Gwhynwhyfars Bibliothek

477 Bücher, 418 Rezensionen

Zu Gwhynwhyfars Profil
Filtern nach
478 Ergebnisse
Wähle einen Buchstaben, um nur die Titel anzuzeigen, die mit diesem beginnen.



LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

99 herrlich verrückte Ideen für beste Freundinnen


Flexibler Einband: 96 Seiten
Erschienen bei arsEdition, 16.07.2018
ISBN 9783845828060
Genre: Sonstiges

Rezension:

Die Ideen in diesem Buch sind keineswegs ungewöhnlich, die meisten sind banal.

Brezelt euch auf und schaltet den Partymodus ein.
Verbringt einen faulen Tag auf dem Sofa.
Telefoniert stundenlang.

Braucht es dafür ein Buch? Es geht dann auch verrückt, ziemlich verrückt: »Fäbt euch für einen Tag die Haare … Schon mal Haare gefärbt? Meine dunklen Haare nehmen nur dunkel an, für Rot müsste ich erst mal die Haare bleichen. Wer rot oder Blau auf Blond schmiert, bekommt der das Zeug am nächsten Tag wieder heraus?

Startet einen Blog und werdet zur Videobloggerin – (hmmm)
Verbringt einen Tag ohne schlechtes Gewissen. – (hmmm, haben wir denn eins?)
Kugelt gemeinsam einen Hügel herunter – (kommt auf den Hügel an)
Lasst euch die Zukunft vorhersagen. – (Abrakadabra)

Ich habe mit Freundinnen Spannenderes und Ungewöhnlicheres gemacht. Ich halte das Heftchen für Papierverschwendung.

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(4)

7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

"comic":w=1,"feminismus":w=1,"kurzbiographien":w=1

Unerschrocken 2

Pénélope Bagieu , Claudia Sandberg , Heike Drescher
Fester Einband: 168 Seiten
Erschienen bei Reprodukt, 31.05.2018
ISBN 9783956401428
Genre: Comics

Rezension:

Kürzlich habe ich das Jugendbuch Power Woman – Geniale Ideen mutiger Frauen von Kay Woodward gelesen, die recht bekannte Frauen vorstellt. Es wird immer über großartige Männer in der Geschichte berichtet, großartige Frauen bleiben meist unerwähnt. Pénélope Bagieu zeigt wie im ersten Band, dass man Träume erfüllen kann, wenn man unerschrocken bleibt und sich seiner Sache mit ganzem Herzen widmet. Neben berühmten Frauen wie Betty Davis und Peggy Guggenheim kommen eher unbekannte Frauen zu Wort. Temple Grandin, Tierdolmetcherin, Phoolan Devi, Banditenkönigin, Naziq al-Abid, Aktivistin. Hier werden Frauen porträtiert, von denen man nie gehört hat, die aber Wichtiges geleistet haben. Frances Glessner Lee – Puppenstubenforensikerin – was haben wir uns darunter vorzustellen? Frances, genannt Fanny –

»Sie wird nicht zur Schule geschickt; stattdessen lernt sie Nähen und Stricken und in bester viktorianischer Tradition bastelt sie aufwendige Puppenstuben. Der Bruder studiert in Harvard Medizin. Fanny täumt auch davon, doch das steht natürlich außer Frage.«

George, der beste Freund ihres Bruders, arbeitet in der Rechtsmedizin, ärgert sich darüber, wie Polizisten den Tatort verunreinigen, sogar noch säubern. Fanny langweilt sich in ihrem Leben als Mutter und Hausfrau und nachdem sie sich hat scheiden lassen, die Eltern und der Bruder verstorben sind, erbt sie ein riesiges Vermögen. Ihre Chance, etwas Wichtiges anzufangen. Sie schenkt der Harvard Universität eine stattliche Summe samt Fachbibliothek, um einen Lehrstuhl in Forensik einzurichten. George erhält den Lehrstuhl. Und als auch der verstirbt, gründet Fanny die Harvard Associates in Police Science (HAPS). Dort bringt sie höchstpersönlich Polizisten und Medizinern bei, wie man einen Tatort begutachtet, liest. Um das ganze anschaulich zu machen, erinnert sie sich an ihre Fähigkeiten im Puppenbasteln. Sie setzt sich hin und konstruiert Puppenhäuser, allerdings nach Originaltatorten, bis ins kleinste Detail. Die Seminarteilnehmer müssen versuchen, die Fälle anhand der Spuren in den Miniaturen zu lösen.

»Fanny wird zur Polizeichefin von Hampshire ernannt. (Die erste Frau, die diesen Titel trägt.)«

Oder nehmen wir Nelly Bly, die 1864 in eine sehr arme Einwanderer-Familie in den USA geboren wird. In ihrer Wut über einen Artikel zur Rolle der Frau in einer Zeitung schreibt sie einen Leserbrief und wird vom Herausgeber als Journalistin eingestellt. Sie schreibt über einfache Menschen, schlechte Arbeitsbedingungen. Damit macht sie sich keine Freunde. Unter Druck darf sie nur noch über Mode und Garten berichten, kündigt. Joseph Pulitzer gibt ihr nun eine Chance. Sie wird berühmt mit ihren knallharten sozialen Themen, wobei sie sich jeweils undercover, wie heute Wallraf, einschleust. Und zur Krönung reist sie per Schiff, Zug und Heißluftballon in 80 Tagen durch die Welt, schreibt ein Buch darüber. Sie heiratet einen reichen, viel älteren Industriellen und revolutioniert als Witwe die Arbeitsbedingungen in ihrer Fabrik. Abenteuer steckt ihr im Blut und so wird sie für Österreich die erste weibliche Kriegsberichterstatterin im ersten Weltkrieg, setzt sich später für Frauenrechte ein, schreibt weiter Suffragetten.

Die afghanische Rapperin Sonita Alizadeh rappt im iranischen Exil gegen Zwangsheirat, der sie selbst entgangen ist. Thérèse Clerc kämpft für das Recht auf Abtreibung und ruft als Frauenrechtlerin ein autonomes Wohnprojekt für mittellose Seniorinnen ins Leben. Interessante Frauen, die die französische Illustratorin und Cartoonistin Pénélope Bagieu porträtiert. Sie gehört weltweit zu den erfolgreichsten Comic-Zeichnerinnen. Unbequeme und moderne Frauenfiguren sind ihr Markenzeichen. Jetzt hat sie eine weitere Graphic Novel mit 15 Porträts von außergewöhnlichen Frauen herausgebracht, aus unterschiedlichen Epochen, Ländern, Kulturen und Gesellschaftsschichten. Spannend, spaßig, wissenswert, aber nie mit einem erhobenen Zeigefinger, führt sie durch die jeweilige Graphic Novel. Es ist, wie es ist. Der Text ist pointiert, aber einfach zu lesen, obwohl so viel Inhalt drinsteckt. Feine Zeichnungen, sparsam mit Koloration, bringen es auf den Punkt. Empfehlung!

Eine Altersempfehlung gibt der Verlag nicht vor. Meine Empfehlung: 12 - 99 Jahre.

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Der Ausbruch

Albertine Sarrazin , Claudia Steinitz
Flexibler Einband: 530 Seiten
Erschienen bei INK Press, 27.07.2018
ISBN 9783906811086
Genre: Romane

Rezension:

Der Anfang: »Ich bin bestens ausstaffiert, um heute Abend im Knast zu landen: Opossum und Hose. Das Tierfell bleibt bei der Durchsuchung hängen. Das es womöglich ein paar Sommer die Motten füttert – kein Problem, aber das es womöglich per Tauschhandel im Gauloiserauch aufgeht, dafür will keine Gefängnisverwaltung geradestehen.«

Dieser Roman ist eine Neuauflage und Neuübersetzung von 1967. Albertine wird als Baby von einem französischen Militärarzt-Ehepaar adoptiert, mit zehn Jahren von einem Unbekannten vergewaltigt und mit 15 wird das schwer zu bändigende Mädchen von den Adoptiveltern in ein Erziehungsheim verfrachtet, aus dem sie abhaut. Ihre Mutter war wahrscheinlich eine 15-jährige Spanierin, der Vater ein Algerier. Erziehungsheime, Besserungsanstalten, Gefängnisse, ein Leben hinter Mauern, wo Albertine auch ihr Abitur absolviert. Mit Prostitution und Diebstahl finanziert sie ihren Lebensunterhalt. Als sie neunzehnjährig zu sieben Jahren Jugendgefängnis verurteilt wird, schafft sie es, über die Gefängnismauer abzuhauen, verletzt sich dabei den Fuß und findet zunächst bei einem netten Typ Unterschlupf. Später heiratete sie ihren Retter: Julien Sarrazin, ebenfalls ein entlaufener Häftling. Während er acht Ehejahre waren sie meist getrennt, da fast ausnahmslos einer von beiden oder beide parallel im Knast einsaßen. Hier schrieben sie sich heimlich Briefe (Kassiber). Albertine Sarrazin ist literaturbegeistert und schreibt gern. So entsteht im Gefängnis ihr erster Roman »L’Astragale«, danach »La Cavale« (Kassiber), der nun in Neuauflage unter dem Titel »Der Ausbruch« vorliegt. »La Cavale« hatte Albertine im Gefängnis in Schulhefte geschrieben, in winzigen Buchstaben, ohne Absatz, um viele Worte auf eine Seite zu bringen. Jede Woche schmuggelte sie einzelne Blätter zu ihrer Gefängnis - Psychiaterin, die das Talent erkennt und das Manuskript an den Verleger Pauvert nach Paris schickt. Pauvert, der unter anderem Schriften des Marquis de Sade druckte, meint dazu: »Heutzutage noch ein gutes Manuskript mit der Post zu erhalten, das ist wirklich rar.« »Der Astragal« wird ein Kultbuch und ist über eine Million mal verkauft und in 16 Sprachen übersetzt worden.
Eine große Unterstützerin von Albertine Sarrazin bei Pauvert war Simone de Beauvoir und auch Patty Smith war eine große Bewunderin ihrer Texte. Im Jahr 1966 wurde Albertine Sarrazin der Prix des Quatre Jurys verliehen. Und leider verstarb sie endlich in Freiheit kurz danach bei einer Nierenoperation mit 29 Jahren. Man geht von einem Ärztepfusch aus.

»Aber ich sehe hinter dem Rot vom Rauch das Rot der Schlaflosigkeit und der Tränen hervorscheinen; das Mädchen zieht so einen Flunsch, mit hängenden Mundwinkel, aufgerissenen Augen und bleichen Wangen, dass man noch kurzsichtiger sein müsste als ich, um nicht zu sehen, dass irgendetwas nicht stimmt.«

Weshalb das lange Vorwort? Der Roman spielt in Frauengefängnissen von Frankreich und Albertine Sarrazin schreibt unglaublich eindringlich, mit erzählerischer Kraft. Die Icherzählerin Anick Damien glaubt, sie habe keine Chance auf eine Minimalstrafe und plant einen Ausbruch, von Anfang an. Aber dazu wird es nie kommen. Anick muss an ihr Geld kommen, das der Richter beschlagnahmt hat, der Anwalt muss einen Trick finden und ihr Geld zukommen lassen. Die Mutter lässt mitteilen, sie steht ihr bei, seelisch, finanziell keineswegs, denn die Haft hat Anick sich selbst eingebrockt. Wozu braucht sie Geld? Für Zigaretten, Bonbons, Nes (Nescafé), denn die Gefängnisbrühe schmeckt nicht, auch das Essen kann man so aufpeppen, sich kleine Annehmlichkeiten kaufen, Papier, Stifte. Tägliche Tristesse, wechselndes Publikum, sich behaupten, andere stützen, durchhalten, zusammenhalten, wechselnde Insassen, der Tag ist lag, mal ziemlich kalt, mal zu heiß. Anick schreibt um am Leben zu bleiben, zu fühlen, zu denken.

»Dieser Knast bringt mir nichts. Ich mochte den anderen lieber, wo jeder Tag dem Tod geraubt war. Dieser ist nicht allzu unangenehm konstruiert, das Verhältnis von Dummheit und Gemeinheit ist normal; das Mobiliar, mobil oder nicht, so gut wie jedes andere. Aber ich habe Angst. Angst vor dieser Sauberkeit, vor der Stille, die die Schreie verbirgt, vor dem hellen Stein, aus dem Angst sickert, eine ständige konfuse Bedrohung; die Farblosigkeit meiner Tage überfällt mich, erfüllt mich, verstopft meine Poren, der gefahrlose, folgenlose Alltagstrott wiegt und verschaukelt mich.«

Schreiben macht frei, befreit Gedanken. Es ist erstaunlich, wie viel Kraft die Sprache von Albertine Sarrazin besitzt, wenn man auf ihren Lebensweg schaut. Aber vielleicht genau darum besitzt sie diese Intensität und Stärke. Der Ausbruch, der nie stattfindet und zum Schluss von Zizi, dem Ehemann verhindert wird, der Anick von einer Flucht abbringt, durchzieht den Roman. Dieser Gedanke hält wach, lässt nicht abstumpfen. Der Blick auf Möglichkeiten, durchspielen von Ideen, Hoffnung auf Freiheit. Anick wartet auf ihren Prozess, eine ziemlich lange Zeit vergeht, eine lange Haftzeit könnte bevorstehen, da wäre es besser zu fliehen. Wenn sie Glück hat, fällt die Strafe milde aus, eine Flucht wäre fatal.

»Muss auch die Hose ausziehen, das Tragen ist nicht gesund, erleichtert vielleicht das Auf-den-Stuhl-Klettern für die Blutabnahme, genannt Pflaumenbaum, würde allerdings die Einfuhr des Spekulums stören. Also wenn Sie in den nächsten Tagen mit Ihrer Verhaftung rechnen, haben Sie den Hintern immer nackt und einen Koffer mit Wäsche griffbereit.«

Albertine Sarrazin ist mit 29 Jahren gestorben, leider. Was hätte aus ihrem Talent alles entstehen können ... »Engel mit gebrochenen Flügeln« (so Patti Smith über die Autorin in ihrem Nachwort über »Der Astragal«) Eine Sprache klar schnörkellos, Prosa, und an anderen Stellen bildhaft, fast poetisch. »Eine leere Minute saugt grenzenlose Ewigkeiten ein«, schreibt sie. Die Beschreibung der französischen Frauengefängnisse zur Zeit der Sechziger ist interessant. Gemütlich ist es hier nicht und der Einschluss in Zellen wohl recht selten. Frauen dicht zusammen, Solidarität, Freundschaft, aber auch Abneigung zu der ein oder anderen, solidarische Abneigung gegen eine. Hier brodelt es, beruhigt sich, man arrangiert sich, hilft sich gegenseitig. Wärterin, Mâme Chef, auch hier fühlt man Menschlichkeit. In jedem Gefängnis ist es ein wenig anders, neue Regeln, neue Mitgefangene. Innenwelt und Außenwelt auf Papier, eingesperrt in Mauern, Gedanken Raum geben, Gedanken bekommen Flügel, die Worte befreien. Der Roman ist klar biografisch und genau darum ist er so gut. Es geht hier nicht um das große Ganze, Gesellschaftskritik, die Autorin beschäftigt sich ausschließlich mit sich selbst. Was bedeutet es, einzusitzen? Sarrazin definiert es so: »Halb vulgarisiert, halb benediktiert«

»Ich bin Diebin gewesen, ich will Schriftstellerin werden. Jede andere Tätigkeit scheint mir indiskutabel«, sagte Albertine Sarrazin

Das Erstlingswerk L’Astragale wurde 1968 von Guy Casaril mit Marlène Jobert in der Hauptrolle und Horst Buchholz als Julien verfilmt. Eine neue Filmversion mit Leïla Bekhti und Reda Kateb in den Hauptrollen entstand im Jahr 2015 unter der Regie von Brigitte Sy. 

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

2 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 1 Rezension

Esthers Tagebücher 2: Mein Leben als Elfjährige

Riad Sattouf , Ulrich Pröfrock
Fester Einband: 56 Seiten
Erschienen bei Reprodukt, 31.03.2018
ISBN 9783956401466
Genre: Comics

Rezension:

Im letzten Jahr begann diese Graphic Novel um Esther, insgesamt sollen es 8 Jahre – 8 Bücher werden. Der erste Teil hat mich begeistert und der zweite steht dem keinesfalls hinterher. In Esthers Klasse pubertieren die ersten, einige reden nur noch von Liebe, andere können damit noch nichts anfangen, die ersten Brüste sprießen. Und für Esther ist immer noch kein iPhone in Sicht, das erhält sie erst in der weiterführenden Schule. So ein Mist, Esther ist bitterarm … Doch es gibt andere Kinder, die haben ein Phone und mit denen kann man Dinge schauen, die Esthers Eltern nicht erlauben. Auch darf sie nicht allein abends draußen herumspazieren. Das Leben ist hart, insbesondere, wenn man einen bekloppten großen Bruder hat, der nur nervt. Esther liest gern. Ihr Berufswunsch ist auch ganz klar definiert: Esther wird Verlegerin. Warum nicht Autor? Verleger haben das Sagen, schnauzen auch mal die Autoren an, so jedenfalls erzählt ein Autor, ein Freund der Eltern. Verleger müssen nicht schreiben, sie lesen viel, klar doch, warum Eszher Verlegerin werden will. Im letzten Band war Esthers Mutter schwanger. Und nun bekommt Esther einen Bruder – Schwester wäre besser gewesen, aber der ist ziemlich niedlich. Da Esther gut in der Schule ist, darf sie eine Prüfung für ein Stipendium für ein Elite-Gymnasium machen, das sich die Eltern nicht leisten könnten. Ein Test und fiese Fragen über ihre Familie warten auf sie. Wird sie aufgenommen oder muss sie auf das öffentliche Gymnasium gehen, auf dem der große Bruder ist? Bekommt Esther ihr iPhone?

»Ich liebe meine Mutter sehr. Aber komisch, ich finde, sie hat nicht viel mit meinem Vater gemein.«

Esther gibt es wirklich, sie hat im Original einen anderen Namen und sie ist die Tochter eines Freundes von Riad Sattouf. Ich hoffe inständig, dass sie sich 8 Jahre lang von Riad Sattouf nerven lässt und es nicht irgendwann satt hat, als Comicfigur aufgeblättert zu werden. Die beiden treffen sich einmal in der Woche und wöchentlich zeichnet Sattouf eine Seite, eine Geschichte aus Esthers Leben. 52 Wochen, 52 Geschichten. Riad Sattoufs Zeichnungen beziehen sich auf das Wesentliche, Farbe wird wenig, dafür gezielt eingesetzt, nur zwei Farben pro Seite. Manche Zeichnungen haben einen »Übertext« oder einen »Untertext« nebst Sprechblasen sind manchmal Neben- und Randbemerkungen von Esther mit Pfeilen auf die Objekte gerichtet, was den Tagebuchcharakter unterstreicht. Als Leser erleben wir die Sicht von Esther, die nicht immer alles versteht, sich ihre Gedanken macht. Kinder sind ehrlich – Kinder sind brutal, fies – schwarz oder weiß, die Grauschattierungen lernt man erst später zu erkennen. Kinder können auf den Wecker fallen oder einfach nur knuddelig sein. Esther wäre so gern im Klub. Hier gehören automatisch alle dazu, die weiße Sneakers von »Stan Smite« tragen. Oh, was ein Mist, wenn man die nicht bekommt! Und Papa isst so gern Garnelen – igitt. Schau es dir genau an (auf der Zeichnung) - Garnelen und Kakerlaken, das ist ein und dasselbe! Die Welt zu verstehen ist nicht immer einfach. Da verwechselt man schnell die linksradikalen Vermummten mit den rechtsradikalen Vermummten. Wo ist denn da bitte der Unterschied?

Die Fragen, die Esther sich stellt, ihre Erlebnisse, ihre Sorgen, sind real, ebenso ihre Sprache, die der anderen Kinder. Riad Sattouf kann sehr genau beobachten und zuhören, denn er trifft genau den richtigen Ton. Neunmalklug, naiv, ängstlich unsicher, selbstbewusst, die richtigen Fragen stellend, die Serie ist nicht schlicht ein Comic, es ist ein gesellschaftliches Buch, eins das den Nerv der Zeit trifft. Für den ersten Teil der Serie, »Esthers Tagebücher 1: Mein Leben als Zehnjährige« erhielt Riad Sattouf in diesem Jahr den »Max-und-Moritz-Preis« für den besten internationalen Comic.

Christian Gasser sagte in seiner Laudatio: „In zwanzig Jahren gehören ‚Esthers Tagebücher‘ zur Standardlektüre angehender Soziologen; wir haben das Privileg, diese Serie sozusagen live zu lesen – und einiges zu erfahren über unsere Zeit.“ 

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(6)

7 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

"hörbuch":w=1,"kunst":w=1,"malerei":w=1,"aids":w=1,"familienbande":w=1

Sag den Wölfen, ich bin zu Hause

Carol Rifka Brunt , Frauke Brodd , Jodie Ahlborn
Audio CD
Erschienen bei Hörbuch Hamburg, 23.02.2018
ISBN 9783957131270
Genre: Romane

Rezension:

»Meine Schwester Greta und ich saßen an diesem Nachmittag Modell für ein Gemälde, das mein Onkel Finn von uns anfertigte, weil er wusste, dass er bald sterben würde«

Gleich vorweg, ich hatte mir unter diesem Roman mehr versprochen. Ja, auch ich falle hin und wieder auf Titel und Cover herein. Hätte ich gewusst, dass dies ein Taschentuch-Roman ist (das hatte ich von diesem Titel nicht erwartete), eins von der herzigen Seite, dann hätte ich das Buch nicht angefasst. Literarisch ist die Geschichte gut geschrieben, da gibt es nichts dran auszusetzen, Carol Rifka Brunt hat wundervolle Sätze, Beschreibungen, in diesem Buch geliefert. Und die Story zu mögen, die sich hinter diesem Allage-Jugendbuch verbirgt, ist Geschmack.

»Es lullt dich ein, du hältst es für vergnüglich und harmlos, es summt so vor sich hin, und auf einmal, wumm, erhebt es sich drohend vor dir. Lautes Trommeln und schrille, kreischende Geigen und tiefe dunkle Stimmen. Und dann zieht es sich genauso schnell wieder zurück. Verstehst du, Krokodil?«

Der Roman spielt in New York in den achtziger Jahren, AIDS ist ein heikles Thema, Menschen die daran erkrankt sind, werden wie Aussätzige behandelt, sind selbst Schuld, und auf keinen Fall spricht man über dieses Thema. Auch spricht man nicht über Homosexualität. Das sind abartige Menschen. June Elbus Onkel Finn ist ein berühmter Maler und der einzige Mensch, der June versteht, er ist ihr einziger Freund, Finn nennt sie Krokodil. Und genau dieser Onkel ist sehr krank mit irgendwas, muss bald sterben, malt ein letztes Bild von der vierzehnjährigen June und ihrer ein wenig älteren Schwester. – irgendwann kapiert auch June, was alle wissen: Dieser Onkel ist schwul, aidskrank, ein doppelter Aussätziger. Auf der Beerdigung begegnet ihr Toby, der unerwünscht ist, auch wie ein Aussätziger behandelt wird, der die Frechheit besitzt, in Finns Apartment zu wohnen. Es ist Finns Lebenspartner. June und Toby freunden sich heimlich an. So entsteht für June Stück für Stück die gleiche innige Verbindung zu Toby wie früher zu Onkel Finn, und sie erfährt, dass sich Toby im Keller verstecken musste, wenn June mit Mutter und Schwester zu Besuch kam. Auch Toby hat AIDS und muss bald sterben, auch Toby hat keine Freunde. Trauerbewältigung, gegenseitiger Trost, beide finden durch das Erzählen alter Geschichen über den Tod von Finn hinweg, können sich arrangieren in Erinnerungen.

»Wie immer fingen sie mit Bildern von irgendeinem aufgeheizten Nachtclub in der Stadt an, in dem ein Haufen schwuler Männer in idiotischen Lederklamotten wie wild herumtanzten. Ich konnte mir Finn nicht einmal ansatzweise als halb bekleideten Cowboy beim Tanzen vorstellen. Es wäre doch ausnahmsweise mal nett, wenn sie ein paar Männer zeigen würden, die in ihrem Wohnzimmer Tee tranken und sich über Kunst oder Filme unterhielten. Wenn sie das zeigen würden, dann würden die Leute vielleicht sagen: »Oh, okay, so anders ist das ja gar nicht.«

Junes Schwester Greta ist sehr hübsch, beliebt, sie hat schauspielerisches Talent, nicht nur in der Theatergruppe. Sie ist eine richtige Giftnudel, die June heftig traktiert, sie regelmäßig seelisch und körperlich verletzt. Onkel Finn hatte demonstrativ June vorgezogen, sich allein mit ihr getroffen, logisch, dass Greta eifersüchtig reagiert. Klar, sie hasst auch den aussätzigen Toby. Und natürlich wird es am Ende ausgerechnet Toby sein, der Greta zur Seite stehen wird. Taschentuch nicht vergessen. Warum müssen solche Bücher immer so voraussehbar sein? Ich hatte gehofft, dass eine solche Szene nicht auftaucht … Die Geschichte zog sich für mich hin wie Kaugummi, detailliert ausgeschmückt. Ich dachte die ganze Zeit, jetzt muss doch mal irgendwas Gewaltiges passieren! Ein paar Mal dachte ich an Abbruch, wartete auf DAS Ereignis. Viele kleine Dinge geschehen und ich bin nur drangeblieben, weil die Autorin gut schreiben kann. Eine Coming-of-Age-Geschichte, die Freundschaft zwischen einer Jugendlichen und einem erwachsenen Mann. Mehr ist hier für mich nicht zu sagen. June ist eine Einzelgängerin, die Familie wohnt sehr ländlich und wenn June von ihrer Schwester traktiert wird, sie mit irgendetwas nicht fertigwird, geht sie hinaus in den Wald, in die Einsamkeit und heult mit den Wölfen. Das Thema AIDS wird nicht ernsthaft angegangen. Der Autorin sitzt die verlogene amerikanische Prüderie im Nacken. Wir haben ja im Allgemeinen nichts gegen Schwule, aber … Mit diesem Schreibstil, der nach Außen eine Offenheit vorspielt und nach innen die Wand vorzieht, eine vorgespielte Liberalität offenbart, gefällt mir nicht. Es gibt so viele kleine Einzelheiten, Subtext, die zeigen, wie unehrlich die angebliche Offenheit gegenüber Homosexualität der Autorin ist. Am Besten festzumachen ist Einstellung an der Figur der Mutter. Die Mutter von June hatte ein sehr distanziertes Verhalten zu ihrem Bruder Finn, noch mehr der Rest der Familie, Toby durfte das Haus nicht betreten. Die Autorin erfindet hier eine Frau, die noch talentierter als der Bruder war, aber die Kunst nicht auslebte, weil geheiratet hat, nun aber ein wenig neidisch auf den erfolgreichen Bruder ist. Das nimmt der Geschichte die Aussagekraft. Hier hätte die Autorin die Chance gehabt, etwas offen zu legen. Warum wird nicht klar gesagt, wir wollen den Mann nicht im Haus haben, noch weniger seinen Freund, weil wir solche Menschen nicht mögen? Noch eine Ausrede: Toby ist ein Mörder, der hat Finn angesteckt (obwohl das nicht wahr ist). Und noch einer obendrauf: Die Geschichte hat sich angeblich Finn selbst ausgedacht, damit die Familie einen Aggressor hat, einen Judas. Nein, diese Familie hat nichts gegen Schwule. Die Mutter ist lediglich sauer auf den Bruder, der ihren Traum ausgelebt hat und mit Mördern verkehrt man halt nicht. Die Geschichte hätte theoretisch Potenzial gehabt, in der Auseinandersetzung mit Homosexualität, mit AIDS, mit der Gesellschaft. Auseinandersetzung gibt es hier nicht. Nur Freundschaftskitsch. Hier stand mir zu viel nettes Gewaber im Vordergrund, statt den Kern zu bearbeiten. Wie gesagt, viele Leser lieben den Roman. Für mich war er vertane Zeit. Nett geschrieben, mehr nicht. 

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Franz oder Warum Antilopen nebeneinander laufen

Christoph Simon
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Unionsverlag, 19.02.2018
ISBN 9783293207899
Genre: Romane

Rezension:

Der Anfang: »Ich war Gymnasiast und kiffte. Ich kam aus dem Kiffen gar nicht mehr heraus, und wenn ich nicht gerade eine Socke missbrauchte, die Klasse wiederholte oder bei den Eltern im Lerchenfeld das Bewusstsein verlor, dann kiffte ich: Auf dem Radweg zum Gymnasium, in den dunklen Ecken der Fahrradeinstellhalle, im Holunderbusch, die ganzen sechs Jahre lang – Anschlussklasse, Terzia, Terzia zum Zweiten, Sekunda, Prima zum Zweiten -, und ich war so bekifft wie ein Maulwurf auf dem Hochseil.«

Ein Schweizer Kultbuch von 2001, neuaufgelegt, ein Comming of age – Roman. Hier schreibt Franz, ein Schüler aus den 90ern für Schüler in schnoddriger Form über seine Schulzeit. Er hat keine Lust auf Schule, andererseits liebt er die Schule, denn sie ist seine Heimat. Unterricht liegt ihm weniger, noch weniger das Lernen. Und er weiß, dass er sich keinen Ausrutscher mehr leisten kann, dieses Jahr ist seine letzte Chance, die Matura zu erreichen. Das ist scheinbar das einzige Ziel, das er hat, irgendwie die Matura in den Händen zu halten. Sein Kumpel, kurz Rambo Riedel genannt, ist dabei und das Mädchen Venezuela, in das Franz verliebt ist, unerreichbarer, im Schlepptau MC, den Dachs, das Haustier von Franz. Ein weiterer Kumpel ist Hausmeister Eryilmaz, der an der Flasche hängt und tragischerweise im Laufe der Handlung an Leberzirrhose stirbt. Doro Apfel, eine Lehrerin, die aus der DDR stammt, die an Hartleibigkeit leidet, dauernd zum Klo rennt, meint es gut mit Franz. Die neue Lehrerin für Betriebswirtschaft heißt Frau Brunisholz und Rambo Riedel muss sie auch gleich beschimpfen. Franz ist sich da noch nicht bewusst, dass die junge Lehrerin und er sich kennen. Das Schuljahr fängt gut an …

Sie explodierte. »Sie haben vor fünf Jahren auf dem Pausenhof – Sie waren in der Anschlussklasse und ich in der Oberprima -, Sie haben mich damals am Ohr gepackt und hineingeschrien, so Frauen wie mich würden Sie am liebsten solange anfurzen, bis sie erstickten!«
»Was?« Es verschlug mir den Atem.
»Ich habe ein Pfeifen in meinem Ohr, verstehen Sie?« Sie kreischte jetzt. »Es pfeift die ganze Zeit, weil Sie mir ein Loch ins Trommelfell geschrien haben. Sie erinnern sich doch?!«
Ich verneinte, heiser vor Schreck, zermarterte mir das Gehirn, verneinte abermals.

Franz dümpelt in seinem Leben voran, ist sich bewusst, dass er was tun muss, aber er bekommt es nicht auf die Reihe, sich zu bewegen, geschweige denn, erwachsen zu werden. Typisch für Jungs in diesem Alter, da wäre er nicht alleine. Er hat jede Menge Blödsinn im Kopf, fühlt sich hingezogen zu der ziemlich militanten Venezuela, die gern Briefkästen von Tierquälern in die Luft sprengt. Die Schildkröte von Julian, der behinderte Bruder von Franz, wird vom Nachbarn Neuenschwander zu Kartoffelchips gefahren und Venezuela schreitet zur Tat, was Rache und gefährliche Gegenattacken auslöst, nebst Gewehr und Polizeieinsatz. Franz ist aber auch ein empathischer Junge, was sich im Umgang mit seinem behinderten Bruder und dem Hausmeister Eryilmaz zeigt. Später kommt Johann dazu, ein musikalisches Talent, skurril, menschenscheu, der den Frust hineinfrisst, von dem sich Franz erhofft, dass er ihm hilft, die Matura zu bestehen. Doch bis dahin hat Franz noch einiges durchzustehen, z.B. Noten zu lernen, die für Franz lediglich schwarze Punkte auf Papier darstellen.

Der Roman ist schräg, amüsant, empathisch, spleenig. Franz ist einer, der weiß, dass er irgendwie die Schule überstehen muss, mit Abschluss, aber wozu das alles gut sein soll, hat er noch lange nicht kapiert. Schule ist irgendwie ein Stück Heimat, wenn nur der Unterricht nicht wäre. Ein typisches Jugendbuch, allerdings in einer Form, das auch Erwachsenen gefällt. Es ist ein Buch der Neunziger und sicher fühlt sich mach Erwachsener zurückversetzt in diese Zeit. Ob der Roman auch bei der heutigen Jugend ankommt, bezweifele ich. Es gibt Bücher, die haben ihre Zeit, oder eben die Zeit für bestimmte Generationen. Mir hat die Geschichte viel Spaß gemacht. Meine Empfehlung eher an die Leser, die ihr Abitur schon 20 Jahre in der Tasche haben.

»Wann ich gerne leben würde, wäre in einem Lebensabschnitt, wo ich keinen Anlass sähe, mich selbst zu überlisten, wo ich erst gar nicht die Energie dazu aufbrächte; ich meine eine Zeit, die so überfrachtet ist mit wunderbaren Dingen, dass ich sie unmöglich allesamt kaputtmachen kann.«

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(5)

7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Unter der Drachenwand

Arno Geiger , Torben Kessler , Michael Quast , Cornelia Niemann
Audio CD
Erschienen bei Hörbuch Hamburg, 12.01.2018
ISBN 9783957131201
Genre: Romane

Rezension:

»Bald ein ganzes Jahr trieb ich mich in Mondsee herum, indessen der Krieg kein Ende nahm. Der Jahrestag meiner Verwundung war verstrichen, und ich wunderte mich selbst, dass es mir gelungen war, mir den Krieg so lange vom Leib zu halten. Als ich Ende November aus Wien eine Beorderung bekam, durfte ich mich nicht beklagen, jedenfalls nicht laut, denn in Wahrheit war es mir bisher vergönnt gewesen, einen unauffälligen Mittelweg zu gehen, der lag, sagen wir, zwischen dem allergrößten Glück mancher und dem härtesten Schicksal vieler.«

Veit Kolbe, Wehrmachtssoldat, wird im Jahr 1944 an der Ostfront durch einen Granatsplitter schwer verwundet und muss zunächst nach einem Hospitalaufenthalt nach Hause zurückkehren. Bei seinen Eltern in der Possingergasse in Wien fühlt sich der Vierundzwanzigjährige eingeengt, bittet den Onkel, ihm ein Zimmer bei ihm in Mondsee am Mondsee zu besorgen, wo dieser als Postenkommandant arbeitet. Die Quartiersfrau ist knurrig, hinterhältig und geizig. Margot aus Darmstadt, Mutter eines Säuglings, ist Veits Nachbarin, von den anderen Reichsdeutsche genannt, Veit nennt sie die Darmstädterin. Frisch mit einem Linzer verheiratet, weil alle schnell heirateten, bevor sie in den Krieg zogen, Darmstadt ist zerbombt, sitzt sie nun hier, korrespondiert mit dem Ehemann an der Front. Der Brasilianer ist der Bruder der Quartiersfrau, der Gärtner. Man nennt ihn so, weil er viele Jahre in Brasilien gelebt hat, hier am Mondsee von Wärme und Freiheit im fernen Land träumt. Während des Krieges wurden Kinderlandverschickungen organisiert, so landet eine Mädchenschulklasse aus Veits Wiener Nachbarschaft am Mondsee, inklusive einer sehr strengen, jungen Lehrerin. Zurück zu Veits Nachbarschaft in der Possingergasse, hier finden wir den jüdischen Zahntechniker Oskar Meyer, der mit seiner Familie versucht, aus Wien zu flüchten, alle Kontakte durchgeht. Zunächst gelingt die Flucht nach Budapest, wo es der Familie noch schlechter geht.

»Wie schlecht eine Zeit ist, erkennt man daran, dass sie auch kleine Fehler nicht verzeiht.« (Oskar Meyer)

Veit hat im Krieg Schlimmes erlebt, er beschreibt, wie die Armee ganze Dörfer in Schutt und Asche zerlegte, zwischen den Toten nur noch ein paar zerzauste Hühner herumgerannt seien. Er schreibt Tagebuch, die Gedanken abzuarbeiten und langsam erholt sich sein Bein, sein Kiefer, sein Geist. Er lernt die sehr zugeknöpfte Lehrerin kennen, einige Schülerinnen, freundet sich mit der Darmstädterin an und mit dem Brasilianer. Alle Protagonisten stehen in Briefkontakt mit Familie und Freunden. So erfährt man nicht nur etwas vom Mondsee, sondern auch aus Wien, Darmstadt, von der Front. Junge Menschen, alte, verzweifelte, hoffnungsvolle, versuchen, aus ihrem Leben das Beste zu machen. Oskar Meyers Familie lebt in der Illegalität, gerät immer mehr in die Hoffnungslosigkeit. Die Darmstädterin zweifelt an der Liebe zu ihrem Mann und Veit, der nicht an die Front zurückwill ahnt, das Ende des Krieges ist nah, er trickst mit seiner Verletzung, bloß nicht zurück.

»Tante Emma und Onkel Georg sind schon acht Tage begraben und sind zu siebzehnt in einem Sarg«,

berichtet die Mutter der Darmstädterin, Oskar Meyer schreibt alle Bekannten und Verwandten an, sucht nach Lösungen, Geld, Fluchtwegen. Mit großer erzählerischer Kraft bringt Arno Geiger ein Zeitdokument des letzten Kriegsjahrs auf Papier.

»Die Drachenwand macht im Süden eine breite Brust.«

Die Drachenwand, eine Metapher für das Böse im Osten, für die Eroberer im Westen, für die Bedrohung des Krieges, für alles Böse und Ungewisse, denn davon gibt es eine Menge zu berichten. Trotz allem Schlechten bleibt der Ton von Veit plaudernd, im Großen und Ganzen zuversichtlich. Am Mondsee ist die Welt noch ein wenig in Ordnung, trotz überfliegender Bomberflotten. Der Erzähler Veit hat es nicht immer einfach, aber was sind diese Schwierigkeiten schon gegen die Front? Gegen seine immer wieder auftauchenden Panikattacken schluckt er Pervitin. Geheilt wird er durch Margot. Kleine Sätze sind eigenständige Randgeschichten, wenn berichtet wird, dass Schnüre zum Hochbinden von Tomaten fehlen, weil alle Bindfäden für die Pakete an die Front benötigt werden. Für Veit haben Schaufensterpuppen Soldatenhaltung, er berichtet von Hakenkreuzwimpeln, die auf den Gräbern der Alten flattern.

»Einmal in Russland fanden Kameraden und ich auf einer Wiese einen Totenkopf, ein beunruhigender Anblick, wir spielten mit dem Totenkopf Fußball, ich weiß auch nicht. Ich glaube, wir taten es aus Respektlosigkeit gegen den Tod, nicht aus Respektlosigkeit gegen den Toten. Der Tote hätten wir selber sein können. Wir traten den Totenkopf im hohen Bogen über die Wiese, und für einige Minuten gab der Krieg uns frei.«

Die Idylle des Erzählers wird immer wieder durchbrochen. Ein verliebter Bengel aus Wien vermisst seine Freundin, die mit der Schulklasse am Mondsee weilt … Die Mutter der Darmstädterin berichtet von zerstörten Städten, der Ehemann schreibt der Darmstädterinvon der Front, und Oskar Meyer schreibt verzweifelte Briefe aus der Possingergasse, später aus Ungarn, sodass man tief Luft holen muss. Ein wundervoller literarischer Kniff, den Leser immer wieder aufzuscheuchen, wenn er es sich am Mondsee gerade wieder eingerichtet hat, blauer Himmel, ein warmer Tag, kichernde Mädchen am See. Arno Geiger schafft es, allen Figuren Leben einzuhauchen, den Leser mitzunehmen. Die Quartiersfrau ist eine boshafte Hexe, nun, sie hat einen verklemmten Nerv, der zwickt. Ihr Ehemann, ein Lackierer, ein Nazi-Scherge, der zuviel Terpentin geschnüffelt hat, ist ihr verfallen. Recht geschieht ihm. Und der Brasilianer ist ein wenig anders als alle anderen, hört Villa-Lobos in seinem Haus, er ist ein Rebell, ein Exot, vor dem die anderen sich fürchten, einer der sich wehrt, der sich was traut, der das NS-Regime als »Firma« bezeichnet. Mit Erzählkunst schafft Arno Geiger Bilder, seine Protagonisten zeigen dem Leser die Kunst des Überlebens, berichten über das letzte Kriegsjahr, jeder aus seiner Sicht, humorvoll, sarkastisch, verzweifelt. Unprätentiöse kleine Geschichten machen diesen Roman zu einem großartigen Ganzen, Sprachrhythmus, Metaphern, Symbole, gewollte Einbrüche in den Erzählrhythmus, ein Roman voller Kraft. Einer der besten Roman für mich in diesem Jahr.

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(20)

25 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 20 Rezensionen

"krimi":w=5,"schweiz":w=5,"kongo":w=4,"blutdiamanten":w=4,"verlag: emons;":w=2,"darknet":w=2,"schmetterlingskind":w=2,"reihe":w=1,"action":w=1,"band 1":w=1,"vergewaltigung":w=1,"baby":w=1,"mafia":w=1,"unterdrückung":w=1,"einbruch":w=1

Höllgrotten

Monika Mansour
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Emons Verlag, 24.05.2018
ISBN 9783740803087
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der Anfang: »Ich wurde in die Hölle hineingeboren. Auf verbrannter Erde traf ich einen weißen Engel. Er gab mir ein Geschenk.«

Von der Lorzentobelbrücke ist eine farbige Frau herabgestürzt. Kommissarin Sara Jung steht vor einem Rätsel: Mord – Selbstmord?, und wer ist diese Frau, die keine Papiere bei sich trägt? »Kipekapeka« hat sie auf einen Zeh geschrieben. Die Obduktion ergibt, diese Frau hat ein paar Tage vor ihrem Tod entbunden und in ihrem Magen befindet sich ein Rohdiamant- ein Blutdiamant. Wo ist das Baby und welche Verbindung stellt sich nun zum Kongo ein, Diamantenschmuggel?

Tom hat einen Termin für ein Vorstellungsgespräch bei den Kriegers, sie suchen einen Bodyguard für Natalie, die erwachsene Tochter. Sie ist ein so genanntes »Schmetterlingskind«, leidet an einer seltenen Hautkrankheit, Epidermolysis bullosa, bei der die Haut so verletzlich ist, wie der Flügel eines Schmetterlings. Jede feste Berührung, ein wenig Druck, verletzt die Haut dieser Menschen, ein kleiner Sturz kann zur Katastrophe führen, ein Gendefekt, bei dem die Verbindung der einzelnen Hautschichten gestört ist. Diese schwer gezeichneten Menschen werden in der Regel nicht sehr alt und erleiden ihr gesamtes Leben ständig höllische Schmerzen. Tom hat keine Lust auf Babysitting, kommt zu spät, ist knurrig. Aber Natalie will genau ihn einstellen.

»Vor dreissig Jahren war die Region ein kleines Paradies gewesen, die Schweiz Afrikas nannte man sie. ... Dann kamen die Kriege, und aus dem Paradies wurde die Hölle. Der Westen schaute gern weg, solange er eines der rohstoffreichsten Länder der Welt zum eigenen Vorteil ausschlachten konnte«

»Kipekapeka« wurde von Natalie gegründet. Schwer gezeichnet von ihrer Krankheit, schwer reich und absolut isoliert von der Außenwelt will sie sich sozial engagieren. Sie möchte anderen Menschen helfen, schafft sich so eine gefährliche Aufgabe im Darknet, in der sie ganz aufgeht. Sie hilft Afrikanern, in die Schweiz zu kommen, besorgt neue Papiere, Identitäten, Unterschlüpfe. Besonders engagiert ist sie im Kongo. Emeline, die Tote, stand unter Natalies Schutz. Doch sich mit kongolesischen Warlords und Diamantenschmugglern anzulegen, ist eine ganz andere Hausnummer als das, was Natalie zuvor gewagt hatte …

»Natalie ist krank. Zeig Mitgefühl. Geht das, ja, dieses eine Mal?‹
›Tu ich ja. Ich mache mir Sorgen. Wenn mich Natalie belügt und sich hinter meinem Rücken mit GeoFoss, kongolesischen Rebellen oder korrupten Regierungen anlegt, könnte sie die nächste sein, die fliegen lernen muss.«

Monika Monsour hat nach ihrer Serie um Kommissar Cengez nun eine andere Art von Krimi geschrieben. Die Kommissarin Sara ist eine Nebenfigur, im Mittelpunkt stehen die privaten Detektive. Natalie sucht das Baby von Emeline (genauso wie die Kommissarin), aber sie hat einen Wissensvorsprung. Natalie lügt nicht unbedingt, nennen wir es Informationspolitik des Verschweigens. Darin ist sie ziemlich gut. Sie taktiert und spielt dabei mit Menschen, bringt sich und andere in Gefahr. Sympathisch ist sie nicht, denn sie spielt mit ihrer Behinderung, nutzt andere Menschen aus, manipuliert, wo es nur geht. Für ihre Intelligenz ein wenig zu naiv, immer denselben Fehler zu begehen und dabei andere in schwere Gefahr zu bringen, sie überschätzt sich gewaltig. Sie hilft anderen Menschen, natürlich, aber sie ist letztendlich eine Narzisstin, denn ihr eigenes Anliegen geht über alles, ebenso passt hierhinein ihr übersteigertes Selbstbewusstsein. Sie umgibt sich bis zur letzten Seite mit Menschen, die ihr etwas schuldig sind, die ihr ergeben sind, sich herumschubsen lassen. Tom ist der nette Typ von nebenan, der alles verzeiht und entschuldigt, der hilft, wo er kann und laufend Prügel bezieht, inklusive von der Exfrau. Sara, die empathielose Karrierefrau, die im Umgang mit Menschen wie ein Holzklotz wirkt, alles Protagonisten aus dem wahren Leben, eben das macht sie sympathisch. Sie wirken keinesfalls sympathisch konstruiert. »Schmetterlingskinder« sind ein Themenstrang, Monika Mansour gibt einer seltene Krankheit Aufmerksamkeit und das mit viel Fachwissen. Auch der Kongo ist ihr ein Anliegen, ein prächtiges, reiches Land, einstmals; vom Westen ausgebeutet bis heute, in Kriege getrieben, von Warlords beherrscht. Mir hat es gefallen, dass die Autorin dieses Thema aufnimmt, Fluchtursachen der Menschen aufzeigt, Afrika, ein Kontinent, ausgepresst von Amerika, China und Europa, reich an Bodenschätzen, die durch Konzerne anderer Länder abgeschöpft werden. In einem dritten Strang kommt Emeline zu Wort, ihr Tagebuch wird in Zwischenkapiteln eingeblendet.

Monika Mansour hat einen soliden Krimi auf das Papier gebracht, gut recherchiert und glaubwürdig. Der auktoriale Erzähler springt in Cliffhangern von Figur zu Figur, erklärt, der Leser ist dicht an allen Charakteren. Natalie war mir anfänglich nicht schlüssig, da sie immer wieder den gleichen Fehler machte. Doch letztendlich ist die Figur konsequent, Narzissten sind manipulativ, definieren sich über ihr Ego, waghalsig, undurchdacht, selbstüberschätzend, aalen sich dann im Ruhm, oder jammern, suchen Mitleid, wenn sie fehlschlagen. Das ist Natalie. Ein spannender Krimi mit einer Menge Antihelden. Sprachlich kann die Autorin noch eine Schippe drauflegen, da ist noch einiges drin. Insgesamt liest sich der Roman gut, packend, gesellschaftskritisch und informativ, als Gesamtpaket.

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(35)

47 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 29 Rezensionen

"frauen":w=3,"feminismus":w=3,"sachbuch":w=2,"jugendbuch":w=1,"kinderbuch":w=1,"geschichte":w=1,"leben":w=1,"mädchen":w=1,"geschichten":w=1,"selbstbewusstsein":w=1,"frauenbewegung":w=1,"frauenpower":w=1,"read":w=1,"frauenrecht":w=1,"kurzbiografien":w=1

Power Women - Geniale Ideen mutiger Frauen

Andreas Jäger
Fester Einband: 112 Seiten
Erschienen bei arsEdition, 18.06.2018
ISBN 9783845828626
Genre: Kinderbuch

Rezension:

»Du sollst wissen, dass ich mir der Gefahren voll bewusst bin. Ich will es tun, weil ich es tun will. Frauen müssen versuchen, das Gleiche zu wagen wie Männer. Wenn sie scheitern, soll ihr Scheitern nur eine Herausforderung für andere sein. (Amelia Earhart)«

Ganz eindeutig, dies ist ein Buch speziell für Mädchen! 25 Frauen aus der Geschichte, die etwas bewirkt haben, werden kurz vorgestellt, angefangen mit Kleopatra bis hin zu Malala Yousafzai. Monarchinnen wie Katharina die Große, Rebellinen, wie die Trung-Schwestern, die vor 2000 Jahren in Vietnam eine Rebellion gegen China anführten, Künstlerinnen, wie die Malerin Frida Kahlo, die Schriftstellerin Virginia Woolf, die Schauspielerin Emma Watson, anpackende Heldinnen wie Florence Nightingale, Naturwissenschaftlerinnen wie Marie Curie, Abenteuerinnen wie Valentina Tereschkowa, sie alle stehen für Kraft und Idee, für ihre Ziele, für Erfolge.

»Frage: Du hast das Gefühl, dass alle Mädchen in deiner Klasse schlauer, witziger, sportlicher und cooler sind als du. …
Antwort: Emmeline Pankhurst würde dich auffordern, in den Spiegel zu schauen und das tolle Mädchen darin zu entdecken. Sie würde daran erinnern, dass jeder Mensch wichtig ist und die Meinung jedes einzelnen zählt. Deswegen hat sie für das Recht aller Frauen gekämpft, zu wählen und so über ihre Zukunft zu entscheiden. …«

Fein illustriert mit ansprechenden Grafiken wird jede der Frauen vorgestellt, ein kurzer Lebenslauf. Die Länge ist genau richtig, eine Seite, genug um zu wissen, welche Leistung diese Frau vollbracht hat. Zu jeder der Frauen finden wir ein wichtiges Zitat und eine Fragestellung an die Leserinnen: »Was würde … tun?« Hierbei geht es um Fragestellungen aus dem alltäglichen sozialen Leben von heute. Was würde sie tun, wenn im Gruppenchat jemand auf ihr herumhackt? Wie würde Zaha Hadid mit Gruppenzwang umgehen? Diese Idee finde ich bezaubernd. Denn so stehen die berühmten Frauen nicht als irgendeine Ikone auf dem Papier, sondern Kay Woodward bezieht die Leserin ein, schafft Emotionalität. Das hat etwas mit dir zu tun! Du bist jemand, du bist stark, du hast etwas zu sagen, lass dich nicht von anderen klein machen, die anderen sind nicht immer wichtig. Wer für sein Ziel kämpft, erreicht auch was! Es muss ja nicht gleich die Raumfahrt sein, kämpfe für deine Ziele, stehe für das ein, wofür du stehst.

»Nichts ist so erbärmlich wie ein Mädchen, das sich dumm stellt, um einem Typen zu gefallen. (Emma Watson)«

Die Zusammenstellung der Frauen finde ich sehr gut, denn alle Bereiche des Lebens kommen darin vor, alle Kontinente, alle Hautfarben und die Zeitschiene geht von 69 v. Ch. bis heute. Es sind auch eine Menge moderner Frauen dabei, mit denen man sich identifizieren kann. Am Ende gibt es einen kleinen Test, welchem Charakter ähnelst du am meisten? Ich liege 50/50 bei: »Klares Bekenntnis zu Virgina Woolf! Das heißt, zu dir selbst. – Du folgst deinem Herzen, genau wie Jeanne d’Arc.«

Das Buch ist vom Verlag für 10-12 Jahre ausgewiesen. Das ist passend. Allerdings werden auch etwas ältere Mädchen damit etwas anfangen können, Mütter und Großmütter werden das Buch lieben. Das Buch gehört in jeden Mädchen-Bücherschrank.

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(62)

102 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 45 Rezensionen

"uwe laub":w=6,"sturm":w=5,"wetter":w=4,"thriller":w=3,"wettermanipulation":w=3,"usa":w=2,"deutschland":w=2,"china":w=2,"manipulation":w=2,"unwetter":w=2,"krieg":w=1,"macht":w=1,"wissenschaft":w=1,"australien":w=1,"realität":w=1

Sturm

Uwe Laub , Heiko Arntz
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Heyne, 12.02.2018
ISBN 9783453419803
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

»Der Tornado erfasste die ersten Menschen. Sie wurden eingesaugt, schreiend in die Luft gewirbelt und wieder ausgespuckt. Aus mehreren Meter Höhe stürzten sie zu Boden, wo sie regungslos liegen blieben. Das Brausen des Tornados steigerte sich zu einem infernalistischen Kreischen.«

Wetter beeinflussen – Wetter als Kriegswaffe, von Menschenhand gesteuert. Ein genialer Plot, der als Thema die Klimaentwicklung und deren eingreifenden Einfluss durch den Menschen aufnimmt. Was könnte besser in diesen Sommer passen? Hurrikan, Überschwemmung, Hitze, Blizzards - eine Kriegsführung, die Länder in den Ruin treibt, nicht nachweisbar. Entität der Naturgewalt als Nachschöpfung der Welt, ein Patchwork von Modulen, benutzt zu optimieren, zu zerstören, ein Medium, das man nie ganz in den Griff bekommt.

Uwe Laub beschreibt in seinem Thriller in Einzelsequenzen zunächst Wetterphänomene in verschiedenen Ländern auf der Welt, die sich nicht erklären lassen. Klimaveränderungen durch den Menschen hausgemacht, Klimaerwärmung? Man weiß nicht, wie die Aufheizung des Klimas sich auf die Erde auswirkt. Aber kann die Wasserverdampfung eines Sees in Australien und das plötzliche Auftauen von Permafrost in Sibirien auf den Klimawandel zurückzuführen sein? Plötzlich wird in München ein Fußballspiel der Bayern von einem Tornado heimgesucht, Menschen wirbeln durch die Luft.

»Die Verteilung der Land- und Wassermengen spielt dabei eine Rolle und auch die Ausrichtung der Alpen.‹
›Was haben die Alpen damit zu tun?‹
›die Gebirgsketten stellen für nord-süd-strömende Luftmassen ein Hindernis dar, weshalb polare Luft nur selten direkt auf feuchte, subtropische Luft trifft.‹
›Aber genau das ist heute Nacht geschehen?, riet Laura.«

In Hannover gerät Laura Wagner mit ihrem Sohn in einen Hagelsturm, apfelgroße Hagelkörner stürzen vom Himmel. Tags darauf erfasst im September ein Blizzard die Stadt, Schnee und eisige Kälte legen die Stadt lahm. Laura wird von zwei Männern im letzten Augenblick vor dem Erfrieren gerettet. Sie haben das gleiche Ziel wie sie: die Andra AG, Lauras Arbeitgeber. Einer ihrer Retter ist Daniel, ein Journalist und Meteorologe, der andere sein Freund, ein Blogger und IT-Nerd, der sich mit Verschwörungstheorien befasst. Die beiden haben den Verdacht, jemand manipuliert das Wetter. Der Chef von Laura ist ermordet worden, er hat Laura versteckt eine Nachricht hinterlassen. Was hatte er, was hat die Firma mit den Wetterkapriolen zu tun?

Dieser Wirtschafts- oder Wissenschaftsthriller beschäftigt sich mit der Manipulation des Wetters durch den Menschen. Bereits heute bedienen sich die Länder in einigen Regionen verschiedener Methoden, um Regen für die Landwirtschaft zu erzeugen, mit mehr oder weniger Erfolg. Die Forschung schreitet immer weiter voran. Und was wäre, wenn der Mensch sich der Technik der Wetterbeeinflussung bedient, um sie zu Kriegszwecken einzusetzen? Eine Vorstellung, die sich mir beim Lesen die Nackenhaare aufrichten ließ. Im Abspann berichtet der Autor, was möglich ist, und welche Elemente in seinem Roman noch Fiktion sind. Er hat für dieses Buch mehrere Jahre recherchiert. Und genauso kommen die Ergebnisse herüber, fundiert glaubhaft. Während des Lesens fragt man sich, was ist wahr, was denkt sich der Autor aus? Am Ende erfährt man, die Zusammenhänge sind nahtlos, noch ist einiges Fiktion. Die Betonung liegt auf noch.

Bereits 1977 wurde innerhalb der Vereinten Nationen die »Environmental Modification Convention« verabschiedet, die den Unterzeichnerstaaten verbietet, die Umwelt in einem Konflikt gezielt zu schädigen, insbesondere untersagt der Vertrag jegliche Form von Wetterbeeinflussung zu militärischen Zwecken. Das war mir neu, wie auch eine Menge Informationen bezüglich der Technik, die schon heute existiert. Die wissenschaftlichen Informationen sind keinesfalls trocken, sondern eingebunden in einen sehr spannenden Plot. Die Kapitel sind kurz, der Autor arbeitet mit Cliffhangern, wohldosiert eingesetzt. Man liest, staunt, kann den Roman kaum aus den Händen legen. Eine fiktive Geschichte mit Zukunftsvisionen, die glaubwürdig wirken, Ängste auslösen. Genau solche Romane brauchen wir! Diese Art von Wissenschaftsromanen zeigen uns, wie wichtig es ist, die Ethik über die Technik zu stellen. Ethik, das wichtigste Fach für die Zukunft in Schule und Universität! Die Technik wird sich mehr oder weniger von selbst regulieren. In der heutigen Technoscience, die Verschmelzung zwischen Technik und Wissenschaft, will man nicht die Gesetze der Natur analysieren, sie optimieren, man baut schlicht neue Welten, Wesen und Naturgewalten nach. Hier wird es gefährlich, da der Mensch sich schnell überschätzt, sich der Wissenschaft bedient, zum eigenen Vorteil andere zu benachteiligen. Darf der Mensch »Gott« spielen? Im Zweifelsfall geht die Geschichte nach hinten los.

Laura und Daniel ermitteln, jeder auf seine Weise und doch zusammen. Denn wie weit kann der eine dem anderen trauen? Wie viel Informationen darf man Preis geben? Freund oder Feind? Diese beiden Protagonisten sind fein herausgearbeitet. Wichtige Nebenfiguren, der IT-Nerd und ein Auftragskiller, kommen ein wenig klischeehaft herüber, aber das verzeiht man bei dem guten Plot. Und für meinen Geschmack war am Ende ein wenig zu viel Hero-Geplänkel: Was eine bis an die Zähne bewaffnete Spezialeinheit nicht schafft, rockt allein eine Sekretärin … und das immerwährende böse Stehaufmännchen … das war mir zu abgelutscht und unglaubwürdig, weniger ist meist mehr. Aber das ist Geschmacksache, es war ok. Trotz dem banalen Ende habe ich mich nicht nur gut unterhalten gefühlt, der Spannungsfaktor war hoch, ich habe eine Menge über menschliche Experimente zur Wetterbeeinflussung mitgenommen. Wieder ein technisches Thema, bei dem es mir bei näherer Betrachtung eiskalt den Rücken hinunterläuft.

Uwe Laub arbeitete zunächst als Börsenhändler an der Deutschen Terminbörse, danach mehrere Jahre lang im Pharma-Außendienst, bevor er sich 2010 selbstständig machte.

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(157)

257 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 121 Rezensionen

"wasser":w=14,"norwegen":w=9,"roman":w=6,"frankreich":w=6,"umwelt":w=5,"klimawandel":w=4,"naturkatastrophe":w=3,"wasserknappheit":w=3,"wassermangel":w=3,"maja lunde":w=3,"london":w=2,"zukunft":w=2,"umweltschutz":w=2,"klima":w=2,"dürre":w=2

Die Geschichte des Wassers

Maja Lunde , Ursel Allenstein
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei btb, 19.03.2018
ISBN 9783442757749
Genre: Romane

Rezension:

»Das ganze Leben ist Wasser, das ganze Leben war Wasser, wohin ich auch sah, war Wasser, es fiel als Regen vom Himmel oder als Schnee, es füllte die kleinen Bergseen, legte sich als Eis auf den Gletscher, strömte in tausend kleinen Bächen den steilen Berghang hinab und schwoll an zum Fluss Breio; es lag spiegelglatt vor dem Ort am Fjord, der zum Meer wurde, wenn man ihm nach Westen folgte.«

»Die Geschichte der Bienen« habe ich mit Genuss gelesen. Ein wundervoller umwelt- und gesellschaftspolitischer Roman, der mich begeistert hat. In drei verschiedenen Zeitsträngen ging es um die Biene, einmal in der Historie, die Imkerzeit, in der an immer besseren Formen der Bienenkörbe getüftelt wurde, die heutige Zeit mit Bienensterben und im dritten Strang eine dystopische Welt ohne Bienen, ärmlich, in der der Mensch selbst bestäubt. Ein Roman mit erzählerischer Kraft und grosser gesellschaftlicher Relevanz. Nun war ich gespannt auf den zweiten Teil des Klimawandel-Quartetts, dieses Mal zum Thema Wasser. Der Scheffel hing hoch.

Der Roman teilt sich in zwei Stränge, in das Jetzt und in ein dystopisches Europa in der Zukunft. In der Zukunft herrscht Hitze und Dürre, extreme Wasserknappheit. Es gibt wenig Gebiete, die Wasser führen, hier haben sich die Einwohner verbarrikadiert, lassen niemanden herein. Nur im hohen Norden lebt es sich gut und Karawanen von Flüchtlingen sind auf dem Weg. Auch hier ist das Boot voll, Flüchtlinge werden nicht mehr aufgenommen. Die Gründe, die zur Wasserknappheit führten, werden nicht benannt, es wird lediglich erwähnt, es sei sehr heiß. 2041, Frankreich, ein Flüchtlingslager unter vielen: David ist gemeinsam mit seiner Tochter Lou hier gestrandet. Der Süden Europas ist unbewohnbar, eine Wüste. Im letzten Lager war die Familie noch komplett. Dort brach ein Feuer aus und David flüchtete mit seiner Frau, jeder ein Kind auf dem Arm, mit dem Ziel in dieses Lager zu gelangen. Allerdings ging in dem Chaos Davids Frau mit dem Baby auf dem Arm verloren. Er wartet, dass auch sie eintrifft. In diesem Lager finden David und Lou ein Bett, ärztliche Versorgung und Nahrung. Nur wie lange? Oft genug werden die Lager geschlossen, wenn Nahrung und Wasser hier nicht mehr ankommen.

»Sie holen Eis aus dem Gletscher, reines weißes Eis aus Norwegen, und vermarkten es als das Exklusivste, was man in seinen Drink geben kann, einen schwimmenden Mini-Eisberg, eingetaucht in goldenen Schnaps, aber nicht für norwegische Kunden, nein, für jene, die es sich wirklich leisten können.«

In dem zweiten Strang, im Hute, geht es um die 70-jährigen Signe, eine Umweltaktivistin aus Norwegen. Sie will ihrer einstigen großen Liebe, Magnus, eins auswischen. Dieser Mann lebt in Frankreich, lässt es sich bei gutem Essen, Bordeaux und Golfspielen gutgehen, während seine Firma in Norwegen Gletschereis abbaut, das saudischen Fürsten zur Kühlung von Getränken verkauft wird. Signe erinnert sich an die Zerstörung der Umwelt ihrer Heimat, erinnert sich an die wundervollen Tage in Norwegen, erinnert sich an den Vater, der das Land beschützen wollte, an die Mutter, die zu den Ausbeutern gehörte.

Die menschliche Größe‹, sagte ich schließlich. ›Eine Kontradiktion.‹
›Wie bitte?‹
›ein Widerspruch in sich. Die Wörter Mensch und Größe gehören nicht in einen Satz.

Es kommt mir fast so vor, als wäre der zweite Teil von einer anderen Schriftstellerin geschrieben worden. Die Figuren aus dem ersten Teil hatten Charakter, Tiefe, diese hier bleiben flach an der Oberfläche, sagen mir nichts. Und wo ist die gesellschaftliche Aussage? Im ersten Teil hat sich Maja Lunde intensiv mit den Bienen und der Imkerei auseinandergesetzt, es hat Spaß gemacht, so viel darüber zu erfahren, eingeflochten in drei komplexe Geschichten. Hier lese ich zwei Geschichten, ganz nett zu lesen, aber Aussagekraft haben beide nicht, die Protagonisten ganz ohne Charakter. Es gibt ein paar erzählerisch schöne Stellen und man kann die Geschichte flott weglesen. Vielleicht war die Erwartung zu hoch durch den extrem guten ersten Teil, »die Geschichte der Bienen«. Das Buch um das Wasser reicht gerade mal bis zum Knie an das erste Buch heran. Die Geschichte des Wassers, der Zusammenhang mit der Erderwärmung, Krieg um Wasserrechte, Versalzung, all das wird nicht ernsthaft angesprochen. Schade.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Das ist kein Buch

Jean Jullien
Fester Einband: 28 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 08.08.2018
ISBN 9783956142505
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Das ist kein Buch!, so der Klappentext, sondern: Das ist ein Monster, ein Computer, ein Tennisplatz, ein Kühlschrank, ein Sessel, ein Schmetterling, ein Po, ein Klavier, ein Theater, ein Zelt, ein Werkzeugkasten, ein Haus, Applaus!

Das Elementarbilderbuch ist etwas größer als DIN A 5, hartkartoniert, abwischar. Die Einzel- oder Doppelseiten zeigen Dinge und Situationen aus dem Alltagsleben von Kindern. Die Bilder sind in klaren Farben mit klarer Bildstruktur gezeichnet, eindimensional gestaltet, mit innovativer Bilderbuchästhetik und geeignet zur Bilderfassung von Kleinkindern. Da die Bilderbuchbetrachtung hohe Anforderungen an das Kind stellt, muss die Bildstruktur schnell zu erfassen sein, Wiedererkennungswert haben. Das ist hier gegeben. Die meisten Bilder sprechen auf der Emotionsebene an, dienen der sprachlichen Entwicklung und der literarischen Ersterfahrung, fördern somit emotionale Kompetenz.

Manche Doppelseiten kann man als Gesamtwerk betrachten, andere auch einzeln. Wundervoll eignen sich einige Seiten zum Kippelklapp, um Bewegung in die Situation zu bringen, oder mit einer Seite hochgeklappt, erreicht man eine neue Dimension (Computer, Klavier). Das Ende kann ganz ausgeklappt (4-fach) oder zum Haus aufgebaut werden.

Laut Verlagsangaben ist das Bilderbuch von 1-3 Jahren geeignet. Dem würde ich von der Gestaltung her zustimmen. Die verschiedenen Bilder regen nicht nur zum Sprechen an, erweitern die Kommunikationsfähigkeit der Kinder, sondern das Buch beinhaltet spielerische Elemente, das den Spaß im Umgang mit dem Medium Buch fördert.

Jean Jullien ist Franzose, lebt in London. Der Grafikkünstler studierte am renommierten Central Saint Martins College und am Royal College of Art und wurde mit seinem »Peace for Paris«-Symbol, dem zum Friedenszeichen stilisierten Eiffelturm, weltberühmt. 

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(39)

65 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 29 Rezensionen

"brasilien":w=4,"gesellschaftskritik":w=2,"freundschaft":w=1,"mord":w=1,"zukunft":w=1,"einsamkeit":w=1,"internet":w=1,"südamerika":w=1,"realität":w=1,"zeitgenössische literatur":w=1,"social media":w=1,"südamerikanische literatur":w=1,"90er":w=1,"lebensgefühl":w=1,"soziale netzwerke":w=1

So enden wir

Daniel Galera , Nicolai von Schweder-Schreiner
Fester Einband: 231 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 11.03.2018
ISBN 9783518428016
Genre: Romane

Rezension:

Der erste Satz: »Dieser plötzliche Drang, die Zerstörung der Welt voranzutreiben, hatte mit dem Gestank von Menschenscheiße auf den Gehwegen zu tun, mit den Dämpfen, die von den Müllcontainern aufstiegen, dem Streik der Busfahrer und der allgemeinen Verzweiflung über die Hitzewelle, die Porto Alegre gegen Ende jenes Januars überrollte, aber wenn es ein vorher und nachher gab, einen Bruch zwischen dem Leben, das ich bisher geführt hatte, dann war es die Nachricht, dass Andrai am Abend zuvor bei einem bewaffneten Raubüberfall ums Leben gekommen war.«

Der berühmte brasilianische Blogger und Schriftsteller, Andrei Dukelsky, Duke genannt, wird Opfer eines Raubüberfalls, jemand war an seinem Handy interessiert, er wird erschossen, banal ermordet. Die halbe Welt trauert um ihn. So profan endet das Leben eines berühmten Mannes, seine Freunde und Fans sind entsetzt. Früher einmal waren Duke und seine drei Freunde Aurora, Emiliano und Antero unzertrennlich, in Porto Alegre gründeten sie das Online-Magazin »Orangotango«. Es war eine Zeit der Grenzüberschreitung jeglicher Art, da sie immer die Apokalypse vor Augen hatten, jede Minute ihreres Lebens genießen wollten. Jeder ist später seiner Wege gegangen, durch den Tod von Duke kommen sie wieder in Kontakt. Das Buch ist in drei Stränge geteilt. Die drei Freunde berichten über sich, gemeinsame Zeiten und über das, was aus ihnen geworden ist.

Duke hat per Testament festgesetzt, dass sämtliche digitalen Spuren von ihm gelöscht werden, nichts Digitales von ihm soll der Nachwelt erhalten bleiben, Blogbeiträge, Manuskripte, Mails. Die einstige Welt des digitalen Aufbruchs, des Teilens, ist für ihn gescheitert. Damals war für die drei Freunde das Internet die Eroberung der Welt: Hinausrufen was passiert, was einen interessiert, sich zu vernetzen, Kontakt zur ganzen Welt zu haben. Heute jedoch gehört die digitale Welt zur Normalität, als Solidaritätsmedium wird sie kaum noch genutzt, Überwachung überall, der eine agiert gegen den anderen, Pöbelei, Egoismus pur.

»Die Moral von der Geschichte war, dass man hochhalten müsse, was uns zu Menschen machte, und dazu gehörte auch die Angst vor dem Tod und vor der Apokalypse.«

Aurora würde gern die Welt verändern, sie will den Welthunger bekämpfen, sie forscht an Zuckerrohrpflanzen. Sie hat bereits ein Stipendium für eine Arbeit erhalten, bei der sie einen Test »zur Erkennung von Sojabohnenschädlingen« entwickelte. Sie ist gut in ihrem Fach, muss sich allerdings gegen einen übergriffigen Professor wehren, zeigt ihn an, der sie nun aus Rache bei der Vorstellung ihres Promotionsprojekts durchfallen lässt. Immer wieder Übergriffe und Degradierung durch Männer, Seilschaften, durch die man als Frau kaum eine Chance hat durchzudringen.

»Ich drehte mir einen Joint und rauchte ihn hektisch, während ich die Fotoalben einiger unbekannter Facebook-Freundinnen durchging. Allmählich war es Zeit, mir einen runterzuholen.«

Antero geht es gut, er besitzt eine einträgliche Werbeagentur, ist zu Wohlstand gekommen, er ist verheiratet, hat ein Kind. Allerdings ist er von Verbitterung getrieben, denn Glück und Wohlbehagen kann man nicht kaufen.

Emiliano arbeitet freiberuflich als Journalist, das Geld reicht zum Leben, aber man weiß nie, welche Aufträge in der Zukunft kommen werden, auch er ist nicht glücklich mit seinem Leben. Emiliano ist schwul, kann keine emotionale Ebene zu seinen wechselnden Liebschaften aufbauen, seine große, unerfüllte Liebe ist Duke. Ein Verlag bietet Emiliano an, über Duke eine Biografie zu schreiben. Ist es moralisch verwerflich, mit dem Tod eines Freundes Geld zu verdienen? Was sagen die Freunde dazu?

Das Thema ist gut, aber es kam bei mir nicht an. Denn das eigentliche Thema in diesem Roman ist Sex. Damals, als sie glaubten, die Apokalypse stünde bevor, drehten die Freunde Minipornos, ein Thema, das ausgeweitet wird. Heute spielt Sexualität eine große Rolle, niemand ist glücklich in seinem Leben, mit seiner Sexualität, und alle paar Seiten hat einer der Protagonisten einen Ständer oder holt sich einen herunter. Das wird auf die Dauer langweilig, weil es aus Langeweile geschieht, an sich nichts Erotisches hat, nur Papier füllt. Daniel Galera schreibt verdammt gut, wortgewaltig, streckenweise. Diese Abschnitte sind wundervoll. Allerdings bleiben mir die Protagonisten fern, letztendlich ist die kultur- und netzkritische Aussage, die ich erwartet hatte, für mich nicht ernsthaft angegangen worden. Sisyphos, Marquis de Sade, Selbstzerstörung, viele Themen, aber wohin die Reise gehen soll, ist mir entgangen. Weniger Ständer, Masturbation und Sexfantasien hätten dem Text vielleicht zu mehr Tiefe verholfen. Mag auch sein, dass man nur als Mann mit dem Roman etwas anfangen kann.

Damals wollten wir die Welt verändern und sind bis heute keinen Schritt weitergekommen, so resignieren die Protagonisten in kollektiver intellektueller Depression. Heute genauso kaputt die Welt wie damals, nur eben anders. Was ist Leben, was ist der Tod und was kommt nach uns?

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(35)

63 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 20 Rezensionen

"oscar de muriel":w=4,"der fluch von pendle hill":w=3,"krimi":w=2,"mord":w=2,"hexen":w=2,"historischer krimi":w=2,"1889":w=2,"ein fall für frey und mcgray":w=2,"england":w=1,"reihe":w=1,"19. jahrhundert":w=1,"schottland":w=1,"fluch":w=1,"psychopath":w=1,"gift":w=1

Der Fluch von Pendle Hill

Oscar Muriel , Peter Beyer
Flexibler Einband: 502 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 15.01.2018
ISBN 9783442485062
Genre: Historische Romane

Rezension:

Der Anfang (1624): »Zieh die Vorhänge auf‹, befahl Lord Ambrose, nach Luft ringend vor Anstrengung. ›Ich muss sehen, wie sie sterben.‹«

1889 in Edinburgh, in einer Psychiatrie ist eine Krankenschwester vergiftet worden, mit den letzten Atemzügen behauptet sie, ihren Mörder zu kennen: Lord Ardglass. Allerdings ist der Sohn von Lady Ann längst verstorben, so lautet die offizielle Version. Der Mörder habe auch mit der Frau gesprochen, die seit ihrer Einlieferung kein Wort mehr geredet hat. Inspector McGray ist zufällig anwesend, er besuchte seine Schwester, die Stumme. Nun kommt heraus, Lord Ardglass, ist nicht tot, der extrem aggressive Mann war Patient in dieser Irrenanstalt. Der gefährliche Mann muss gestellt werden, von ihm geht eine Gefahr für das gesamte Land aus. Inspector McGray und Inspector Frey verfolgen den Mörder durch Schottland, Nordengland bis nach Pendle Hill, der Ort, an dem vor langer Zeit Hexen hingerichtet wurden.

»Noch immer glaubten daher alle, meine Verlobte habe mir den Laufpass gegeben, ich sei degradiert und gezwungen worden, die schmachvolle und lächerliche Stelle anzunehmen, die das britische CID anzubieten hatte. Ich fungierte als Assistent der neu gegründeten Kommission zur Aufklärung ungelöster Fälle mit mutmaßlichem Bezug zu Sonderbarem und Geisterhaftem.«

Bis circa zur Mitte schleicht der Plot dahin. Die Story an sich ist nicht schlecht, aber manch einer wird bei dem Tempo verlorengehen. Wer bis zur Mitte durchhält, wird belohnt. Jetzt steigt die Spannung an. Allerdings birgt der Handlungsablauf nichts Neues. Die beiden Ermittler sind stets dem Lord auf der Spur und haben ihn sozusagen gestellt, doch im letzten Augenblick kann sich den Mann herauswinden, die Ermittler beziehen jedesmal Prügel. Einer von beiden will aufgeben, den Mörder laufen lassen, der andere treibt voran. Das im Wechselspiel: The same procedure as last year.

»Und wie bezahlen Sie dann … Ihre Pints und Ihre Whiskys oder diese grauenhaften Portionen Haggis. Die Ihnen so ans Herz gewachsen sind?‹
McGray zuckte mit den Schultern. ›Ich sage, dass ich vom CID bin, und dann geben mir die Leute einen aus. Haben Sie das noch nie ausprobiert?«

Fay ist jung und einfältig, aus gutem Haus, gebildet, McGray ist ein erfahrener Mann, dabei abergläubig, ungehobelt und dreist. Die beiden ergänzen sich, können sich aber nicht leiden, müssen miteinander klarkommen. Am laufenden Band beschimpft McGray den jungen Fay, beleidigt ihn maßlos, nennt ihn dauernd »Londoner Mädchen« auch das stumpft ab. Der Gegensatz der beiden ist nach altem Muster gestrickt.

Oscar Muriel historischen hat einen historischen Fall in die Geschichte eingeflochten, die Verurteilung der Lancashire-Hexen. Den Roman sollte man nur zur Hand nehmen, wenn man ein geduldiger Leser ist. Es gibt gute Passagen, aber große Sprachgewalt ist nicht zu erwarten. Der Prolog war für mich das Beste am gesamten Roman, der war klasse. Ich fand das Buch insgesamt nicht schlecht, Begeisterung sieht aber anders aus. 

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(26)

40 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 25 Rezensionen

"trennung":w=3,"familie":w=2,"familiengeschichte":w=2,"hanser berlin":w=1,"freundschaft":w=1,"erste liebe":w=1,"münchen":w=1,"coming-of-age":w=1,"familienroman":w=1,"brandstiftung":w=1,"deutsche autorin":w=1,"scheidungskind":w=1,"einzelkind":w=1,"sozialarbeit":w=1,"neue familie":w=1

Der rote Swimmingpool

Natalie Buchholz
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 14.05.2018
ISBN 9783446259096
Genre: Romane

Rezension:

Der Anfang: »Aus der Urteilsbegründung: Der Angeklagte wird zu hundertzwanzig Arbeitsstunden verurteilt, die in der Altenpflege abzuleisten sind. Damit wird dem Vorschlag der Jugendgerichtshilfe stattgegeben. Von einer Freiheitsstrafe wird abgesehen, da der Angeklagte geständig ist, Reue zeigt und sich seines Fehlverhaltens bewusst ist.«

Das Buch hat mich um den Schlaf gebracht, es musste beendet werden, bis in die Morgendämmerung. Der Roman ist dem Genre Allage zuzuordnen, denn die Geschichte um den 18/19-jährigen Adam spricht garantiert Jugendliche ab 15 an und Großmütter wie ich, finden die Geschichte ebenso spannend. Eine kurze Zeitspanne in Adams Leben lässt für ihn die Welt zusammenbrechen. Die Geschichte beginnt mit einer Verurteilung zur Sozialstrafe durch einen Jugendrichter, Adam muss im Pflegebereich 120 Stunden abarbeiten. Das macht er ziemlich gut. Fein schildert Natalie Buchholz Adams Arbeitsalltag in der häuslichen Pflege, sein behutsames Umgehen mit den Senioren beim Waschen. Dieser Strang spielt im Jetzt, Adam ist 19, er will Medizin studieren, sein Abi ist entsprechend gut ausgefallen.

»Das Knirschen der Kieselsteine, auf die ich trat, als wir das Grab verließen, kam mir lauter vor denn je. Ich versuchte, so zu gehen, dass meine Schritte nicht zu hören waren, doch es half nichts. Die Kiesel knirschten in meinem Kopf, und der wütende Gesichtsausdruck meiner Mutter vor dem Grab ihrer Schwester knirschte mit. Ich dachte daran, was sie am Abend zuvor zu meinem Onkel gesagt hatte. Dass mein Vater nicht mehr mit ihr spreche. Dass sie glaubte, sie würden nicht mehr zueinanderfinden.«

Der zweite Strang spielt in der Vergangenheit. Wir erfahren etwas über eine perfekte Familie. Alle Freunde beneiden Adam, denn deren Eltern sind entweder geschieden, oder schreien sich nur noch an. Adams Mutter stammt aus Frankreich, sie hat diesen süßen Akzent und sie ist wunderschön, sie entwirft Mode. Der Vater arbeitet erfolgreich als Unternehmensberater, beruflich ist er viel unterwegs, und er liebt seine Frau unendlich. Für sie hat er dieses Haus gekauft, einen Pool bauen lassen, denn sie vermisst das Meer und die Sonne, Frankreich. Die Fliesen des Pools sind rot wie der Sonnenuntergang. Die Mutter zieht täglich ihre Bahnen, schon hier auffällig, wie sehr der Pool auf die Mutter zeigt, nicht auf den Sohn, bzw. auf einen Familienspaß. Es gibt feste Rituale zwischen Vater und Mutter und Vater und Sohn, wenn der Vater von einer Dienstreise nach Hause kommt. Doch diesmal ist es anders. Der Vater bringt zwar etwas mit, doch das Ritual ist gebrochen, ein Sprung in der Schüssel. Und dann ist der Vater wieder weg, kehrt diesmal nicht zurück. Es kommt noch viel schlimmer, die Mutter und Adam müssen ausziehen, der Vater zieht mit einer neuen Frau in Adams Heim ein, zusammen mit zwei kleinen Mädchen.
Adam versteht die Welt nicht mehr, kurz vor seinem Abitur prasselt alles auf ihn ein: Die Tante verstirbt, Vater und Mutter lassen ihn im Stich. Gestern alles heile, heute alles kaputt. Warum? Niemand redet mit ihm. Die Mutter zieht nach Paris, er könne nach dem Abitur folgen. Sie lässt ihn einfach zurück. Der Vater antwortet nicht auf Mails, SMS, bricht den Kontakt ab. Warum? Adam zieht in eine WG, beobachtet das alte Haus, sieht den Einzug der neuen Familie, sieht den Vater, der liebevoll mit den »neuen Mädchen« umgeht, mit der neuen Frau. Der Vater weigert sich, mit Adam zu reden, später, irgendwann, er braucht Abstand, muss sich neu sortieren. Adam hat nur noch Tom, seinen besten Freund. Gestern von allen geliebt, heute von allen verlassen.

Natalie Buchholz beschreibt wundervoll, im Rückblick wie Adam seine Eltern beobachtet, wenn der Vater nach Hause kommt: Sie im Pool, er am Beckenrand, wie zwischen ihnen die Sonne aufgeht, wenn der Vater die Mutter küsst. Im Subtext lauern die ersten Vorboten, feine Beobachtungen, hier ziehen Wolken vor die Sonne. Rot ist die Liebe, rot ist das Feuer, das alles verbrennt.

»Immer wenn es emotional wurde, wurde er sachlich.« (Tom)

Auch im Coming-of-age von Adam gibt es viel Subtext, Erwachsenwerden auf allen Ebenen und Wut im Bauch, weil Adam nichts versteht. Die Autorin wechselt von Kapitel zu Kapitel zwischen den beiden Strängen: Was war und wie geht es weiter. Der Leser vernimmt gleich auf der ersten Seite, Adam hat etwas angerichtet und es war ziemlich heftig. Erst am Ende erfährt man, was genau passiert ist, Häppchen für Häppchen führt die Autorin dorthin, durch den Rückblick versteht man Adam, seine Wut. Geschickt konstruiert ist die doppelte »Liebesgeschichte«. Die Eine war, verwelkt, entwickelt sich zur Katastrophe. Im zweiten Strang blüht eine Liebe auf, Adams erste Liebe zu Tina und es blüht in ihm Verantwortung auf, loszulassen von den Eltern, für sich selbst verantwortlich zu sein, auch für andere, die Senioren, und er lernt seine Wut zu zügeln. Tom, der beste Freund von Adam, das Gegenteil zu dem emotionalen Adam, hilft ihm, mit seiner nüchternen Art, sich zu erden. Tina, die Unkonventionelle, die Adam hilft, sich abzunabeln, fein gewählte Figuren, die dem Roman die richtige Würze geben.

Jugendlich frech, eine klare Sprache, schnörkellos, Natalie Buchholz startet mit ihrem Debüt gefällig in Sprache und Aufbau. Präteritum und Präsens wechseln in den Strängen. Im Subtext wundervolle Andeutungen auf das, was kommen wird, eine Sprache voller Symbolik. All age – all Gender – hier ist für ziemlich jeden Leser etwas drin. Familienkatastrophe, so etwas kennt jeder. Hätten wir geredet, hätten wir verstanden. Nach einem Bruch will jeder seinen Weg gehen, sich neu orientieren, neu anfangen, das Alte hinter sich lassen. Und mitten drin stehen die Kinder, die nichts verstehen, diesen Bruch nicht akzeptieren. Man will nicht schlecht über den anderen reden – oder genau das. Man versteht selber nicht, wie alles hat passieren können – oder ist froh, dass nun alles ein Ende hat. Man ist verletzt, verlassen, verstört, zerstört – oder happy, endlich frei atmen zu können. Mit den Kindern will niemand reden, sie nicht verletzen, sie verstehen das sowieso nicht, man versteht es ja selbst nicht. Aber genau das ist falsch. Kinder und Jugendliche sind nicht dumm, sie wollen verstehen, zumindest wollen sie eine Erklärung. Ein Roman, der eigentlich alle angeht, der einen Sog entwickelt, spannend in der Handlung, doch tief in seiner Emotion und Aussagekraft. Ich freue mich auf den nächsten Roman von Natalie Buchholz.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(12)

39 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 4 Rezensionen

"hanser,carl":w=1,"usa":w=1,"reise":w=1,"suche":w=1,"rassismus":w=1,"amerikanischer autor":w=1,"magischer realismus":w=1,"50er":w=1

Lovecraft Country

Matt Ruff , Anna Leube , Wolf Heinrich Leube
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 14.05.2018
ISBN 9783446258204
Genre: Romane

Rezension:

»Egal, was sie dir antun, hinterher ist es, als wäre nichts geschehen. Du sollst einfach bloß dankbar sein, dass du überhaupt noch am Leben bist.«

Eins dieser Bücher, das man unbedingt lesen sollte. Warum? Es ist wundervoll geschrieben, spannend, humorvoll und es ist wichtig in seiner Aussage, erscheint genau zur richtigen Zeit. Worum geht es? Wenn ich Rassismus sage, wäre das zu wenig. Welches Genre? Science-Fiction, Fantastik, Historik, Horror, gesellschaftskritischer Roman … Matt Ruff ist genial, er webt alles zusammen.

»Was sich in den nächsten Augenblicken abspielte, war George und Atticus schrecklich vertraut: Man befahl ihnen, aus dem Wagen zu steigen, sie wurden geschlagen, angeschrien, durchsucht, erneut geschlagen, zum Schluss wieder an die Rückseite des Packard geführt, wo sie sich mit hinter dem Kopf verschränkten Händen und gekreuzten Beinen auf die Stoßstange setzen mussten.«

Die Geschichte ist in verschiedene Episoden gegliedert. Der farbige Korea-Veteran Atticus Turner fährt von Jacksonville, Florida, nach Chicago. Für Farbige ist es lebensgefährlich durch manche Gebiete zu reisen, es gibt nur wenige Orte, in denen sie halbwegs geschützt sind, denn es gibt Flecken, da ist man nicht nur unwillkommen, man muss sogar damit rechnen, es nicht zu überleben, hier durchzureisen. Atticus hatte von seinem Vater eine merkwürdige Nachricht erhalten, es ginge um Geburtsrechte. Die beiden haben sich lange nicht gesehen. Doch der Vater ist zu Hause nicht aufzufinden. Zusammen mit Onkel George geht es nun auf eine Reise nach Ardham, Massachusetts, Montrose Turner zu suchen. Mit dabei ist die unkonventionelle Letitia Dandridge, was Atticus nicht gefällt. Das Ganze spielt in den 1950er-Jahren der USA, zu Zeiten der Jim-Crow-Gesetze zur Rassentrennung. Onkel George vertreibt den »Safe Negro Travel Guide«, der halbwegs sichere Reiserouten für Farbige vorschlägt, Restaurants, Tankstellen, Autowerkstätten und Hotels benennt, die Farbige bedienen, vor No-Go-Areas warnt. Das Dumme an Reiseführern ist, dass sie lediglich das Gestern abbilden. In diesem Fall kann eine überholte Reisempfehlung tödlich sein. Wie gut, dass sie Letitia dabei haben und ihr absolutes Gottvertrauen … Auf der Suche nach dem Haus, in das Atticus von seinem Vater eingeladen wurde, begegnen sie sehr rabiaten Gesetzeshütern. Sie treffen in dem einsamen Herrenhaus ein, und es stellt sich heraus, Montrose ist bei dem »adamitischen Orden der alten Morgenröte« zu Gast. (»Order of the Golden Dawn», hermetischer Orden der Goldenen Dämmerung, kurz: Golden Dawn, war eine okkulte diskrete Gesellschaft von 1888. Im Gegensatz zur theosophischen Gesellschaft, die sich mit asiatischen Philosophien beschäftigte, verstand sich der Golden Dawn als Fortführung der europäischen Mysterien, insbesondere der Tradition der Rosenkreuzer.) Was hat Montrose in dieser rassistischen Loge der »Söhne Adams« zu suchen? Der Vorsitzende Samuel Braithwhite und sein Sohn Caleb heißt die Reisegruppe willkommen. Doch wo steckt Montrose wirklich?

»›Ist alles in Ordnung, Miss? Werden Sie belästigt?‹
Er sah an ihr vorbei, kniff blutunterlaufene Augen zusammen. ›Waren es die da?‹
Etwas im Ton, wie er ›die da‹ sagte, veranlasste Ruby, sich umzudrehen. An der Ecke standen vier halbwüchsige Schwarze und warteten auf Grün. Warteten einfach.
›Waren es die da?‹, wiederholte der Polizist. ›Haben sie was zu Ihnen gesagt? Irgendwas getan?‹
Ruby wurde wieder ganz flau im Magen, und sie dachte: Ich könnte ihm alles und jedes erzählen, und er würde mir glauben. Wenn ich wollte, könnte ich die Jungs umbringen lassen. Ich könnte.«

Das Which-Haus, das Letitia kauft, scheint ein Spukhaus zu sein, es rüttelt und schüttelt sich. Es befindet sich mitten im Weißenvietel, die Nachbarn stehen Kopf, eine farbige Frau in der Nachbarschaft! Ruby, Letitias Schwester, trinkt einen magischen Trank, der sie weißhäutig macht. Plötzlich begegnen ihr die Menschen vor der Tür völlig anders. Zunächst ängstigt sie die Freundlichkeit ihrer Mitmenschen, dann begreift sie den Gewinn und freut sich, zur Herrscherklasse zu gehören, nimmt sie die Welt aus einer anderen Perspektive wahr. Ein Polizist möchte der hübschen weißen Frau imponieren, irgendwas werden die schwarzen Jugs schon angestellt haben … Ruby spürt die Macht, die sie plötzlich besitzt.

»Er stand neben dem Packard und wischte sich den Schlaf aus den Augen, als er Gelächter von den Zapfsäulen her hörte. Ein LKW-Fahrer und ein Typ von der Tankstelle grinsten ihn an und stießen einander die Ellenbogen in die Rippen. Atticus schaute auf die halbaufgegessene Banane in seiner Hand und spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg. Zum ungefähr millionsten Mal in seinem Leben fragte er sich, ob es irgendeine Möglichkeit gab, wie er das ignorieren und einfach seiner Wege gehen konnte, und fand, dass die geringfügigeren Kränkungen am schwersten hinzunehmen waren. Dann begann der Typ von der Tankstelle, sich auf die Brust zu trommeln und wie ein Affe zu kreischen, und Atticus warf die Banane weg und ballte die Fäuste.«

Alle acht Geschichten fügen sich zusammen im letzten Kapitel: »Das Kainszeichen«. Neblige Landschaften, düstere Wälder, ein abgelegenes Herrenhaus, eher eine Festung, Spukhaus, ein Zauberbuch, eine verwunschene Sternwarte, menschenfressende Felsblöcke, der Kontakt mit anderen Universen, im Subtext immer ein wenig dunkel und gruselig… Doch in diesem Roman ist der Mensch an sich eine Horrorgestalt. Sogenannte brave Bürger und Staatsbeamte die Recht und Ordnung aufrecht erhalten sollen, machen Jagd auf Schwarze. Nur ein toter Ne… ist ein guter Ne… Letztendlich sind die Figuren aber wesentlich komplexer. Hier gerät kein Held plötzlich in ein Unglück, wird getrieben. Alle diese Figuren begeben sich freiwillig in Unannehmlichkeiten, Gefahr, sie wissen, was folgen könnte. Genau das ist die Kraft der Protagonisten. Sie sind unbequem, neugierig, pochen auf ihre Rechte, wehren sich. Jeder für sich ist eine Persönlichkeit und Matt Ruff lässt uns hinein in ihr Innerstes. Das ist Matt Ruff, so kennt man ihn, tief eintauchen in Charaktere, den Leser mitnehmen auf eine große Reise, nicht schlicht einen Helden reisen lassen. In der realen Welt, im täglichen Spießrutenlaufs für Afroamerikaners dieser Zeit hat mir das Buch spitzenmäßig gefallen. Man kann es sich kaum vorstellen, aber es ist die reale Welt der 50-er der USA, die noch heute sehr rassistisch ist. Die phantastischen Ausflüge fand ich eine Stufe schwächer, habe sie aber auch gern gelesen. Als Gesamtkonzept ein wundervoller Roman.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(134)

195 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 96 Rezensionen

"krimi":w=12,"cold case":w=8,"hamburg":w=6,"mord":w=5,"elbmarsch":w=5,"vergangenheit":w=4,"marsch":w=3,"apfelernte":w=3,"romy fölck":w=3,"apfelhöfe":w=3,"totenweg":w=3,"deichgraben":w=3,"spannend":w=2,"kriminalroman":w=2,"düster":w=2

Totenweg

Romy Fölck
Fester Einband: 380 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 23.02.2018
ISBN 9783785726228
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der Anfang: »Er blickte auf das Nokia, das in seiner Hand vibrierte, steckte es ein, zog es wieder heraus und nahm den Anruf an. Nickte, während die Krankenschwestern mit hektischen Schritten einen Bogen um ihn schlagen mussten, weil er ihnen im Weg stand.«

Frida, seit ein paar Jahren Polizistin, derzeit auf der Polizeischule, in der Ausbildung zur Kommissarin, kehrt zurück in die Elbmarsch. Ihr Vater liegt im Koma, er wurde spät abends hinterrücks auf den Kopf gehauen. Sie kehrt nach 18 Jahren in die Heimat zurück. Damals wurde ihre beste Freundin ermordet, der Täter wurde nie gefasst. Ihre Eltern hatten Frida aufs Internat nach Bayern geschickt, sie war nie wieder zurückgekehrt. Der damals ermittelnde Kommissar kommt auf den Hof, stellt Fragen zu dem versuchten Mord am Vater, und er will von Frida wissen, was sie ihm damals verheimlicht hat. Er ist sicher, sie hat damals nicht alles erzählt. Die Apfelernte ist im vollen Gang, Frida muss der Mutter helfen, die Ernte zu organisieren. Wo ist der Vorarbeiter, fragt sich Frida? Er wohnte mit seinem Sohn seit ewigen Zeiten auf dem Hof. Mit dem Vater zerstritten, rausgeschmissen, mehr weiß die Mutter auch nicht. Die polnischen Erntehelfer weigern sich zu arbeiten, weil noch Lohn offensteht. Frida nimmt sich Urlaub. Der Hof ist überschuldet, das Haus ist runtergekommen, die Maschinen sind veraltet. Wie soll sie nur den Hof retten?

»Nun würde es sich zeigen, ob sie ihre tägliche Dosis einnahm. Wenn sie die Tabletten nicht schluckte, sondern heimlich entsorgte, würde er es auch nicht bemerken.«

Die Kriminalgeschichte, der versuchte Mord am Vater, ist hier Nebensache. Dafür ist der Kommissar zuständig und sehr emsig ist er in diesem Fall nicht. Es will immer noch den Täter von damals schnappen, recherchiert lieber in diese Richtung. Auf dem Hof passiert nun sehr viel. Es gibt einige Tote, nicht nur die, die während des Geschehens ums Leben kommen, es werden Vermisstenfälle geklärt, Unfälle. Frida hetzt durch die Geschichte, hat kaum Zeit zu schlafen, fast minütlich ergeben sich neue Problem, unglaubliche Dinge passieren und das eine hat nicht unbedingt etwas mit dem anderen zu tun. Auch der Leser bekommt kaum Luft, denn irgendwann reicht es mit noch mehr Klamauk und Zufällen. Als Leser verliert man die Lust bei so vielen Handlungssträngen und Nebenbaustellen. Ein Kriminalroman ist das nur im weitesten Sinn, Spannungsliteratur auf jeden Fall. Frida ermittelt nicht, sie wird getrieben von Ereignissen, ist mit dem Hof beschäftigt. Kommissar Haverkorn bekommt kaum Raum in diesem Buch, entwickelt sich zur Nebenfigur, bzw. die ganzen Ereignisse wären auch zu viel für einen einzigen Ermittler. Haverkorns Frau ist depressiv. Er merkt an ihrem Verhalten, dass sie ihre Tabletten nicht nimmt, bringt sie zum Arzt. Und dann sagt er, er würde es sowieso nicht bemerken, ob sie die Tabletten nun nimmt oder nicht … Alles etwas wirr. Auf dem Hof von Fridas Eltern, in diesem Dorf, gibt es verdammt viel kriminelle Energie. Und irgendwie ist das am Ende alles so in Ordnung, man kann das alles verstehen, menschlich gesehen. Irgendwann hört für mich allerdings das Verständnis als Lesers auf! Ich will nicht in Einzelheiten gehen, herumspoilern.

»Nur einem Menschen habe ich davon erzählt. Dem Pfarrer bei der Beichte … hat ihn abgehört. Er hat mir das kleine Tonband vorgespielt.«

Mit fehlte der rote Faden. Die ganze Zeit fragte ich mich, welches Ziel hat dieses Buch, welche Message? Leider bin ich bis zum Ende nicht fündig geworden. Was ist das Ziel? Viele Tote zu fabrizieren, viele Straftaten, mit viel, viel Action? Am Ende versucht die Autorin die Fäden zusammenzuknoten, ein paar sind unterwegs verlorengegangen, und alles klingt so verdammt unglaubwürdig und konstruiert, dass man das Buch in die Ecke knallt. Die Unglaubwürdigkeiten ziehen von Anfang an durch das Buch. Frida kommt nach 18 Jahren auf den Hof zurück. Der Hofhund erkennt sie. Vielleicht experimentierten die Eltern mit Anti-Aging-Pillen? Fridas Pferd erkennt sie auch, kann man gerade so durchgehen lassen. Eine Freundin aus dem Internat schenkt Frida 15.000 €, weil sie ihr einen Gefallen schuldig ist. Einfach so. Und ein Bauer schenkt ihr 50.000 €, weil er sich dem Vater gegenüber schlecht benommen hat, und weil er wegen einer ganz anderen Sache ein schlechtes Gewissen hat. Der pensionierte Lehrer scheint noch sämtliche Notizbücher von allen Klassen zu besitzen, die er jemals unterrichtet hat, alle Schulhefte der Kinder. Alle Menschen helfen Frida, mit Personal und Maschinen, mit Geld. Ach, ist die Welt in der Elbmasch in Ordnung … wenn da nicht die anderen Sachen wären. Da ist man nicht so zimperlich. Straftaten, Morde, Vertuschungen, Offenbarungen, alles Schlag auf Schlag, und noch einen drauf. Sämtliche Figuren sind hier klischeehaft und überzogen und in ihrer Psychologie so gar nicht schlüssig. Holsteiner Urgestein, ehrenhafte Bauern, die für Recht und Ordnung stehen, die machen … Glaube ich nicht. Der Fiesling ist klar: Ein Fremder, zugezogen, der Höfe aufkauft und mit modernen Maschinen arbeitet, der das Dorf leerkaufen will. Und der hängt im Beichtstuhl ein Abhörgerät auf, um Bauern mit seinem Wissen zu erpressen. Mich verwundert, dass er Erfolg hat, denn Schleswig Holstein hat nur rund 5 % Katholiken. Nebenbei, das ist einer der Fäden, die im Sand verlaufen. Die Polizisten nehmen es zur Kenntnis. Ende. Ich will nicht weiter spoilern, aber ich könnte jede einzelne Figur zerpflücken, weil sie psychologisch nicht stimmig ist. Am Ende hält man das Buch in der Hand und fragt sich, was hier eigentlich los war, und welchen Sinn es ergeben soll. Mit der Hälfte der Ereignisse wären der Plot glaubwürdiger gewesen, Figurentiefe und ruhiges Fahrwasser hätten dem Roman gutgetan, ein roter Faden und Bilder, die den Leser in die Szenen führen.

Sprachlich hat mich der Krimi am Anfang etwas genervt. Es wimmelt von Ausdrucksfehlern, schlechte Stilistik machte es mir nicht leicht. Dazu die unlogischen Begebenheiten. Die Sprache wird im weiteren Verlauf besser. Allerdings gibt es in dieser Geschichte keine Ruhepause für den Leser, nicht nur sprachlich gesehen. Es entstehen keine Bilder, so bleibt alles farblos. Da holpert so einiges im Affentempo über das Kopfsteinpflaster. An dieser Stelle frage ich mich, warum das Lektorat so unaufmerksam gearbeitet hat? Ich will die Autorin nicht in Schutz nehmen, es waren mir aber schlicht zu viele Mängel. Aber wer macht ein solches Lektorat? Ich bin raus aus der Serie, Band 1 hat genügt.

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Das Kreuz des Südens

Sabine Kaufmann
Flexibler Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Silberburg, 26.04.2018
ISBN 9783842520844
Genre: Historische Romane

Rezension:

»Keine Sorge, wir haben einen erfahrenen Rekrutenwerber verpflichtet. Er versteht es, schnell und vor allem geräuschlos zu agieren.«

Herzog Karl Eugen, Regent von Württemberg, war ein Lebemann, eher an den schönen Dingen des Lebens interessiert. Rauschende Feste, Mätressen, gutes Essen, Schlösser und Gärten verschlingen mehr Geld, als über die Steuer hereinkommt. Bei den Banken hochverschuldet, die Steuerschraube findig überstrapaziert, muss er nach neuen Möglichkeiten suchen, seinen Luxus zu finanzieren. Die Vereinte Ostindische Kompanie (VOC) sucht Soldaten, die in Südafrika das Kap der Guten Hoffnung beschützen, denn die Engländer würden sich das Gebiet gern einverleiben. Kurzerhand macht Karl Eugen mit den Holländern einen Vertrag, verkauft ihnen ein Regiment Soldaten. Die müssen allerdings erst rekrutiert werden. In der Regel läuft die Rekrutierung nicht gänzlich freiwillig ab.

Lotte Morell hat es nicht leicht. Die Eltern sind verstorben und ihre Stiefmutter hat sich die väterliche Gastwirtschaft unter den Nagel gerissen, der Bauer, bei dem sie sich als Magd verdingt, misshandelt und missbraucht sie. Wie schön haben es die Männer! Niemand grabscht sie an, kommandiert sie, wäre sie doch ein Mann. Lotte hört, man suche Soldaten für Südafrika, und da kommt ihr die Idee, sich als Mann zu verkleiden, denn es wird ein guter Sold versprochen. – Joseph Baptist Jett, genannt Jo, ist der Sohn eines Weinbauern, hat Stress und er ist dem Wein eher abgefüllt in Fässern angetan. Harte Arbeit mag er gern mit Freizeit ausgleichen, das passt dem Vater nicht und nun hat er auch noch ein Mädel geschwängert. Ein netter Mann, Franz Wolfsfskeel, lädt ihn auf einen Krug Wein ein, und noch einen und noch einen. Jo wacht mit schwerem Kopf auf, er befindet sich in einer Kaserne. Hatte er einen Vertrag unterschrieben? - Theobald von Hügel ist verlobt mit Madame Kayser, die gern teure Dinge einkauft. Karl Eugen macht ihn zum Oberst, ein Segen für Hügel, dessen Erbe dahinschwindet. Der Herzog hatte ihn auserkoren, da irgendein Trottel die 3000-Mann-Truppe ja nach Afrika führen muss. Truppenausbildung, schlechte Verpflegung, ein winterlicher Marsch nach Holland, noch schlechtere Unterkunft und Verpflegung, eine abenteuerliche Schiffsfahrt. Nicht alle Männer kommen an in Südafrika.

»Nach der Fahnenweihe ergriff der Oberst das Wort. Die Soldaten seien dem Herzog und dem Vaterland zur absoluten Treue verpflichtet. Die Standarte des Kompanieregiments hätten sie wie ihr Leben zu verteidigen. Opferbereitschaft sei die höchste Tugend und der Eid ein Gelöbnis vor Gott. Wer fliehe, versündige sich gegen den Herren.«

Nachdem die Hauptprotagonisten, sich als junge Menschen zweierlei Geschlechts herauskristallisierten, hatte ich die Befürchtung, der Roman könne zuviel »Love« enthalten. Keine Sorge, hier gibt es keine Liebesgeschichten. Danke Sabine Kaufmann! Die Autorin schreibt präzise, historische Fakten verbinden sich in einem spannenden Plot. Sabine Kaufmann beschreibt sehr anschaulich den Lebensstil des Herzogs, seine Geldprobleme und den gnadenlosen Umgang mit seinem Volk. Er hatte schon einmal Soldaten verkauft, nach Amerika. Seine Untertanen sind für ihn lediglich Zahlesel und Vieh, das man verkaufen kann. Für die Kaptruppen wurde ein harter Kurs im Rekrutierungsverfahren durchgezogen. Junge Männer wurden betrunken gemacht, unterschrieben im Suff, lesen und schreiben konnte sowieso kaum einer, und wer letztendlich die Kreuze unter den gemacht hatte … Dorfdeppen und Gemeinderüpel oder sonst wie unliebsame Bürger wurden den Werbern seitens der Gemeinden auch gern untergeschoben. Der Sold war theoretisch sehr hoch für die Truppe, allerdings wurden die Soldaten vertragsmäßig über den Tisch gezogen, Ausrüstung und Verpflegung wurden abgezogen, in Kapstadt wurde in Papiergeld (ungewöhnlich zu der Zeit) ausgezahlt, das extra dort gedruckt wurde, nur dort Wert hatte. Offiziere mussten sich selbst ausrüsten, waren deshalb schon bei Abfahrt hoch verschuldet.
Der Befehl vom Herzog lautete: Das alles darf nichts kosten! Bereits auf dem Weg nach Holland gab es Versorgungsprobleme, Scharfschützen begleiteten den Trupp, denn gegen Deserteure ging man hart vor, jeder zweite wäre gern ausgebüchst. Durch die Bedingungen wurden viele Soldaten krank. Auf dem Schiff verhielt es sich auf der Überfahrt nicht besser, unter Deck herrschte ein unerträglicher Gestank, denn es war übelst dreckig. Schlechte Nahrung und verdorbenes Wasser gaben vielen Männern den Rest. Menschen wurden wie Vieh behandelt, dem Herzog war es egal, er brauchte Geld für den Bau seines neuen Schlosses.

»Wenn ihr die Verträge genau gelesen hättet, wüsstet ihr, das Kleidung und Verpflegung euch vom Sold abgezogen werden. Vertrag ist Vertrag.« …
»Rixdaler, was ist das überhaupt?« Jo streckte seinen Arm in die Luft und wedelte mit den Scheinen.
»Rixdaler ist die offizielle Währung der Vereinten Ostindische Kompanie, die hier am Kap ausgegeben wird.«
»Und die in Württemberg wertlos ist«, unterbrach ihn Jo.
»Was sollen wir mit den ollen Lappen?«

In Kapstadt angekommen, ging es den Soldaten in sofern gut, da sie eigentlich nichts zu tun hatten. Sie waren zum Schutz der Holländer gegen die Engländer stationiert, jedoch ließen sich die englischen Schiffe nicht blicken. Die Offiziere führten ein prächtiges Leben im Nichtstun, bereicherten sich durch Nebeneinkünfte durch Geschäfte mit den Buren und zockten den gemeinen Soldaten ab, dem sie die Armeegüter teuer verkauften. Die Autorin beschreibt das Leben beider Seiten, Offizier und gemeiner Soldat, eingebettet in eine spannende Geschichte. Die Württemberger hatten sich irgendwann am Kap eingelebt, als ein Gerücht herumging: Man brauche sie nicht mehr in Kapstadt, sonder in Ostindien. Alle fürchteten das mörderische ostindische Klima. Das Regiment wurde es 1791 nach Ostindien verlegt, aber das ist eine andere Story.

Sprachlich hat mir der Roman gut gefallen, Sabine Kaufmann schreibt jeweils aus der Sicht der agierenden Protagonisten, bildhafte Sprache in einem rasanten Plot. Die geschichtlichen Eckdaten findet man am Ende des Buchs, ebenso Kurzbeschreibungen zu den Personen, die wichtigen Protagonisten sind reale Persönlichkeiten. Spannung und Historisches in einem Guss, erzählerisch kraftvoll. Was will man mehr?

Sabine Kaufmann wuchs am Bodensee auf, studierte Neuere und Neueste sowie Alte Geschichte, war viele Jahre als Journalistin tätig, drehte und produzierte Filme fürs Fernsehen mit den Schwerpunkten Geschichte und Gärten. Heute lebt und arbeitet sie in Zürich.

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(12)

27 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 11 Rezensionen

"new york":w=1,"robert goolrick":w=1,"wenn prinzen fallen":w=1

Wenn Prinzen fallen

Robert Goolrick , Judith Schwaab
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei btb, 11.12.2017
ISBN 9783442715671
Genre: Romane

Rezension:

Der Anfang: »Wenn man ein Streichholz anzündet, brennt es in der ersten Nanosekunde heller, als es das in der Folge tun wird. Dieses erste Aufglühen. Dieses plötzliche helle Aufglühen wie ein Blitz. Wir schrieben das Jahr 1980, und ich war das Streichholz, und es war das Jahr, in dem ich lichterloh brannte.«

Der ehemals erfolgreiche Rooney, der sich und seinesgleichen als Abschaum der Gesellschaft bezeichnet, der reichen Gesellschaft, gibt hier seine Lebensbeichte zu Protokoll. Er redet von ich und wir, spricht den Leser direkt mit du an. - Absolution erhält er von mir nicht. Denn am Ende ist keine Reue spürbar, das ganze Buch ist ein einziges Gejammer und ein Abgesang auf sein altes Leben.

Rooney gehörte zu den Wölfen, zu den Prinzen der Wallstreet. Er ist ein erfolgreicher Trader. Er interessiert sich insofern nur für seine Kunden, um zu erforschen, womit er imponieren kann, sie einwickeln, schleimt sich ein, erniedrigt sie: es geht um Macht. Der Kunde ist Dreck, Zweck, um an das große Geld zu kommen. Hier wird nicht beraten, sondern verarscht, der Kunde muss den Knochen kaufen, der dem hechelnden Hund vorgehalten wird. Am besten sind die Anlagen, von denen man heute schon weiß, dass sie morgen abschmieren, dann hat der Trader doppelt verdient. In dem Buch erfahren wir nichts von der Wallstreet, nichts über Geschäfte, außer das, was ich eben erwähnte. Das war mir zu wenig, um zu verstehen. Rooney erklärt uns, wie hart die Jungs gearbeitet haben, kaum Schlaf, dafür viel Koks und Alkohol und natürlich Sex. Das Leben besteht aus Arbeit, Drogen und Nutten. Irgendwann heiratet man eines dieser Wallstreetmädchen: superschön, hochgebildet und steinreich von Haus her. Dieses Mädchen heiratet auch zum Zweck. Irgendwann nimmt sie dir alles weg, was du besitzt und du nimmst eben die nächste. Sie wird Milliardärin durch weitere neue Heirat und Scheidung und die armen Wallstreetjungs fallen irgendwann um, überarbeitet oder springen aus dem Fenster. Rooney wird aus der »FIRMA« entlassen, und an diesem Tag verlässt ihn seine Frau, reicht die Scheidung ein, nimmt ihm alles weg.

»Wir hassten die Dinge, die wir tun mussten, um diese lächerlich hohen Summen Geldes anzuhäufen. Blödes Geld nannte es Fanelli. Selling long. Selling short. … Wir brachten die Leute dazu, all ihr Geld auf eine Aktie zu setzen, von der wir wussten, sie würde zuerst einen Riesensprung machen und dann abstürzen wie ein Papierflieger. Solange die FIRMA mit diesem Riesensprung Geld machte, war alles ok.«

Das Buch beginnt mit dem Fall. Rooney ist zu Beginn bereits Buchhändler, abgestiegen in ein Loch, er war mal ganz oben, ein Prinz. Er berichtet vom alten Leben: Geld spielt keine Rolle, man kauft alles, was man will, was man meint zu brauchen: Drogen, Sex, Häuser, Autos, Ehefrauen, teuerste Kleidung, handgenähte Schuhe, speist in feinsten Restaurants. Dabei geht man mit Menschen um wie mit Sklaven. Alles unter dir ist Dreck, Angestellte, Kunden, Servicepersonal. Man sch… verächtlich auf den Dreck der Welt und lässt Dollarnote fliegen. Vorm Chef der »Firma« kriecht man so, wie man andere vor sich kriechen lässt, lässt sich anschreien, ohrfeigen, ist selbst nur Dreck. 287 Seiten in Wiederholungsschleife immer die gleiche Geschichte: Exzesse, Geld, Drogen, Sex. Mancher hält den Stress nicht aus und einer der Freunde von Rooney, ein Homosexueller, bringt sich um, weil er AIDS hat, nicht die Schande der Familie sein will, die er sowieso schon ist. Doppelte Moral Amerikas in alle Richtungen. Nichts Neues erzählt in diesem Buch.

»Und so kam es nie mehr vor, dass ich einem Mädchen meine Telefonnummer auf den Busen schrieb. Eins nach dem anderen verlierst du alles, bis dir nur noch der Elektroschock deines nüchternen Lebens bleibt. Ein Leben ohne Freunde, ohne Geld, ohne Personal Trainer, ohne junge Gräfinnen, die unter deiner Obhut stehen. Und niemand hat mich seither Billy Champagne genannt.«

Man könnte fast Mitleid bekommen. Gejammer, was nicht mehr ist … Man hätte eine Abrechnung mit dem Kapitalismus erwartet, ein Einsehen, Läuterung. Der arme Rooney bringt es nicht mehr fertig, ans Meer zu gehen, weil ihn die Erinnerung plagt an das riesige Haus am Meer, das einst ihm gehörte, das seine Frau genommen hat, die auch die Konten plünderte, alles weg. Er gönnt es ihr. Rooney zählt alles auf vom Schal bis zu Socken, von Preis bis zu Marken, was er einmal sein Eigentum nannte.

Literarisch hat mich das Buch auch nicht beeindrucken können, einfache Sprache, nichts was bleibt, worüber man auch nur eine Sekunde nachdenkt. Und seinen wir ehrlich, was soll ein emphatieloser Narzisst uns sonst berichten? Die Wallstreet ist voll von Narzissten und sonst nichts. Insofern ist das Buch völlig richtig geschrieben. Ein Narzisst der uns weismachen will, dass er glaubt, er wäre ein A… Letztendlich sollen wir ihn bemitleiden, denn er hat immer sein Bestes gegeben, bis zu Umfallen, härter gearbeitet als du und ich, er ist intelligenter als du und ich. Und er hat gehasst, was er tun musste. Man hat ihn gezwungen, mit Geld. Drum stand ihm der ganze Reichtum doch irgendwie zu, oder? Arme Sau. Was hatte ich erwartet? Braucht man dazu 287 Seiten?

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(4)

5 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

"wunderbarer humor":w=1,"brutal emordet":w=1,"neue krimireihe":w=1,"spannungsgeladener krimi":w=1,"spanien; barcelona; kathedrale; juden; bürger; adel; judenhass; inquisition; pest; mittelalter; 14. jahrhundert; kirchenbau; kirche santa maria del mar; heilige jungfrau; jungfrau maria;":w=1

Spanische Delikatessen

Catalina Ferrera , Joachim Schönfeld
Audio
Erschienen bei Audio Media Verlag, 01.03.2018
ISBN 9783956393198
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der Anfang: »Die Glocken der großen Kirche schlugen acht Uhr morgens, und es war bereits jetzt schon wieder entsetzlich heiß. Kein Wunder, im Hochsommer kühlte Barcelona nicht einmal nachts richtig ab. Vielmehr begleitete die Hitze der Sonnenstunden Nachtschwärmer und Frühaufsteher wie eine eifersüchtige Glucke auf ihren Wegen nach Hause oder zur Arbeit und legte sich als feuchter Film auf die Haut der Schlafenden.«

Karl Lindberg von der Berliner Mordkommission hat sich beurlauben lassen. Seine Frau, die ihm zuliebe ein paar Jahre im kalten Berlin ausharrte, hat nun die Apotheke ihrer Eltern in Barcelona übernommen. Die Familie ist umgezogen, Karl genießt das dulce-floreciente, aber ein bisschen langweilig ist das Nichtstun schon. Schwager Alex Diaz, ein junger Mann, dem es an Arbeitseifer fehlt, hat gerade einen Posten bei der katalanischen Polizei, Mossos d`Esquadra, erhalten, ist zum Sergent für Kapitalverbrechen aufgestiegen, das auch noch über Beziehungen. Karl ist mit dem Partylöwen noch nicht ganz warmgeworden. Und als Alex anruft, ihn um Rat bittet, siegt eher die Langeweile als die Sympathie. Señora Dolores Ortega, die Besitzerin von Barcelonas traditionsreichstem Delikatessengeschäft, »Especialidades Molina«, hat Alex angerufen, ist völlig aus dem Häuschen. Jeden Morgen schraubt Dolores einen neuen Schinken in das Brett zum Aufschneiden. Doch heute Morgen ist alles anders: Diesem Jamón Ibérico fehlt der Schweinefuß und er hat einen besonderen Prägestempel, anstatt »Teruel, Beher« liest sie: »100 % carne humana«. Kann das ernsthaft Menschenfleisch sein? Ist das ein Scherz? Karl, hinzugezogen, rät, das lieber kriminaltechnisch untersuchen zu lassen. Alex will von den neuen Kollegen nicht ausgelacht werden, informiert erst mal nicht die Cap (die Chefin), will abwarten, was die Untersuchung ergibt.

Es ist Menschenfleisch! Eine Ungeheuerlichkeit. Señora Dolores Ortega kommt ein Verdacht auf. Ihr Ehemann ist seit fünf Jahren verschwunden. Jeder dachte bisher, er hätte sich mit einer jüngeren Frau abgesetzt. Die Analyse ergibt, dieser Schinken, Oberschenkel, gehört zum Delikatessenhändler Molina. Alex bekommt seinen ersten Mordfall und Karl darf ihm als Praktikant zur Seite stehen. Wer könnte Molina das angetan haben und wer hatte die Möglichkeit einen Schinken herzustellen? Dolores oder der verhuschte Sohn der beiden oder wer noch? Besonders beliebt scheint Molina nicht gewesen zu sein.

Die Ermittlung geht ruhig an, es gibt keine frischen Spuren, man muss in der Vergangenheit forschen. Eins steht fest, es handelt sich nicht um ein Zufallsdelikt, sondern um eine Beziehungstat mit ausgeprägtem Hassanteil. Spanische Tranquillität und deutsche Ordnung, Gründlichkeit prallen aufeinander, ergänzen sich auch. Der Fall ist delikat. Während die beiden Männer im Fall ermitteln, lernt man Barcelona kennen, die Barrios, ihre Verschiedenheit und die Entwicklung der Stadt. Tourismus ist das Zauberwort. Der Tourismus hat im Laufe der Jahre die Altstadt verändert. Manchmal zum Vorteil, manchmal zum Nachteil und heute zu einer Plage. Es scheint einem, als wenn die Heuschrecken über die Stadt einfallen (dazu gehören nicht nur die Touristen). Man spürt bei Catalina Ferrera die Liebe zu Barcelona, die Liebe zu den Menschen, zum Essen. Wer Krimis mag und Barcelona, sollte sich dieses Buch vor dem nächsten Besuch zu Gemüte führen, feine kulinarische Tipps sind zu finden.

Eine gute Urlaubslektüre, ein logischer Plot, einiges an Hintergrundwissen, sozial, sozialpolitisch, politisch, kulinarisch, garniert mit einer Prise Humor in der Sommerhitze. Sprachlich gut gelungen, mit richtigem Einschlag an spanischen Vokabeln, eben das, was jeder kennt und nicht erklärt werden muss, eben das, was im Original besser klingt. Endlich mal wieder ein angenehmer Regiokrimi.

Catalina Ferrera ist das Pseudonym von Eva Siegmund, in Bad Soden geboren. Sie arbeitete als Kirchenmalerin, Juristin und Verlagsmitarbeiterin, entschloss sich dann aber, sich nur noch dem Schreiben zu widmen. Für ihre Kurzgeschichten hat sie bereits zahlreiche Preise gewonnen. Eva Siegmund lebt in Barcelona und Berlin. Sie sagt selbst über sich:
»Nach dem Abitur bekam mein Lebenslauf einige Kurven. Ich habe in der Hausmeisterei eines Schlosses gearbeitet, einen Dachstuhl gebaut, eine Ausbildung zur Kirchenmalerin im tiefsten Bayern absolviert, Jura studiert, Nudeln und Schulranzen verkauft und zu guter Letzt Hörbücher gemacht. Verwirrenderweise habe ich nie gekellnert.«

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(17)

23 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 14 Rezensionen

"thriller":w=3,"südtirol":w=1

Das Böse, es bleibt

Luca D'Andrea , Susanne Van Volxem , Olaf Roth
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei DVA, 26.02.2018
ISBN 9783421048066
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

»Marlene, zweiundzwanzig Jahre alt, gut einen Meter sechzig groß, melancholische blaue Augen, ein Leberfleck über den geschwungenen Lippen, zweifellos hübsch und zweifellos in Panik, betrachtete in dem metallenen Gehäuse des Tresors ihr Spiegelbild und schalt sich eine dumme Gans.«

Marlene Wegener beklaut ihren Mann Robert, die Geldscheinstapel im Tresor lässt sie liegen, greift sich lediglich einen Samtbeutel, gefüllt mit Saphiren, im zehnstelligen Millionenwert, Meran, 1970er Jahre. Sie muss schnell sein, ihr Mann ist ein Mafiaboss, wird sie erwischt, wird sie nicht überleben. Marlene, ein Mädchen aus den Bergen, aus sehr armen bäuerlichen Verhältnissen, Kellnerin, vom Fleck weggeheiratet von Robert Wegener. Ihr Mann ist angesehen, attraktiv, schwer reich, liest ihr jeden Wunsch von den Lippen ab … Sie hat ihre Gründe zu gehen. Die Saphire gehören dem Konsortium, auch das ist Marlene egal. Sie ist gut vorbereitet. - Das denkt man immer. - Sie hat den Schneesturm nicht einkalkuliert, die Sicht ist schlecht, sie rutscht mit dem Auto auf Straße, der Wagen kommt ins Schlingern, fällt den Hang hinunter, überschlägt sich. Hier oben kommt selten jemand hinauf.

Marlene erwacht, der ganze Körper brennt, sie ist verletzt. Bergbauer Simon hat sie gefunden, auf seinen Hof geschleppt, der Erbhof liegt abgelegen, oberhalb der Baumgrenze. Der Mann ist ein Almöhi, wohnt hier oben allein mit seinen Schweinen, geht selten ins Tal. Er kümmert sich um Marlenes Wunden, päppelt sie auf.

»Simon Keller erwies ihr eine große Ehre. Ein Bauer bediente nicht am Tisch. Das taten die Frauen des Hauses. Und auch, was er für sie gekocht hatte, war eine Respektbezeugung: Leberknödel. Klein und dunkel schwammen sie in einer fetten Brühe. Leberknödel wurden serviert, wenn hoher Besuch kam.«

Es dauert eine Weile, bis Marlene gesund ist. In dieser Zeit nähern sich die beiden an und Marlene erzählt dem Alten, was passiert war, erzählt ihre Lebensgeschichte, beichtet. Und Marlene erfährt alles über Simon, warum er allein hier oben auf dem Erbhof geblieben ist, was mit seiner Familie geschah. Gut, er lässt ein paar wichtige Dinge aus …
Währenddessen schäumt in Meran Robert Wegener über, beauftragt einen Killer, seine Frau zu finden und zu töten. Der Mann des Vertrauens ist der Mann ohne Namen, einmal beauftragt kann man ihn nicht mehr zurückpfeifen. Das Konsortium tritt Wegener auf die Füße.

Bis hierhin kann ich Luca D'Andreas folgen, bis dahin hat mir der Thriller gut gefallen. Klar, schnörkellos, eisig, erzählt er die Geschichte. Marlene und Simon leben ein karges Leben in den Bergen, er will ihr helfen zu entkommen, sobald sie völlig gesund ist. Doch dann verletzt sich Simon und Marlene pflegt ihn. Sie füttert die Schweine, riesige Viecher und eins davon heißt Lissy (so der Originaltitel des Buchs), das separat in einer Box steht, zu dem Simon eine besondere Beziehung pflegt. – Er wird doch nicht – dachte ich – Erinnerungen an bekannte Bücher taten sich auf – ich war im weiteren Verlauf beruhigt. Nein, so etwas tut er nicht. Simon hat eine Idee, Marlene zu helfen …

Der Thriller ist spannend, ein wenig gruselig, eiskalt. Nur irgendwann zum letzten Drittel verliert mich der Autor, dann endet alles im Klischee, die Story wird unglaubwürdig – und er tut es doch – gruselig, eklig, durch das Ende habe ich mich durchgekämpft (inhaltlich), spannend geschrieben war es. Was so gut anfing, endete für mich im Desaster der Fantasy. Schade.

Luca D'Andreas spielt mit Schlüsselwörtern, die immer wieder auftauchen: Unwiderruflich ist eins davon, »Geld, Geld, Geld« ein anderes, das hat mir gut gefallen. Erzählt wird aus den Perspektiven der verschiedenen Akteure, auch das hebt die Spannung. Bis zur Mitte des Buchs hatte der Roman sogar ein wenig Atmosphäre. Selbst das verschwindet irgendwann, die Protagonisten tun, was sie tun müssen und das war es. Die Geschichte hätte auch zur gleichen Epoche in den Schweizer Bergen, Frankreich, in Rumänien oder sonst wo spielen können. Der Autor nimmt den Leser nicht mit nach Tirol. Ich verlange keinen Reiseführer, aber von den Protagonisten, die in Südtirol verankert sind, hätte etwas ausgehen müssen. Überhaupt bleiben die Figuren recht flach und klischeehaft, am Ende sind sie nicht mehr nachvollziehbar, allesamt. Und irgendwie hatte ich das alles schon mehrfach bei anderen Autoren gelesen, nichts Neues auf der Line. Am Ende hatte ich das Gefühl, hier wollte jemand eine Drehbuchvorlage für einen Actionfilm liefern, bei dem es nicht auf die Glaubwürdigkeit ankommt, sondern auf scharf geschnittene Cliffhanger, Psychose, Ekel und Action. Da braucht es auch keine Natur, die Kamera führt. Und genau das funktioniert in einem guten Buch für mich nicht. Den Film würde ich mir wahrscheinlich ansehen, das stelle ich mir cool vor.
Und warum war ich die ganze Zeit mit meinen Gedanken bei Mario Puzo? Warum nur …

»Süße Lissy, kleine Lissy.«

Luca D’Andrea lebt in Bozen, mit seinem ersten Thriller »Der Tod so kalt« eroberte er die Bestsellerlisten in rund 40 Ländern. Gegenwärtig wird »Der Tod so kalt« verfilmt. Sein zweites Buch, »Das Böse, es bleibt«, ist seit Erscheinen in Italien auf der Bestsellerliste und hat in Italien den »Premio Giorgio Scerbanenco« -Preis für den besten italienischsprachigen Krimi 2017 erhalten. 

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(25)

35 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 17 Rezensionen

"farben":w=5,"mafia":w=2,"verlust":w=1,"märchen":w=1,"lustig":w=1,"fantasie":w=1,"wissenschaft":w=1,"verfolgung":w=1,"skurril":w=1,"gabe":w=1,"tiefgründig":w=1,"wahrnehmung":w=1,"buntstifte":w=1,"schwarz-weiß denken":w=1,"buntstift":w=1

Arthur und die Farben des Lebens

Jean-Gabriel Causse , Nathalie Lemmens
Fester Einband: 300 Seiten
Erschienen bei C. Bertelsmann, 10.04.2018
ISBN 9783570103463
Genre: Romane

Rezension:

Der Anfang: »Licht aus einer Wellenlänge von fünfhundertzwanzig Nanometern trifft auf die Zapfen in Arthur Astorgs Netzhaut. Sofort jagt ein elektrischer Impuls durch sein Gehirn in das V4-Areal seiner Hirnrinde.«

Arthur Astorg, ein Mann, der sich keine Sorgen machte: Guter Job als Vertriebsleiter, Frauen finden ihn attraktiv, Rugbyspieler, eine wundervolle Frau an seiner Seite. Das war einmal:. Heute: Job weg, Frau weg, Scheidung, Haare weg und dann auch noch der Führerschein. Was bleibt, ist ein Bäuchlein und der Beaujolais, davon nicht zu wenig. Beim Arbeitsamt bekommt er die letzte Chance, denn auch dort ist sein Kontingent fast aufgebraucht. Man schickt ihn zur Buntstiftfabrik »Cluzel«, sie suchen einen Vertriebsleiter. Das Vorstellungsgespräch geht in die Hose.

»Wusstest du, dass ›crayon‹, also Buntstift, vom altfranzösischen Wort créon stammt, das ›Kreide‹ bedeutet?« Arthur machte eine kurze Pause, ehe er Cluzel in seinem lyrischsten Tonfall den Gnadenstoß versetzt: »Mit Kreide wird kreiert. Wir stehen hier also am Ursprung der Kreation.«

Gaston Clusel kann Arthur nicht leiden, gibt ihm die Chance, die Fertigungsstraße zu leiten, da das Arbeitsamt als Eingliederungsmaßnahme für Langzeitarbeitslose das volle Gehalt für ein Jahr übernimmt. Doch ein paar Wochen später geht die Firma in den Konkurs. Arthur gibt seine letzte Anweisung: Die Arbeiter sollen sämtliche Pigmente in die letzte Charge zu geben. Einen pinkfarbenen Stift aus dieser Produktion steckt er ein. Sehnsüchtig schaut er zu Hause durch das Fenster, auf die andere Straßenseite, schwärmt für Charlotte, die dort drüben mit ihrer Tochter Louise wohnt.

»Und so wissen nur die Angestellten des Senders und Charlottes engstes Umfeld, dass die Stimme, die den Hörern beispielsweise erklärt, dass Blau, anders, als wir es empfinden, vom rein physikalischen Standpunkt aus betrachtet eine wärmere Farbe ist als Rot, einer Frau gehört, die weder Rot noch Blau jemals gesehen hat.«

Charlotte ist blind, sie ist Spezialistin für Farben, hat eine eigene Radiosendung. Arthur lauscht gern dieser Stimme, ahnt aber nicht, dass dies die Nachbarin ist, noch dass sie sehbehindert ist. - Plötzlich verschwinden auf der Welt die Farben. Die Menschen sehen nur noch hellgrau und dunkelgrau. Das Volk verfällt in Depression: Kleidung ist grau, das Essen schmeckt nicht mehr, alles ist grau, Tapeten sind grau, alle Autos sind grau … schaut man aus dem Fenster, ist alles Grau, Bäume, Blumen, Himmel. Autos krachen zusammen, da die Ampelfarben nicht mehr erkennbar sind. Die Weltwirtschaft wackelt, niemand kauft etwas, niemand fährt in den Urlaub, Restaurants schließen. LSD ist plötzlich angesagt. Lediglich Karl Lagerfeld jubiliert:

»Endlich Schluss mit diesen vulgären Menschen, die lauter vulgäre Farben tragen. Endlich kehrt unsere Welt an den Ursprung der Ästhetik zurück.«

Auch die Werbung stellt sich ein: »Im Moment haben wir graue Vorhänge mit dunkelgrauen Kreisen im Angebot.« Arthur schafft es endlich, Charlotte anzusprechen, schenkt Louise den pinkfarbenen Stift. Doch Charlotte empfindet den nach Rotwein riechenden Tölpel als unangenehm. Louise beginnt zu malen, sieht plötzlich Pink. Das Mädchen und der Stift in Einheit besitzen magische Kraft: Wer Louise Zeichnung betrachtet, kann wieder Pink sehen. Jeder Mensch will nun die Zeichnungen von Louise anschauen. Die Welt ist jetzt im Rosarausch! Eine Farbe ist wieder aufgetaucht! Arthur kombiniert, sucht nach den restlichen Stiften der letzten Charge. Kann Louise der Welt die Farben zurückbringen?
»Beim Gang durch die Residenz bemerkte Arthur hier und da rosafarbene Wände. Es sind klare Rosatöne darunter, wie Bonbonrosa oder Pompadourrosa, die hochkomplexeren Schattierungen von Nymphenrosa, aber auch frische Nuancen wie Heckenrose oder Schweinchenrosa.«

Dummerweise ist nun die chinesische Mafia hinter Louise her, die ein Geschäft wittert, sie hetzen eine Triade auf das Trio Louise, Charlotte und Arthur. Sie müssen fliehen.
Dies ist ein wundervoller Roman, mit Leichtigkeit geschrieben, voller Poesie und französischem Charme, mit erzählerischer Kraft gestaltet. Ein Rausch der Sinne, ein Rausch der Farben im Kopf. Man erfährt ganz nebenbei eine Menge über die geschichtliche Bedeutung von Farben und Kleiderordnung. Jean-Gabriel Causse mahnt, wie die Farben auf der Welt bereits heute verschwinden: Smoking und kleines Schwarzes, Häuser von innen und außen weiß. Lasst uns die Farben zurückholen, Traditionen in Asien und Afrika haben sie für uns bewahrt. Ein Buch, das man an sich drückt, sicher noch einmal von vorn liest, es ist ja ein schmaler Band. Die Sprache ist luftig wie ein Sommerhimmel, der Leser reitet hindurch, wundert sich, dass er schnell am Ende angekommen ist. Garantiert auch ein Stoff für Jugendliche, ein sogenannter Familienroman.

Jean-Gabriel Causse wohnt in Tokio und arbeitet als Farbdesigner für bekannte Modemarken, wie Jil Sander und er designt Farbgestaltungen für Gebäude. In Paris besitzt er ein Modelabel für Kleidung in besonderen Farbtönen.

Lass die Welt nie grau werden! Und so sitze ich hier in einem Ort der Farben, an dem ich mich verdammt wohl fühle, seit ich ihn sah. Farbe bedeutet Leben, Balsam für die Seele.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

"regiokrimi":w=1,"hälelkrimi":w=1,"isabelle bonnet":w=1,"madame le commissaire":w=1,"südfrankreich, hitze, vermisste, mord,lethargie":w=1

Madame le Commissaire und die tote Nonne (Isabelle Bonnet 5)

Pierre Martin
herunterladbare Audio-Datei
Erschienen bei Audible Studios, 03.04.2018
ISBN B07BHJ81VM
Genre: Sonstiges

Rezension:

Der Anfang: »Es hörte sich einfach an und war doch so schwer: Vivre le moment présent! Nicht an die Vergangenheit denken, auch nicht an die Zukunft, sich vielmehr ganz auf den Augenblick Besinnen. Isabelle, die mit geschlossenen Augen im Schatten einer Pinie saß, lächelte leise vor sich hin.«

Vivre le moment présent

Ich dachte, für den Sommer probierst du einen Provence-Krimi von Spiegel-Bestsellerautor Pierre Martin. Es ist der fünfte Teil, doch man kann sofort einsteigen, ohne die anderen Bände zu kennen. Madame le Commissaire sitzt mit ihrer Freundin in den Gärten von Fragolin in der Provence. Es ist der Geburtsort der Kommissarin, in dem sie derzeit auch arbeitet. Von einer steil abfallenden Klippe der Gärten ist eine Nonne herabgestürzt, vermutlich beim Kräutersammeln. Oder wollte sie Selbstmord begehen? Für die örtliche Polizei ist der Fall klar: ein Unfall oder Suizid. Akte geschlossen, lediglich die Identität der Frau ist noch zu klären. Doch wer ist diese Nonne, welchem Orden gehört sie an, aus welchem Kloster kam sie angereist? Isabelle Bonnet ist nicht überzeugt, dass Fremdverschulden auszuschließen ist.

Der Anfang gefiel mir, aber je länger dieses Buch fortschritt, um so weniger konnt ich mich mit dem Krimi anfreunden. Madame le Commissaire, Isabelle Bonnet ist eine »Madame Bond«. Super ausgebildet, kann sie und weiß sie immer mehr als alle anderen, ist allen Menschen hochüberlegen, behandelt ihren Assistenten wie einen netten Trottel. Sie selbst ist von sich mehr als überzeugt, und sie ist obendrein schön, alle Männer liegen ihr zu Füßen. Ihr Chef in Paris ist ein kranker Trottel, ihre beste Freundin ist auch nicht besonders schlau, ein Schmetterling, der von Mann zu Mann flattert. Madame selbst hat ungezwungen zwei Liebhaber.

»Na, wie kommt er damit klar?«, fragte ihre Freundin. Sie wusste genau, worauf Jacqueline anspielte, stellte sich aber ahnungslos. »Womit?«
»Mit eurem Arrangement. Schließlich warst du noch vor zwei Wochen mit Rouven in der Karibik auf Saint-Barthélemy. Weiß Thierry davon?«
»Natürlich, aber wir reden nicht darüber. Jetzt bin ich ja wieder hier.«
Jacqueline lachte. »Du bist schon eine coole Socke. Hast zwei Männer gleichzeitig.«

Der eine ist Thierry, der Bürgermeister von Fragolin, der andere, Rouven, ein schwerreicher Adliger und supernetter Kunsthändler, der sogar Fahrrad fährt. Im nächsten Augenblick holt er Madame durch den Chauffeur mit dem Bentley ab und es geht mit der Jacht oder dem Flugzeug zu einer Veranstaltung. Als Isabel aber einen der Männer dabei erwischt (sie lässt polizeiintern nachforschen) einen anderen Hasen im Bett zu haben, wird sie stinksauer. Sie leitet eine Einheit, bestehend aus ihr und ihrem Assistent, werden aus Paris geleitet, für was auch immer, anscheinend gibt es nicht ernsthaft etwas zu tun, man lungert rum. Deswegen hat man Zeit für die Nonne. Ich liebe starke Frauenfiguren, aber die hier ist mir zu narzisstisch, und noch schlimmer: Sie ist Fantasy. Das ist Geschmacksache. Aber ich empfinde solche Romanfiguren schwach, unglaubwürdig, männlich wie weiblich. Nervig ist die Figur Apollinaire, der Assistent von Madame, der ergeben, gebetsmühlenartig seine Chefin lobpreist.

Zur Story: Nachdem Madame auf eigene Faust im Fall der Nonne ermittelt, eine Spur verfolgt, bekommt sie den Fall übertragen, findet heraus, aus welchem Kloster sie stammt. Es gibt zwei weitere tote Nonnen. Madame macht, was sie will, scheinbar hat sie sonst keine Aufgaben, schönes Polizeileben, kommt und geht, wann sie will. Apollinair ist immer im Büro, ackert akribisch, während Madame sich ins Restaurant verflüchtigt. Sie ermittelt verdeckt im Kloster als Nonne, gibt sich ständig bei Zeugenbefragungen als jemand anderes aus (Schwester der Toten, Beauftragte des Klosters usw.), oder sie spielt die verführerische Femme fatale. Ab der Mitte sollte dem Leser klar sein, wer der Mörder der Nonnen ist. Das Buch wäre zu kurz, drum brauchen Madame le Commissaire und Apollinaire etwas länger, tapsen in die falsche Richtung, was jedoch nicht zu ihrer angeblichen Genialität passt.

»Zu deiner Entscheidung, Paris adieu zu sagen, um fortan im Süden zu leben. Ich verstehe ich dich mit jeder Minute besser.«
Isabelle schmunzelte. »Oui, c’est pas mal. Man kann sich daran gewöhnen.«
»Du hast es verdient, nach allem, was geschehen ist.«
»Wenn du meinst. Santé!«

Die Provence wird nett beschrieben, macht Lust auf Urlaub, die Landschaft hat der Autor anschaulich dargestellt. Es sind einfache Worte, Sätze, die man versteht (Ich beherrsche kein Französisch!), die sich aus dem Kontext ergeben. Eigentlich finde ich das sehr sympathisch. Leider wird es überzogen und so ziemlich jede einzelne Vokabel im nächsten Satz auf Deutsch erklärt, indem man im Nachsatz das Ganze wiederholt. Das nervt. Braucht der Krimi so viel Französisch? Eigentlich nicht, aber auf keinen Fall die Nachsatzübersetzungen. Es klingt, als wollte jemand mit dem Hammer französisches Flair reinknallen. Sprache jedoch macht nicht den Flair einer Region aus. Was eigentlich ganz nett anfing, hat mich am Ende nur noch genervt: Die Figuren, der Plot an sich, das Französisch und die Stimme der Sprecherin.

Was Hörbücher betrifft, bin ich ein sehr verträglicher Hörer. Ganz, ganz selten gefällt mir der/ die Sprecher*in nicht. Gabriele Blum hat mein Gehirn allerdings gereizt. Geschmacksache. Viele Passagen liest sie in einem Affentempo, gehetzt, als wäre der Teufel hinter ihr her (am Ende dann dieses tiefe Einatmen). Andere Stellen klingen gelangweilt. Und wenn sie die Stimme verstellt, klingt das Ganze nur noch schrecklich. Dem armen Apollinaire unterstreicht sie stimmlich seine Unterwürfigkeit und Dümmlichkeit (dumm ist er ja gar nicht, sogar ziemlich gebildet), was ihn noch nerviger macht. Dümmlich, weil er bunte Socken mit Muster trägt und überhaupt – er mag bunte Kleidung. Auch so eine komische Sache, dem Leser weismachen zu wollen, bunt beim Mann sei etwas, was lächerlich wirkt.

Ein Hörbuch, bei dem ich entspannen wollte, das klappte anfänglich, eine Geschichte, die mich jedoch zum Ende hin reizte. Alles Geschmack. Am Ende fand ich alles von A-Z unglaubwürdig, leider. Und ich fragte mich, was hier das Thema war? Wo ist die Message an den Leser? Beides nicht vorhanden. Mord – Ermittlung – Täter gefunden. Das reicht bei mir nicht. Madame le Commissaire, Isabelle Bonnet, ich habe kein weiteres Bedürfnis mehr von ihr zu erfahren. Vielen Lesern gefällt die Madame, soll jeder selbst entscheiden, über Kunst, Musik und Literatur streiten wir nicht. 

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(45)

93 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 11 Rezensionen

"roman":w=1,"kathrin wessling":w=1,"super, und dir?":w=1

Super und dir?

Kathrin Weßling
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Ullstein fünf, 06.04.2018
ISBN 9783961010103
Genre: Romane

Rezension:

Der Anfang: »Heute ist mein Geburtstag. Ich bin einunddreißig Jahre alt, mein Körper wohl eher einhundertfünf – zumindest fühlt er sich so an.«

Marlene Beckmann will immer die Beste sein. Sie möchte, dass ihre Eltern stolz auf sie sind. Immer fleißig, Einser-Abitur, guter Studienabschluss und dann der erste Job. Na klar: Volontärin für Marketing, eine Arbeit auf Zeit, ein Job der Bewährung. Maja heißt die andere Volontärin. Die erscheint Marlene leblos, unscheinbar, nicht fleißig genug. Nach einem Jahr wird sich entscheiden, wer von beiden den festen Vertrag bekommt und Marlene will ihn. Marlene ist perfekt, das bekommt sie von Maja auch mal um die Ohren gehauen, immer makellos gestylt, immer überpünktlich und zu Überstunden bereit und immer fleißig, perfekte Präsentationen, immer ein Lob vom Chef.

»In dieser Branche und in diesem Job unterscheiden wir nicht zwischen Privat und Arbeit. Es gibt nur das Unternehmen.«

Der Chef macht klar: Privat ist ab heute gleich Job! Doch was ist der Preis für Überstunden? 70 Stunden die Woche im Büro, Nacharbeiten am Wochenende zu Hause, wie übersteht man das? Ritalin, eine Prise Speed, eine Line Koks, in der Nacht Schlafmittel, um wieder herunterzukommen. Marlene erzählt rückblickend kurz von Kindheit und Jugend, dann geht es rasend schnell um das letzte Jahr. «Alles super», sagt sie jedem, postet auf Facebook und Instagram aus ihrem Super-Leben Super-Selfies, es geht ihr bestens, super Job. Sie arbeitet in einem angesagten multinationalen Unternehmen, sie hat 532 Freunde auf Facebook, ihr Freund liebt sie, die beiden wollen zusammenziehen, ein gemeinsamer Urlaub auf Teneriffa steht an.

»Dabei sah es gar nicht so schlecht aus, dieses Leben. Es sah sogar ziemlich vielversprechend aus. Mein Leben. Bis es auseinanderfiel und damit auch alle Versprechen brach, die es mir und allen anderen gegeben hatte.«

Marlene wird immer dünner, isst kaum etwas, zieht immer mehr Lines durch die Nase, haut immer mehr Tabletten hinein. Sie braucht immer mehr, um sich wach zu halten. Die wenige Zeit, die ihr bleibt, verbringt sie im Fitnesscenter, man muss ja auf seine Gesundheit achten, sie kauft gesund ein, man will ja kein Gift essen, wer gesund lebt, ist leistungsfähig. Abends im Club zieht sie Koks rein, machen ja alle. Im Sauseschritt läuft Marlene auf den Zusammenbruch zu, auf ihren einunddreißigsten Geburtstag. Irgendwann hilft auch kein Make-up mehr, um ihr ausgemergeltes Gesicht zu verstecken, Haare fallen aus, die Nase blutet.

»Nein, fair wäre, wenn du mich jetzt in Ruhe lässt. Oder wenn du nackt zur Party gehst, ziehe ich an, was du willst. Deal?«

Marlene ist eine unsichere Frau, für sie ist wichtig, was andere von ihr denken. Gute Zeugnisse, gute Bewertungen, viele Likes. Sie muss perfekt sein, perfekt aussehen, ihre wirklichen Bedürfnisse steckt sie zurück. Was ihr noch fehlt, ist eine Beziehung, eine perfekte. Sie trifft auf Jakob, in einem schlechten Augenblick, völlig verhuscht, durchgeregnet, die Wimperntusche verschmiert vom Regen. Er verliebt sich in das aufgeweichte »Pandamädchen«, das so gar nicht perfekt aussieht. Und es ist Jakob, der ihr immer wieder zeigt, wie unwichtig es ist, das zu tun, was andere verlangen. Aber auch Jakob schaut letztendlich weg.
»Du kapierst natürlich nicht, warum ich so viel arbeite und warum mir das so wichtig ist. Dir wurde ja auch alles immer in den Arsch geschoben. Ha, was sage ich: Wurde? Das ist ja noch immer so.«

Kathrin Weßling beschreibt den Weg eines Selbstbetrugs. Ich muss super sein, damit die Welt mich mag! Und dafür gebe ich alles! Keine Fehler machen, immer drauf achten, dass andere mich positiv sehen. Für Marlene ist es sogar wichtig, dass Jakob, als sie ihn das erste Mal auf einer Party den Freundinnen vorführt, so aussieht, wie es die anderen wohl erwarten: perfekt, gestylt, einfach himmlisch. Jakob macht nicht mit – er ist Jakob! Marlene ist nach außen gerichtet, blendet das Innere aus. Von klein auf ist sie auf Leistung getrimmt, auf das Funktionieren. In höllischem Tempo rast die Icherzählerin durch das Buch. Der Leser nimmt teil an ihren Gefühlen, Gedanken, an ihrem Selbstbetrug, an ihrem Zerfall. Stress, Kopfschmerzen und Übermüdung, Depressionen Angstzustände, Herzrasen, Aufputschen durch Drogen, Herunterkommen durch Schlaftabletten, der Körper wird ausgepresst wie eine Zitrone. Marlene ist ein Extrembeispiel, bei anderen Menschen nimmt es einen schleichenden Weg, das Ergebnis ist am Ende gleich: schwere Depression, körperlicher Verfall. Ist Marlene selbst schuld? Sicher nicht allein. Schon in ihrer Kindheit ist sie auf Hochleistung getrimmt, der Arbeitgeber verlangt die Selbstaufgabe, lässt sie offen ins Messer rennen. Als auch noch der ersehnte Urlaub gestrichen wird, weil es wichtiges zu tun gibt, ist der Stecker herausgezogen. Marlene bricht zusammen. Der Chef ist enttäuscht, er hätte mehr erwartet. Der Freund stellt immer wieder fest, sie sei nur noch Haut und Knochen, sie arbeite zu viel. Aber den heimlichen Gebrauch von Drogen bekommt er nicht mit. Will er es nicht sehen?

Der Roman beginnt und endet mit dem Zusammenbruch. Schnell, gnadenlos, eine schnörkellose Sprache, Kathrin Weßling nimmt uns mit auf einen Höllenritt. Der Text schockiert, er ist heftig durch seine Ehrlichkeit. Rückblickend, fragt sich Marlene, wie alles zusammenhängt, wo der Anfang der Geschichte liegt, an welcher Stelle sie etwas falsch gemacht hat. Zu welchem Zeitpunkt hätte sie auf die Bremse steigen müssen? Liebe Marlene, die Stelle liegt ganz weit zurück. Aber das ist ein anderes Thema. Das Berufsleben, das sie beschreibt, ist grausam. Ein netter, smarter Chef, der sie fordert, lobt, ihr zeigt, dass sie besser ist als die andere. Die Banane an der Angel, der beneidenswerte Job. Die Affen auf dem Fahrrad, die Volontäre. Das Geld, das lockt, die Unabhängigkeit, den anderen zeigen: Ich habe es geschafft! »Super, und dir? »
Bringen wir unseren Kindern früh bei, »Nein!« zu sagen, sich zu distanzieren, bringen wir ihnen Selbstbewusstsein bei, negative Gefühle zuzulassen. »Wie gehts?« – »Voll beschissen, und dir?«

Die Journalistin Kathrin Weßling weiß, wovon sie schreibt. Ihr Roman ist ehrlich und hat auch sicher autobiographische Züge. Sie sagte in einem Interview mit »Die Zeit«: »Meine Erwartung war, dass ich 120 Prozent gebe, am besten nine to nine, und krass Karriere mache. … Meine Kündigung war tatsächlich meine Rettung. Vorher hatte ich extreme Probleme, ich war dauernd krank.“ Sie habe einen Monat nur geschlafen, sagt sie, so ausgepowert sei sie gewesen, habe ihre Arbeitseinstellung überdacht und sich neu orientiert. „Freitags habe ich mich oft allein betrunken und dann das Wochenende in einer Art Koma verbracht. … Ich konnte mich einfach nicht noch mit Leuten unterhalten.“ Wie ihre Protagonistin ist sie an ihrem Geburtstag nicht ans Telefon gegangen, ihre Freunde seien sozusagen in ihre Wohnung eingebrochen. Heute ist Kathrin Weßling selbstständig, sie berät Redaktionen, Verlage und Autoren, zur Optimierung ihrer Social-Media-Aktivitäten. Bisher sind zwei Bücher von ihr erschienen: Drüberleben, 2012 und Morgen ist es vorbei, 2015. Außerdem schreibt sie Texte für Spiegel Online, Stern, Zeit online, Neon, Jetzt, SZ.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(4)

9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

"abenteuer":w=1,"insel":w=1,"eis":w=1,"überlebenskampf":w=1,"weltreise":w=1,"segeln":w=1,"verschollen":w=1,"französische autorin":w=1,"sabbatjahr":w=1,"antillen":w=1,"költe":w=1

Herz auf Eis

Isabelle Autissier
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 15.10.2018
ISBN 9783442487745
Genre: Romane

Rezension:

Der Anfang: »Sie sind früh aufgebrochen. Es verspricht einer der erhabensten Tage zu werden, die zuweilen in den wilden Breiten herrschen, der Himmel tiefblau, wie flüssig, so klar wie nur hier, am fünfzigsten Breitengrad Süd.«

Louise und Ludovic wollen ein Sabbatjahr nehmen, um «aus der Erstarrung des Pariser Büroalltags auszubrechen». Sie haben sich für ihren Segeltörn ausgiebig vorbereitet. Er ist Manager, ein Typ, der auffällt, einer mit Charisma, sie eine unscheinbare Finanzangestellte und passionierte Bergkletterin. Die beiden Charaktere könnten verschiedener nicht sein. Die Beziehung kriselt, die Reise soll abhelfen. Die Fahrt ist perfekt, das Boot läuft rund, die beiden besuchen wundervolle Orte, das Leben kann schön sein. Auf ihrer Route liegt auch Stromness, eine ehemalige Walfangstation in der Stromness Bay an der Nordküste Südgeorgiens im Südatlantik, die seit ewigen Zeiten stillgelegt ist, auf der 1916 bereits Ernest Shackleton landete. Es handelt sich um ein Naturschutzgebiet und es ist verboten, dort anzulegen. Im Beiboot fährt das Paar die Station an. Ludovic möchte den Berg hinter der Station hinaufklettern, ein wenig ins Landesinnere wandern. Louise erscheint das zu gefährlich, doch sie lässt sich überreden, sie haben weder Funk noch Handys dabei, wollen nicht geortet werden. Das Wetter schlägt um. Als die beiden zurückkehren, tobt die See, sie ziehen das Beiboot an Land und übernachten in der Walfangstation, mitten in Schmutz und Gestank. In der Nacht stürmt es heftig und am Morgen ist das Segelboot verschwunden. Nun müssen sich Louise und Ludovic darauf einrichten, etwas länger auf der Insel zu weilen, vielleicht sehr lange, ganz ohne Ausrüstung …

»Zuerst ist Louise einfach überwältigt, dass so ein schöner Mann mit ihr zusammen ist. Doch immer mehr liebt sie ihn dafür, dass er ihr gibt, was sie nicht hat.«

Zunächst einmal eine aufregende Geschichte und viele Leser mögen diesen Roman. Mir ist die Geschichte auf Grund des Schreibstils nicht nahegegangen. Herz auf Eis, es wird kalt, nicht nur an Land, auch in der Beziehung kriselt es. Das Buch ist kalt, durch und durch. Auf der Insel ist es kalt. Louise ist kalt. Ludovic ist kalt. Die Perspektive, personal aus der Sicht von Louise, sehr distanziert, sehr entfernt. Die Charaktere sind für mich oberflächlich dem Leser präsentiert, teilweise klischeehaft. Die Distanziertheit passt zu vielen Szenen, man möchte nicht dicht dran sein, wenn das Paar reihenweise Pinguine und Robben erschlägt, um zu überleben, das einzige Essbare, was zu finden ist. Naturschutzgebiet hin oder her. Wie Brecht schon sagte: »Erst kommt das Fressen, dann die Moral.«

»Beide bringen ihr Argumente vor, aber im Grunde hat Louise doch Angst, allein aufzubrechen. Selbst in den Bergen hat sie niemals irgendetwas riskiert ohne den Schutz der Seilschaft.«

Der Erzähler erklärt, es gibt wenig Dialoge, immer weit entfernt von den Protagonisten, kaum Gedanken. Auch von der Landschaft ist nichts zu spüren, von der Tierwelt. Gut, kein Blick für die Natur, denn die beiden sind den ganzen Tag mit Nahrungssuche beschäftigt, aber auch diese Verzweiflung kommt nicht durch. Die beiden Protagonisten kommen mir nicht nah, ich will sie nicht unbedingt sympathisch finden (das sind sie nicht), aber ich will sie verstehen. Der Erzähler erklärt oberflächlich und schablonenhaft, was sie tun, er lässt den Leser außen vor, lässt ihn kalt in der Ecke stehen. Überlebenskampf, Verzweiflung und Schuldzuweisungen, ein gutes Thema, aber es prallt von mir ab, die psychischen Abgründe der Protagonisten tun sich nicht vor mir auf. «Diese dramatische Situation macht sie zu anderen Wesen», das steht dort, wie viele andere Aussagen, aber die Autorin schafft es für mich nicht, genau dieses Gefühl zu projizieren. Entscheidungen fällen in Extremsituationen, ein feines Thema, doch der Leser erfährt kein warum. Ich lese, sie befinden sich auf einem Naturschutzgebiet, das als besonders eindrucksvoll gilt. Doch an welcher Stelle im Buch ist genau das verankert? Da ist nichts beeindruckend. Ist das Absicht?

Am Ende nimmt die Autorin auch noch den Medienrummel mit auf, ein Journalist, der die Story gern vermarkten möchte. Hier gilt das Gleiche wie für den Inselabschnitt, es prallt ab. Die Nebenfiguren sind flach und klischeehaft, aber auch die Hauptprotagonisten geben für mich nicht viel her. Das Buch hat 224 Seiten und meist bin ich der Meinung, weniger ist mehr. Hier ist es mal völlig umgekehrt, hier fehlt mir Tiefgreifendes. Am Ende stehe ich da, frage mich, was übrig bleibt. Eigentlich nichts, was nachhallt. Viele Reportagen sind packender erzählt. Bitte nicht falsch verstehen, das Buch ist spannend, die Story interessant, nur berührt es eben nicht. Die Figuren Robinson und Freitag von Daniel Defoe Roman waren mir näher. Anderen gefällts …

Isabelle Autissier, geboren 1956, ist Seglerin und hat als erste Frau die Welt alleine umsegelt. Nach einem beinahe tödlichen Unglück im Südpazifik hat sie 1999 ihre Karriere als Einhandseglerin beendet, nimmt jedoch weiterhin an Regatten auf dem gesamten Globus teil.

  (0)
Tags:  
 
478 Ergebnisse

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist! Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach!

Hol dir mehr von LovelyBooks

Mit der Verwendung von LovelyBooks erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir und unsere Partner Cookies zu Zwecken wie der Personalisierung von Inhalten und für Werbung einsetzen.