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40 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 25 Rezensionen

benzin, bakterium, leserunde, will hofmann, roman

Lebensnacht

Will Hofmann
Fester Einband: 335 Seiten
Erschienen bei fabulus Verlag, 25.08.2016
ISBN 9783944788296
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Die ersten Sätze: »Alt bin ich geworden. Schaue ich in den Spiegel, wundere ich mich oft darüber, wie faltig Haut und wie grau Haar werden kann. »

Ich hatte mich auf einen interessanten Wissenschaftsthriller gefreut. Autsch! Die ersten Sätze ließen mich überlegen, das Buch zuzuklappen. Grammatik wirst du lernen müssen, auch Stilistik und den richtigen Ausdruck zu finden, ein roter Faden, der sich durch das ganze Buch zieht, zumindest bis zu Seite 193 (von 328), denn mehr habe ich nicht gelesen. Ein Lieblingswort des Autors ist toll, und genauso toll sind viele Formulierungen. Sätze wie »Kaufmann zog die Luft hörbar durch den Mund ein«, lassen mich als Leser schaudern. Sätze wie »Seine hervortretenden Wangen verliehen ihm Kindhaft-Trotziges. Jetzt wirkten sie zusätzlich gebläht, so als wolle er zu verstehen geben, dass er es nicht nötig hatte, sich zu verteidigen«, machen mich als Leser ratlos. Gab es keine Lektoren in diesem Verlag? Ich kann garantieren, derartige Sätze tauen alle paar Seiten auf. Falsche Grammatik ist findet sich fast auf jeder Seite. Wortwiederholungen nerven. So konnte ich auf einer halben Seite neun Mal das Wort »Frau« finden. Trotz allem habe ich weitergelesen, weil mich das Thema interessierte.

Harry Kaufmann erhält den Nobelpreis für Chemie, da er ein Verfahren entwickelte, mithilfe von genveränderten Bakterien Benzin herzustellen. Bis zur Mitte des Buchs passiert nicht viel. Harry Kaufmann wird beschrieben. Zunächst erzählt ein ehemaliger Nachbar und Freund von dem Bub und seiner Familie, von der Kindheit des Professors, von seinen Streichen. Wir lernen Harry kennen, der den Nobelpreis erhält, der ein arroganter Kotzbrocken ist. Er muss eine Rede halten, anwesend sein, interessiert sich aber nicht für die Veranstaltung, ist nur gezwungenermaßen anwesend. Wolfgang, der Bruder, ist mit dabei.

»Wolfgang setzte sich zu seinem Bruder. Er mochte Harry gut leiden.«

Die beiden Brüder wollen direkt im Anschluss der Veranstaltung nach Südamerika reisen, durch die Anden wandern. Da wundert man sich, dass er vierzehn Tage später beim alten Nachbarn sitzt.
»Danach setzten wir uns zu einem Glas Weißherbst in die behaglichen Sofas.«

Der Nachbar berichtet im Verlauf weiter über die Kindheit der Brüder. Die Harry und Wolfgang fliegen endlich nach Südamerika.

Der erste Vorfall zum medizinischen GAU ereignet sich bei einem Zahnarzt. Ein Schmerzpatient verflüssigt sich sozusagen während der Behandlung, er wird erst grün, das Hautgewebe löst sich auf, zurück bleibt das Skelett, unter dem Behandlungsstuhl befindet sich eine nach Benzin riechende Pfütze.

Schon zu Beginn des Romans werden Frauen als verführerische Tussis beschrieben, die sich mittels erotischer Kleidung und Augenaufschlag bei der Nobelpreisveranstaltung, an berühmte Männer heranmachen, Busen wabern beim Gehen, oder Frauen werden als kochende Hausmütterchen dargestellt. Die Zahnarztassistentin wird als Helferin benannt. Seit mehr als 30 Jahren gibt es die Berufsbezeichnung medizinische Fachangestellte, Assistentin. Das scheint an dem Autor, der Arzt ist, vorübergegangen zu sein. Im weiteren Verlauf in den Anden findet Harry Kondome im Gepäck seines Bruders. Der erklärt ihm, dass Spaß für ihn zum Urlaub dazugehört. Harry erklärt, dass er sich Frauen verweigere (anscheinend unnütze Geschöpfe auf dieser Welt), da er seine Orgasmen aus der wissenschaftlichen Arbeit beziehe. Er besäße einen »intellekten Phallus, ... einen recht potenten dazu«. Das Frauenbild des Autors lässt die Leserin staunend zurück.

»›Welches Verhältnis hast du heute zu Frauen?‹ - ›Ehrlich gesagt, ich traue Frauen nichts zu, und will ihnen auch nichts zugestehen ... sie können weder logisch denken noch wissenschaftlich arbeiten. Dazu sind sie viel zu gefühlsbestimmt.‹«

Einiges wird nun über die Andentour berichtet und irgendwann taucht nebenbei der ein oder andere Fall auf, bei dem sich ein Mensch in eine Pfütze verwandelt. Es gibt nicht viele Vorkommnisse. Und schon ist man an der Lösung. Die Personen standen unter Stress. Ich habe etwa drei Viertel des Romans gelesen. Bis dahin war das Buch langweilig. Klappentext: »Der nicht für möglich gehaltene Super-GAU stellt selbst die Auswirkungen der Atombombe in den Schatten und wird Realität. Die Menschheit steht vor dem Aus.« Ich hatte einen interessanten Wissenschaftsthriller erwartet. Vielleicht wird der Roman im letzten Drittel spannend, ich kann es nicht beurteilen. Es interessierte mich nicht mehr. Nachdem ich mich durch die Familiengeschichte des Harry Kaufmann gequält habe, die unerträgliche Darstellung von Frauen mich wütend machte (ich würde nicht meckern, wenn es lediglich um die Einstellung eines Protagonisten ginge, denn das wäre die Meinung der Figur), war ich es auch Leid, mich durch schlechte Grammatik, grauenhaften Ausdruck und üble Stilistik zu kämpfen. Die Erzählkraft des Autors ließ mich abbrechen, leider, das Thema hat Potential.

Mich hat auch der Perspektivwechsel der Erzählung genervt. Ich habe gar nichts gegen Perspektivwechsel, aber hier stiftet er Verwirrung. Mal erzählt der alte Nachbar und Freund von Harry aus der Ich-Perspektive, dann wechselt der Autor von einem Moment in den anderen in den auktorialen, allumfassenden Erzähler und dann wieder taucht der Ich-Erzähler auf, was eher zur Verwirrung beiträgt, man weiß erst gar nicht, wer da plötzlich berichtet. Wer erzählt, die Geschichte? Der Autor weiß es nicht.
 Es wird viel über Harry erzählt, aber sämtliche Charaktere der Geschichte bleiben hölzern, wie die Sprache insgesamt. Dem Autor gelingt es nicht, seine Protagonisten zu transportieren.  Es nützt nichts zu berichten, der Protagonist braucht eine Seele.
Fazit: Eine Idee mit Potential, die mich allerdings inhaltlich und insbesondere handwerklich nicht dazu inspirieren konnte, bis zum Ende durchzuhalten. Da blättert man nur noch quer. 

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Tante Poldi und die Früchte des Herrn

Mario Giordano , Philipp Moog
Audio CD
Erschienen bei Bastei Lübbe, 13.05.2016
ISBN 9783785752210
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Bei diesem humorvollen Sizilienkrimi steht Tante Poldi klar im Vordergrund, die Auflösung des Falls ist Beiwerk.

Isolde Oberreiter aus Bayern, genannt Poldi, verwitwet, die Tante eines Schriftstellers, lebt in Sizilien um dort ihren Lebensabend zu verbringen. Totsaufen mit Meerblick war einst ihr Ziel. Ihre Alkoholsucht hat sie nun halbwegs im Griff, doch immer wieder steht sie am Abgrund und gibt sich die Kante. Der Neffe wird von ihren Schwestern regelmäßig ausgesandt, um ihr Haus nach harten Alkoholvorräten zu durchsuchen, sie in den Ausguss zu entsorgen. Dieser Tag beginnt mit Katastrophen, denn jemand hat die Hündin Lady vergiftet, das Wasser ist abgestellt, Poldi ist auf 180. Der Mörder von Lady muss gefasst werden! Sie erfährt von Comissario Montana, mit dem sie ein Verhältnis pflegt, vom Mord an einer Staatsanwältin. Schon ist die Hobbydetektivin unterwegs, den Fall zu lösen. Doch dann wird eine Wahrsagerin umgebracht.

Poldi flucht sich durch das Buch, mal bayrisch, mal italienisch, »Ja, leckts mi doch am ...!«, »Vaffanculo!« Wassermangel, Geschäft mit dem Wasser, Wein, Weinanbau, Mafia, das gesamte soziale Geflecht, sizilianische Essgewohnheiten, dolce vita, sizilianische Lebensweisheiten, ein Sizilienpakt wird mit viel Humor beleuchtet, leise Untertöne der Gesellschaftskritik schwingen mit.

Der Neffe von Poldi, gerade anwesend um Ideen zu sammeln, die seine Schreibblockade lösen sollen, schreibt das Geschehen auf, das ihm die Poldi brühwarm berichtet. Der Neffe, ein Schriftsteller, der an seinem persönlichen Familienepos arbeitet, wird von Poldi auseinandergenommen, sie erklärt ihm, wie er schreiben muss, verbessert ihn wie ein ausgefuchster Lektor, streut ihre Lebensweisheiten ein. Poldi, eine skurrile Persönlichkeit, neugierig, mit allen Stärken und Schwächen, ein Spagat zwischen Schwermut und Lebenslust, zeigt mit ihrem bayrischen Gemüt, dass dieses gar nicht so weit dem Sizilianischen fernliegt.

Die Dialoge sind erfrischend, voll von intelligentem Witz. Mario Giordano beherrscht den Slapstick. Gekonnt, ohne Firlefanz und ausschweifige Ergüsse schafft er Atmosphäre, die besonders gut durch das Hörbuch herausgearbeitet sind. Philipp Moog liest die Passagen der Poldi in bayrischem Dialekt, jede Menge italienische Ausdrücke runden den Text ab. Wer der italienischen Sprache nicht mächtig ist, wird eventuell leichte Schwierigkeiten bekommen alles zu verstehen, ein Grundvokabular reicht allerdings. Hinter all dem Plapperton so viel Sprachwitz zu verstecken, ausgefeilte Dialoge und ein Gefühl für das sizilianische Leben zu vermitteln, halte ich für eine besondere Kunstfertigkeit. Beim Hören habe ich mich dank der plakativen Beschreibungen und Dialoge ganz nach Sizilien versetzt gefühlt. Giordanos sizilianische Wurzeln kommen voll zum Tragen. Der Krimi ist Nebensache, die Spannung hält sich durch die Figur Poldi. Und sie hat immer »noch einen drauf« zu geben. So auch am Schluss der Geschichte. Wer auf Kopfkino und intelligenten Humor steht, dem sei diese schräge Komödie empfohlen, insbesondere würde ich das Hörbuch empfehlen. 

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24 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

australien, korruption, garry disher, bitter wash road, outback

Bitter Wash Road

Garry Disher , Peter Torberg
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Unionsverlag, 15.02.2016
ISBN 9783293005006
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


»Einmal geblinzelt, schon war man durch.«

Constable Paul Hirschhausen, genannt Hirsch, wird von Adelaide auf einen Ein-Man-Posten im Outback nach Tiverton an der Bitter Wash Road versetzt, seine alte Dienststelle wurde personell aufgelöst. Er wird, wie alle Polizisten dort, der Korruption im Dienst verdächtigt. Steckt er in der Sache drin oder versuchen ihn andere hineinzuziehen? Wird er gegen ehemalige Kollegen aussagen? Was weiß er überhaupt, wenn er nicht mittendrin steckte?

»Er hatte um einen Anwalt gebeten, der ihm verweigert worden war: Es ginge nur um ein paar Formalitäten, okay? Daneben saßen entlang der Seitenwände eine Handvoll Beamter aus den verschiedenen Abteilungen, die von Quines Machenschaften in Mitleidenschaft gezogen worden waren: Drogen, Kapitalverbrechen, Betrug ...«

Hirsch ist nun Sergeant Kropp und dessen Team in der nahegelegenen Kleinstadt Redruth unterstellt. Auf der neuen Dienststelle wird er nicht gerade freundlich empfangen. Ein Cop, von dem es heißt, dass er einen anderen Cop verraten will, ist ein Kameradenschwein. Eine Patrone liegt in seinem Briefkasten. Schweige! Schnell erkennt Hirsch, auch in dieser Dienststelle läuft nicht alles rund. Die Cops spielen sich bei der Bevölkerung auf, nötigen ethnische Gruppen und Frauen mit besonderer Härte und unnötigen Kontrollen. Im Straßengraben am Barrier Highway wird eine tote Jugendliche gefunden. War es ein Unfall mit Fahrerflucht oder wurde sie ermordet? Kurz darauf verschwindet ihre beste Freundin. Ist sie abgehauen oder wurde sie entführt? Hirsch hat den Eindruck, er sei der Einzige, der an der Wahrheit interessiert ist, außer der Mutter.

»Nichts außer Weizen und Wolle.«

Ödnis, verschlossene Menschen. Hirsch ist einer der Truppe von widerlichen Typen, die sich Cops nennen, niemand fasst Vertrauen zu ihm. Neben den Cops gibt es den sogenannten Landadel, Männer die lange dazugehören, Freunde der Cops sind, die die Stadt im Griff haben, unter sich alles regeln.


»... gibt allen die Schuld, nur nicht selbst, weigert sich, Interventionsmaßnahmen zu erlassen, und erlaubt es der Frau nicht, ihre Opferaussage zu machen. Eine Woche später hat ihr Mann sie krankenhausreif geprügelt.«


Es gibt eine weitere Tote, eine Ehefrau, die sich von ihrem gewalttätigen Mann scheiden lassen wollte, ein finanzieller Schaden, den weder ihr Mann noch ihr Schwiegervater hinnehme wollten. Alle Verdächtigen haben ein Alibi. War es doch Selbstmord? Alles weist darauf hin. Hirsch geht die Untersuchung wieder zu schnell. Tatorte werden zertrampelt, es gibt keine ordentliche Spurensicherung, die Obduktion verläuft in Windeseile, wie die Freigabe der Leiche. Sergeant, Landpolizisten, Doktor, Richter, sind es alles unbedarfte Dorftrottel, oder steckt dahinter Kalkül?, fragt sich Hirsch.

»Ich dulde keine Faulenzer und keine Klugscheißer«, teilt Kropp Hirsch mit. Doch Hirsch ermittelt weiter.

Perspektivlosigkeit, Armut, Alkohol der Landbevölkerung und vor allem Rassismus und Frauenfeindlichkeit stehen im Fokus dieses Krimis, Frauen und Mädchen, sexuell missbraucht, verprügelt. Betörende Landschaft, ausgestorben, Langeweile, schlechte Versorgung: Weder Arzt, Apotheke, noch Bank sind vorhanden, aber unter der Decke brodelt ein Vulkan. Klare Sprache, fein gezeichnete Charaktere machen den Schreibstil aus, Nüchternheit, die betört. Hirsch beobachtet, mischt sich selten ein, will begreifen. Er ist kein Verräter, will keine Kollegen verraten. Doch wo hört Kameradschaft auf? Können sich Kollegen alles herausnehmen, muss man schweigend darüber hinwegsehen, weil es ein Kollege ist? Was ist Moral?

Ein Mikrokosmus der ländlichen Gesellschaft Australiens: Frauen, die nichts wert sind, Perspektivlosigkeit der Jugendlichen, Armut und eine verrohende Gesellschaft, die auch vor den »besseren Kreisen« nicht halt macht, Korruption. Das Ganze eingewickelt in einen Krimi, der den Leser mit der ersten Seite hineinzieht. Ein Buch, das man erst weglegt, wenn man am Ende angekommen ist. Nüchternheit und Poesie im Gleichklang, Figuren, die bildhaft vor dem Leser stehen. Ein rundum gelungener Krimi der Spitzenklasse! Einer der 3 Besten Krimis, die ich dieses Jahr gelesen habe.

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35 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 16 Rezensionen

hochzeit, ägypten, zukunft, unterdrückung, religion

Die 33. Hochzeit der Donia Nour

Hazem Ilmi , Matthias Frings
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Blumenbar, 18.04.2016
ISBN 9783351050276
Genre: Romane

Rezension:

»Alle ägyptischen Bürger haben das Recht, in den Himmel zu kommen. Es ist die Pflicht der Regierung, sich zu bemühen, dass dieses Recht ihnen gewährt wird.«

Der Roman spielt in der nahen Zukunft in Ägypten, wir schreiben das Jahr 2048. Das Land ist völlig abgeschottet vom Rest der Welt, es herrscht die Diktatur der Neo-Scharia. Religion gilt als Erfüllung und Konsum: Beten ist Pflicht, elektronisch werden die Minuten der Betzeit registriert. Der Gläubige sammelt elektronisch Punkte, um in den Himmel zu kommen. Neben einem religiösen Leben gibt es Extrapunkte für das Tragen von religiösen Kleidungsstücken, Schmuckstücken, die Vergabe von religiösen Namen an die Kinder usw. Gleitet die Haarsträhne einer Frau unter dem Hidschab hervor, geht ein lärmender Alarm los: Unrein, unrein! Das Leben ist sortiert in halal und haram. Riesige Werbebotschaften prangen an den Fassaden: »Allah würde Nike tragen«, auf E-Hidschabs blinkt Dolce&Gabbana, Männer tragen heilige Pantoffeln, die bei jedem Schritt »Allah, Allah« quäken. Der Wegwerf-Saugroboter zitiert summend Koranverse bei der Arbeit. Im Norden des Landes haben sich die Reichen ein luxuriöses Leben aufgebaut, in der Mitte wohnen brave Bürger, die fleißig arbeiten und beten, in die Wüsten des Südens werden die Abtrünnigen in Straflager verbannt. Der Staat ist völlig überwacht, das Leben durch Kameras und Zahlen erfasst. Sittenwächter überwachen in Form von Drohnen die Stadt.

»Wenn du die Dinge gesehen hättest, die ich gesehen habe, ergibt die Vorstellung, fünfmal am Tag einen kosmischen Diktator zu preisen, der dir mit ewiger Folter droht, keinen Sinn.«

Donia Nour wohnt in Kairo, ist im Erlösungsministerium beschäftigt, zählt Bonuspunkte. Irgendwie ist jeder Mensch in religiösem Geschäft angestellt, wundert sie sich, fragt sich, woher die ganzen Produkte stammen mögen, die es zu kaufen gibt. Sie glaubt nicht an die Frömmigkeit, fühlt sich beengt. Man flüstert auf der Straße, mit Booten könne man aus dem Land entkommen, dorthin, wo die Menschen frei sind. Die Fahrt koste ein Kilo Gold. Donia verdient sich heimlich ihr Fährgeld zusammen, indem sie heiratet. Sex ist nur in der Ehe erlaubt. Sie gibt sich widerlichen Typen hin für Gold. Eine Ehe, die innerhalb von 36 Stunden geschieden wird, landet nicht in der Registratur, alles egal, alles nur Papier. Jungfrauen sind beliebt, hübsche Frauen. Mit einer guten Figur und einem engelsgleichen Gesicht gesegnet, findet sie schnell Ehemänner und die Jungfernschaft ist chirurgisch erneuerbar, illegal. Die 33. Hochzeit soll die letzte sein, um das Kilo Gold zu erreichen. Doch beim letzten Ehemann geht alles schief ...

»In Bezug auf die meisten Kulturen der Weltgeschichte ist jeder von euch gewissermaßen ein Atheist, da jeder von euch ihre Götter ablehnt.«

Und dann ist da noch Ostaz Mukhtar, der Philosophieprofessor, der einstmals von Außerirdischen entführt wurde ...

»Ist es dir nie verdächtig vorgekommen, dass Gottes Wille so hübsch zu den Absichten der Mächtigen passt? Für die meisten Gestalten der Geschichte ist der Wille Gottes nichts anderes als eine düstere Stimme in ihrem Kopf, die die Unterwerfung der Frauen und die Auslöschung Andersdenkender rechtfertigt.«

Hizim Ilmi (ein Pseudonym) ist mit diesem Buch eine islamistischen Dystopie mit einem Schlag Science-Fiction gelungen, nicht weit entfernt der Wirklichkeit, eine Abrechnung mit dem Islam und der arabischen Gesellschaft, mit der Scheinheiligkeit von Religion an sich. Es ist kein philosophisches Werk, aber gute Unterhaltung. Religion als Vorwand für korrupte Diktatur, indoktriniertes Denken, man muss die Botschaft nur oft genug am Tag vorplappern, damit es alle glauben. Wer sich nicht an die Regeln hält, schmort in der Hölle, wer brav ist, kommt in den Himmel.

»Welche sadistische Perversion will ewiges Höllenfeuer als Strafe?«

Ein leichter Text, vielleicht ein wenig einfach gestrickt. Religion gleich Abschottung und Diktatur, gleich Korruption, gleich Vormachtstellung und Reichtum für die Mächtigen, gleich Dummheit der blökendenden Schafe, das Volk. Die Geschichte ist bitterböse und humorvoll, aber eben nur seichte Kost. Islam als Unterdrückung der Frau, Gewalt gegen Frauen, Männerperversion. Hier wird der Roman messerscharf. Die Erneuerung des Hymen vor der Hochzeit durch einen chirurgischen Eingriff ist in der heutigen »modernen« islamischen Welt keine Seltenheit, auch nicht in unserem Land. Am Ende des Buchs stand ich allerdings etwas ratlos da. Es wirkte unausgegoren, runtergeschrieben und ehmmmm ... wie bekomme ich die Kurve? Insgesamt ein nettes Buch zur Kurzweil.

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12 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

thailand, unerwartete wendungen, altersresidenz, schweiz, lebensaben

Täuschung

Petra Ivanov
Fester Einband
Erschienen bei Unionsverlag, 08.08.2016
ISBN 9783293005075
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ist Jasmin Meyers Vater tot? Der Großvater ist verstorben, hinterlässt ein Haus in den Außenbezirken von Zürich. Der rechtmäßige Erbe ist Jasmins Vater. Die ehemalige Polizistin arbeitet im Baumarkt. Der Vater hatte die Familie verlassen, als sie ein kleines Kind war. Es gibt keine Erinnerung an ihn, er wird totgeschwiegen. Er verschwand eines Tages nach Thailand. Um das Erbe anzutreten, muss die Familie einen Todesschein vorweisen oder dem Gesetz nach noch einige Jahre abwarten. So sendet man die taffe Jasmin nach Thailand, um Nachforschungen anzustellen, Pal Palushi, ihr Lebenspartner begleitet sie.

»Ich glaube gar nichts. Ich weiß nur, dass seine Leiche nie gefunden wurde.«

Angekommen im fremden Land fühlen sich die beiden sofort verfolgt. Angeblich hatte Jasmins Vater, Erwin, ein Pflegeheim betrieben, das vom Tsunami zerstört wurde. Danach soll er Schweizer Bürger betrogen haben, indem er Plätze für ein Wohnheim verkaufte, das er nie gebaut hat. Erwin verschwand spurlos. Die Polizei hat ihn für tot erklärt. Jasmin recherchiert auf den Spuren ihres Vaters. Schweizer Auswanderer, die ihren Lebensabend im Warmen verbringen wollen, Pflegeheime, Gästehäuser genannt, stehen im Focus. Wer war Jasmins Vater? Was trieb ihn nach Thailand und warum arbeitete der Tischler in der Altenpflege? War eine gewisse Daisy seine Geliebte? Was kann sie über Erwin berichten? Jasmin ist auf der Suche nach der Frau. Und die chinesische Mafia scheint nach Jasmin zu suchen, nur knapp entkommt sie ihren Häschern. Was hatte ihr Vater mit denen zu tun? Warum verfolgt man sie?

»Es würde mich aber auch nicht wundern, wenn sie die eine oder andere Gefälligkeit leistet. Das ist hier üblich, im Austausch für Bewilligungen oder Dienstleistungen beispielsweise. Nur die Immigrationsbehörde ist unbestechlich. Was man von der Polizei übrigens nicht sagen kann.«

Neben einer spannenden Geschichte entführt uns Petra Ivanov in das reale Thailand zu einer Geschäftsmaschine der Pflege. Ausländer, die Gästehäuser betreiben, müssen mit einem Thai verheiratet sein, da Ausländer kein Gewerbe führen - kein Grundstück kaufen dürfen. Geschäftsehen, ein risikoreiches Unterfangen, denn bei einer Scheidung gehört alles dem Thai. Rentner, die sich einen Bungalow im Pflegeheim kaufen, letztendlich ohne Eigentum dastehen, denn sie dürfen offiziell keine Immobilie besitzen. Das sei wohl überlegt, denn ihr Geld werden sie nie mehr zurückerhalten, wer geht, kann nicht verkaufen, wer stirbt, kann nicht vererben. Eins zu eins Betreuung, Sonne, frisches Essen, gute Unterhaltung, ein Urlaubsparadies in der Fremde für die alten Tage. Die Ferien in Thailand hatten damals ein gutes Gefühl hinterlassen ... Doch nun sitzt mancher hier, der Sonne und Kokos überdrüssig, vom Heimweh zerfressen, der Sprache nicht mächtig, kann sich das Leben in der Heimat nicht mehr leisten, denn man hatte sich die Rente auszahlen lassen, das Haus verkauft. Die Autorin spricht ein heikles Thema an: teure Pflege ohne Luxus im Inland oder billige Pflege mit bester Betreuung im Ausland. Welche Risiken warten auf die Senioren und was passiert, wenn einem die Sehnsucht nach der Heimat überfällt? Darüber spricht man nicht, denkt man nicht nach. Dieses Buch vermittelt einen Eindruck in eine Thematik, die in der Öffentlichkeit totgeschwiegen wird.

Bangkok, Hua Hin, Khao Yoi, Burinam, Pattaya und Phuket, die Autorin führt den Leser durch Thailand, Tourismus, Sextourismus, Bars, Strände, Rentnerhochburgen. Die Geschichte nimmt gleich zu Anfang Fahrt auf, zieht den Leser hinein. Der Roman wird als Krimi auf dem Umschlag präsentiert. Im weitesten Sinn kann man ihn bei gutem Willen in das Genre pressen. Letztendlich ist es für mich ein Roman, eine gute Geschichte, für einen Krimi fehlt mir eine Tat. Jasmin ist auf der Suche nach ihrem Vater, auf der Suche nach sich selbst, nach ihrer Kindheit, ihrer Identität. Nur weil ihr ein paar Ganoven ihr auf den Fersen sind, ist das für mich kein Krimi.

In der Mitte flacht die Story etwas ab, zieht sich und am Ende kommt ein gesuchtes RAF-Mitglied ins Spiel, ein Mann, der sich in Thailand versteckt hält. Das war mir ein wenig weit hergeholt, wie das gesamte Ende, zumal ein Originalname (gesprochen) verwendet wird, bei dem lediglich der Anfangsbuchstabe F zu V verändert wurde und dieser Mann bereits 1977 gefasst wurde, nicht in Thailand. Insgesamt ist der Roman empfehlenswert, allein schon wegen des interessanten Themas.  

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6 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Gottes Werk und Teufels Beitrag

John Irving , Thomas Nils Lindquist , Johannes Steck
herunterladbare Audio-Datei
Erschienen bei Random House Audio, 17.08.2015
ISBN 9783837125870
Genre: Romane

Rezension:

»Gute Nacht, ihr Prinzen von Maine, ihr Könige von Neuengland!«

Das klingt ein wenig nach den »Waltens«, gute Nacht Jhon-Boy .... Ein Klassiker, den ich mir noch einmal als Hörbuch anhören wollte, denn ich liebte dieses Buch damals. Wir befinden uns in Maine, in den Dreißiger Jahren in einer ehemaligen Holzfällerstadt, die nun zur Geisterstadt mutiert ist, St. Clouds. Im Waisenheim St. Cloud’s wird Homer Wells geboren. Wir lernen seinem späteren Mentor, den Gynäkologen Dr. Wilbur Larch kennen, der das Waisenhaus und eine Geburtsabteilung führt. Heimlich betreibt er Abtreibungen. Er nimmt dafür kein Geld, lediglich freiwillige Spenden für das Waisenhaus. Seine Einstellung basiert darauf, dass er denkt, nur ein gewolltes Kind hat eine glückliche Kindheit, ungewollte Schwangerschaften stürzen junge Frauen oft ins Unglück. Er hilft den armen Seelen, Embryos bis drei Monate können abgetrieben werden, Babys darf man nach der Geburt zurücklassen und Larch sucht eine gute Adoptivfamilie für sie.


»Homer hatte noch nie gehört, wie Menschen Liebe machen oder wie Elche sich paaren, aber er wusste, dass die Winkles sich paarten. Wäre Dr. Larch zugegen gewesen, er hätte ganz neue Schlüsse gezogen hinsichtlich des Unvermögens der Winkles, Nachwuchs zu produzieren. Er wäre zu dem Schluss gelangt, dass die gewaltsame Sportlichkeit ihrer Paarung jedes verfügbare Ei, jedes Spermium einfach vernichtete oder zu Tode erschreckte.«


Nur Homer Wells kehrt immer zurück. Irgendwas geht in jeder Familie schief. Larch liebt Homer wie ein eigenes Kind. Er möchte aus ihm einen Arzt machen, einen Gynäkologen, einen Abtreibungsarzt. So bringt er Homer alles bei, was er über Medizin weiß. Homer stellt sich aber gegen die Abtreibung, seitdem er einen abgetriebenen Fötus gesehen hat. Er verlässt das Heim, wird Apfelbauer.

»›Gute Nacht, ihr Prinzen von Maine – ihr Könige Neuenglands!‹ sprach Dr. Larch sie in der Dunkelheit an. … ›Freuen wir uns für Fuzzy Stone‹, sagte Dr. Larch. … › Fuzzy Stone hat eine Familie gefunden‹, sagte Dr. Larch. ›Gute Nacht Fuzzy.‹«

John Irving ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Dieses Buch ist neben großer Unterhaltung gespickt mit Humor und ein wenig Tiefgang. Das Buch hat einen roten Faden, schweift in Nebengeschichten ab, die wieder auf den Weg führen. Die Charaktere sind fein gezeichnet. Am Anfang sind Dr. Lach und seine Krankenschwestern die Hauptpersonen, die Vater- und Mutterrolle der Waisenkinder einnehmen müssen, aber keine Beziehung aufbauen wollen, da sie in Familien vermittelt werden sollen, die Abnabelung darf nicht schwerfallen. Die Waisenkinder schauen sehnsüchtig, eifersüchtig denen hinter, die es geschafft haben. Das Thema Abtreibung ist ein durchgehendes Thema, das aber nicht moralisiert wird. Irving nimmt klar dazu Stellung, setzt sich für Frauenrechte ein. Die Geschichte beginnt in den 30gern, in einer konservativen Gesellschaft, Moral wird von der Kirche diktiert. Die Leidtragenden sind immer die Frauen, natürlich auch die Waisenkinder.

Homer, wird von Dr. Larch unterrichtet, er fungiert als Assistent bei Geburten und Abtreibungen, könnte sich das Studium gelinde gesagt schenken. Dr. Larch drängt ihn zum Medizinstudium, doch Homer verweigert sich. Eines Tages besuchen Wally und Candy die Abtreibungsklinik und Homer geht mit ihnen mit. Wallys Vater ist der Besitzer einer großen Apfelplantage, Homer wird Apfelpflücker, verbleibt auf der Farm. Nun ist Homer die Hauptperson. Auch hier beschreibt John Irving wundervoll die Landbevölkerung, Farmer, Saisonarbeiter. Homer liebt Candy und Candy liebt Wally und Homer zugleich, eine skurrile Dreiecksbeziehung beginnt. Und da ist noch Melony, ein Bär von einer Frau, groß, kräftig, gefährlich. Sie liebt Homer. Und nachdem Homer aus dem Waisenhaus verschwunden ist, verlässt auch sie ihr Heim dort, ist auf der Suche nach ihm. Als Erntehelferin reist sie von Ort zu Ort, findet ihn nicht, wird später Mechanikerin auf einer Werft, aber die Gedanken an Homer lassen sie nicht los. Der 2. Weltkrieg hat begonnen, Amerika mischt sich ein und Wally muss in den Krieg ziehen, gilt lange als vermisst und kehrt lädiert zurück. In der Zwischenzeit haben Homer und Candy eine Weise adoptiert, erzählen sie Wally. Homer ist Mitglied der Familie geworden und Wally freut sich über das adoptierte Baby, da er selbst keine eigenen mehr zeugen kann. Der Junge, Angel, wächst mit zwei Vätern auf. Eine Männerfreundschaft, die Liebe zweier Männer zu einer Frau, Vertrauen, Verdrängen, Lügen der Rücksicht wegen, der Stoff, der eine gute Geschichten ausmacht. Der ethersüchtige Dr. Larch wird immer älter, will sich nicht von einem Jüngeren ablösen lassen, sein Werk darf nicht untergehen.

Am Ende zieht sich die Story ein wenig, es kommt streckenweise leichte Langeweile auf, was beim Hörbuch noch mehr auffällt. Hier hätte Irving ein wenig straffen können. Das gesamte Buch in wenige Worte zu fassen fällt schwer. Es gibt zu viele Nebengeschichten und Thematiken, um allumfassend eine Inhaltsangabe in Kürze zu schaffen. Skurrile Typen, liebenswerte Figuren, ein Hauch von Maine Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts, große Erzählkunst, ein Buch, das ich gern ein zweites Mal genossen habe. In den USA ist der Roman sicherlich nicht bei jedem gut angekommen. Abtreibung ist dort bis heute ein heikles Thema. Verfilmt wurde der Roman bereits, ein Tipp für die Leute, die nicht gern dicke Schinken lesen. Normalerweise gefallen mir Originaltitel besser als die deutschen. Hier ist es ausnahmsweise andersherum. »The Cider House Rules«, in Original, verweist auf die Regeln, die auf der Farm für die Saisonarbeiter aufgehängt wurden, die kaum lesen können. Und wenn, es schert sowieso niemanden.

»›Freuen wir uns für Doktor Larch‹, sagte Homer leise. ›Doktor Larch hat eine Familie gefunden. Gute Nacht, Doktor Larch.‹«

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19 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 11 Rezensionen

studium, graphic novel, doktorarbeit, oder, studentenleben

Studierst du noch oder lebst du schon?

Tiphaine Rivière , Mathilde Ramadier
Fester Einband: 180 Seiten
Erschienen bei Knaus, 11.10.2016
ISBN 9783813507409
Genre: Comics

Rezension:

»Stimmt es, dass du an der Schule aufgehört hast, weil du Angst hast erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen?« (fragt die kleine Nichte Jeanne)

Jeanne ist Lehrerin, stellt aber bei einem Ausflug fest: Kinder sind Monster. Irgendwie hatte sie sich den Beruf anders vorgestellt. Darum entschließt sie sich, eine Hochschullaufbahn einzuschlagen. Zuerst muss sie eine Dissertation schreiben, ein Thema fällt ihr ein: die Erzählung des Wächters, Kafkas Torhüterparabel. Um ein Stipendium zu ergattern, muss sie sich aber verpflichten, selbst eine Lehrveranstaltungen abzuhalten. Was sind schon vier Wochenstunden Unterricht?, denkt sie. Jeanne bekommt das Stipendium und hat nun drei Jahre Zeit, ihre Arbeit zu verfassen, schreibt sich an der Pariser Sorbonne ein, um zu promovieren. Und dann erhält sie das Thema ihrer Lehrveranstaltung: Mittelalterliche Literaturgeschichte. Keine Ahnung. Mit den Seminarvorbereitungen ist die halbe Woche abgedeckt. Irgendwie wird sie es schaffen, zu ihrem eigenen Thema zu recherchieren ... Sie macht sich einen Stundenplan von 7 - 23 Uhr, 7 Tage. Geht doch.

Das Gehalt ist nicht großartig, also zieht Jeanne mit ihrem Freund zusammen, der Konflikt ist vorprogrammiert. Gutes Gehalt für eine zeitraubende Arbeit? Wer denkt denn sowas? Erfahrung, so sagt man Jeanne, sei viel wertvoller. Immerhin, die kann einem keiner klauen, insofern muss was dran sein, oder?

»Und was macht man dann damit?« - die ewige Frage

Wer studiert ist faul, hat keine Lust zu arbeiten, so flüstert die Familie hinter vorgehaltener Hand, will keine Verantwortung übernehmen ... Die Eltern, der Freund, alle setzen Jeanne unter Druck: Wie weit bist du?, wann bist du endlich fertig?, was macht die Doktorarbeit? Ja überhaupt, was schreibst du da? Wie erklärt man seiner Verwandtschaft, dass man eine Doktorarbeit über ein einziges beklopptes Buch schreibt? Welchen Nutzen hat das für diese Welt? Wie gern wäre man in diesem Augenblick Ingenieur! Jeanne denkt an Melanie, die seit sieben Jahren an ihrer Doktorarbeit schreibt. Das könnte ihr nie passieren!

Hier geht es um das Schreiben einer Doktorarbeit. Letztendlich ist das Thema austauschbar mit Diplomarbeit oder Masterarbeit. Jeder der die Tortur hinter sich hat, wird mitfühlen können. Jeanne bastelt an ihrem Inhaltsverzeichnis, tauscht Unterkapitel gegen Unterkapitel aus 3.3.1 gegen 3.2.2 Bevor man beginnt, schnell mal Schopenhauer lesen, um danach festzustellen, dass man die Gliederung völlig falsch anging. 2.7.3 gegen 4.5.2 tauschen. Auch der Titel bedarf Bearbeitung, Worte werden umgestellt, leicht verändert, es gibt 1000 Möglichkeiten, diese Wörter zu drehen und zu wenden, denn Worte sagen viel aus. Jeane liest und liest, bringt aber selbst nicht einen einzigen Satz zustande, ich vergaß, Überschrift und Inhaltsverzeichnis ...

Ihre Dozententätigkeit frisst sie auf. Was sind schon 4 Unterrichtsstunden? 4 Stunden Unterricht, 50 Stunden Vorbereitung. Jeanne verändert sich, innerlich, wie äußerlich, sie verwahrlost ein wenig, aber nicht nur sie. Amüsant sind die »Fotos« der Doktoranden, vor der Arbeit, nach der Arbeit: Jünglinge wurden zu Greisen. Jeanne, müde, kränklich wirkend, miesepetrig, gealtert, schlampig, innerlich wie äußerlich. Meine Lieblingsfigur ist die Sekretärin, das Zentrum der Macht.

Am Anfang dachte ich, hier erwartet mich viel Ironie, leicht tragender Sarkasmus, pointierter Witz. Nein, der Comic ist eine Abrechnung. Sie zahlt des ihrer UNI heim, Tiphaine Rivière schreibt sich den Frust aus der Seele, sie, die ihre Dissertation in Literatur im dritten Jahr abbrach. Jeanne beißt sich allerdings verbissen durch, so klingt auch der Text ein wenig verbohrt. Die Zeichnungen sind fantastisch. Rivière schafft Atmosphäre, lässt ihre Figuren leben, lässt sie leiden, lästern, genervt sein, arrogant, bittend, müde, wir verstehen sie auch ohne Text. Die Farben halten sich gedeckt, wie durch einen »Transfer-« oder »Blass-Filter« wahrgenommen. Die Farbwahl unterstreicht die Tristes, Verbitterung, Griesgrämigkeit, Verbissenheit.

Alles in allem ein toller Comic, eine Graphic Novel. Ich hatte das Buch als Geschenk geholt und kann es empfehlen. Früher habe ich oft gute Comics gelesen. Warum hatte ich das eigentlich vernachlässigt? Gezeichnet ist dieser Comic in der Spitzenklasse anzusiedeln. Inhaltlich hätte mir Satire ein wenig besser gefallen, als dieser depressive Negativklotz.

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hörbuch, verfassungsschutz, nsu, krimi, neonazis

Die schützende Hand (Denglers achter Fall)

Wolfgang Schorlau
herunterladbare Audio-Datei
Erschienen bei Argon Verlag, 23.12.2015
ISBN B019Q95Q2W
Genre: Sonstiges

Rezension:

»Wie wenig souverän und wie sehr fremdbestimmt das Land ist, in dem ich lebe.«

In diesem Krimi geht es letztendlich um den deutschen Staat, um eine zweite Macht im Staat, den Geheimdienst, die Verstrickungen in die USA. Ausgehend von der NSU-Gruppe recherchiert Wolfgang Schorlau durch seinen fiktiven Privatdetektiv Georg Dengler, der den Auftrag erhält, herauszubekommen, wer am 4.11.2011 Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt getötet hatte. Beate Zschäpe, die Dritte des Trios, wurde am selben Tag verhaftet, schweigt bis heute. 27 Straftaten werden der Gruppe zur Last gelegt, Morde an Migranten aus Hass. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sollen Suizid begangen haben. Massenhaft infiltrierte V-Leuten im rechten Milieu des Trios lässt eine enge Verbindung zum deutschen Geheimdienst naheliegen. In elf Untersuchungsausschüssen in Bundestag und Landtagen sind erhebliche Zweifel an der offiziellen Version der Polizei zu den angeblichen Selbstmorden entstanden. Journalisten deckten jede Menge Unstimmigkeiten auf. Warum schweigt Zschäpe? Würde sie anfangen zu berichten, könnte sie damit ihr Todesurteil fällen?

Georg Dengler ermittelt, akribisch, trägt zusammen mit Helfern und Helfeshelfern. Auch einige Leute bei der Polizei möchten wissen, was passiert ist, besorgen Dengler Unterlagen. Gefälschte Protokolle, verschwundene Asservaten, Unterlagen unter Verschluss, Dengler hat es nicht einfach.

Der Krimi schlängelt sich an den realen Ereignissen, Personen und Unstimmigkeiten entlang. Was ist real, was Fiktion, was Verschwörungstheorie? Man fragt sich, warum hat Schorlau kein Sachbuch geschrieben? In der Fiktion hat man die Möglichkeit, Dinge zusammenreimen, die offensichtlich auf der Hand liegen. Am Anfang und am Ende wird explizit darauf hingewiesen, dass dieses Buch lediglich ein Krimi ist. Vielleicht hat Schorlau bei seinen Recherchen die ein oder andere Wahrheit aufgedeckt, darf sie nur nicht offen aussprechen ... Der Leser muss sich selbst ein Bild machen, ein schöner Schachzug.

Neben der NSU-Gruppierung berichtet der Autor hier über die Entstehung des Geheimdienstes nach dem 2. Weltkrieg, über Gehlen, den Geheimdienstchef von Adolf Hitler, der mit den Amerikanern zusammen die Gruppe Gehlen bildete, eine Gruppe von Altnazis, die später in BND umgetauft wurde. Der Autor versucht zu erklären, warum es in der ehemaligen DDR so viele rechte Gruppen gibt und warum es eine Verfilzung zwischen Rechts und BND gibt. Hat unser Geheimdienst gemordet, Morde in Auftrag gegeben? In wieweit sind die Amerikaner involviert? Hier wurde nichts verschlampt, mit Absicht wurde viel vertuscht, das sollte jedem klar sein. Wieso konnte das angeblich gesuchte NSU-Trio so lange untertauchen? Die Frage stellt man sich schon lange. Wer ist Schuld an den »Dönermorden« und wie sind Mundlos und Böhnhardt wirklich gestorben? »Die schützende Hand« wird weiter gehalten werden und wahrscheinlich werden wir die Wahrheit nicht erfahren. Wir können uns aber Gedanken machen, Schorlau kann uns dabei behilflich sein. Schon allein dafür lohnt sich die Lektüre dieses Krimis. Nebenbei ist es auch ein spannendes Buch, reine Fiktion ... Nach 1946 hängt alles zusammen, Geheimdienste und vieles mehr, Schorlau trägt ziemlich dick auf und das ein oder andere ist nicht von der Hand u weisen. Hier geht es nicht nur um die NSU, sondern um internationale Verflechtungen. Wiedererlangung Souveränität für den deutschen Staat nach 1945, Wiedervereinigung, was mussten wir dafür bezahlen? Big brother is watching you. Dabei war Merkels Handy nur Peanuts.

Kleine Randgeschichten amüsieren oder erschrecken. Der Autor spannt den Bogen ziemlich breit. Dabei geht leider die rechte Szene etwas verloren. Sicher sind einige der Gedankengänge in diesem Roman Spekulation, andere sicher wert, darüber nachzudenken. Wer sich für das politische Geschehen interessiert, der kommt an diesem Buch nicht vorbei.

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Als ich 13 war, überfiel mein Vater seine erste Bank

Molly Brodak , Barbara Schaden
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Nagel & Kimche, 22.08.2016
ISBN 9783312009954
Genre: Biografien

Rezension:

»Mom ist als Einzige von uns absolut überzeugt, dass Dad ein Soziopath ist. ›Er hat kein Gewissen‹, sagte sie. ›Er kennt keine Schuldgefühle. Erwischt werden will er nicht, das ist klar, aber solange er nicht erwischt wird, tut ihm nichts leid. Er will einfach seinen Willen haben, und andere Menschen sind Objekte für ihn, die ihm dabei entweder helfen oder ihn behindern. Sei vorsichtig, wenn du mit ihm redest. Er wird dich manipulieren.‹«

Molly Brodak, die Autorin des Romans, versucht, das Unfassbare für sich begreifbar zu machen. Ihr Vater ist ein Bankräuber. Er wird gefasst, als sie 13 Jahre alt ist, sitzt sieben von zehn Jahre ab. Ihr Vater ist ein Spieler und er ist süchtig nach Sportwetten.

»Zumal ein Süchtiger schon mal etwas hat, dem er treu ergeben ist, das er über alles andere stellt.«

Ihre Kindheit ist ein einziges Desaster, Geld ist nie genug im Haus, die Beziehung der Eltern durch Schreierei geprägt, Schlägertruppen, die Geld vom Vater verlangen, die Familie zieht oft um. Molly zieht sich in sich zurück, ihre Schwester rebelliert. Was ist geschehen, warum ist ihr Vater ein krankhafter Spieler und warum blieb die Mutter so lange bei ihm.

»Geht es uns da nicht gleich, Dad, vermissen wir nicht beide unseren Dad, hat dieses Vermissen nicht mit uns beiden das Gleiche gemacht? Du hast uns eine Person dagelassen, die unkenntlich ist, deine Tarnlegende, deine Ausweichmanöver, und ich bin dir gefolgt, folge immer noch, mehr denn je, wie verliebt in dieses Chaos, in diese schwierige Familie, in meine verstörte Mutter und meine Schwester und auch in dich, vor allem in dich, den Unkenntlichen.«

Molly resümiert, liest alte Briefe, ihre Tagebücher, fragt die Mutter. Nebenbei erfährt man etwas über die Kindheit von Vater Brodak, der 1945 in einem Lager für Displaced Persons geboren wurde. Im Jahr davor waren seine Eltern mit ihren fünf Kindern von den Nazis aus dem polnischen Szwajcaria deportiert worden. Die Mutter trug ihr sechstes Kind heimlich aus, während sie Zwangsarbeit leistete, der Vater verstarb in KZ. 1951 ermöglichte eine katholische Organisation die Überfahrt in die USA. Mollys Vater ist Exsoldier, ein Vietnamveteran. Die Mutter, psychologisch instabil, brach Studien ab, verbrachte eine Zeit in der Psychiatrie, bevor sie ihren Mann kennenlernte. Sie wurde als Kind von ihrem Bruder missbraucht, leidet unter manisch-depressiven Attacken. Die Beziehung der Eltern ist vorprogrammiert instabil, der Vater ist ein notorischer Lügner. Die Mutter trennt sich irgendwann, noch vor der Verhaftung, die Schwestern werden getrennt. Joseph Brodak kommt aus dem Gefängnis, hat bald eine neue Partnerin, führt wieder ein nach außen hin normales Leben, wird erneut bei General Motors eingestellt, lebt in einem kleinen Haus mit Garten. Wieder türmen sich Schulden durch seine Spielsucht und er überfällt 2009 wieder Banken, und wird zu zehn Jahren Haft verurteilt.

»Seine Augenpartie veränderte sich, während er sprach, es war wie eine Trübung oder Farbveränderung. (…) Zwischen uns war eine Schranke der Peinlichkeit, die er nicht überquerte.«

Molly begreift schon als Kind, dass mit ihrem Vater etwas nicht stimmt, er lügt und betrügt. Er räumt den Kindern die Sparbüchsen leer, Autos werden plötzlich konfisziert, den erwachsenen Töchtern räumt der Vater später die Sparbücher leer.

»In Familien lebt jeder allein.«

Molly Brodak beschreibt den Mittleren Westens, die Veränderungen ihres Viertels in Detroit, den Untergang der Autoindustrie. Sie versucht einen Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Niedergang, Arbeitslosigkeit und Spielsucht zu ziehen. Sie möchte erklären, findet keine Antwort. Die Mutter lebt in ihrer Welt, die Schwester vergöttert den Vater, der sich eine Parallelwelt aufgebaut hat. Zwischen den Schwestern gibt es keine Freundschaft. Molly scheint als einzige ein Ziel zu haben: Sie will Dichterin werden.

»Der Himmel in Michigan kann so bleiern grau sein wie nasser Beton, tagelang wälzen sich die Wolken dahin und reißen niemals auf. Darunter meine Heimat, in der Erde versinkend, und die Erde verdaut ihr eigenes Paradox, schweigend.«

Die Sprache ist poetisch kraftvoll, erzählerisch stark, an manchen Stellen psychologisch scharf. Eine Familiengeschichte, von denen die eigentlich keine Familie sind.

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vierundzwanzig stunden, musso

Vierundzwanzig Stunden

Guillaume Musso , Eliane Hagedorn , Bettina Runge , Richard Barenberg
Audio CD
Erschienen bei OSTERWOLDaudio, 01.06.2016
ISBN 9783869522869
Genre: Romane

Rezension:

»Man hat zwei Leben, und das zweite beginnt in dem Moment, wo einem klar wird, dass man doch nur eines hat.«

Der Arzt Arthur Costello freut sich, da sein Vater ihn zu einem Ausflug einlädt, ein Vater, der sich nie um seien Sohn kümmerte. Sie fahren zu einem Leuchtturm und der Vater eröffnet Arthur, sein Vermögen würden die Geschwister erben. Für Arthur bliebe der Turm. Alledings dürfe er nie den zugemauerten Keller öffnen, nie den Turm verkaufen. Er habe das Gebäude vom Vater geerbt mit gleicher Auflage, von Generation zu Generation. Allerdings stellt der feige Vater dem Sohn alle Werkzeuge hin, um den Keller zu öffnen ...

Ein Jahr später findet sich Arthur an einem unbekannten Ort wieder, kann sich nicht mehr erinnern, was geschah. Der Vater erklärt, er sei ein Jahr lang verschwunden gewesen. Der Großvater, säße in der Psychiatrie, er wisse über den Keller Bescheid. Bisher war Arthur davon ausgegangen, der Opa sei verstorben. (Etwas unlogisch das Drumherum ...) Arthur holt den Granny mit einem Trick aus der Klinik heraus (abstrus). Der erklärt ihm nun, dass der Enkel 24 Jahre lang nur 24 Stunden pro Jahr anwesend sein wird, dann irgendwohin verschwindet, sich aber nicht erinnern wird, was in der Zwischenzeit passiert. Verschwindet er ins Nirwana oder lebt er komprimiert nur den einen Tag?, fragt sich der Leser irgendwann. Der alte Mann hat die Sache bereits hinter sich. Am Ende wird in dieser, unserer Welt, alles böse enden, prophezeit er.

Bis dahin ist die Geschichte spannend, mystisch verpackt. Gern würde ich das Ende besprechen, aber das werde ich spoilertechnisch unterlassen. Ab diesem Zeitpunkt wird es langweilig. Um den Opa aus der Psychiatrie zu entführen, hatte Arthur die hübsche Schauspielerin Lisa engagiert, in die er sich verliebt. Und immer, wenn er nun für 24 Stunden auftaucht, hat er mit Opa und Lisa Kontakt. Zwei Kinder werden geboren. Die Beziehung mit Lisa geht rauf und runter, sie bezeichnet ihn als »der Mann, der immer verschwindet«. Lisa mag nicht warten, dann aber doch wieder und der Großvater lebt noch ziemlich lange, Arthurs Vater ist längst verstorben. Der Roman ist eine wiederkehrende Schleife und plätschert so dahin, es passiert nicht viel. Am Ende will uns der Schriftsteller etwas sagen, benutzt einen Taschenspielertrick ... Ich habe verstanden. Aber das war mir zu flach, lieber Autor, der Heftchenleser wird damit kaum etwas anfangen können. Zeit ist kostbar, verteile sie an deine Liebsten ... so die Message.

Wenn man das Thema am Ende verstanden hat, gibt alles einen Sinn. Allerdings gefällt mir die Umsetzung nicht. Flache Charaktere, oberflächliche Menschen, platte Dialoge, ein langweiliger Plot. Weder Arthur, Liza, noch Opa konnten mein Herz erobern. Neben ihrer Oberflächlichkeit sind ihre Handlungen oft nicht nachzuvollziehen, das beginnt mit dem Vater und dem Sohn, der Öffnung des Kellers. Logikfehler im Plot gibt es nebenbei auch noch eine Menge, zusätzlich ist die ein oder andere Handlung abstrus konstruiert. Am Ende angekommen war ich froh, dass endlich Schluss ist. Mit Wohlwollen gerade noch 3 Sterne.


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freundschaft, neapel, italien, armut, frauen

Meine geniale Freundin

Elena Ferrante , Karin Krieger
Fester Einband: 422 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 29.08.2016
ISBN 9783518425534
Genre: Romane

Rezension:

»Seit mindestens drei Jahrzehnten erzählt sie mir, dass sie spurlos verschwinden möchte, und nur ich weiß, was sie damit meint. Sie hat nie eine Flucht im Sinn gehabt, einen Identitätswechsel, den Traum, anderswo ein neues Leben zu beginnen. »

Gleich vorweg, Elsa Ferrante kann erzählen, und wie! Der Sog erfasst den Leser von der ersten bis zur letzten Seite. Die Schriftstellerin Elena Greco, 66 Jahre alt, erhält einen Anruf. Ihre Freundin sei verschwunden, sie habe ihr gesamtes Haus ausgeräumt und alle persönlichen Dinge seien verschwunden. Elena, genannt Lenú erinnert sich in diesem ersten Band einer Romantetralogie an die gemeinsame Kindheit und Jugend, an eine immerwährende Freundschaft, an die Rivalität mit der gleichaltrigen Schustertochter Raffaella Cerullo, Lina gerufen, von Elena Lila genant. Die beiden wachsen im Armenviertel Rione von Neapel auf. Die alten Leute dort, haben noch nie das Meer gesehen. Gleich zu Beginn der Erzählung schmeißen die Freundinnen ihre Puppen in ein schwarzes Loch, in den Keller des Bösen. Ein Symbol der Verabschiedung von der Kindheit. Das Loch symbolisiert gleichzeitig das Niederträchtige, etwas das die Geschichte durchziehen wird, es ist der Keller von Don Achille, dem Camorra-Boss des Viertels.

Lila und Lenú könnten nicht unterschiedlicher sein. Lenú ist niedlich, gefällig, beliebt, muss in der Schule fleißig lernen. Lila, die Kratzbürste, ist rebellisch, ein dürres Mädchen, schmutzig, mit zerrupften Haaren, ein Kind, das keiner mag, der aber intellektuell alles zufällt. Lila manipuliert die Menschen um sie herum, macht, was sie will. Sie erhält gute Zensuren ganz ohne Anstrengung, was Lenú anspornt, gleichzuziehen. Lila ist die Geniale, lernt im Flug. Doch die Schustertochter darf jedoch die kostenpflichtige weiterführende Schule nicht besuchen, ihr Vater hält das für unnötig. Lenús Vater, ein einfacher Angestellter, der am Empfang des Rathauses arbeitet, kratzt das Geld zusammen, weil Lenú begabt ist. Anfänglich hat sie Schwierigkeiten mit dem Fach Latein. Die wissbegierige Lila, leiht sich die Schulbücher aus der Bibliothek, begreift sofort, hilft Lenú bei der lateinischen Grammatik. Später eignet sich Lila sogar Griechisch im Selbststudium an. Lila gelingt einfach alles. Die Freundschaft ist geprägt von der Rivalität der Mädchen. Die eine hat, was der andere gern hätte. Ihre gemeinsame Leidenschaft sind Lesen und Lernen.

»Ich sehne mich nicht nach unserer Kindheit zurück, sie war voller Gewalt. Es passierte alles Mögliche, zu Hause und draußen, Tag für Tag, doch ich kann mich nicht erinnern, jemals gedacht zu haben, dass unser Leben besonders schlimm sei. Das Leben war eben so, und damit basta, wir waren gezwungen, es anderen schwerzumachen, bevor sie es uns schwermachten.«
Ganz nebenbei ist dies Buch politisch. Es führt uns durch das Nachkriegs-Mezzogiorno. Katholische Kirche, Mafia, sich verändernde Sitten, ein Portrait einer Gesellschaft. Im Viertel gibt es zwei reichen Familien, die des Lebensmittelhändlers und die Besitzer der Bar-Pasticceria. Beide kämpfen um die Vormachtstellung, und die meisten Menschen biedern sich an, wollen teilhaben, werden aber von ihnen um ihr Erspartes gebracht. Sie fürchten und gleichzeitig ehren sie diese Kriminellen. Eindrucksvoll wird das Silvesterfeuerwerk 1958 als Kriegsschauplatz beschrieben. Die Männer der Camorra-Familien versuchen, sich Böllern und Raketen zu übertrumpfen. Zum Ende wird scharf geschossen.

»Vor uns hat es schlimme Dinge gegeben, unsere Väter haben sich auf die eine oder andere Weise nicht korrekt verhalten, wir wollen das von nun an im Kopf behalten und zeigen, dass wir Kinder besser sind als sie". "Besser?" erkundigte sich Rino interessiert. "Besser", sagte ich. "Das ganze Gegenteil der Solara-Brüder, die noch schlimmer sind als ihr Großvater und ihr Vater." Ich redete hitzig, auf Italienisch, als wäre ich in der Schule«

Lenú beschreibt sich in späteren Jahren als pummlige Brillenschlange, empfindet sich als hässlich. Aus Lila ist hübscher Teenager geworden, den alle Jungen umschwärmen. Aber sie ist zickig, manipulativ, will sich nicht mit dem Leben in der Schusterwerkstatt abfinden. Sie hat, was Lenú nicht hat! Sie darf arbeiten, sie ist beliebt und sie hat einen Freund, den Sohn des reichen Lebensmittelhändlers, Lenú neidet ihr dieses Leben, das sie als Freiheit empfindet. Lenú darf weiter zur Schule gehen, kommt in die Oberstufe, ein Leben das ihr nicht gefällt, sie aber zum Ziel bringt. Sie hat das, was die launische Lila nicht hat, Bildung. Lila richtet sich in ihrem Leben ohne Bildung ein, sie will nun reich werden. Der junge Intellektuelle Nino Sarratore, ein Kommunist, versucht, Lenú etwas über Faschismus und Diktatur beizubringen, über Sozialismus, was ihr in der katholischen Schule Ärger bringt, als sie einen Aufsatz darüber schreibt.

Der erste Band der endet mit Lilas Hochzeit. Beide Mädchen sind sechzehn. Auch hier zeigt sich Lila in den Vorbereitungen mürrisch und herrisch, kümmert sich um rein gar nichts, überlässt Lenú die Organisation. Beide haben auf ihre Weise ihr Ziel erreicht, der Armut zu entkommen, die eine mit Bildung, die andere durch ihre Hochzeit.
Erzählerisch stark, selbst in kleinen Nebenfiguren, denen Ferrante Profil einhaucht, ist dieser erste Teil der Romantetralogie weit mehr als die Geschichte einer Frauenfreundschaft. Es ist die Geschichte Napolis der Nachkriegszeit, mit allen Facetten der Gesellschaft. Krankheit, Armut, Analphabetismus, Camorra, Kirche und Kommunismus, Frauenrechte; weit mehr als Don Camillo und Pepone zu bieten hatten.

Wer ist Elena Ferrante? Wer verbirgt sich hinter dem Pseudonym? Eine Frage, die ich mir nicht stelle, es ist mir wurscht. Ob Sie eine Literaturprofessorin aus Neapel ist oder eine Schustertochter, ändert nicht, dass sie hervorragend erzählen kann. Wo ist der Respekt der Leser, der Presse? Sie möchte nicht in die Öffentlichkeit treten. Belassen wir es dabei und freuen uns auf die nächsten Bände.

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Liebesgrüße aus Minsk

Nadine Lashuk
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei MALIK, 01.04.2016
ISBN 9783890294636
Genre: Sonstiges

Rezension:

Von der Elite-UNI in Lille ausgebildet für Politik und Diplomatie, hat sich Nadine für Osteuropa einen Schwerpunkt gewählt. Sie erhält 1994 die Möglichkeit, bei der EU ein Praktikum zu absolvieren, kurze in Stippvisite Kiew, für ein paar Monate nach Minsk. Die junge Deutsche erhält bei der EU kein Praktikumsgehalt, muss sich ihre Reise selbst finanzieren, ebenso die Unterkunft, die noch zu finden ist.
»... zeigte einen großen, kahlköpfigen Mann - man stelle sich Meister Propper vor -, der in einer lächerlich knappen Badehose an einem Krimstand eine Sandburg baute. ›Das ist mein Iwan!‹, sagte Wera, die vor Mutterstolz schier zu platzen schien. ... ›Er wohnt direkt neben den Klitschkos. Und er freut sich auf dich!‹«

Nach einem Monat in Kiew fährt sie weiter nach Weißrussland. Schnell lernt sie, dass man diesen Begriff nicht verwenden sollte. Sie befindet sich in der Republik Belarus. Eine Diktatur hatte sie sich anders vorgestellt. Neugierig beginnt sie das Land zu erforschen, findet schnell Anschluss bei anderen Praktikanten und Studenten. Eines Tages trifft sie auf den Jurastudenten Aliaksei. Die beiden werden ein Paar.

»Denn in Belarus bringt man nur eine einzige Frau mit nach Hause (wenn es gut läuft), und das ist die Frau, die man zu heiraten beabsichtigt.«

Zum Ende des Praktikums stellt sich die Frage, ob man zusammenbleiben möchte. Nadine kann ohne Visum nicht bleiben, würde auch keine Verlängerung bekommen. Aliaksei wird kein Visum für Deutschland erhalten. Nur eine Heirat kann die Beziehung retten.

»Die nun folgende Wohnungssuche wird zu einer neuerlichen Belastungsprobe für unser neues Eheglück.«

Das Leben in Belarus ist nicht immer einfach, Schwiegereltern können auf die Nerven gehen, Behörden noch mehr. Nadine Lashuk berichtet in saloppen Tonfall humorvoll über ihr Leben in Belarus. Neben einem Bericht über Land und Leute kommt auch das Essen nicht zu kurz. Mayonnaise, saure Gurken, rote Beete, saure Sahne im Überfluss, ein Rezept findet man am Ende jedes Kapitels. Wie wäre es damit, die Pizza demnächst einmal neu zu belegen, mit einer dicken Schicht Majo und sauerer Gurken? Die Menschen scheinen zufrieden mit ihrem Leben zu sein, sich mit den politischen Mächten arrangiert zu haben. Allerdings wird ihnen viel vorgegaukelt, das nicht der Realität entspricht. Datschas und Babuschkas am Wochenende, viel Freude an der Natur, aber nicht nur das. In ihren Gärten ziehen die Menschen Obst und Gemüse, denn die Versorgung ist nicht immer gut gewährleistet. Stadt- und Landleben unterscheiden sich gewaltig. Auf dem Land gibt es keinen Strom, Wasser schöpft man aus dem Brunnen, Traktoren sind in der Landwirtschaft selten zu sehen.

Dies Buch gibt auf lockere Art einen guten Eindruck in ein Land, das für uns Europäer recht unbekannt ist. Stilistisch nicht immer ganz sauber, aber darüber kann man als Leser hinwegsehen. Die Autorin berichtet von ihren Schwierigkeiten, sich anzupassen, zeigt aber auch ihre persönlichen Grenzen auf. Nicht immer wirkt sie dabei sympathisch, sie beschreibt sich selbst häufig als extrem launisch. In humorvoller Art erzählt sie von ihren Erlebnissen. Und darum ist das Buch interessant.

Der Roman ist autobiographisch. Und genau das ist das Problem. Man berichtet ja nur darüber, was man fremden Menschen berichten mag ... Nadine Lashuk erzählt uns, wie verschiedene Mentalitäten aufeinanderprallen, die familiäre Nähe in Belarus gestaltet sich anders als die in Deutschland, besonders, wenn Kinder geboren werden. Man wechselt die Länder, hin und her. Wir erfahren viel über die Schwierigkeiten, die sich mit den Schwiegereltern ergeben. Aber welche Konflikte entstehen im Alltag der Ehe? Welche Anpassungsschwierigkeiten hat Aliaksei in Deutschland? Wie kommt er in der deutschen Gesellschaft klar, wie mit dem Essen, gibt es Konflikte mit seinen Schwiegereltern? Wie findet er eine Arbeitsstelle? Das alles bleibt offen. Eine Ehe in zwei Kulturen mit Unmengen von Reisekilometern, ein frisches Buch, das zur Verständigung unter den Kulturen beiträgt und den Horizont des Lesers erweitert. In der Mitte des Buchs findet der Leser einige Fotos, die visuell das Ganze abrunden. 

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20 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 5 Rezensionen

unausgesprochenes, nachkriegszeit, heirat, deutschland, leben

Schnell, dein Leben

Sylvie Schenk
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 25.07.2016
ISBN 9783446253315
Genre: Romane

Rezension:


Der erste Satz: »Als kleines Mädchen der fünfziger Jahre weißt du von deiner Minderwertigkeit und möchtest lieber ein Junge sein. Der Wunsch bewirkt, dass du nie zum knallharten Feminismus konvertieren wirst. Männer sind die wichtigsten Akteure der Menschheit.«


Mit knappen Worten und großer Intensität fasst Sylvie Schenk das Nachkriegsdeutschland zusammen. Louise ist in einem kleinen Dorf in den französischen Alpen aufgewachsen. Die Mutter muss täglich beim Vater um das Haushaltsgeld betteln. Louise erfährt, die Mutter war ein Adoptivkind. Darüber wird geschwiegen. Der Vater ein Zahnarzt, ein Despot, war Soldat im Zweiten Weltkrieg. Darüber wird geschwiegen.


»Natürlich ist es beneidenswert ein Junge zu sein, gleichzeitig schleicht sich in dich eine gewisse Verachtung für die männliche Welt ein. Oft sind die Frauen unglücklich, weil die Männer sie betrügen, sie verlassen, sie schlagen, sie beschimpfen.«


Louise studiert in Lyon Latein, Griechisch und Literatur, verliebt sich in den Deutschen Johann, Student der Chemie, heiratet, zieht mit ihm nach Deutschland. Ihr Vater ist zunächst entsetzt. Ein deutscher Schwiegersohn, das kommt gar nicht in Frage!


»Seine Eltern, erzählt Francine, sind während der Besatzung umgekommen, am Ende des Krieges. Der Vater ist von den Deutschen gefoltert und erschossen worden, die Mutter wurde deportiert und ist in einem Konzentrationslager gestorben.«


Deutsches Wirtschaftswunder, 68er-Bewegung, spießiges Bürgertum, alte Zöpfe in den Köpfen von Sophies Schülern, die sie abschneiden möchte, die behutsame Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich. Henri war Louise’s erste Liebe, seine Eltern wurden durch die Nazis getötet. Er beschuldigt Johanns Vater, bei der SS in Lyon gearbeitet zu haben, trage somit Mitschuld am Tod seiner Eltern. Nach dem Tod von Louises Schwiegervater wird klar, in welcher Verstrickung Johanns Vater im alten Regime steckte. Nun wird über Johann berichtet. Er ist nun frei von seiner Familie und kann erzählen. 


»Das Leben dreht sich darum: Man soll gehorsam, fleißig und zuverlässig sein.«


Schenk schreibt in der zweiten Person Singular, was der Autorin und so dem Leser eine Distanziertheit zu den Personen schafft. Die Generation des Schweigens, Schuld und Sühne, komplex zusammengefasst. Zwei Länder von Krieg und Hass geprägt, die wieder Annäherung finden. Sie fasst in kurzen Kapiteln erstaunlich prägnant Geschichte zusammen. Ein Buch voll Tiefgang, das noch lange im Gedächtnis bleibt.


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17 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Die Entscheidung

Charlotte Link , Friederike Kempter
Audio CD
Erschienen bei Random House Audio, 05.09.2016
ISBN 9783837136289
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der erste Satz: »Sie brauchte tatsächlich nur ein paar Sekunden, um das Türschloss zu öffnen.«

Simons Vater besitzt ein Haus in Südfrankreich. Dort will er die Weihnachtszeit mit Kristina verbringen, seiner neuen Freundin. Seine geschiedene Frau Maya bittet Si-mon plötzlich, die Kinder zu übernehmen, er sagt Kristina ab, weil er nicht möchte, dass Maya und die Kinder von ihr erfahren. Nun sagt Maya die Kinder ab und Simon bittet Kristina erneut, zu ihm zu kommen. Der erfolgreichen Geschäftsfrau reicht es. Sie beendet die Beziehung per Telefon, mag nicht mehr mit einem Mann zusammen-sein, dessen Lebensziel es ist, es allen Menschen recht zu machen, sich herumschubsen zu lassen. Schon im Jahr zuvor hatte Maya dieses Spiel gespielt und in in letzter Sekunde die Kinder bei Simon abgegeben, Kristina blieb allein. Simon geht spazieren, er ist völlig frustriert einsam zu sein. Unterwegs erlebt er, wie ein Hausmeister eine abgehungerte junge Frau auf der Straße herunterputzt, die Polizei rufen will. Der Gutmensch Simon kommt wieder in ihm hoch und er hilft der zwanzigjährigen Nathalie, bezahlt den kleinen Schaden, nimmt das durchnässte Mädchen mit nach Hause, denn ihr ist kalt und sie hat Hunger, weiß nicht, wo sie hingehen soll. Nathalie wartet auf Jerome, ihren Freund, der sollte schon in der Wohnung des Onkels sein, in die sie eingebrochen war. Sie erzählt, sie wäre gerade beim Einkaufen gewesen, in Paris, wo sie wohnt, als Jerome anrief, sie solle verschwinden, sofort, nicht nach Hause gehen, er sei in Gefahr und darum sei sie in Gefahr, man würde sich in der Wohnung vom Onkel in Südfrankreich treffen. Schnell ist klar, die Verfolger sind Nathalie auf der Spur. Und nun kommt auch Simon in Gefahr. Wer sind die Typen, die hinter Je-rome er sind, hinter Nathalie und nun auch hinter Simon? Worum geht es überhaupt? Die beiden wissen es nicht, sie sind auf der Flucht und Leichen pflastern ihren Weg … Der Leser weiß mehr, durch einen Parallelstrang aus Bulgarien.

Der Krimi beschäftigt sich mit Kettenrektionen. Mehrfach macht ein Mensch einfach das, was er in diesem Augenblick tun muss, wie Simon, der Mitleid hat und hilft. Jeweils löst das, was dieser Mensch tut, eine Kettenreaktion aus, mit der er andere Menschen unbeabsichtigt in Gefahr bringt. Wenn du jemandem hilfst, beschwer dich hinterher nicht, wenn eine Lawine auf dich zurollt, die du nicht stoppen kannst. Wenn du etwas tust, überlege, wen du mit in die Sache hineinziehst! Du hast die freie Entscheidung, etwas zu tun oder es zu unterlassen, ein Thema, das den Krimi durch-zieht. Simon kann nicht mehr aussteigen aus dem Spiel und er erkennt, dass Kristina in seiner Beurteilung nicht so falsch lag: Er ist ein Mensch, der stets für andere da ist, der sich ausnutzen lässt, Stück für Stück wird er sich selbst erkennen. Auch die magersüchtige Nathalie wird in sich gehen, sie, die Jerome abgöttisch liebt, von ihm psy-chisch abhängig ist. Sie hält sich für eine Versagerin, die nichts auf die Reihe be-kommt, merkt dabei nicht, dass dies eigentlich der Part von Jerome ist. Es zeigt sich in jeder Situation, wie stark sie ist, wie schlau, sie kämpft wie eine Löwin. Ist Jerome ei-ner von Ihnen, den Bösen, oder ist er wirklich nur aus Versehen irgendwo reingerutscht? Wo ist Jerome?

Verschiedene Handlungsstränge und Erinnerungen aus der Vergangenheit, blättern die Geschichte langsam auf. Der Leser weiß, dass hinter den Verfolgern eine Gruppe von gnadenlosen Menschenhändlern sitzt. Aber warum passiert das alles, warum handeln sie so kompromisslos? Eine elegante Frau stellt sich Mädchen in Bulgarien als Chefin einer Modellagentur vor und lockt sie nach Rom, verspricht ihnen eine Model-karriere. Mit einer Vorauszahlung der ersten Gage kann die zurückgelassene Familie sich über Wasser halten, die Mädchen träumen vom Erfolg und dem großen Geld. Die Familien der Mädchen leben in der Regel am Existenzminimum oder darunter. Die Entscheidung: Das Kind fremden Menschen zu übergeben, an den Traum zu glauben, nicht nachzudenken, nichts zu überprüfen. Die Mädchen landen aber in Paris und werden zur Prostitution gezwungen. Auch hier die falsche Entscheidung im Vorfeld.

Charlotte Link führt mehrere Erzählstränge zum gemeinsamen Ende zusammen, ge-schickt konstruiert und gibt Einblick in die Machenschaften von Menschenhändlern. Fein gezeichnete Charaktere lernen sich mit dem Leser gemeinsam kennen. Einige wachsen über sich hinaus, andere erleben, welch jämmerlichen bzw. fiesen Charakter sie besitzen. Die quirlige, nervige Nathalie lässt nie locker, um ihr Ziel zu erreichen, mutig, weil es sein muss. Simon geht ihr auf die Nerven, sie sagt ihm klar, was sie über ihn denkt. Simon hadert ständig, mag nicht an Böses glauben, er will behilflich sein, sich mit niemandem anlegen, er hat Angst, er ist eine Memme. Die fordernde Nathalie geht ihm auf die Nerven, er hält sie für psychisch gestört, unberechenbar, wild, er will einfach seine Ruhe haben. Was er über sie denkt, hält er meist zurück. Ein wunderbares Team, um einem Thriller den Kick zu geben. Der Leser wird keinen einzigen Protagonisten am Ende mögen, das muss er auch nicht. Keiner ist glatt und nur nett, jeder Einzelne verfolgt sein Ziel und eben genau darum ist dieser Roman so gut. Wenn es um menschliche Beziehungen geht und die Zeichnung von Charakteren, so liegt man mit einem Buch von Charlotte Link immer richtig. Kalter Wind und Regen in Südfrankreich zur Vorweihnachtseit, meterhoher Schnee in Bulgarien, passend zu dieser Jahreszeit.

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Klausjäger

Silvia Götschi
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Emons Verlag, 19.10.2016
ISBN 9783954519880
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

»Es gibt aber Männer, die jeglichen Respekt verlieren, wenn sie betrunken sind.«

Am 6. Dezember startet bei eisiger Kälte das Klausjagen im dunklen Küssnacht, wie jedes Jahr in jahrhundertalter Tradition. Die Lichter in der Stadt sind ausgestellt, nur die mit Kerzen beleuchteten Iffelen leuchten den Weg des Nikolausumzugs. Der Umzug, angeführt von St. Nikolaus, begleitet von Schmutzlis und seinem weißgekleideten Ge-folge, die die beleuchteten Iffelen über dem Kopf halten, erreicht die Bahnhofsstraße. Der Nikolaus bricht zusammen, er wurde erschossen.

»Bei den Frauen klingt es anders, als Richter war er nicht sehr beliebt … zu männerlastig. Es kursieren Gerüchte, dass er sich vor allem in Trennungs- und Scheidungsfällen gern auf die Seite der Männer gestellt habe.«

Kommissarin Valérie Lehman ermittelt mit ihrem Team. Wer hat den Nikolaus er-schossen? Einer seiner Freunde aus der Sankt Niklausengegesellschaft? Nach dem Umzug ziehen die Männer von Kneipe zu Kneipe und lassen sich vollaufen bis zum Morgengrauen. Nicht einmal der Tod ihres Vorsitzenden hält sie davon ab. So zeigt sich die Vernehmung etwas schwierig. Oder stammt der Täter aus dem privaten Um-feld, denn die Ehefrau macht nicht gerade einen trauernden Eindruck, als sie vom Tod des Mannes erfährt. Ebenso steht das berufliche Feld von Richter Gross im Focus. Schnell stellt sich heraus, dass einige Frauen genügend Grund hätten ihn zu töten, denn er stellte sich in Scheidungsprozessen immer auf die Seite der Männer, sprach ihnen die Kinder zu, wenn sie das forderten. Valérie kann den Zorn und die Frustrati-on der Mütter verstehen, sie selbst steckt in einer ähnlichen Situation, sie versucht gerade ihren Sohn zu überzeugen, zu ihr zu ziehen, nun, da er fünfzehn ist. Mitten in der Ermittlung holt sie ihn vom Bahnhof ab. Kann sie ihn überzeugen?

Valérie stößt auf eine von Männern dominierte Gesellschaft der Innerschweiz, stock-konservativ. Die Nikolausgesellschaft besteht nur aus Männern. Im Umzug dürfen nur Männer und Jungen laufen, die Frauen und Mädchen dürfen zuschauen, die Frau-en hernach die Kinder einsammeln und nach Hause gehen, während die Männer sich volllaufen lassen, Kellnerinnen begrabschen. Allerdings sind die Frauen gut genug, die Gewänder für den Umzug zu nähen und zu helfen, die Iffelen herzustellen.
»Sie kannte das Phänomen. Frauen opferten ihren Körper, um verbalen Attacken, Demütigungen und womöglich Schlägen vorzubeugen, um ihre Männer zu be-schwichtigen, wenn sie außer Rand und Band gerieten.«

Silvia Götschi hat hier nicht nur einen spannenden Krimi abgeliefert, sie beschreibt Landschaften, Bräuche und die moderne Gesellschaft der ländlichen Innerschweiz. Das juristische Festsetzen von Gleichheit und Reden über Gleichberechtigung und Respekt ist eine Seite, die Umsetzung eine andere. Zu diesem ernüchternden Schluss muss kommen, wer die derzeitigen Debatten über die Gleichstellung der Geschlechter und über alltäglichen Sexismus verfolgt. Über Jahrzehnte haben Frauen sich für gleiches Recht und Freiheit eingesetzt, haben die Gleichstellung erkämpft. Ob in der Arbeitswelt oder im privaten Bereich, die Frauen in der Schweiz sind bis heute schlechter gestellt, sei es nur bei der Aufteilung von Haus- und Familienarbeit. Die Autorin benennt hier kleine Punkte mit gewaltiger Wirkung. Amüsiert habe ich verfolgt, mit welcher Tatkraft manche Frau sich wehrt, und mit welchen Tricksereien man die Entscheidungen von Kantonsgerichten aussetzen kann. Ein kluger Krimi, der einen guten Einblick in das Schweizer Leben gibt. Silvia Götschi hält die Spannung stets oben, bis zum Ende tappt die Polizei auf mehreren Spuren im Dunkeln. Ein Krimi passend in die Vorweihnachtszeit, den ich absolut empfehlen kann.

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31 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

terror, terrorismus, gesellschaft, empfehlung, recht

Terror

Ferdinand von Schirach
Flexibler Einband: 176 Seiten
Erschienen bei btb, 12.09.2016
ISBN 9783442714964
Genre: Gedichte und Drama

Rezension:

Kaum hatte ich dieses Theaterstück beendet, vernahm ich, es wird in der ARD ausgestrahlt. Und ich muss sagen, die Inszenierung hat mir genauso gut gefallen, wie das Buch selbst. Schierach ist Strafverteidiger von Beruf, ich kenne fast alle seine Bücher. Sein Anliegen ist es immer, den juristischen Standpunkt zu vertreten. Recht und Mo-ral haben nichts miteinander zu tun. Wir haben unsere Gesetze an unsere Moral an-gepasst, soweit man sie in Worte fassen kann. Der Einzelfall zählt nicht. Die Justiz kann sich nicht mit Schuldfragen beschäftigen, es geht nur darum, ob ein Recht verletzt wurde. Denn wer mit der Schuld und Moral argumentiert, versucht, rechthaberisch seinen Standpunkt zu vertreten.
Gleich am Anfang spricht der Richter den Leser an: »Urteilen Sie ruhig und gelassen, denken Sie daran, dass vor Ihnen ein Mensch sitzt.«

Das Theaterstück spiegelt eine Gerichtsverhandlung wieder, bei der der Leser sein eigenes Urteil fällen soll. In der Verfilmung und den Schauspielhäusern hatten die Zuschauer die Möglichkeit, abzustimmen und am Ende verkündete der Richter das Urteil der Zuschauer. Zu den Fakten: Lars Koch, Major der Luftwaffe, hat eine Passagiermaschine der Lufthansa abgeschossen. Sie war von islamischen Terroristen gekapert worden und sollte ins vollbesetzte Fußballstadion von München einfliegen, in dem sich ca. 70.000 Menschen aufhielten, so die Meldung der Terroristen aus dem Cockpit. Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgesetzes ist es der Bundeswehr nicht erlaubt, die Maschine abzuschießen, um andere Leben zu retten. Der Befehl zum Abschuss erfolgte daher nicht, wurde ausdrücklich untersagt. Somit hat der Pilot ge-gen den Befehl gehandelt und eigenmächtig den Flieger zum Absturz gebracht, damit 164 Passagiere getötet. Schuldig der Tötung von Menschen oder unschuldig?

»Unser Staat ist den größten Gefahren ausgesetzt, und die Welt um uns droht einzustürzen. Aber in dieser Situation gilt es nur umso mehr, dass wir uns auf die Prinzipien des Rechtsstaats verlassen.«

So argumentiert die Staatsanwältin. Unser Rechtsprinzip nach Kant folgt der Menschenwürde, wonach ein Leben nicht gegen ein anderes aufzuheben ist, nie, in keinem Fall. Der Pilot tötete auf Grund seiner eigenen Vermutung, nicht auf Beweise.

Der Angeklagte verteidigt sich mit dem Argument, dass er mit dem Tod der Passagiere andere Menschen rettete, denn die Passagiere waren faktisch gestorben, da die Maschine in das Stadion fliegen sollte und hätte der Pilot sich geweigert, so hätten die Terroristen das Flugzeug in die Luft gesprengt. Wer sich in ein Flugzeug setze, sei sich der Gefahr bewusst, sich zum Terrorwerkzeug zu machen. Er habe die Menschen im Stadion gerettet.

»Sie wollen uns zerstören. Und was tun wir? Haben wir dem etwas entgegenzusetzen?«, sagt der Pilot.

Bliebe man untätig, so signalisiere man den Terroristen Narrenfreiheit, argumentiert die Verteidigung. Die Anklage hält dem entgegen, dass die Menschen an Bord es viel-leicht in letzter Minute geschafft hätten, die Terroristen zu überwältigen. Es liegt nicht in der Macht eines einzelnen Menschen, zu entscheiden.

Beide Seiten kommen ausführlich zu Wort, auch die Position der Soldaten, die sich vom Staat alleingelassen fühlen. Schierach zeigt auf, wie wenig sich Terrorismus in Gesetze einbinden lässt, er zeigt die Grenzen von Rechtsstaatlichkeit auf, die des Gewissens, den Widerspruch von Gesetz und Moral. Er zeigt auch die Widersprüchlichkeit von Kommunikation und die des eigenen Anspruchs. In manchen Passagen wirkt das Theaterstück ein wenig dozierend, aber es greift auch unsere Wissenslücken auf. Verantwortung, Befehlsgehorsam, gesunder Menschenverstand, Staatsräson, ein Blick zurück auf unsere eigene Geschichte, hochpolitisierte Wirklichkeit.

Nachdem damals das Verfassungsgericht einen Abschuss für diesen fiktiven Fall verboten hatte, verkündeten Wolfgang Schäuble und Verteidigungsminister Josef Jung öffentlich: »Wenn es zu einem solchen Entführungsfall käme, sie würden trotzdem abschießen.« Das Stück zeigt die Unfähigkeit des Staates in seinem eigenen Rechtssystem. Schierach hat mir das Theaterstück ein wenig einseitig gestaltet, zu populistisch. Es ist von vorn herein klar, wie die Masse der Leser / Zuschauer abstimmen wird. In Wirklichkeit weiß niemand, was passiert wäre, hätte der Pilot nicht gehandelt.

»Das Bundesverfassungsgericht sagt, Würde bedeute, ein Mensch dürfe niemals zum bloßen Objekt staatlichen Handelns gemacht werden.«

Letztendlich geht es darum, ob unsere ethischen und juristischen Maßstäbe für den Fall des Terrorangriffs noch gültig sind. Eine gute Fragestellung, die in diesem Stück diskutiert wird. Eine Frage, die jeder mit sich selbst ausmachen muss, ein wichtiger Beitrag, darüber nachzudenken. Wie würden Sie entscheiden?

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augustus, römisches reich, rom, perspektiven, mensch sein

Augustus

John Williams , Bernhard Robben
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 23.09.2016
ISBN 9783423280891
Genre: Romane

Rezension:

»Das Testament wurde öffentlich gemacht, und es ernennt Dich zu Cäsars Sohn und Erben. Ich weiß, Dein erster Impuls wird sein, beides anzunehmen, den Namen und das Vermögen, aber deine Mutter fleht dich an zu warten, zu überlegen und abzuschätzen, in welche Welt Dich das Testament Deines Onkels einlädt. Es ist nicht die schlichte Welt von Velletri, diesem Ort auf dem Land, in dem Du Deine Kindheit verbracht hast, (…). Dies ist die Welt Roms, in der niemand Feind noch Freund kennt, in der Freizügigkeit stärker als Tugend bewundert wird und Prinzipien nur den Eigennutz dienen.«


Der dritte Roman von John Williams und der leider der letzte. Denn der Schriftsteller ist längst verstorben, und der Erfolg gebührt ihm post mortem. Drei Romane, drei Genre, drei hervorragende Bücher.

Mit Augustus ist Williams ein besonderer Roman geglückt, so etwas wie eine Quellensammlung, zusammengefügt zu einer Biografie. Briefe und Befehle vom Kaiser selbst, Briefe von wichtigen Persönlichkeiten und das Tagebuch der Julia, des Kaisers Tochter. Alle Unterlagen sind fiktiv. Aber beim Leser entsteht das Gefühl, einer Zusammenstellung echter Quellen zu folgen.
Der junge Gaius Octavius, Oktavian genannt, neunzehn Jahre alt, von seinem Onkel Julius Cäsar adoptiert, wird in die Schlacht geschickt. Er ist intelligent, wurde von den besten Lehrern ausgebildet, fern ab vom intriegenreichen Rom. Sein Ziel ist die Wis-senschaft und die Dichtkunst. Nach der Ermordung Cäsars steht er vor der Wahl, das Erbe des Onkels anzunehmen oder zu verzichten. Freunde und Familie raten ihm ab-zulehnen, nicht in das Schangennest Rom zu reisen, fürchteten, er würde es nicht überleben. Doch es kommt anders. Mit Mut und Geschicklichkeit übernimmt Octavius die Regierungsgeschäfte, trotzt aller Intrigen. Er muss sich durch eine Schlacht die Stel-lung erkämpfen, besiegt Marcus Antonius und zieht in Rom ein, dass sich ihm ver-weigert. Skrupellos reißt er die Macht an sich, lässt seine Gegner töten, rächt sich an allen, die an dem Komplott gegen Cäsar beteiligt waren. Zunächst verbündet sich Octavius mit Mark Anton und Marcus Aemilius Lepidus, entledigt sich danach der Konkurrenten. Einen schickt er ins Exil, Mark Anton und Kleopatra wählen den Freitod.
Augustus, der Erhabene, nennt man Octavius später. 8 v. Ch. wird der Monat Sextilis ihm zu Ehren in Augustus umbenannt (der siebte Monat war Julius Cäsar gewidmet, Julius), 2 v. Ch. verleiht ihm der Senat den Titel pater patriae, Vater des Vaterlands.

Augustus selbst bezeichnet sich als den einsamsten Menschen im Reich, denn er kann niemandem trauen. Mit Geschick und Diplomatie führte Kaiser Augustus das Römische Reich zu Frieden und Wohlstand, änderte die Staatsverfassung, stellte Recht und Ordnung in Rom wieder her, eine Epoche von Dichtern und Denkern an seiner Seite, Cicero, Ovid, Marcus Agrippa, Horaz, Vergil, Homer, um nur einige Namen zu nennen. Octavius Liebe galt in erster Linie Rom. Seine Tochter Julia verheiratete er, mehrfach zum Zweck von Rom, stets gegen ihren Willen. Sie funktionierte, denn sie war die Tochter des Kaisers und es bedeutete Macht, die sie großzügig ausnutzte.

»Ich war des Kaisers Tochter. Ich war auch die Frau von Marcus Agrippa, meines Vaters Freund, zuallererst aber war ich die Tochter des Kaisers. Man ging gemeinhin davon aus, dass meine Pflicht vor allem Rom galt. ... Im Jahr des Konsulats von Tiberius Claudius Nero, Livia Sohn und Ehemann von Vipsania, der Tochter meines Mannes, fuhr ich wieder nach Rom. Ich war fünfundzwanzig Jahre alt. Ich, die eine Göttin gewesen war, kehrte zurück als einfach Frau und verbittert.«

Julias Tagebuchaufzeichnungen, Erinnerungen, Senatsprotokolle, Briefe von Freund und Feind, von Augustus selbst, zeigen den Aufstieg eines naiven Jünglings zu einem großen Kaiser. Kriege, Machtspiele, Intrigen, Aufstände, Rückschläge, Entscheidungen, Beschlüsse auf Basis von Logik, die das Herz quälen. Augustus entschied immer für Rom, egal, was er dafür opfern musste. Macht bedeutet Disziplin, Verzicht und Härte, etwas, das der junge Oktavian schnell lernt.

»Ich habe die Gesetze des Reiches so kodifiziert, dass selbst Provinzbewohner einigermaßen sicher vor gieriger Korruption und tyrannischer Macht leben können; und ich habe den Staat gegen die brutalen Übergriffe ehrgeizigen Machtstrebens geschützt.«


Nach Agrippa Tod wurde Julia von ihrem Vater mit Tiberius Claudius Nero verheiratet, dem Ehemann, den sie abgrundtief hasste. Wieder ein Schachzug, der Augustus half, an der Macht zu bleiben. Nero wird ihm als Kaiser folgen.

Wenn jemand glaubt, hier handelt es sich ausschließlich um historische Fakten, langweilig zusammengestellt, dann kennt er John Williams nicht. Eingestreute Klatschbriefe, heimliche intrigante Depeschen, diverse Mordkomplotte eingeschlossen, machen aus dem Roman eine spannende Lektüre. Brutus schreibt dem Cicero, Ovid dichtet, Marcs Antonius berichtet dem Octavian, Cleopatra rebelliert, Philipp von Athen tauscht sich mit Seneca Episteln aus.

Die Texte klingen wie zusammengestellte Quellen, da Williams es schafft, stilistisch die Sprache der Antike einzufangen und eben auch die damals gängige Briefform wählte. Dichter und Epen fließen ein, auch eine gängige Art, Zeitgeschichte zu formulieren. Ob treue Freunde oder erbitterte Feinde, Taktierer, offene, hinterhältige und schlicht lästernde Zeitgenossen, Williams lässt sie zu Wort kommen. Die Mischung von Historie und Intrigen, die Mischung aus Quellen und Fiktion machen aus diesem Buch eine spannende Lektüre. Als Leser fühlt man sich erhaben, denn man weiß mehr, als der Kaiser selbst. Ein feiner Schachzug von Williams, den Leser mitdenken zu lassen.
Augusts steht in der Geschichtsschreibung unklar da. Er brachte Rom und den Provinzen Frieden und Reichtum. Wie er von sich selbst sagt, erschuf er aus dem Rom unter Ziegeln ein Rom aus Marmor. Er löste jedoch die Republik auf, die in völlige Korruption verfallen war, riss die Macht an sich, krönte sich zum Despoten, regierte machtbesessen und teilweise grausam. Auf der anderen Seite regierte er klug und be-sonnen. Viermal verheiratet und dreimal geschieden zum politischen Zweck, die einzige Tochter Rom geopfert. Tacitus war sein größter Kritiker. Der Leser mag am Ende des Romans Augustus verehren. War er trotz aller Härte, ein guter Mann? Bitte lieber Leser, am Ende aufwachen, der Roman fängt uns ein, aber es ist Fiction. Die Wahrheit bleibt uns verborgen, auch wenn Williams den historischen Quellen gefolgt ist. Mir Sicherheit steht eins fest: Augustus war ein facettenreicher, interessanter Mann, Geschichtsfans sollten sich diesen Roman nicht entgehen lassen.

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eberhard von württemberg, straßfurt als asyl, dreißigjähriger krieg, pest in hall, sezession

Die Töchter von Rosengarten

Gudrun Maria Krickl
Buch: 400 Seiten
Erschienen bei Silberburg, 01.03.2016
ISBN 9783842514652
Genre: Historische Romane

Rezension:

»Und daneben nicht zu vergessen, stehen die unrechtmäßigen Ansprüche der Claudia von Tirol. Württemberg kann nicht dergestalt zerschlagen bleiben. Derzeit untersteht kaum ein Drittel des Herzogtums dem rechtmäßigen Fürsten. Rekatholisierte Gebiete müssen zurückgegeben und die Besitzstände der Protestanten anerkannt werden.«

1634, Rosengarten bei Hall, wir befinden uns im letzten Drittel des Dreißigjährigen Krieges. Der böhmischen Adelige Johann Georg von Schwanberg, genannt Janek, verdingt sich als Oberst einer Söldnertruppe für den Schwedenkönig. Nach einem Scharmützel mit umherziehenden Soldaten wird er verletzt und landet auf dem größten Hof von Rosengarten, wird von Marie Susanne Schenk, die älteste Tochter gepflegt. Die beiden sind sich sehr zugetan. Janek zieht weiter. Kurz darauf wird Rosengarten unsicher, immer mehr Soldaten plündern die Gegend, die Familie Schenk zieht in die Stadt. Es kommt bei Nördlingen zur Entscheidungsschlacht gegen die Kaiserlichen. Die mit Schweden verbündete württembergische Armee erleidet eine verheerende Niederlage, die den Herzog verlässt, sein Land zu verlassen, er flieht nach Straßburg.
Eine Pestwelle durchzieht die Gemeinde Rosengarten, der Bauer stirbt. Knecht Conrad verspricht, sich um Marie und ihre Schwester Ebba zu kümmern. Er erinnert sich, dass Janek angeraten hat, nach Straßburg zu gehen. Ohne Vorkommnisse gelingt ihnen der Weg dorthin. Marie erhält sofort eine Anstellung als Zofe bei Herzogin Catharina, Frau von Herzog Eberhard III. von Württemberg. Schwester Ebba arbeitet in der Küche und Conrad im Stall, alles läuft rund. Marie trifft hier auf Janek, den sie nicht vergessen konnte. Seine Familie hatte die Burg in Böhmen verloren, besitzt aber noch ein Handelshaus im Norden. Dank seines Standes und seine Beziehungen wird er auf diplomatische Reisen geschickt. Er und Marie laufen sich immer weder über den Weg.
In Frankfurt hat Alex Oxenstierna den verstorbenen schwedischen König als als schwedischen Kanzler vertreten, ein schwieriges Unterfangen. Das katholische Frankreich mischt sich in den Krieg sein, auf Seiten der Protestanten, um dem dem deutschen Kaiser zu schaden.

»Während Gustav Horn seine Truppen bei Ederheim zum geordneten Rückzug sammelte, strömten die besiegten Regimenter Bernhard von Weimars, völlig aufgelöst von den Hügeln herab. Dabei prallten sie unmittelbar mit den abmarschierenden Einheiten Horns zusammen und rissen diese mit in eine überstürzte, konfuse Flucht.«

Die Sprache von Gudrun Maria Krickel ist auf die historische Zeit ausgelegt, etwas, das dem Text Authentizität verleit. Historisch an Fakten reich, gut recherchiert, behandelt der Roman die letzte Etappe des 30-jährigen Krieges unter Herzog Eberhard III. von Württemberg bis Kriegsende. Der historische Bereich hat mir gut gefallen.

»Es galt, wie so oft, die schwedischen Belange dort zu vertreten. Der Separatfrieden des sächsischen Kurfürsten mit dem Kaiser war allerdings nicht mehr zu verhindern gewesen, genauso wenig wie die Auflösung des Heilbronner Bündnisses, da weitere deutsche Fürsten den Friedensschluss ebenfalls ratifizierten.«

Letztendlich konnte mich das Buch nicht ganz überzeugen. Für den Leser, der von dieser Zeit nicht viel weiß, gibt es keine Vorinformation. In zwei Sätzen wird erwähnt, der Krieg währt lange, der Kaiser möchte Deutschland katholisch machen, aber einige Fürsten wollten sich das nicht gefallen lassen. Das ist mir ein wenig einfach beschrieben. Es wird erwähnt, Wallenstein wurde vom Kaiser abgesetzt und ermordet. Auch das ist mir zu einfach. Wenn man ihn erwähnt, muss man ausholen, ihn nicht lediglich mit ein paar Sätzen erwähnen, den Geschichtsunkundigen im Regen stehen lassen. Der adlige Offizier Janek aus Böhmen hatte seine Burg verloren. Hier fehlt die Information, warum das geschah. 1619 setzten die Böhmen ihren katholischen König aus dem Haus Habsburg ab und boten die Krone dem protestantischen Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz an, der sie auch bald wieder an den Kaiser verlor. Letzterer bestrafte die aufrührerischen Böhmen. Das ist das Problem, wenn man etwas vom Ende aufrollt.

Die Geschichte an sich ist mir zu farblos. Die Töchter von Rosengarten lautet der Titel. Aber wo sind sie denn? Ebba kommt als kleine Nebenfigur vor, die man nicht einmal erwähnen müsste. Und Maria ist eigentlich auch eine Randfigur. Keine der Protagonisten durchläuft eine Entwicklung, die Charaktere bleiben mir fremd. Alles läuft glatt. Man fährt durch Kriegsland problemlos nach Straßburg und erhält sofort gute Jobs bei Herzog Eberhard III., gelangt somit später ins Stuttgarter Schloss, satt, in Seide gekleidet. Gut, Ebba lässt sich von einem Adligen schwängern. Doch Conrad, der sie liebt, heiratet sie sogleich. Die gesamte Story ist vorhersehbar ohne Spannungsbogen. Die zentralen Figuren dieses Romans sind eigentlich Janek und Herzog Eberhard III. Janek, der Diplomat, der für den Frieden kämpft und Eberhard der Herzog von Württemberg. Ich kann mir nicht helfen, vielleicht liege ich falsch, mir erscheint es, als hätte die Autorin Fakten zusammengesammelt, und versucht, eine Geschichte drumherumzubauen. Wir haben Marie, die Zofe von der Herzogin, die am Hofe lebt und Janek, den Reisenden, die bezugsmäßig zusammenkommen müssen. Die Figur Ebba würde nicht fehlen, wenn man sie herausnehmen würde. Die Story an sich plätschert ohne Höhen und Tiefen vor sich hin. Geschichtliche Fakten sind grob bekannt, können deshalb auch keine Spannung erzeugen.

Der 30-jährige Krieg eignet sich für Dramen, man denke an Otto Gotsches »Und haben nur den Zorn«, Herrmann Löns »Der Wehrwolf«, Schillers »Magdeburger Hochzeit«. In diesem Krieg sind die meisten Menschen an Seuchen und Krankheiten gestorben oder schlicht am Hunger. Aber es ist auch nicht unerheblich, welch Leid durch plündernde Soldaten angerichtet wurde, verbrannte Erde, hungernde Menschen. Das wird hier nur am Rande erwähnt, die Protagonisten werden damit an den Höfen weniger belästigt. Nicht, dass ich Folterszenen erwartet hatte, aber doch ein wenig mehr Kriegsgrauen.

Der Roman ist historisch gut recherchiert, interessant. Der Plot an sich war mir zu farblos, zu gefällig. Hier fehlte mir erzählerische Kraft. 

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351 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 171 Rezensionen

thriller, psychothriller, entführung, spannung, hamburg

Die Wahrheit

Melanie Raabe
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei btb, 29.08.2016
ISBN 9783442754922
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Die Wahrheit von Melanie Raabe

Thriller steht auf dem Umschlag. Wie der Verlag darauf kommt, ist mir ein Rätsel. Der schwerreiche Unternehmer Philipp Petersen gilt seit sieben Jahren als vermisst. Er wurde wahrscheinlich bei einer Geschäftsreise in Südamerika entführt. Sarah, seine Frau, hat sich endlich damit abgefunden, ihn je wiederzusehen, will mit dem alten Leben abschließen. Sie lässt sich die langen Haare abschneiden, lädt zum ersten Mal Kollegen zum Essen ein, will neu beginnen. Plötzlich ist ihr Mann wieder da, sie soll ihn vom Flughafen abholen. Aber der Mensch, der Sarah als Philipp Petersen gegenübertritt, ist nicht ihr Mann, er ähnelt ihm nur. Er ist kleiner, die Augenfarbe stimmt nicht, er bewegt sich anders. Niemand glaubt Sarah. Der Fremde zieht ins Gästezimmer. Die beiden belauern sich nun gegenseitig. Er gibt ihr gegenüber zu, vom CIA zu sein, sie würde alles verlieren, Kind und Haus, wenn sie zur Polizei geht, behauptet der Fremde. Er sagt, er heiße Vincent.

»Die Tür ist geschlossen. Dass der Raum dahinter leer ist, weiß ich, noch bevor ich sie geöffnet habe. Ich bin erleichtert. Die Anwesenheit der Frau ist mir so zuwider, dass ich froh bin, noch ein paar Minuten ohne sie zu haben.«

Sarah berichtet in der Ichform von ihrem alten Leben und sie beobachtet den Mann, um herauszubekommen, was vor sich geht. Er berichtet in Ichform, folgt ihr heimlich, um zu sehen, was sie vorhat. Ein Cliffhanger folgt dem nächsten, was nervt. Aber ohne diesen Trick wäre der Plot noch langweiliger, der sich wie Kaugummi zieht. Das Ende ist schlicht grotesk. Selten habe ich eine derart unlogische Geschichte gelesen. Sarah selbst hat in irgendeiner Weise Dreck am Stecken. Der Leser erfährt es am Ende. Weiß er davon?, rätselt sie. Welches Spiel spielt der Fremde, der immer mit einem Mann telefoniert, der irgendetwas herausbekommen soll?

»Und die Welt tut, was sie immer tut. Sie dreht sich weiter.«

Neben Unlogik und allzu vieler Längen in abschweifende Nebenplätze vergeht der Lesespaß. Der Plot plätschert dahin ohne Spannungsbogen. Die Charaktere sind nicht glaubwürdig, passen in keiner Weise zu ihrem Handeln. Sarah ist taff und stark, hat sieben Jahre allein durchgestanden, Triathlon ist ihr Hobby. Sie ist Lehrerin und Millionenerbin, keine Alleinerziehende am Existenzminimum, was ist hier taff? Sie stellt sich der Welt, der sie sich entzogen hatte ... Ach ja? Sie arbeitet als Lehrerin, treibt Sport, hat eine gute Freundin, bei der sie den Sohn unterbringen kann, hat eine Liaison mit einem Kollegen begonnen und diese Frau hat sich der Welt entzogen? Einerseits soll sie psychisch stark sein, andererseits, muss sie sich in kleinsten Stresssituationen ständig übergeben oder ihr wird schwindelig, gleichfalls wird dem Leser suggeriert, dass sie psychisch krank ist. Suggestion, Manipulation durch die Autorin ist das Stichwort. Mit großer Anstrengung versucht sie, den Leser in die falsche Richtung zu lenken und wird dadurch immer abstruser. Nach kurzer Zeit ist der Leser genervt, glaubt kein Wort mehr, weil schier gar nichts zusammenpasst. Durchgequält am Ende angekommen gibt es noch einen obendrauf. Immerhin habe ich gelernt, dass Unsinn steigerbar ist. Welches Thema sollte hier behandelt werden? Ich habe keins gefunden. Ein Roman, auf den man verzichten kann.



++++++ !!!!!! Achtung Spoiler!!!! +++++

Die Autorin versucht, sich zu erklären, indem sie von einer Ausstellung berichtet. Soldatenfotos vor und nach dem Krieg zeigen verschiedene Gesichter der gleichen Person. Es ist richtig, dass Traumata die Gesichter verändern können. Wer allerdings 10 Jahre mit dem gleichen Menschen unter einem Dach gelebt hat, wird ihn wiedererkennen! Augen verändern sich nie. An den Augen sind schon manche Bankräuber wiedererkannt worden, die vollmaskiert waren. Gestik und Mimik, Körperhaltung sind genetisch. Auch die verändern sich nicht. Eine Stimme wird sich nicht in 7 Jahren verändern, sie kann im Alter etwas dunkeltoniger werden. Sarah behauptet, der Mann sei viel kleiner, am Ende werden daraus zwei Zentimeter. Seine Stimme sei anders, die Augenfarbe, seine Bewegung. Was in diesem Roman alles behauptet wird, türmt sich in ohne Sinn und Verstand. Der Fremde sucht Beweise im Haus ... wäre sein Verdacht wahr, so wäre die betroffene Person selten dämlich, sie aufzubewahren. Auch das gibt keinen Sinn. Überhaupt gibt das Handeln des Fremden nicht viel Logik her. 

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

klinik, amour fou, verrückte verliebtheit, bandscheibenvorfall, lesung

Der Liebesidiot

Hajo Steinert
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Knaus, 02.03.2015
ISBN 9783813504293
Genre: Romane

Rezension:

»Mein Trommelfell vibrierte, meine Sinneshärchen zitterten, meine Gehörschnecke frohlockte, als diese Stimme, eine Stimme, wie ich sie zuvor noch nicht vernommen hatte, einen Impuls in meinem Gehirn auslöste, der im Nu meinen ganzen Körper erfasste.«

Trotz aller sprachlicher Raffinesse konnte mich dieses Buch nicht begeistern. Sigmund Seiler, von Beruf Sprecher, befindet sich in einer Rehaklinik. in der Schlange der Kantine, als ihn eine Stimme ins Herz trifft. Er verliebt sich in die Frau, die vor ihm steht. Wie kann er sich ihr nähern? Der Roman beschreibt die Zeit von diesem Mittagessen bis zum Abend. Seiler beobachtet die Frau und überlegt sich, wie er sie ansprechen soll. Dabei schweift er gedanklich ab in sein Leben.

»Sigmund Seiler ist achtundfünfzig. Wenn er, nach seinem Lebensalter gefragt, zu einem mündlichen Geständnis gezwungen wird, beginnt er zu nuscheln. Das »d« im »und« verschluckt er. ›Achtenfünfzich‹ – das darf einem Sprecher eigentlich nicht passieren. Was erst, wenn er ein stechende ›Sechzig‹ wird zugeben müssen?«

In diesem Buch passiert nichts. Seiler denkt zurück an seine Liebschaften, er, der Beobachter, der Verklemmte. Ich lege das Buch unter Altmännerfantasien ab, das an mir vorbeiging. Ab der Mitte habe ich nur noch quergelesen. Seiler und seine Frauen, seine Fantasien ... Seiler besucht häufig Anastasia Fuckmenow, eine Seite im Internet, erotische Gedanken, gescheiterte Beziehungen, das Resümee seines Liebeslebens. Weder empfand ich diesen Roman als humorvoll, noch als erotisch. Seiler ist ein Vorgartenspanner, ein Slip-Schnüffler, er schenkt Männern gern NYker Schwänzchen, wie er die Penis-Pillendöschen nennt, die er heimlich im Museum kaufte, gleich im Dutzend. Carla Frosch, Sigrid Raschke, Margot, Seiler hat kein Glück mit den Frauen. Was will mir der Autor am Ende sagen? Autobiografisch? Oh mein Gott, hoffentlich nicht! Sprachlich gesehen ein lesenswertes Werk, aber nur das allein macht keinen guten Roman aus.

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16 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

kastilien, spanien, zeitreise, gegenwart, historischer roman

Das Vermächtnis von Granada

Ulrike Schweikert
Flexibler Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 14.03.2016
ISBN 9783734101960
Genre: Historische Romane

Rezension:

»Ich wäre nicht Königin geworden und geblieben, wenn ich stets mit jedem weich und mitleidig gewesen wäre.«

Das Buch beschreibt das Leben von Isabella I. (1451–1504) von Kastilien, die durch die Heirat mit Ferdinand II. von Aragón zwei weiträumige Reiche vereinte. Eine große Königen, eine durchsetzungsfähige Frau, die mutig regierte und die Welt veränderte. Die ersten Kandidaten, die sie heiraten sollte, verstarben und den letzten wollte sie nicht ehelichen. Sie war so emanzipiert, dass sie gegen jede Etikette selbst ihren Gat-ten erwählte und ihm über ihren jüdischen Freund und Finanzberater persönlich ei-nen Antrag machte. Ihre Krone erkämpfte sie sich in einer Schlacht.

»Alle Juden haben das Königreich bis zum 1. Juli 1492 zu verlassen, lautete der Beschluss. Sollten sie zurückkehren, werden sie zum Tode verurteilt. Es ist ihnen verboten, Geld und andere Wertsachen mitzunehmen.«

Unter ihrer Herrschaft wurden zunächst die Juden 1492 aus ihrem Reich vertrieben, die Menschen, die ihr mit viel finanzieller Unterstützung ihre Kriege zum Machtausbau verhalfen. Wer nicht konvertierte, musste gehen, ohne dass er sein Vermögen mit ins Ausland nehmen konnte. Mit Unterstützung der katholischen Kirche und dem Papst erreichte sie viel. Dafür musste Isabella in ihrem Königreich die Inquisition ein-führen, Consejo de la Suprema y General Inquisición, 1488. Wer nicht konvertierte, musste gehen. Allerdings unterstellte man den Konvertierten, dass sie heimlich ihren Glauben weiter verfolgen würden. Die Inquisition wütete im Land, ⅔ der Konvertierten wurden gekreuzigt oder verbrannt. Isabella und Ferdinand führten die Santa Hermandad (Heilige Bruderschaft) ein, ein landesweites Polizei- und Justizsystem, das die bisher üblichen lokalen Hermandades ablöste und die Rechte der lokalen Aristokratie einschränkte. Ein modernes Rechtssystem, das den Idalgos nicht schmeckte. Im Süden, an der Mittelmeerküste, existierte das Emirat Granada, von der Sierra Nevada bis kurz vor Cadiz. Viele Juden und einige Mauren waren im Rahmen der Vertreibung aus Kastilien und Aragón hierhin geflüchtet. Stück für Stück eroberte sich Isabella auch dieses Land, bis sie 1491 Granada eroberte und die Herrschaft über das Reich erlangte. 1492 schickte Isabella Christoph Kolumbus auf die Fahrt, einen Seeweg nach Indien zu finden, er entdeckte Amerika. Im gleichen Jahr zwang sie die Mauren in den eroberten Gebieten zu konvertieren oder das Land zu verlassen.

»Wie eine Himmelserscheinung, wie eine Siegesgöttin kam die Königin über die winterlichen Berge geritten und zog unter Jubelrufen ins Lager ein. Sie schritt daher, als hieße es, die Hochzeit ihrer Tochter zu feiern.«

Eine große Königin in einer Zeit, die die Welt veränderte. Ulrike Schweikert beschreibt Isabella authentisch aus der Sicht zweier Hofdamen, Jimena und Teresa. Die Königin zu Pferd, eine die sich nichts gönnt, von Ort zu Ort reist, mutig, dreist oder besonnen. Alles hat seinen Preis.

»Erzbischof Carillo, zuerst Isabells größter Unterstützer und dann ihr erbitterter Feind. ... weil er geglaubt hatte, die junge unerfahrene Königin leiten zu können und zu einer Art Schattenkönig zu werden, der im Verborgenen die Fäden zieht. Isabel hatte ihm für seine Hilfe gedankt, ihm aber unmissverständlich klargemacht, dass Kastilien und alle Entscheidungen über das Land ganz allein ihr zustanden.«

Der Leser begleitet Isabella von Ort zu Ort, von Entscheidung zu Entscheidung. Die Autorin beschreibt Städte, die historische Bauten authentisch und ebenso den Charakter von Isabella. Trickreich und mit Voraussicht, taktisch in Verhandlungen, aber auch mit Mut wusste sie ihre Position zu festigen. Sie ritt in die Heerlager ein, ihre Soldaten aufzumuntern, zu unterstützen und befahl waghalsige Manöver. Die Wandlung von Isabella, andere Religionen aus ihrem Land zu eliminieren, sich der katholischen Kirche unterzuordnen, wird klug dargestellt.

(Boabdil, der letzte Maurenkönig) »... habe sich oben auf dem Hügelkamm noch ein-mal umgedreht, um mit Tränen in den Augen ein letztes Mal auf Granada und die Al-hambra zurückzusehen. Doch seine Mutter Aischa soll ihm ins Gesicht geschleudert haben: ›Weine wie ein Weib um das, was du nicht wie ein Mann verteidigen konntest!‹«


Isabella ist hart, auch mit sich selbst. Sie reist bei Wind und Wetter, treibt ihr Pferd voran. Dabei verliert sie das ein oder andere Kind. Die Thronnachfolge ist zu regeln, die Kinder müssen politisch wertvoll verheiratet werden. Am Ende ihrer Tage blickt sie auf ihr Königreich. Aus dem kleinen Kastilien ist ein großes Hispania geworden, Kolumbus hat ihr Reich auf der anderen Seite der Welt erweitert, viele Kinder und Schwiegerkinder sind bereits verstorben, andere nützlich verheiratet. Wird ihre schwache Tochter in ihre Fußstapfen treten können? Die Autorin gibt ein gutes Bild der Epoche wieder und zeichnet ein genaues Bild der historischen Eckdaten und von Isabella.

Der zweite Erzählstrang spielt in 2012. Isaura, eine Journalistin, hat in Spanien ein Haus geerbt. Sie weiß nicht genau, ob sie das Erbe annehmen soll. Sie lebt in Scheidung und hat mit dem Arzt Marco eine Beziehung begonnen. Auf ihren Recherchen an historischen Orten befallen Isaura plötzlich Visionen, sie sieht historische Personen zum Greifen nahe vor sich. Isaura stürzt von einem Balkon. Vom gleichen Balkon stürzte 500 Jahre zuvor die stumme Hofdame Teresa. Beide liegen im Koma. Isaura wacht im Körper von Teresa auf (und wo befindet sich die Seele von Teresa?). Dieser Strang gefällt mir überhaupt nicht. Ich habe bis zum Ende des Romans auf eine Erklä-rung gewartet, eine Überraschung, wozu dieser Erzählstrang dienen soll. Den gibt es nicht. Isaura ist nun Teresa, ja und? Es bringt die gesamte Geschichte nicht weiter. Im Gegenteil, dieser Strang unterbricht laufend den Lesefluss zum historischen Gesche-hen. Ich habe den Teil nur quergelesen. Isaura liegt im Krankenhaus im Koma und Menschen sorgen sich ... Dazu kommt, dass ich in dieser Geschichte nur Unlogik empfinde. Teresa ist stumm. Ein Wunder, nach dem Sturz kann sie sprechen, denn Isaura steckt in dem Körper. Mal abgesehen von diesem Wunder, versteht und spricht Isaura die Sprache(n), die vor 500 Jahren gesprochen wurden. Ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man den Wandel von Sprache berücksichtigt. Sie vermisst eine warme Dusche und ein Bad, ist entsetzt über die hygienischen Zustände, aber ansonsten kommt Isaura sofort klar mit dem Leben und den Gerätschaften. Höfische Etikette, das Verhalten von Frauen in der damaligen Gesellschaft, überhaupt, die Art sich ver-bal auszudrücken, sich zu benehmen, hat sich in 500 Jahren stark gewandelt. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man das in fünf Minuten drauf hat, auch nicht in einem Monat. Isaura weiß, was die Zukunft bringen wird. Aber sie hält sich zurück, will die Königin nicht beeinflussen, nicht warnen. Sie will die Geschichte nicht verändern. Letzteres finde ich gut. Aber welchen literarischen Sinn hat es, Isaura in Teresas Körper zu setzen? Es gibt weder einen inhaltlichen, noch einen dramaturgischen Sinn. Isaura lebt 25 Jahre in Teresas Körper. In 2012 sind es nur ein paar Wochen. Mich haben die vielen Ungereimtheiten enorm gestört.

»Tod durch zuviel Sex.« (Isaura)

Sprachlich bewegt sich das Buch in 2012, nicht 500 Jahre zurück. Die Protagonisten wirken in ihrer Sprache recht flapsig und modern, insbesondere die Frauen. Die Hofdamen heiraten und ihre Ehemänner behandeln die Frauen gleichberechtigt, wie in der heutigen Zeit. Was mir fehlt ist das Geistliche. Es wird nicht gebetet. Isabella war sehr gläubig, legte viel Wert auf den Kirchgang. Das ganze Leben war vom Kirchgang und der Beichte gezeichnet. Davon ist bei den Protagonisten nicht viel zu hören.

Fazit: Ein Buch mit zwei Seiten. Mir hat die Darstellung von Isabella I. sehr gut gefallen und die Einarbeitung der geschichtlichen Eckdaten. Der Parallelstrang von 2012 hat mich gestört, die esoterische Ausschweifung hatte der Stoff nicht nötig. An machen Stellen war mir die Geschichte zu pathetisch, aber damit konnte ich leben, auch damit, dass die Protagonisten ein wenig zu modern geraten sind. Ein empfehlenswerter Roman, wenn sich jemand in unterhaltender Weise mit Isabella I. beschäftigen möchte.

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Stille Nacht

Martin Walker
Fester Einband: 96 Seiten
Erschienen bei Dörlemann, 07.11.2016
ISBN 9783038200383
Genre: Romane

Rezension:


Auf dem hellen Cover prangt eine große rote Christbaumkugel.

Lucia erstellt mitten im Sommer bei größter Hitze das Konzept für eine Schaufensterdekoration: Weihnachten. Sie erinnert sich, etwa fünf Seiten lag, an das Weihnachtsfest ihrer Kindheit. Und damit ist das Thema Weihnachten in diesem Buch abgeschlossen.

Allerdings ist mir bis hierhin auch fast die Leselust vergangen. Stilistik und Ausdruck haben mich erschrocken Sätze mehrfach lesen lassen, rätseln. Lucia berichtet vom Weihnachtsessen, vom üppigen Kaninchen, das die Mutter zubereitete. Üppig, ein einziges Kaninchen für eine gesamte Sippe?

»Das Tier kam vom Nachbarn, Vater hatte es ...«

Das Schlachttier kam freiwillig herübergelaufen, damit ihm der Vater den Hals um-drehen konnte? Am Weihnachtsbaum hingen Schokoladenweihnachtsmänner und gefüllte Mäuse, wird beschrieben. Und darauf folgt dieser Satz: »Ein Schwager, auch im Unterhemd, schlief in einem Sessel, ...«
Die Frage ist nun, wer hier auch ein Unterhemd trug, Schokoladenweihnachtsmänner oder Mäuse?

»Ein dunkelblauer Pyjama, dessen Ärmel und Beine und das Oberteil unter den Hüf-ten von hellblauen, breiten Bündchen beschlossen wurde, die ihr schon beim Anblick sämtliches Blut in den Adern abdrückten.«

Sätze, die den Leser ratlos sehen lassen. Lucia sitzt in der sommerlichen Hitze im Un-terhemd am Schreibtisch, denkt an alte Weihnachtsfeste und nun folgt dieser Satz: »Lucia hörte ihrer Chefin nur halbherzig zu.« - Ein Gedankensprung, der für den Leser nicht nachzuvollziehen ist ... Plötzlich befinden wir uns an Lucias Arbeitsplatz im Winter wieder, bei der Dekoration von Schaufenstern.

Wir erfahren, Lucias Ehemann, ein Fotograf, der als Kriegsberichterstatter arbeitete, ist bei einem Einsatz ums Leben gekommen. Er hasste den Krieg, suchte keine Gefahr, auch der Ruhm für seine Fotos war ihm egal, er fühlte sich schuldig, weil er nicht hel-fen konnte, er mochte nicht reisen, nicht seine Frau allein lassen. Aber er fuhr immer wieder los. Leider wird hierauf nur mit zwei Sätzen eingegangen. Der Mann bleibt ein Rätsel, ebenso wie die Protagonistin selbst. Sie lernt kurz einen Unbekannten kennen, der sie in ein Café einlädt. Dieser Mann, Saeed, ein Flüchtling, lernt Anatole kennen, auch ein Bildhauer. Saeed darf in Anatoles Werkstatt arbeiten. Letzterer wiederum war mit Lucias Mann befreundet, möchte mit seinen Fotos eine Ausstellung zum Andenken an den Freund machen.

Mich hat das Buch enttäuscht, da es mit Aufmachung und Titel den Eindruck erweckt, es enthalte eine weihnachtliche Geschichte. Aber gewichtiger, es verging mir schnell die Lust an der Ausdruckskraft, der Text holperte durchgängig vor sich hin. Warum der Künstler Anatol mit einer Schaffensblockade belegt ist, bleibt verborgen. Auch Saeeds Geschichte erschließt sich nicht. Lucia trauert verständlicherweise und zieht sich vorerst zurück. Auch über sie erfährt der Leser nicht viel. Die Figuren blieben mir fern, plakativ und oberflächlich. Die Story zieht sich belanglos dahin ohne Tiefgang, ohne Spannungsbogen. 96 Seiten auf 11x18 cm ein Büchlein, von dem ich mehr erwar-tet hatte. 

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entführung, köln, kindheit, graz, krimi

Marie spiegelt sich

Isabella Archan
Flexibler Einband: 280 Seiten
Erschienen bei CONTE-VERLAG, 24.09.2015
ISBN 9783956020742
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der erste Satz: »Sterne, denkt Es.«

Es entführt ein Kind, doch das Mädchen kann fliehen, Es verfolgt es, der Teich, ein totes Mädchen ...
Fünf Jahre später ist das Reptil in Es erwacht. Es gibt ein anderes Mädchen, das aus-sieht wie sie, das Mädchen von damals.

»›Hallo‹, sagt Es. ›Hallo Mädchen!‹ Das Mädchen nickt. Das Reptil züngelt. Es lächelt. ›Kannst du mir schnell mal bitte am Auto helfen?‹«

Das Mädchen heißt Marie, sie ist 13, wie das Mädchen damals. Marie ist ein typischer Teenie, verstrickt in Pubertät, Aufbegehren und sich gehen lassen, Verliebtheit, Zerrissenheit. Sie lebt bei ihrer Mutter, der Vater wohnt in der Wohnung gegenüber der Schule, mit seiner Neuen. Der Vater hatte ihr ein Notebook geschenkt, das sie fast ausschließlich dazu benutzt, ihr Tagebuch zu führen. Die Datei nennt sie »Marie spie-gelt sich«. An manchen Stellen des Tagebuchs erscheinen mir die Gedanken ein wenig altklug für eine Dreizehnjährige, andere Passagen sind sehr authentisch.

»Ich glaube, dass die Welt hinter dem scheißdunkelgrau von einer Schicht flüssiger Traurigkeit umgeben ist. Jeder trinkt jeden Tag einen Schluck davon oder mehr. Und die, die zuviel davon nehmen, haben Bäuche wie Schläuche.«

Marie wird von Es gefangen. Doch die Polizei benötigt eine Weile, bis sie die Suche nach dem Mädchen ernsthaft aufnimmt. Eine Dreizehnjährige verschwindet, viel-leicht ist sie bei einer Freundin oder lediglich abgehauen ...

»Es. Da, wieder. Zeiten verschwinden, vereinigen sich, Universen berühren einander und Erinnerung wird zur Gegenwart und Zukunft ist ein Gedanke, der zum Handeln zwingt.«

Marie ist das Opfer, sie befindet sich in der Hölle von Es. Der imaginäre Bär redet mir ihr, gibt ihr Halt. Auch Es ist ein Opfer. Isabella Archan schafft es, uns die Charaktere realitätsnah zu transportieren, aber nicht nur die der Hauptpersonen. Perspektiv-wechsel zwischen den Handelnden, Gedanken der Protagonisten, ein feines Zusammenspiel schafft einen düsteren Raum, in den es den Leser hineinzieht, spannend bis zum Schluss.

Die Sprache ist eigenwillig, pointiert. Kurzer Stakkatostil, aber niemals abgehackt, abwechselnd mit fließendem Stil, poetischen Passagen. Ein Buch das sprachlich, wie inhaltlich begeistert. Psychologisch fein gezeichnete Protagonisten runden den Krimi ab.

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paris, musik, orchester, 1920er, taktstock

Der Bund der Zwölf

Miriam Pharo
E-Buch Text: 290 Seiten
Erschienen bei null, 10.01.2016
ISBN B01AG9HXH2
Genre: Romane

Rezension:

»Die zwölf Instrumente aus dem Feuerahorn bilden den musikalischen Grundstock der ›Philharmonie der zwei Welten‹ ...«

Ein bisschen Krimi, ein wenig Myst und Historisches, eine Paris, um 1920, die »Methusalem-Seuch« geht um. Sie trifft aber nur Menschen aus der gehobenen Gesellschaft. Innerhalb kürzester Zeit altern die Betroffenen und sterben. Handelt es sich hier um eine Krankheit oder um ein ausgeklügeltes Mordsystem? Dem Clubbesitzer Vincent Lefèvre bleiben die Gäste aus. Zusammen mit seiner Teilhaberin Magali versucht er herauszufinden, wer dahintersteckt. Ein berühmtes Orchester scheint der Angelpunkt zu sein.

Ein leises Buch, bei dem sich die Spannung langsam aufbaut, Harmonie mit Musik und Worten. Erzählt wird aus den Perspektiven der Hauptprotagonisten. Magali, eine taffe Frau trägt Hosen, ungewöhnlich für eine Frau. Sie stellt die Behauptung auf, irgendwann in baldiger Zukunft werden alle Frauen Hosen tragen. Die Autorin führt uns in die Welt der 20ger von Paris, eine Welt der Kunst und rauschenden Festen. Instrumente und der Klang von Musik sind Hauptthema in desem Roman. Sehr gut hat mir das Ende gefallen, eine Jagd durch die Katakomben von Paris.

Insgesamt hat mir das Buch gefallen, bis auf ein paar kleine Logikfehler. Mir ist es ein Rätsel, warum nach natürlichen Toden, auch wenn sie sich merkwürdig gestalteten, nicht von einer Krankheit ausgegangen wird. Wieso ermittelt die Polizei in einer Mordserie?

Stilistisch und im Ausdruck sind mir einige Schmunzler aufgefallen, die nicht erheblich gestört haben, insbesondere, wenn es um die Beschreibung von Augen ging, die mal »tellergroß« beschrieben werden, oder »Anna schaute ihn mit runden Augen an ...«, »... starrte Vincent mit roten Augen ...«.

Hin und wieder ein »Hmm.«, lasse ich durchgehen, aber »Gmpf.«, brauche ich wirklich nicht im Roman.
Der Satz ist eine Katastrophe. Das hat mich wirklich genervt. Es gibt keine Silbentrennung im Blocksatz, was zu erheblichen Lücken zwischen den Wörtern führt. Hin und wieder passierte das sogar am Absatzende: ein Wort vorn, das zweite Wort, am anderen Ende der Zeile. Dazu kommen jede Menge anderer Satzfehler.

Insgesamt gelangt Miriam Pharo eine lesenswerte Erzählung aus verschiedenen Genren.

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mittelalter, lepra, historisch, ursula neeb, hsitorischer roman

Die Siechenmagd

Ursula Neeb
Flexibler Einband: 302 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Societäts-Druckerei, 01.03.2007
ISBN 9783797310361
Genre: Historische Romane

Rezension:

»Niemand geht zur Beisetzung eines Henkers!, sinnierte Meister Hans bitter. ... Durch die Berührung mit dem Schwert eines Herrschers konnte so die alte Unehrlichkeit vom Henker genommen werden. Er durfte sich dann ein anderes Handwerk wählen, dass aber immer unter den unehrlichen Berufen angesiedelt sein musste, denn die Aufnahme in eine rechtschaffene Zunft konnte ein ehemaliger Henker niemals erlangen.«

Ursula Neeb entführt uns nach Frankfurt ins 16. Jahrhundert. Wer Frankfurt kennt, fühlt sich durch die alten Gassen begleitet, wunderbar beschrieben, lernt man, was es mit dem Gutleutviertel auf sich hat. Strenge Sitten und Bräuche teilten die arbeitende Bevölkerung in ehrliche und unehrliche Schaffende ein. Die Ehrlichen wären allerdings ohne die Unehrlichen in ihrem Dreck versunken. Es sind Menschen, die den Schmutz und andere unangenehme Dinge entsorgen, Berufe mit wenig Ansehen, die die in den Außenbezirken der Stadt wohnten.

Maria, genannt Mäu, ist die Tochter des Abdeckers. Er sammelt wilde Hunde von der Straße auf, tötet sie und zieht ihnen das Fell ab, macht daraus Handschuhe. Auch rei-nigt er unter anderem die Kloaken der feinen Bürger, holt die Toten vom Galgen, be-gräbt sie außerhalb der Stadt. Für jede Arbeit zieht er einen anderen Kittel an, damit man den Unreinen erkennt. Arbeitszeiten sind vorgeschrieben, der Bürger möchte nicht belästigt werden. Die Familie wohnt im Galgenviertel, das Viertel der Unehrli-chen, Tante von Mäu ist eine Hübscherin, eine Hure. Die Mutter arbeitet auf dem Gut-leuthof als Siechenmagd, der von den Spenden der Reichen finanziert wird, auf dem Lepröse weggesperrt werden. Auch Begüterte können von der Krankheit befallen werden. Sie haben dort die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, ein behagliches Lebens-ende zu führen, allerdings ausgeschlossen von der Gesellschaft. Ob Arm oder Reich, auf dem Siechenhof ist man unter sich, Brüder und Schwestern. Wer Geld hat, kann sich Bedienstete leisten, Medikamente, üppiges Essen, Wein und alle Annehmlichkeiten, die er sich kaufen kann. Ein mächtiger Herr zieht ein und die Mutter holt Mäu auf den Gutleuthof, damit sie für den Mann als Siechenmagd dienen kann. Guter Lohn, feines Essen und beim Ableben des Herren winkt eine vorteilhafte Abfindung.

»Seine Leute, die zu Hause in seinem behaglichen Stadthaus saßen, sich wohlergehen ließen und die reichen Früchte seines Geschäfts ernteten, das er durch ein Leben voller Arbeit zum Blühen gebracht hatte, sollten es jedenfalls nicht bekommen! Für sie galt er als tot, verbannt ins Reich der Toten, weit abgesondert von der Welt der Gesunden.«

Mäu hat die Wahl: Einen ekelhaften Tölpel zu heiraten, den der Vater ausgesucht hat, um das Geschäft des Alten zu übernehmen oder als Magd für einen Leprakranken zu arbeiten. Beides schmeckt ihr nicht, sie hat andere Ziele, Träume. Was bleibt ihr aber anderes übrig? Sie beginnt ihren Dienst als Magd, doch der reiche Kaufmann kann die Finger nicht von dem hübschen Mädchen lassen.

Mit viel Sachkenntnis bringt uns die Autorin das mittelalterliche Leben nahe. Berufe, Sitten und Gebräuche, das alltägliche Leben in einer Stadt wird authentisch geschildert. „Strafe Gottes“, wie man die Lepra nannte, war in Europa damals weitverbreitet. Wer mit dem Aussatz befallen war, wurde expatriiert. Bis heute ist die Ursache der bakteriellen Krankheit unbekannt und auch die Heilung nicht immer gewährleistet. Die Autorin schildert nicht nur, wie es in einem solchen Siechenheim zuging, sondern auch, wie man sich als Aussätziger fühlt, verbannt aus der Gesellschaft, von der eigenen Familie verstoßen.

Plastisch geschildert, sieht man die Figuren des Romans vor sich: Reiche Kaufleute, Bettler, fahrende Händler, Gaukler, Hübscherinnen, den Angstmann (Henker) oder den Bettlervogt, der offiziell dafür sorgen musste, dass nur die bettelten, die nicht mehr arbeiten konnten und nicht arbeitsscheues Volk. Besonders ausführlich be-schreibt Ursula Neeb die unehrlichen Berufe, ihre Stellung in der Gesellschaft, ihre harte Arbeit. Korruption, Bestechung, wer Geld hat, kann sich einiges leisten, dem wird geglaubt. Marktgeschehen ist glaubwürdig dargestellt, man kann die Gerüche förmlich aus dem Buch herausriechen, wie auch andere unangenehme Düfte.

Die Sprache ist authentisch dem Mittelalter angelegt, in angemessenem Tonfall, ge-spickt mit zeitgemäßen Ausdrücken. Endlich mal ein Buch, das sich mit der realen Zeit befasst und der Leser sicher Dinge erfährt, die ihm vorher unbekannt waren. Aus diesem Grund sticht der Roman positiv aus allen Mittelalterromanen hervor. Aber nicht nur das. Die Autorin zeigt schonungslos das Rechtsgebaren zu dieser Zeit. Recht und Ordnung existieren, werden aber unterwandert durch Standesdünkel, Bestechung, Missachtung. Klar werden Gesellschaftsstrukturen aufgezeigt und bitter stößt das von vielen verehrte Mittelalter auf. Klare Linien der Wohnorte, Berufe und damit sich nichts ändert, darf niemand nach »oben« heiraten. Neeb zeigt die Gerichtsbarkeit auf, die Executive, die haarsträubenden Zustände in den Gefängnissen. Zu gleicher Zeit hatten Gefangene in England das Recht des täglichen Ausgangs auf dem Hof, an-ständiges Essen, ein Wannenbad pro Woche, ärztliche Behandlung, eine Hängematte zum Schlafen. Revidiert man die Verhältnisse in Deutschland zur zeitgleich, läuft es dem Leser eiskalt über den Rücken. Wer eine Schmonzette erwartet wird enttäuscht sein, denn dieser ordentlich recherchierte Roman zeigt schonungslos die Realität des Mittelalters und daher meine Leseempfehlung für alle Geschichtsfans.

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