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14 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Die Entscheidung

Charlotte Link , Friederike Kempter
Audio CD
Erschienen bei Random House Audio, 05.09.2016
ISBN 9783837136289
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der erste Satz: »Sie brauchte tatsächlich nur ein paar Sekunden, um das Türschloss zu öffnen.«

Simons Vater besitzt ein Haus in Südfrankreich. Dort will er die Weihnachtszeit mit Kristina verbringen, seiner neuen Freundin. Seine geschiedene Frau Maya bittet Si-mon plötzlich, die Kinder zu übernehmen, er sagt Kristina ab, weil er nicht möchte, dass Maya und die Kinder von ihr erfahren. Nun sagt Maya die Kinder ab und Simon bittet Kristina erneut, zu ihm zu kommen. Der erfolgreichen Geschäftsfrau reicht es. Sie beendet die Beziehung per Telefon, mag nicht mehr mit einem Mann zusammen-sein, dessen Lebensziel es ist, es allen Menschen recht zu machen, sich herumschubsen zu lassen. Schon im Jahr zuvor hatte Maya dieses Spiel gespielt und in in letzter Sekunde die Kinder bei Simon abgegeben, Kristina blieb allein. Simon geht spazieren, er ist völlig frustriert einsam zu sein. Unterwegs erlebt er, wie ein Hausmeister eine abgehungerte junge Frau auf der Straße herunterputzt, die Polizei rufen will. Der Gutmensch Simon kommt wieder in ihm hoch und er hilft der zwanzigjährigen Nathalie, bezahlt den kleinen Schaden, nimmt das durchnässte Mädchen mit nach Hause, denn ihr ist kalt und sie hat Hunger, weiß nicht, wo sie hingehen soll. Nathalie wartet auf Jerome, ihren Freund, der sollte schon in der Wohnung des Onkels sein, in die sie eingebrochen war. Sie erzählt, sie wäre gerade beim Einkaufen gewesen, in Paris, wo sie wohnt, als Jerome anrief, sie solle verschwinden, sofort, nicht nach Hause gehen, er sei in Gefahr und darum sei sie in Gefahr, man würde sich in der Wohnung vom Onkel in Südfrankreich treffen. Schnell ist klar, die Verfolger sind Nathalie auf der Spur. Und nun kommt auch Simon in Gefahr. Wer sind die Typen, die hinter Je-rome er sind, hinter Nathalie und nun auch hinter Simon? Worum geht es überhaupt? Die beiden wissen es nicht, sie sind auf der Flucht und Leichen pflastern ihren Weg … Der Leser weiß mehr, durch einen Parallelstrang aus Bulgarien.

Der Krimi beschäftigt sich mit Kettenrektionen. Mehrfach macht ein Mensch einfach das, was er in diesem Augenblick tun muss, wie Simon, der Mitleid hat und hilft. Jeweils löst das, was dieser Mensch tut, eine Kettenreaktion aus, mit der er andere Menschen unbeabsichtigt in Gefahr bringt. Wenn du jemandem hilfst, beschwer dich hinterher nicht, wenn eine Lawine auf dich zurollt, die du nicht stoppen kannst. Wenn du etwas tust, überlege, wen du mit in die Sache hineinziehst! Du hast die freie Entscheidung, etwas zu tun oder es zu unterlassen, ein Thema, das den Krimi durch-zieht. Simon kann nicht mehr aussteigen aus dem Spiel und er erkennt, dass Kristina in seiner Beurteilung nicht so falsch lag: Er ist ein Mensch, der stets für andere da ist, der sich ausnutzen lässt, Stück für Stück wird er sich selbst erkennen. Auch die magersüchtige Nathalie wird in sich gehen, sie, die Jerome abgöttisch liebt, von ihm psy-chisch abhängig ist. Sie hält sich für eine Versagerin, die nichts auf die Reihe be-kommt, merkt dabei nicht, dass dies eigentlich der Part von Jerome ist. Es zeigt sich in jeder Situation, wie stark sie ist, wie schlau, sie kämpft wie eine Löwin. Ist Jerome ei-ner von Ihnen, den Bösen, oder ist er wirklich nur aus Versehen irgendwo reingerutscht? Wo ist Jerome?

Verschiedene Handlungsstränge und Erinnerungen aus der Vergangenheit, blättern die Geschichte langsam auf. Der Leser weiß, dass hinter den Verfolgern eine Gruppe von gnadenlosen Menschenhändlern sitzt. Aber warum passiert das alles, warum handeln sie so kompromisslos? Eine elegante Frau stellt sich Mädchen in Bulgarien als Chefin einer Modellagentur vor und lockt sie nach Rom, verspricht ihnen eine Model-karriere. Mit einer Vorauszahlung der ersten Gage kann die zurückgelassene Familie sich über Wasser halten, die Mädchen träumen vom Erfolg und dem großen Geld. Die Familien der Mädchen leben in der Regel am Existenzminimum oder darunter. Die Entscheidung: Das Kind fremden Menschen zu übergeben, an den Traum zu glauben, nicht nachzudenken, nichts zu überprüfen. Die Mädchen landen aber in Paris und werden zur Prostitution gezwungen. Auch hier die falsche Entscheidung im Vorfeld.

Charlotte Link führt mehrere Erzählstränge zum gemeinsamen Ende zusammen, ge-schickt konstruiert und gibt Einblick in die Machenschaften von Menschenhändlern. Fein gezeichnete Charaktere lernen sich mit dem Leser gemeinsam kennen. Einige wachsen über sich hinaus, andere erleben, welch jämmerlichen bzw. fiesen Charakter sie besitzen. Die quirlige, nervige Nathalie lässt nie locker, um ihr Ziel zu erreichen, mutig, weil es sein muss. Simon geht ihr auf die Nerven, sie sagt ihm klar, was sie über ihn denkt. Simon hadert ständig, mag nicht an Böses glauben, er will behilflich sein, sich mit niemandem anlegen, er hat Angst, er ist eine Memme. Die fordernde Nathalie geht ihm auf die Nerven, er hält sie für psychisch gestört, unberechenbar, wild, er will einfach seine Ruhe haben. Was er über sie denkt, hält er meist zurück. Ein wunderbares Team, um einem Thriller den Kick zu geben. Der Leser wird keinen einzigen Protagonisten am Ende mögen, das muss er auch nicht. Keiner ist glatt und nur nett, jeder Einzelne verfolgt sein Ziel und eben genau darum ist dieser Roman so gut. Wenn es um menschliche Beziehungen geht und die Zeichnung von Charakteren, so liegt man mit einem Buch von Charlotte Link immer richtig. Kalter Wind und Regen in Südfrankreich zur Vorweihnachtseit, meterhoher Schnee in Bulgarien, passend zu dieser Jahreszeit.

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Klausjäger

Silvia Götschi
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Emons Verlag, 19.10.2016
ISBN 9783954519880
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

»Es gibt aber Männer, die jeglichen Respekt verlieren, wenn sie betrunken sind.«

Am 6. Dezember startet bei eisiger Kälte das Klausjagen im dunklen Küssnacht, wie jedes Jahr in jahrhundertalter Tradition. Die Lichter in der Stadt sind ausgestellt, nur die mit Kerzen beleuchteten Iffelen leuchten den Weg des Nikolausumzugs. Der Umzug, angeführt von St. Nikolaus, begleitet von Schmutzlis und seinem weißgekleideten Ge-folge, die die beleuchteten Iffelen über dem Kopf halten, erreicht die Bahnhofsstraße. Der Nikolaus bricht zusammen, er wurde erschossen.

»Bei den Frauen klingt es anders, als Richter war er nicht sehr beliebt … zu männerlastig. Es kursieren Gerüchte, dass er sich vor allem in Trennungs- und Scheidungsfällen gern auf die Seite der Männer gestellt habe.«

Kommissarin Valérie Lehman ermittelt mit ihrem Team. Wer hat den Nikolaus er-schossen? Einer seiner Freunde aus der Sankt Niklausengegesellschaft? Nach dem Umzug ziehen die Männer von Kneipe zu Kneipe und lassen sich vollaufen bis zum Morgengrauen. Nicht einmal der Tod ihres Vorsitzenden hält sie davon ab. So zeigt sich die Vernehmung etwas schwierig. Oder stammt der Täter aus dem privaten Um-feld, denn die Ehefrau macht nicht gerade einen trauernden Eindruck, als sie vom Tod des Mannes erfährt. Ebenso steht das berufliche Feld von Richter Gross im Focus. Schnell stellt sich heraus, dass einige Frauen genügend Grund hätten ihn zu töten, denn er stellte sich in Scheidungsprozessen immer auf die Seite der Männer, sprach ihnen die Kinder zu, wenn sie das forderten. Valérie kann den Zorn und die Frustrati-on der Mütter verstehen, sie selbst steckt in einer ähnlichen Situation, sie versucht gerade ihren Sohn zu überzeugen, zu ihr zu ziehen, nun, da er fünfzehn ist. Mitten in der Ermittlung holt sie ihn vom Bahnhof ab. Kann sie ihn überzeugen?

Valérie stößt auf eine von Männern dominierte Gesellschaft der Innerschweiz, stock-konservativ. Die Nikolausgesellschaft besteht nur aus Männern. Im Umzug dürfen nur Männer und Jungen laufen, die Frauen und Mädchen dürfen zuschauen, die Frau-en hernach die Kinder einsammeln und nach Hause gehen, während die Männer sich volllaufen lassen, Kellnerinnen begrabschen. Allerdings sind die Frauen gut genug, die Gewänder für den Umzug zu nähen und zu helfen, die Iffelen herzustellen.
»Sie kannte das Phänomen. Frauen opferten ihren Körper, um verbalen Attacken, Demütigungen und womöglich Schlägen vorzubeugen, um ihre Männer zu be-schwichtigen, wenn sie außer Rand und Band gerieten.«

Silvia Götschi hat hier nicht nur einen spannenden Krimi abgeliefert, sie beschreibt Landschaften, Bräuche und die moderne Gesellschaft der ländlichen Innerschweiz. Das juristische Festsetzen von Gleichheit und Reden über Gleichberechtigung und Respekt ist eine Seite, die Umsetzung eine andere. Zu diesem ernüchternden Schluss muss kommen, wer die derzeitigen Debatten über die Gleichstellung der Geschlechter und über alltäglichen Sexismus verfolgt. Über Jahrzehnte haben Frauen sich für gleiches Recht und Freiheit eingesetzt, haben die Gleichstellung erkämpft. Ob in der Arbeitswelt oder im privaten Bereich, die Frauen in der Schweiz sind bis heute schlechter gestellt, sei es nur bei der Aufteilung von Haus- und Familienarbeit. Die Autorin benennt hier kleine Punkte mit gewaltiger Wirkung. Amüsiert habe ich verfolgt, mit welcher Tatkraft manche Frau sich wehrt, und mit welchen Tricksereien man die Entscheidungen von Kantonsgerichten aussetzen kann. Ein kluger Krimi, der einen guten Einblick in das Schweizer Leben gibt. Silvia Götschi hält die Spannung stets oben, bis zum Ende tappt die Polizei auf mehreren Spuren im Dunkeln. Ein Krimi passend in die Vorweihnachtszeit, den ich absolut empfehlen kann.

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17 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

terror, terrorismus, schirach, gesellschaft, von schirach

Terror

Ferdinand Schirach
Flexibler Einband: 176 Seiten
Erschienen bei btb, 12.09.2016
ISBN 9783442714964
Genre: Gedichte und Drama

Rezension:

Kaum hatte ich dieses Theaterstück beendet, vernahm ich, es wird in der ARD ausgestrahlt. Und ich muss sagen, die Inszenierung hat mir genauso gut gefallen, wie das Buch selbst. Schierach ist Strafverteidiger von Beruf, ich kenne fast alle seine Bücher. Sein Anliegen ist es immer, den juristischen Standpunkt zu vertreten. Recht und Mo-ral haben nichts miteinander zu tun. Wir haben unsere Gesetze an unsere Moral an-gepasst, soweit man sie in Worte fassen kann. Der Einzelfall zählt nicht. Die Justiz kann sich nicht mit Schuldfragen beschäftigen, es geht nur darum, ob ein Recht verletzt wurde. Denn wer mit der Schuld und Moral argumentiert, versucht, rechthaberisch seinen Standpunkt zu vertreten.
Gleich am Anfang spricht der Richter den Leser an: »Urteilen Sie ruhig und gelassen, denken Sie daran, dass vor Ihnen ein Mensch sitzt.«

Das Theaterstück spiegelt eine Gerichtsverhandlung wieder, bei der der Leser sein eigenes Urteil fällen soll. In der Verfilmung und den Schauspielhäusern hatten die Zuschauer die Möglichkeit, abzustimmen und am Ende verkündete der Richter das Urteil der Zuschauer. Zu den Fakten: Lars Koch, Major der Luftwaffe, hat eine Passagiermaschine der Lufthansa abgeschossen. Sie war von islamischen Terroristen gekapert worden und sollte ins vollbesetzte Fußballstadion von München einfliegen, in dem sich ca. 70.000 Menschen aufhielten, so die Meldung der Terroristen aus dem Cockpit. Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgesetzes ist es der Bundeswehr nicht erlaubt, die Maschine abzuschießen, um andere Leben zu retten. Der Befehl zum Abschuss erfolgte daher nicht, wurde ausdrücklich untersagt. Somit hat der Pilot ge-gen den Befehl gehandelt und eigenmächtig den Flieger zum Absturz gebracht, damit 164 Passagiere getötet. Schuldig der Tötung von Menschen oder unschuldig?

»Unser Staat ist den größten Gefahren ausgesetzt, und die Welt um uns droht einzustürzen. Aber in dieser Situation gilt es nur umso mehr, dass wir uns auf die Prinzipien des Rechtsstaats verlassen.«

So argumentiert die Staatsanwältin. Unser Rechtsprinzip nach Kant folgt der Menschenwürde, wonach ein Leben nicht gegen ein anderes aufzuheben ist, nie, in keinem Fall. Der Pilot tötete auf Grund seiner eigenen Vermutung, nicht auf Beweise.

Der Angeklagte verteidigt sich mit dem Argument, dass er mit dem Tod der Passagiere andere Menschen rettete, denn die Passagiere waren faktisch gestorben, da die Maschine in das Stadion fliegen sollte und hätte der Pilot sich geweigert, so hätten die Terroristen das Flugzeug in die Luft gesprengt. Wer sich in ein Flugzeug setze, sei sich der Gefahr bewusst, sich zum Terrorwerkzeug zu machen. Er habe die Menschen im Stadion gerettet.

»Sie wollen uns zerstören. Und was tun wir? Haben wir dem etwas entgegenzusetzen?«, sagt der Pilot.

Bliebe man untätig, so signalisiere man den Terroristen Narrenfreiheit, argumentiert die Verteidigung. Die Anklage hält dem entgegen, dass die Menschen an Bord es viel-leicht in letzter Minute geschafft hätten, die Terroristen zu überwältigen. Es liegt nicht in der Macht eines einzelnen Menschen, zu entscheiden.

Beide Seiten kommen ausführlich zu Wort, auch die Position der Soldaten, die sich vom Staat alleingelassen fühlen. Schierach zeigt auf, wie wenig sich Terrorismus in Gesetze einbinden lässt, er zeigt die Grenzen von Rechtsstaatlichkeit auf, die des Gewissens, den Widerspruch von Gesetz und Moral. Er zeigt auch die Widersprüchlichkeit von Kommunikation und die des eigenen Anspruchs. In manchen Passagen wirkt das Theaterstück ein wenig dozierend, aber es greift auch unsere Wissenslücken auf. Verantwortung, Befehlsgehorsam, gesunder Menschenverstand, Staatsräson, ein Blick zurück auf unsere eigene Geschichte, hochpolitisierte Wirklichkeit.

Nachdem damals das Verfassungsgericht einen Abschuss für diesen fiktiven Fall verboten hatte, verkündeten Wolfgang Schäuble und Verteidigungsminister Josef Jung öffentlich: »Wenn es zu einem solchen Entführungsfall käme, sie würden trotzdem abschießen.« Das Stück zeigt die Unfähigkeit des Staates in seinem eigenen Rechtssystem. Schierach hat mir das Theaterstück ein wenig einseitig gestaltet, zu populistisch. Es ist von vorn herein klar, wie die Masse der Leser / Zuschauer abstimmen wird. In Wirklichkeit weiß niemand, was passiert wäre, hätte der Pilot nicht gehandelt.

»Das Bundesverfassungsgericht sagt, Würde bedeute, ein Mensch dürfe niemals zum bloßen Objekt staatlichen Handelns gemacht werden.«

Letztendlich geht es darum, ob unsere ethischen und juristischen Maßstäbe für den Fall des Terrorangriffs noch gültig sind. Eine gute Fragestellung, die in diesem Stück diskutiert wird. Eine Frage, die jeder mit sich selbst ausmachen muss, ein wichtiger Beitrag, darüber nachzudenken. Wie würden Sie entscheiden?

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49 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 9 Rezensionen

augustus, rom, römisches reich, perspektiven, mensch sein

Augustus

John Williams , Bernhard Robben
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 23.09.2016
ISBN 9783423280891
Genre: Romane

Rezension:

»Das Testament wurde öffentlich gemacht, und es ernennt Dich zu Cäsars Sohn und Erben. Ich weiß, Dein erster Impuls wird sein, beides anzunehmen, den Namen und das Vermögen, aber deine Mutter fleht dich an zu warten, zu überlegen und abzuschätzen, in welche Welt Dich das Testament Deines Onkels einlädt. Es ist nicht die schlichte Welt von Velletri, diesem Ort auf dem Land, in dem Du Deine Kindheit verbracht hast, (…). Dies ist die Welt Roms, in der niemand Feind noch Freund kennt, in der Freizügigkeit stärker als Tugend bewundert wird und Prinzipien nur den Eigennutz dienen.«


Der dritte Roman von John Williams und der leider der letzte. Denn der Schriftsteller ist längst verstorben, und der Erfolg gebührt ihm post mortem. Drei Romane, drei Genre, drei hervorragende Bücher.

Mit Augustus ist Williams ein besonderer Roman geglückt, so etwas wie eine Quellensammlung, zusammengefügt zu einer Biografie. Briefe und Befehle vom Kaiser selbst, Briefe von wichtigen Persönlichkeiten und das Tagebuch der Julia, des Kaisers Tochter. Alle Unterlagen sind fiktiv. Aber beim Leser entsteht das Gefühl, einer Zusammenstellung echter Quellen zu folgen.
Der junge Gaius Octavius, Oktavian genannt, neunzehn Jahre alt, von seinem Onkel Julius Cäsar adoptiert, wird in die Schlacht geschickt. Er ist intelligent, wurde von den besten Lehrern ausgebildet, fern ab vom intriegenreichen Rom. Sein Ziel ist die Wis-senschaft und die Dichtkunst. Nach der Ermordung Cäsars steht er vor der Wahl, das Erbe des Onkels anzunehmen oder zu verzichten. Freunde und Familie raten ihm ab-zulehnen, nicht in das Schangennest Rom zu reisen, fürchteten, er würde es nicht überleben. Doch es kommt anders. Mit Mut und Geschicklichkeit übernimmt Octavius die Regierungsgeschäfte, trotzt aller Intrigen. Er muss sich durch eine Schlacht die Stel-lung erkämpfen, besiegt Marcus Antonius und zieht in Rom ein, dass sich ihm ver-weigert. Skrupellos reißt er die Macht an sich, lässt seine Gegner töten, rächt sich an allen, die an dem Komplott gegen Cäsar beteiligt waren. Zunächst verbündet sich Octavius mit Mark Anton und Marcus Aemilius Lepidus, entledigt sich danach der Konkurrenten. Einen schickt er ins Exil, Mark Anton und Kleopatra wählen den Freitod.
Augustus, der Erhabene, nennt man Octavius später. 8 v. Ch. wird der Monat Sextilis ihm zu Ehren in Augustus umbenannt (der siebte Monat war Julius Cäsar gewidmet, Julius), 2 v. Ch. verleiht ihm der Senat den Titel pater patriae, Vater des Vaterlands.

Augustus selbst bezeichnet sich als den einsamsten Menschen im Reich, denn er kann niemandem trauen. Mit Geschick und Diplomatie führte Kaiser Augustus das Römische Reich zu Frieden und Wohlstand, änderte die Staatsverfassung, stellte Recht und Ordnung in Rom wieder her, eine Epoche von Dichtern und Denkern an seiner Seite, Cicero, Ovid, Marcus Agrippa, Horaz, Vergil, Homer, um nur einige Namen zu nennen. Octavius Liebe galt in erster Linie Rom. Seine Tochter Julia verheiratete er, mehrfach zum Zweck von Rom, stets gegen ihren Willen. Sie funktionierte, denn sie war die Tochter des Kaisers und es bedeutete Macht, die sie großzügig ausnutzte.

»Ich war des Kaisers Tochter. Ich war auch die Frau von Marcus Agrippa, meines Vaters Freund, zuallererst aber war ich die Tochter des Kaisers. Man ging gemeinhin davon aus, dass meine Pflicht vor allem Rom galt. ... Im Jahr des Konsulats von Tiberius Claudius Nero, Livia Sohn und Ehemann von Vipsania, der Tochter meines Mannes, fuhr ich wieder nach Rom. Ich war fünfundzwanzig Jahre alt. Ich, die eine Göttin gewesen war, kehrte zurück als einfach Frau und verbittert.«

Julias Tagebuchaufzeichnungen, Erinnerungen, Senatsprotokolle, Briefe von Freund und Feind, von Augustus selbst, zeigen den Aufstieg eines naiven Jünglings zu einem großen Kaiser. Kriege, Machtspiele, Intrigen, Aufstände, Rückschläge, Entscheidungen, Beschlüsse auf Basis von Logik, die das Herz quälen. Augustus entschied immer für Rom, egal, was er dafür opfern musste. Macht bedeutet Disziplin, Verzicht und Härte, etwas, das der junge Oktavian schnell lernt.

»Ich habe die Gesetze des Reiches so kodifiziert, dass selbst Provinzbewohner einigermaßen sicher vor gieriger Korruption und tyrannischer Macht leben können; und ich habe den Staat gegen die brutalen Übergriffe ehrgeizigen Machtstrebens geschützt.«


Nach Agrippa Tod wurde Julia von ihrem Vater mit Tiberius Claudius Nero verheiratet, dem Ehemann, den sie abgrundtief hasste. Wieder ein Schachzug, der Augustus half, an der Macht zu bleiben. Nero wird ihm als Kaiser folgen.

Wenn jemand glaubt, hier handelt es sich ausschließlich um historische Fakten, langweilig zusammengestellt, dann kennt er John Williams nicht. Eingestreute Klatschbriefe, heimliche intrigante Depeschen, diverse Mordkomplotte eingeschlossen, machen aus dem Roman eine spannende Lektüre. Brutus schreibt dem Cicero, Ovid dichtet, Marcs Antonius berichtet dem Octavian, Cleopatra rebelliert, Philipp von Athen tauscht sich mit Seneca Episteln aus.

Die Texte klingen wie zusammengestellte Quellen, da Williams es schafft, stilistisch die Sprache der Antike einzufangen und eben auch die damals gängige Briefform wählte. Dichter und Epen fließen ein, auch eine gängige Art, Zeitgeschichte zu formulieren. Ob treue Freunde oder erbitterte Feinde, Taktierer, offene, hinterhältige und schlicht lästernde Zeitgenossen, Williams lässt sie zu Wort kommen. Die Mischung von Historie und Intrigen, die Mischung aus Quellen und Fiktion machen aus diesem Buch eine spannende Lektüre. Als Leser fühlt man sich erhaben, denn man weiß mehr, als der Kaiser selbst. Ein feiner Schachzug von Williams, den Leser mitdenken zu lassen.
Augusts steht in der Geschichtsschreibung unklar da. Er brachte Rom und den Provinzen Frieden und Reichtum. Wie er von sich selbst sagt, erschuf er aus dem Rom unter Ziegeln ein Rom aus Marmor. Er löste jedoch die Republik auf, die in völlige Korruption verfallen war, riss die Macht an sich, krönte sich zum Despoten, regierte machtbesessen und teilweise grausam. Auf der anderen Seite regierte er klug und be-sonnen. Viermal verheiratet und dreimal geschieden zum politischen Zweck, die einzige Tochter Rom geopfert. Tacitus war sein größter Kritiker. Der Leser mag am Ende des Romans Augustus verehren. War er trotz aller Härte, ein guter Mann? Bitte lieber Leser, am Ende aufwachen, der Roman fängt uns ein, aber es ist Fiction. Die Wahrheit bleibt uns verborgen, auch wenn Williams den historischen Quellen gefolgt ist. Mir Sicherheit steht eins fest: Augustus war ein facettenreicher, interessanter Mann, Geschichtsfans sollten sich diesen Roman nicht entgehen lassen.

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16 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 11 Rezensionen

eberhard von württemberg, straßfurt als asyl, dreißigjähriger krieg, pest in hall, sezession

Die Töchter von Rosengarten

Gudrun Maria Krickl
Buch: 400 Seiten
Erschienen bei Silberburg, 01.03.2016
ISBN 9783842514652
Genre: Historische Romane

Rezension:

»Und daneben nicht zu vergessen, stehen die unrechtmäßigen Ansprüche der Claudia von Tirol. Württemberg kann nicht dergestalt zerschlagen bleiben. Derzeit untersteht kaum ein Drittel des Herzogtums dem rechtmäßigen Fürsten. Rekatholisierte Gebiete müssen zurückgegeben und die Besitzstände der Protestanten anerkannt werden.«

1634, Rosengarten bei Hall, wir befinden uns im letzten Drittel des Dreißigjährigen Krieges. Der böhmischen Adelige Johann Georg von Schwanberg, genannt Janek, verdingt sich als Oberst einer Söldnertruppe für den Schwedenkönig. Nach einem Scharmützel mit umherziehenden Soldaten wird er verletzt und landet auf dem größten Hof von Rosengarten, wird von Marie Susanne Schenk, die älteste Tochter gepflegt. Die beiden sind sich sehr zugetan. Janek zieht weiter. Kurz darauf wird Rosengarten unsicher, immer mehr Soldaten plündern die Gegend, die Familie Schenk zieht in die Stadt. Es kommt bei Nördlingen zur Entscheidungsschlacht gegen die Kaiserlichen. Die mit Schweden verbündete württembergische Armee erleidet eine verheerende Niederlage, die den Herzog verlässt, sein Land zu verlassen, er flieht nach Straßburg.
Eine Pestwelle durchzieht die Gemeinde Rosengarten, der Bauer stirbt. Knecht Conrad verspricht, sich um Marie und ihre Schwester Ebba zu kümmern. Er erinnert sich, dass Janek angeraten hat, nach Straßburg zu gehen. Ohne Vorkommnisse gelingt ihnen der Weg dorthin. Marie erhält sofort eine Anstellung als Zofe bei Herzogin Catharina, Frau von Herzog Eberhard III. von Württemberg. Schwester Ebba arbeitet in der Küche und Conrad im Stall, alles läuft rund. Marie trifft hier auf Janek, den sie nicht vergessen konnte. Seine Familie hatte die Burg in Böhmen verloren, besitzt aber noch ein Handelshaus im Norden. Dank seines Standes und seine Beziehungen wird er auf diplomatische Reisen geschickt. Er und Marie laufen sich immer weder über den Weg.
In Frankfurt hat Alex Oxenstierna den verstorbenen schwedischen König als als schwedischen Kanzler vertreten, ein schwieriges Unterfangen. Das katholische Frankreich mischt sich in den Krieg sein, auf Seiten der Protestanten, um dem dem deutschen Kaiser zu schaden.

»Während Gustav Horn seine Truppen bei Ederheim zum geordneten Rückzug sammelte, strömten die besiegten Regimenter Bernhard von Weimars, völlig aufgelöst von den Hügeln herab. Dabei prallten sie unmittelbar mit den abmarschierenden Einheiten Horns zusammen und rissen diese mit in eine überstürzte, konfuse Flucht.«

Die Sprache von Gudrun Maria Krickel ist auf die historische Zeit ausgelegt, etwas, das dem Text Authentizität verleit. Historisch an Fakten reich, gut recherchiert, behandelt der Roman die letzte Etappe des 30-jährigen Krieges unter Herzog Eberhard III. von Württemberg bis Kriegsende. Der historische Bereich hat mir gut gefallen.

»Es galt, wie so oft, die schwedischen Belange dort zu vertreten. Der Separatfrieden des sächsischen Kurfürsten mit dem Kaiser war allerdings nicht mehr zu verhindern gewesen, genauso wenig wie die Auflösung des Heilbronner Bündnisses, da weitere deutsche Fürsten den Friedensschluss ebenfalls ratifizierten.«

Letztendlich konnte mich das Buch nicht ganz überzeugen. Für den Leser, der von dieser Zeit nicht viel weiß, gibt es keine Vorinformation. In zwei Sätzen wird erwähnt, der Krieg währt lange, der Kaiser möchte Deutschland katholisch machen, aber einige Fürsten wollten sich das nicht gefallen lassen. Das ist mir ein wenig einfach beschrieben. Es wird erwähnt, Wallenstein wurde vom Kaiser abgesetzt und ermordet. Auch das ist mir zu einfach. Wenn man ihn erwähnt, muss man ausholen, ihn nicht lediglich mit ein paar Sätzen erwähnen, den Geschichtsunkundigen im Regen stehen lassen. Der adlige Offizier Janek aus Böhmen hatte seine Burg verloren. Hier fehlt die Information, warum das geschah. 1619 setzten die Böhmen ihren katholischen König aus dem Haus Habsburg ab und boten die Krone dem protestantischen Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz an, der sie auch bald wieder an den Kaiser verlor. Letzterer bestrafte die aufrührerischen Böhmen. Das ist das Problem, wenn man etwas vom Ende aufrollt.

Die Geschichte an sich ist mir zu farblos. Die Töchter von Rosengarten lautet der Titel. Aber wo sind sie denn? Ebba kommt als kleine Nebenfigur vor, die man nicht einmal erwähnen müsste. Und Maria ist eigentlich auch eine Randfigur. Keine der Protagonisten durchläuft eine Entwicklung, die Charaktere bleiben mir fremd. Alles läuft glatt. Man fährt durch Kriegsland problemlos nach Straßburg und erhält sofort gute Jobs bei Herzog Eberhard III., gelangt somit später ins Stuttgarter Schloss, satt, in Seide gekleidet. Gut, Ebba lässt sich von einem Adligen schwängern. Doch Conrad, der sie liebt, heiratet sie sogleich. Die gesamte Story ist vorhersehbar ohne Spannungsbogen. Die zentralen Figuren dieses Romans sind eigentlich Janek und Herzog Eberhard III. Janek, der Diplomat, der für den Frieden kämpft und Eberhard der Herzog von Württemberg. Ich kann mir nicht helfen, vielleicht liege ich falsch, mir erscheint es, als hätte die Autorin Fakten zusammengesammelt, und versucht, eine Geschichte drumherumzubauen. Wir haben Marie, die Zofe von der Herzogin, die am Hofe lebt und Janek, den Reisenden, die bezugsmäßig zusammenkommen müssen. Die Figur Ebba würde nicht fehlen, wenn man sie herausnehmen würde. Die Story an sich plätschert ohne Höhen und Tiefen vor sich hin. Geschichtliche Fakten sind grob bekannt, können deshalb auch keine Spannung erzeugen.

Der 30-jährige Krieg eignet sich für Dramen, man denke an Otto Gotsches »Und haben nur den Zorn«, Herrmann Löns »Der Wehrwolf«, Schillers »Magdeburger Hochzeit«. In diesem Krieg sind die meisten Menschen an Seuchen und Krankheiten gestorben oder schlicht am Hunger. Aber es ist auch nicht unerheblich, welch Leid durch plündernde Soldaten angerichtet wurde, verbrannte Erde, hungernde Menschen. Das wird hier nur am Rande erwähnt, die Protagonisten werden damit an den Höfen weniger belästigt. Nicht, dass ich Folterszenen erwartet hatte, aber doch ein wenig mehr Kriegsgrauen.

Der Roman ist historisch gut recherchiert, interessant. Der Plot an sich war mir zu farblos, zu gefällig. Hier fehlte mir erzählerische Kraft. 

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336 Bibliotheken, 7 Leser, 1 Gruppe, 167 Rezensionen

thriller, psychothriller, hamburg, entführung, melanie raabe

Die Wahrheit

Melanie Raabe
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei btb, 29.08.2016
ISBN 9783442754922
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Die Wahrheit von Melanie Raabe

Thriller steht auf dem Umschlag. Wie der Verlag darauf kommt, ist mir ein Rätsel. Der schwerreiche Unternehmer Philipp Petersen gilt seit sieben Jahren als vermisst. Er wurde wahrscheinlich bei einer Geschäftsreise in Südamerika entführt. Sarah, seine Frau, hat sich endlich damit abgefunden, ihn je wiederzusehen, will mit dem alten Leben abschließen. Sie lässt sich die langen Haare abschneiden, lädt zum ersten Mal Kollegen zum Essen ein, will neu beginnen. Plötzlich ist ihr Mann wieder da, sie soll ihn vom Flughafen abholen. Aber der Mensch, der Sarah als Philipp Petersen gegenübertritt, ist nicht ihr Mann, er ähnelt ihm nur. Er ist kleiner, die Augenfarbe stimmt nicht, er bewegt sich anders. Niemand glaubt Sarah. Der Fremde zieht ins Gästezimmer. Die beiden belauern sich nun gegenseitig. Er gibt ihr gegenüber zu, vom CIA zu sein, sie würde alles verlieren, Kind und Haus, wenn sie zur Polizei geht, behauptet der Fremde. Er sagt, er heiße Vincent.

»Die Tür ist geschlossen. Dass der Raum dahinter leer ist, weiß ich, noch bevor ich sie geöffnet habe. Ich bin erleichtert. Die Anwesenheit der Frau ist mir so zuwider, dass ich froh bin, noch ein paar Minuten ohne sie zu haben.«

Sarah berichtet in der Ichform von ihrem alten Leben und sie beobachtet den Mann, um herauszubekommen, was vor sich geht. Er berichtet in Ichform, folgt ihr heimlich, um zu sehen, was sie vorhat. Ein Cliffhanger folgt dem nächsten, was nervt. Aber ohne diesen Trick wäre der Plot noch langweiliger, der sich wie Kaugummi zieht. Das Ende ist schlicht grotesk. Selten habe ich eine derart unlogische Geschichte gelesen. Sarah selbst hat in irgendeiner Weise Dreck am Stecken. Der Leser erfährt es am Ende. Weiß er davon?, rätselt sie. Welches Spiel spielt der Fremde, der immer mit einem Mann telefoniert, der irgendetwas herausbekommen soll?

»Und die Welt tut, was sie immer tut. Sie dreht sich weiter.«

Neben Unlogik und allzu vieler Längen in abschweifende Nebenplätze vergeht der Lesespaß. Der Plot plätschert dahin ohne Spannungsbogen. Die Charaktere sind nicht glaubwürdig, passen in keiner Weise zu ihrem Handeln. Sarah ist taff und stark, hat sieben Jahre allein durchgestanden, Triathlon ist ihr Hobby. Sie ist Lehrerin und Millionenerbin, keine Alleinerziehende am Existenzminimum, was ist hier taff? Sie stellt sich der Welt, der sie sich entzogen hatte ... Ach ja? Sie arbeitet als Lehrerin, treibt Sport, hat eine gute Freundin, bei der sie den Sohn unterbringen kann, hat eine Liaison mit einem Kollegen begonnen und diese Frau hat sich der Welt entzogen? Einerseits soll sie psychisch stark sein, andererseits, muss sie sich in kleinsten Stresssituationen ständig übergeben oder ihr wird schwindelig, gleichfalls wird dem Leser suggeriert, dass sie psychisch krank ist. Suggestion, Manipulation durch die Autorin ist das Stichwort. Mit großer Anstrengung versucht sie, den Leser in die falsche Richtung zu lenken und wird dadurch immer abstruser. Nach kurzer Zeit ist der Leser genervt, glaubt kein Wort mehr, weil schier gar nichts zusammenpasst. Durchgequält am Ende angekommen gibt es noch einen obendrauf. Immerhin habe ich gelernt, dass Unsinn steigerbar ist. Welches Thema sollte hier behandelt werden? Ich habe keins gefunden. Ein Roman, auf den man verzichten kann.



++++++ !!!!!! Achtung Spoiler!!!! +++++

Die Autorin versucht, sich zu erklären, indem sie von einer Ausstellung berichtet. Soldatenfotos vor und nach dem Krieg zeigen verschiedene Gesichter der gleichen Person. Es ist richtig, dass Traumata die Gesichter verändern können. Wer allerdings 10 Jahre mit dem gleichen Menschen unter einem Dach gelebt hat, wird ihn wiedererkennen! Augen verändern sich nie. An den Augen sind schon manche Bankräuber wiedererkannt worden, die vollmaskiert waren. Gestik und Mimik, Körperhaltung sind genetisch. Auch die verändern sich nicht. Eine Stimme wird sich nicht in 7 Jahren verändern, sie kann im Alter etwas dunkeltoniger werden. Sarah behauptet, der Mann sei viel kleiner, am Ende werden daraus zwei Zentimeter. Seine Stimme sei anders, die Augenfarbe, seine Bewegung. Was in diesem Roman alles behauptet wird, türmt sich in ohne Sinn und Verstand. Der Fremde sucht Beweise im Haus ... wäre sein Verdacht wahr, so wäre die betroffene Person selten dämlich, sie aufzubewahren. Auch das gibt keinen Sinn. Überhaupt gibt das Handeln des Fremden nicht viel Logik her. 

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

klinik, amour fou, verrückte verliebtheit, bandscheibenvorfall, lesung

Der Liebesidiot

Hajo Steinert
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Knaus, 02.03.2015
ISBN 9783813504293
Genre: Romane

Rezension:

»Mein Trommelfell vibrierte, meine Sinneshärchen zitterten, meine Gehörschnecke frohlockte, als diese Stimme, eine Stimme, wie ich sie zuvor noch nicht vernommen hatte, einen Impuls in meinem Gehirn auslöste, der im Nu meinen ganzen Körper erfasste.«

Trotz aller sprachlicher Raffinesse konnte mich dieses Buch nicht begeistern. Sigmund Seiler, von Beruf Sprecher, befindet sich in einer Rehaklinik. in der Schlange der Kantine, als ihn eine Stimme ins Herz trifft. Er verliebt sich in die Frau, die vor ihm steht. Wie kann er sich ihr nähern? Der Roman beschreibt die Zeit von diesem Mittagessen bis zum Abend. Seiler beobachtet die Frau und überlegt sich, wie er sie ansprechen soll. Dabei schweift er gedanklich ab in sein Leben.

»Sigmund Seiler ist achtundfünfzig. Wenn er, nach seinem Lebensalter gefragt, zu einem mündlichen Geständnis gezwungen wird, beginnt er zu nuscheln. Das »d« im »und« verschluckt er. ›Achtenfünfzich‹ – das darf einem Sprecher eigentlich nicht passieren. Was erst, wenn er ein stechende ›Sechzig‹ wird zugeben müssen?«

In diesem Buch passiert nichts. Seiler denkt zurück an seine Liebschaften, er, der Beobachter, der Verklemmte. Ich lege das Buch unter Altmännerfantasien ab, das an mir vorbeiging. Ab der Mitte habe ich nur noch quergelesen. Seiler und seine Frauen, seine Fantasien ... Seiler besucht häufig Anastasia Fuckmenow, eine Seite im Internet, erotische Gedanken, gescheiterte Beziehungen, das Resümee seines Liebeslebens. Weder empfand ich diesen Roman als humorvoll, noch als erotisch. Seiler ist ein Vorgartenspanner, ein Slip-Schnüffler, er schenkt Männern gern NYker Schwänzchen, wie er die Penis-Pillendöschen nennt, die er heimlich im Museum kaufte, gleich im Dutzend. Carla Frosch, Sigrid Raschke, Margot, Seiler hat kein Glück mit den Frauen. Was will mir der Autor am Ende sagen? Autobiografisch? Oh mein Gott, hoffentlich nicht! Sprachlich gesehen ein lesenswertes Werk, aber nur das allein macht keinen guten Roman aus.

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kastilien, spanien, zeitreise, gegenwart, historischer roman

Das Vermächtnis von Granada

Ulrike Schweikert
Flexibler Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 14.03.2016
ISBN 9783734101960
Genre: Historische Romane

Rezension:

»Ich wäre nicht Königin geworden und geblieben, wenn ich stets mit jedem weich und mitleidig gewesen wäre.«

Das Buch beschreibt das Leben von Isabella I. (1451–1504) von Kastilien, die durch die Heirat mit Ferdinand II. von Aragón zwei weiträumige Reiche vereinte. Eine große Königen, eine durchsetzungsfähige Frau, die mutig regierte und die Welt veränderte. Die ersten Kandidaten, die sie heiraten sollte, verstarben und den letzten wollte sie nicht ehelichen. Sie war so emanzipiert, dass sie gegen jede Etikette selbst ihren Gat-ten erwählte und ihm über ihren jüdischen Freund und Finanzberater persönlich ei-nen Antrag machte. Ihre Krone erkämpfte sie sich in einer Schlacht.

»Alle Juden haben das Königreich bis zum 1. Juli 1492 zu verlassen, lautete der Beschluss. Sollten sie zurückkehren, werden sie zum Tode verurteilt. Es ist ihnen verboten, Geld und andere Wertsachen mitzunehmen.«

Unter ihrer Herrschaft wurden zunächst die Juden 1492 aus ihrem Reich vertrieben, die Menschen, die ihr mit viel finanzieller Unterstützung ihre Kriege zum Machtausbau verhalfen. Wer nicht konvertierte, musste gehen, ohne dass er sein Vermögen mit ins Ausland nehmen konnte. Mit Unterstützung der katholischen Kirche und dem Papst erreichte sie viel. Dafür musste Isabella in ihrem Königreich die Inquisition ein-führen, Consejo de la Suprema y General Inquisición, 1488. Wer nicht konvertierte, musste gehen. Allerdings unterstellte man den Konvertierten, dass sie heimlich ihren Glauben weiter verfolgen würden. Die Inquisition wütete im Land, ⅔ der Konvertierten wurden gekreuzigt oder verbrannt. Isabella und Ferdinand führten die Santa Hermandad (Heilige Bruderschaft) ein, ein landesweites Polizei- und Justizsystem, das die bisher üblichen lokalen Hermandades ablöste und die Rechte der lokalen Aristokratie einschränkte. Ein modernes Rechtssystem, das den Idalgos nicht schmeckte. Im Süden, an der Mittelmeerküste, existierte das Emirat Granada, von der Sierra Nevada bis kurz vor Cadiz. Viele Juden und einige Mauren waren im Rahmen der Vertreibung aus Kastilien und Aragón hierhin geflüchtet. Stück für Stück eroberte sich Isabella auch dieses Land, bis sie 1491 Granada eroberte und die Herrschaft über das Reich erlangte. 1492 schickte Isabella Christoph Kolumbus auf die Fahrt, einen Seeweg nach Indien zu finden, er entdeckte Amerika. Im gleichen Jahr zwang sie die Mauren in den eroberten Gebieten zu konvertieren oder das Land zu verlassen.

»Wie eine Himmelserscheinung, wie eine Siegesgöttin kam die Königin über die winterlichen Berge geritten und zog unter Jubelrufen ins Lager ein. Sie schritt daher, als hieße es, die Hochzeit ihrer Tochter zu feiern.«

Eine große Königin in einer Zeit, die die Welt veränderte. Ulrike Schweikert beschreibt Isabella authentisch aus der Sicht zweier Hofdamen, Jimena und Teresa. Die Königin zu Pferd, eine die sich nichts gönnt, von Ort zu Ort reist, mutig, dreist oder besonnen. Alles hat seinen Preis.

»Erzbischof Carillo, zuerst Isabells größter Unterstützer und dann ihr erbitterter Feind. ... weil er geglaubt hatte, die junge unerfahrene Königin leiten zu können und zu einer Art Schattenkönig zu werden, der im Verborgenen die Fäden zieht. Isabel hatte ihm für seine Hilfe gedankt, ihm aber unmissverständlich klargemacht, dass Kastilien und alle Entscheidungen über das Land ganz allein ihr zustanden.«

Der Leser begleitet Isabella von Ort zu Ort, von Entscheidung zu Entscheidung. Die Autorin beschreibt Städte, die historische Bauten authentisch und ebenso den Charakter von Isabella. Trickreich und mit Voraussicht, taktisch in Verhandlungen, aber auch mit Mut wusste sie ihre Position zu festigen. Sie ritt in die Heerlager ein, ihre Soldaten aufzumuntern, zu unterstützen und befahl waghalsige Manöver. Die Wandlung von Isabella, andere Religionen aus ihrem Land zu eliminieren, sich der katholischen Kirche unterzuordnen, wird klug dargestellt.

(Boabdil, der letzte Maurenkönig) »... habe sich oben auf dem Hügelkamm noch ein-mal umgedreht, um mit Tränen in den Augen ein letztes Mal auf Granada und die Al-hambra zurückzusehen. Doch seine Mutter Aischa soll ihm ins Gesicht geschleudert haben: ›Weine wie ein Weib um das, was du nicht wie ein Mann verteidigen konntest!‹«


Isabella ist hart, auch mit sich selbst. Sie reist bei Wind und Wetter, treibt ihr Pferd voran. Dabei verliert sie das ein oder andere Kind. Die Thronnachfolge ist zu regeln, die Kinder müssen politisch wertvoll verheiratet werden. Am Ende ihrer Tage blickt sie auf ihr Königreich. Aus dem kleinen Kastilien ist ein großes Hispania geworden, Kolumbus hat ihr Reich auf der anderen Seite der Welt erweitert, viele Kinder und Schwiegerkinder sind bereits verstorben, andere nützlich verheiratet. Wird ihre schwache Tochter in ihre Fußstapfen treten können? Die Autorin gibt ein gutes Bild der Epoche wieder und zeichnet ein genaues Bild der historischen Eckdaten und von Isabella.

Der zweite Erzählstrang spielt in 2012. Isaura, eine Journalistin, hat in Spanien ein Haus geerbt. Sie weiß nicht genau, ob sie das Erbe annehmen soll. Sie lebt in Scheidung und hat mit dem Arzt Marco eine Beziehung begonnen. Auf ihren Recherchen an historischen Orten befallen Isaura plötzlich Visionen, sie sieht historische Personen zum Greifen nahe vor sich. Isaura stürzt von einem Balkon. Vom gleichen Balkon stürzte 500 Jahre zuvor die stumme Hofdame Teresa. Beide liegen im Koma. Isaura wacht im Körper von Teresa auf (und wo befindet sich die Seele von Teresa?). Dieser Strang gefällt mir überhaupt nicht. Ich habe bis zum Ende des Romans auf eine Erklä-rung gewartet, eine Überraschung, wozu dieser Erzählstrang dienen soll. Den gibt es nicht. Isaura ist nun Teresa, ja und? Es bringt die gesamte Geschichte nicht weiter. Im Gegenteil, dieser Strang unterbricht laufend den Lesefluss zum historischen Gesche-hen. Ich habe den Teil nur quergelesen. Isaura liegt im Krankenhaus im Koma und Menschen sorgen sich ... Dazu kommt, dass ich in dieser Geschichte nur Unlogik empfinde. Teresa ist stumm. Ein Wunder, nach dem Sturz kann sie sprechen, denn Isaura steckt in dem Körper. Mal abgesehen von diesem Wunder, versteht und spricht Isaura die Sprache(n), die vor 500 Jahren gesprochen wurden. Ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man den Wandel von Sprache berücksichtigt. Sie vermisst eine warme Dusche und ein Bad, ist entsetzt über die hygienischen Zustände, aber ansonsten kommt Isaura sofort klar mit dem Leben und den Gerätschaften. Höfische Etikette, das Verhalten von Frauen in der damaligen Gesellschaft, überhaupt, die Art sich ver-bal auszudrücken, sich zu benehmen, hat sich in 500 Jahren stark gewandelt. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man das in fünf Minuten drauf hat, auch nicht in einem Monat. Isaura weiß, was die Zukunft bringen wird. Aber sie hält sich zurück, will die Königin nicht beeinflussen, nicht warnen. Sie will die Geschichte nicht verändern. Letzteres finde ich gut. Aber welchen literarischen Sinn hat es, Isaura in Teresas Körper zu setzen? Es gibt weder einen inhaltlichen, noch einen dramaturgischen Sinn. Isaura lebt 25 Jahre in Teresas Körper. In 2012 sind es nur ein paar Wochen. Mich haben die vielen Ungereimtheiten enorm gestört.

»Tod durch zuviel Sex.« (Isaura)

Sprachlich bewegt sich das Buch in 2012, nicht 500 Jahre zurück. Die Protagonisten wirken in ihrer Sprache recht flapsig und modern, insbesondere die Frauen. Die Hofdamen heiraten und ihre Ehemänner behandeln die Frauen gleichberechtigt, wie in der heutigen Zeit. Was mir fehlt ist das Geistliche. Es wird nicht gebetet. Isabella war sehr gläubig, legte viel Wert auf den Kirchgang. Das ganze Leben war vom Kirchgang und der Beichte gezeichnet. Davon ist bei den Protagonisten nicht viel zu hören.

Fazit: Ein Buch mit zwei Seiten. Mir hat die Darstellung von Isabella I. sehr gut gefallen und die Einarbeitung der geschichtlichen Eckdaten. Der Parallelstrang von 2012 hat mich gestört, die esoterische Ausschweifung hatte der Stoff nicht nötig. An machen Stellen war mir die Geschichte zu pathetisch, aber damit konnte ich leben, auch damit, dass die Protagonisten ein wenig zu modern geraten sind. Ein empfehlenswerter Roman, wenn sich jemand in unterhaltender Weise mit Isabella I. beschäftigen möchte.

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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Stille Nacht

Martin Walker
Fester Einband: 96 Seiten
Erschienen bei Dörlemann, 07.11.2016
ISBN 9783038200383
Genre: Romane

Rezension:


Auf dem hellen Cover prangt eine große rote Christbaumkugel.

Lucia erstellt mitten im Sommer bei größter Hitze das Konzept für eine Schaufensterdekoration: Weihnachten. Sie erinnert sich, etwa fünf Seiten lag, an das Weihnachtsfest ihrer Kindheit. Und damit ist das Thema Weihnachten in diesem Buch abgeschlossen.

Allerdings ist mir bis hierhin auch fast die Leselust vergangen. Stilistik und Ausdruck haben mich erschrocken Sätze mehrfach lesen lassen, rätseln. Lucia berichtet vom Weihnachtsessen, vom üppigen Kaninchen, das die Mutter zubereitete. Üppig, ein einziges Kaninchen für eine gesamte Sippe?

»Das Tier kam vom Nachbarn, Vater hatte es ...«

Das Schlachttier kam freiwillig herübergelaufen, damit ihm der Vater den Hals um-drehen konnte? Am Weihnachtsbaum hingen Schokoladenweihnachtsmänner und gefüllte Mäuse, wird beschrieben. Und darauf folgt dieser Satz: »Ein Schwager, auch im Unterhemd, schlief in einem Sessel, ...«
Die Frage ist nun, wer hier auch ein Unterhemd trug, Schokoladenweihnachtsmänner oder Mäuse?

»Ein dunkelblauer Pyjama, dessen Ärmel und Beine und das Oberteil unter den Hüf-ten von hellblauen, breiten Bündchen beschlossen wurde, die ihr schon beim Anblick sämtliches Blut in den Adern abdrückten.«

Sätze, die den Leser ratlos sehen lassen. Lucia sitzt in der sommerlichen Hitze im Un-terhemd am Schreibtisch, denkt an alte Weihnachtsfeste und nun folgt dieser Satz: »Lucia hörte ihrer Chefin nur halbherzig zu.« - Ein Gedankensprung, der für den Leser nicht nachzuvollziehen ist ... Plötzlich befinden wir uns an Lucias Arbeitsplatz im Winter wieder, bei der Dekoration von Schaufenstern.

Wir erfahren, Lucias Ehemann, ein Fotograf, der als Kriegsberichterstatter arbeitete, ist bei einem Einsatz ums Leben gekommen. Er hasste den Krieg, suchte keine Gefahr, auch der Ruhm für seine Fotos war ihm egal, er fühlte sich schuldig, weil er nicht hel-fen konnte, er mochte nicht reisen, nicht seine Frau allein lassen. Aber er fuhr immer wieder los. Leider wird hierauf nur mit zwei Sätzen eingegangen. Der Mann bleibt ein Rätsel, ebenso wie die Protagonistin selbst. Sie lernt kurz einen Unbekannten kennen, der sie in ein Café einlädt. Dieser Mann, Saeed, ein Flüchtling, lernt Anatole kennen, auch ein Bildhauer. Saeed darf in Anatoles Werkstatt arbeiten. Letzterer wiederum war mit Lucias Mann befreundet, möchte mit seinen Fotos eine Ausstellung zum Andenken an den Freund machen.

Mich hat das Buch enttäuscht, da es mit Aufmachung und Titel den Eindruck erweckt, es enthalte eine weihnachtliche Geschichte. Aber gewichtiger, es verging mir schnell die Lust an der Ausdruckskraft, der Text holperte durchgängig vor sich hin. Warum der Künstler Anatol mit einer Schaffensblockade belegt ist, bleibt verborgen. Auch Saeeds Geschichte erschließt sich nicht. Lucia trauert verständlicherweise und zieht sich vorerst zurück. Auch über sie erfährt der Leser nicht viel. Die Figuren blieben mir fern, plakativ und oberflächlich. Die Story zieht sich belanglos dahin ohne Tiefgang, ohne Spannungsbogen. 96 Seiten auf 11x18 cm ein Büchlein, von dem ich mehr erwar-tet hatte. 

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30 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 22 Rezensionen

entführung, köln, kindheit, graz, krimi

Marie spiegelt sich

Isabella Archan
Flexibler Einband: 280 Seiten
Erschienen bei CONTE-VERLAG, 24.09.2015
ISBN 9783956020742
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der erste Satz: »Sterne, denkt Es.«

Es entführt ein Kind, doch das Mädchen kann fliehen, Es verfolgt es, der Teich, ein totes Mädchen ...
Fünf Jahre später ist das Reptil in Es erwacht. Es gibt ein anderes Mädchen, das aus-sieht wie sie, das Mädchen von damals.

»›Hallo‹, sagt Es. ›Hallo Mädchen!‹ Das Mädchen nickt. Das Reptil züngelt. Es lächelt. ›Kannst du mir schnell mal bitte am Auto helfen?‹«

Das Mädchen heißt Marie, sie ist 13, wie das Mädchen damals. Marie ist ein typischer Teenie, verstrickt in Pubertät, Aufbegehren und sich gehen lassen, Verliebtheit, Zerrissenheit. Sie lebt bei ihrer Mutter, der Vater wohnt in der Wohnung gegenüber der Schule, mit seiner Neuen. Der Vater hatte ihr ein Notebook geschenkt, das sie fast ausschließlich dazu benutzt, ihr Tagebuch zu führen. Die Datei nennt sie »Marie spie-gelt sich«. An manchen Stellen des Tagebuchs erscheinen mir die Gedanken ein wenig altklug für eine Dreizehnjährige, andere Passagen sind sehr authentisch.

»Ich glaube, dass die Welt hinter dem scheißdunkelgrau von einer Schicht flüssiger Traurigkeit umgeben ist. Jeder trinkt jeden Tag einen Schluck davon oder mehr. Und die, die zuviel davon nehmen, haben Bäuche wie Schläuche.«

Marie wird von Es gefangen. Doch die Polizei benötigt eine Weile, bis sie die Suche nach dem Mädchen ernsthaft aufnimmt. Eine Dreizehnjährige verschwindet, viel-leicht ist sie bei einer Freundin oder lediglich abgehauen ...

»Es. Da, wieder. Zeiten verschwinden, vereinigen sich, Universen berühren einander und Erinnerung wird zur Gegenwart und Zukunft ist ein Gedanke, der zum Handeln zwingt.«

Marie ist das Opfer, sie befindet sich in der Hölle von Es. Der imaginäre Bär redet mir ihr, gibt ihr Halt. Auch Es ist ein Opfer. Isabella Archan schafft es, uns die Charaktere realitätsnah zu transportieren, aber nicht nur die der Hauptpersonen. Perspektiv-wechsel zwischen den Handelnden, Gedanken der Protagonisten, ein feines Zusammenspiel schafft einen düsteren Raum, in den es den Leser hineinzieht, spannend bis zum Schluss.

Die Sprache ist eigenwillig, pointiert. Kurzer Stakkatostil, aber niemals abgehackt, abwechselnd mit fließendem Stil, poetischen Passagen. Ein Buch das sprachlich, wie inhaltlich begeistert. Psychologisch fein gezeichnete Protagonisten runden den Krimi ab.

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42 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 19 Rezensionen

paris, musik, orchester, 1920er, taktstock

Der Bund der Zwölf

Miriam Pharo
E-Buch Text: 290 Seiten
Erschienen bei null, 10.01.2016
ISBN B01AG9HXH2
Genre: Romane

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16 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

mittelalter, lepra, historisch, ursula neeb, hsitorischer roman

Die Siechenmagd

Ursula Neeb
Flexibler Einband: 302 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Societäts-Druckerei, 01.03.2007
ISBN 9783797310361
Genre: Historische Romane

Rezension:

»Niemand geht zur Beisetzung eines Henkers!, sinnierte Meister Hans bitter. ... Durch die Berührung mit dem Schwert eines Herrschers konnte so die alte Unehrlichkeit vom Henker genommen werden. Er durfte sich dann ein anderes Handwerk wählen, dass aber immer unter den unehrlichen Berufen angesiedelt sein musste, denn die Aufnahme in eine rechtschaffene Zunft konnte ein ehemaliger Henker niemals erlangen.«

Ursula Neeb entführt uns nach Frankfurt ins 16. Jahrhundert. Wer Frankfurt kennt, fühlt sich durch die alten Gassen begleitet, wunderbar beschrieben, lernt man, was es mit dem Gutleutviertel auf sich hat. Strenge Sitten und Bräuche teilten die arbeitende Bevölkerung in ehrliche und unehrliche Schaffende ein. Die Ehrlichen wären allerdings ohne die Unehrlichen in ihrem Dreck versunken. Es sind Menschen, die den Schmutz und andere unangenehme Dinge entsorgen, Berufe mit wenig Ansehen, die die in den Außenbezirken der Stadt wohnten.

Maria, genannt Mäu, ist die Tochter des Abdeckers. Er sammelt wilde Hunde von der Straße auf, tötet sie und zieht ihnen das Fell ab, macht daraus Handschuhe. Auch rei-nigt er unter anderem die Kloaken der feinen Bürger, holt die Toten vom Galgen, be-gräbt sie außerhalb der Stadt. Für jede Arbeit zieht er einen anderen Kittel an, damit man den Unreinen erkennt. Arbeitszeiten sind vorgeschrieben, der Bürger möchte nicht belästigt werden. Die Familie wohnt im Galgenviertel, das Viertel der Unehrli-chen, Tante von Mäu ist eine Hübscherin, eine Hure. Die Mutter arbeitet auf dem Gut-leuthof als Siechenmagd, der von den Spenden der Reichen finanziert wird, auf dem Lepröse weggesperrt werden. Auch Begüterte können von der Krankheit befallen werden. Sie haben dort die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, ein behagliches Lebens-ende zu führen, allerdings ausgeschlossen von der Gesellschaft. Ob Arm oder Reich, auf dem Siechenhof ist man unter sich, Brüder und Schwestern. Wer Geld hat, kann sich Bedienstete leisten, Medikamente, üppiges Essen, Wein und alle Annehmlichkeiten, die er sich kaufen kann. Ein mächtiger Herr zieht ein und die Mutter holt Mäu auf den Gutleuthof, damit sie für den Mann als Siechenmagd dienen kann. Guter Lohn, feines Essen und beim Ableben des Herren winkt eine vorteilhafte Abfindung.

»Seine Leute, die zu Hause in seinem behaglichen Stadthaus saßen, sich wohlergehen ließen und die reichen Früchte seines Geschäfts ernteten, das er durch ein Leben voller Arbeit zum Blühen gebracht hatte, sollten es jedenfalls nicht bekommen! Für sie galt er als tot, verbannt ins Reich der Toten, weit abgesondert von der Welt der Gesunden.«

Mäu hat die Wahl: Einen ekelhaften Tölpel zu heiraten, den der Vater ausgesucht hat, um das Geschäft des Alten zu übernehmen oder als Magd für einen Leprakranken zu arbeiten. Beides schmeckt ihr nicht, sie hat andere Ziele, Träume. Was bleibt ihr aber anderes übrig? Sie beginnt ihren Dienst als Magd, doch der reiche Kaufmann kann die Finger nicht von dem hübschen Mädchen lassen.

Mit viel Sachkenntnis bringt uns die Autorin das mittelalterliche Leben nahe. Berufe, Sitten und Gebräuche, das alltägliche Leben in einer Stadt wird authentisch geschildert. „Strafe Gottes“, wie man die Lepra nannte, war in Europa damals weitverbreitet. Wer mit dem Aussatz befallen war, wurde expatriiert. Bis heute ist die Ursache der bakteriellen Krankheit unbekannt und auch die Heilung nicht immer gewährleistet. Die Autorin schildert nicht nur, wie es in einem solchen Siechenheim zuging, sondern auch, wie man sich als Aussätziger fühlt, verbannt aus der Gesellschaft, von der eigenen Familie verstoßen.

Plastisch geschildert, sieht man die Figuren des Romans vor sich: Reiche Kaufleute, Bettler, fahrende Händler, Gaukler, Hübscherinnen, den Angstmann (Henker) oder den Bettlervogt, der offiziell dafür sorgen musste, dass nur die bettelten, die nicht mehr arbeiten konnten und nicht arbeitsscheues Volk. Besonders ausführlich be-schreibt Ursula Neeb die unehrlichen Berufe, ihre Stellung in der Gesellschaft, ihre harte Arbeit. Korruption, Bestechung, wer Geld hat, kann sich einiges leisten, dem wird geglaubt. Marktgeschehen ist glaubwürdig dargestellt, man kann die Gerüche förmlich aus dem Buch herausriechen, wie auch andere unangenehme Düfte.

Die Sprache ist authentisch dem Mittelalter angelegt, in angemessenem Tonfall, ge-spickt mit zeitgemäßen Ausdrücken. Endlich mal ein Buch, das sich mit der realen Zeit befasst und der Leser sicher Dinge erfährt, die ihm vorher unbekannt waren. Aus diesem Grund sticht der Roman positiv aus allen Mittelalterromanen hervor. Aber nicht nur das. Die Autorin zeigt schonungslos das Rechtsgebaren zu dieser Zeit. Recht und Ordnung existieren, werden aber unterwandert durch Standesdünkel, Bestechung, Missachtung. Klar werden Gesellschaftsstrukturen aufgezeigt und bitter stößt das von vielen verehrte Mittelalter auf. Klare Linien der Wohnorte, Berufe und damit sich nichts ändert, darf niemand nach »oben« heiraten. Neeb zeigt die Gerichtsbarkeit auf, die Executive, die haarsträubenden Zustände in den Gefängnissen. Zu gleicher Zeit hatten Gefangene in England das Recht des täglichen Ausgangs auf dem Hof, an-ständiges Essen, ein Wannenbad pro Woche, ärztliche Behandlung, eine Hängematte zum Schlafen. Revidiert man die Verhältnisse in Deutschland zur zeitgleich, läuft es dem Leser eiskalt über den Rücken. Wer eine Schmonzette erwartet wird enttäuscht sein, denn dieser ordentlich recherchierte Roman zeigt schonungslos die Realität des Mittelalters und daher meine Leseempfehlung für alle Geschichtsfans.

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14 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

Montana

Smith Henderson , Walter Ahlers , Sabine Roth
Fester Einband: 608 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 25.04.2016
ISBN 9783630874401
Genre: Romane

Rezension:

»Du bist schon am Limit, und die Zahl der Fälle wird ansteigen, wenn es auf Weih-nachten zugeht bei den Armen, bei den aus der Bahn Geworfenen und Irre. Kinder warten mit Cops in Wohnzimmern oder auf dem Vordersitz vom Streifenwagen, da-mit sie nicht völlig auskühlen, bis du kommst. Und du bringst diese Kinder ins Krisenzentrum in Kalispell. Wo es zu wenig Betten gibt.«

Peter Snow arbeitet beim sozialen Familiendienst, Amt für Jugendschutz, in Tenmile, Montana. Der Roman spielt zur Wahlkampfzeit von Reagan, also um 1980. Die Minen für Edelmetalle sind geschlossen, auch einige Sägewerke. Verarmte Familien, arbeitslose Eltern, Alkoholiker, Drogensucht, durchgeknallte Hillbillies, die schon lange nicht mehr an den amerikanischen Traum glauben, Weltverschwörungstheorien nachhängen. American Trash, der weißen Bevölkerung. Peter, der selbst seine Prob-leme hat, dem die Frau weglief, ins entfernte Texas verzog, der probiert, mit seiner Tochter Kontakt zu halten, sein gewalttätiger Bruder wird von der Polizei gesucht und sein allmächtiger Vater, ein reicher Rancher, der mit seiner neuen Frau zusammenlebt, geht ihm auch auf die Nerven. Ein wenig Ruhe findet Pete bei seiner Kollegin Mary, mit der er ein Techtelmechtel beginnt, die wiederum selbst aus schwierigsten Verhältnissen stammt. Peter versorgt Familien mit Lebensmitteln und Medikamenten, holt Kinder aus verwahrlosten Verhältnissen, bringt sie bei Pflegeeltern unter, die sie nicht immer aus sozialem Engagement aufnehmen, sondern der Kohle wegen. Er trifft auf die Familie Pearl, die von Vater Jeremiah angeführt, erbärmlich in den Wäldern haust, auf die Apokalypse wartet. Pete versucht zu helfen, wird vom Vater fast umgebracht, der sich paranoid vom Geheimdienst verfolgt fühlt. Pete ist weiter auf der Suche nach ihnen, will den Kindern helfen.

»Es gab Kinder mit Narben auf dem Rücken, die unter der Dusche glühten wie geschmolzenes Wachs. Kinder, die keinen Respekt vor persönlichem Eigentum oder Privatsphäre kannten … Kinder, bissen.«

Hendersen beschreibt die Landbevölkerung, die Abgehängten der Gesellschaft, zeigt die grauenhafte Realität einer Population ohne soziales Netz, ohne vernünftige Bildung. Peter weiß, dass seine Hilfe nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein kann, dass das ganze System verkorkst ist. Wildnis in Montana, Berge, Wälder, Kälte. Kälte durchzieht das Buch. Verschrobene Typen, heruntergekommene Ortschaften, weitab der schicken Großstädte, entfernt von Technik und Kultur.

Cecil, der von der Pflegefamilie rausgeschmissen wird, Rachel, Peters Tochter, die von ihrer Mutter abhaut und die Familie Pearl stehen im Zentrum dieses Romans. Rachel, die sich prostituiert. Verschwörungstheorien, religiöser Fanatismus, faschistoide Ge-danken und immer wieder Gewalt, ein Amerika, das in unserem TV nicht vorkommt, weder in Serien noch in Dokumentationen. Das Amerika der Armen, die täglich zu einem bitteren Überlebenskampf aufbrechen. Hier gibt es kein »yes, we can do«.

»Es gab Familien denen man half, weil es Teil des Jobs war; … ich fuhr sie in die gottverdammte Arztpraxis, damit ihre Infektion endlich behandelt wurde. Man machte es eben. Weil es sonst niemand machte.«

Kinder, die nicht zur Schule gehen, ein allzeit betrunkener Richter, Pete, der Sozialarbeiter, ein Versager, der selbst gern zur Flasche greift, junge Menschen mit Hoffnung, irgendwann aus dieser Mühle auszusteigen, der Leser weiß, es wird nie passieren. Montana, weites Land genannt, weite, raue Landschaften, wunderschön melancholisch beschrieben von Henderson. Ein anderer Menschenschlag, Landbevölkerung. Der Autor lässt seine Figuren handeln und sie sich selbst erklären. Toleranz gegen-über anders denkenden Menschen und die Wendung von Blickweisen durchzieht den Roman. Niemanden hängen zu lassen, auch wenn es einem selbst nicht gut geht, nie-mals aufzugeben, »Yes, we can!«

Um die amerikanische Seele zu verstehen, sollte man sich auch mit dieser Seite des Landes befassen, weit ab von Washington, New York, Florida.

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21 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 5 Rezensionen

krimi, krimi-reihe

Küstenstrich

Benjamin Cors
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 22.04.2016
ISBN 9783423261029
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

»Du wirst sehr bald sterben«

Zwei afghanische Flüchtlingsmädchen haben einen Traum: Großbritannien. Sie wohnen in einem Lager an der Küste der Normandie, spazieren am Ufer entlang. Eine von beiden trägt eine Postkarte von London mit sich, ihr Talisman, das Ziel. Und dann bricht das Chaos herein, Bagger rollen an, walzen alles platt, die Flüchtlinge werden verladen auf Anweisung des französischen Politikers Faure. Doch wo sind sieben Mädchen? Verschwunden im Chaos. Der Dschungel musste weg, fort mit dem wilden Camp! Faure brauchte Wählerstimmen!
Zwei Jahre später: Mehrere Leichen, darunter ein totes Mädchen mit der Postkarte von London, werden in Deauville gefunden. Die Polizisten Luc Roussel und Sandrine Poulainc ermitteln.
Parrallelstrang: Personenschützers Nicolas Guerlain war eine Weile aus dem Verkehr gezogen worden, da er psychische Probleme hatte. Nun darf er wieder arbeiten. Er soll in Deauville den adligen Comte de Tancarville beschützen, der Todesnachrichten erhält. Ein großes Fest ist auf seinem Anwesen geplant, das der Comte nicht absagen will. Ein schwieriges Unterfangen für die Personenschützer steht an.
Nicolas Guerlain steht im Konflikt. Der Mann, den er beschützen soll, der beste Freund des Politikers Faure, scheint verwickelt in die Morde, die zu einem Kinderprostitutionsring führen. Kann er im Haus des Comte etwas herausfinden? Und was ist mit Julie geschehen, Nicolas‘ einstige Lebenspartnerin, die von einer Minute auf die andere ein Jahr zuvor verschwand? Nicolas hört nicht auf, nach ihr zu suchen.

Verschiedene Erzählstränge vereinigen sich zu einem spannenden Plot. Das Thema ist grausam realistisch, die Charaktere sind fein gezeichnet. Nicolas Guerlain, gerade von seinen Therapiesitzungen befreit, stürzt sich in die Arbeit. Doch noch immer plagen ihn seine Geister im Kopf, er kann den Tag nur mithilfe von Tabletten überleben. Wo ist Julie? Seine Gedanken an ihre gemeinsame Zeit sind stets präsent. Er kann es nicht glauben, dass sie ihn plötzlich verlassen hat, ihr Liebe verraten. Und dann kommt ein Hinweis ...
Einer der Toten in Deauville war ein Journalist. Nicolas besitzt die Gabe der feinen Beobachtung und er kann schrafsinnig kombinieren. Aus diesem Grund hat man ihn als Personenschützer ausgebildet. Er findet die versteckten Unterlagen des Publizisten, ist entsetzt. Fein blättert sich ein Bild der besseren Gesellschaft auf, ein grausames Netz.

» ›Verzeihen Sie, Monsieur, es ist ...‹ ›Es heißt Monsieur le Comte, verdammt!‹ «

Wem kann man trauen? Im Haus des Comte trifft Nicolas auf einen alten Klassenkameraden Céderic, den Sohn des Comte, ein arroganter Fatzke. In die Geschichte eingebettet zeigt der Autor seine Liebe zur Normandie, zu diesem Küstenstrich. Sprachlich auf hoher Ebene ist dies ein Krimi der besonderen Art. Gekonnt zieht Benjamin Cors seine Erzählstränge durchgehend spannend zum Finale zusammen, pointierte Sätze, ein intelligenter Plot zum politischen Zeitgeschehen. Menschen in wilden Camps, um die sich die Regierung nicht schert. Menschen die Hoffnung haben, einen Traum vom besseren Leben in Großbritannien, was auch immer das sein soll, eben ein Traum.

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7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

selbstmord, die schattenburg, mord, krim, eric berg

Die Schattenbucht

Eric Berg , Nana Spier
Sonstiges Audio-Format
Erschienen bei Random House Audio, 22.02.2016
ISBN 9783837132786
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

An der Küste von Mecklenburg Vorpommern wird Bäckersfrau Marlene Adamski, 62 Jahre alt, nach einem Suizid aus der Psychiatrie entlassen. Die Psychoogin Ina Bartoldy möchte die Patientin, die sich bisher beharrlich weigert zu sprechen, weiter in ihrer Praxis betreuen. Bartoldy gibt nicht auf, besucht Marlene immer wieder, versucht, einen Zugang zu finden.

Parallel betreut die Psychologin den Jugendlichen Christopher, dessen Mutter verschwunden ist. Christopher freundet sich im Verlauf mit Inas Tochter an, was Ina nicht gefällt. Sie selbst hat Probleme mit ihrer eigenen Liebschaft, dem weit jüngerem Bobby.
Die Geschichte wird unterteilt in Gegenwart und Stränge, die eineinhalb Jahre zurückliegen. Das Dorf verbirgt ein schreckliches Geheimnis. Was geschah mit dem windigen Anlagebetrüger Töller? Hat Bobby etwas mit diesem Fall zu tun? Ina sucht nach Antworten. Zum Inhalt mag ich nicht zuviel verraten ...

Beschaulich, unkompliziert, beginnt eine Geschichte, die sich verstrickt und immer mehr Fahrt aufnimmt. Verschiedene Handlungsstränge werden verwoben zu einem unerwarteten Ende. Der Plot ist gut durchdacht und einige Protagonisten werden in all ihren Abgründen gut erfasst, andere bleiben jedoch recht farblos, schablonenartig. Wie weit geht ein Mensch, wenn er nichts mehr zu verlieren hat? Das ist die Frage in diesem Krimi. Gutes Handwerk, ein wenig mehr Pepp wäre drin gewesen, es plätschert manchmal für einen Thriller zu sehr dahin. Insgesamt wurde ich gut unterhalten.


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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Fluchtwege

Sandro Veronesi , Michael von Killisch-Horn
Fester Einband: 413 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 19.03.2016
ISBN 9783608980356
Genre: Romane

Rezension:

»Ich habe die falschen Fehler gemacht«

Der Tag hatte gut begonnen, das Leben im Allgemeinen lief gut, erzählt uns der Icherzähler. Der Witwer Pietro Paladini ist zufrieden, er wohnt in Rom, sein Autohandel »Super Car« bringt ihm ein gutes Einkommen, seine Tochter geht auf das Gymnasium und Pietro hat eine reizende Geliebte. Sie und ihre Kinder muss er zwar unterstützen, denn ihr drogensüchtiger Exmann macht häufig Ärger, aber das ist für ihn kein Prob-lem. Doch ganz schnell bricht die Welt an einem Tag zusammen. Die Kundin, bei der er ein Auto beschlagnahmen muss, flieht mit dem Audi Q3. Pietro verdient sein Geld unter anderem damit, Autos per Gerichtsbeschluss einzuziehen, deren Leasingraten unbezahlt bleiben und er kann die Wagen für die Bank verkaufen. Er verliert dabei sein Handy, auf dem er alle Nummern, Kontakte und wichtige Passworte gespeichert hat, wie das für den Safe, sein Führerschein wird bei der Verfolgungsjagd eingezogen, das Finanzamt beschlagnahmt alle Akten und die PC’s im Büro, seine Tochter läuft von zu Hause weg, die Freundin wird wieder vom Ex bedroht und flüchtet. Der Geschäftspartner liegt nicht im Krankenhaus, wie er behauptet hatte. Er hinterlässt Pietro eine Nachricht, dass ihm alles leidtue, Pietro habe unwissentlich geklaute Autos verkauft und er solle sich auch lieber aus dem Staub machen.

»Wer soll mich schon finden, wo ich doch beschlossen habe, nicht da zu sein? Wer wird mich verurteilen können für das, was ich bin, wenn niemand weiß, was ich bin?«

Pietro überlegt, was er machen soll. Soll er sich der Polizei stellen? Er wusste doch von nichts. Doch der Justiz vertraut er nicht, wir befinden uns in Italien. Wer kann helfen? Pietro muss sich der Vergangenheit stellen. Wir begleiten ihn nach Mailand, seinem alten Zuhause. Dort wohnt die Schwester, bei der die Tochter nun wohnt. Wir begegnen in Luzern der Witwe seines Vaters, seinem Bruder, der auch auf der Flucht ist, wie einst der Vater. Die ganze Familie scheint auf der Flucht zu sein, aus verschiedensten Gründen. »Sei ehrlich zu dir selbst«, etwas, das Pietro schwerfällt. Auf der Suche nach sich selbst löst er Stück für Stück seine Probleme.

Sprachlich dicht mit viel Humor, nah an der italienischen Seele, ein wundervolles Buch, eigentlich. Am Ende läuft mir die Geschichte zu glatt, zu einfach. Es wirkt, als wenn Sanoro Veronesi am Ende selbst nicht wusste, wohin das Chaos führt, was er damit bezwecken wollte. Aber vielleicht ist gerade dieser banale Schluss italienisch. Lügner, Langfinger, Halunken, falsche Freunde, Menschen die unschuldig mitgerissen werden, Moral gibt es schon lange nicht mehr. Das alles ist Italien. Abducken, fliehen, sehen was passiert, was man aushandeln kann, auch Kriminelle können Freunde sein, wirkliche Freunde und letztendlich ist die Familie alles.

»Ich bin niedergeschmettert. Ich habe noch nie jemandem so aufmerksam zugehört und bemerke, dass zuhören viel anstrengender ist als reden. Doch wie ich mich jetzt fühle, zählt nicht. Zählt nicht mehr.«

Wer Bandwurmsätze mit abweichenden Nebensätzen nicht mag, der sollte die Finger von dem Buch lassen. Die Sätze kommen zielstrebig immer zum Punkt zurück, brin-gen dem Leser in Gedankensprüngen die Protagonisten näher, Bruchstücke, Erinnerungen, Beschreibungen. Mit viel Humor berichtet Pietro aus seinem Leben. Sprach-lich ist dies Buch für mich bemerkenswert. Stück für Stück erfährt man von Pietro, dass gar nicht alles in Ordnung ist in seinem Leben, nur kuschlig zugedeckt, gut ver-packt. Der Leser fühlt sich wie ein Beichtvater, geduldig zuhören, nicht verurteilen und auch keinen Rat erteilen, denn wer sind wir schon, ein Urteil fällen zu dürfen. 

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Augustus

John Williams , Bernhard Robben , Christian Redl , Hanns Zischler
herunterladbare Audio-Datei
Erschienen bei Der Hörverlag, 26.09.2016
ISBN 9783844524383
Genre: Romane

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identitätsverlust, hörbuch, schreiben, autorin, fiktion

Nach einer wahren Geschichte

Delphine de Vigan , Doris Heinemann , Martina Gedeck
Audio CD
Erschienen bei Random House Audio, 22.08.2016
ISBN 9783837136418
Genre: Romane

Rezension:

Der erste Satz: »Einige Monate nach dem Erscheinen meines jüngsten Romans hörte ich auf zu schreiben. Fast drei Jahre lang schrieb ich keine Zeile.«

Die Bestsellerautorin Delphine de Vigan, die zuletzt ein Buch über ihre Mutter geschrieben hatte, schreibt ein Buch, indem die Hauptprotagonistin die Bestsellerautorin Delphine de Vigan ist, die zuletzt ein Buch über ihre Familie geschrieben hatte, die eine Schreibblockade bekommt. Sie ist überwältigt über die Reaktion ihrer Leser, die genau wissen wollen, ob alles wahr ist, was in ihrem Buch steht. Sie suchen die Orte aus dem Roman auf, recherchieren im Internet über ihre Familie, saugen Delphine in Lesungen über Privates aus. Nicht alle Familienmitglieder sind mit diesem Buch ein-verstanden. Delphine verarbeitet den Triumph für ihr letztes Buchs, hadert Neues anzufangen. Was muss sie jetzt schreiben, um an den Erfolg anzuknüpfen? Lesungen und Interviews lassen sie nicht zur Ruhe kommen, der Verlag macht Druck, fragt nach dem neuen Manuskript. Die Autorin beschreibt auch optisch sich selbst, ihre Kinder ziehen aus, wechseln ins Studium. Soweit stimmen Autorin und Protagonistin über-ein.

Delphine de Vigan spielt mit ihrem Leser, was ist Fiktion, was ist Realität? Genau da-rum geht es unter anderem, das Schreiben einer wahren Geschichte, der Leser hat es satt, fiktiven Stoff zu lesen, er will Reales lesen, sagt L.. Und wer ist L., die in das Leben der Autorin tritt?

Eines Tages trifft Delphine auf einer Party L.. Elle, gesprochen L bedeutet sie im Französischen: Sie. Die beiden Frauen sind sich auf Anhieb sympathisch und treffen sich ein paarmal, telefonieren, mailen. L. ist Journalistin, als hochkarätige Ghostwriterin für Prominente tätig, schreibt deren Autobiografien. Delphine erhält Hassmails auf ihr letztes Buch, indem sie pikante Details über ihre Familie veröffentlichte, sich vor dem Leser ausblätterte. Die Mails bringen sie aus dem Gleichgewicht. Auch leidet sie unter einer leichten Schreibblockade. Nur L. berichtet sie davon. Sie diskutiert mit L. ihre Ideen für ein neues Buch. L. verhöhnt Delphines fiktive Entwürfe, sie soll über sich selbst schreiben, ihre Seele öffnen, der Leser will die Wahrheit lesen. Delphine hat genug von der Wahrheit, genug von den Reaktionen des letzten Buchs. Doch L. gibt nicht nach.

»Ihre Worte zwangen mich, über das nachzudenken, worüber ich nie hatte theoretisieren wollen. Ihre Überzeugungen stießen heftig gegen das minimale Gebäude, das ich errichtet hatte, um meiner Arbeit einen Sinn zu geben oder wenigstens über sie sprechen zu können. Und ihre Worte schlichen sich ins Herz des Zweifels, den ich nicht mehr zu formulieren vermochte.«

Delphine fühlt sich beobachtet, L. meldet sich stets zur richtigen Zeit, um Delphine zu helfen. Manipulativ, auf freundliche Art und Weise dringt L. in das Leben von Delphine ein, sie sucht Gemeinsamkeiten mit Delphine und da gibt es eine Menge. Delphine fällt in ein tiefes psychisches Loch. L. ist verständnisvoll, mitfühlend, behilflich, wobei sie subtil immer weiter in Delphines Leben eindringt, in ihre Seele. L. manipuliert Delphine, sie ist der Verursacher der Schreibblockade. Delphines Schreibblockade weitet sich aus, nicht einmal Mails kann sie beantworten, einen Einkaufzettel schreiben. L. sieht, wie die Freundin in eine Krise stürzt, ist unterstützend, die einzige wahre Freundin. Sie zieht bei ihr ein, geht einkaufen, kocht, beantwortet Delphines Mails, schreibt Artikel für sie, überweist für sie Rechnungen, übernimmt Delphine. Sie fängt an, sich zu kleiden wie Delphine. Die Soziopathin übernimmt. Delphine ist nur noch ein psychisches Wrack, lebensunfähig. Doch wer ist L.?

»Ja, Schreiben ist eine Waffe... eine Rakete, ein Flammenwerfer, eine Kriegswaffe. Es kann alles zerstören, aber es kann genauso gut alles wieder aufbauen. »

Es geht nicht nur um Delphine und L. in diesem Roman. Es geht um das Schreiben an sich. Die Nöte, eines Bestsellerautors, der unter enormen Druck steht. Von einem Tag auf den anderen ist man weltberühmt und die Welt verlangt Nachschlag von dir. Es geht in diesem Roman um die Wahrheit. Was ist wahr, von dem, was du schreibst, will der Leser wissen. Die typische Frage an Autoren: Wie viel Autobiografisches steckt in ihrem Buch? Der voyeuristische Leser, der alles wissen will, in deinem Leben wühlt. Kann er sich nicht schlicht mit einer guten Geschichte zufriedengeben? Doch was passiert, wenn ein Schriftsteller wirklich Autobiografisches niederschreibt? Wie heftig reagiert seine Umwelt? Hat der Autor damit gerechnet? Wer fängt ihn auf? Wem muss er nun Rede und Antwort stehen? Wie tief verletzen Hassmails den Auto-ren, die er auf seinen Roman erhält? Lesungen, Anfragen, Interviews, Fans, die be-drängen. Wie findet man in dieser Anspannung die Ruhe, ein neues Werk zu beginnen? Themen gehen durch den Kopf. Sind das die richtigen Geschichten, die ein Bestsellerautor schreibt? Werden sie dem Publikum genügen? Was bedeutet schreiben? Wie weit zieht man sich aus? Wo vermischt sich Fiktion mit Wahrheit? Der Protagonist denkt, handelt, hat eine Meinung. Ist das die Meinung des Schriftstellers oder der Figur? Delphine de Vigan hat ein Buch nach dem Buch geschrieben, nach der Veröffentlichung der Autobiographie ihrer Mutter. Diesen Roman hätte es nicht ohne den ersten gegeben. Sie verarbeitet mit dem Schreiben ihre eigene Geschichte. Somit ist die Story wahr. Oder auch nicht. Gibt es L.?

Dieser spannende Roman spiegelt nicht nur die Innenansicht einer Schriftstellerin, es ist ein Spiegel für den Leser. Ihr wollt die Wahrheit wissen? Sucht euch eine aus! In dem Roman geht es um die Wahrheit, um nichts als die Wahrheit. Ein Buch, das nicht loslässt, bis man auf der letzten Seite angekommen ist. Das Jahr ist noch nicht ganz zu Ende, aber dies Buch ist für mich bisher die TOP 1.

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Faunenschnitt

Joshua Groß , Hannah Gebauer
Fester Einband: 124 Seiten
Erschienen bei starfruit publications, 04.05.2016
ISBN 9783922895299
Genre: Romane

Rezension:

»Alles, was hier steht, altert anders als ich.«

Normalerweise lasse ich mich in einer Rezension nie über die Gestaltung von einem Buch aus, weil mich der Text interessiert, nicht das Cover. Bei diesem Buch muss ich etwas ausholen. Das Cover ist auffällig orange-gelb gestaltet, die Buchstaben im Buch sind in einem Tomatenrot gehalten. Fotografien von Hannah Gebauer liegen versteckt, eingebunden als Doppelseite. Der Verlag hat sich hier viel Mühe gemacht. Die Möglichkeit bestand für mich darin, nachdem ich sorgsam nachgesehen hatte, was sich unter den Seiten verbirgt, mit einem Messer die Doppelseiten aufzuschlitzen und das Foto zu teilen oder vorsichtig mit einem Bastelmesser an der Innenkante des Buchs die Seite zu trennen. Ich entschied mich für Letzteres. Manch ein Leser wird Mühe haben, Hand an ein Buch zu legen, darin herumzuschnippeln, es zu verletzen. Damit hatte ich kein Problem. Ich bin ein Kitzler und Seitenumknicker, ein Buch lebt und ich mit ihm, wir wollen nicht zusammen im Museum verstauben. Faunenschnitt ist ein Fachbegriff der Geologie, steht für das Aussterben von Arten. Hier wird Literatur gewagt und gelebt, abseits des Mainstreams. Ein Wagnis, das sich gelohnt hat.

Der Schriftsteller Frank wird von seinem Verleger Bruno gebeten ins Salzkammergut zu fahren. Er soll am Grudelsee herausfinden, wohin ein Dieb verschwunden ist, denn bei Bruno wurde eingebrochen. Sein heiliges Arung (das es nicht gibt) wurde geklaut, ein Heilkraut mit bewusstseinserweiternden Auswirkungen. Ein desertierter Elitesoldat aus Afghanistan ist bereits angeheuert, das Zeug wiederzubeschaffen. Dieses Kraut wird eine große Rolle spielen. Auf dem Weg dorthin wird Frank von einer Muräne gebissen, ein Hund wird ihm geschenkt und der ist obendrein vegan, fühlt sich an wie »Werwolf-Milchbrötchen«. Weitere skurrile, reale, banale, philosophische, halluzinogene Handlung und Gedanken kann man schwer als Inhaltsangabe fassen, nie würde man dem Text gerecht werden. Rausch und Wirklichkeit vermischen sich, vermengen sich mit Historischem, man begegnet seltsamen Gestalten, wie der Vorsitzenden einer Terroristengruppierung, die sich »Das Merkel’sche Kreuz« nennt. Ein Segelflugzeug stürzt in den See, eine Ablenkungstherapie geht baden. Der Tretbootverleiher Edward wird umgebracht, der behauptet, Hitlers Beutekunst in Sicherheit gebracht zu haben. Der wiederum soll früher mal Elche im österreichischen Wald ausgesetzt haben. Und in seinem Haus entdeckt das literarische Gespann Druckerplatten zur Geldfälschung von Pfundnoten. Edwards Vater gehörte anscheinend zur Gruppe »Aktion Bernhard« (die es wirklich gab), die für das Hitlerregiem falsche Noten herstellte. Hitler wollte damit dem englischen Markt überschwemmen um eine Inflation einzuleiten. Auch Thomas Middelhoff, des Ex-Manager von Bertelsmann erhält einen bizarren Auftritt.

„Wer die Phantasie und den Surrealismus so verachtet wie die deutschen Schriftsteller und Kritiker und Professoren, dem bleibt nur übrig, weiterhin ambitionslose, mittelmäßige und nicht überdauernde Kunst zu produzieren. Eine Kunst der Feigheit, eine Kunst des Verrats. Eine Kunst, die keine Kunst ist, sondern Langeweile.“

Witzig, poetisch, philosophisch, mit Symbolik behaftet, mal ins Klamauk übergehend, ohne banal zu werden, begleiten wir Frank durchs Salzkammergut, Geschichten in der Geschichte, als Puzzle zusammengesetzt zum großen Ganzen.

»Der Kies schäumte röchelnd«, oder »Die Sonne lag dem Gras im Nacken«, Sätze gezielt komisch-poetisch, mit viel Raffinesse gesetzt, lässt Lust aufkommen, das Buch nicht nur einmal zu lesen.

Am See trifft der Schriftsteller Sofia, mit der er philosophiert und Arung raucht. Handlung und abschweifende Gedanken von Frank leiten uns in verschiedenartige Dimensionen der Erzählkunst. Was ist Wahrheit, was Fiktion? Joshua Groß führt uns an der Nase herum, lässt uns nachdenken, mitfühlen, lachen.

»Im Diffusen konnten sich die Polemiker profilieren, wir alle wurden empfänglich für Verschwörungstheorien, die Paranoia wuchs, und die anderen, die nicht einfältig waren oder geltungssüchtig, die Zarten, die Komplexen, sahen aus wie Feiglinge, weil sie offenbar abhanden kamen.«

Anfangs hatte ich überlegt, die Kanten der Fotos gerade zu schneiden, die ich ein wenig dicht am Einband abgeschnitten hatte, die nun zottelig daherkommen. Das gehört zu diesem Roman dazu, zottlig, kein Normschnitt. Großartige Literatur, mit Eigensinn verpackt, Danke an den Verlag für das Wagnis, Danke an die Autoren für diesen Flash! Faunenschnitt, nein! Wir wollen solche Literatur lesen! Die wunderschönen Fotos, eingebunden in den Text lieben wir! Wir wollen nicht den Einheitsbrei vorgesetzt bekommen! In diesem Sinn:

»In einem Tunnel schaute ich zweifelnd über die Oberkante meiner Sonnenbrille und wusste, dass ich mich unmöglich meinen ‚Lustigen Taschenbüchern‘ widmen konnte. (Pfeifend) I got so much on my mental. »

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thriller, kirche, jennifer b. wind, missbrauch, kindesmissbrauch

Als Gott schlief

Jennifer B. Wind
Flexibler Einband: 373 Seiten
Erschienen bei Gmeiner-Verlag, 10.12.2014
ISBN 9783839217177
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

«Meine Hände rutschten zum wiederholten Male von der Wand ab. Ich pochte gegen die Tür, die sich Sekunden vorher geschlossen hatte. Ich wollte schreien: »Lasst mich hier raus!«

Morde in Wien und München stellen die Kommissare Jutta Stern und Georg Kunz vom LKA Wien vor ein Rätsel. Wer hat es auf Mitglieder der katholischen Kirche abgesehen? Ihnen wird der Profiler Thomas Neumann zu Seite gestellt, der frisch vom FBI anreist.
In einem Parallelstrang erfahren wir aus dem Tagebuch von Rebecca etwas darüber, wie man mit Kindern in einem katholischen Kinderheim umging. Harte Bestrafungen, Essensentzug, Misshandlung, bis hin zu Missbrauch und Vergewaltigung blättern sich Abschnitt für Abschnitt auf.
Eindrucksvoll, offen brutal beschreibt die Autorin, was den Kindern angetan wird, wie sie sich fühlen. Anfänglich tappen die Ermittler im Dunkeln, Stück für Stück kommen sie dem Warum und damit dem Täter näher. Doch es gibt viele Verdächtige, genügend Menschen, die einen Grund hätten, sich an den eigentlichen Tätern zu rächen. Allerdings bekommt für mich die anfängliche Spannung einen Hänger, da irgendwann klar ist, warum der Mörder unterwegs ist. Es gibt keine Wendungen mehr und letztendlich ist es egal, wer der Mörder ist.
Die Autorin hat diese Geschichte nach einer wahren Begebenheit aus Irland nachempfunden. Insofern wird dem Leser an machen Stellen fast übel, man mag nicht nachdenken über das Leiden der Kinder. Dieser Roman steht für das Leid vieler Weisen, die sich in den Fängen der katholischen Kirche befunden haben, in vielen Orten dieser Welt. Am Ende des Buchs fühlt sich der Ungläubige bestätigt: Es gibt keinen Gott, nur Sekten, die in ihrer eigenen Dekadenz Menschen übelst leiden lassen.

Die Figuren kommen ein wenig aus dem Schulbuch für Schriftsteller hervor, zu sehr gebacken nach Chema F. Der hyperintelligente Neumann, schnippisch, allwissend, die um Anerkennung haschende Frau, die eben nur eine Frau im Team ist, die traumatisiert ihre Erfüllung im Job sucht. Der Chef ist ein Kauz. Die Dialoge der Kriminalen wirken manchmal ein wenig albern. Das sieht zu sehr nach Baukasten aus, zu gesetzt, darum kommen die Figuren nicht authentisch herüber. Die Kinder allerdings sind gut gezeichnet, die Tagebucheinträge von Rebecca kommen realistisch daher.
Das Thema ist wichtig, auch wichtig, in seiner vollen Brutalität gezeigt zu werden, wie hier geschehen. Immer mehr Beiträge zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche zwingen die Kurie, sich offen mit dem Thema auseinanderzusetzen. Jennifer B. Wind legt offen, wie die Vertuschung funktioniert, zeigt Wege, sie aufzubrechen. Insofern halte ich diesen Krimi als wertvollen Beitrag zum Thema, auch wenn es ein wenig handwerklich zu kritisieren gibt.

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weingut, spanien, frauen, familie, mord

Die Frauen von La Principal

Lluís Llach , Petra Zickmann
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 07.03.2016
ISBN 9783458176725
Genre: Romane

Rezension:

»Maria, ich habe mich entschieden, dass du, die liebe Tochter, hier bleiben wirst. Ich weiß, du bist jung und hast wahrscheinlich von einem anderen Leben geträumt, fern von Pous und diesem Haus, aber du bleibst hier.«

Der Roman ist ein spanischer Bestseller, eine Familiengeschichte, ein ein bisschen auch ein Krimi. Der Autor, Luís Llach, ist ein sehr bekannter Musiker und Schriftsteller in Katalonien. La Principal ist ein Weingut in der Nähe von Barcelona. Maria Roderich erhält als Erbe die Principal, die Brüder Geld und Immobilien in Barcelona. Gleichzeitig bedroht europaweit die Reblaus Rebstöcke. Weinreben ganzer Regionen gehen kaputt. Auch die Gegend um Principal hat es erwischt. Das Gut ist wertlos.

»Er hat mich mit lebendigem Leib begraben.« (Maria, die Alte)

Aber Maria, man nennt sie mit 24 die Alte, lässt sich nicht unterkriegen, heiratet wohlhabend einen netten Kerl, der sich lieber mit Büchern beschäftigt als mit Geschäften und bekommt eine Tochter, Maria. Eine junge Frau hatte es damals schwer, sich durchzusetzen, insbesondere, wenn sie früh Witwe wurde, wie die Alte. Deshalb muss sie ein hartes Regiment führen und imposant sein. Es herrscht Bürgerkrieg. Maria wird dick, fett, lässt sich sonntags von Dörflern auf einer Sänfte zur höhergelegenen Kirche tragen. Dies beschriebene Schauspiel der ächzenden Träger erinnerte mich an spanische Prozessionen, bei denen junge Männer ein schweres Kreuz auf den Schultern den Berg hochrennen. Maria, die Mutter Gottes. Nebenbei, in Spanien hieß bis in die 80ger jede zweite Frau Maria.

Politik wird in diesem Buch nur am Rande erwähnt, eher spielt die kirchliche Macht eine Rolle. Der Roman ist in mehrere Zeitebenen aufgeteilt, drei Marias sind Hauptprotagonisten und Úrsula, die Köchin und Haushälterin, die alle drei Frauen kennt. Die Zeit wechselt vom hier und jetzt in die Vergangenheit hin und her. Der Hauptstrang dreht sich um die mittlere Maria. Die Alte, ihre Mutter, hatte das Weingut wie-der auf Vordermann gebracht, ihrer Tochter übergeben, die auch in jungen Jahren Witwe wurde. Wir kommen in das Jahr 1940, den Hauptstrang, der Bürgerkrieg ist vorbei. Plötzlich taucht Inspektor Lluís Recader auf Principal auf.

»Der Mörder hatte den Toten, nachdem er ihm den gesamten Unterleib zerfetzt hatte, der reichsten Familie des Dorfes vors Haus gelegt. Wahrlich ein Stoff für Liebhaber von Schauerromanen.«

Während der Wirren des Bürgerkriegs gab es einen Mord auf Principal, der nie aufge-klärt wurde. Der gekündigte Verwalter wurde bestialisch ermordet. Hat das etwas mit den Leuten auf Principal zu tun? Was ist damals geschehen? Polizei und Franco-Regim waren eins. Der Inspektor verhört Úrsula und Maria. Sie müssen vorsichtig sein. Ein Katz- und Mausspiel beginnt.

Andere Begebenheiten berichtet der Vater der jungen Maria, die in der heutigen Zeit lebt. Die aufgeklärte junge Frau erfährt Dinge über ihre Familie, die sie erröten lässt, die so gar nicht in ihr Weltbild der Generationen passen.

Alle drei Frauen müssen sich in einer Männerdomäne durchsetzen, jede Generation hat eigene Schwierigkeiten, zeitgemäße, aber nicht minder leichtere. Ein wunderbares Buch über Emanzipation, die katholische Kirche und eine verrückte Familie, kraftvoll erzählt. Ein Krimi ist es nebenbei auch noch. Zusammen mit dem Inspektor blättert der Leser die Geschichte auf, erfährt von der harten Arbeit auf dem Weingut. Wir lesen mit Maria Magí, der Jungen, die Memoiren des Vaters. Amüsant, gesellschaftskritisch, ein wenig katalanische Geschichte, drei großartige Frauen, unkonventionell, in einer ungewöhnlichen Familie. Freundschaft, Feindschaft, Intrigen, ein wundervolles Buch.

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italien, drogen, kalabrien, mafia, heimat

Schwarze Seelen

Gioacchino Criaco , Karin Fleischanderl
Fester Einband: 233 Seiten
Erschienen bei Folio, 08.03.2016
ISBN 9783852566849
Genre: Romane

Rezension:

»Wir entschieden uns dafür, in Freiheit, aber bewaffnet zu leben, bereit uns zu verteidigen und anzugreifen. Ehrenmänner und Bullen waren gleichermaßen unsere Feinde.«

Organisiertes Verbrechen in Kalabrien. Die Geschichte der Ndrangheta aus der Innenansicht von einem, der hautnah dabei war. Der Autor Gioacchino Criaco, 1965 geboren in Kalabrien, stammt aus einer Hirtenfamile, arbeitete über 30 Jahre als Rechts-anwalt in Mailand. Sein Vater wurde bei einer Blutfehde ermordet, sein Bruder war einer der 30 meistgesuchtesten Kriminellen in Italien. Und so klingt dieser Bestseller aus Italien, in der Ichform geschrieben, wie eine Autobiografie. Und genau das macht den Reiz aus.

Drei Freunde wachsen in dem kleinen kalabrischen Bergdorf Africa (hier ist der Schriftsteller geboren) auf. Das Dorf wird später umgesiedelt, die Einwohner entwurzelt.

Bevor sie 20 Jahre alt sind, hatten sie: »Bereits gestohlen, Überfälle begangen, Menschen entführt und getötet. Wir lehnten die Welt, in die wir lebten ab, weil sie nicht die unsere war, und nahmen uns, was wir wollten.«

Den Namen des Icherzählers erfahren wir nicht, nur die seiner Freunde, Luciano und Luigi. Sie nennen sich Söhne der Wälder. Dichte, unwegsame Waldungen, Pinien, Eichen, Buchen, Lärchen, ein Gebiet, das nur der begeht, der sich auch auskennt. Immer wieder werden die drei Jungen als Erwachsene zurückkehren, in die Einsamkeit ihrer Wälder, ihre Wunden lecken, sich verstecken. Die Liebe zur Natur, zu diesen Bergen, durchzieht den gesamten Roman. Ein Ort sich zu erden, in der Kälte, der Kargheit und Schönheit.
Criaco beschreibt die kärgliche Landschaft der Ziegenhirten, Häuser, in denen man nicht aufrecht stehen kann, die nur ein Zimmer zum Leben und Schlafen haben, die Zinkwanne, die er als Luxus beschreibt, in der alle sechs Familienmitglieder in lau-warmen Wasser einmal wöchentlich baden, natürlich alle in derselben Brühe. Um das karge Leben ein wenig aufzubessern, verdienen sich die Hirten mit Geiselnahmen Geld dazu, bzw. sie verstecken Geiseln und gesuchte Kriminelle in Ställen in den Ber-gen für die Mafia. Die Geiseln reden sie schlicht mit Schwein an. Manche dieser Geiseln leben über Jahre mit den Hirten, weil die Verwandten nicht zahlen wollen. Manche dürfen mit ins Dorf kommen, gehen mit den Geiselnehmern wandern, völlig traumatisiert sind sie nicht in der Lage, abzuhauen. Manch einer kommt nach Jahren zu einem Freundschaftsbesuch zurück.

Die drei Jungen möchten mehr vom Leben, das Haus der Eltern ausschachten, darin stehen können, anbauen, ein eigenes Zimmer besitzen und das ein oder andere nützliche Ding anschaffen, wie eine Zinkwanne. Aber das Wichtigste, sie wollen heraus aus diesem Leben und verstehen, dass nur Bildung zählen kann. Sie sind fleißig, wissbegierig. Aber die Schule kostet Geld, das ihre Eltern nicht haben. Der Chef der Ndrangheta gibt ihnen die Möglichkeit des Geldverdienens mit kleinen Jobs, bis hin zu Mord. Alle im Dorf sind vom Don abhängig, wer sich gegen ihn stellt, wird vom Blei durch-siebt, wie Lucianos Vater, den er nie kennenlernte. Wer hier lebt, stirbt aus Armut o-der im Kugelhagel, so berichtet der Erzähler. Irgendwann machen die Jungen ihre ei-genen Geschäfte, sie sind schwarze Seelen geworden. Sie studieren in Milano und steigen ins internationale Drogengeschäft ein, legen sich mit den ganz Großen an. Und sie mogeln sich durch die Justiz.

»Die Übereinkunft sah für mich keine Haftstrafe vor.«

Fasziniert, fast voyeuristisch, zieht der Autor von der ersten Seite an den Leser in die Geschichte hinein, in das Dorf Africo, in die Welt der Berge, in die Welt des Dons. Ein Milieu aus Angst, in der Kriminalität zum normalen Leben gehört, wenn man überleben will. Große Erzählkunst, mit der der Autor berichtet, nicht wertet. Man ist er-staunt über das einfache Leben der Hirten und über ihre Dreistigkeit, mit der sie Entführungsopfer wie die Schweine halten. Die drei Jungen wollen mehr vom Leben. Sie wachsen in einer Umgebung von Unrecht und Gewalt auf, wollen dies Leben hinter sich lassen, studieren. Doch wie soll man das Studium finanzieren? Die Kette der Ge-walt schließt sich und irgendwann gibt es keine Retour, sie Sitzen im Drogengeschäft. Doch die Obrigkeit schießt zurück.
Der Leser erfährt, die Jungen wollten mit der Tradition brechen, feine Leute werden, Juristen, Mediziner. Doch wie kann man aus einem Kreis ausbrechen, wenn man längst Teil des Kettengliedes ist? Und ewig lockt das große Geld.

»Ein gewisses Milieu ertrüge es nicht, dass es im Restaurant, im Stadion, bei Konzerten, überall, an zweiter Stelle kam, nach den arroganten und unwissenden Politikern und sogar hinter den stinkenden Bauern und Hirten, die mit Straftaten reich gewor-den waren und mit den ersten wetteiferten. Die sogenannten gebildeten Klassen, die vor Moral trieften, gemeinsam mit politischen Kreisen, die auf kürzestem Weg zur Macht gelangen wollten, wären bereit, zum Angriff überzugehen.«

Dieser Roman ist ein Stück Italien, ein Einblick in die italienische Gesellschaftsordnung. Und sicherlich ist ein Teil der Geschichte von Gioacchino Criaco. Man fragt sich beim Lesen, was ist wahr, was Fiktion? Ist dies in großen Teilen die Geschichte seines Bruders? Letztendlich ist es egal, denn dies ist trotz aller Fiktion die Geschichte der Ndrangheta. Ein hervorragendes Buch, um die schwarze Seele Italiens zu verstehen, spannend geschrieben bis zur letzten Seite. Die Sprache ist nüchtern, sachlich, liest sich wie ein Tatsachenbericht, sicher mit Absicht so gewählt. Der Autor will nichts entschuldigen, sich nicht rechtfertigen. Vielleicht möchte er erklären, die Strukturen einer Parallelgesellschaft.

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hooligans, hannover 96, gewalt, hannover, familie

Hool

Philipp Winkler
Fester Einband: 310 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 19.09.2016
ISBN 9783351036454
Genre: Romane

Rezension:

»Muss ein heftiger Schlag gewesen sein. Der Braunschweiger lag. Lag da mit dem Gesicht in der Regenpampe, wie ein Fisch an Land. Der zuckte wie blöd, und aus seinem Ohr rann Blut. Wusste nicht, was ich davon halten sollte. Das ganze Adrenalin und die Wut wegen der ganzen Scheiße und der Alk vorher beim Spiel«

Heiko Kolbe, Anfang zwanzig, Mitglied einer Gruppe Hooligans, Fans von Hannover 96, lebt bei Armin in Wunstorf. Versteckt auf dem Land züchtet der Kampfhunde auf einem geerbten Hof, veranstaltet illegale Hundekämpfe, und hält auch andere gefährliche Tiere. Heiko ist zweimal durch die Abiprüfung gefallen, hat keinen Schulabschluss. Überhaupt besteht diese Hool-Truppe nicht unbedingt aus solchen Leuten, die der Leser sich gerne vorstellen würde, verkrachte Existenzen ohne Hauptschulabschluss. Die Freunde von Heiko haben es geschafft, arbeiten, studieren. Mit »rechten Glatzen« haben sie nichts im Sinn. Ihre Freizeit verbringt die Clique im Fitnesscenter von Heikos Onkel, im »Wotan Boxing Gym«, in einer alten Fabrikhalle im Stadtteil Stöcken und in der Kneipe »Timpen«. Heiko liebt Yvonne, seine Ex, die morphiumsüchtig ist, Stoff im Krankenhaus klaut. Heiko hat Wut im Bauch, muss sich abreagieren. Sein Vater ist ein aggressiver Alkoholiker, der mit einer devoten Asiatin zusammenwohnt, die Mutter ist lange abgehauen. Die Schwester hat sich freigekämpft, ist von zu Hause ausgezogen, um zu studieren, lebt im Reihenhäuschen. Die Ersatzfamilie von Heiko ist die Kneipe, die Hoolkumpels, mit denen man »Elefantenpisse« (Bier) trinkt und über »Pimmelköppe« herzieht. Es gibt klare Strukturen und man steigt die Leiter der Anerkennung nur hinauf, wenn man den anderen ordentlich was auf die Fresse haut, nicht jammert, aufrecht aus der Schlacht herausgeht. Heikos Onkel ist Chef der Truppe, er gibt den Ton an. Wer ihn beerben will, muss was drauf haben. Der Onkel befiehlt auch, welche Aktionen gestartet werden. Die Jungen rebellieren, Heiko voran, wollen ihre eigene Suppe kochen, versuchen heimlich etwas auf die eigne Faust, das natürlich völlig entgleitet. Selbst im Stadion ist geregelt, wer wo man auf den Stehplätzen der Fankurve einen Platz hat. Die erste Reihe musst du dir zunächst erkämpfen!

Der Leser schüttelt sich, wenn er etwas über den versifften Hof von Armin erfährt, über das verdreckte Haus. Eiskalt läuft es einem über den Rücken, wenn Heiko die Tiere beschreibt, man hofft, sie werden nie entwischen.

»... Man geht nicht zum Napfauswechseln in den Zwinger, wenn der Köter frei darin rumläuft. In null Komma nichts ist man um mindestens zwei Gliedmaßen ärmer. Nachdem ich die Näpfe ausgetauscht, doppelt abgecheckt habe, ob die Zwingerzugänge auch wirklich zu sind.«

Mundschutz, Fäuste, Alkohol und Koks, man trifft sich mit anderen Hools, um sich zu prügeln, mal mit den Kölnern, mal mit Braunschweigern. Man feiert hinterher, als hätte man den Krieg gewonnen. Wozu?, fragt sich der Leser. Für ein bisschen Aufmerksamkeit und Kameradschaft, Halt in der Gruppe, Anerkennung. Ist doch egal wofür, Hauptsache, andere stehen für dich ein und du für sie, deine Familie. Die Kneipe ist das richtige Zuhause.

»Man muss nur drauf achten, ob gerade Klopapier da ist. Ansonsten kann man mit unabgeputzter Kimme ins andere Klo rüberschleichen. Wenn dann auch noch die Kabinen besetzt sind, dann prost Mahlzeit. Die alten Säcke hier brauchen ewig zum Scheißen. Von dem Altmännerkackegestank mal ganz abgesehen.«

Manch einer will aussteigen, meint, er wäre nun erwachsen. Diese Jungs studieren, haben nette Eltern und einen »scheißweißen Gartenzaun«, ein Häuschen mit netter Stube, auf das man sich freuen kann. Heiko hat nichts, drum macht er weiter.
Die Sprache ist gnadenlos, Prosa von unten, schnörkellos. Oft ist die Rede von Prügeln und vom Kacken.

»Ich saß gerade beim Kacken, und wie das immer ist, wenn man in Eile kacken muss, wurde der Schiss so ein mieser, dreckiger und keine schöne aalglatte Wurst, die einem so mir nichts, dir nichts aus dem Anus gleitet, dass man nur einmal abwischen muss und sauber. Nee, natürlich musste ich mir erst mal gefühlte fuffzig Blatt von der Rolle reißen.«

Die Sprache ist für mich leider nicht durchgehend authentisch, sage ich als reinrassiger Hannoveraner. Man spricht in der Kneipe »Timpen« so etwas ähnliches wie »Lindner-Butcherdeutsch«, wie man in Hannover sagt, Unterschichtssprache (»Wat denn«, »Schnauze jet«). Die Jungs sind auf das Gymnasium gegangen, da wird einem was anderes antrainiert, insbesondere wenn man aus gutem Haus kommt und Jura studiert. Hier war mir die Sprache nicht passend zu den Protagonisten gewählt, ein wenig zu aufgesetzt. An vielen Stellen hapert es an den Metaphern, die ich hin und wieder holprig empfand. Nach der Prügelei beschreibt Heiko jemanden, »Als hätte eine Horde von Goths ihn geschminkt«.
Die Sprache ist derb, brutal. Dagegen ist nichts einzuwenden, Prosa in Reinkultur. Das muss man aber durchhalten. Immer wieder gleitet der ungeschliffene Heiko mit der Fluppe im Maul, der bei dem Spacko die Wumme sieht, ab von seinem Asi-Tonfall und lässt den Oberstufler reden. »Und Hannover leuchtet aus tausend Wunden in der Dunkelheit», oder »... diese blaue Augen. Sehen aus wie Eiswürfel, in denen eine Fliege eingefroren wurde. So scharf und gezielt, aber gleichzeitig sind die auch so offen und freischwebend.« Er erzählt vom Auto, das »im fahlen, indirekten Lichtschein« steht. Wer ist Heiko, der hier als Icherzähler fungiert? Ein Asi oder ein Poet? Das wird nicht klar.

Heiko steht politisch eher links, ihm missfällt es, dass sein Onkel Kontakt zu den Ultras sucht. Ihn stört der Dreck auf dem Hof, in der Kneipe, im Grunde seines Herzens ist er in allem ein Kleinbürger geblieben. Was ihn hält, ist die Kameradschaft. Gleiches kann man auch für die Freunde und alten Klassenkameraden von Heiko sagen. Prügeln als Freizeitbeschäftigung. Diese Jungs sind nicht grundsätzlich böse, keine menschlichen Kampfhunde oder politisch Verblendete. Sie sind in etwas hineingeraten, weil sie Kindsköpfe sind und darum wachsen sie aus ihren Kampfstiefeln heraus, hinein in blank polierte Anzugschuhe. Die Clique löst sich langsam auf. Ein Problem für Heiko, der keinen Halt hat. Ein Roman, der einen kleinen Teil der Hooliganszene beschreibt. Wir würden uns freuen, wenn das die Mehrheit wäre. Und genau das nehme ich dem Autoren nicht ab. Abiturienten, die sich bisschen prügeln und irgendwann erwachsen werden.

Das Buch ist lesenswert, mal was anderes. Man findet aber auch nichts Neues. Warum ist der Roman auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises gelandet? Keine Ahnung. Einen Revoluzzer muss es immer geben, einen, der aufregt, einen der grob ist, heraussticht. Das wird es sein, nicht weil es gute Literatur ist, dafür ist die Sprache zu unausgegoren, nicht durchgehend prägnant. Auch taugt die Handlung nicht für etwas Außergewöhnliches. Das Buch ist eben anders, dreckig, voyeuristisch, auf der Linie der Realstorys.

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schweden, krimi, kriminalroman, grausiger fund

Das Seegrab

Carina Bergfeldt , Dagmar Lendt
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 15.08.2016
ISBN 9783442481248
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Anna Eiler, Kommissarin und Julia Almliden, Journalistin, sind Freundinnen. Julia hat ein psychisches Problem, ihr Vater ist seit einem Jahr verschwunden. Das Trauma scheint tieferliegend, wird aber nur an der Oberfläche beschrieben. Der Vater war nie für sie da, anscheinend und nun war er auch physisch abhandengekommen. Niemand weiß, wohin er verschwunden ist, weg, von einem Tag auf den anderen. Der Lebenspartner von Julia ist gegangen, weil es zwischen den beiden nichts mehr gab, Julia sich sperrte, psychisch von der Rolle war. Sie vermisst ihn, doch geliebt hat sie ihn nie. Es war gut, dass jemand da war, dass man nicht allein war. Anna hat auch ein Problem. Sie liebt einen Kollegen, der ihr suggeriert, sie sei seine große Liebe. Doch er ist verheiratet, ein Familienvater. Im Prinzip sind diese Konflikte das Hauptthema des Krimis. Kriminalroman, jawohl. Es gibt natürlich einen Fall. Ein Mann wird vermisst und später werden in einem See mehrere Müllsäcke mit Leichenteilen gefunden. Einer der Toten ist der verschollene Mann, der andere Julias Vater. Julia und die Witwe fühlen sich verbunden.

Ich hatte ein Problem mit diesem Krimi. Mich hatte Crimestory interessiert, die allerdings als Nebenstrang abgehandelt wird. Im Vordergrund stehen die Frauen mit ihren Problemen. Die Geschichte schleicht sich für meine Begriffe langweilig dahin, ohne Höhen und Tiefen. Das Ende ist konstruiert und für mich nicht ganz nachvollziehbar, unlogisch. Ich will jedoch nicht spoilern.

Sprachlich ist der Text auf einfachstem Niveau gefasst und konnte mich in keiner Weise begeistern. An machen Stellen wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.
»Ja, sie rollte angesichts des Lebens mit den Augen.«, oder »Er kaute auf dem Wort herum. Es passte ihm überhaupt nicht.« Man sollte ihn zum Zahnarzt schicken, damit er beim Einsetzen hilft.
Da sieht Anna in den Pupillen eines Menschen, wie blass sie ist? »Anna Eiler meinte ihr Spiegelbild in Frau Chos Pupillen zu sehen. Sie war bleich wie ein Gespenst.«
»Aus feuchten Achselhöhlen kam eine Wolke von Eternity von Calvin Klein.« Da fragt man sich, ob jemand auf die Düse gedrückt hat.
»Zehn Minuten später dampfte es aus den Kaffeetassen.« Kaffee der dampft wie eine Lok?
»Aber Julia Almliden war die Sorte Mensch, die immer an zwei Orten gleichzeitig ist.« Das würde ich gerne sehen. Ausdruckskraft, die den Leser nur den Kopf schütteln lässt und das sehr häufig, etwas was mich sehr störte. Kurze Kapitel, meist um die drei Seiten, verknappte Sprache ohne Lebendigkeit, die mich langweilte. Blasse Charaktere, die trotz ihrer lang beschriebenen Probleme nicht (be)greifbar werden, Nebencharaktere, an deren Namen ich mich nicht einmal erinnere, nicht mehr weiß, welche Funktion sie überhaupt erfüllten, zeigen mir, dass auch hier beim Lesen nichts hängenblieb.

Als Gesamtpaket kann ich diesen Krimi nicht empfehlen, weder als interessante Handlung, noch als sprachliche Leistung.

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Wetterschmöcker

Michael Theurillat
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 15.07.2016
ISBN 9783550080487
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

»Wie das Fett in der Suppe schwimmt auch der Eigennutz immer obenauf.«

Alois Thüring, der Wetterschmöcker, meldet seine Nichte als vermisst, da sie ihn nicht wie üblich besuchte, sich nicht abmeldete. Die Anzeige kann Kommissar Eschenbach nicht ernsthaft aufnehmen, eine erwachsene Frau, die den Onkel nicht besucht. Er ist auch auf dem Sprung, eine Leiche wurde gefunden, am Siehl, verbrannt nach indianischem Ritus. Aber das wird nicht die einzige tote Frau in diesem Buch bleiben.

Eschenbach schert sich nicht um den Verwaltungskram und geht auch wenig zimperlich mit seiner Sekretärin Rosa um. Obendrauf hat er einen Praktikanten am Hals, der ständig Gedichte zitiert. Die neue Chefin will Arbeitsabläufe strukturieren, verlangt Dokumentationen. Eschenbachs Tochter lebt derzeit bei ihm, leidet unter Liebeskummer, ein Freund ist totkrank. Ein Kommissar, der seinem Gefühl folgt und von dem die Mitarbeiter nie wissen, wo er sich gerade aufhält, einer der das ganze Organisationsgedöns ignoriert. Dafür liebt er gutes Essen und erlesenen Wein, wobei er es manchmal zu bunt treibt, übertreibt. Und es gibt die Psychologin, die ihn erotisiert ...

Zwei Handlungsstränge, zwei Blickweisen. Eschenbach ermittelt, Jerome berichtet aus der Vergangenheit. Alois Thüring, ein begabter Mann, er soll CEO eines Weltunternehmens werden. Burnout, Zusammenbruch kur vor Antritt der Position. Er besitzt genügend Geld, zieht sich zurück Muotathal, kauft sich ein Gehöft, zurück zur Natur, wird ein Wetterschmöcker. Seine Nichte Clara hat es geschafft, sie wird in der Vorstand eines großen Konzerns berufen. Doch sie ist verschwunden. Jerome, der Höhlenforscher, und Clara, sind als Kinder eng verbunden im Muotathal aufgewachsen. Er erinnert sich. Was hat das alles hat es mit den toten Frauen zu tun?

»‚Nicht alle, die einem auf die Nerven gehen, sind Psychopathen.‘... ‚Nicht jeder Psychopath ist delinquent‘, begann Eschenbach. ‚Viele von ihnen trifft man am Arbeitsplatz an. Und einige von ihnen machen ihre Sache sehr ordentlich.‘«

Gewitzte Städter, große Konzerne, verschlossene Dörfler, merkwürdige Naturburschen, Eliteschulen, Lokales aus Zürich, das Muotathal, Höhlenlabyrinth, Schweizer Lebensart, das alles verwoben in einem Krimi, mit Vergnügen zu lesen. Kommissar Eschenbach, ein Mensch, der sich gern leiten lässt, gern auch mal in die persönliche Falle als Genussmensch. Der Krimi hat mir gut gefallen. Allerdings fehlt mir die Vorstellung, dass ein solch eigenbrötlerischer Kommissar bei der Polizei dienstliche Überlebenschancen hätte. Ich hatte das Buch des Titels wegen gekauft. Die Wetterschmöcker sind in der Schweiz eine Institution. Alois ist einer von ihnen. Wie er dazu kam, wird nicht erwähnt. Er erkennt das Wetter für das nächste Jahr, indem er an Tannenzapfen schnuppert. Mehr wird zum Thema nicht gesagt, schade. Das Buch hätte entsprechend auch der Banker oder der Gärtner heißen können. Im Klappentext heißt es, es ginge um Konzerne, die mit Rohstoffen handeln, um Glaspaläste, Macht und eine Intrige. Insofern fühle ich mich als Leser ein wenig verkaspert. Weder wird das Thema die Wetterschmöcker behandelt noch geht es ersthaft um die Machenschaften von Konzernen oder um den Rohstoff auf dieser Welt. Das Buch ist gut, keine Frage. Aber die Interessen, die es mit Titel und Klappentext weckt, werden nicht befriedigt.

»Natürlich hatte er von der kauzigen Truppe gehört, die in der Innerschweiz zu Hause war. Fünf ältere Naturmenschen (oder waren es sechs?), die jeweils im Frühjahr und Herbst Wetterprognosen für den bevorstehenden Sommer oder Winter aufstellten. Die Männer lebten im Einklang mit der Natur, rochen an Tannenzapfen und beobachteten das Verhalten von Ameisen.« (Und das war es im Buch zum Thema.)

Das Buch ist spannend, humorvoll, ein lesenswerter Krimi, schweizerischer Flair, an machen Stellen zieht es sich ein wenig. Meine Kritik geht an den Verlag: Titel und Klappentext, die nicht erfüllt werden, verärgern den Leser!

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