddeutschland; kanal; meer; küste; hauke sötje, duchee spitze, dienstmädchen

Verrat am Kaiser-Wilhelm-Kanal

Anja Marschall
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Emons Verlag, 15.03.2018
ISBN 9783740802967
Genre: Historische Romane

Rezension:

»Es war ein baumlanger Kerlaus dem Mecklenburgischen, der an diesem frühen Morgen an Deck des Frachtewers ›Berta‹ stand und seinen Primin die Wange steckte.«

Ein historischer Roman, Kiel 1896, Kaiserzeit, es herrscht der Kalte Krieg zwischen Deutschland und dem restlichen Europa. In diesem 3. Band um Hauke Sötje ist der Nord-Ostsee-Kanal fertiggestellt, wird fleißig befahren, heißt zu dieser Zeit noch Kaiser-Wilhelm-Kanal. Kommissar Hauke Sötje hat wieder einen Mord zu klären, den manche Leute gern als Selbstmord abtun wollen. Ein totes Dienstmädchen ist keine aufwendige Ermittlung wert. Doch Hauke lässt nicht locker. Obendrein bekommt er von hoch oben einen Auftrag, von dem sein Chef nichts wissen darf. Er gerät zwischen die Fronten zweier Geheimdienste, soll einen Spion beschützen, erkennt dabei zu spät, dass er in eine Falle getappt ist. Haukes Verlobte Sophie Struwe, die beim Konsul Winter als Lehrerin arbeitet, wird involviert ihre Kontakte zu nutzen, um für Hauke etwas über eine teure handgeklöppelte Spitze herauszubekommen, die es anscheinend nicht in Deutschland zu kaufen gibt. Sophie, eine clevere Frau, eigenständig, nicht auf den Mund gefallen, recherchiert auf eigene Faust und steckt ihr Näschen zu weit in Dinge, die sie nicht angehen.

»Als die kaiserliche Barkasse am Kai bei der Germaniawerft ankam, spielte die Musikkapelle auf. Zu den Klängen der »Wacht am Rhein« trat Fürst Gregorijn an Land, wo ihn ein dürrer Herr mit wuchtigem weißen Vollbart in zackiger Manier begrüßte. Er stellte sich als Repräsentant des neuen Pächters der Germaniawerft vor. ›Otto Jennicke, Friedrich Krupp AG, Berlin. Zu Diensten.‹«

Von der Geheimdienstseite erhält Hauke den Auftrag, einen Max von Sülau zu beschützen, auf den ein Anschlag geplant sei. Von Sülau, russischer Agent, ist Begleiter von Fürst Gregorijn, der in Kiel erwartet wird. Genau dieser von Sülau gehört zu Haukes altem Leben. Der ehemalige Kapitän Hauke Sötje, hat mit diesem Doppelagenten eine Rechnung offen, es ist sein ärgster Feind.

»Die Ermordung des Schahs von Persien hat begreiflicherweise auf den Sultan tiefen Eindruck gemacht. Zu seiner vorläufigen Beruhigung und zur Dokumentierung der gemeinsamen Interessen des türkischen und des persischen Despotismus haben die Behörden eine kleine Babisten-Verfolgung eingeleitet. - Originalauszug: Kanalzeitung, 1896«

Jedes Kapitel beginnt mit einer Kurznachricht aus der historischen Kanalzeitung. Das gehört nicht zur Handlung, gibt einen aber Eindruck in die Zeit. Mal politisch, mal modisch, mal kulinarisch, mal ernst, mal heiter. Diese Idee hat mir in dem Vorgänger von Hauke Sötje schon gut gefallen, lässt den Leser emotional in die Zeit gleiten.

»Hauke, der nur wenige Meter hinter Wolnikov stand, der wiederum nahe dem Fürsten etwaiger Befehle harrte, wusste, dass von Ahlefeld als künftiger Oberwerftdirektor der Kaiserlichen Werft gehandelt wurde. Dass jeweils ein Vertreter der Krupp AG und von Ahlefeld gemeinsam hier waren, durfte dem Fürsten als gefährliches Signal dienen, wie eng deutsche Wirtschaft und Kriegsmarine zusammenarbeiteten.«

Wieder viel Historisches hoch im Norden, schon allein dafür lohnt es sich, das Buch zu lesen. Politische Verwicklungen, neue Erfindungen und eine Sprache, die mit historischen Begriffen agiert. Der ein oder andere Snack mit plattdeutschem Einschlag gibt eine rundum norddeutsch-historische Kulisse. Der Leser spürt, die Autorin weiß, wovon sie spricht, eine liebevolle Recherche, nicht nur zu geschichtsträchtigen Ereignissen. Der Krimi ist spannend, mit einer Portion Humor, in mehrere Stränge geteilt, die zum Ende zusammenlaufen. Am Ende wird mir ein bisschen zuviel geredet, um die Fäden aufzulösen, zwei Männer, die sich gegenseitig töten wollen, erklären sich dabei lang ... Mir hat das Buch gut gefallen, die Liebe zum Detail. Endlich mal wieder Historisches mit Hintergrundwissen.

Ein letzter Rat: »Zur Vorsicht bei Benutzung von Bleistiften wird gegenwärtig in verschiedenen Lehrerzeitungen gemahnt. Und zwar wird namentlich die größte Sorgfalt beim Anspitzen der Bleistifte empfohlen sowie vor dem Anfeuchten mit den Lippen gewarnt. – Originalauszug: Kanalzeitung, 1896«

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39 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 16 Rezensionen

japan, roman, rente, milena michiko flasar, asien

Herr Katō spielt Familie

Milena M. Flašar
Fester Einband
Erschienen bei Wagenbach, K, 02.02.2018
ISBN 9783803132925
Genre: Romane

Rezension:

Der erste Satz: »Als man ihm sagt, dass alles in Ordnung ist – keine Auffälligkeiten, nichts besorgniserregendes – für sein Alter tipptopp -, da empfindet er neben der Erleichterung eine geheime Enttäuschung.«

Herr Katô ist Führungsmitglied einer Firma, muss den Stab weitergeben. Er geht mit 60 Jahren in Rente. Bis dato voll beschäftigt, immer ein Ziel vor Augen, liegt vor ihm das Nichts. Er gibt sich den Anschein eines Ziels, geht stundenlang spazieren. Aber was soll er nun mit seinen Händen anfangen?, »er fühlt sich wie ein davongelaufener Affe«. Seiner Frau, einer Hausfrau, steht er im Weg, sie hat Glück, wird nie ihren Job verlieren. »Retired-Husband-Syndrome, RHS«, so lerne ich, aufgrund der starken Einbindung des Ehemannes ins Berufsleben verliert dieser die notwendigen Sozialkompetenzen, um sich bei Renteneintritt wieder in die Familie zu integrieren. Entfremdung in der Ehe durch Abwesenheit. Der Traum vom Motorrad, mit dem er lange Touren unternehmen will, wie er vor der Pensionierung vor den Kollegen prahlt, wird nicht mal ansatzweise weitergesponnen, schon gar nicht umgesetzt. Eines Tages trifft Herr Katô eine junge Frau, die eine Agentur besitzt, »Happy Familiy«. Sie bietet ihm einen Job an. Er spielt nun stundenweise Familienmitglied: Spielt Opa, damit ein Kind einmal im Leben seinen Opa kennenlernt (der eigentlich ein farbiger Amerikaner ist), spielt den Ehemann, der sich anhört, was sie zu sagen hat, ihm die Meinung sagen kann, ihm die Scheidung an den Kopf werfen kann. Der reale Mann war klammheimlich abgehauen. Herr Katô spielt den Verwandten, der auf einer Fake-Hochzeit eine Rede hält. Alle diese Jobs haben wiederum indirekt mit Herr Katô selbst zu tun, in jedem Auftrag erkennt er einen Teil seines eigenen Lebens.

»›Die Ehe‹, sagt Chieko, ›gleicht dem Bauch eines Wals. Man sitzt im Dunkeln und weiß, der andere sitzt nur wenige Meter weit entfernt. Man ruft, er ruft zurück. Aber egal, wie man es auch anstellen mag, ob man einfach nur dasitzt und lauscht oder sich auf den Weg macht, sich an den Gedärmen entlang tastet, man findet einander nicht, und was man teilt, ist alleine die Dunkelheit.«

Das Unglück, beschäftigungslos zu sein, das Unglück einer entfremdeten Ehe, Milena Michiko Flaðars spricht hier ein gesellschaftliches Problem an. Ein feines, kleines Buch, komprimierte Sprache, Protagonisten, die es aber in sich haben. Ein schmaler Roman mit viel Inhalt, vieles, das uns nachdenklich macht. Man fragt sich, warum die österreichische Schriftstellerin sich Japan für das Setting ausgewählt hat. Ihre Mutter ist Japanerin und sie hat einen Bezug zu diesem Land. Sie sagte in einem Interview, Japan sei ein Trendland und Agenturen, die »Freunde und Verwandte« vermieten sei gerade ein Hype. Großeltern, Partygäste, ein Vater, der am Fußballfeld dem spielenden »Kind« zujubelt, Freunde die mit einem auf Instagramfotos posieren, rent a friend, andere sollen nicht erfahren, wie einsam ich bin, das Bild einer schrecklichen Gesellschaft.

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Ein Lied für die Geister

Louise Erdrich , Gesine Schröder
Flexibler Einband
Erschienen bei Aufbau TB, 17.08.2018
ISBN 9783746633985
Genre: Romane

Rezension:

Der erste Satz: »Wo die Reservatsgrenze unmerklich ein Dickicht zerteilte – aus Traubenkirschen, Pappeln, Krüppeleichen -, stand Landreaux und wartete.«

Landreaux Iron, auf der Jagd nach einem Hirsch, mit dem Gewehr das Tier im Visier, ein Schuss. Wie konnte das passieren? Wo kam der Nachbarsjunge her? Er hat ihn nicht gesehen! Ein Versehen, ein Jagdunfall, Landreaux steht in der Schuld, er hat Dusty getötet. Seine Familie und die des Kindes sind befreundet, zumindest die Männer, die Kinder. Die Frauen sind Schwestern, mögen sich nicht so sehr. Die eine Familie steht in der Schuld der anderen, Schuld muss gesühnt werden. Sie bringen ihr Opfer nach alter indianischer Tradition: Landreaux gibt seinen Sohn LaRose, gleichalt mit den verstorbenen Dusty, in die andere Familie, will deren Sohn ersetzen.

»Nola schrie Landreaux an, schreckliche Worte, an die sie sich später nicht erinnern konnte. Sie kannte die Leute von der Stammespolizei. Erschießt ihn!, schrie Nola. Bringt ihn um, den Scheißkerl!«

Der fünfjährige LaRose begreift schnell, welche Rolle ihm zusteht. Er ist das eigentliche Opfer. Nola, die Mutter von Dusty, ist ein schwieriger Mensch, psychisch instabil, sie fällt mit dem Tod des Sohnes in Depressionen. LaRose schafft es, einen Zugang zu ihr zu gewinnen, auch zu Pete, dem neuen Vater, zu seiner neuen Schwester, die von den Eltern als fünftes Rad am Wagen behandelt wird. Doch der Verlust von Dusty füllt weiterhin den Raum, LaRose kann ihn niemals ersetzen. Gleichzeitig leidet der Junge, vermisst seine eigene Familie, in der wiederum eine Lücke entstanden ist. Wunden, die sich nie verschließen, Familien, die sich als Nachbarn immer wieder über den Weg laufen. War das Ganze wirklich ein Unfall? Pete und Nola sind sich niemals sicher, zu viele versteckte Vorwürfe stehen im Raum, alte Geschichten … Landreaux wird täglich mit seiner Schuld konfrontiert.

»Ich bin dran gewöhnt, sagte LaRose, ich bin jetzt an alles gewöhnt.«

LaRose findet sich hinein in sein Leben als Wundpflaster. Er verliert auch nicht den Kontakt zu seiner Ursprungsfamilie und später gibt es ein aufeinander Zugehen, etwas, was Scheidungskindern präsentiert wird, man teilt das Kind. Liebe, Vergebung und Erlösung, das Thema in diesem Buch.

»Wenn das Chaos, das Unheil in die Welt kommt, pflanzt es sich immer weiter und weiter fort. Selten bleibt es bei nur einem Unglücksfall. Das wissen die Indianer«

In einem zweiten Stang gehen wir zurück in die Vergangenheit, zu der Geschichte von LaRose, dem Indianermädchen, der Mutter von Nola und Emmaline, der Großmutter von LaRose, deren Namen er trägt. Sie verbindet die Moderne mit der Tradition der Alten, die viel mehr über die Natur wussten. Dieser Stang geht stark unter die Haut, denn hier wird über das harte Leben der Ureinwohner berichtet, ausgestoßen aus dem eignen Land, durch arrogante Verächtlichkeit der weißen Eroberer. Louise Erdrichs Ton ist distanziert, beobachtend. Das tut der Geschichte gut, denn sie ist an manchen Stellen schwer zu ertragen. Fein gewobene Sprache, wundervolle Naturbeschreibungen und ein Hauch von Magie der alten Mythen geben uns Eintritt in der Welt der Reservate.

Louise Erdrich ist Tochter einer Indianerin und eines Deutsch-Amerikaners, lebt in Minnesota, betreibt eine eigene Buchhandlung. Ihre oft ausgezeichneten Kinderbücher und Romane, Lyrikbände, haben sie in den USA zu einer bekannten Autorin gemacht. Zuetzt erhielt sie den »National Book Award« für »Das Haus des Windes«, den »PEN/Saul Bellow Award« und den »Library of Congress Prize«

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Fallensteller

Saša Stanišić
Flexibler Einband
Erschienen bei btb, 10.04.2018
ISBN 9783442717118
Genre: Romane

Rezension:

»Ich finde Bäume nur als Schränke super«

12 freche Erzählungen, magisch und surreal. Nun sitze ich hier, versuche für die Rezension etwas zusammenzufassen, sei es auch nur eine einzige Geschichte. Bisher ist mir das immer gelungen. Doch wo fängt man hier an? Am besten gar nicht. Manche der Geschichten habe ich abgebrochen, durch andere habe ich mich hindurchgequält, sie sogar nochmal gelesen.

»Weil er sich gern verwechseln und entführen ließ. Weil er als der, der er dann war, nicht mehr dorthin musste, wohin er als der, der er gewesen war, gemusst hätte.«

Ja, es gibt gute Sätze. Aber ein paar gute Sprachverrenkungen machen noch keine Geschichte aus. Vielleicht bin ich zu bodenständig für surreale Texte, mir hat es keinen Spaß gemacht. Die Geschichte mit dem Titel »Mo klaut ein surrealistisches Gemälde von einer syrischen Surrealistin und will es seinem Vater verkaufen, bzw. egal wem«, machte mich neugierig, hörte sich spannend an. Ich bin trotz zweimaligen Lesens nicht in der Lage, sie wiederzugeben. Die Figur Mo taucht noch einmal auf, wie einige der Protagonisten. Trotz aller Tragik, die hinter jeder Geschichte steht, bleiben mir die Figuren fern. Trotz aller Fantasie, wo endet die Realität, beginnt das Magische?, mag ich mich hier nicht einfinden. Ein Sprachkünstler ist Saša Stanišić auf jeden Fall, Wortgewalt bekommt an manchen Stellen eine andere Bedeutung.

»Ich bin der Fallensteller, ich stelle Fallen her. Fangkörbe, Eisenteller und weitaus spezieller: das Überlistete seh ich in allen Dingen, habt ihr ein Problem mit Schmetterlingen, so mag’s mir gelingen, die schöne Plage am selben Tage in Ketten zu legen und euch die Kunst gar darzulegen‹, hat er unbeirrt sein Marketing aufgesagt. ›Wat?‹, hat die Garage geantwortet.«

Der Fallensteller (siehe Titel) stellt Fallen, um die Gedanken der Menschen zu sammeln. Es gibt kluge Gedankengänge und blitzgescheite Sätze in der Geschichte. Doch auch hier kommt bei mir als Gesamtkonzept nur ein Gähnen auf. Dies ist nicht mein Buch, absolut nicht. Alles Geschmack!

»Hunde dösen am Straßenrand in der Morgensonne, in der Hunde am Straßenrande dösen.«


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10 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Die Vergessenen

Ellen Sandberg , Thomas M. Meinhardt
Sonstiges Audio-Format
Erschienen bei Der Hörverlag, 27.12.2017
ISBN 9783844527186
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Manolis Lefteris, der Besitzer eines Porsche-Autohauses, führt ein Parallelleben. Er ist ein Auftragsmörder. Und er versteht sich als der Rächer der Gerechten. Sein neuer Auftrag ist einfach: Er soll eine betagte Dame, Kathrin Mändler, lediglich um Unterlagen erleichtern. Nur, wo hat sie sie versteckt? Die Frau bekommt einen Schlaganfall, landet im Krankenhaus. In einem Nebenstrang erfahren wir durch die Gedanken von Kathrin Mändler was damals geschah, sie liegt im Wachkoma. Sie ist Krankenschwester, hat während des Zweiten Weltkriegs in einem Krankenhaus gearbeitet, in dem auch Behinderte und psychisch Kranke untergebracht waren. Dort verliebte sie sich in Dr. Landmann, ein junger empathieloser Arzt mit hohen Zielen.

Manolis Lefteris kennt seinen Auftraggeber nicht, nur den Kontaktmann. Diese Mission ist anders, normalerweise tötet er die Typen, die man per Gerichtsverfahren nicht bestrafen kann. Er erfährt nun, was in den Dokumenten vermerkt ist, fängt er an, seinen Auftraggeber auszutricksen. Dafür hat er seine persönlichen Gründe.

»Man schüttet kein schmutziges Wasser weg, solange man kein sauberes hat.« (Ein Protagonist zitiert Altkanzler Adenauer)

In einem dritten Strang folgt der Leser Vera Mändler, einer Journalistin, die bei einer Frauenzeitschrift arbeitet, jedoch lieber in ihr altes Metier zurückkehren möchte, Politik und Soziales. Sie findet heraus, dass jemand bei der Tante, Kathrin Mändler, eingebrochen ist und etwas gesucht hat, aber nicht fündig wurde. Es kann sich nur um alte Geschichten aus der Zeit im Krankenhaus handeln. Vera recherchiert. War das Krankenhaus, das nach dem Krieg einen neuen Namen erhielt, am Euthanasieprogramm beteiligt? Etwa auch ihre Tante? Sie recherchiert und wittert eine einträgliche Story, mit der sie vielleicht wieder bei einer interessanten Zeitung landen könnte.

Das Thema Euthanasie im Dritten Reich ist fein recherchiert und wiedergegeben, einschließlich der Gefährlichkeit, sich gegen das Regime zu stellen. Bis zu Zwei Drittel hat mir der Roman recht gut gefallen, mit dem letzten Drittel habe ich gehadert. Die Charaktere sind mir auseinandergebrochen. Manolis, der hübsche, sympathische Typ, ein Auftragsmörder. Ein netter Kerl, anscheinend ermordet er auch nur die, welche es verdient haben. Todesstrafe nein, aber Auftragsmörder ja? Was geht denn hier ab, dachte ich, Verherrlichung von Selbstjustiz? Ein Leser kann einen Verbrecher sympathisch finden, man kann ihn so schreiben, na klar. Aber das wäre ein Noir-Krimi, und da ist der Böse der Gute unter den Schurken. Doch in diesem Roman gibt es eindeutig stark moralische Instanzen, die fest für die gesellschaftliche Ethik stehen. Beide wenden sich davon ab? Vera, anfangs taff und klug, alles wagend, agiert zum Ende nur noch naiv und simpel. Das passte so gar nicht zu der Figur und noch weniger ihre plötzliche Sympathie für einen Auftragsmörder. Der wiederum spielt für Vera ständig den Schutzengel, überwacht sie durchgehend, da sie nicht die einfachsten technischen, journalistischen Regeln beherrscht, z.B. Handytechnik. Supermann rettet die weiße Frau oder so ähnlich. Es ist sicher auch Geschmacksache, eine Weibchenfigur zu schaffen, aber hier passte psychologisch das Ganze nicht zusammen. Das Gleiche gilt für die Tante. Sie ist eine taffe Persönlichkeit, die Krankenschwester lässt sich nicht einschüchtern, macht heimlich Fotografien im Krankenhaus, will das Unglaubliche dokumentieren, entwendet Unterlagen, um anzuklagen. Wäre sie erwischt worden, hätte das ihren Tod bedeutet. Nach dem Krieg hält sie die Unterlagen weiter versteckt. Der Grund dafür ist wieder das Handeln kontra zu der Persönlichkeit der Figur, ein starker Charakter wendet sich gegen die eigene Ethik. Das passt aus psychologischer Sicht rein gar nicht, eine so starke Persönlichkeit macht keine halben Sachen: Entweder steht sie zu dem einen oder zu dem anderen, da gibt es kein Mittendurchwurschteln. Mein Geschmack: Ich mag halt keine Frauenfiguren, die ständig im Hintergrund den Strippenzieher und Beschützer benötigen, der sie aus jedem naiven selbstverursachten Schlamassel herauszieht.

Insgesamt hat mir das Buch gefallen, auch wenn mich das letzte Drittel fast zum Abbruch getrieben hat. Das Thema Euthanasie ist gut recherchiert und es ist wichtig, es nicht zu vergessen. Die Krimis von Inge Löhnig lese ich gern. Sollte mit Manolis und Vera eine neue Serie entstanden sein, bin ich hier allerdings raus, Dühnfort gerne wieder.

Ein Gag zwischendurch, köstlich: Kommissar Konstantin Dühnfort kommt in einer Szene die Treppe herauf und klingelt. Schnell weg, sagt sich Manolis. Ich habe herzlich gelacht.

Warum eigentlich Ellen Sandberg, frage ich mich? Schon im Vorfeld wurde der Namenswechsel lautstark verkündet, die Spatzen pfiffen es von den Dächern. Überall steht geschrieben: Ellen Sandberg ist Inge Löhnig. Muss man das verstehen? Entweder Pseudonym, geheim, oder man bleibt bei seinem Namen. Muss man heute für jedes neue Buch / neue Serie einen neuen Namen verwenden? Denn Inge Löhnig ist ja dem Genre Spannungsliteratur treu geblieben.

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11 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

blut, chicago, ermittlungen, killer, mordserie

The Fourth Monkey -

J.D. Barker , Leena Flegler , Dietmar Wunder , Oliver Brod
herunterladbare Audio-Datei
Erschienen bei Random House Audio, 27.12.2017
ISBN 9783837140743
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

The Fourth Monkey, bezieht auf die Darstellung von drei Affen: nichts sehen, hören, sagen. Der vierte Affe wird hier eingebracht, eine japanische Variante, ein boshaft dreinschauendes Tier, die Bedeutung ist offen. In diesem Thriller geht Serienkiller um. Für ihn bedeutet der vierte Affe des Schlechte an sich. Er bestraft Menschen, die schlecht für die Gesellschaft sind, illegale Geschäfte machen, sich an anderen bereichern, ohne vor Gericht zu landen. Diesen Menschen entführt er die liebste Person in ihrem Leben. Zunächst schneidet er dem Opfer das Ohr ab, schickt es hübsch verpackt dem/r »Bösen«, weitere Teile wie Augen und Zunge folgen, zum Ende stirbt das Leidtragende, der Bösewicht muss sich quälen, denn er trägt die Schuld.

Sam Porter ermittelt seit Jahren in dem Fall. Es gibt wieder ein neues Opfer. Der Roman ist multiperspektiv geschrieben, mal aus der Sicht von Porter, einem Opfer und aus der Sicht des Killers. Gleich am Anfang glauben Porter und sein Kollege den Killer erwischt zu haben, doch der springt bei der Verfolgung vor einen Bus. Der Schein trügt, auch das ist eine Inszenierung des Killers. Ein neues Opfer ist entführt, Emory. Aber weshalb? Ihre Mutter ist verstorben, sie wohnt allein, umgeben von einer Hauswirtschafterin und einer Pädagogin. Es stellt sich heraus, sie ist die uneheliche Tochter des Baulöwen Arthur Talbot, der ihr die Wohnung, Schule usw. finanziert, der sie liebt.

Auf der einen Seite sollen die wechselnden Sequenzen Spannung erzeugen, schnelle Szenen, Cliffhanger, Perspektivwechsel, was für mich bis ungefähr zu Hälfte gelang. Spannung durch Tempo, das aber letztendlich nicht durchgehalten wird. Der Täterstrang endet im Rückblick, in Erklärung durch ein Tagebuch: Versteh, warum ich so bin, meine schreckliche Kindheit ... Der Roman ist recht klischeehaft: Selbstjustiz, Serienkiller, der böse Baulöwe, die Geschichte der Kindheit des Täters, ein psychisch und sexuell missbrauchtes Kind, und das auch noch als Tagebuch bereitgestellt. Gesäbel mit Blut nicht vergessen: Ohr ab, Augen auspulen, Blut, Folter! Durst und Hunger, Ratten! Die dürfen nicht fehlen, Ratten im Keller eines verfallenen Hauses, unterirdische Gänge, Kanalisation. Im Keller eines verlassenen Hauses, genau, wo sonst soll man Opfer anketten? Gänge unter der Stadt, alte gruslige, feuchte Keller. Nicht zu vergessen: Porter, der unkonventionelle und suspendierte Bulle, der nun doch wieder ran darf, weil er den Täter in- und auswendig kennt. Porter, the lonesome Cowboy, säuft, seine Frau wurde erschossen, für ihn lebt sie weiter in der Erinnerung: Alte Haft-Notizen in der Wohnung, ihre Stimme auf dem Anrufberater, als hätte sie gerade erst das Haus verlassen.

Der Autor sagt, seine Vorbilder seien, Thomas Harris mit »Das Schweigen der Lämmer« und Jeffery Deaver. Aber die beherrschen ihr Metier für meine Begriffe wesentlich besser. Wer solche Thriller mag, gestickt nach üblicher Masche: Schlicht, voraussehbar, igittegitt zum Gruseln mitten drin, völlig ohne Message, einfache Sprache, der liegt richtig. Als Hörbuch für nebenbei fand ich den Stoff befriedigend. Letztendlich kann mich der Thriller insgesamt nicht überzeugen, er sagte mir nichts, weder inhaltlich noch literarisch. Nichts, was bleibt oder beeindruckt, das Buch hätte ich vielleicht zugeklappt. Dietmar Wunder, Oliver Brod, Marie Bierstedt haben zumindest als Sprecher dazu beigetragen, mich an der Stange zu halten. Garantiert ist das die Art von Splatter-Literatur, die viele Leser/Hörer anspricht, von daher gut geeignet für das Splatter-Publikum.

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114 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 47 Rezensionen

demenz, familie, idaho, mord, gefängnis

Idaho

Emily Ruskovich , Stefanie Jacobs
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin, 19.02.2018
ISBN 9783446258532
Genre: Romane

Rezension:

Der erste Satz: »Sie fuhren den Pick-up eigentlich nie, nur ein, zwei Mal im Jahr zum Holzholen. Er war oben am Hügel vor dem Schuppen geparkt, und in den Dellen auf der Motorhaube sammelte sich Regenwasser und im Regenwasser Mückenlarven. So war es, als Wade mit Jenny verheiratet war, und so ist es jetzt, wo er mit Ann verheiratet ist.«

Die Geschichte spielt an einem abgelegenen Ort in Idaho, im Gebirge im Norden des Staates, beginnend in 1973 und endend in 2025. Wade ist verstorben, Ann denkt an ihren Mann zurück, an ihre Ehe mit Wade, an Jenny, die von ihm geschieden ist, die im Gefängnis sitzt, an alles, was geschehen ist. Ann versucht zu ergründen, warum die Sache eskalierte. Ann war die Lehrerin der beiden Töchter von Wade. Die eine wurde von der Mutter erschlagen, die andere lief weg, wurde nie wieder gesehen.

»›Wir haben keinen Schneepflug‹, sagt Wade. ›Der Mann, der uns das Grundstück im Frühjahr verkauft hat, meinte, ganz oben auf dem Iris würde ein Schulbusfahrer wohnen. Angeblich würde das County die Straße den ganzen Winter über räumen, damit der Schulbus zu allen Kindern kommt.‹«

Wade ist ein fleißiger junger Mann, arbeitet auf Farmen, spart sich Geld zusammen, möchte ein eigenes Grundstück besitzen, ein eigenes Haus. Er trifft auf Jenny, die für ihn alles aufgibt, ein Studium, eine Karriere. Sie kaufen ein Grundstück, ziemlich weit oben auf dem Berg. Jenny ist schwanger. Die schlagen Holz, bauen den ersten Raum, der als einziges Möbelstück neben dem Herd ein Bett hat. Der Winter bricht ein, ohne Schneepflug sitzen sie fest. Sie haben Glück, das Kind kommt erst nach der Schmelze. Wade stellt im Winter Messer her, mit kunstvoll geschnitzten Griffen, die er im Sommer verkauft. Das Haus wird größer, Möbel ziehen ein, eine Werkstatt wird gebaut, eine Scheune. Ein zweites Kind ist unterwegs.

»Schnee sammeln. Das Heulen der Kojoten gräbt Tunnel in die eisige Stille, und die Raben in den Bäumen erahnen schon den Frühling, wenn sie ihr schwächstes Küken aus dem Nest stoßen werden; im Herzen haben sie es längst getan. Tief in der Erde halten Vipernattern ihren wachsamen Winterschlaf, die Leiber kalt und starr, zuckend und heiß die Gedanken. Millionen heimlicher Regungen, Millionen von Mittelpunkten, die wie gespannte Federn losschnellen und genau in diesem Moment in diesem Haus kollidieren, in einem stillen Knall, in dieser wunderbaren Vergessenheit, in der Wade und Jenny einander lieben«

Die Geschichte wird in Multiperspektive geschildert, nicht chronologisch, die Autorin wechselt personal und auch die Zeitfolge. Immer wieder kommt die Katastrophe zur Sprache. Und irgendwann ahnt der Leser, was die Mutter dazu trieb, ihr Kind zu erschlagen. Die Autorin gibt uns verschiedene Einblicke in die Protagonisten, von außen, von innen, wir lernen sie immer tiefer kennen. Aber hier habe ich ein Problem. Warum heiratet Jenny, die Großes vorhat, Wade vom Fleck weg, als sie ihn kennenlernt? Gut, es soll die große Liebe sein. Aber eben darum passt die schreckliche Tat für mich nicht ins Konzept. Diese Mutter erschlägt ihr Kind mit dem Beil? Die möglichen angeführten Gründe passen nicht in das psychologische Profil der Frau.

»An den Wochenenden bekam sie Heimweh nach ihrem Klassenzimmer. Selbst wenn sie sich darin aufhielt, war sie vage angewidert von all dem Schönen draußen vor dem Fenster – dem fedrigen Raureif auf den Pflanzen im Winter oder, viel später, den blühenden Lilien unten am Teich, deren Konturen seine Fingerabdrücke auf der Scheibe verschwimmen ließen.«

Warum heiratet Ann Wade? Ich verspüre von ihr keine Leidenschaft zu Wade, lediglich von Wade zu Ann. Zu dem Zeitpunkt ist Wade bereits krank, erste Anzeichen von Demenz sind sichtbar. Wade ist an einer so genannten Frühdemenz erkrankt, ein genetisches Erbe seines Vaters, Wade erklärt das, will Ann deshalb nicht heiraten, ihr diesen Zustand zumuten. Warum gibt ihren Beruf auf, zieht in die Einsamkeit zu einem Dementen, den sie nicht liebt? Wovon leben sie? Die Einsamkeit liegt Ann nicht, wilde Natur ängstigt sie eher und sie bekommt immer mehr Schwierigkeiten mit dem dementen Wade. Auch diese Figur erschließt sich mir nicht, das alles gibt keinen Sinn.

»Während sie mit einem Stock die Eisschicht auf dem Wassertrog der Ziegen zerschlägt, versucht sie diese simple Tatsache zu verstehen: Ich bin hier, weil du nicht hier bist.«

Ann ist Musiklehrerin, die Wades Töchter June und May unterrichtet. June ist ein wenig störrisch. May ist sehr begabt und musikalisch. Deshalb engagiert Wade Anne, sie soll May Klavierunterricht geben. Eigentlich möchte er selbst Klavierunterricht erhalten, lässt er nebenbei heraus. So lernen sich Ann und Wade kennen. Eines Tages kommen die Mädchen nicht in den Unterricht, die Kleinstadt befindet sich in Schockstarre. Auch dieses Drama erschließt sich mir nicht. May stirbt, von der Mutter erschlagen, June läuft weg, sie mag 10-12 Jahre alt sein. In Entsetzen läuft sie in die Wälder, so weit verständlich. Ein Suchtrupp ist tagelang unterwegs. June bleibt für immer verschollen. Das erinnert mich an das Buch »Speicher 13«. In dem Roman hat es mich nicht gestört, dass ein Kind verschwand. Ich kann es nicht genau definieren, es ist hier, in diesem Roman, ein Gefühl des Verlassenseins als Leser. Vielleicht auch, weil hier gar nichts geklärt wird, die Charaktere der Figuren nicht stimmig herüberkommen. Ann kann Jenny nicht ersetzen, die Vertrautheit kommt nicht auf. Auch das widerspricht sich, ich will nicht zu viel verraten.

Der Hund weiß immer noch, was Wade gewollt hätte. Der Hund buddelt immer noch nicht da, wo er nicht darf, und tötet immer noch nicht, was er nicht töten soll. Und ich, denkt Ann, ich weiß nach dreizehn Jahren an seiner Seite immer noch nicht, wohin ich gehen und was ich tun soll, wer ich bin.«

So geht es mir mit Ann. Jenny, die erste Frau von Wade hat sich mir halbwegs erschlossen. Ann kommt mir emotionslos herüber, ich verstehe nicht, was sie will und warum sie irgendetwas macht. Emily Ruskovich kann wundervoll erzählen, bringt die Einsamkeit der Berge von Idaho herüber, das harte Leben, die Verbundenheit mit der Natur, aber die Figuren sind sperrig. Am Anfang hat mir der Roman gut gefallen. Mit den Figuren bin ich am Ende ratlos, insgesamt mit der Geschichte. Was soll mir die Geschichte sagen? Ich habe nichts dagegen, wenn eine Geschichte in Zeit und Perspektive wechselt, nicht chronologisch ist, ein dramaturgisches Mittel, das mir gefällt. Allerdings ist mir in diesem Roman ein wenig zu viel gestückelt, versetzt, das hat die Story nicht nötig.

Emily Ruskovich wuchs im Idaho Panhandle auf dem Hoodoo Mountain auf. 2015 war sie unter den Preisträgerinnen des Henry Award und ist Absolventin des Iowa Writers’ Workshop. Idaho ist ihr erster Roman.

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33 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

Von Vögeln und Menschen

Margriet de Moor , Helga Beuningen
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 19.02.2018
ISBN 9783446258198
Genre: Romane

Rezension:

Der erste Satz: »Eines frühen Junimorgens kommt er nach Hause. Er biegt in seine Straße. Friedliche Stille, wenn auch trügerisch. Die Autos parken noch immer unter dem Weißdorn an der Bordsteinkante.«

Vor dem Amsterdamer Hauptbahnhof prügeln sich zwei Frauen direkt vor eine Baugrube. Eine schubst die andere in die tiefe Grube, mit voller Absicht.

»Sie niederzuschlagen, war wunderbar.«

Warum hat Marie Linas Mutter damals einen Mord gestanden, den sie nicht begangen hat? Psychologisch fein aufgebaut, erzählerisch stark, ein Roman über das menschliche Handeln, ein Roman über drei Frauen. Was treibt den Menschen? Eine von ihnen gesteht einen Mord. Weshalb nimmt sie eine Schuld auf sich, ohne beteiligt zu sein? Die zwei anderen Frauen sind Mörderinnen. Was trieb sie zu der Tat? Es handelt sich nicht um einen Krimi, das sei vorweggestellt, die Geschichte versucht, menschliche Abgründe zu erfassen.

»Die kleineren Vögel lassen sich von keinem Flugzeug beeindrucken, aber wehe, ein Kaiseradler ist in der Nähe. Möwen, Rebhühner, Fasane, Wachteln und besonders auch die Kanadagans: Selbst, wenn sie noch nie im Leben einen Kaiseradler gesehen haben, treibt die Angst vor diesem Vogel sie um.«

Der 90-jährige Mijnher Bruno Mesdag wurde in seiner Wohnung erdrosselt. Sofort wird seine Haushaltshilfe, Louise Bergmann, verdächtigt, aus Habgier den reichen Mann getötet zu haben. Es folgt ein hartes Verhör, Schlafentzug, ein Geständnis. Vor Gericht widerruft Louise, man habe sie erzwungen, zu unterschreiben, man glaubt ihr nicht. Marie Lina ist neun Jahre alt, als ihre Mutter verurteilt wird und ins Gefängnis gehen muss. Ihr Vater lässt sich scheiden und das Leben der beiden verändert sich völlig.

»Mit diesem einen meint sie den Bussard, der im vorigen Jahr in Gestalt eines Eisklumpens im Fahrwerk einer KLM-Maschine aus Rio de Janeiro ankam. Das Fahrwerk ließ sich nicht mehr ausfahren. Das führte zu einer Bauchlandung neben der Bahn. Abgesehen vom Bussard hatten alle Insassen überlebt.«

Rinus Caspers, ein Gärtner, Marie Linas Mann, arbeitet als Vogelvertreiber am Flughafen Schiphol. Auf den ersten Blick scheint alles in der Beziehung. Eine Ehe ohne Höhen und Tiefen, ein geordnetes Leben, Zufriedenheit. Rinus berichtet seiner Frau von der Arbeit auf den Grünflächen in der Umgebung der Start- und Landebahnen, von seinen Freunden, den verschiedenen Vögeln. Er hat die wichtige Aufgabe, die Tiere von den Flugzeugen fernzuhalten, damit sie nicht in die Trieb- und Fahrwerke geraten, eine böse Sache nicht nur für die Vögel.

»Friedliche Stille, wenn auch trügerisch …« Marie Lina hat ihre Mutter nie verstanden, auch nicht ihre Entscheidung, sich völlig zu isolieren. Im Strang der Mutter erfahren wir etwas über das niederländische Justizsystem, über die sehr fortschrittlichen Gefängnisse. Ein Ausbruchsversuch wird nicht bestraft, sondern als »philosophisches Menschenrecht« legitimiert. Marie Lina führt ein normales Leben. Doch unter der Decke ihrer Seele rumort ein unverarbeitetes Trauma. Marie Lina hat ihre Mutter verloren: sie will sie verstehen. Sie will wissen, wer die Schuld trägt. Und sie will verstehen, warm einer tötet, nichts sagt, wenn ein anderer büßen muss. Tag für Tag Gedanken, die sie nicht loslassen, Wut, die nicht herausdarf.

»Es war einmal ein Vater, der zu seinem Kummer keine Tochter hatte, dafür aber drei Söhne. Eines Tages brachte der jüngste, Rinus, ein Mädchen nach Hause, bei dessen Anblick er sofort dachte: Komm rein, mein Kind, komm rein, komm rein, du ahnst ja nicht, wie willkommen du bist! Rinus, damals achtzehneinhalb, war der schüchternste und stoffeligste junge Mann, dem der Vater je begegnet war.«

Es gibt einen Strang, den ich nicht verstanden habe. Rinus, der jüngste Sohn, bringt eines Tages die hübsche Hortense mit nachhause, die aus Curaçao stammt. Der Vater und die drei Brüder sind von der Frau fasziniert. Nach einer kurzen Liaison mit Linus heiratet sie den einen Bruder, Jahre später den anderen. Was dieser Nebenstrang mit der Grundgeschichte zu tun hat, erschließt sich mir nicht. Um zu erklären, dass Marie Lina aussieht wie Hortense in Blond mit heller Haut? Hortense ist eine Schwägerin, die in der Geschichte keine Bedeutung hat. Als Leser erwartet man, eine Figur, die anfangs lang und breit eingeführt wird, soll später eine Bedeutung haben. Kommt nichts, dann fragt man sich, wozu es gut war. Gilt der Charakter lediglich zum Erzählen, damit sich das Buch füllt?

Der Roman ist in auktorialer Perspektive erzählt, Erzähldistanz und Erzählhaltung wechseln, wie auch das Tempus. Margriet de Moor erzählt die Geschichte auf den ersten Seiten in Kurzform. Danach geht sie in die Tiefe und blättert Stück für Stück ihre Figuren auf. Sie kennt ihre Protagonisten bis in die letzte Ecke ihrer Seele. Und genau das macht das Buch lesenswert. Seite für Seite versteht der Leser Motive, die Autorin nimmt uns mit auf die Suche nach dem Warum. Warum macht einer das?, fragen wir oft, während wir die Zeitung lesen. Er wird seine Gründe haben.

Margriet de Moor gehört zu den bedeutendsten niederländischen Autoren der Gegenwart. Sie studierte Klavier und Gesang, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte. Bereits ihr erster Roman «Erst grau dann weiß dann blau» wurde ein großer Erfolg.

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13 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

Die Gewitterschwimmerin

Franziska Hauser
Fester Einband
Erschienen bei Eichborn , 23.02.2018
ISBN 9783847906445
Genre: Romane

Rezension:

»Ich wollte immer raus aus dem DDR-Käfig. Jetzt ist der Käfig offen, und ich bin zu erwachsen, um rauszuwollen in die Welt. Stattdessen klammere ich mich an meine Aufgaben.«

Gleich vorweg, ich bin völlig begeistert von diesem Roman! Eine wahre Familiengeschichte, die der Familie Hauser, Feinheiten kann man googeln. Franziska Hauser nennt sie in diesem Roman Familie Hirsch: Beginnend im späten 19. Jahrhundert bis ins Jahr 2012 lernen wir die Generationen kennen. Opa Friedrich Hirsch, Jude, Hochschulprofessor für Mathematik, Soldat im Ersten Weltkrieg, Sozialist, landet nach Hitlers Machtübernahme kurz im KZ, kann zunächst nach Frankreich fliehen, von dort weiter nach England, baut nach dem Krieg in der DDR das Schulwesen auf. Die christliche Ehefrau Ilse flieht mit dem jüngeren Sohn Erwin nach Frankreich, sie überleben dort. Sohn Alfred kämpft in der Résistance gegen die Deutschen. Der Familie wird nach Kriegsende die Rückkehr ins französisch besetzte Deutschland verwehrt! Der Professor darf nicht zurückkehren an seine Freiburger Universität: Kommunisten sind Feinde. Sie ziehen in die russische Zone. Alfred, Frauenheld, linientreu, wird ein berühmter Schriftsteller und Journalist, Erwin wird Physiker. Alfreds Tochter Tamara, schon als Kind rebellisch, eine Puppenspielerin, hasst die DDR, fühlt sich im Denken gemaßregelt und gefangen im Land, bekommt ständig Ärger mit der Obrigkeit. Aber Opa und Papa sind berühmt, ein gute Portion Narrenfreiheit steht ihr zu. Die Schwester, Dascha, angepasst, schwer depressiv, begeht Suizid. Das hat seine Gründe.

»Wenn Friedrich an den Wochenenden nach Penrith fuhr, um Irene zu sehen, redete er von dem neuen Schulsystem, das er entwickeln wolle. Er sagte, man müsse sich für fortschrittliche Schulen ein Beispiel nehmen am Bauhausgedanken. Die strengen Grenzen zwischen Naturwissenschaft, Geisteswissenschaft, Technik, Handwerk und Kunst müssten dringend abgeschafft werden.«

Vier Generationen im Zeitwechsel. Die Hauptfigur ist die Gewitterschwimmerin, eine Frau ohne Angst, die sich wehrt, wenn ihr etwas nicht passt: Tamara. Zeitsprünge von 1932 und weiter zurückblickend in die Jugend vom Großvater bis hin zu 2012, erzählerischer Perspektivwechsel vom personalen Erzählen zur Icherzählerin. Die Großeltern und Urgroßeltern (die im KZ starben) waren Opfer des Naziregimes, deren Kinder, Tamaras Eltern, wurden selbst zu Tätern, Täter in einem anderen Regime, Täter an den eigenen Kindern, die von ihnen selbst und von Verwandtschaft und Bekanntschaft missbraucht wurden. Die Autorin bricht das Schweigen über Familiengeheimnisse, indem sie sich ins Innerste der eigenen Mutter hineindenkt. »Ich hätte gerne stinknormale Eltern gehabt«, sagt Tamara. Die Schwestern haben es nicht leicht mit diesen Eltern, insbesondere die narzisstische Mutter schockiert. »Ich wünschte, ich hätte eine Mutter, die...«, man kann es verstehen.

»Die Eltern ließen sich von der Partei durch die Welt schicken, waren zwischendurch ein paar Wochen zu Hause und bald wieder viele Wochen weg. Für Irmgard war es jedes Mal wie Urlaub. Sie musste keine Partys vorbereiten, weniger einkaufen, Wäsche waschen, Essen kochen und sauber machen.«

Die herzliche Haushälterin Irmgard ist die einzige Konstante im Leben der Kinder, die Eltern sind viel auf Reisen durch die gesamte Welt, alles im Namen der DDR, Frankreich, USA, bis hin nach Tibet. Auf der einen Seite sind alle froh, wenn die Eltern fort sind, auf der anderen fehlt den Kindern die Elternliebe.

»Mit Henriette an der Hand gehe ich in die Werkshalle. ›Hans? Arbeitet hier keenr!‹ Niemand kennt seinen Namen. Man sieht uns mitleidig an. Ich komme mir bescheuert vor mit dem fassungslosen Gesicht und dem Bauch und dem Kind.«

Mit Männern hat Tamara nicht viel Glück. Roland ist tot. Er ist wahrscheinlich der Vater von Henriette. Mit Hans kann sie sich ein Leben vorstellen, der Mann, der illegale Papiere druckt und Schnaps klaut. Hans freut sich auf das gemeinsame Kind, gibt vor, in einer Druckerei zu arbeiten, die Familie muss versorgt werden. Plötzlich ist Hans spurlos verschwunden. Tamara ist schockiert, bekommt später heraus, Hans ist abgehauen in den Westen, hat sie hochschwanger sitzengelassen.

Die Autorin berichtet zu ihrem Buch: »Die Gewitterschwimmerin brauchte sieben Jahre. Entstanden ist die Idee aus der Frage, warum meine Mutter so ein Biest geworden war. Ich fing an, in der Vergangenheit zu wühlen und plötzlich fielen mir so viele ungeheuerliche Zusammenhänge auf, die weit auseinanderliegende Ereignisse miteinander vernetzten, dass ich anfangen musste, diese Verknüpfungen aufzuschreiben und aufzuzeichnen.«

Ich habe Tamara beim Lesen nicht als Biest empfunden, eher ihre eiskalte Mutter, Adele. Die Autorin geht sehr respektvoll mit ihrer Mutter um, Tamara, 1951 geboren, die Gewitterschwimmerin, dem Thanatos folgend. Sicher, sie ist keine einfache Person, sie ist ein Rebell. Aber der Rebell hat ihr die Seele gerettet, während ihre Schwester Dascha, die Wehrlose, zerbrochen ist.
Großmutter Ilse, eine konservative Pfarrerstochter heiratet einen Juden, muss vor den Nazis fliehen, sich später anpassen im kommunistischen Regime, die freie Liebe ertragen. Ihr Mann Friedrich, Prof. Dr., Dr. h.c. erhält von Honecker den vaterländischen Verdienstorden in Gold, wird 100 Jahre alt, hat nie etwas mit Religion am Hut, war es irgendwann Leid ein Jude zu sein, seine Familie wurde im KZ umgebracht. Der Vater, Alfred, kämpft in der Résistance zusammen mit seiner Lebenspartnerin Esther, die er nach dem Krieg sitzen lässt, für die exzentrische Krankenschwester Adele. Kommunismus ist für ihn Religion. Onkel Erwin und Frau arbeiten am Institut für Kernforschung in Rossendorf. Zeitweise wohnt Familie Alfred Hauser samt Eltern in einem Schlösschen an der Elbe, im Souterrain wohnt die enteignete Eigentümerin, ehemalige Millionärin und Besitzerin einer Zigarettenfabrik.

»Esther war eine intelligente Jüdin und eine mutige Kämpferin. Meine Mutter ist beides nicht. ... Warum Papa lieber Kommunist sein will und kein Jude, weiß ich jetzt. Kommunisten kämpfen, Juden werden ermordet.«

Für die Eltern, die sich Ruhm und Ansehen in der DDR erarbeiteten, ein sehr privilegiertes Leben führten, ist der Mauerfall der Niedergang, für die Tochter Tamara, die Erlösung, die letztendlich die ersehnte Freiheit nicht nutzt. Tamaras Töchter Henriette und Maja sind zu diesem Zeitpunkt 10 und 14 Jahre alt.

»In der Nacht kommt Alfred in mein Zimmer. Er schiebt mir vorsichtig die Decke weg, streichelt mich, schiebt meine Beine auseinander und steckt seine Zunge dazwischen.«

Satirisch, sarkastisch, humorvoll auf der einen Seite, traurig, qualvoll auf der anderen, Charaktere, die tief gehen, die Autorin geht mit der Familie ins Gericht. Familiengeschichte, deutsche Geschichte, schillernde Persönlichkeiten. Die Icherzählerin geht dem Leser nahe, insbesondere, wenn sie von Dascha, der Schwester berichtet. Was Dascha erleben muss, lässt einem den Atem stocken. Tamara ist als Icherzählerin trotzig, rotzig, authentisch, mitfühlend, immer altersgerecht in ihrer Sprache angepasst. Die kindliche Sicht Tamaras in jungen Jahren birgt eine Menge Komik und Dynamik. Die personale Erzählerin geht auf Distanz, ist analytisch, sie will verstehen. Die Handlung ist nicht chronologisch, springt in den Jahren hin und her, was einen Reiz ausmacht, es geht um die Charaktere, um Zusammenhänge. Perspektivwechsel und Tempuswechsel sind perfekt gesetzt.

»Als Friedensaktivist war er immer bemüht gewesen, die großen Zusammenhänge zu begreifen, und jetzt hatte er nicht einmal begriffen, dass der Krieg vorbei war. Die Nazis waren keine Feinde der westlichen Besatzungsmacht mehr. Die Feinde waren jetzt wieder die Kommunisten. Er sei kein Kommunist, beteuerte Friedrich geistesgegenwärtig, aber es hatte keinen Sinn, das zu beteuern. Man glaubte ihm kein Wort.«

Bis auf ihren leiblichen Vater sind alle Personen stimmig, sagt die Autorin, selbst jede Nebenfigur. Sie konnte in den Archiven der DDR genügend Recherchematerial finden, um historisch richtig zu berichten. Jedes Kapitel beginnt mit einer Jahreszahl, der Leser kann somit nicht durcheinanderkommen. Sprachlich ist dieses Buch für mich ein Kleinod. Werde es bestimmt noch ein paarmal lesen. Fasziniert hat mich auch der Wahrheitsgehalt. Deutsche Geschichte von der Kaiserzeit bis heute, mit allen Facetten, Leid durch vier Generationen getragen, Wiederholung in veränderter Form.

»›Warum kommt Karl Marx nicht in den Kommunistenhimmel?‹ Alfred hält drei Finger hoch. ›Er hat eine Aristokratin geheiratet, er war Westemigrant ...‹ Adele fällt ihm ins Wort: ›Und er war Jude.‹ Alfred stöhnt.«

Historisches zum Nachrecherchieren: Der Großvater Wilhelm Hauser und seine Söhne Harald und Oskar sind bei Wikipedia zu finden. Franziska Hauser erhielt für ihren Debütroman von 2015, »Sommerdreieck«, den Debütantenpreis der lit. COLOGNE und stand auf der Shortlist des aspekte-Literaturpreis.

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

anthologie, denken, empfinden, hanns josef ortheil, hintergründe

Musikmomente

Hanns-Josef Ortheil
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei btb, 11.12.2017
ISBN 9783442715862
Genre: Romane

Rezension:

Hanns-Josef Ortheil verwendet in seinen Romanen gern Musikszenen und beschreibt seine Liebe zur Musik. Er beschreibt Musiker im Einklang mit ihrem Instrument, mit dem Orchester und Zuhörer in Einstimmigkeit mit Musik. In dieser Anthologie berichtet Hanns-Josef Ortheil über sein Verhältnis zur Musik, seine Erziehung, ein Elternhaus, das auf eine musikalische Erziehung Wert legte. Der Autor selbst spielt Klavier, sein Leben ist von der Musik geprägt. Neben persönlichen Einblicken in sein Leben werden Passagen aus seinen Büchern zu kleinen Kapiteln eingefügt.

»Die Schule, die Volksschule wie man sie damals nannte, war ja sozusagen an mir gescheitert. Und dann ging mein Vater hin und sagte: ›Jetzt nehmen wir einfach mal Blätter und zeichnen mal ein paar Linien. So fangen wir an‹«

Eine traumatisierte Mutter, die vier Söhne verlor, das Sprechen eingestellt hat, nur noch schriftlich über Zettel kommuniziert, ein Trauma für den kleinen Hanns, der erst mit sieben Jahren zu sprechen beginnt. Nachdem er mit dem verbalen Ausdruck begonnen hat, bringt ihm der Vater das Schreiben bei. Und nun notiert der Junge alles, was er beobachtet, was ihn bewegt. Doch vor dem Sprechen stand die Musik. Hanns zeigte sich begabt am Klavier. Die Musik war seine erste Möglichkeit, sich auszudrücken.

»Ich höre den Text. Das ist kein Witz. Und während ich das aufschreibe, folge ich eigentlich nur der inneren Musik dieser Texte.«

Ein Buch über die Beziehung zur Musik, über hören, fühlen, über den Rhythmus. Musik schreiben, Musik fühlen, wer sich dafür interessiert, liegt hier richtig. Sicher ein nettes Geschenk für jemanden, der klassische Musik liebt.

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

Die Orient-Mission des Leutnant Stern

Jakob Hein
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Galiani Berlin ein Imprint von Kiepenheuer & Witsch, 15.02.2018
ISBN 9783869711720
Genre: Romane

Rezension:

Der erste Satz: »Der große Krieg begann für Stern als griechische Vokabel, serviert auf einem Silbertablett in die beschauliche Stille eines Nachmittags in einem abgelegenen belgischen Badeort hinein.«

Die Geschichte ist so unglaublich, dass sie wahr sein muss. 1914 wird Leutnant Stern zum türkischen Sultan gesandt, um den befreundeten Monarchen zu überreden, den Dschihad auszurufen. Er soll alle Muslime vereinigen, um so im Sturm die britischen und französischen Besetzer aus den Kolonien zuwerfen. Die Muslime sollen an der Seite des Deutschen Reichs kämpfen. Doch wie soll man den Sultan überzeugen?

»Nach Norden marschierten sie, ins verfluchte Trabander oder wie es hieß, um für die verfluchten Franzosen zu kämpfen, die sie dreckige Araber nannten, obwohl sie doch die Araber in Merrakec beim Sultan vergessen und stattdessen Gnawa und Berber auf ihre Schiffe genommen hatten.«

In den Reihen der Franzosen wiederum kämpfen unfreiwillig Nordafrikaner im 1. Weltkrieg. Die Franzosen glauben, es wären Araber, in Unkenntnis der vielen Stämme, für sie sind sie alle Araber. Aber die Araber geben sich für solche Dinge nicht her. Sie haben aus diversen Stämmen junge Burschen aus den Dörfern erpresst, die sich untereinander auch nur schwerlich unterhalten können. Ein solcher Trupp muss nun in Frankreich gegen die Deutschen kämpfen. Aber wozu, was haben sie mit Deutschen oder Franzosen zu tun? Kopf einziehen, Hände nach oben gestreckt, sie geraten in Gefangenschaft der Deutschen. Viele Muslime sind in Kriegsgefangenschaft, werden vorzüglich von den Deutschen behandelt, denn der türkische Sultan ist mächtig, ein Freund. So entsteht die erste Mosche in Deutschland nahe Berlin.

»Dieses Zitat ist in Wahrheit nur ein Teil eines arabischen Sprichworts. Vollständig heißt es: Die Feinde sind drei Arten: mein Feind, der Feind meines Freundes und der Freund meines Feindes. Die Freunde sind drei Arten: Mein Freund, der Freund meines Freundes und der Feind meines Freundes. Viele Muslime sind auch unsere Freunde.«

14 ausgesuchte Muslime, sechs Marokkaner, drei Tunesier und fünf Algerier, werden herausgepickt, die dem Sultan zugeführt werden sollen. Leutnant Stern soll sie in die Türkei bringen, damit sie dem Sultan von ihrer Entführung durch die Franzosen berichten, von der Befreiung durch die Deutschen, erklären, wie gut man die Muslime in Deutschland behandele. Doch wie bekommt man diese Truppe durchs Feindesland? Durch Österreich zu kommen ist kein Problem, aber die Ungarn, die Rumänen und ein paar andere Völkchen auf dem langen Weg dürfen das Spiel nicht durchschauen, denn diese Länder sind Freunde der Franzosen. Man tarnt die Gruppe als Zirkustruppe, verkleidet in Pluderhosen, zwei deutsche Funker samt Gerätschaft sind auch dabei, Stern als Zirkusdirektor, ein Zirkuszelt. Werden Sie durchkommen, wenn ja, wie wird der Sultan reagieren?

Der Roman ist multiperspektiv geschrieben, sehr reizvoll, da alle Beteiligten des Roadmovies mit ihrer Sicht der Ereignisse zu Wort kommen: Stern, sein Vorgesetzter Schabinger Freiherr von Schowingen, der undercover im Schlafwagen mitreist, Tassaout, ein Ait Attik, der für die Franzosen kämpfen sollte, ein Funker und ein paar andere Personen. Eine kuriose Geschichte, sehr amüsant geschrieben. Deutsch-Türkische Freundschaft, Kaiser Wilhelm plante den »Weltaufstand der Muslime« und ließ dafür die Armenier im Stich. Ein unbekanntes Kapitel der Deutschen Geschichte. Im Einsatz für die Armenier hat sich Deutschland keinesfalls mit Ruhm bekleckert.

»Da stand eine Moschee in Fläming als wäre sie auf einem roten Teppich dahingeschwebt. Zwar hatten sie ja auch in Potsdam solche Bauwerke, aber die Wünsdorfer Moschee war das erste muslimische Gotteshaus in ganz Deutschland …«

Ein Schelmenstück mit viel Humor und erzählerischem Talent zu Papier gebracht. Reisedokumente, Pluderhosen, schon in der Logistik gibt es im Vorfeld Probleme. Bürokratie, Grenzkontrollen, Leutnant Stern hat es nicht einfach, sich mit Hindernissen auseinanderzusetzen, oft genug bekommt er bei Grenzübertritten das große Zittern. Jakob Hein gelingt es, uns einen Teil deutscher Geschichte nahezubringen, der wahrscheinlich den meisten Menschen nicht bekannt ist. Auf der einen Seite habe ich mich königlich amüsiert, denn die Geschichte ist nicht nur unglaublich, sondern auch unglaublich fein erzählt. Auf der anderen Seite schockiert die Dreistigkeit einiger Handelnden, das weltpolitische Geschehen, das dahintersteckt.

Jakob Hein zu seinem Roman: »Mir kommt es so vor, als hätte die Geschichte 100 Jahre auf mich gewartet. Und als ich gehört habe, dass das Deutsche Reich den Dschihad auslösen wollte, dachte ich, das ist bestimmt eine Übertreibung. Aber es ist natürlich genau das, das Deutsche Reich wollte den Dschihad auslösen, den heiligen Krieg aller Muslime.«

Edgar Stern wurde nach dem Krieg Chefredakteur der Nachrichtenagentur »Wolfs Telegrafisches Büro«. Nach der Machtergreifung musste er 1933 von diesem Posten zurücktreten, da ein nationalliberaler Mann mit jüdischen Verwandten nicht mehr für den Job tragfähig war. 1936 emigrierte er mit seiner Familie nach London. Dieser fiktionale Roman basiert auf seine Veröffentlichung, seine Lebenserinnerungen, »Aus zuverlässiger Quelle«. Ebenso wurden die Memoiren von Karl Emil Schabinger Freiherr von Schowingen hinzugezogen, die unter dem Titel »Weltgeschichtliche Mosaiksplitter« veröffentlicht worden.

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95 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 67 Rezensionen

drogen, thriller, london, drohnen, brexit

Die Lieferantin

Zoë Beck , Thomas Wörtche
Flexibler Einband: 324 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 10.07.2017
ISBN 9783518467756
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der Anfang: »Rotweißblau waren nicht ihre Farben. Morayo Humphries war schwarz.«

Wir befinden uns in der Zukunft, ein paar Jahre voraus, der Brexit ist Normalität. Leigh, ein Restaurantbesitzer ist es leid, an die Mafia Schutzgeld zu zahlen. Die Einnahmen im Restaurant sinken, der Kassierer namens Gonzo verlangt immer höhere Beträge. Leigh will nur mit ihm reden, die Rate senken. Alles geht schief ... keine Absicht. Doch nun gilt es, die Leiche von Gonzo verschwinden zu lassen.

»... die sich dahin verpissen sollen, woher sie gekommen sind.«

Die Nationalisten, die »Rotweißblauen«, sind in der Mehrheit, zumindest verbal und in Präsenz, Rassismus steht auf der Tagesordnung. Großbritannien geht es wirtschaftlich schlecht, im sozialen Bereich wird an allen Ecken gekürzt. Das Drogengeschäft floriert. Gonzo ist verschwunden. Seinem Chef, dem Drogen- und Mafiaboss Boyd ist klar, wer Gonzo entführt hat: die Drogen-Konkurrenz. Er will Rache. Nun verselbstständigt sich der Stein, der ins Rollen geraten war ... Will jemand dem Boyd-Clan ins Geschäft pfuschen? Zusätzlich macht die Lieferantin dem Boyd-Clan Sorgen. Ihr Marktanteil steigt. Doch wer ist diese Frau? Sie verkauft ihre kleinen Päckchen nicht auf der Straße wie sie.

Morayo Humphries, genannt Mo, ist gebildet, sie hat Privatschulen besucht, hat einen Studienabschluss, aber sie ist farbig, einer von denen, die dorthin gehen solle, wo herkommen ... So verdient sie sich ihr Geld mit Drogen. Dazu muss sie nicht auf die Straße gehen. Sie liefert über Bestellungen aus dem Darknet per Drohne. Mo gehört zu einem Dealerring, den Ellie Johnson aufgebaut hat. Ihr Bruder ist an gestreckten Drogen verreckt. Darum gibt es bei ihr nur hochwertige Ware, ungestreckt, mit genauer Gebrauchsanweisung. Ihre Dealer kennen sie nicht. Ellie stellt die Drohnen und den Stoff zu Verfügung, wählt sich ihre Dealer genau aus. Die Drohnen sind hoch technisiert, lenkbar mit Kamerasystem ausgestattet. Elli ist aber keine Frau, die sich an Drogen bereichern will, sie setzt ihren Gewinn für die »Anti-Druxit-Kampagne« ein. Die Regierung hat ein neues Referendum geplant, der Besitz von Drogen soll absolut unter Strafe gestellt werden, sämtliche Therapiemöglichkeiten, ärztliche Betreuung und alles, was damit zusammenhängt, soll aus dem Staatshaushalt gestrichen werden. Alles läuft rund, bis der Boyd-Clan eine von Ellies Drohnen abfängt.

Zoë Beck hat in dieses Szenario brisante Gedankengänge hineingepackt. Die Geschichte wird multiperspektiv erzählt, es gibt eine Reihe von Protagonisten, alle grob gezeichnet, schlüssig. Die Erzählhaltung ist sehr distanziert. Das ist gut gewählt, denn alle Handelnden haben im Grunde persönlich nichts miteinander zu tun. Die Figuren sind hier nicht wichtig, sondern das Drumherum. Neben einer guten Portion Humor hat die Autorin eine düstere Zukunft für Little Britain aufgezeigt. Die Schotten haben sich abgetrennt, gehören zur EU, London-City wird durch Chinesen und Russen aufgekauft, die Immobilienpreise steigen. Einkommen sinken, Armut macht sich breit, was wieder Kürzungen der sozialen Bereiche nach sich zieht, radikaler Nationalismus, Fremdenhass, Ausgrenzung von Minderheiten, Kriminalität lohnt sich wieder.

Die möglichen Auswirkungen des Brexits sind sehr glaubhaft dargestellt – leider. Ich hoffe, dass Zoë Beck nicht Recht behält. Durch Elli und die »Anti-Druxit-Kampagne« nimmt die Autorin ein anderes Thema auf: die Legalisierung von Drogen. Weniger Kriminalität, weniger Kranke und Tote, so das Argument. Die baseballschwingenden »Rotweißblauen« erinnern an die prügelnden Nationalsozialisten des 3. Reichs. Bei der Lektüre läuft ein Schauern über den Rücken. Auch technisch hat sich die Autorin interessante Gedanken gemacht. Drogenlieferung per Drohne, vielleicht wird es schon praktiziert? Über das Darknet bestellt, per Briefpost geliefert, das ist heute schon gängige Praxis. Die Geschäftsabwicklung scheint zunächst völlig anonym zu laufen, zumindest glauben die Kunden das. Doch Elli hat es faustdick hinter den Ohren. Big sister is watching you ...

Ein gesellschaftskritischer Thriller der feinen Art. Verschiedene Aspekte einer Zukunft nach den Brexit wird ausgelotet, konservative, rechtslastige Formierungen sind auf dem Vormarsch, technische Möglichkeiten der Bespitzelung lassen sich wunderbar geschäftlich verwenden, KI auf dem Vormarsch, freier Verkauf von Drogen. Armut, Fremdenhass, Ausgrenzung niemand gönnt dem anderen die Butter auf dem Brot. Das alles passt zusammen in einem exakt ausgeloteten Plot. Ich habe schon ein paarmal gehört, das sei doch gar kein Thriller! Aber selbstverständlich ist das ein Thriller! Thriller bedeutet nicht, im Affentempo durch das Buch zu hetzen, zu meucheln, zu schockieren ... Was man unter man schockieren versteht, ist ein persönliches Gefühl. Hackebeilchen z. B. schockieren mich nicht, doch aber ein solches Szenario, wie in diesem Thriller beschrieben. Ein Krimi braucht einen Ermittler, der ein bereits geschehenes Verbrechen aufklärt. Ein Thriller beschreibt ein bedrohliches Szenario, das über der ganzen Story schwebt, der Thriller fragt, was kommen wird, bzw. sind wir noch zu retten? Dieser Thriller ist politisch aktuell, er stellt Fragen, zeigt auf, was auf uns zukommen könnte. Die Aussicht ist ein wenig finster. Aber wir haben es jetzt in der Hand, nicht in dieses Messer zu laufen! 

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43 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 6 Rezensionen

magischer realismus

Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt

Jesmyn Ward , Ulrike Becker
Fester Einband: 300 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 14.02.2018
ISBN 9783956142246
Genre: Romane

Rezension:

Der erste Satz: »Ich stell mir gerne vor, dass ich weiß, was der Tod ist.«

Jojo und Kayla sind Geschwister, er ist dreizehn, sie ist drei. Sie wohnen mit ihrer Mutter Leonie bei Mom und Pop, Leonies Eltern. Mom ist schwer krank, sie wird nicht mehr lange leben, liegt im Bett, der Krebs lässt sie dahinsiechen. Pop ist Besitzer einer kleinen Farm. Der Roman beginnt detailliert mit der Schlachtung einer Ziege an Jojos Geburtstag. Er soll Pop zur Hand gehen, lernen. Michael ist der Freund von Leonie, der Vater von Kayla, die eigentlich Michaela heißt. Er sitzt seit drei Jahren im Gefängnis wegen eines Drogendelikts und kommt nun frei. Leonie setzt die Kinder ins Auto, holt ihre Freundin Misty ab, deren Mann auch im selben Gefängnis sitzt, und sie fahren gemeinsam los, ihre Männer zu besuchen, bzw. abzuholen, nördlich, durch den Staat Mississippi.

»Er meinte, seine Maman und sein Daddy sind den Behörden immer aus dem Weg gegangen, ham ihre Fragen nie richtig beantwortet, die Zahl ihrer Kinder falsch angegeben, die Geburten gar nicht beim Amt gemeldet. Die glaubten, sie wollten nur bei ihnen rumschnüffeln und sich Informationen besorgen, um sie unter Kontrolle zu bringen, um sie einzusperren wie Vieh. Deswegen haben sie das ganze offizielle Zeugs nich mitgemacht, sondern lieber nach den alten Sitten gelebt.«

Jojo und Pop verstehen sich gut, Pop und Mom erzählen ihm Geschichten von damals. Wir erleben ein ärmliches Leben im Staat Mississippi, eine aufrechte farbige Familie, die sich bemüht, irgendwie durchzukommen, gute Erziehung, Bücher, Bildung sind wichtig. Die Generation von Leonie und Michael ist gekennzeichnet von Arbeitslosigkeit, schlecht bezahlten Jobs, Frust. Michael stammt aus einer weißen Familie, wohlhabender. Sein Vater, ein rassistischer Ex-Sheriff, ist ein harter Fanatiker, Leonie und Kayla dürfen sein Haus nicht betreten, es ist für ihn eine Katastrophe, dass sich sein Sohn mit einer Schwarzen eingelassen hat.

»Obwohl Mam schwitzt, wirkt ihre Haut blass und trocken, wie eine Schlammpfütze, die im Sommer nach mehreren Wochen ohne Regen zu einem Nichts getrocknet ist.«

Mam und Pop bleiben zurück, die Fahrt geht los, Kaya kotzt die gesamte Reise kübelweise das Auto voll, alles und jeder stinkt nach Kotze. Leonies Freundin Misty lotst die Familie zuerst zu einer abgelegenen Farm, eine Drogenküche für Ecstasy. Sie kauft heimlich Drogen, doch Jojo bekommt es mit, entdeckt die Drogenwerkstatt, skurrile Typen, bedrohlich, durchgeknallt bis hin zum Kind. Es geht weiter zum Haus von Michaels Anwalt, hilfsbereit, halbseiden, auch er nimmt Drogen. Am nächsten Tag fahren sie zum Gefängnis und die Reise geht zurück mit Michael an Bord. In der der Geschichte geht es um Rückblicke, Gedanken während der Fahrt. Multipersonal berichten die Protagonisten, sowie zwei Ahnen-Geister vom Geschehen, blicken zurück in ihr Leben. Leonies Bruder Given, ein aufstrebender Leistungssportler, wurde von Michaels Cousin rücklings erschossen. Michaels Vater, damals noch Sheriff befand lediglich, er sei ein Idiot, »Es ist nicht mehr wie früher.« Aber klar doch: Der Cousin wird nämlich nicht verurteilt.

»Dies hier’s Giersch. Nicht als Medizin geeignet, aber du kannst ihn kochen wie Spinat. Sind viele Vitamine drin, is also gesund. Dein Daddy mag ihn gern gedünstet, mit Reis, und er sagt, seine Mama hat aus den gemahlenen Samen Brot gebacken.«

Leonie versucht sich zu erinnern, welches Kraut gegen Übelkeit helfen könne, sucht an der Straße entlang, denkt an die langen Spaziergänge durch den Wald mit Mom, die alle Kräuter kennt, ihr versuchte, das Wissen weiterzugeben. Pop, der sich in jungen Jahren abrackerte, angekettet an die Mitgefangenen auf den Baumwollfeldern der Parchman Farm, dem Staatsgefängnis von Mississippi, Leonie und Michael, der als Arbeiter das Unglück der Deepwater Horizon traumatisiert überlebte, Leonies Freundschaft zu Misty. Der Leser dringt ein in Familie, Gesellschaft, Konflikte, lernt die Ahnen kennen, einschließlich ihrer magischen Geister und Götter. Denn auch Geister kommen zu Wort, verstorbene Ahnen, die nach dem Vertrauen der Protagonisten unter ihnen weilen, sie beschützen.

»Die Form stimmt, aber die Einzelheiten sind ausradiert.«

Jesmyn Wards Sprache ist bildhaft, metapherhaft und außerordentlich präzise und detailliert, wenn es um die Figuren geht. Mit viel Empathie und großer erzählerischer Kraft lässt sie ihre Figuren handeln, leiden, in die Zukunft blicken. Die schwarz-amerikanische Autorin erhielt 2011 für »Vor dem Sturm« den »National Book Award« und wurde als erste Frau ein zweites Mal mit dem Preis für dieses Werk ausgezeichnet.

Alles wird gut. »Weil wir nicht auf geraden Wegen gehn. Alles passiert gleichzeitig. Alles. Wir sind alle gleichzeitig hier. Meine Mama und Daddy und ihre Mamas und Daddys.«

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ausgrenzung, baskenland, begegnung, dorf, attentat

Patria

Fernando Aramburu , Willi Zurbrüggen , Eva Mattes
Audio CD
Erschienen bei Argon, 16.01.2018
ISBN 9783839816264
Genre: Romane

Rezension:

»Wenn wir die Unabhängigkeit haben, regeln wir alles unter uns. Die Arbeiter sollen ein besseres Leben haben? Perfekt. Sie kriegen es. Wer will das verhindern, wenn uns keiner von außerhalb mehr regiert? Das ist dann Euskera-Angelegenheit. Und genau dasselbe, wenn jeder Christenmensch hier Euskera spricht; dann gibt es dazu gar nichts mehr zu sagen«
Ein grandioser Bestseller aus Spanien, eindringlich geschrieben. Zwei Familien in Freundschaft, später in bitterer Feindschaft. Schuld ist die ETA. In der einen Familie ein Terrorist, oder ist er ein baskischer Held?, in der anderen Familie der baskische Vater, ein Unternehmer, der nicht genug Schutzgeld an die Untergrundbewegung bezahlt, sie nicht unterstützt, tot, ermordet … Bist du kein Baske, bist du mein Feind. Sprichst du kein Baskisch, bist du einer von denen, gehörst nicht zu uns … Wer die Bewegung nicht unterstützt, ist ein Feind.

Erst im Jahr 2011 legte die Euskadi Ta Askatasuna, die ETA (baskisch für Baskenland und Freiheit) die Waffen nieder, ist die älteste noch aktive terroristische Untergrundgruppe Europas, eine marxistisch-leninistische, separatistische baskisch-nationalistische. Erst in diesem Monat hat sie sich offiziell aufgelöst, sich für sich für alle Taten entschuldigt, in Gedenken an die 864 Todesopfer! 1959 wurde die ETA als Widerstandsbewegung gegen die Franco-Regierung gegründet. Seit 1076 steht das Baskenland unter spanischer Regierung, die eigentümliche Sprache des Baskenlands, Euskara, von der niemand so recht weiß woher sie stammt, sie ist mit keiner anderen bekannten Sprache genetisch verwandt, hat sich bis heute gehalten.

Aber in diesem Roman ist das Thema nicht unbedingt die ETA, sondern sie steht nur Pate für indoktrinierten Fanatismus, für Hass und Gewalt zwischen Ethnien, die Familien zerstört: Sinnloses Handeln, Terrorismus, der Tod von Unschuldiger, ein Thema, das uns heute wieder umtreibt, leider. Aber der Roman steht auch für Vergebung. Das Buch beginnt mit Bittori, die an dem Tag, an dem die ETA den Waffenstillstand mit dem spanischen Staat verkündet, das Grab ihres Mannes Txato besucht, der vor über zwanzig Jahren von ETA-Terroristen erschossen wurde. In Zwiesprache entschließt sie sich, in ihr Dorf zurückzukehren, in ihr Haus. Und nun wird das Opfer zum Täter erklärt, denn so verstehen es die Dorfbewohner. Die da soll gehen, die da belästigt uns mit ihrer Anwesenheit, will und ein schlechtes Gewissen machen … Nachbarin Miren wird wütend. Die Hexe soll gehen.
Miren und Bittori waren früher befreundet, ihre Männer waren beste Freunde, beide Trainingspartner im Radsportverein. Taxo, ein Fuhrunternehmer, hatte ein gutes Herz. Die Nachbarskinder, bitterarm, wurden oft von ihm beschenkt, mal ein Eis, mal eine Haarspange oder Bonbons, kaufte er etwas für seine Kinder, kamen auch die Kinder vom besten Freund nie zu kurz, man teilt im Leben. Bittori möchte Antworten erhalten. Warum wurde ihr Ehemann Txato erschossen, ein Baske, ein guter Mensch? Zu seiner Beerdigung in San Sebastián kommen zwei Trauergäste, die Familie hat Angst, ihn im Dorf zu beerdigen, Angst, dass das Grab beschädigt wird. Die Opfer werden zu Schuldigen gebrandmarkt. Bittori gibt nicht nach, sie will niemanden anklagen, nur Antworten erhalten. Der größte Teil des Romans besteht aus Rückblicken. Zwei Familien, Freundschaft vor dem Anschlag, nach dem Anschlag in bittere Feindschaft. Aber auch innerhalb dieser Familien herrscht Feindschaft und Unruhe. Eine Heirat mit dem Falschen, dem verhassten Spanier, Homosexualität, Terrorismus, nicht jeder ergibt sich dem Hass, mancher wendet sich von der Familie ab. Ein erschossener Vater, ein politischer Mord, wie gehen die Kinder damit um? Jeder sucht seinen Weg. Kann man verzeihen?

»›Frage ihn das für mich!‹, bittet sie Joxian, ›Frage deinen Sohn das nächste Mal, wenn du ihn besuchst, ob er es war, der geschossen hat? Ich muss es wissen, bald, ich habe nicht mehr lange zu leben. Ich werde ihn auch nicht verraten. Und sag ihm, wenn er mich um Verzeihung bittet, vergebe ich ihm‹«

Joxe Mari, der Nachbarssohn, genau jener, dem Txato immer Eis kaufte, hat sich der ETA angeschlossen, wird in Frankreich zum Kampf ausgebildet und genau dieser Joxe Mari, muss Txato ausspionieren, herausfinden, wie man ihn am besten erwischt, den Kapitalisten, der die Schutzgelderpressung ignoriert. Joxe Mari, der Terrorist, wird später geschnappt, sitzt heute im Gefängnis, ist für lange Zeit weggesperrt. Seine Schwester Arantxa, nach einem Schlaganfall gelähmt, versucht die störrische Mutter und den verbohrten Bruder, zur Vernunft zu bringen. Aber für die gibt es nur Euskadi Ta Askatasuna! Der Autor springt zwischen den Zeiten hin und her, auch zwischen den Protagonisten. Immer wieder geht er zurück ins Jetzt. So verbindet er die alte Zeit mit jetzigen, zeigt die Brüche, die kleinen Veränderungen.

Anhand dieser zwei Familien zeigt Fernando Aramburu, wozu es führt, wenn man sich in ethnischem, religiösem oder politischem Hass gegenübersteht: Zerstörte Freundschaft, entzweite Familien, Wut, Trauer, Tod. Er geht hinein in seine Figuren. Eine Dorfgemeinschaft benötigt Zusammenhalt, Gemeinschaft. Hass auf eine Gruppe innerhalb der Sippe spaltet und zerstört die Substanz dieser Gesellschaft. Wir sind die Guten, die anderen die Bösen. Ein Buch, das uns nicht über die ETA aufklären will, hier gibt es nichts aufzuklären. Die ETA ist eine Terrororganisation, mehr ist dazu nicht zu sagen. Fernando Aramburu warnt vor Fanatismus jeglicher Art und er gibt Hoffnung auf Verständigung und Vergebung, nicht für Absolution. Der Roman wurde in Spanien mit den renommierten Preisen »Premio Nacional de Narritiva« und »Premio de la Crítica« ausgezeichnet. Er selbst sagte in einem Interview: »Solange du für Kinder schreibst, lassen sie dich in Ruhe. Aber wehe, du machst dieses Land zum Thema, mein Junge. Solltest du jemals für Erwachsene schreiben, sieh zu, dass du die Handlung in weite Ferne von Euskadi verlegst. Nach Afrika oder Amerika, wie andere das tun.« Aber die Zeit scheint im Baskenland reif zu sein, sich nicht in der Ecke schämen zu müssen, sobald warnende Worte ausgesprochen werden.

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70 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 47 Rezensionen

fehlurteil, irrtum, mord, psychologen, echte fälle

Der Serienkiller, der keiner war

Dan Josefsson , Stefan Pluschkat
Flexibler Einband: 560 Seiten
Erschienen bei btb, 13.11.2017
ISBN 9783442715664
Genre: Biografien

Rezension:

Der erste Satz: »Um 12.30 erreichen die Schweden den Ørjeskogen im Südosten Norwegens unweit der schwedischen Grenze.«

Ein dickes Sachbuch für Psychologieinteressierte, Psychotherapie. Sture Bergwall gesteht 39 eingebildete Morde, kann keinerlei Täterwissen präsentieren, nicht den Fundort der Leichen, er erinnert sich nur wage an Einzelheiten, enormer Polizeiaufwand, er führt die Polizei an der Nase herum. Das alles ist der Justiz egal, er wird auf Grund seiner Geständnisse verurteilt, obwohl keine einzige Leiche gefunden wird. Der Mann ist unschuldig, aber das stellt sich erst knapp 20 Jahre später heraus.

Wie kann so etwas passieren? Hier kommt die Psychotherapeutin Margit Norell ins Spiel, eine Frau, die manipuliert, Patienten, wie Kollegen, eine sektenartige Gruppe aus Therapeuten um sich scharrt … Der Journalist Dan Josefsson hat sehr genau und detailliert recherchiert. Es geht zur Hälfte in diesem Buch um Margit Norell, ihre Therapieform, bei der Missbrauch im Vordergrund steht. Der Fall zeigt, wie leicht die Erinnerung labiler Patienten von Therapeuten manipuliert werden kann. Sture Bergwall war Margit Norells Patient, erinnert sich in der Therapie an frühen Missbrauch durch die Eltern, sogar daran, dass diese seinen Zwillingsbruder töteten, ihm zu essen gaben. Das alles ist nicht wahr. Sture Bergwall, war in jungen Jahren ein drogenabhängiger Kleinkrimineller, wurde Anfang der 90er-Jahre in der forensischen Psychiatrie Säter behandelt. Die Ärzte verfolgten die Ansicht, mit Psychotherapie Kriminalität heilen zu können. Bergwall wird wieder entlassen, kommt draußen nicht klar, will zurück in die Klinik. Um dort bleiben zu können, gesteht er Stück für Stück die Morde.

»Margit Norell wurde als schwedische Pionierin vorgestellt: ›seit den Fünfzigerjahren wendet sie Frieda Fromm-Reichmanns Therapiemethoden bei schweren psychischen Erkrankungen an. In erster Linie hat sie Psychologen und Psychiater supervidiert, die sich bewusst für die Gesprächstherapie als Alternative zu vorherrschenden Therapien wie Elektrokrampftherapie oder auch medikamentöse Behandlungen entschieden haben.«

Dan Josefsson berichtet zunächst über die Familie von Margit Norell, zum Verständnis für den Leser, wie sich ihre Persönlichkeit entwickelte. Sie war begeistert von Erich Fromm, mit dem sie sich mehrfach traf, der aber kein Interesse zeigte, sie als Schülerin aufzunehmen. Sie heiratet einen Kollegen, der ihr anscheinend völlig hörig war. Kollegen berichten von einer Aura ihrer Persönlichkeit, allein schon, wenn sie den Raum betrat. Frieda Fromm-Reichmanns Therapiemethoden entwickelte sie weiter. Kollegen berichten, sie hat das distanzierte Patienten-Klienten-Verhältnis abgelehnt und den Patienten wie den Kollegen, die sie supervisierte das Gefühl gegeben, sie sei ein Mutterersatz. Man fühlte sich wohl bei ihr, wie im Mutterschoß. Trotz allem war ihr Auftreten herrisch. Was sie sagte, war Fakt, was sie bestimmte, wurde gemacht. Auch nur ein leises Hinterfragen wurde von ihr bestraft. Margit Norell gründete 1963 eine Arbeitsgruppe, die sich den Ideen Karen Horneys widmete und 1968 gründete sie den Svenska Föreningen för Holistisk Psykoterapi och Psykoanalys (SFHPP). Nachdem sie dort ausgetreten war, gründete sie in den siebzigen einen eigenen Studienkreis zu ihrer Objektbeziehungstheorie. Viele Kollegen, Anhänger, die sie therapierte und supervidierte, baten darum, dabei sein zu dürfen. Und nun folgt das, was in allen Sekten und Eliten praktiziert wird: Du musst bitten, dabei zu sein, auserwählt zu sein. Norell ließ die Leute zappeln, ein bis drei Jahre ließ sie sich bitten, bis sie sich herabließ, jemanden aufzunehmen. Wer allerdings eigene Meinungen präsentierte, den zartesten Versuch erwägte, ihr zu widersprechen, der konnte gehen. Entweder man huldigte sie oder man war ihr Feind. Ihre Tochter berichtet, Margit Norell ließ jeden Menschen sofort fallen, der sie nicht bewundern wollte, der eine eigene Meinung hatte, in allen Bereichen. Sie war die unantastbare Königin.

Der Journalist Dan Josefsson hat unglaublich gut und tief recherchiert, mit Weggefährten und Verwandten von Margit Norell gesprochen, mit den ehemaligen Mitgliedern ihres exklusiven Studienkreises. Warm, mütterlich und gleichzeitig unerbittlich streng, innig mit den Patienten verbunden baute sie Abhängigkeiten auf.

»Für Margit hatte der vermeindliche Missbrauch eine zentrale Bedeutung. Er untermauerte eine These, die einer eigenen psychiatrischen Theorie noch am nächsten kam. Eigene Theorien zu entwickeln, war im Grunde nicht Margits Spezialität gewesen. Stattdessen bediente sie sich unterschiedlichster Ansätze und kombinierte und modifizierte sie, bis sie sich in ihr Weltbild einfügten.«

Dabei kombinierte sie verschiedene Theorien von Erich Fromm, Frieda Fromm-Reich, die Theoreme von Siegmund Freud, entwicklungspsychologische Ansätze von Winnicott, Fairbairn usw. und ist die Pionierin der Theorie der Objektbeziehungen in Schweden. Kindlicher Missbrauch war ihr Hauptthema, den sie anscheinend bei jedem Menschen vermutete. Es ist unglaublich, wie diese Frau die Menschen um sich herum manipulierte.

»Laut Christiansson war Sture zum Mörder geworden, weil sein Unterbewusstsein von verdrängten Kindheitstrauma ›erzählen‹ wollte. Anschließend war der Mord ebenfalls verdrängt und zum Trauma geworden, was laut Christiansson zwangsläufig zu neuen Morden führen musste, mit denen sowohl die Kindheitstraumata als auch die früheren Morde ›nacherzählt‹ wurden.«

Warum ist das Leben von Margit Norell und ihre Therapierichtung so wichtig für den Fall Sture Bergwall? Ohne sie wäre Sture nie auf die Idee gekommen, die Morde zu gestehen. Ohne sie hätte er sich nie an nichtexistente Missbrauchszenen erinnert. Und ohne ihre Sachverständigengutachten und die Gutachten ihres Kollegen Sven-Åke Christiansson, der zu ihren glühenden Anhängern gehörte, wäre Bergwall nie verurteilt worden. Christiansson vermarktete vor Gericht seine Lehrsätze als die aktuellesten Forschungsergebnisse im internationalen Feld.

Abwechselnd berichtet Dan Josefsson über Sture Bergwall, seine Psychotherapeutin, den Prozess, die Wiederaufnahme nach fast 20 Jahren. Auch die Staatsanwaltschaft und die Richter haben sich durch erhebliche Verfahrensfehler schuldig gemacht. In der Mitte vom Buch findet man einige Fotos und ein paar Fotos von Berichten, Notizen. 591 Seiten, ein komplexes Werk durch akribische Recherche durch den Autor. Einer der größten Gerichtsskandale der Geschichte, ein Sachbuch, das mir gut gefallen hat. Die Darstellung ist sehr ausgedehnt dokumentiert, hätte für mich an manchen Stellen etwas kompakter sein können. Für Laien sind die Grundzüge der Psychoanalyse nach Freud und Ableger verständlich zusammengefasst, hier habe ich geblättert. Wer sich für das Thema Manipulation durch Indoktrination und Überzeugungskraft durch vorgetäuschtes Fachwissen interessiert, der liegt hier richtig. Wer zwischendurch blättert, weil ihn das Thema nicht interessiert, findet immer wieder Anschluss. 

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Leiser Tod

Garry Disher , Peter Torberg
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Unionsverlag, 19.02.2018
ISBN 9783293005280
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

»Grace taugte als Name so gut wie jeder andere, und an diesem Morgen war Grace in Hobart, schlenderte durch eine wohlhabende Ecke von Sandy Bay und besah sich die abgelegenen Anwesen.«

Grace ist eine Berufseinbrecherin. Wie auch immer sie heißt. Zur Zeit nennt sie sich Grace, eine Frau mit vielen Pässen. Sie arbeitet sehr genau, beobachtet, googelt, überprüft, der kleinste Verdacht, jemand könnte sie beobachten, jemand könnte zu Hause sein, lässt sie abbrechen. Sie arbeitet allein, pfuscht nicht und die Spuren, die sie hinterlässt, sind gewollt, Männerschuhe, Größe 46. Sie arbeitet im ganzen Land, wechselt ständig die Leihwagen, hat verschiedene Gelddepots und immer einen Plan B in der Tasche. Ihr Zuhause ist in Peninsula. Beschmutze nie deine Heimat, Peninsula ist tabu!

»Es ist zehn Uhr nachts, Sie sind verletzt, haben Angst, rennen um ihr Leben, sind zu arm für ein Handy, es gibt kein öffentliches Telefon mehr, vor den Türen des dunklen Polizeireviers gibt es einen Knopf, und wenn man draufdrückt, läuft ein Band ab, Sie möchten doch bitte den Notruf wählen.«

Australien, Waterloo, eine Kleinstadt auf Mornington-Peninsula, unweit von Melbournes, die Polizei ist einem Serien-Vergewaltiger auf der Spur. Ist der Mann ein Polizist? Chief Hal Challis ermittelt nach allen Seiten und als wenn er nicht genug Ärger hätte, lässt er sich von einem Journalisten dazu hinreißen, über die schlechten Arbeitsbedingungen bei der Polizei zu wettern. Es geht eine Warnung über einen Bankräuber ein, der eine Bank nach der anderen überfällt, er ist in Richtung Peninsula unterwegs. Er und sein Team haben alle Hände voll zu tun.

Ein Mann namens Galt ist Grace auf der Spur, behauptet, er wäre Polizist, zeigt überall seine Marke, wo er Grace vermutet.

»›Die Leichenstarre setzt als Erstes in Gesicht und Unterkiefer ein‹, sagte sie, als würde sie zu Studenten sprechen oder laut denken, ›gefolgt von den oberen Gliedmaßen, dann Hüfte und Beine. Sie sah zu den Gestalten hoch, die sie beobachteten.«

Zwei Geschichten, parallel erzählt, die aufeinander zuwandern. Garry Disher ist ein großartiger Erzähler, ein feiner Beobachter. Seine Charaktere handeln immer von Menschen wie du und ich, keine Superhelden. Auch hier hat er wieder feinpointierte Charaktere entworfen, jeder ist ein Unikum. Disher braucht keine Klischees. Es gibt in diesem Krimi keine Hauptperson. Challis hat ein Team mit unterschiedlichen Typen, z. B. Constable Pam Murphy, die ihren Platz im Leben sucht und Scobie Sutton, der seinen Platz in der Familie gefunden hat, sein Job ihn dabei stört, ein Büroarbeiter, der Menschen nicht lesen kann. Spannend geschrieben, im ständigen Perspektivwechsel zwischen den Personen, atmosphärische Dichte, glaubhafte Charaktere, fein gezeichnet, das alles macht diesen Roman zu einem des besten Krimis, die ich in diesem Jahr gelesen habe.

Garry Disher lebt südlich von Melbourne und wurde mit dem australischen Krimipreis, dem Ned Kelly Award, und dreimal mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet.

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51 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 29 Rezensionen

politik, organhandel, thriller, korruption, flüchtlingslager

Der Preis des Todes

Horst Eckert
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Wunderlich, 13.03.2018
ISBN 9783805200127
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Die TV-Moderatorin Sarah Wolf kämpft um den Erhalt ihrer politischen Talk-Show. Sie ist mit Christian Wagner leiert, ein Politiker, eine Beziehung zunächst in der Heimlichkeit, die sie demnächst offen zeigen wollen. Zunächst sitzt Sarah in der Klemme, denn durch ihre nächste Sendung wird Christian in die Klemme geraten, er, der den Gesundheitsminister ablösen soll. Ihm wird Lobbyismus für eine große Klinikgruppe vorgeworfen. Dazu kommt es nicht mehr, denn Christian wird ermordet. Die Moderatorin gerät kurz selbst unter Verdacht. Und da ist noch ein anderer Fall in Düsseldorf anhängig, Kommissar Sellin, der Vater von Sarah, ermittelt im Fall einer toten Frau. Die Spur der ermordeten Menschenrechtsaktivistin endet auf der einen Seite bei Christian und auf der anderen in Kenia, in einem Flüchtlingscamp. Sarah recherchiert und kommt dem Täter viel zu dicht auf die Spur. Viele Hinweise deuten auf Afrika, auf ein Flüchtlingscamp, das von der Stiftung des Krankenhausbetreibers Samax AG unterstützt wird. Sarah reist mit einem Team nach Kenia.

»Das Zusammenstellen der Gästeliste verglich Sarah mit einem Strategiespiel. Generell galt: der ideale Talk-Gast war prominent, polarisierend, eloquent und zugleich robust genug, um den Schlagabtausch vor einem Millionenpublikum durchzustehen.«

Horst Eckert ist Journalist und kennt sich in seinem Metier bestens aus. Auf den Punkt gebracht mit Sachkenntnis beschreibt er die Produktion der Talk-Show, Auswahl der Themen, Herstellung der Einspieler, Auswahl der Gäste, Einladungen, Ausladungen, Absagen, der Druck der Quoten, Druck vom Intendanten, beleidigte Politiker, Erpressung. Sarah besitzt, wie heute üblich, eine eigene Produktionsfirma. Die Show wird von der ARD eingekauft, die Vertragsdauer ist kurz. Wie weit kann sie gehen? Wird ihr Vertrag verlängert? Die Quoten schießen dort in die Höhe, wo sie mit den Regierenden Ärger bekommt. Politiker bevorzugen kuschlige Sendungen mit weichgespülten Themen und die wiederum lassen die Quoten sinken. Einige Politiker weigern sich bereits, in Sarahs Sendung zu kommen. Hervorragend stellt Horst Eckert das Spiel zwischen Sender, Politik und Moderatoren da, den Quotendruck. Ich habe mich geschüttelt, aber es ging nicht weg, die Bilder festigten sich beim Lesen im Kopf: Bestimmte reale Personen saßen in meinem Kopfkino, wollten nicht verschwinden, Talkshow, Telefon, Frühstücksfernsehen, sie waren präsent.

»Sie änderten die Richtung, und liefen, so schnell sie konnten. Sarah versuchte, das Stechen in ihrer Lunge zu ignorieren. Laura stolperte. Jimi half ihr hoch. Die beiden anderen hatten sie aus den Augen verloren. Sie hörten irgendwo Steine kullern, losgetreten von den Stiefeln ihrer Verfolger. Rufe, Schüsse – und das laute Echo, das der Berg zurückwarf.«

Ein weiterer Strang findet in Kenia statt, hochspannend geschrieben, ein weiteres brisantes Thema, mehr verrate ich an dieser Stelle nicht.

Spannend, vielschichtig, aktuell, brisant, politisch, der beste Eckert ever … Diesmal ein Thriller, ein »Stand-Alone«, noch besser als Eckerts Krimis!


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133 Bibliotheken, 5 Leser, 2 Gruppen, 72 Rezensionen

judenverfolgung, nationalsozialismus, flucht, juden, roman

Der Reisende

Ulrich Alexander Boschwitz , Peter Graf
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 18.03.2018
ISBN 9783608981230
Genre: Historische Romane

Rezension:

Im Vorwort erfährt der Leser, dass dieser Roman auf Flucht des jüdischen Autors 1938, direkt nach den Pogromen des Hitlerregimes irgendwo in Luxemburg oder Brüssel verfasst wurde. Das Originaltyposkript wurde in den Sechzigern im Exilarchiv in Frankfurt am Main verwahrt.

»Da sitze ich nun meiner Firma gegenüber, erzürnte sich Silbermann immer mehr, und kann es nicht wagen hineinzugehen. Mir gehört sie! Mir ganz allein! Ich habe sie mir in Jahren harter Arbeit aufgebaut, und jetzt – jetzt ist jeder Lehrling mehr Herr in ihr, als ich es bin!«

Deutschland im November 1938, Otto Silbermann, Jude, bis dato angesehener Geschäftsmann, erfährt per Telefon, Verwandte sind verhaftet worden. Er verhandelt in diesem Moment über den Verkauf seines Mietshauses, extrem unter Wert verlangt er neunzigtausend vom Findler. Der meint, es seien schlechte Zeiten, bietet dreißigtausend, fünfzehn auf den Tisch, wenn er nicht kauft, zieht der Staat das Haus ein. Man verhandelt. Es klingelt und klopft an der Tür. Auch Silbermann wollen sie holen, Findler bietet nun zehntausend, mehr sei nun nicht mehr drin. Silbermann flieht durch die Hintertür, reist mit der Bahn. Auch sein Geschäftspartner, Nationalsozialist Becker zockt ihn nun ab, nimmt ihm die Firma. Es ist sein Kriegskamerad aus dem Ersten Weltkrieg, den der zum Kompagnon seiner Firma machte. Mit einer Tasche voll Geld kehrt er am nächsten Tag nach Hause zurück. Die Wohnung ist verwüstet. Seine christliche Frau reiste zu ihrem Bruder, ist in Sicherheit. Der Schwager will ihn nicht haben, den Juden. Hauptsache der Frau geht es gut. Telefonate mit dem Sohn in Paris, der versucht seit Monaten Ausreisepapiere zu erhalten, nichts zu machen. Das Haus hat er im letzten Jahr neu anstreichen lassen, hätte er sich sparen können.

Silbermann reist mit der Bahn durch das Land, er sieht nicht aus wie ein Jude. Die Aktentasche voller Papiere, Besitzurkunden, den Ausweis mit dem aufgestempelten J, achtzigtausend Mark, das Geld, das er retten konnte, ein Koffer voller Kleidung. Doch wo soll er hin? Zunächst in die Bahn, Richtung Belgien. Er hat gehört, dort wird man über die Grenze geschmuggelt. Viel Geld bezahlt, von den belgischen Grenzsoldaten erwischt, zurückgeschickt. Und wieder in die Bahn, dort ist er sicher.

»›Warum lassen sich die Juden eigentlich alles gefallen?‹, fragte sie ernst. ›Ich meine, warum wehren sie sich nicht? Warum fliehen sie nur?‹
›Wenn wir Romantiker wären‹, entgegnete er stolz auf seine Vernunft, ›dann hätten wir die letzten zweitausend Jahre schwerlich überlebt.‹«

Silbermann sitzt in der Bahn, steigt aus, isst im Restaurant, frühstückt irgendwo, kauft ein neues Billett. So reist er durch kreuz und quer durch das Land, telefoniert mit dem Sohn, nein, noch immer keine Dokumente. Telefoniert, nein, seine Frau ist grade nicht im Haus, vermeldet der Schwager, betont, ihr Obdach zu geben. Und die Frau? Warum ist sie nie zu sprechen? Hat sie sich auch von Silbermann abgewandt? Reicht sie vielleicht schon die Scheidung ein? Reisen macht müde, in der Bahn schläft es sich schlecht. Hotels verlangen Anmeldungen, Ausweise, über die Grenze kommt er auch nicht mehr. Reisen, umsteigen, reisen, in der Bahn ist er sicher, Leute kennenlernen, zuhören, was sie sagen, über die Juden. Demütigungen, Angst, bis in den Wahnsinn. Aber es kommt noch schlimmer.

»Übrigens denke ich gar nicht mehr. Ich habe es mir abgewöhnt. So erträgt man alles am besten.«

Ein Buch, das unter die Haut geht, insbesondere, da es von einem jungen Juden 1938 geschrieben wurde, der es bis ins Exil geschafft hat, es trotzdem nicht überlebte. Menschen wird alles genommen, im zweiten Schritt werden sie deportiert, umgebracht, auf Grund der Zugehörigkeit einer Religion. Gestern angesehener Bürger, heute Abschaum. Jeder um Silbermann herum spricht es offen aus, zockt ab. Die Angst um das eigene Leben. Silbermann sieht nicht aus wie ein Jude, aber der alte Freund im Café und lauthals ist der obendrein, schnell weg, bevor man sie zusammen verhaftet. Die Tötung wird nie erwähnt. Aber es ist glasklar im Subtext zu lesen: Wer erst mal im Konzentrationslager sitzt, kommt nie wieder heraus. Der Text entwickelt einen Sog ist spannend, Worte treffen wie Hammerschläge. Ein Roman voll expressiver Dichte, die wohl nur jemand auf der Flucht so treffend formulieren kann. Schullektüre!

Ulrich Alexander Boschwitz, geboren am 19. April 1915 in Berlin, sein Vater stammte aus einer jüdischen Familie, konvertierte zum Christentum. Die Mutter entstammte einer Lübecker Familie, die bedeutsame Theologen hervorbrachte. Ulrich Boschwitz und seine Mutter Martha Wolgast Boschwitz, eine Malerin, verließen 1935 Deutschland, wahrscheinlich auf Grund der Nürnberger Rassengesetze. Mutter und Sohn emigrieren zunächst nach Schweden, später nach Norwegen, wo Ulrich Boschwitz seinen ersten Roman »Menschen neben dem Leben« verfasste. »Der Reisende« entstand in kurzer Zeit in Luxemburg oder Belgien. Boschwitz beobachtete aus dem Ausland die Pogromen, Plünderungen jüdischer Geschäfte, Brandanschläge auf Synagogen, Verhaftungen und Morde an Juden im November 1938, hatte sicher auch Kontakt mit jenen Leuten, denen die Flucht gelang. 1939 folgte der 27-jährige Boschwitz seiner Mutter ins britische Exil. Aber nach Kriegsbeginn hatte man jüdische Männer in England zu feindlichen Ausländern (»enemy aliens«) erklärt So wurde Boschwitz interniert und auf das von der britischen Regierung gecharterte Passagierschiff M.V. Abosso verfrachtet, das jüdische Exilflüchtlinge nach Australien bringen sollte. Das Schiff wurde 1942 von einem deutschen U-Boot torpediert und sank. Boschwitz Schwester Clarissa verließ bereits 1933 Berlin, lebte in die Schweiz, schloss sich der zionistischen Bewegung an und wanderte später nach Palästina aus. Der Roman erschien bereits 1939 in England, 1940 in den USA und 1945 in Frankreich. Dem Verleger Peter Graf ist es zu verdanken, dass dieses wichtige Werk der deutschen Geschichte nun endlich auch auf Deutsch erscheint.

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Außer Kontrolle

Volker Heise
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Rowohlt Berlin, 17.11.2017
ISBN 9783737100236
Genre: Romane

Rezension:

Der erste Satz: »Fliegen ist gut.«

Ein rasanter Roman. Eine Nacht, die alles verändert. Was passiert, wenn man am falschen Tag am falschen Ort die auf die falschen Menschen trifft? Berlin, Stadtteil Prenzlauer Berg, ein Sterne Restaurant an der Grenze zum Wedding. (Bitte nicht hinfahren, das Restaurant ist fiktiv, allerdings gibt es in dieser Gegend die beste Patisserie der Stadt)

Ein kurzer Abriss eine Großstadt, Nadine, Mitarbeiterin eines Callcenters hält dem Druck nicht stand, all die Beschimpfungen. Muss sie auch nicht, sie ist verlobt auf dem Dorf, kurz vor der polnischen Grenze, Tim, ein netter Bauer, eine Zukunft. Will sie das? Liebt sie den Mann? Eher nicht, er bedeutet Sicherheit. Und da ist Jan, der Kollege aus dem Callcenter, Studienabbrecher, einer, der wohl nie schaffen wird, mit dem sie guten Sex hat. Ein sexy-Kleid, das sie nur hier in Berlin tragen kann. Jan ist verliebt in die hübsche Nadine. Er weiß, die wird zu Tim fahren, nach Hause. Nadine ist die Richtige. Dieser Abend, der letzte, denn Nadine hat bereits ihre Wohnung gekündigt, kann alles drehen. Er ahnt, dass er bereits ihr Herz erobert hat. Die Einladung in das Szenelokal mit dem Stern, die Ringe, alle ist gut. Zur Bank hat er es nicht mehr geschafft, die werden wohl Karte nehmen.

»Seinen Gerichten gibt er Namen, die nichts mehr erkennen lassen von den Spuren, die zu ihnen geführt haben.«

Tobias Naujoks, den Sternekoch, Schulversager, aber er hat es geschafft. Gehäxelt, zerkleinert, Sud aufgefangen, geköchelt, verändert, gemischt, zugefügt, nichts ist das, was es scheint. Er ist der Genialste seiner Art. Doch er steht unter Druck, das Leben ist hart, beste Ware, feinste Arbeit, hartes Regime in der Küche, Stress, Drogen, damit er übersteht. Die Lieferanten verlangen Bares. Die Bank, die ihm zu Risikoanlagen geraten hatte, alles verloren, jetzt verlangen sie die Kredite zurück.

Axel Hentschel, ein ehemaliger SEK-Mann, haben sie zum Streifebullen degradiert. Der wird dem Jungspund mal zeigen, was ein echter Bulle ist! Alle Protagonisten treffen auf dem heißesten Siedepunkt dieser Nacht in dieser Nacht aufeinander, das Drama ist vorprogrammiert …

Volker Heise braucht wenig, um seine Charaktere zu präzessieren. Großstadt-Dschungel, die Katastrophe bahnt sich an. Ständiger Perspektivwechsel zwischen den Protagonisten, irgendwann ahnt man, hier braut sich ein Gewitter zusammen. Es brodelt im Kiez, das Publikum wandelt, Gentrifizierung macht sich breit, schlechte Bezahlung für nervenraubende Jobs, Träume, die nicht erfüllt werden. Großstadteinsamkeit, immer wieder der Focus auf die Stadt. Die Protagonisten mittendrin, jeder hat sein Problem, jeder muss sich in seinem Leben zurechtfinden. Das Setting liest sich wie ein Film: Schnell, bildhaft, die Kamera zoomt heran, bietet danach gleich wieder die Weitwinkelperspektive. Atemlos durch die Nacht, eine Nacht in Berlin, auch wenn dieser Name niemals fällt. Spannungsliteratur, Gesellschaftsliteratur, Literatur auf jeden Fall, sprachlich präzise in Bilder gesetzt, ein ausgezeichneter Roman.

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6 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

thriller-roman

Fast ein guter Plan

Wallace Stroby , Alf Mayer
Flexibler Einband: 312 Seiten
Erschienen bei Pendragon, 29.01.2018
ISBN 9783865326072
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der erste Satz: »Vier Stunden nachdem sie in Detroit aus dem Flugzeug gestiegen war, saß Crissa in der Innenstadt in einem geparkten Wagen und beobachtete einen rostzerfressenen Subaru mit einer halben Million Dollar im Kofferraum.«

Crissa wieder auf Beutefang. Eine Gangsterin, die dem Leser ans Herz wächst. Wer sind die Bösen, wer die Guten? Na, die guten Bösen, und das ist Crissa. Gewalt gegen Frauen? Probier es mal mit Crissa, sie wird dir das Fürchten lehren. Sie hasst Gewalt, aber in ihrem Metier geht es manchmal nicht anders. Wer sie angreift, wird ihren Zorn ernten, aber sie ist nicht nachtragend, tötet nur, wenn es heißt: Ich oder du! Ihr weiches Herz richtet sich hin und wieder auch gegen sie, denn andere vergessen nicht, sind nachtragend. Ist Crissa ein Supergirl? Nein, wirklich nicht. Und genau darum mag ich die Serie. Sie ist ziemlich intelligent. Wie in der Realität sind Jungs aus dem Milieu meist hohlköpfig, glauben, sie wären der King und trauen einer Frau rein gar nichts zu. Das macht sich Crissa zu eigen und hebelt sie aus. Dazu hat sie ein gutes Bauchgefühl und gute Augen, hat ein Gefühl für Ratten. Dumme Menschen sind berechenbar, selbst ihre Hinterhältigkeit und Crissa kann rechnen.

Der Deal steht in diesem Buch am Anfang. Crissa raubt keine Supermärkte aus, sie konzentriert sich auf Schwarzgeld der Unterwelt. Zusammen mit zwei Kollegen, denen sie traut, und einem Whistleblower, den sie für unprofessionell hält, ziehen sie nach Crissas Plan einen Überfall durch. Der Plan funktioniert, zurück im Versteck soll das Drogengeld aufgeteilt werden. Doch einer unter ihnen spielt falsch, ist zu gierig, das Szenario endet in der Katastrophe. Im Original heißt der Titel : »Shoot the woman first«. Sie ist gefährlich, kann sie entkommen? Natürlich, aber man ist ihr auf den Fersen. Der Besitzer des Geldes schäumt vor Wut und schickt den runtergekommenen Ex-Cop namens Burke auf Crissas Spur.

»Sie schwang den Schläger, zielte auf die Außenseite seines linken Knies, fühlte den Schlag bis in ihre Schultern. Sein Bein knickte ein, er fiel um wie ein gefällter Baum. Sie zielte auf die Waffe, traf nicht, aber erwischte sein Handgelenk. Der Revolver flog an die Wand und landete zu ihren Füßen.«

Crissa ist schlicht eine Verbrecherfigur. Sie ist eine schlechte Mutter, lässt ihre Tochter von einer Cousine erziehen. Ihr schlechtes Gewissen plagt sie immer wieder. Trotzdem mag der Leser sie. Sie ist empathisch, sogar mit den letzten Arschgeigen, sie teil, wo sie nicht teilen müsste, unterstützt andere, bringt sich für andere in Gefahr und wenn sie stiehlt, trifft es die Richtigen. Kann es eine solche Figur geben? Warum nicht? Auch Berufsverbrecher können empathisch sein. Crissa wirkt nicht aufgesetzt, vielleicht ist die Figur gerade darum so glaubwürdig. Wallace Stroby schreibt, schnell, spannend, man kann nicht aufhören zu lesen. Aber das ist es nicht allein. Der Schreibstil hat etwas drehbuchartiges, man ist dicht an der Figur dran. Doch die meisten Bücher im Drehbuchstil haben Kracher, Stunts, Supermänner/frauen, die man gern im Kino anschaut, aber bitte nicht auf Papier. So ist Stroby nicht! Er schreibt in Bildern, in Subtext, man sieht die Szene vor sich, steigt in Crissas Kopf, sieht und denkt mit ihr. Bilder, die alles sagen, was ist, was folgen wird, ein Satz, ein Bild, und eine ganze Geschichte läuft im Kopf ab. Der Noir-Autor taucht in die schmutzigen Ecken der Großstädte ab, zeigt ein Gesellschaftsbild der armen Leute. Zeigt Elend, vernachlässigte Kinder, Familien, die abrutschen, nirgendwo aufgefangen werden, weil das Sozialsystem nichts auffangen kann. Gewalt und Drogen, keine Zukunft. Als Setting spielt diesmal Detroit eine Rolle, einst eine reiche Stadt, als die Autoindustrie noch boomte, heute verarmt, totaler Rückzug der öffentlichen Hand, nicht nur das Bahnhofsgebäude ist eine Ruine. Ein Moloch des Verbrechens.

Ein klassischer Gangsterroman. Genauso will ich sie lesen! Weder Hackebeilchen noch am Fließband missbrauchte Frauen und Kinder, das braucht der Roman nicht. Gewalt gibt es genug, angedeutete, und die reale Gewalt der Straße. Und das ist schon jede Menge. 

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49 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 18 Rezensionen

thriller, todesstrafe, japan, kazuaki takano, 2001

13 Stufen

Kazuaki Takano , Sabine Mangold
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Penguin, 13.11.2017
ISBN 9783328101536
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der erste Satz: »Die Todesboten erscheinen um neun Uhr morgens.«

Jun’ichi hat seine Strafe abgesessen, er hatte im Streit jemanden getötet. Seine Familie musste dafür bezahlen, hat alles verloren, die Firma vor dem Ruin, der soziale Abstieg in eine kleine Wohnung, in Japan bezahlt man mit Geld und mit Statusverlust: die gesamte Familie. Je höher die Wiedergutmachung an die Opfer ausfällt, umso geringer die Strafe. Er bekommt von dem Justizangestellten Nangō ein Angebot mit guter Bezahlung. Sie sollen die Unschuld von Kihara beweisen, eines Gefangenen aus der Todeszelle, denn der sitzt möglicherweise unschuldig, seine Hinrichtung steht kurz bevor. Er kann sich an nichts mehr erinnern, er war sturzbetrunken an diesem Tag. Wer sich nicht erinnern kann, kann nicht bereuen. Das japanische Strafrecht sieht bei einem Raubmord mit weniger als drei Getöteten nicht unbedingt die Todesstrafe vor. Wichtig ist die Reue, die begnadigen kann. Nangō hat auch getötet, es ist sein Job, eine Sache, die auf seiner Seele liegt.

»Kihara lauschte angestrengt und versuchte, die einzelnen Geräusche zuzuordnen. Mit Entsetzen hörte er ein leises Keuchen aus dem Lärm heraus. Dann vernahm er das Würgen eines von Todesangst gepeinigten Menschen, der sich krampfhaft erbrach, während er aus der Zelle geführt wurde. Kihara presste sich beide Hände auf den Mund, um den eigenen Brechreiz zu unterdrücken.«

Das Ermittlerduo muss sich beeilen. Was ist damals wirklich passiert? In diesem Roman geht es um den unnatürlichen Tod. Wann ist eine Tötung ein Mord, wann ein Todschlag, wann ist eine Tötung legal. Ist eine Tötung sühnbar? Wenn ja, in welcher Form? In 13 Stufen verläuft die reglementarische Abwicklung der Todesstrafe. Das japanische Verständnis von Recht ähnelt einerseits dem unseren, aber anderseits ist es völlig anders. Eine zerrissene Gesellschaft, verhangen in Traditionen, dem Abbitten, der sozialen Ausgrenzung, ein Roman, der uns das vor Augen hält. Bei der Recherche stößt das Ermittlerteam immer wieder auf Widersprüche, Ermittlungen landen in Sackgassen.

»Hör mal, es geht um die Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten. Vor unseren Augen sind beide Kandidaten am Ersaufen. Der eine ist ein zu Unrecht angeklagter Todeskandidat, der andere ein Einbrecher, der einen grausamen Doppelmord auf dem Gewissen hat. Wenn wir nur einen retten können, für welchen sollen wir uns entscheiden? Es besteht immer die Gefahr, dass Gesetze von Seiten der Mächtigen willkürlich ausgelegt werden.«

An manchen Stellen wirkt die Geschichte sehr sachlich, ist überfrachtet mit Fachinformation, es leidet das erzählerische Moment. Trotz allem lebt die Erzählung von der Auseinandersetzung mit der Todesstrafe, mit dem gesellschaftlichen Problem von Strafgefangenen und ihren Familien. Wendungen und unerwartete Wendungen halten die Spannung bis zum Schluss. Eins ist gewiss, am Ende wird irgendeiner sühnen müssen, sterben. Nur welcher wird es sein?

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30 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 17 Rezensionen

beziehung, debüt 2018, eifersucht, familie, fernbeziehung

Die Unversehrten

Tanja Paar
Fester Einband
Erschienen bei Haymon Verlag, 13.02.2018
ISBN 9783709934166
Genre: Romane

Rezension:

Der erste Satz: »Eine Beziehung auf Armlänge.«

Violenta und Martin führen über Jahre eine Fernbeziehung zwischen Berlin und Bologna. Man ist sich treu, hat aber die Abmachung, ein sexuelles Abenteuer sei erlaubt. Martin ist treu, bis auf einen unbedeutenden Ausrutscher mit Klara. Der hat aber Folgen. Martin, ein Augenarzt, ist pflichtbewusst. Eigentlich ist geplant, dass Martin und Violenta nach ihrem Studium zusammen ins Ausland gehen. Das kommt für Martin nicht mehr in Frage, er bittet Violenta nach Berlin zu kommen, denn er will ein guter Vater sein, Kontakt zu seiner Tochter halten, kein Bezahl-Vater sein. Violenta ist die Karriere wichtiger, sie verlässt Martin, obwohl sich beide noch lieben. Der verantwortungsvolle Martin heiratet nun Klara, die er nicht liebt, er liebt Christina, seine Tochter.

»Violenta konnte die Namen ihrer unterschiedlichen Schulen nicht auf Anhieb angeben, das war ihr egal. Sie hielt es wie ihr Vater: den Blick strikt nach vorn gerichtet, nur so kam man voran im Leben.«

Violenta hat großen Erfolg in ihrem Beruf. Doch etwas fehlt in ihrem Leben: Martin, eine Familie. So fasst sie nach zehn Jahren den Entschluss, ihn wieder zurückzugewinnen, steht eines Tages bei einem Ärztekongress vor ihm. Zwischen ihnen hat sich nichts verändert. Martin verlässt Klara, zieht mit Violenta zusammen. Violenta – Martin und Christina – Klara, weiterer Nachwuchs kündigt sich an. Kurze Sequenzen, in denen Tanja Paar alles sagt, 157 Seiten, ein Kammerspiel der vier Protagonisten. Ein bürgerliches Ensemble, Brei für das Baby, Brokkoli-Topinambur, Karotte-Kartoffel, einen Tropfen Olivenöl, selbst gemacht, ein Vater, der sich für Haushalt und Familie verantwortlich fühlt. Versteckte Gefühle, unterschwellige Aggression, die hin und wieder herausbricht, Hass, Eifersucht, Schuldgefühle, Verlustängste, der intellektuelle Anspruch, mit dem Verstand alles sittsam regeln zu können, das Drama nimmt seinen Lauf. Ein Setting aus dem Leben gegriffen. Jeder trägt Schuld, keiner bleibt unversehrt. Kompakte Sprache, glasklar auf den Punkt gebracht, jedes Wort sitzt an seinem zugewiesenen Platz. Es braucht keine 400 Seiten, um ein Familiendrama zu beschreiben. Das Setting ist ungeheuerlich, der Roman ist ungeheuerlich gut, eben weil er mitten ins alltägliche Leben greift.

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bielendorfer, familienbande, humor, vater

Papa ruft an

Bastian Bielendorfer
Flexibler Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Piper, 02.10.2017
ISBN 9783492309783
Genre: Humor

Rezension:

»Das Stilmittel der Ironie verlangt, dass sich Sender und Empfänger auf demselben intellektuellen Niveau begegnen können.«

Dieser Satz stammt von Papa. Wie wahr! Nach einem TV-Auftritt, bei dem der Autor sein Buch präsentieren durfte, hatte ich den Eindruck, satirisch-humoristisches als Lesefutter zu erhalten. Marketing kann er. Vom Buch war ich enttäuscht. Humor ist bekanntlich Geschmacksache. Schenkelklopfer hatte ich weniger erwartet, leider zieht diese Art von Humor durch das gesamte Buch. Gelacht habe ich ein, zwei Mal. Sanft, seicht, ohne Bissigkeit schleppt man sich durch die Kapitel, ab der Mitte habe ich nur noch geblättert. Ich will das Buch nicht schlecht machen, denn Humor ist eben Humor, siehe oben, Papas Zitat. Ich versuche, meinen Eindruck zu begründen.

»Ludger nickt und kettet sich an der Heizung fest. Er weigert sich, mitzukommen … kaufe ich Ludger am Eingang einen Paradiesapfel. Ludger fragt die Frau, ob der Apfel aus biologischem Anbau kommt. Die grobschlächtige Frau sieht erst ihn an, dann mich und fragt schließlich: ›Watt is mit dem? Und warum hat der einen Heizkörper am Arm?«

Unser Protagonist wohnt zusammen mit Ehefrau Nadja und Mops Otto, die Eltern haben nicht weit entfernt ihr Heim. Zwischen den Kapiteln gibt es: er sagt – sie sagt – Gespräche zwischen Bastian und Nadja, für mich das einzig Erfrischende in dem Buch. Hin und wieder hüten die beiden den naseweisen Ludger, das Kind einer Cousine, eine giftgrüne Walldorffamilie. Bei den Ludger-Geschichten knarzte es in meinem Hirn, Übertreibung hoch zehn, Klischee hoch zehn. Eher stöhnen als lachen.

»›Du hast die Dose nicht ernsthaft in die Mikrowelle gestellt? Das wird doch niemals gleichmäßig heiß.‹
›Oh, das schon, Herr Bocuse, heiß wurde es auf jeden Fall.‹«

Mama ruft an. Sie kauft bergeweise im Teleshopping und verteilt an die Kinder. Auch nicht prickelnd. Und irgendwann geht es wirklich mal um Papa. Hier werde ich an die Achtziger erinnert. Es wiederholt sich der flache Spaß von damals. Papa wochenlang allein zu Hause, sprengt mit einer verschlossenen Dose Ravioli die Mikrowelle in die Luft, verwüstet die Küche. Zuvor hatte er schon eine Tupperdose in der Mikro geschmolzen, eingestellt auf 15 Minuten höchste Stufe. Als Nächstes füllt Papa mangels Waschpulver Shampoo in die Waschmaschine. Das Haus von unten bis oben voller Schaum. Kalauer aus den Anfängen der Achtziger, über die ich schon damals nur schmunzeln konnte. Damals allerdings waren diese Geräte eine Neuheit, es passierte so etwas wirklich, aber Bastian, heute 33, hatte zu der Zeit noch gar nicht die Welt erblickt.

»Vater bittet die Stewardess, zum Kapitän zu gehen, er solle das Programm ändern. Der Kapitän kommt aus dem Cockpit und droht Vater Schläge an. Vater fragt, ob er diese Drohung auch noch mal auf Deutsch haben könne. Vater sagt, er wäre bei der Bundeswehr gewesen, Panzergrenadier. Wenn der Pilot sich nicht benehme, müsse er seine Spezialausrüstung nutzen. Der Pilot geht wütend ins Cockpit zurück.«

Die Reisetagebücher, ich muss mich leider wiederholen, für mich langweilig und übertrieben. Bastian musste als Kind täglich im Urlaub seine Eindrücke festhalten, Lehrerhaushalt, meist Bildungsreisen. Angeblich stammen diese Kapitel aus den Originalen. Na ja. Dann hatte das Kind Bastian eine überschäumende Fantasie in einer lang anhaltenden magischen Phase, nebst Ausdruck eines Erwachsenen. Nun gut. Nicht mein Geschmack, aber das heißt ja nichts, andere Leute mögen diese Art von Humor.

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neapel, ehe, fremdheit, freundschaft, camorra

Die Geschichte des verlorenen Kindes

Elena Ferrante , Karin Krieger , Eva Mattes
Sonstiges Audio-Format
Erschienen bei Der Hörverlag, 12.02.2018
ISBN 9783844525847
Genre: Romane

Rezension:

ungekürztes Hörbuch, Gesprochen von: Eva Mattes
Spieldauer: 17 Std.

Elena kehrt in den 1970er-Jahren nach Neapel zurückgekehrt. Endlich erfüllt sich ihre Liebe, sie wird mit Nino Sarratore zusammenleben. Die beiden bekommen ein Mädchen, auch Lila gebärt fast zur gleichen Zeit eine Tochter. Die Freundschaft mit der erfolgreichen Lila keimt neu auf. Kinder und die Pflege der kranken Mutter nehmen alle Zeit in Anspruch. Doch der Verleger sitzt Elena im Nacken, hat ihr schon vor Jahren einen Vorschuss für ein neues Buch gezahlt. Nino hat sich nicht geändert, er bleibt, was er ist: unzuverlässig, er lügt mit Charme. Nino ist kaum zu Hause, weigert sich die Scheidung einzureichen, zieht die Frauen an, wie die Motten das Licht. Als Elena ihn obendrein in flagrante mit dem Kindermädchen erwischt, trennt sie sich von ihm. Allein auf sich gestellt muss sie nun endlich einen Roman schreiben, in der Literaturwelt ist sie bereits abgeschrieben. Die Mafia regiert Neapel, Lila kämpft weiter, steht aber ziemlich allein da. Die Männer, die sie früher verehrten, haben sich nun gegen sie zusammengeschlossen.

»Sie schien einen eigenen, geheimen Sinn in sich zu tragen, der allem anderen seinen Sinn nahm.«

Und dann passiert etwas Schreckliches, ein Ereignis, das die beiden Frauen wieder auseinanderbringt. Hinzu kommt das Erdbeben von 1980, das Lilas Existenz erschüttert.

»Es löschte die Gewöhnung an Beständigkeit und Stabilität aus, die Gewissheit, dass jeder Augenblick genauso sein würde wie der vorhergehende, die Vertrautheit von Geräuschen und Gesten, ihre unzweifelhafte Erkennbarkeit.«

Elena ist das Leben in Neapel leid, hat Angst um ihre Töchter, die Straßen sind gefährlich. Die Solara-Brüder, mafiaverbunden, machen sich in immer größerem Maß in der Stadt breit, verkaufen Drogen, immer mehr Jugendliche werden abhängig. Elena hat mit ihren Büchern Erfolg, fühlt sich nicht mehr zum Rione zugehörig, ihre Töchter drohen zu verrohen, sie zieht zurück in den Norden. Auf der anderen Seite erlebt sie dort die geschlossene, intellektuelle Gesellschaft, eine linke, betuchte Gruppe, die sich untereinander Gefälligkeiten und Jobs zuschieben, oder auch dafür sorgen, jemanden zu diskreditieren.

Erzählerisch entwickelt auch der vierte Teil einen Sog beim Leser. Zwei Frauen, jede kämpft für sich auf der einen Seite und auf der anderen Seite unterstützen sie sich, zwei alleinerziehende Frauen im Kampf gegen eine Machismowelt. Intellekt auf der einen Seite und Gefühl und Leidenschaft auf der anderen. Die Innenansicht der Erzählerin, Elena, die eigentlich kommen sieht, was geschehen wird, aber blind ist vor Liebe für einen Tunichtgut, sich von ihm abhängig macht, statt eigene Wege zu gehen, ist klug beschrieben. Familiäre Verflechtungen, Feindschaften und Freundschaften, Hinterhältigkeit, neue Welt contra alter Traditionen. 60 Jahre italienischer Geschichte, italienischer Gesellschaft, ein scharfer Kontrast zwischen dem Norden und dem Mezzogiorno. Frauenbewegung, Gewerkschaftsbewegung, politische Linke, Mafia im Süden, die sich ausbreitet wie ein Netztumor, Erdbeben. Persönliche Katastrophen, die wie Erdbeben das Leben wanken lassen. Die Geschichte ist mit Band 4 zu Ende. Leider.

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märchen, gesellschaft, humor, kritik, erzählungen

Ein wilder Schwan

Michael Cunningham , Eva Bonné
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 13.11.2017
ISBN 9783630874913
Genre: Romane

Rezension:

»Die meisten von uns führen ihr Verderben recht zuverlässig selbst herbei. Rachsüchtige Fabelwesen haben es nur auf ganz bestimmte Menschen abgesehen, auf jene, die aus unerfindlichem Grund nicht nur mit Reichtum und Talent beschenkt wurden, sondern auch mit einer Schönheit, die die Vögel aus den Bäumen scheucht; und obendrein sind sie so anmutig, gütig und charmant, als wäre es das Normalste von der Welt. Wer bekäme nicht Lust, solchen Menschen fertigzumachen?«

So der Autor zu seinem Buch. Zunächst hört sich die Sache banal an: Nimm ein Grimms-Märchen, schreibe es in die heutige Zeit und drehe dabei gut und böse um. Eine typische Aufgabe aus der Schulzeit im Deutschunterricht. Nun schreibt diese neuen Märchen aber nicht irgendwer. Es ist Michael Cunningham, der bekanntermaßen ein großartiger Erzähler ist.

»Im Grunde ist es die Einsamkeit, die dich irgendwann umbringt. Vielleicht weil du dir dein Ende immer so viel größer und spektakulärer vorgestellt hast.«

So beginnt die Geschichte »Die verrückte Alte«. Geraten, was dahintersteckt? Hänsel und Gretel selbstverständlich. Die Alte Frau, die immer etwas freakig war, sich nicht um Regeln scherte, baut sich im Wald ein Lebkuchenhaus, hofft, junge Leute finden das cool, kommen hierher. In jungen Jahren hat sie sich um nichts geschert, Familie, Männer, Freundschaften, sie hat keine Kinder und heute keine Freunde. Und nun trifft sie die Einsamkeit mit Wucht. Hänsel und Gretel sind weder ausgesetzt, noch ängstlich, zwei gepiercte und tätowierte Jugendliche, egozentrisch, gewissenlos. Oder nehmen wir die Frau, die einen verwitweten König heiratet, mit dem sie gleichzeitig 12 Söhne und eine Tochter verpasst bekommt. 12 Jungs, ein großer Teil im pubertierenden Alter, gerade die Mutter verloren, einen Vater, der sich nur um seine Geschäfte kümmert, die junge Frau ist verzweifelt, wird ihrer neuen Aufgabe als Mutter von fremden Kindern nicht Herr, verwandelt in der Wut über deren Frechheiten die Jungs in Schwäne … Irgendwann haben sie ihre Gestalt zurück, nur der eine behält einen Schwanenarm, behindert, diskriminiert, ein armer Wicht, nicht glücklich aber auch nicht so unglücklich wie »der Frosch mit dem Krönchen, der die Frauen, die ihn küssen wollen, einfach nicht lieben kann und der Prinz, der jahrelang nach der komatösen Prinzessin gesucht hat, die er wachküssen soll.« Und die Geschichte mit Hans, der eine Kuh gegen Zauberbohnen eintauscht, der Depp. Und doch, sie wachsen in den Himmel. Dort beklaut er den Riesen, während dessen Frau seelenruhig zusieht, ihn anlügt. Zu lange verheiratet?

»Gehen wir einfach von einem unbewussten Einverständnis zwischen den Eheleuten aus. Er weiß, dass sie nicht ehrlich ist. Er weiß, dass sie etwas oder jemandem vor ihm versteckt. Abe rmöglicherweise wünscht er sich eine Partnerin, de zur Lüge fähig ist. Eine Frau, die mehr vom eben erwartet als Hausarbeit und spießige, sterbenslangweilige Treue.«

Manchmal fragen wir uns in den Märchen: Warum machen die das? Michael Cunningham geht tief hinein in seine Figuren. Abgründe tun sich auf. Sarkastisch und manchmal brutal zeigt er uns, was in den alten Märchen tiefgründig verborgen liegt. Hier wird nichts gut am Ende. Wehe, dir schenkt jemand drei Wünsche! Sie gehen in Erfüllung, doch die Folgen, die dein Wunsch mit sich bringt, werden dich nicht glücklich machen. Elf moderne Märchen, elf Mal eintauchen in die wundervolle Sprache von Cunningham, von einem der auszog, uns das Gruseln zu lehren.
Der japanische Yuko Shimizo bereichert die Geschichten mit seinen schwarz-weißen Illustrationen. Der amerikanische Autor Michael Cunningham wurde für seine Romane und Erzählungen bereits mit dem Pulitzerpreis und dem PEN/Faulkner Award ausgezeichnet.

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