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Du hast das Leben vor dir

Romain Gary , Émile Ajar , Christoph Roeber
Fester Einband: 248 Seiten
Erschienen bei Rotpunktverlag, 21.02.2018
ISBN 9783858697615
Genre: Romane

Rezension:

Der erste Satz: »Als allererstes kann ich Ihnen sagen, dass wir immer 6 Treppen rauf mussten, und zwar zu Fuß, und für Madam Rosa mit ihren ganzen Kilos und nur zwei Beinen fing da der Alltag mit Kummer und Sorgen schon an.«

Eine wundervolle Geschichte von 1975 aus der Sicht eines illegalen Jugendlichen, der in ärmsten Verhältnissen in Paris lebt. Der Roman von Romain Gary, der ihn unter dem Pseudonym Émile Ajar veröffentlichte, hat damals den Prix Goncourt gewonnen. Ein Skandal, denn diesen Preis darf man nur einmal im Leben gewinnen, und Romain Gary hatte ihn bereits mit »Die Wurzeln des Himmels« 1956 erhalten. Er gab den Preis nach einer saftigen Trickserei zurück. Dieser französische Bestseller, wurde mit Simone Signoret in der Rolle der Madame Rosa verfilmt. Auch in Deutschland war der Roman zu jener Zeit ein Bestseller. Ein Buch in der Neuauflage, mit Recht, Romain Gary, ein Schriftsteller, den man nicht vergessen sollte.

»Lange Zeit wusste ich gar nicht, dass ich Araber war, weil mich niemand beleidigte. Erst in der Schule hat man es mir beigebracht. Aber ich hab mich nie geprügelt, es tut immer weh, wenn man jemand schlägt.«

Selten habe ich mich so traurig amüsiert. Denn die Geschichte ist traurig, allerdings mit so tiefgehendem schwarzen Humor geschrieben, dass man die inneren Tränen wegschmunzelt. Es ist die Erzählung über eine Liebe, die Liebe zwischen dem Jungen Momo, der eigentlich Mohamed heißt, und Rosa, einer alternden jüdischen Hure, die seine Ziehmutter ist. Rosa hat früher einmal ihren Arsch hingehalten, wie sie sich ausdrückt, sie wurde während der Hitlerzeit ins KZ verschleppt, überlebte und ging zunächst wieder auf den Strich. Irgendwann hat sie eine Pflegestelle für Hurenkinder aufgemacht. Damals wurden Prostituierten vom Jugendamt die Kinder weggenommen und ins Heim gesteckt. Die Frauen wollen ihre Kinder nicht verlieren und so werden sie bei Madame Rosa geparkt, gegen Entgelt. Aber auch andere, wie ein verwitweter Müllwerker, die nicht wissen, wo sie die Sprösslinge tagsüber lassen sollen, bringen sie zu Rosa. Manche der Kleinen werden täglich abgeholt, einige wohnen bei Rosa. Manche kann sie in eine gute Familie vermitteln, die sich Kinder wünschen. Momo lebt bei ihr, seit er drei Jahre ist. Er weiß nichts über seine Eltern, nur dass er Araber ist, hofft, irgendwann herauszufinden, wer seine Erzeuger sind. Rosa wohnt in der Rue Bisson in Paris, ein Viertel das Farbige, Araber und Juden beherbergt, sogar ein waschechter Franzose ist dort zu Hause.

»Ich bin noch eine ganze Weile dageblieben und hab die Zeit verrieseln lassen, die immer so langsam unterwegs ist und sicher nicht aus Frankreich kommt. Monsieur Hamil sagte mir oft, die Zeit kommt langsam aus der Wüste mit ihren Kamelkarawanen und hats nicht eilig, weil sie die Ewigkeit im Gepäck hat.«

Lesen und schreiben lernt Momo bei dem arabischen Teppichhändler Monsieur Hamil, der gern Victor Hugo zitiert, von dem er einen Roman zusammen mit dem Koran in der Tasche trägt, später, leicht dement, die Passagen aus den Büchern beim Zitieren verwechselt. Momo ist illegal, wie meisten im Viertel. Für Madame Rosa ist er etwas Besonderes, denn Momo ist schlauer als der Rest der Bande. Und er glaubt, er sei zehn Jahre alt, denn das behauptet Rosa. Später wird er erfahren, dass er bereits vierzehn ist, denn Rosa hat Angst, er würde abhauen, wenn er alt genug sei. Die Frau hat es nicht einfach mit den Kindern, immer wieder geben Frauen ihre Sprösslinge ab, zahlen nicht die monatliche Betreuung, die Mütter sind unauffindbar. Und Rosa ist in die Jahre gekommen, ebenso Monsieur Hamil. Körperliche Schwächen, erste Zeichen von Demenz, Rosa kann das alles nicht mehr schaffen. Nun bleiben außerdem die monatlichen Raten für Momo aus nach all den Jahren. Aber sie behält ihn, denn die beiden verbindet eine tiefe Zuneigung. Und wo soll der Junge auch hin? Mit Rosas Gesundheit geht es weiter bergab, sie kann nicht mehr die Treppen gehen und ihr Köper versagt gleichermaßen an anderen Stellen - demente Zustände, komatöse Zustände. Ohne die bezahlenden Mütter geraten Rosa und Momo ins Elend – wären da nicht die vielen hilfreichen Seelen aus dem Viertel. Eins muss Momo Rosa versprechen: Nie im Leben will sie ins Krankenhaus gehen, egal was Doktor Katz auch erzählen wird, traumatische KZ-Erlebnisse dringen immer wieder in Rosas Alltagsleben ein.


»Ich bin so lang neben ihr sitzen geblieben, wie es ohne Schiffen oder Essen ging. Ich wollte da sein, wenn sie wiederkommt, damit ich das Erste bin, was sie sieht.«

Wir tauchen in diesem Roman tief in die damaligen Stadtteile der Einwanderer ein, ein geordnetes Chaos der Illegalität. Menschen die sich durch das Leben kämpfen, fein beschriebene Charaktere legt Romain Gary hier vor. Juden, Araber, Christen, Nutten, Händler, Transvestiten, Illegale, Legale, Schwarze, Weiße, Bunte, Menschen wie du und ich mit einer Hoffnung im Herzen. Eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig schützt und stützt, und natürlich gibt es auch solche, die andere verpfeifen. Ein Drama, so böse und doch so humorvoll, scharf hingesehen auf die gesellschaftlichen Details. Ein Erwachsener, der aus der Sicht eines Kindes für Erwachsene erzählt, für die meisten Schriftsteller ein sprachlicher Akt, der nicht zu schaffen ist. In der Regel wird das nichts, es klingt kitschig-trivial, naseweis oder unecht. Romain Gary gelingt es mit diesem Roman, sich empathisch in die Gedanken und Sprache von Momo hineinzuversetzen, die Welt mit seinen Augen zu sehen, ganz ohne Kitsch - Gefühle mit voller Breitseite, ein Staunen über die Welt.

Romain Gary wurde als Roman Kacew in Wilna, damals Polen, heutigen Litauen, geboren. Seine jüdische Mutter war ehrgeizig mit ihrem Sohn, hatte viel vor mit dem kleinen Roman. Sie war zeitlebens sein Antreiber. Violinenspieler, Dichter, Diplomat, ein berühmter Maler oder Tänzer, solche Vorstellungen spukten in ihrem Kopf. Darum wanderte sie mit ihrem Sohn nach Frankreich aus, er war damals dreizehn, der Vater verließ die Familie, als Roman elf war. Er machte sein Abitur in Nizza und studierte Jura, wurde 1938 Pilot bei der französischen Luftwaffe. Als die Deutschen Frankreich besetzten, floh der junge Mann 1940 nach England und wurde Pilot der englischen Luftwaffe unter dem Decknamen Romain Gary. Der Traum der Mutter ging letztendlich auf. Roman Kacew arbeitete nach dem Krieg als Diplomat, war gezwungen wieder den jüdischen Namen anzunehmen, und konnte dann aber doch Romain Gary als Namen legalisieren, unter dem (und 5 Pseudonymen) er über 30 Romane mit großem Erfolg schrieb, und er war nebenbei Filmregisseur und Übersetzer. Er war ein Lebemann und Frauenheld, war zweimal verheirtet, in zweiter Ehe mit der berühmten Schauspielerin Jean Seberg, die Ehe ging nicht gut.

Für dieses Buch, »Du hast das Leben vor dir«, erhielt er unter dem Pseudonym Émile Ajar das zweite Mal den Prix Goncourt. Die Presse wollte natürlich wissen, wer dieser Schriftsteller ist, war ihm auf der Spur. Er schob geschickt einen entfernten Verwandten vor, Paul Pavlowitch, der zurückgezogen in Südfrankreich lebte. Die Kritiker ließen sich aber nicht täuschen und Pavlowitch hatte nicht das Format, sich zu verstellen und in Szene zu setzen, also gestand er seine Lüge. Der größten Skandal der französischen Literaturgeschichte lief zur Hochform auf und der wahre Verfasser wurde enttarnt. 1980 nahm sich Gary das Leben, indem er sich in seinem Auto erschoss. Zwei Jahre zuvor hatte bereits Jean Seberg Selbstmord verübt.

Er hinterließ einen Abschiedsbrief: »Für die Presse. D-Day. Kein Zusammenhang mit Jean Seberg. Die Anhänger des gebrochenen Herzens mögen sich woanders hinwenden. Offensichtlich kann man dies einer nervösen Depression anlasten. Allerdings muss man dann zugeben, dass sie andauert, seitdem ich das Mannesalter erreicht habe, und dass sie mir erlaubt hat, mein literarisches Gesamtwerk zu vollenden. Warum also? Vielleicht muss man die Antwort im Titel meines autobiographischen Werkes suchen: ›Ruhig wird die Nacht sein,‹ und in den letzten Worten meines letzten Romans: ›Man könnte es nicht besser sagen.‹ Ich habe mich endlich vollständig ausgedrückt.«

Der Skandal um das Buch geht aber auch nach Garys Tod weiter. Der Roman »Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran«, von dem französischen Schriftsteller Eric-Emmanuel Schmitt geschrieben, wurde 2001 nicht nur ein Bestseller. Schmitt wurde mit Plagiatsvorwürfen überschüttet, denn sein Roman ähnelt auffällig dem von Romain Gary. Nur Gary konnte es eindeutig besser, ganz ohne Kitsch.

»Er hat in der Tat etwas von einem Virtuosen, der sich seines Publikums bewusst ist und die Effekte anstrebt mit Mitteln, die vom Purzelbaum bis zur Sentimentalität reichen – ein Stück Clown, ein Stück Held, ein Stück geigender Zigeuner. Was ihn als Schriftsteller vor seinen Gefahren und seiner eigenen Geschicklichkeit immer wieder rettet, das ist sein Gefühl für das Absurde der eigenen Existenz, sein paradoxaler Humor.« (François Bondy)

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Einsiedeln

Silvia Götschi
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Emons Verlag, 28.06.2018
ISBN 9783740803186
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

»Wie ein Spiegel lag der Sihlsee eingebettet in die weich gezeichneten Hügel, die sich hinter dem Ufer mit dem Himmel zu vereinen schienen. Lilafarbene Pinselstriche übertünchten das rosa schimmernde Firmament, über das sich ein silberner Punkt bewegte – ein Flugzeug im Anflug nach Zürich-Kloten.«

Einsiedeln, ein kleiner Ort im Kanton Schwyz, bekannt durch das Kloster Einsiedeln, der bedeutendste Barockbau der Schweiz mit seiner Gnadenkapelle der die Schwarze Madonna beherbergt, ein Etappenziel des Jakobsweges. Und genau in diesem idyllischen Ort wird eine zerstückelte Leiche im Sihlsee gefunden, kopflos. Oberleutnant Valérie Lehmann fischt mit ihrem Team zunächst im Trüben. Doch dann gibt es einen kleinen Hinweis, der zum Benediktinerorden führt. Sollte es einen Zusammenhang zum Kloster geben? Doch hier ist man bekanntlich verschnupft, wenn die Polizei um Auskunft bittet.

Valérie Lehmann ist mir bereits bekannt aus vorigen Ermittlungen, eine starke Persönlichkeit, die sich nicht gern etwas vorschreiben lässt. Derzeit scheint sie an einer Midlifecrisis zu leiden, denn sie geht recht ruppig mit den Menschen um. Ob es sich um Angehörige von Opfern handelt, Verdächtige, Mitarbeiter, ihren Lebenspartner oder ihren Sohn, Valérie, ist launisch, unzufrieden, barsch im Tonfall, Empathie ist derzeit nicht ihre Stärke. Der Fall gestaltet sich als schwierig, da eine kopflose, nackte Leiche schwer zu identifizieren ist. Fest steht lediglich, es handelt sich um eine betagte Frau. Das Team findet heraus, um wen es sich handelt – doch schon kurz danach liegt die nächste tote Frau am See und es gibt einen Zusammenhang. Warum mussten die Frauen sterben und wer steckt dahinter?

»Dass es im Fall Benzinger um Rache ging, war offensichtlich. Die Morde waren akribisch geplant gewesen. Die Ausführung genauso wie das Beseitigen von Spuren. Doch eine Spur war bewusst gelegt worden, auch wenn es auf den ersten Blick nicht danach aussah.«

Ein gut ausgearbeiteter Krimi, der sich Stück für Stück aufrollt. Gut, eingefleischte Krimifans werden ahnen, wer der Täter ist, wenn er das erste Mal erwähnt wird … Es gibt auch eine Nebenhandlung, die den Fall kreuzt, die mir gut gefallen hat, aber ich will nicht spoilern. Land und Leute werden hier fein dargestellt, man bekommt ein Gefühl für ein Schweizer Kleinstadtleben. Ganz am Ende dachte ich: Schade, den letzten Kick hätte es nicht gebraucht, der war mir nicht schlüssig, aber noch im Rahmen. Ein spannender Krimi, schnell durchgelesen. Valérie Lehmann ist dieses Mal recht sperrig. Die attraktive Frau wird von Kollegen angebaggert, was ihr gar nicht gefällt, ihr Lebenspartner, ein Staatsanwalt, mit dem sie zusammenarbeitet, setzt sie unter Druck. Er will mit ihr zusammenziehen, bittet sie, mit ihm Häuser zu besichtigen. Ihr Sohn fällt ihr in den Rücken, er ist dafür und er leuchtet mit seinen sechzehn Jahren die Mutter aus, gibt ihr Ratschläge. Valérie ist erstaunt. Soll sie wirklich ein wenig kameradschaftlicher mit Kollegen umgehen, sie, für die Privatsphäre so enorm wichtig ist?  

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Aluta

Adwoa Badoe , Miriam Mandelkow
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Peter Hammer Verlag, 05.03.2018
ISBN 9783779505877
Genre: Romane

Rezension:

Der erste Satz: »Es gibt Dinge, die passieren nur im Kino, dachte ich, als ich in einem fensterlosen Raum mit nur einer Tür auf einem Holzstuhl saß.«

Für Charlotte Adom beginnt eine neue Lebensphase, als sie 1981 ins Studium der Sozialwissenschaften an der University of Science und Technology in Kumasi, Ghana, startet. Studentenwohnheim, nette Freundinnen Partys, so alles ohne den Zugriff der strengen Eltern, Charlotte ist glücklich. Die Vorlesungen machen ihr Spaß, sie belegt Politikwissenschaft, Geschichte und Englisch. Für Politik interessiert sie sich eigentlich nicht, aber es soll einfacher als Jura oder Wirtschaftswissenschaften sein. Zunächst stehen im Lebensmittelpunkt neben den Seminaren Partys, Klamotten, Schminke, der Mädchenclan der achten Etage ist ein verschworener Haufen. Im Politikseminar wird Dr. Ampem auf sie aufmerksam. Der charismatische Professor kann ihr Interesse an politischer Auseinandersetzung wecken und lädt die wortgewandte junge Frau in eine geheime Gruppe ein.

Mit Mary aus einem höheren Semester teilt Charlotte das Zimmer und lernt durch sie den jungen Geschäftsmann Asare kennen, der Charlotte in teure Clubs ausführt und beschenkt. Seine Verliebtheit ist ihr zunächst ein wenig unheimlich, er ist reich, ist im Petroleum- und Ölgeschäft tätig, reist um die Welt. Was findet er an ihr, fragt sie sich. Je näher Charlotte ihn kennenlernt, umso sympathischer wird er, denn er meint es wirklich ernst mit ihr, macht Charlotte einen Heiratsantrag. Allerdings interessiert sich auch Banahene für sie, der Cousin von Mary, ein sympathischer Mitstudent. Er ist kritisch gegenüber der Politgruppe von Dr. Ampem. Als der kommunistische Professor erklärt, wenn das Volk nicht verstehen wolle, könne man es auch zwingen zu verstehen, um irgendwann später zur Demokratie überzugehen. An dieser Stelle wird Charlotte hellhörig gegenüber den sozialistischen Modellen und wendet sich von der Gruppe ab.

»Wenn einer von uns eine Stimme gewann, so unsere Hoffnung, war sie auch den anderen sicher. Einer unserer Slogans lautete: In der Einheit liegt die Stärke! Als Einheit konnten wir das Unileben zum Besseren wenden und auch das Land verändern.«

Asare lädt Charlotte ein, mit ihr nach London zu fliegen. Ein Traum! Doch wie das mit Träumen so ist ... ein politischer Putsch lässt die Seifenblase an Sylvester zerplatzen. Der demokratische Präsident wird durch Rebellen abgesetzt. Asare bleibt im Ausland, unter dieser Regierung wäre es für ihn gefährlich, zurückzukommen. Eine neue Regierung hat sich formiert, Panzer fahren durch die Straßen. Die Uni ist geschlossen, Studenten werden zum Arbeitsdienst gezwungen. Dr. Ampem ist Kulturminister, Charlottes ehemalige Freundin Sylvia steht ihr feindselig gegenüber, gehört nun, wie die meisten aus der geheimen Gruppe, den Regierungstreuen an. Charlotte und Banahene können es nicht fassen. Aber sie bleiben nicht untätig. Sie bewerben sich für den Studentenrat, kämpfen für die Demokratie, was nicht ungefährlich ist. Nach der Entführung und dem Mord von drei Richtern organisieren sie eine Aluta. Und sie glauben, dass sie an den politischen Zuständen etwas ändern können.

»Aluta ist ein Roman, angesiedelt in der Anfangszeit der PNDC-Regierung in Ghana, als Präsident Rawlings eine Saison lang den Sozialisten vortäuschte. In dieser Phase wurden viele Menschenrechtsverletzungen verübt gegen Zivilisten, Militärs und sogar Studentenführer.«

Stände zu Beginn des Romans kein eindringlicher Prolog, so könnte man das Buch als Coming of Age einer ghanaischen Studentin anlesen, freudig plappernd, glücklich auf dem Weg ins Erwachsenwerden. Doch letztendlich ist dies ein Zeitdokument aus der ghanaischen Geschichte. Im Abspann finden sich die historischen Eckdaten. Aluta bedeutet in der Übersetzung große Demonstration und diese haben in der Studentenschaft von Ghana eine lange Tradition. Charlotte, ein naives, behütetes Mädchen, entwickelt sich zu einer selbstbewussten, politisch handelnden Frau. Es ändert sich auch die Sprache von Charlotte, ein gekonnter Schachzug der Autorin.

Ghana war das erste afrikanische Land, das 1957 die Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Großbritannien erlangt hat, jedoch immer wieder von Militärmachthabern regiert wurde. Jerry John Rawlings putscht sich Sylvester 1981 zum zweiten Mal in die Regierung Ghanas, gründet den »Provisional National Defence Council – PNDC«. Die Angst geht wieder um. Studenten werden zunächst zu Arbeitseinsätzen abkommandiert, die Universitäten bleiben eine Weile geschlossen. Im Juli 1982 werden drei Richter entführt und umgebracht, was zu Großdemonstrationen von Studenten führt. Rawlings regierte bis Dezember 1992 als Diktator und wurde erstaunlicherweise danach zum demokratischen Präsidenten gewählt, war dann bis 2000 an der der Macht. Seit 2000 ist Ghana stabil und führt eine legale demokratische Regierung.
Adwoa Badoe lebt heute mit ihrer Familie in Kanada, arbeitet als Ärztin, Geschichtenerzählerin, Tanzlehrerin und Schriftstellerin. Rechnet man zurück – sie muss in dieser Zeit dieses Romans selbst in Ghana studiert haben. Die Geschichte klingt authentisch, sicher sind eigene Eindrücke miteingeflossen. Man lernt auch eine Menge über die ghanaische Küche. Ein Jugendroman? Ich würde ihn unter die Kategorie Allage geben und das Lesealter auf 16 ++ einstufen.

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Die Tankstelle von Courcelles

Matthias Wittekindt
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Edition Nautilus GmbH, 05.03.2018
ISBN 9783960540700
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der Anfang (Lou) »Dünne Beine sind für ein Mädchen kein Grund, sich geschlagen zu geben. Vor allem dann nicht, wenn das Mädchen erst neun Jahre alt ist und noch nie über seine dünnen Beine nachgedacht hat.«

Courcelles, ein kleiner Ort am Rande der Vogesen, an der Landstraße, ein Ort, aus dem etwas werden sollte, der es nicht schaffte, aus dem Provinzmief herauszukommen. Ein Steinbruch, eine Tankstelle, eine Schweinemast. Mehr hat die Stadt nicht zu bieten. Noch gibt es ein Gymnasium, auch das wird schließen. Eine eine Clique bereitet sich auf das Abitur vor, neben dem Lernen treffen sie sich, um sich die Zeit zu vertreiben. Lou, die Tochter des Tankstellenpächters und Philippe, Sohn des Försters, sind die Hauptpersonen, sie sind ein Paar. Die Jugendlichen debattieren über ihre Zukunft, ein Studium in Paris. Philippe wird bewundert, er ist laut seinem Lehrer extrem intelligent, unterfordert in der Schule, er provoziert gern. Julien ist der Freund von Philippe, aber auch er ist verliebt in die spröde, wilde Lou, die kein Problem hat, sich mit Jungs zu prügeln. Die Mädchen stehen auf Philippe.

»Was jemand ist, hat nichts mit Plänen oder mit Gedanken oder Freiheit zu tun, sondern mit Konstellationen. Es gibt überhaupt keine Einzelnen und auch keine Kontrolle.«

Alles läuft auf den einen Tag hinaus, 1978: Lou arbeitet oft in der Tankstelle, um ihr Taschengeld aufzubessern, schiebt auch mal Nachtschicht. Und dann kommt diese eine Nacht, zwei Männer werden erschossen. Der Erzähler hat eine Meinung zu seinen Figuren, beschreibt sie aus seiner Sicht und fragt sich, ob diese oder jene Episode in der Kindheit schon darauf hindeutete, dass dieser oder jener kriminelle Energie besitze. Das Ereignis lauert tief unter der Erzählung, wir wissen, dass etwas passieren wird an der Tankstelle.

»Für mich bist du ein Rassist und Menschenhasser ganz sauberer und reiner Art. Man könnte auch sagen, ein Verführer. Es macht dir jedenfalls Spaß, unsere Freundschaft zu missbrauchen und uns in die Irre zu führen. Aber wir werden dich nicht auf deinem Marsch in den Tod begleiten. Wir werden Abitur machen, studieren und leben.«

Der Roman beginnt leise, baut die Figuren auf, jeder aus der Clique wird vorgestellt. Matthias Wittekind arbeitet kunstvoll, indem er seine Figuren im Alltagsgeschehen und durch Dialoge einführt. Monsieur Theron, der Lehrer der Klasse, bringt die Gedanken der Schüler ins Rollen. Was ist Recht, was ist Unrecht, wann ist der Mensch frei. Ist er überhaupt frei? Die Jugendlichen diskutieren miteinander, machen sich Gedanken über ihr Leben. Sie konkurrieren miteinander, sie verlieben sich, entlieben sich, junge Leute in der Provinz, in der sie keine Zukunft haben. Psychologisch ist der Krimi fein aufgebaut. Der Autor ist auf der Suche, was einen Menschen antreibt und was passieren muss, welche Konstellation aufeinandertreffen müssen, damit Gewalt ausbricht. Was ist die Wahrheit und was ist Lüge? Wer lügt sich selbst etwas vor? Ist er in der Lage, das zu begreifen?

Tankstellen sind Anziehungspunkte. Jugendliche, die sich am Abend hier treffen, weil sonst nichts los ist, sie sind Settings für Autorennen oder Morde oder für Schnittpunkte im Leben. Auch hier ist die Tankstelle gut gewählt, um die Geschichte auf den Höhepunkt zu treiben. Und natürlich gibt es zwei ermittelnde Kommissare, aber sie sind Randfiguren. Ein Krimi, der mir gut gefallen hat, ein literarischer Krimi. Die Spannung im Subtext stetig mitlaufend, ein Provinzdrama, glaubwürdig aufgebaut.

Matthias Wittekindt studierte Architektur und Religionsphilosophie, arbeitete in Berlin und London als Architekt. Es folgten einige Jahre als Theaterregisseur. Seit 2000 ist er als freier Autor tätig, schreibt u.a. Radio-Tatorte für den NDR. Für seine Hörspiele, Fernseh-Dokumentationen und Theaterstücke wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem 2014 mit dem deutschen Krimipreis.

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NSA - Nationales Sicherheits-Amt

Andreas Eschbach
herunterladbare Audio-Datei
Erschienen bei Lübbe Audio, 28.09.2018
ISBN B07GP93RC1
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der Anfang: »Seit es Lord Charles Babbage im Jahre 1851 gelungen ist, seine – damals noch mit Dampf und Lochkarten betriebene – »Analytische Maschine« fertigzustellen, hat die maschinelle Verarbeitung von Informationen rasche Fortschritte gemacht, was wiederum die gesamte übrige technische Entwicklung wesentlich beschleunigt hat. Noch im Kaiserreich Wilhelms II. wird das Deutsche Netz eingerichtet, der Vorläufer des Weltnetzes, das auch im Weltkrieg 1914/17 eine bedeutende Rolle spielt, ohne jedoch dessen für Deutschland nachteiligen Ausgang verhindern zu können.«

Stell dir vor, Computer und Mobiltelefone hätte es bereits vor Hitlers Machtergreifung gegeben. Andreas Eschbach hat genau das gemacht. »NSA« steht dabei für das »Nationales Sicherheits Amt«, das bereits zu Kaiserzeiten gegründet wurde. Es gibt bereits ein sogenanntes »Weltnetz«, elektronische Post, das »Deutsche Forum«, etwas ähnliches wie Facebook, ein Handy, das so funktionsfähig ist wie ein Smartphone, Bargeld ist abgeschafft. Man kauft, bucht per Weltnetz oder bezahlt mit dem Smartphone. Die Menschen wissen meist nicht, dass ihr Handy abgehört werden kann, ihr Standort ermittelt wird. Schon gar nicht wissen sie, dass ihr Fernseher die Wohnung abhört. Dies ist ein Genremix (keine Dystopie, denn wir gehen in die Vergangenheit), einerseits Fantasy, andererseits aber auch geschichtlich und es ist eine Crimestory. Geschichtlich ist die Story nicht immer ganz korrekt (siehe oben, Erste Weltkrieg 1914 bis 1918, 1917 ), also Vorsicht – es ist und bleibt Fantasy.

»Die Frau, deren naturgegebene Aufgabe die Sorge für die Familie ist, muss hierzu eine Vielzahl von sich immer wiederholenden Arbeiten verrichten, … Daher ist jede Hausfrau und Familienmutter von Natur aus eine Programmierin …«

Die Hauptperson ist Helene Bodenkamp, eine Strickerin, eine Programmiererin, das Programmieren ist Frauenarbeit. Nach dem Abitur lernt Helene das Stricken nach Strickmustern und zeigt hier viel Intelligenz, wird bei der NSA aufgenommen. Der Job des Analysten, ist Männern vorbehalten, sie bestimmen die Aufgaben. Einer davon ist Eugen Lettke, der Sohn eines Kriegshelden, ein richtiger Fiesling, die zweite wichtige Figur.

Interessant finde ich, dass sich Eschbach auf die britische Mathematikerin Ada Lovelace bezieht, die hier als die Mutter der Programmierung gefeiert wird. 1840 schrieb sie für einen nie produzierten mechanischen Computer, die »Analytical Engine« von Charles Babbage, ein sehr komplexes Programm, das bereits Unterprogramme oder die Verzweigungen enthielt und als Vorbild für die heutigen Programmiersprachen gilt.

»Die ersten zwei Zeilen lauteten:

Gies – 6.710 Kalorien pro Tag und Person

van Wijk – 5.870 Kalorien pro Tag und Person

›Treffer‹, sagte Lettke in die Stille hinein.

Himmler stand auf. ›Was heißt das?‹

›Diese Leute kaufen das fast Dreifache dessen an Lebensmitteln, was sie selber verzehren können‹, erklärte Adamek.«

Hitler hat die Macht übernommen und Andreas Eschbach lässt geschichtliche Ereignisse in diesen Fantastik-Roman einfließen. Schon während der Schulzeit von Helene beginnt das Übel. Ihre beste Freundin muss sich in die letzte Reihe setzen, obwohl sie Christin ist. Sie hat jüdische Vorfahren. Diese Freundin wird wie viele andere Juden plötzlich das Land verlassen. Andere werden abtransportiert in Arbeitslager. Der Krieg beginnt. Die NSA bekommt die Aufgabe, nach sich versteckenden Juden zu suchen. Die Strickerinnen bekommen natürlich die Aufgabe nicht auf diese Art vermittelt. Helene muss ein Programm schreiben, das herausfindet, in welchen Wohnungen sich mehr Menschen als gemeldet befinden, wobei das Einkaufsverhalten berechnet wird. Kein Problem. Der Kalorienbedarf eines Menschen ist berechnet. Nimmt man nun die Einkäufe der Menschen aus den Bankdaten, denn es gibt ja kein Bargeld mehr, kann man schnell berechnen, für wie viel Kalorienbedarf sie Lebensmittel kaufen. Sind in einer Wohnung drei Personen gemeldet, und sie kaufen über Monate für sechs oder sieben ein, so lässt dies auf versteckte Personen schließen. Zuerst soll Helene ein Profil für Amsterdam erstellen, dort werden viele Juden vermutet. Und siehe da, die Aktion ist erfolgreich, unter anderem wird eine Familie Frank hoppgenommen. Helene wird noch viele Programme schreiben, deren Zwecke ihr zunächst nicht schlüssig sind.

Lettke ist ein Psychopath. Einst als Jugendlicher gedemütigt, insbesondere von Mädchen, lässt der unattraktive Mann seine Wut an Frauen aus. Sie müssen vor ihm winseln, sonst geht ihm keiner ab. Er benutzt seinen Dienstcomputer, um Frauen ausfindig zu machen, die etwas zu verbergen haben, sucht sie auf um sie zu erpressen und sexuell zu quälen. Er ist der Vorgesetzte von Helene.

Eines Tages steht der Mann vor ihrer Tür, in den sich Helene als Jugendliche verliebt hatte. Der Soldat ist von der Ostfront desertiert. Helene hilft ihm, sich zu verstecken. Bemerkenswert an dem Roman ist für mich der Verlauf der Handlung. Immer wenn ich dachte, so muss es weitergehen, wurde ich eines Besseren belehrt. Es ist ein fieser Roman. Spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Allerdings hat mich die Protagonistin ein wenig genervt, die sich kein Stück weiterentwickelt, sie rennt dem Unglück hinterher. Sie hätte viele Möglichkeiten, sich zu stellen. Die Figuren sind klischeehaft, das intelligente Mädchen, nicht besonders hübsch, unscheinbar - klar, eine Mathematikerin. Der Vater, reichstreu, bekannter Chirurg, verstrickt in dubiöse Arztpraktiken. Eine brave Landbevölkerung, die sich nicht beugen lässt und Hilfsbedürftigen zur Seite steht. Ein unattraktiver Mann, Psychopath mit dominierender Mama, einstmalig von Mädchen gedemütigt, quält Frauen. Da hätte ich ein wenig mehr Tiefgang erwartet. Letztendlich schockiert die Geschichte, aber neu ist sie nicht. Wir alle wissen, was mit dem Datenmüll anzufangen wäre, der über uns gesammelt wird, sollte eine faschistische Regierung an die Macht kommen. Neues habe ich letztendlich nicht erfahren, aber spannend war es trotzdem. Sicher gibt es Menschen, die sich bisher wenig Gedanken über das Sammeln und Auswerten von Daten gemacht haben. Denen lege ich den Roman ans Herz. Wie gesagt, für mich haben sich die Protagonisten nicht weiterentwickelt und mir fehlte die ganze Zeit etwas in der Geschichte. Am Ende wusste ich was: Ein Gegenpol – den wird es immer geben, in jeder Gesellschaft! Hier kommt keiner vor. Nicht ein Hacker tauchte in der Geschichte auf, und genau das macht die Story wiederum ein Stück unglaubwürdig. Am Anfang fand ich das Buch großartig, dann kippte meine Meinung: Wo bleibt der Widerstand? Das Ende war für mich unwürdig, einfallslos. Ich fand es sogar ein wenig unlogisch. Ein spannender Roman, der sich zu lesen lohnt, aber der große Wurf ist es nicht.

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Sechs Koffer

Maxim Biller , Christian Brückner
Audio CD
Erschienen bei Parlando ein Imprint von Argon, 08.08.2018
ISBN 9783839871133
Genre: Romane

Rezension:

Ich mag Maxim Biller, vermisse seine klugen Worte im literarischen Quartett. Ein emotionaler, streitbarer Mensch, ein neugieriger mit einer Portion jiddischem Humor, und einer mit klarem Standpunkt, ein Intellektueller – eine Kombination, die ihm gern als Arroganz ausgelegt wird. Ich war gespannt auf sein Familiengeheimnis – und ich ahnte es schon – ich werde es nicht erfahren. Wer hat den »Taten«, den Großvater, damals verraten? Ein Verrat, der dem alten Mann das Leben kostete. Einer der Söhne oder Schwiegertöchter? Viele hatten ihre Gründe. Letztendlich geht es doch nur darum: Warum hätte jemand einen Grund, für eine solch schmähliche Tat. Maxim ist ein Kind, als sein Opa stirbt und in seiner Jugend treibt es ihn an, das Geheimnis zu lösen, das ihn bis ins Erwachsenenalter verfolgt.

Mit diesem für diese Zeit so typischen Familienschicksal landet Maxim Biller auf der Shortlist des deutschen Buchpreises. Bei Biller dreht es sich oft um Biller. In »Der gebrauchte Jude: Selbstporträt« ging es um die Selbstfindung eines jungen jüdischen Schriftstellers in Deutschland, ein Land, das sozusagen judenfrei war. Das Skandalbuch »Esra« wurde eingestampft, durch das sich Billers Exfreundin und deren Mutter kompromittiert fühlten, mit 900 Seiten quälte man sich durch seinen monumentalen Roman »Biografie«, auch die Schwester hatte sich an die Familienbiografie gewagt, ebenso Mutter Rada auf Russisch. Und nun schon wieder die Billers? Mir hat der Roman gut gefallen!

»Ihr seid doch alle in der Familie davon besessen, Geld zu verdienen, Geld zu wechseln, Geld zu verstecken.«

Großvater Schmil Gregorewitsch wurde 1960 in Moskau hingerichtet. Jemand hatte den »Taten« verraten, denn die Staatspolizei wusste, dass er mit einem Bündel Westgeld unterwegs nach Tschechien war, man hat ihn am Flughafen gestellt. Sein Sohn Semjon, Maxims Vater, lebte mit der Familie zu der Zeit im Exil in Prag, sie werden nach Deutschland übersiedeln. Schmil wollte Auto zu kaufen. Dazu kam es nicht mehr. Der Großvater war Zeit seines Lebens ein Schmuggler, Schieber und Schwarzmarkthändler. Der trickreiche Jude, der Kaufmann, der alle über den Tisch zieht, dem Geld das Wichtigste im Leben ist. Wegen »schwarzer Geschäfte und anderer jüdischer Tricksereien« wird der Taten hingerichtet. – Biller darf so etwas schreiben. Wenn Biller von einem »bösen, verklemmten Antisemitenblick« schreibt, oder von »unverschämter, frecher, osteuropäische Art« und sagt, einer hätte ein »unfreundliches, kleines Osteuropäergesicht«, dann nimmt ihm das keiner übel, auch nicht »böse, bärtige, linke Deutschlehrer«, mit denen er später gequält wird. Für mich liest sich so etwas als reine Provokation - eben Biller. Denn als Rezensent würde er solche Passagen Autoren um die Ohren hauen.
Vier Söhne, zwei Schwiegertöchter, wer war es? Oder vielleicht doch jemand anderes, Biller forscht nach. Onkel Dima, dieser Nichtsnutz, der fünf Jahre im Gefängnis unter Stalin einsaß, weil er sich erwischen ließ, als er klammheimlich das Land verlassen wollte, ist einer der Hauptverdächtigen. Da wäre auch Dimas wunderschöne Frau, Natalia, die changeante Schauspielerin, der das Ausgeben von Geld so wichtig ist, die hätte er im stalinistischen Russland sitzen gelassen. Natalia ist diejenige, die vor Maxims Mutter mit Semjon zusammen war, mit ihm in den Westen abhauen wollte, den unbedarften Dima heiratete, weil sie Semjon nicht haben konnte. Die beiden Frauen haben selbstverständlich ein spezielles Verhältnis zueinander. Maxim begibt sich mit fünfzehn auf die Suche nach der Wahrheit, besucht Onkel Dima in Zürich. Dima ist von Natalia getrennt, die in den Kanada lebt. Und was ist mit Lev, der in West-Berlin als Außenhandelsattaché für die kommunistische Regierung eingesetzt war? Der hat sich nach Zürich abgesetzt und jeglichen Kontakt zur restlichen Familie abgebrochen. Wladimir lebt im Brasilien, von dem weiß man kaum etwas. Oder – undenkbar – die eigenen Eltern?

»Konnte es sein, dachte ich auf einmal, dass es ganz anders war - dass im Gegenteil Onkel Lev an Tates Tod Schuld war und dass er darum vor uns allen weglief?«

Biller spielt mit dem Leser. Sympathisch – unsympathisch, der eine sagt dies, der andere das und letztendlich sind wir alle Menschen. Der Leser wird angefüttert, dann zieht Biller das Bett unter den Füßen weg. Jeder hat eine andere Sicht der Dinge. Eine große Familie – schön weit über die Welt verteilt, damit man ja nicht miteinander reden muss. Na gut, zwei wohnen in Zürich, aber immerhin liegt ein großer See zwischen ihnen. Die glitzernde Natalia hat in Zürich den Glanz abgelegt, weil sie nun weiß, dass der schnell Patina anlegt, die Frau, deren Eltern im KZ verreckten. Sie selbst überlebte das KZ als Sexsklavin. Und schon wieder soll sie sich anbiedern, damit ihr Drehbuch verfilmt werden kann ...

»Ich sitze in der Cafeteria im Jewish Community Center und beobachte die alten Männer und Frauen beim Essen und Streiten und denke, dass meine Eltern hier heute vielleicht auch sitzen würden, wenn sie nicht irgendwann aus dieser Welt verschwunden wären, so als hätte man sie einfach weggezaubert.«

Der Roman beginnt im Mai 1965 in Prag. Billers Vater übersetzt Jaroslav Hašeks »Der brave Soldat Schweik« ins Russische. Maxim ist sechs Jahre alt, an diesem Tag wird Onkel Dima in Russland aus dem Gefängnis entlassen. Die Billers sind Russlandjuden, die nach Tschechien geflohen sind und fünf Jahre später wird Maxim in Hamburg wohnen, in dem Deutschland, dass 30 Jahre zuvor noch die jüdische Rasse bestialisch ausradierte. Hier sind sie sicher. Immer wieder verfolgt, immer wieder auf der Flucht. Was macht das mit dem jungen Maxim? Die Juden in Deutschland vergast, der Großvater, von den Stalinisten erschossen. Sechs Kapitel – sechs Koffer – Biller ist böse, sarkastisch, er ist zärtlich, liebevoll und er ist unsagbar komisch, beherrscht den jiddischen Humor. Zornig hackt er auf dem Einzelnen herum, spitzbübisch macht er sich lustig, um ihn sodann herauszuheben und zu streicheln. Der Icherzähler steigt in manchen Abschnitten in die auktoriale Ebene ein. Hier weiß der Leser, wenn er an den Gedanken der Protagonisten teilnimmt – hey Maxim – das hier hast du dir ausgedacht! – Und was ist damit? Maxim findet die Geheimdienst-Akte seines Onkels Dima, liest sie zum Dilemma des Lesers nicht zu Ende, ebenso einen Brief von Tante Natalia an seinen Vater, den er nach dessen Tod in den Händen hält. Hätte es hier eine Auflösung gegeben? Wie immer mischt sich bei Billes autobiografischen Büchern Wahrheit mit Fiktion.

»Wenn du erwachsen wirst, wirst du verstehen, dass das Leben daraus besteht, immer nur das Gegenteil von dem zu tun, was man möchte.«

Eine entwurzelte Familie, zerstritten, in die Welt verteilt, voller Geheimnisse – Migräne, eine Familienkrankheit. Maxims Schwester erfährt erst als Erwachsene, dass die Geschwister verschiedene Väter haben. Sechs Koffer – Sechs Sichten auf die gleiche Geschichte. Menschen, die sich lieben und hassen, sich gegenseitig diffamieren, von ihren eigenen Unzulänglichkeiten gern ablenken, die lügen, sich selbst was in die Tasche lügen; Eifersucht, Rachsucht, Altersmilde, Typen die menschlich sind. Am Ende weiß der Leser nicht, wer der Verräter ist, sämtliche Protagonisten sind selbst Verratene.

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Falken jagen

D. B. Blettenberg
E-Buch Text: 384 Seiten
Erschienen bei Pendragon, 15.08.2018
ISBN 9783865326294
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der Anfang:
»Sampeng.
Bankogs Chinatown.
Eine Lagerhalle am Ufer des Chao Praya River. Es stinkt nach verrotteten Pflanzen und verfaulten Fisch. Vor dem Tor des Lagers warten zwei Chinesen, die ihm zur Begrüßung zunicken.«

In Thailand geht ein Killer herum, der zwei Deutsche ermordet hat. Was könnte diese Männer verbinden? Kompliziert wird es, als ein als korrupt bekannter griechischen Diplomat das Zeitliche segnen muss. Der Mörder hinterlässt bei jedem Opfer eine Nachricht in altgriechischer Sprache und unterzeichnet mit »Falke«. Privatermittler Farang wird eingeschaltet, weil die Polizei allein nicht weiterkommt, auch er ist zunächst ratlos. Es gibt keinen Ansatz, das Leben dieser Männer in Zusammenhang zu bringen. Da erhält er einen Tipp, der nach Griechenland führt. Dort könnte die Mordserie ihren Anfang genommen haben. Wer steht noch auf der Todesliste und warum überhaupt?
Der Leser beobachtet parallel den Falken, den Assassino. Sein Motiv reicht tief in die deutsche Vergangenheit zurück, geht zurück auf ein traumatisches Ereignis, bei dem fast ein ganzes Dorf auf einer griechischen Insel ausgelöscht wurde. Der Leser kennt das Trauma des Falken, seine Motive. Der Falke selbst weiß aber nicht, dass man ihm auf der Spur ist, wenn auch wage. – Spannung beim Leser durch seinen Wissensvorsprung.

»Farang sah das, was Bangkok in seinem schmuddligen Betonherz ausmachte. Unebene Gehsteige voller Plastikmöbel und Töpfe mit teils vertrockneten, teils blühenden Pflanzen. Gelb-schwarz gestreifte Metallbarrieren, die am Parken hindern sollten, sowie Motorräder und Autos, die sich nicht daran hindern ließen.«

Ein solider Krimi, der bis tief in den Zweiten Weltkrieg zurückgreift. Wir wissen zwar viel über die Besetzung von Frankreich und Polen, aber die Bedeutung der Ägäis in diesem Krieg ist den meisten Menschen unbekannt. Nach der Kapitulation Italiens versuchten die Engländer, die südöstliche Ägäis zu besetzen, um von dort die Deutschen anzugreifen, die die Balkanländer kontrollierten. Die Italiener hatten auf Leros ein Tunnelsystem installiert, das heute zu einem Museum umgestaltet ist und in dem Roman eine Rolle spielt. Nachdem die Engländer die Insel eingenommen hatten, wurde sie 1943 in einer blutigen Schlacht von den Deutschen erobert. Auf diese Zeit geht der Roman zurück, denn es gab in Griechenland viele Partisanen, mit denen die Deutschen rigoros umgingen, um die Bevölkerung einzuschüchtern. Die Geschichte ist erstklassig recherchiert und glaubwürdig, schnörkellos geschrieben. Mit Ortswechseln habe ich normalerweise keine Probleme, aber hier war es mir ein Einschnitt in der Story, ein gesamtes Setting in Griechenland bzw. Europa wäre mir einleuchtender gewesen. Der Thai-Anfang passt für mich atmosphärisch im Nachgang nicht ganz, aber das ist sicher Geschmacksache. Der geschichtliche Hintergrund ist sehr interessant, und der Krimi ist tadellos, keine Frage, aber so richtig konnte er mich an keiner Stelle packen, ich habe das Buch ein paarmal zur Seite gelegt. Bei solchen Büchern ist es klar, wie sie ausgehen, nur der Weg ist unklar. Fazit: Ein guter Krimi ohne Ausrufezeichen. 

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Nichts, um sein Haupt zu betten

Françoise Frenkel , Elisabeth Edl , Patrick Modiano
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei btb, 12.02.2018
ISBN 9783442716081
Genre: Biografien

Rezension:

Der erste Satz (Vorwort): »Das Exemplar von Nichts, um sein Haupt zu betten (Rien où poser sa tête), das, wie ich erfahren habe, vor kurzem in Nizza auf einem Trödelmarkt der Emmaus-Bruderschaft gefunden wurde, hat bei mir ein seltsames Gefühl hervorgerufen.«

Nicht nur bei Patrick Modiano, dem Verfasser des Vorworts. Der französische Kinderbuchautor Michel Francesconi Françoise entdeckte das Buch auf einem Flohmarkt und er wandt sich mit diesem historischen Kleinod an den Schweizer Verlag Gallimard, der den Roman 2015 wieder neu auflegte, die auf Deutsch bei Hanser erschien, nun bei btb als Taschenbuch vorliegt.

Frenkel hat es geschafft, während der NS-Zeit der Judenverfolgung zu entkommen, das Beruhigende vorneweg, sie konnte in die Schweiz fliehen. Denn dort verfasste sie dieses Buch, das 1945 im Schweizer Verlag Jeheber erschien. Sie wird 1889 unter dem Namen Frymeta Idesa Frenkel in Polen geboren, studiert Literatur in Paris, arbeitet in der Bibliothèque Nationale, dann in der Bibliothèque Saint-Geneviève. Sie will eine Buchhandlung mit französischer Literatur in Polen eröffnen, entscheidet sich aber während eines Aufenthalts in Berlin für diese Stadt und eröffnet 1921 in der Passauer Straße in Berlin-Schöneberg das »Maison du Livre«. Mit einem Koffer voll Bücher zieht sie los aus Paris, »Les Thibaut« von Roger Martin du Gard, »Les Croix de Bois« von Roland Dorgelès, »Civilisation« von Georges Duhamel, verkauft zunächst aus der Wohnung heraus. Der französische Konsul warnt, als sie einen Laden eröffnet: »Sie scheinen mir das politische Klima im gegenwärtigen Deutschland nicht zu kennen!« Zu erwähnen ist, zu dieser Zeit war die französische Sprache weit verbreitet, die Sprache der Gebildeten, der Diplomaten, der Post, der Küche, der Hotellerie. In Berlin wohnten viele Ausländer, viele Polen und Exil-Russen, Ungarn, Türken, Skandinavier, die alle gute Französischkenntnisse hatten.

»Nach der Art, wie jemand einen Band in den Händen hielt, beinah zärtlich, wie er behutsam darin blätterte, die Seiten ehrfürchtig las oder nur hastig, achtlos umschlug und das Buch anschließend wieder auf den Tisch legte, manchmal so nachlässig, dass die Ecken, dieser so empfindliche Teil, umgeknickt waren, gelang es mir mit der Zeit, einen Charakter, eine Seelen-und Geistesverfassung zu durchschauen.«

Literatur, heißbegehrte französische Magazine und Modejournale, der Buchladen entwickelt sich zu einem Treffpunkt der Exilanten und besseren Gesellschaft, denn hier gibt es Bücher zu kaufen, die nicht ins Deutsche übersetzt wurden, Diskussionsrunden, Lesungen mit französischen Autoren wie André Gide, Philippe Soupault, Claude Anet, Henri Barbusse, Colette, Julien Benda, Aristide Briand. Nobelpreisträger, Botschafter, Politiker gehen ein und aus. »So erlebte ich Jahre voller Sympathie, Frieden und Wohlstand«, sagt Frenkel. Irgendwo, wo heute das KaDeWe steht, muss sich der Buchladen befunden haben.

»Überall begegnete man Menschen, die verlegen, fast beschämt wirkten; doch niemand protestierte frei heraus.«

Die politischen Zeiten ändern sich und Frenkel bekommt Besuch von der Kriminalpolizei, ihr wird vorgeworfen, sie betreibe fremdländische Propaganda, sie beschreibt eine »rasante Verwandlung der deutschen Kinder in erregte Larven der Hitlerjugend«. Immer wieder werden einzelne Bücher konfisziert, es gibt Devisen-Probleme, unendliche Zollformalitäten. Der ausländische Laden wird zunächst in Ruhe gelassen, die Regierung hat Angst vor Verwicklungen mit der französischen Diplomatie, Frenkel fällt nicht der Zerschlagung der jüdischen Geschäfte zum Opfer, ist bloß die Ausländerin. Sogar als in Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 die Synagoge brennt, jüdische Geschäfte in Flammen aufgehen, bleibt ihr Laden unangetastet. Was sie hier beschreibt, geht zu Herzen. Ihre Naivität, ihre Bücher verteidigen zu müssen, zeigt bei ihrem Intellekt für die Ausblendung der Realität. Es ist nicht die Angst, sondern die Sehnsucht nach dem Tod, der Ekel vor den randalierenden Menschen, die den Leser trifft. Bis hierhin ist das Buch atemlos, voller Energie, Glück und Erstaunen, voller Leichtigkeit und Zuversicht. Interessant ist die Tatsache, dass Frenkel verheiratet war. Ihr Mann, wird in diesem Roman ausgeblendet. Liest man etwas über Frenkel, findet man heraus, sie war zu diesem Zeitpunkt bereits 10 Jahre mit dem russischen Juden Simon Rachenstein verheiratet, mit dem sie zusammen den Buchladen führte, der bereits 1933, weit vor seiner Frau nach Paris floh, jedoch von dort nach Auschwitz deportiert wurde, im Konzentrationslager verstarb. Es geht eindeutig um ihre eigene Geschichte, doch das erwähnt sie nie, auch der Mann ist aus der Geschichte ausgeklammert, obwohl sie in der Ich-Form schreibt. Warum ist Simon Rachenstein nach Paris geflohen, seine Frau verblieben?

»Zuweilen träumte ich auch, ich schliefe den letzten Schlaf.«

Atemlos und voller Energie wird es im Leben von Frenkel bleiben. Sie beschreibt sich selbst als ruhelos. Das französische Konsulat rät ihr, sie möge Berlin verlassen, es sei nicht mehr sicher, man bietet ihr an, mit den letzten Mitarbeitern des Konsulats abzureisen. Ein letzter Blick nach Deutschland an der Grenze. Dort wird ihr nämlich verboten, die erlaubte Höchstsumme von zehn Mark gegen französische Francs zu tauschen, mit der Begründung: „Nicht Arierin! ... keine Devisen ... der Nächste!“. Sie kommt mittellos in Frankreich an und zunächst muss sie auch noch auf den größten Teil ihres Gepäcks verzichten. Ihr Pariser Exil, muss Frenkel bald verlassen, reist nach Avignon, Vichy und zurück, nach Avignon, von dort nach Annecy, schließlich nach Nizza und St. Julien, wo sie sich im Pfarrhaus versteckten kann, später beim Ehepaar Marius, denen ein Friseursalon gehört, auf einem Schloss usw. Das Ziel Frenkels ist die Schweiz, denn hier befindet sich bereits seit langem ihre Familie. Trotz eines Visums für die Schweiz schicken die Grenzposten sie wieder zurück, als sie mit anderen Flüchtlingen die Grenze überschreiten will, liefern sie an die Nazis aus. Sie wird wieder aufgegriffen, entgeht knapp der der Deportation. Erst im dritten Anlauf kann sie »ungesehen« die Grenze überschreiten und ist in Sicherheit.

»Das Grauen nistete sich ein im Alltagsleben«

Eine mutige Frau, aber auch eine, die ein wenig abenteuerlustig ist, Warnungen in den Wind schlägt, Situationen naiv einschätzt, eine die schnörkellos ihre Fehler beschreibt. Mutig und immer voller Zuversicht betrachtet sie ihre Umgebung, das märchenhafte Avignon, den Zauber des Südens und selbst als sie in Annecy ins Gefängnis transportiert wird, beschreibt sie »die in ihrem Winterkleid überwältigend schönen Berge«. Zunächst glaubt sie sich Frenkel Frankreich sicher, doch das Land wird im Norden besetzt, der Süden bleibt offen. Hierhin flüchten viele Juden, die Unterkünfte sind heillos überfüllt, jeden Tag ändern die Behörden die Vorschriften. Frenkel trifft auf Denunzianten, Ausbeuter, auf ekelhafte Personen, aber ihr begegnen eine Menge Menschen, die ihr behilflich sind, sogar ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen, sie zu verstecken oder ihr schlicht kurz zu helfen. Und es gibt solche in der Zivilbevölkerung, die aus eignem Antrieb Jagd auf Juden machen.

»Ein sadistischer Kern muss wohl in jedem Menschen stecken«

Am Vierwaldstädtersee schreibt Françoise Frenkel 1943-44 in diesem Roman ihre Erinnerungen auf, ihren Ehemann ausgeklammert. Die Zeilen klingen teils hektisch notiert, im Flug aufschreiben, um nichts zu vergessen. Françoise Frenkel ist in Nizza gestorben, soviel weiß man. Wann und warum sie nach Nizza ging, ist nicht bekannt, auch nicht, was Frenkel in der Zwischenzeit trieb. Es es existiert kein Foto von ihr oder von ihrem Buchladen. Nur dieser Roman ist geblieben. Françoise Frenkel scheint wie ein Geist nach 1945 gelebt zu haben, immer auf der Hut, nicht entdeckt zu werden. Der Titel des Buchs bezieht sich auf ein Bibelzitat, Lukas 9,58: »Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester, aber des Menschen Sohn hat nichts, da er sein Haupt hinlege.«

Das Schlusswort hat die Autorin: »Ich widme dieses Buch den MENSCHEN GUTEN WILLENS, die hochherzig, mit unermüdlicher Tapferkeit, ihren Willen der Gewalt entgegengestellt und Widerstand geleistet haben bis ans Ende.«

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In Schönheit sterben

Stefan Ulrich
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 10.08.2018
ISBN 9783548290485
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der erste Satz. »Die Männer schwitzten unter ihren Motorradhelmen.«

Dies ist keine Rezension, sondern ein Abbruchbericht. Nach drei Seiten war ich eigentlich so weit, gebe aber einem Buch grundsätzlich 50 Seiten, manchmal verzeiht man die ersten Seiten, wenn sich Sprache und Geschichte zum Besseren wenden. Der erste Satz, nun ja, danach soll man nicht urteilen … Der »Tiber fließt Richtung Meer«. Ach nee, hätte ich nicht gedacht. Sprachlich haben mich die ersten Seiten so gar nicht begeistern können, aber vielleicht macht es die Story wett.

»Gianluca starrte auf ihre gewölbten Hüften. ›Che razza di culo!‹, entfuhr es ihm. ›Was für ein Wahnsinnsarsch!‹ »

Starrt auf die Hüften, benennt aber den A… und sagt das auch noch zweisprachig? Diese Frau ist die Tochter eines Gastwirts, mit der angeblich Geld mit der Tochter macht. Die Leute kommen zum Essen, um diesen Hintern zu sehen, nicht wegen der guten Küche?

»Die gewölbte Stirn, die geröteten Wangen, die schmalen, hochgeschwungenen Augenbrauen, pechschwarze Wimpern um mandelförmige Augen. Smaragdgrüne Augen, wie er wusste. Aber das war jetzt nicht zu sehen. Und dann diese granatroten Lippen, um die ein spöttisches Lächeln zu tanzen schien.«

Man wird ganz schwindelig vor Adjektiven und Klischees. Das arme Mädchen wird in diesem Prolog (der eigentlich ein erstes Kapitel ist) vergewaltigt. Was mich dabei abstößt, ist die Beschreibung. Es gibt mehrere Arten sich auszudrücken – schlicht: Es ist passiert. Eine andere Variante lässt das Opfer die Gewalt erleben, aber in dieser Form beschreibt der Autor über drei Seiten die Tätersicht, bis ins Detail die geilen Gedanken, die ihm dabei abgehen, seine Lust. Ich frage mich hier, was im Autor vorging, als er diese Zeilen schrieb …

15 Jahre später lernen wir die Journalistin Giada kennen. Und hier komme ich schon wieder nicht mit dem Schreibstil klar. Mal redet diese Dame hochintellektuell, um im nächsten Satz ziemlich platt herüberzukommen, überhaupt sprechen die Figuren nicht die Sprache ihres Bildungsniveaus, wenn sie miteinander kommunizieren. Somit bleiben die Charaktere fad. Ebenso erklären sich die Protagonisten ständig gegenseitig Dinge (dem Leser), die sie eigentlich wissen sollten. Hier wird auf Fragestellungen wie »In Kunstgeschichte nicht aufgepasst?« usw. zurückgegriffen. Ich habe mich bis Seite 54 durchgekämpft, dann aufgegeben. Weder kam Spannung auf, noch zog mich die Geschichte inhaltlich hinein.

»Robert Lichtenwald streifte über sein Land in der Maremma, und er sah, dass es gut war.«

»Da erschien Giada, sommerbraun in Shorts und Tanktop. Ihre Zähne strahlten wie Scheinwerfer aus ihrem bronzefarbenen Gesicht, und die beiden Hexen aus Obsidian an ihren Ohrläppchen sausten um ihren Kopf, als würden sie Kettenkarussell fahren.«

Zähne, die wie Scheinwerfer strahlen, Ohrringe, die um den Kopf sausen … Irgendwann war es mir zuviel. Alle paar Seiten die Hexenohringe, die schaukeln, fliegen, mal springen die Hexen verärgert auf und ab, das müssen Zauberohringe sein. Immer wieder sommerbraune Frauenhaut, nackte Beine, gebräunte Schenkel, auf die Männer lustvoll starren … Hölzerne Dialoge, ungelenke Beschreibungen, teils Sätze mit Adjektiven überladen, Figuren bleiben für mich somit fremd. Die sabbernden Kerle werden mir zuviel. Es ist nicht mein Buch. Somit keine Rezension, nur mein persönlicher Eindruck der ersten Seiten, die mich den Krimi zuklappen ließen.

PS: Mir sagte jemand, später kommt ein Dachs als Haustier dazu ... Jo. Dachs als Haustier … wie hieß dieses Lied? »Das ist alles nur geklaut«. Den Dachs als Haustier gab es bereits in diesem wundervollen Buch: Franz oder Warum Antilopen nebeneinander laufen

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Das Echo der Bäume

Sara Nović , Judith Schwaab
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei btb, 19.03.2018
ISBN 9783442756346
Genre: Romane

Rezension:

Der erste Satz: »In Zagreb begann der Krieg wegen einer Schachtel Zigaretten.«

Die zehnjährige Ana Jurić wird von ihrem Patenonkel gebeten Zigaretten am Kiosk zu holen, wie jedes Mal, wenn er zu Besuch in Zagreb ist. Es ist ein Spiel: Wenn sie schneller ist, als das letzte Mal, darf sie das Wechselgeld behalten. Die Zeit läuft, Ana rennt los. Doch an diesem Tag wird sie gefragt, ob sie kroatische oder serbische Zigaretten kaufen wolle. Was ist denn das für eine Frage? Na die, die sie immer kaufe, die mit der goldenen Hülle. Kroatische oder Serbische wird sie wieder gefragt. Sie geht ohne Zigaretten nach Hause. Es ist das erste Erlebnis nach der Frage der Ethnie für Ana, das ab diesem Tag ihr Leben verändern wird.

Der Bürgerkrieg rückt immer näher auf Zagreb, die ersten Bomben fallen, immer wieder erschallt die Sirene, die Kinder müssen vom Klassenzimmer in den Luftschutzbunker wechseln. Anas bester Freund heißt Luka, den wird sie heiraten, wenn sie erwachsen ist, glaubt sie. Fußball und Fahrradfahren, etwas was beide verbindet, ein Leben in Kriegszeiten, Lebensmittel und Wasser sind rationiert, abends muss man die Fenster verdunkeln, man erfreut sich an Kleinigkeiten, die Kinder nehmen es, wie es ist. Die kleine Schwester von Ana ist krank, ein Kleinkind, im Krankenhaus kann man nicht weiterhelfen. Die Eltern fahren sie über die Grenze nach Ljubljana zu einer amerikanischen Ärztin der Medi-Mission, Dr. Carlson. Sie kann mit Medikamenten überbrücken, aber Rahela bräuchte eine Spezialbehandlung. Und irgendwann kommt der Tag, an dem es Rahela so schlecht geht, dass man entscheiden muss, sie sterben zu lassen oder das Risiko aufnimmt, nach Zagreb zu fahren. Alles geht gut. Dr. Carlson stellt aber die Bedingung, Rahela nach Amerika zu transportieren, sie würde in einer Pflegefamilie wohnen, die mit ihr die täglichen Arztbesuche durchführe, bis das Mädchen gesund sei. Das könne ein wenig dauern. Die Familie stimmt zu, ungern, aber es gibt keine andere Möglichkeit. Auf dem Rückweg passiert die Katastrophe. Das Auto wird von bärtigen, betrunkenen Soldaten aufgehalten, sie müssen aussteigen, den Soldaten in den Wald folgen, die Hände mit Stacheldraht gefesselt. Ana überlebt durch einen Trick ihres Vaters.

»In Amerika hatte ich schnell gelernt, worüber man reden durfte und was man besser für sich behielt.«

Schnitt- zehn Jahre später – die Studentin Ana redet vor den Vereinten Nationen als Überlebende des jugoslawischen Bürgerkriegs. Eine Wunde bricht auf, die Erinnerungen kommen mit Macht zurück, sie erinnert sich, wie es ihr in Amerika ergangen ist. Die Familie, bei der Rahela aufgenommen wurde, wird auch ihre neue Familie, sehr liebevolle neue Eltern, für die kleine Rahela kein Problem, sie ist zu klein, um sich an die Zeit in Europa zu erinnern. Ana muss sich an das neue Zuhause gewöhnen, sie schläft schlecht, denn Schlafen bedeutet träumen, bei einem Feuerwerk verkriecht sie sich unter die Treppe. Traumatisiert wird sie zwar mit Liebe aufgenommen, aber nie hat sie die Gelegenheit, über das Erlebte zu sprechen. Hier beschreibt Sara Nović sehr genau die amerikanische Gesellschaft, how nice, how wonderfull. Beschreibung von Gräuel ist ein großes Tabu. Soweit man überhaupt davon berichten darf, benennt man Erlebnisse nicht ernsthaft, sondern verpackt sie in einfache Vokabeln, bezeichnet sie als Belanglosigkeiten, die am Rande geschehen sind. Ihre Pflegemutter Laura berichtete anfänglich von »Schwierigkeiten«, die Ana hatte, von »Unruhen« und »unglückseligen Vorfällen«, wenn sie den Bürgerkrieg ansprach. Später wird darüber kein Wort mehr gesprochen. Die Pflegeeltern selbst müssen Tricks anwenden, um Ana zu legalisieren, denn sie war illegal eingereist. Hier wird die Geschichte humorvoll, wenn sich der Pflegevater mit italienischen Wurzeln an seine Cousins wendet, mit denen er eigentlich nichts zu tun haben will. Durch die Rede vor den Vereinten Nationen ist Ana klar, die Geschehnisse lodern in ihr, es muss heraus, sie muss sich ihrer Vergangenheit stellen. Sie muss ihrem Freund die Wahrheit sagen, der glaubt, sie sei in den USA geboren, und sie muss nach Kroatien reisen, Orte aufsuchen, sich erinnern.

»›Im Verdrängen sind wir doch alle Weltmeister‹, sagte ich. Eigentlich sollte das witzig klingen, doch irgendwie kam es schief raus, und Luka lachte auch nicht. ›Komm, wir schauen uns das Wasser an‹, sagte ich. ›Es muss doch einen Grund haben, warum die Deutschen so gern auf diesem traurigen kleinen Schlachtfeld herumwandern.«

Beim Lesen musste ich mehrfach Luft holen, Zagreb, Dubrovnik, Ljubljana, Plitvicer Seen, alles Orte, meiner Kindheit, jedes Jahr haben wir die Sommerferien in Jugoslawien verbracht. Mit Mitte zwanzig war ich noch einmal dort, habe Freunden die Plitvicer Seen gezeigt, wir haben in den Kalkbecken gebadet (heute ist alles abgesperrt), sind mit dem Boot durch Schluchten gefahren, dort wo die Karl May Filme gedreht wurden. - Vor dem Krieg. – Ein bewaffneter Zwischenfall 1991 bei den Plitvicer Seen (kroatisch „Krvavi Uskrs na Plitvicama“ oder „Plitvički krvavi Uskrs“; übersetzt: „Blutige Ostern an den Plitvicer Seen“), ethnische Spannungen zwischen Krajina-Serben und Kroaten, lösten letztlich den Krieg zwischen Kroaten und Serben aus. Heute sind die Seen wieder ein Touristenparadies.

»So etwas wie Kindersoldaten gab es in Kroatien nicht. … Man suchte sich nicht aus zu kämpfen. Wir taten es, um zu leben.«

Sara Nović schafft es, mit viel Atmosphäre den Krieg aus der Sicht eines Kindes darzustellen. Unbedarftheit am Anfang und die volle Wucht, gleich einer Ohrfeige an den Leser: Das Ende der Kindheit endet vor dem Erschießungskommando. Es scheint fast, als wolle die Autorin den Leser beruhigen mit dem Schnitt zur erwachsenen Ana. Alles ist gut, die Geschwister kommen zusammen. Nach einem Drittel dachte ich, nett, wie es jetzt weitergeht, die amerikanische Gesellschaft im Spiegel, aber das bis zum Ende? Vor jedem Sturm gibt es eine Phase der Stille, so auch hier. Sara Nović erzählt ihre Geschichte nicht linear. Und das ist gut so, die dicken Brocken liegen am Ende. Denn was geschah weiter, nachdem Ana dem Tod von der Schippe gesprungen war? Sie ist ja nicht auf der Wiese ins Flugzeug gestiegen. Jedes Leben erzählt eine Geschichte. Und diese hier geht tief ins Herz. Hier gibt es keinen verklärten Kitsch, unglückselige Vorfälle, die mal passierten, die Autorin beschreibt unprätentiös Kriegsgeschehen, und was die Erlebnisse in einem Menschen verändern. Ana erlebt grauenvolle Dinge und obendrauf verliert sie ihre Heimat, darf nicht trauern, nicht darüber sprechen, was diese Kinderaugen sahen, was geschehen ist. Der Originaltitel des Romans lautet »Girl at War«. Ein passender Titel. Ich weiß nicht, was in den Köpfen der deutschen Titelschöpfer vorgeht, wenn sie alles neuerfinden müssen und dabei meist danebengreifen. Mädchen im Krieg, ein griffiger Titel, »Das Echo der Bäume«, weder Cover noch Titel hätten mich animiert zuzugreifen, des war der Klappentext, der mich neugierig machte.
Die erwachsene Ana ist sich nicht ganz sicher, wo sie zu Hause ist, USA oder Kroatien. Heimat hier oder dort? Heimat, ein verklärter Begriff, eigentlich das Gefühl, mit etwas verbunden zu sein, Erinnerungen, Bilder, Gerüche, Geschmack, Geräusche … und warum soll der Mensch nicht mehr als eine Heimat haben dürfen? Der Roman hinterlässt Spuren im Leser. Schade, dass diesem Buch in Deutschland so wenig Aufmerksamkeit gegeben wurde, vielleicht lag es an der Aufmachung.

Sara Nović schreibt neben Belletristik Essays und Sachbücher, arbeitet als Redakteurin beim Blunderbuss Magazin, unterrichtet in Columbia. Dieser Roman ist ein Debüt. Viel mehr findet man nicht über die Kroatin, die in den USA lebt. Gräbt man auf englischen Seiten, erfährt man nur wenig mehr: Der Roman wurde 2016 mit dem Alex Awards ausgezeichnet. Im Jahr 2014 erhielt Nović von der American Literary Translators Association den ALTA Travel Fellowship. Und sie ist Gründerin der Website Redeafined, denn die Autorin ist taub. Inwiefern hier persönliche Erlebnisse Einfluss auf die Geschichte nehmen, ist unklar. Eins ist gewiss, sie pendelt wie ihre Protagonistin zwischen Kroatien und den USA, sagte, wenn sie zu Hause anrufen soll, weiß sie nicht, welche Landesvorwahl sie wählen solle.

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ACAB. All Cops Are Bastards

Carlo Bonini , Karin Fleischanderl
Buch: 224 Seiten
Erschienen bei Folio, 27.02.2018
ISBN 9783852567389
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Anfang erstes Kapitel: »Um Himmels willen … Blut, Gestank von Schweiß und Tod, Gebrüll in der Dunkelheit, wie von abgestochenen Schweinen. Und die vor Erregung geweiteten Pupillen seiner Kollegen, ein Hexensabbat, bei dem Knochen splitterten und Fleisch zerfetzt wurde.«

Um es gleich vorwegzusagen, wer hier einen Thriller erwartet (so steht es auf dem Cover), wird mordsmäßig enttäuscht sein, wenn er sich mit einer Reportage nicht abfinden mag. Ich mag Reportagen, insofern fand ich das Buch gut. – Kritik an den Verlag – Was habt ihr euch dabei gedacht? – ACAB ist verfilmt worden – und ja, Carlo Bonini kann bekanntlich auch gute Thriller schreiben. Der Jurist und Investigativ-Journalist hat mit diesem Buch einen tiefen Einblick in die italienische Polizei gegeben. Das ist spannend und eine Horrorstory zugleich, aber eben keine Thriller, sondern eine Reportage über die bitterböse Wahrheit.

»Tofas. Man hatte beschlossen, dass das Einsatzkommando VII in Genua mit Tofas ausgestattet werden sollte. Eine Waffe, hart wie Stahl mit Quergriff, eine traditionelle Waffe, die bei chinesischen und japanischen Kampfsportarten zum Einsatz kam. Mit diesem Zeug, das die Carabinieri schon seit geraumer Zeit verwendeten, das die Polizei jedoch nie in die Hand genommen hatte, konnte man den Schenkelknochen eines Ochsen zertrümmern.«

Trockenübung für den G8-Gipfel, Napolis Polizisten bekommen die Aufgabe, den schwarzen Block zu spielen und die Kollegen dreschen hart drauf, Polizisten müssen nach der Übung ins Krankenhaus. Leider kommt es dann beim G8-Gipfel zu heftigen Gewaltexzessen seitens der Polizei, friedliche Demonstranten werden übelst zusammengeknüppelt, die Strafen, die Jahre später ausgesprochen werden, sind ein Witz, es gibt Klagen bis hin zum europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg. Eine Eliteeinheit von 70 Männern, ausbildet in Trainingscamps, ausgerüstet mit üblen Schlagstöcken und Tränengas wurden auf die Demonstranten losgehetzt wie eine ausgehungerte Meute von Bluthunden.

Ultras aus Rom treffen auf Fußballfans aus Turin, Juve-Fans, eine wilde Prügelei beginnt, die Polizei prügelt mit, Schüsse fallen, ein Latio-Anhäger wird von einer Kugel in den Hals getroffen. Nun tobt der Krieg, den die Ultras inszenieren, in vielen italienischen Städten bricht eine Schlacht aus, der Mob tobt auf der Straße.

Michelangelo Fournier ist der Polizist, der das Einsatzkommando VII leitete, die Hauptfigur in diesem Roman. Erstaunlicherweise wird er befördert, später dann wird der politisch rechts stehende Mann auf einen unteren Posten degradiert. Er gehört zu den »Celerini«, wie sich die Bereitschaftspolizei nennt, »das schwarze Herz der Polizei«, ein ziemlich rechter, gewalttätiger Haufen, viele von ihnen verehren den Duce, Mussolini, an die Zähne bewaffnet fühlen sie sich wie römische Legionäre. Sie nennen sich mit Spitznamen »Kobra« oder »Schneewittchen«, stammen meist aus einfachen Verhältnissen, haben keine höhere Schulbildung und ihr Lohn ist gering. Kameradschaft ist alles, was zählt, der Knüppel ist ihre Macht. Niemand verrät einen Kameraden, eher werden Berichte gefälscht, Falschaussagen gemacht. – Einen kotzt das an, er macht nicht mit.
Der Polizei gegenüber steht die rohe Gewalt der römischen Ultras, die NISS aus Napoli und Juve-Fans, jugendliche Fußballfans, zu übelster Gewalt bereit, politikverdrossen, von der Gesellschaft nicht mitgenommen, enttäuscht vom Leben und dem, was es zu bieten hat. Die NISS (Keine Begegnungen nur Kämpfe – in der Übersetzung) ordnet man der Camorra zu. Polizisten treffen auf Hooligans, Hass gegen Hass, rohe Gewalt, Mordlust auf beiden Seiten. Deeskalation ist ein Fremdwort.

»Die italienische Justiz hat elf Jahre gebraucht, um einen endgültigen Schiedsspruch über die Geschehnisse in Genua zu fällen. Von der Folter in der Kaserne von Bolzaneto bis zum Eindringen in die Diaz-Schule. Nur wenige Polizeibeamte und -funktionäre sind bestraft worden, und selbst das nur in Teilbelangen … wieder ihren Dienst aufnehmen.«
Carlo Bonini hat sauber recherchiert, nennt die meisten Beteiligten beim Namen, das Buch ist in Reportageform aufgebaut, es gibt Chatprotokolle aus dem Polizeichat, Berichte, eingestreute Gedichte usw. Dabei ist mit einer winzigen Schrift gearbeitet worden, die einem das Lesen verleidet, Schade, denn es sind teilweise lange Passagen. Er berichtet über eine Polizeischlägertruppe, die mit äußerster Brutalität vorgeht, die den laschen Staat verachtet, erzählt von Überfällen auf Migranten, von Polizeigewalt auf dem G8-Gipfel, von wöchentlichen Schlachten zwischen Hooligans vor Roms Stadien. Eine wahre Geschichte, sehr lesenswert, aber garantiert kein Thriller. ACAB - All Cops Are Bastards. ACAB wurde von Stefano Sollima verfilmt.

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Reise durch ein tragikomisches Jahrhundert

Francis Nenik
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Verlag Voland & Quist, 15.03.2018
ISBN 9783863911980
Genre: Biografien

Rezension:

»Was wie ein Extremfall aussieht, ist zu diesem Zeitpunkt in Leipzig wie in ganz Sachsen allerdings längst politische Normalität, und während die einen mit Druckerschwärze, Farbe und Papier an ihrer Version der Weltrevolution basteln, besorgen sich andere Schusswaffen und Messer und organisieren sich zu Kampfstaffeln, Wehrverbänden und Schutzbünden, deren Mitglieder allesamt Stöcke tragen, die nicht zum Wandern gemacht sind.«

Sein Leben ist eine Geschichte wert: Antifaschist, DDR-Wirtschaftsfunktionär und Schriftstellers Hasso Grabner, geboren 1911, lange Zeit als Kommunist unter Adolf Hitler im KZ eingesessen, Wehrmachtssoldat, er stand vor dem Erschießungskommando und wurde anschließend mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. In der DDR war der Buchhändler kurz Chef des MDR, leitete als Direktor ostdeutsche Stahlwerke. Und weil er nun mal nicht anpassungsfähig war und ihm alles ihm irgendwie passierte in seinem Leben, nichts war geplant, nicht einmal seine Hochzeit, eckte er auch in der DDR ständig an. Er wurde von der Stasi bespitzelt, zum SED Hilfsarbeiter degradiert. Sein ganzes Leben lang schrieb er, wurde 1958 Berufsschriftsteller, bekam in der DDR Publikationsverbot und schrieb trotzdem weiter.

»Dass er Kommunist ist, erwähnt Grabner nicht. … Als der oberste Befehlshaber der amerikanischen Militärregierung in Leipzig … 1945 das antifaschistische Nationalkomitee freies Deutschland (NKFD) verbietet, ist Hasso Grabner genau in diesem aktiv. Aber das ist für Grabner kein Problem … schließlich hat sich der bildungsfimmlige Marxist in ihm schon lange genug mit Dialektik befasst, um zu wissen, dass Verbotsschilder per se höchst seltsame Gebilde sind, da sie die Befriedigung eines Wunsches unter Strafe stellen, den sie unter Umständen selbst erst geweckt haben.«

Mit viel Humor und Sachkenntnis plaudert Francis Nenik über Grabner. Einer, der einerseits sehr pragmatisch war, andererseits ein bisschen schlitzohrig und obendrein vom Glück im Unglück verfolgt, überlebte so manche Katastrophe. Im KZ Buchenwald meldete er gleich an, dass er Buchhändler sei und gern die Bibliothek betreuen würde, was Grabner einen recht angenehmen Job verschaffte, Kameraden schufteten im Moor, starben vor Erschöpfung. Am Ende des Krieges benötigte das Heer Nachschub für Afrika, Kanonenfutter, man trommelte inhaftierte Kommunisten zum Strafbataillon 999 zusammen. Nach der Ausbildung zum Soldaten ging es ab nach Sizilien und wer nicht unter dem Beschuss der italienischen Partisanen gefallen war, sollte nun nach Afrika ausgeschifft werden. Allerdings Grabner blieb zurück, Glück … landete über diverse Umwege auf Korfu, wo er als Funker eingesetzt wurde und zunächst vor dem Erschießungskommando landet, später das Eiserne Kreuz erhielt (heimlich half der den griechischen Partisanen und Juden), sich in Sarajevo von der Truppe verpieselte …

»Weil aber nicht sein kann, was nicht sein darf, macht die Partei aus dem Suchenden kurzerhand einen Gefundenen – und am 23. Juni 1948 wird Hasso Grabner. Der gelernte Buchhändler, der noch nie ein Stahlwerk von innen gesehen hat, zum ›Hauptdirektor der Vereinigung der Produktion und Verarbeitung von Roheisen, Stahl- und Walzerzeugnissen‹ ernannt, was bedeutet, dass er ab sofort für die gesamte ostdeutsche Eisenhüttenindustrie verantwortlich ist.«

Direktor vom MDR, Direktor der Stahlwerke, alles traute man ihm zu, alles ging schief, insbesondere erhielt er in der DDR Parteistrafen wegen politisch-ideologischer Unzuverlässigkeit. Zum Ende seines Lebens widmete sich Grabner gänzlich dem Schreiben. Von der Stasi bespitzelt, Publikationsverbot, was ihn nicht am Schreiben hindert, ein Leben im Galopp, ungewollte Abenteuer, ein Mann, über den es sich zu erzählen lohnt.

Francis Nenik schafft es, mit diesem Lebenslauf ein Stück deutscher Geschichte wiederzugeben über einen Helden, der nicht weiter beachtet wurde. Ein pragmatischer Typ, der gleichzeitig Vorschriften ignorierte, Ideologien beiseiteschob, um logische Lösungen zu finden. Einer, der sich nie anpasste, eigne Ideen entwickelte, damit scheitert, weil sie nicht ins System passten, sich aber doch immer anpasste, um zu überleben. Süffisant setzt Nenik seine Figur in Szene, eine tragisch-komische Gestalt. Man merkt dem Autor an, wie viel Spaß es ihm macht, diese Geschichte zu erzählen, wie sehr ihm Grabner gefällt. Am Ende fragt sich Nenik, warum dieser Mann vergessen wurde und berichtet, auf der Suche nach ihm kaum Spuren gefunden zu haben, offiziell wurde er gar nicht erwähnt oder nur als Fußnote. Erst tiefe Archive (die er eigentlich gar nicht einsehen durfte), die Ehefrau von Grabner und Weggefährten haben geholfen, den Lebensweg zusammenzusetzen. Ein Held zweiter, dritter Klasse für Historiker, für den Leser ein Genuss.

Dem Buch liegt ein CD bei, Marcel Beyer liest Auszüge aus dem Buch. CD? Manchem fällt es heute schwer, ein Abspielgerät aufzutreiben. Ein Link zu einem Download mit Code wäre einfacher zu handhaben.

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Der Horror der frühen Medizin

Lindsey Fitzharris , Volker Oldenburg
Flexibler Einband: 276 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 09.07.2018
ISBN 9783518468869
Genre: Sachbücher

Rezension:

Der erste Satz: »Hunderte von Männern strömten am 21. Dezember 1846 in den Operationssaal des University Collage Hospital, wo sich der berühmteste Chirurg Londons anschickte, sein Publikum mit einer Oberschenkelamputation zu fesseln.«

Eigentlich ist dies Buch ein Sachbuch, eins über den Mediziner Joseph Lister, aber es liest sich wie ein spannender Roman. Und Man darf nicht zimperlich sein, die gute alte Zeit wird in ihren ganzen Facetten dargestellt. Das Wohnen im schicken London war nicht so attraktiv wie heute, wer es sich leisten konnte, zog aufs Land. Die hygienischen Zustände sind für uns kaum vorstellbar. Zu dieser Zeit wusch sich auch kein Arzt die Hände, blut- und eiterverkrustete Schürzen zeigten von OP-Ruhm, das OP-Besteck, Säge und Messer, trug man am in der Hosentasche. Ach ja, zu dieser Zeit waren die Chirurgen gerade mal in der Garde der Mediziner aufgenommen worden. Vorher waren sie schlicht Chirurgen, Zahnklempner, oft konnten sie weder lesen noch schreiben. Gerichtssäle, Operationssäle und Hinrichtungen waren öffentlich, hier versammelte sich das neugierige Volk, endlich war mal was los am Ort. Es gab ja weder Netflix noch Youtube.

»Die Clement’s Lane im Londoner Zentrum grenzte direkt an einen Friedhof, aus dessen Gräbern Faulschlamm sickerte. Der Verwesungsgeruch war so penetrant, dass die Anwohner das ganze Jahr über die Fenster geschlossen hielten.«

Joseph Lister fing 1844 an zu studieren, war aber schon als Kind fasziniert vom Mikroskopieren, hatte sozusagen schon hier sein späteres Interesse an der Erforschung von Bakterien festgelegt. Das Mikroskop wurde sein ständiger Begleiter, eine Form der Wissenschaft, die lange von Medizinern abgelehnt wurde. Zu dieser Zeit operierten Chirurgen gern auf dem Küchentisch der gutbetuchten Patienten, da die Sterblichkeit in Krankenhäusern extrem hoch war. Narkosemittel waren noch nicht erforscht, maximal wurden den Patienten Alkoholika verabreicht. Die Operation überstanden die meisten Patienten, die Chirurgen waren sehr fingerfertige Männer, die in Sekunden ein Bein amputieren konnten. Allerdings starben die meisten Operierten nach dem Eingriff an einer Sepsis. Wer ins Krankenhaus wollte, musste das Geld für die OP und die Beerdigung im Voraus hinterlegen.

»Listers Neugier war entfacht. Warum heilten die meisten Geschwüre ab, wenn man eine Wundtoilette durchführte und sie mit einer ätzenden Lösung reinigte?«

Lister fand heraus, dass Wunden heilten, wenn man sie nach der Operation abdeckte und die Wunde immer wieder behandelte, den Arbeitsbereich sauber hielt. Er benutzte Phenol, das damals als Karbolsäure bekannt war. Er kämpfte allerdings gegen die Arroganz seiner Professoren und Kollegen, die seine Untersuchungen und Erfolge für lächerlich hielten. Während des Bürgerkriegs in Amerika wurde das Chloroform erfunden. (1831 unabhängig voneinander von dem US-Amerikaner Samuel Guthrie, dem Deutschen Justus Liebig und dem Franzosen Eugène Soubeiran) Viele hielten den Stoff erst für Teufelszeug, doch nach und nach zog das Narkosemittel auch in Europa ein. Lister war inspiriert von den Untersuchungen von Louis Pasteur über Keime als Ursache von Fermentations- und Fäulnisprozessen und forschte in diese Richtung weiter. Er führte eine neue Methode ein, bei der der Operationsbereich und die Hände von Ärzten und Assistenten mit Karbolsäure abgewaschen wurden, ebenso führte er die Desinfektion von Instrumenten und Verbänden ein, wie die nachhaltige Wundpflege, später führte er Gummihandschuhe in den OP ein.

»Die Widerstände gegen Lister waren groß, aber es gab auch Mediziner, die den revolutionären Ansatz seiner Arbeit erkannten. Beifall für sein antiseptisches System kam zunächst vor allem vom Kontinent. ... Der deutsche Chirurg Richard von Volkmann wurde zum glühenden Anhänger Listers, nachdem er die antiseptische Behandlung in Halle eingeführt hatte und die Sterberate kurz darauf massiv gesunken war.«

Lindsey Fitzharris schreibt in lässigem Ton, teils süffisant und mit einer Spur von Voyeurismus zu lesen. Fasziniert und leicht angeekelt liest man über die Wohn- und Lebensverhältnisse der Menschen vor fast zweihundert Jahren. Man schüttelt den Kopf vor Erstaunen, mit welcher Vehemenz man Listers Methoden seitens der Ärzteschaft ablehnte, wie wenig Interesse es an Ursachenforschung gab.

Und wenn wir noch einen Schritt weiter zurückgehen, dann fragt man sich, welchen Einfluss die katholische Kirche auf das Teufelszeug der Medizin hatte. Die jüdischen und muslimischen Ärzte im 11. Jahrhundert benutzten bereits Betäubungsmittel aus Opiaten, kannten sich mit antiseptischen Methoden aus, operierten bereits am Gehirn und besaßen feines kunstvolles OP-Besteck, und kannten sich mit vielen Krankheiten gut aus. Sämtliche Bücher in arabischer Schrift und Bücher von Juden wurden in der Zeit der Reconquista von den Christen als Teufelswerk verbrannt, die Ärzte verließen das Land oder wurden umgebracht. Man kann noch heute in Museen Arztbestecke und Bücher bewundern die aus dieser Zeit gerettet werden konnten. Viel Wissen ging verloren. So mussten wir ein paar Jahrhunderte warten, bis wieder alles neu erfunden wurde ...

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Eifersucht (Rachel Eisenberg 2)

Andreas Föhr
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Erschienen bei Argon Verlag, 01.06.2018
ISBN B07CRP39X7
Genre: Sonstiges

Rezension:

Judith Kellermann, wird beschuldigt, ihren Lebensgefährten, Eike Sandner, ermordet zu haben. Ein Sprengstoffanschlag verschuldete, dass Sandner ums Leben kam, die Indizien sprechen für Judith Kellermann als Täterin, aus Eifersucht, so vermutet die Polizei. Der attraktive Sandner ließ nichts anbrennen und hatte immer wieder Affären mit hübschen Frauen. Strafverteidigerin Rachel Eisenberg ist gewillt, ihrer Mandantin zu glauben, soweit man als Anwalt einem Mandanten trauen kann. Judith behauptet nämlich, Boris, ein Elite-Soldat aus Russland soll der Täter sein. Wer ist dieser Boris und wo steckt er?

Der Fall aus der Filmindustrie gestaltet sich immer schwieriger, denn es gibt einige Personen, die Interesse daran haben könnten, dass Judith Kellermann für lange Zeit im Gefängnis verschwindet. Wem gehört welche Firma, wer ist Miteigentümer und wer profitiert, würde Aufträge erhalten, wenn Judith verschwindet oder Eike Sander? Und der Mann auf dem Zeitungsfoto, vor einer Jacht in Griechenland, ist das nicht Sandner? Wer ist eigentlich Judith, die pfiffige Frau aus dem Filmgeschäft, nicht sonderlich optisch attraktiv, immer einen anderen Gigolo an der Seite, der von ihr profitiert … Hatte sie es vielleicht doch satt, immer ausgenutzt zu werden? Und was hat dieser russische Ex-Soldat mit dem Fall zu tun, der anscheinend als Auftragsmörder unterwegs ist? Der Fall scheint verworren und die Dimension ist größer, als anfangs angenommen, immer wieder gibt es unerwartete Wendungen.

Rachel Eisenberg ist eine clevere Anwältin, die gern auch mal das Gesetz übertritt, wenn es der Wahrheit dient. Selbstbewusst, durchsetzungsstark auf Stöckelschuhen unterwegs, die auch manchmal hinderlich sein können, steht ihr zur Seite der Privatdetektiv Alex Baum. Seine Ermittlungen sind tiefgehender als die der Polizei und sie sind zielführender, weil auf der anderen Seite die Tröten sitzen, na ja … Das fand ich ein wenig platt. Eisenberg ist die Hauptprotagonistin und steht über allen. Sie ist fein herausgearbeitet, glaubhaft. Sämtliche anderen Protagonisten stehen tief in ihrem Schatten. Bei der rasanten Handlung, die ziemlich verworren ist und Stück für Stück aufgerollt wird, ist für die anderen Protagonisten und Antagonisten auch kein Platz mehr. Man muss sich auf die Handlung konzentrieren, um nicht den Faden zu verlieren. Das alles ist ziemlich intelligent aufgemacht, Rasanz zum Ende aufgebaut, allerdings fährt die Geschichte im Tempolimit. Einerseits finde ich den Krimi recht gut, andererseits glaube ich, ein wenig weniger Verworrenheit, dafür mehr Platz für Nebenakteure und gute Dialoge, hätten dem Ganzen mehr Glanz verliehen – Minimalkritik.

Fazit: Ein guter Krimi, bei dem mir allerdings unterwegs das Thema verlorenging, der ein wenig mit Information erschlägt. Es ist ein solide geschriebener Krimi, mit bodenständigen, cleveren Protagonisten und einer guten Portion Humor. Es gibt keine Superheros und keine eigenbrötlerischen, alkoholabhängigen Einzelgänger und Leichenberge, Zufall über Zufall, auch keine unglaublichen Ereignisse, was mir sehr gefallen hat. Guter Krimi, intelligenter Plot.

Andreas Föhr, Jurist, arbeitete einige Jahre bei der Rundfunkaufsicht und als Anwalt. Seit 1991 verfasst er erfolgreich Drehbücher für das Fernsehen, mit Schwerpunkt im Bereich Krimi. Zusammen mit Thomas Letocha schrieb er u.a für »SOKO 5113«, »Ein Fall für zwei« und »Der Bulle von Tölz«, »Tatort« für seinen Debütroman »Der Prinzessinnenmörder« ist Andreas Föhr mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet worden.

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Istanbul Istanbul

Burhan Sönmez , Sabine Adatepe
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei btb, 04.09.2017
ISBN 9783442757008
Genre: Romane

Rezension:

Der erste Satz: »›Eigentlich ist es eine lange Geschichte, aber ich mache es kurz‹, fing ich an.«

Vier Männer im Knast von Istanbul - ein Student, Demirtay, ein Doktor, der Barbier Kamo und ein alter Mann namens (Onkel) Küheylan Dayr. Sie sitzen tief im Keller, hin und wieder gibt es schauderhafte Nahrung. Langeweile tritt ein, Angst vor den Verhören drückt ihnen die Luft zum Atmen weg. So beschließen sie, sich Geschichten zu erzählen. Vorsichtig tasten sie sich aneinander heran. Wer sitzt hier zusammen, politisch Inhaftierte, Gauner, Spitzel? Politische Verfolgung, Willkür, Folter, die Türkei kennt das seit Jahrhunderten. Die Zeit wird nicht benannt. Ob nun nach 1980, nach dem Militärputsch, oder heute unter Erdogan, das Spiel der Kerkermeister ist immer gleich. Absätze klappern auf den Treppen, schwere Schritte, man hofft, dass sie bitte eine andere Tür öffnen mögen, jemand anderen zum Verhör zerren. Geschichten erzählen, Erlebnisse aus dem eigenen Leben, alte Mythen, Parabeln, Rätsel, ablenken von diesem schrecklichen Ort.

»Der Schmerz hält die Zeit an und löscht das Gefühl für die Zukunft aus. Die Realität verschwindet, das gesamte Universum besteht nur noch aus deinem Körper. Der Augenblick wird zur Ewigkeit, eine andere Zeit würde es nie wieder geben.«

Istanbul ist der zentrale Punkt vieler Geschichten und Istanbul ist irgendwo da oben in der Oberwelt. Die Zeit löst sich auf und verliert ihre Wichtigkeit, hier unten ist ein Ort, dort oben ein anderer, was dort geschieht, ist hier untern zunächst unwichtig. Wer sind diese Männer und was haben sie angestellt? Es gibt einen Pakt untereinander: Nichts erzählen, was ein anderer von uns unter der Folter ausplaudern könnte … Wir erfahren auch nicht genau, was in den Verhören passiert, wenn einer abgeholt wird. Hat die Oberwelt die Gefangenen längst vergessen?

»Istanbul glich den Wassern des Bosporus, die Oberströmung fließt von Norden nach Süden, die Unterströmung aber in umgekehrte Richtung. Lebensläufe, die gleichzeitig aber unterschiedlich, parallel zueinander aber in unterschiedlichen Epochen verlaufen, beweisen, dass der Raum die Zeit beherrschen und die Zeit sich wie ein Strudel an unterschiedlichen Punkten konzentrieren kann.«

Burhan Sönmez schreibt poetisch mit viel Empathie im typisch arabischen Erzählstil, Melancholie und Humor reichen sich die Hand. Die arabische Kultur bedient sich gern ihrer Mythen. Und trotzdem ist der Roman mit den Geschichten in den Geschichten politisch. Die Verhöre sind gegenwärtig, die Macht der Diktatur, lässt den Leser frösteln, sobald die Stiefel hallen und der Leser ist froh, sich hier nicht ins Detail lesen zu müssen. Ein wundervolles Buch voll poetischer Kraft, man spürt die Liebe zu Istanbul, zu Land und Leuten.

Burhan Sönmez stammt aus Anatolien und wuchs zweisprachig, kudisch-türkisch, auf. Der Jurist war Mitglied des türkischen Menschenrechtsvereins IHD und Gründungsmitglied der demokratischen Stiftung TAKSAV. Bei einem brutalen Übergriff der Polizei wurde er 1996 schwer verletzt und deshalb in England behandelt, lebte 10 Jahre in Cambridge. Er unterrichtet an der Middle East Technical University in Ankara, schreibt für verschiedene unabhängige Medien und ist aktives Mitglied des türkischen und englischen PEN. Burhan Sönmez lebt heute mit seiner Familie abwechselnd in Istanbul und Cambridge. Seine preisgekrönten Romane erscheinen inzwischen in über zwanzig Ländern. Für Istanbul, Istanbul erhielt er in 2018 den EBRD Literature Prize, zusammen mit dem Übersetzer Ümit Hussein

Der Autor berichtet über seine eigene Haft in den Achtzigern: »Der Ort, an den man mich brachte, lag drei Etagen unter der Erde, eine Zelle von 1 x 2 Metern, genannt ›das Dunkel‹. Es gab eine Eisentür. An manchen Tagen war man allein, an anderen waren zehn und mehr Menschen darin. Niemand konnte sich hinlegen, jeder saß oder stand – tagelang.«

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Elly

Maike Wetzel
Fester Einband: 152 Seiten
Erschienen bei Schöffling, 07.08.2018
ISBN 9783895612862
Genre: Romane

Rezension:

Der Anfang: »Diese Geschichte ist nicht meine Geschichte. Ich bin nicht sicher, wem sie gehört. Sie liegt auf der Straße, sie schläft in unserem Haus und trotzdem ist sie mir immer einen Schritt voraus. Wenn ich diese Geschichte nun aufschreibe, ist das ein Versuch, sie zu bannen.«

Bereits die ersten Sätze ziehen den Leser hinein in die Geschichte. Alles beginnt im Krankenhaus und hier geht es um Macht, um Manipulation – Kinder unter sich – hier wird geklärt, wer das Zepter in der Macht hält. Ein Vorspiel auf das, was nun folgen wird. Eine Erzählung, die bis zur letzten Seite nicht loslässt.

Ein familiärer Albtraum – Ein Kind verschwindet spurlos, eine Schwester. Eine Bilderbuchfamilie in Schockstarre. Eine Elfjährige fährt mit dem Fahrrad zum Sport und kommt dort nicht an. Das kann nicht sein, darf nicht wahr sein. Doch sie bleibt verschwunden. Wie verändert sich die Familie, wie verändern sich die Beziehungen untereinander und was geschieht mit dem verbliebenen Kind, der Schwester?

»Ich war die große Schwester und erklärte Elly auch im Urlaub, was sie zu tun und zu lassen hatte. Wir bauten Hütten aus Zweigen und legten uns darin schlafen. Unsere Eltern fanden uns erst nach Sonnenuntergang. Sie waren nicht beunruhigt damals, nur amüsiert.«

Worst Case, mit dem Tod kann man abschließen, aber nicht mit dem Unfassbaren, dem Nichts. Gedanken darüber was passiert sein kann, Hoffnung, es ist nicht das Ende. Judith und Hamit, die Eltern, Ines, die ältere Schwester, jeder ist in seiner Trauer letztendlich allein, in seiner Hoffnung – dem Abschließen. Maike Wetzel wechselt die Perspektive, die Familienmitglieder kommen zu Wort, der analytische Vater, die Tochter, die sich nicht mehr wahrgenommen fühlt, eine sich auflösende Mutter. Wie reagiert die Gesellschaft? Die Eltern werden verdächtigt. Hält die Familie zu ihnen? Was löst ein solches Ereignis aus in der Beziehung zwischen allen Beteiligten?

»Heimlich bin ich wütend auf meine Schwester. Sie nimmt mir alles weg. Ich habe kein Recht, fröhlich zu sein, wenn meine Schwester leidet, wenn sie vielleicht tot ist, wenn sie allein in einen Kerker gesperrt, vergewaltigt, ohne Sonne, ohne vernünftige Nahrung vegetiert. Elly ist weg. Es gibt nichts anderes, was zählt.«

Die Sprache ist knapp, die Geschichte eine Essenz, die Autorin konzentriert sich auf wesentliche Punkte, aber hier schlägt sie zu, hier trifft die Sprache, den Leser wie eine Faust. Maike Wetzel serviert uns Puzzleteile, passend, denn es sind Splitter im tiefen Schweigen, in der Betäubung, Schweigen besteht aus Stille, schreibt die Autorin. »Elly ist weg«, ein Satz, der sich durch den ganzen Roman zieht, sich ständig wiederholt, das zentrale Leid.

»Elly ist fort. Wir haben noch Ines. Ich hoffe, sie bleibt.«


Präzise Sprache, fein gewebt, atmosphärisch dicht, ein kleiner Roman mit nur 148 Seiten, große Schrift, Passagen, die mich immer wieder die Luft anhalten ließen und ein Roman, der am Ende eine Überraschung bereithält. Stille – Schweigen, aber alles ist in Bewegung, und sei es nur am Rande, der Vater ist Ingenieur für Rolltreppen, und in diesem Buch steht rein gar nichts still. Im ersten Augenblick scheint das zentrale Thema dieses Buchs Verlust zu sein. Aber wer genau hinsieht, erkennt dahinter das große Thema: Manipulation. Das verwebt die Autorin auf viele Art und Weise und sei es nur in kleinen Andeutungen. Innenperspektive, Außenperspektive, der Leser bekommt eine andere Wahrnehmung der Figuren. Und da ist Hamit, der Vater, der nicht mal Arabisch spricht, seinen Namen nicht richtig aussprechen kann, mit dem kehligen Halslaut, der behauptet, er sei Grieche, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Sein Aussehen, sein Name, die Lüge liegt sofort auf dem Tisch. Kann man so einem trauen?

»Ich erfinde mich, ich spiele mich, täglich neu. Ich erzähle, um zu leben. Was stört, töte ich ab. Ich lausche auf die Herzen und erzähle den Menschen dann, was sie hören wollen. Ich lulle sie ein.«

Vier Jahre später: In Dänemark wird am Strand eine verstörte, verwahrloste Jugendliche aufgegriffen. Die Beschreibung passt auf Elly. In der Entwicklungszeit verändert sich das Aussehen, in diesem Fall besonders, denn ein Kind, das missbraucht wurde, in Gefangenschaft gehalten, hat Schlimmes durchgemacht. Ist dieses verängstigte Wesen Elly? Wer soll es sonst sein, alles wird gut. Der Leser ist beruhigt ...

Maike Wetzel studierte an der Münchner Filmhochschule und in Großbritannien, arbeitet als Drehbuchautorin und Schriftstellerin. Für ihr Romandebüt »Elly« erhielt sie den Robert Gernhardt Preis und den Martha Saalfeld-Preis. Ihre Erzählungen wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet.

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Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren

Ali Benjamin , Petra Koob-Pawis , Violeta Topalova
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 23.07.2018
ISBN 9783446260498
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Der Anfang: »Wenn man eine Qualle lange genug betrachtet, beginnt sie irgendwann wie ein schlagendes Herz auszusehen. Es spielt keine Rolle, um welche Qualle es sich dabei handelt: die blutrote Kronenqualle Atolla, die Qualle aus der Familie Olindiidae, die an eine perlenbestickte Blume erinnert, oder die fast durchsichtige Ohrenqualle, Aurelia aurita.

Suzys ist zwölf und Suzy ist anders als all die anderen. Sie interessiert sich nicht für Lippenstifte und Kleider, sie interessiert sich für die Welt, und dafür, wie alles funktioniert. Ihre beste Freundin Franny ist im Meer ertrunken, obwohl sie gut schwimmen konnte. Das kann nicht einfach passieren, es muss einen Grund geben, jemand muss Schuld sein. Suzy ist sicher, Schuld war eine gefährliche Qualle! Die Lehrerin erteilt den Schülern eine Aufgabe: Jedes Kind soll eine wissenschaftliche Untersuchung erstellen und zum Thema ein Referat halten, das Thema ist frei wählbar. Das ist Suzys Chance, sie wird über Quallen ihren Vortrag halten und beweisen, auf welche Weise Franny ums Leben kam.

Ein langer Weg der Erkenntnis liegt vor Suzy, bis sie versteht, dass manchmal Dinge einfach passieren, dass man sie annehmen muss, weil man nichts ändern kann, weil niemand Schuld ist. Bis zu dieser Erkenntnis verweigert Suzy fortan die Sprache. Sie weiß, für dieses Referat muss sie den Mund aufmachen, aber bis dahin wird sie auch die Beweise vorlegen können. Das Buch gliedert sich in das Geschehen von heute, nach dem Tod von Franny und in einem zweiten Strang, in die Erinnerung an die Zeit mit Franny, auch wechselt später auch die Perspektive der Personen.

»Wissenschaftler erforschen immer Ursache und Wirkung. Sie gehen der Frage nach, wie eine Veränderung an einer Stelle zu weiteren Veränderungen an ganz anderen Stellen führt. Aber Ursache und Wirkung sind nicht immer leicht zu bestimmen. Guten Forschungsstudien liegen klar umrissene Variablen zugrunde — unbestimmte, bestimmte und statistische Variablen. Sie helfen den Wissenschaftlern, die Veränderungen zu erkennen und die Ursachen zu ermitteln.«

Suzy spricht den Leser mit du an und erzählt voll Trauer von glücklichen Zeiten mit Fanny. Die beiden kennen sich lange und waren immer dicke Freundinnen. Doch ist es allein der Tod der Freundin, der Susy so mitnimmt, fragt sich der aufmerksame Leser. Da war doch was! Suzy ist fleißig, recherchiert über Quallen, setzt sich mit Forschen in Verbindung und ich erfahre als Leser Interessantes über die Tiere und über vieles andere mehr. Und ich erfahre auch, wie Suzy in der Klasse ausgegrenzt wird, ein Mobbing läuft gegen sie. Sie ist nicht allein, es gibt einen Jungen in der Klasse, der ein ähnliches Problem hat, aber der ist auch Suzy zu schräg. Man versteht, warum Suzy ihre einzige Freundin vermisst.

»Da ist noch etwas, was ich dir sagen möchte: Die Quallen sind dabei, die Herrschaft zu übernehmen. Wusstest du das? … Nicht sehr viele wissen darüber Bescheid. … Sie interessieren sich für Videos von Klavier spielenden Katzen oder für Filmschauspieler, die in der Reha sind, und sie wollen genau wissen, wer wem den Freund weggenommen hat. Sie interessieren sich für die verschiedenen Farbnuancen von Lidschatten und für Online-Spiele und dafür, aus welchem Winkel sie auf Fotos am besten aussehen. Doch währenddessen. Weit draußen im Meer. Sind Quallenblüten auf dem Vormarsch. »

Fanny und Suzy, eine eigene Welt, eine glückliche Mädchenfreundschaft. – Nun kommen weitere Perspektiven ins Spiel. Hey Suzy, was erzählst du uns? Du und Franny, wart ihr wirklich so dicke? Und irgendwas liegt dir auf dem Herzen, was hast du verbockt? Du warst wütend, stimmts?

»Ich weiß, dass Pipi und Schweiß steril sind und dass es vor dem Entstehen unseres Universums weder Farbe noch Geräusche noch Licht oder Luft gab. Aber das ist alles nutzlos. Stattdessen müsste ich wissen, wie man eine Haarspange so trägt, dass es süß, aber nicht kindisch aussieht. Ich müsste wissen, wie man sich in eine Clique einfügt, wie man kreischt, wenn am Lagerfeuer die Funken sprühen, und wie man die Hüfte anwinkelt, wenn man neben Jungs steht.«

Wir haben es hier mit einer unzuverlässigen Erzählerin zu tun. Doch Suzy wird dem Leser die Wahrheit beichten, sich stellen. Man muss sie lieben. Sie steht zu dem, was sie macht und lässt sich nicht in Äußerlichkeiten drängen, Gebalzgehabe liegt ihr fern, es gibt Wichtigeres auf der Welt, als sich herauszuputzen. Ali Benjamins schreibt einfühlsam mit viel Empathie, wundervolle Sätze und Einsichten, man kann das Buch als philosophisch bezeichnen. Die Sprache ist unkompliziert und trotz aller wissenschaftlichen Erörterungen seitens der Protagonistin ist es spannend, denn was sie herausfindet, ist nun mal fesselnd. Der Roman nimmt den Leser ein, lässt ihn nicht los, das Tempo steigert sich und es passiert noch einiges, bis Suzy auf dem Pfad der Erkenntnis angekommen ist. Es ist nicht einfach, anders zu sein. Man muss eine starke Persönlichkeit sein, um sich gegen den Strom zu stellen. Einsam zu sein ist allerdings auch nicht das Ziel. Aber irgendwo gibt es den ein oder anderen, der auch nicht mit dem Strom schwimmen möchte. Nach dem oder nach denen muss man Ausschau halten. Ein Buch über Freundschaft, über das Leben, über die Welt voller Leben, über Achtsamkeit und die Dinge, die einfach so kommen, die man annehmen muss. Dies ist das beste Jugendbuch, dass ich seit Jahren gelesen habe. Was heißt hier Jugendbuch? Ich würde den Roman unter All-Age klassifizieren, denn die Erzählung hat mich als Erwachsene mitgenommen wie selten ein Roman, aber nicht unter dem Aspekt Jugendbuch.

Ali Benjamin war bisher als Co-Autorin schriftstellerisch tätig, schrieb als Redakteurin für Zeitschriften, Zeitungen und Online-Medien. Ihr Debüt »Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren« wurde 2015 ein weltweiter Bestseller. Der Jugendroman wurde für den National Book Award nominiert und wird aktuell von Reese Witherspoons Produktionsfirma verfilmt. 

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Alle, außer mir

Francesca Melandri , Esther Hansen
Fester Einband: 608 Seiten
Erschienen bei Wagenbach, K, 21.06.2018
ISBN 9783803132963
Genre: Romane

Rezension:

»Aber … wenn unser Vater sein Großvater ist, haben wir noch einen Bruder.«

Angepriesen wurde dieses Buch als »Melandri – die neue Ferrante« … Elena Ferrante ist für mich eine großartige Schriftstellerin, ausgezeichnete Wortwahl, singende Sätze, feine Charaktere, sie schafft es, Historie und Erzählung wunderbar zu verweben. Durch dieses Buch habe ich mich hindurchgequält, hölzerne Charaktere, eine für mein Empfinden zu breite Erzählung, 600 Seiten, deren sprachlicher Klang mir nicht gefiel.

Es beginnt in Rom, hinter dem Bahnhof Termini, Richtung Kolosseum: In den Gassen riecht es nach Curry, nach Maghrebküche, ein Armenviertel, das allerdings aufsteigende Tendenzen zeigt. Hier hat Attilio Profeti seinen vier Kindern je eine Wohnung gekauft. Nicht das schönste Viertel, aber Eigentum gilt bei den Mietpreisen Roms als Schatz. Ilaria Profeti, Lehrerin, kommt nach Hause, auf der Treppe sitzt ein Farbiger, stellt sich als Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti vor, er suche Attilio Profeti. Der Bruder von Ilaria wohnt ihr gegenüber, aber schnell stellen die beiden fest, dieser Mann sucht nicht nach Ilarias Bruder, sondern nach ihrem Vater, Shimeta sei der Enkel von Ilarias Vater. Das kann gar nicht sein, sagt Attilia Profeti jun., denn dieser Äthiopier ist schwarz wie die Nacht, und wenn der Vater mit einer Schwarzen ein Kind gezeugt hätte, so müsste doch irgendwie Milchkaffee in dem Mann stecken, nicht Espresso. Ilaria erinnert sich, bereits Jahre zuvor beichtete der Vater den Kindern, eine uneheliche italienische Zweitfamilie, warum nicht auch eine in Äthiopien, denn dort hat er sich in jungen Jahren herumgetrieben.

»Auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt blickte Attilio unverwandt durch das Autofenster nach draußen. Da, wieder eine Prozession von ausgemergelten Wanderern, alte Männer mit geradem Rücken, von Müdigkeit gezeichnete Kinder. Die Hungersnot hatte nun aus dem beständigen Menschenstrom eine wahre Flut gemacht, die sich in langen Reihen zu beiden Seiten der Straße in die Stadt ergoss. Ganze Familien, Frauen mit Bündeln auf dem Kopf, Männer denen der Hunger alles genommen hatte außer ihrer Autorität als Familienoberhaupt. Sie schützt den Kopf und Schultern vor der nächsten Kälte auf 2000 m Höhe mit Tüchern, Decken, Schleiern, Lumpen, Handtüchern – und liefen. Alle liefen.«

Attilio Profeti wurde 1935 für Mussolinis Abessinienfeldzug angeworben, er arbeitete dort als Assistent eines Rassekundlers. Ilaria findet heraus, dass Mussolini damals in sämtlichen Bordellen Italiens Karten mit Fotos von mit äthiopischen Schönheiten auslegen ließ, mit Erfolg für die Rekrutierung. Aus dieser Zeit stammt das Lied von der facetta nera, dem schwarzen Gesicht der schönen Abessinierin, ein italienisches Soldatenlied.

»Ihr talian hat uns geschlagen, habt eure Flagge auf dem gebi des Kaisers gehisst«, erklärte Ras Mesfin bei einem Abendessen in dem großen Salon den Familienobersten seine Gäste – so nannte und behandelte er die Evakuierten. »Dann haben wir fünf Jahre gegen euch gekämpft. Jetzt sind vor ein paar Wochen die Engländer gekommen und behaupten, sie hätten euch verjagt. Wir respektieren die Verlierer der Schlacht, nicht die, die uns den Sieg geraubt haben.«

Das Buch gibt Einblicke in die Grausamkeit italienischer Kolonialpolitik, bis hin zum Sturz von Haile Selassie, dem letzten Kaiser von Abessinien, und die Gründung der folgenden Militärdiktatur, die viele Menschen abschlachtete, die nicht gesinnungstreu waren. Auch die neue Zeit kommt nicht zu kurz, Gaddafis Besuch in Italien, Berlusconi. Es geht hier um das richtige Blut, Titel des italienischen Originals, Sangue giusto, Schade, dass er nicht übernommen wurde. Die italienischen Besetzer, die Äthiopien und Eritrea 1935 in einen barbarischen Krieg führten und das Land kolonisierten, wie sie es nannten, haben heute eine Verantwortung. Die Besetzer hatten angeblich das richtige Blut. Blut ist Blut, oder hängt richtiges, unrichtiges Blut von Staatsgrenzen ab, Blut, das über die Staatsbürgerschaft entscheidet?

Die Familiengeschichte der Profetis ist vielfältig. Ilaria findet heraus, dass Nonna Viola von deutschen Faschisten erschossen wurde, weil sie einen Halbjuden denunzierte, um ihren Sohn zu beschützen, den man als Soldaten einziehen wollte. Ilaria erinnert sich an ihre Akademische Abschlussfeier, bei der sich ihr Vater als Frau verkleidete, um der geschiedenen Ex-Frau seinen Anblick zu ersparen. Er bekennt sich zu allen vier Kindern, nur nicht zum äthiopischen Erstgeborenen, den er allerdings einmal aus dem Gefängnis herausholen ließ. In unterschiedlichen Erzählsträngen, Zeiten und wechselnden Perspektiven, detaillierten Schilderungen, Historisches unterpflügt, haben mich die Stränge immer wieder herausgeholt aus der Geschichte. Francesca Melandri schafft eben nicht, was Ferrante gekonnt in Szene setzt, eine Erzählung, die im Vordergrund steht, die Historisches unbemerkt untermischt. Hier steht Historisches im Vordergrund, um das eine Geschichte konstruiert wird, die Aufarbeitung der Kolonialzeit in Afrika, Faschismus und deren Auswirkung in die heutige Zeit, eben dem Flüchtling, der plötzlich vor der Tür steht, der eine qualvolle Flucht über das Mittelmeer hinter sich hat: ein Verwandter.

»Der Arbeitsminister der Demokratischen Volksrepublik Äthiopien erstarrte wie ein im Regal vergessener Gegenstand, stierte stumm die fünf Karten auf dem Tisch an.«

Sprachlich gesehen sind die Sätze nicht immer rhythmisch, mir fehlte der Wohlklang. Metaphern werden in jede Seite gestreut, Metaphern, die mich staunend zurückließen, mich teilweise erschauderten. Wie hier jemand einen Vergleich mit Ferrante setzen kann, ist mir ein Rätsel. Geschichtlich ist der Roman interessant, aber man muss gut bei der Stange bleiben um die 600 Seiten hinter sich zu bringen.

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Die rote Frau

Alex Beer
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Limes, 21.05.2018
ISBN 9783809026761
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

»Auch nicht, wenn die Itaker oder die Franzmänner einmarschieren.«
Emmerich schnaubte. »So wie Österreich derzeit beieinander ist, könnten wir nicht einmal den Schweizern viel entgegensetzen.«

Wien in den Zwischenkriegszeiten, ein Pflaster der Armut für die meisten Menschen, Zeiten der rauschenden Feste für Wenige. Kartoffeln, Rüben und Kohl, bestimmen den Mittagstisch der Mehrheit, manch einer hat nicht mal das. Die Filmindustrie in Wien ist im Aufschwung. Inspektor August Emmerich und Assistent Ferdinand Winter, beide Kriegsversehrte, Emmerich mit Verletzung am Knie, Winter am Arm, sind bei den Kollegen in der Abteilung »Leib und Leben« als Krüppel nicht hochgeachtet. Deswegen erhalten sie einen Fall zugeteilt, der sie sauer aufstoßen lässt: Eine exzentrische Diva glaubt sich in Gefahr, von einem Fluch belegt zu sein, den die Herren Inspektoren entfernen mögen, indem sie die Hexe zwingen ihn zurückzunehmen. Viel lieber hätten die beiden in dem Mordfall an einer Wiener Persönlichkeit bei der Ermittlung mitgewirkt, einer der Wohltäter für die Armen wurde erschossen.

»Vor sich hatte er ein opulentes Frühstück stehen, dessen Duft Emmerich sofort in die Nase stieg: frisches Brot, gebratener Speck, Butter, Marmelade und Honig. Er überlegte, wann er das letzte Mal ein solch luxuriöses Mahl genossen hatte. Die Antwort lautete: noch nie.«

Schnell ist der Täter gefunden, ein armer Wicht, ein Kriegsversehrter, aus dem Männerwohnheim aus der Meldemannstraße, in dem auch Emmerich wohnt. Er verspricht den Mitbewohnern, sich um den Fall zu kümmern, den richtigen Täter zu finden. Im Nachspann erfahren wir – Adolf Hitler hat hier von 1910 – 1913 gewohnt. – Emmerich und Winter kommen einem Komplott auf der Spur.
Alex Beer beschreibt, wie auch im ersten Band, das Wien in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Mangel an Lebensmitteln, Strom und Brennstoffen, Wohnraummangel, Arbeitslosigkeit, Elend für den Großteil der Bevölkerung. Cafés, Lokale, Römerbad, Böhmischer Prater, Hofwaffenmuseum, die Schauplätze sind historisch, die Autorin gibt einen vortrefflichen Eindruck in diese Zeit.

»Alles war fort. Er besaß gerade mal die Sachen, die er am Körper trug, und ein bisschen Wechselwäsche. Mit den paar Kröten, die er bei der Polizei verdiente, konnte er sich derzeit weder die Kaution noch die Vermittlungsprovision für eine anständige Wohnung leisten. Bis er das Geld zusammengespart hatte, musste er im Heim leben. Wieder einmal.«

Man kann in diesen zweiten Teil ohne Kenntnis von Band eins einsteigen. Der erste Band war ein wenig sperrig und langgezogen an manchen Stellen, insgesamt hatte er mir gefallen. Dieser zweite Teil besitzt mehr Spannung und Leichtigkeit, was dem Roman gutgetan hat, rasant im Aufbau. Und nun kommt das Aber … der zweite Teil ist im Prinzip so wie der erste. Die beiden Geschichten sind sich ziemlich ähnlich: Emmerich und Winter über einen Fall, der sie zu einem Mordfall führt, ermitteln, obwohl es nicht ihr Fall ist, Emmerich steckt Beweismittel ein, sie stolpern von A - Z durch ganz Wien, von diesem Café zu jenem Gebäude, suchen Zeugen und Verdächtige in allen Stadtteilen. Ein Zufall jagt den nächsten, wie in Band eins. Winter ist gebildet, erklärt, Emmerich hat Taschenspielertricks aus seiner Zeit als Heimkind drauf, wie im ersten Band. Die Jäger Emmerich und Winter werden zum Ende selbst Gejagte, wie im ersten Teil. Hier wird nicht tief in ein Milieu eingestiegen, wie ich es von einem guten Krimi erwarte, es hat etwas von Stadtrundfahrt, das hatten wir bereits im ersten Teil. Ich mag Emmerich, er hat Potenzial, so lautete der letzte Satz zu meiner Rezension des ersten Buchs. Das Potenzial ist hier vergeben für mich. Keine neue Geschichte, dieses Wien ist aus dem ersten Band bekannt.

Auch hatte ich auf eine sprachliche Entwicklung gehofft. Nehmen wir den ersten Satz: »Dichte Wolken zogen über den Himmel von Wien.« Der wäre ein Grund, das Buch zuzuklappen. Literarisch hält sich das Buch in Grenzen, es gibt keinen Satz, den ich für bemerkenswert halte. Ja, man kann das Buch schnell lesen und die Story an sich ist spannend, keine Frage. Die Sprache ist ein wenig hölzern, einfach, wen das nicht stört, der ist gut bedient. Irgendwann machte mich der Satz wahnsinnig: »Er rollte mit den Augen.«, ich mag diese platte Formulierung nicht und sie kam alle paar Seiten. Die Krönung, mehrfach im Buch vorhanden: »Er rollte die Augen«. Ich stelle es mir immer bildlich vor … Einige Äußerungen der Protagonisten passen ins Sprachbild von heute, aber sich sicher nicht in den historischen Kontext. Nach zwei Emmerichs bin ich raus. Wie gesagt, die Bücher sind beide an sich ok., historisch top recherchiert. Sprachlich sind sie nicht meins (darüber könnte ich hinwegschauen) und inhaltlich war für mich eins wie das andere, für mich gibt es hier keine Entwicklung.

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Der Tätowierer von Auschwitz

Heather Morris , Elsbeth Ranke , Julian Mehne , Sabine Arnhold
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Erschienen bei OSTERWOLDaudio, 01.08.2018
ISBN 9783844918960
Genre: Biografien

Rezension:

Der erste Satz: »Lale versuchte nicht aufzublicken.«

1942 wird der jüdische Slowake Ludwig Eisenberg, genannt Lale, nach Auschwitz deportiert, in einem Waggon für Viehtransporte, mit dem Unterschied, dass Tiere besser behandelt werden. Er meldete sich freiwillig, da jüdische Familien aufgefordert wurden, ein männliches Mitglied in den Arbeitsdienst zu geben. Er kommt ins Arbeitslager Auschwitz-Birkenau, in dem die arbeitstauglichen Häftlinge landen. Er glaubt damit, den Rest seiner Familie zu beschützen. Lale kommt in die Hölle und nimmt sich vor, diese lebend zu verlassen, koste es, was es wolle. In der ersten Nacht will er auf die Latrine gehen, beobachtet, wie zwei Häftlinge auf der Latrine erschossen werden, nur weil sie sich in der Nacht dort aufhalten … Schnell schafft es Lale, sich den Job eines Tätowierers zu ergattern, immer mehr Häftlinge kommen an, der einzige Tätowierer benötigt Hilfe und Lale spricht viele Sprachen. Der Job bringt Vorteile mit sich: bessere Unterkunft und bessere Verpflegung, eine eigene Kammer in der Zigeunerunterkunft. Lale bemüht sich, die Häftlingsnummern auf die Unterarme seiner Mitgefangenen mit möglichst wenig Schmerz zu stechen. Und er verliebt sich in Gita. Die Liebe und der Glauben, gemeinsam die Hölle zu überleben, hält die beiden am Leben. Die Zigeuner werden seine neue Familie.

Jeder versucht zu überleben, frei nach Brecht: »Erst kommt das Fressen, dann die Moral.« Lale nutzt die Vorteile, die er hat, er kann sich mehr oder weniger frei im Lager bewegen, handelt verdeckt mit Russen (Kriegsgefangene, die als Wachmänner dienen) und beschafft so Lebensmittel und Medikamente. Die Frauen haben die Aufgabe, in »Kanada«, die Ankunftsbaracke, die Habschaften der Neuankömmlinge zu sortieren. Kanada, weil es weit weg liegt, Freiheit impliziert. Lale bittet sie, keine Dinge wie Edelsteine und Geld, einzustecken. Diese tauscht er bei den Russen gegen Brauchbares ein, meist Lebensmittel. Lake geht hohe Risiken ein, um Mithäftlingen zu helfen. Er erlebt Schreckliches, sieht Dinge, die er zuerst nicht glauben kann. Schwerstarbeit, Unterernährung, wer nicht arbeitsfähig ist, wird abgeführt. Aschewolken fliegen über Auschwitz, jeder versucht seinen Vorteil zu erhaschen – zu überleben. In Auschwitz weint man nicht, egal was man erlebt. Stets den Blick gesenkt, den Mund geschlossen, nur antworten, wenn man gefragt wird. Nicht fragen, wohin man die Zigeuner gebracht hat. Man weiß es ja, Asche regnet herunter.

»Oft schlich er sich an Lale heran, während er eine Opernmelodie vor sich herpfiff, und terrorisierte ihn. - ›Eines Tages, Tätowierer, werde ich dich nehmen.‹«

Es läuft einem kalt den Rücken herunter, wenn Lale Josef Mengele beschreibt, ein eiskalter Mann, der Opernmelodien pfeift, während er Patienten herausfischt unter den Neuankömmlingen. Die kommen ins Krankenhaus, werden dort behandelt, denen geht es sehr gut, sagt Mengel … Eines Tages wird der zweite Tätowierer, ein hübscher junger Kerl, von Mengele herausgepickt. Monate später kommt er zurück, psychisch völlig kaputt. Mengele hatte ihm die Hoden abgetrennt, über die anderen Dinge, die man mit ihm machte, redet er nicht.

Wer anderen hilft, dem wird selbst geholfen. Lale kommt in Schwierigkeiten, andere stehen ihm zur Seite. Eines Tages herrscht Unruhe im Lager, die Deutschen transportieren Dokumente ab, andere werden verbrannt. Die Frauen treibt man zusammen, sie werden verlegt, müssen zu Fuß gehen – bekanntlicher Maßen ein Marsch, den viele nicht überlebten. Lale haut ab, gerät in Gefangenschaft von Russen. Auch hier fängt er gleich wieder an zu handeln, der Krieg ist noch nicht beendet ... Er schafft es, Vertrauen zu gewinnen, um dann mit der Kasse zu fliehen. Zurück in der Heimat findet er lediglich seine Schwester vor, der Rest der Familie ist tot. Die Schwester hat einen Russen geheiratet, Lale nimmt ihren Nachnamen an: Sokolov, ein deutscher Name ist in Russland ein Problem. Lale findet auch Gita wieder. Sie heiraten, leben zunächst in Russland, wo Lale eine Firma eröffnet, im Schwarzmarktgeschäft mit Stoffen umtriebig ist. Er landet im Gefängnis, Freunde helfen, das junge Paar flieht über Wien, Paris nach Australien. Sie bauen eine Fabrik auf, haben einen Sohn zusammen.

2003 stirbt Gita. Lale bittet die neuseeländische Drehbuchautorin Heather Morris, seine Geschichte, die von Häftling Nummer 31407, aufzuschreiben:

»Sie müssen schnell arbeiten. Ich habe nicht mehr viel Zeit.«
»Müssen Sie irgendwohin?«
»Ja. Ich muss zu Gita.«

Lale Sokolov schwieg 50 Jahre lang, da er befürchtete, man würde ihn als deutschen Kollaborateur beschimpfen. Er hat lediglich versucht zu überleben. Er ließ Unrecht geschehen, wirft er sich selbst vor. Doch was hätte er tun sollen? Ein falsches Wort und er wäre in der Gaskammer gelandet. Und er hat nicht Unrecht, denn er berichtet auch von Gitas Freundin Cilka, die Lale aus einer schwierigen Situation heraushilft – durch Kontakte. Die Inhaftierte Cilka war die Geliebte eines SS-Hauptmanns, der sie verprügelte – auch sie wollte überleben. Als Nazi-Verschwörerin wurde sie 1945 zu 15 Jahren Strafarbeit in Sibirien verurteilt.

Heather Morris hat drei Jahre mit Sokolov gesprochen, denn die Geschichte erzählte Lale Bruchstücken, die sie zusammenfügte, nachrecherchierte. Daraus ist ein Roman entstanden, ein feiner Roman, mit einer distanzierten Sichtweise, mehr würde der Leser nicht ertragen. Allerdings trotzdem mit sehr viel Gefühl und Entschuldigungen, viel wörtlicher Rede. Ich glaube, mir hätte eine Reportage besser gefallen, ein neutraler Bericht, um mir selbst eine Meinung zu bilden.
Natürlich will jeder überleben und es ist verständlich, sich Privilegien zu erarbeiten, sie zu nutzen, um zu überleben, anderen zu helfen. Allerdings nutzt Lale seine Position auch, um sich selbst zu bereichern, er spart etwas unter seiner Matratze, Edelsteine für die Zeit nach dem Lager. Da habe ich ein wenig geschluckt. Er sagt, er nehme schließlich nicht den Gefangenen ihre Wertsachen ab, sondern den Nazis, die es sonst in die Hände bekommen würden – Entschuldigung? Es bleiben Blutdiamanten. Als Lale von den Russen einkassiert wird, handelt er mit Frauen, vermittelt zwischen willigen Frauen und Soldaten. Die Kasse der Kommandantur bezahlt die Damen mit Edelsteinen und Dollar, Lale nimmt sich jeden Tag seinen Teil und brennt später mit der Kasse durch. Wieder Blutdiamanten. Damit er überlebt? Und der geschäftstüchtige Mann ist in Freiheit in Russland gleich wieder an illegale Geschäften beteiligt, nimmt sogar deshalb einen russischen Namen an. Kaum in Australien angekommen, errichtet er wieder eine Fabrik, er hatte ja Gelder aus den Russlandgeschäften gut versteckt. Auschwitz – ein Mann überlebt – Respekt. Alles was danach kommt, nimmt mir ein wenig die Achtung vor Sokolov. Ein windiger Geschäftsmann entpuppt sich aus diesem Charakter.

Neben allen nachträglichen Gedanken zu Lale, wider aller Moral, der Roman ist sehr lesenswert. Und wahrscheinlich verkauft sich ein Roman besser als eine Reportage. In diesem Sinn meine Empfehlung. Wer etwas über die Hölle in Auschwitz und Birkenau erfahren will, liegt hier richtig. Ein Buch, das unter die Haut geht. Heute wichtiger als je zuvor: Wir wollen diese Zeit nicht vergessen!

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Lügenland

Gudrun Lerchbaum , Sarah Alles
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Erschienen bei Pendragon, 13.07.2018
ISBN 9783865326263
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

»Was, wenn Ina Matusek kein Mensch, sondern ein Konzept ist?«

Eine österreichische Dystopie, 2035, wir befinden uns in Wien, an den Ufern der Donau in einer lauen Juninacht. Mattea, eine regierungstreue Milizionärin feiert ihren letzten Tag in der Einheit, den letzten Tag der Unbemanntheit. Die Hochzeit ist wie üblich, durch den Staat komponiert, der Kanzler sorgt für jeden, weiß, was für den Einzelnen gut ist. Der Kanzler, mittlerweile alt geworden, er ist an der Macht, seit damals die Einwanderer versuchten, das Land mit ihren Werten, ihrer Religion, zu überschwemmen. Er hat sie alle ausgeschafft, Österreich eingezäunt.
Die Milizionärinnen sind Kameradinnen, alle Mitte Zwanzig, haben gute Laune, sie sind ausgelassen, zugeknallt mit Drogen. Mattea, hat ihre Glock dabei, die sie am nächsten Tag abgeben muss. Ein kleines Kind kommt angelaufen, man spielt mit ihm, ein Schuss löst sich, wer auch immer ihn abfeuerte, Chaos, noch ein Schuss, Kati ist tot. - Mattea ist sicher, sie trägt die Schuld am Tod der Freundin. Hochzeit am nächsten Morgen, Glock abgeben, in die Kirche gehen, ein neues Leben beginnt, das als Hausfrau und als Mutter. Mattea kotzt vor der Tür. Die Miliz fährt vor, man sucht nach ihr, das gesamte Gelände, das Restaurant ist kameraüberwacht. Mattea flieht in die Küche, erzählt dem Koch, es gäbe ein Spiel, sie solle mit ihm die Kleidung tauschen. Sie kann entkommen, doch wohin nun? In dieser sogenannten Demokratur sind alle Straßen und Plätze überwacht, natürlich auch der einzelne Mensch. Jeder trägt ein Fonband, ein Multifunktionsarmband, das gleichzeitig der Information dient, wie auch als Identifikation und Zahlungsmittel. Wohin kann sich Mattea wenden? Sie muss über die Grenze fliehen, ins freie Deutschland, wo noch immer die uralte Kanzlerin regiert, mit einem Syrer als Außenminister. Ohne Hilfe kann sie es nicht schaffen, die Oma kennt sich vielleicht aus, denn Matteas Vater wurde vor langen Zeiten als Grünsozialist verhaftet, wofür Mattea sich schämt. Der Kanzler ist ein guter Mann, der sich für das Wohl des Volkes opfert. Doch Mattea ist nun eine gesuchte Mörderin, vielleicht kann sie Kontakt zu den Widerständlern bekommen, eine Gruppe von Outlaws, die sich zu verstecken wissen. Zunächst zerstört sie ihr Fonband. Ohne fällt sie allerdings auf, sie benötigt ein Neues.

Als Erstes braucht Mattea eine Übernachtungsmöglichkeit. Ein älterer Herr, Hofrat Dr. Paul Christian Schiele, Sektionschef im Medienministerium, bietet ihr am Bahnhof einen nächtlichen Unterschlupf an, er gehöre zu denen, die Flüchtlingen Obdach bieten. Woran hat er sie erkannt? Der Mann nimmt sie mit nach Hause, ein abgelegenes Haus im Wald. Schnell ist klar, was er wirklich will. Das ist der Preis für die Übernachtung, denkt Mattea. Doch das soll nicht alles sein, der Mann meint, sie erkannt zu haben, hat die Miliz informiert, will sie ausliefern: Ina Matusek, die gesuchte Terroristin! Mattea bringt Schiele um, flüchtet mit seinem Geld, seiner Glock, und seinem Rucksack. Als sie am nächsten Tag eine Mediafolie kauft, sie entrollt, erkennt sie ihr Gesicht: Es ist das Bild von Mattea Inniger, die allerdings nun als Ina Matusek gesucht wird, Staatsfeindin Nr. 1.

»Eine Schelmin will ich sein, keine Heilsfigur. Wenn sich jetzt gleich noch jemand meldet, der mich über den Mondsee hat wandeln sehen, dann schreie ich. Besser noch: Ich schieße den Erstbesten nieder, lasse mich neben der Leiche fotografieren und aus ist es mit der Dualität. Alles, um wieder wenigstens einen Faden in der Hand zu halten, ein wenig Kontrolle darüber zu gewinnen, was man in mir sieht. Wenn ich schon Ina sein muss, nicht Mattea sein darf.«

Als die echte Ina geschnappt wird, gibt es ein Problem für den Staat. Mattea trifft auf die Widerständler, die Zecken, die ihr mit Misstrauen entgegentreten, die ihr auch nicht sympathisch sind. Sie instrumentalisieren Mattea und ihr bleibt nichts anderes übrig, das Spiel mitzuspielen: Mattea ist Ina. Der festverankerte Staatsglauben in Mattea fängt an zu wanken, was ist die Wahrheit? Sind die Kampfdrohnen, die eine Kleinstadt beschossen haben wirklich nicht von den Zecken gesteuert, sondern von den Milizen? Sind die meisten Menschen wirklich unzufrieden mit dem Kanzler, trauen sich das nur nicht, zu sagen? Ist der Präsident kein netter Wohltäter? Zu Freiheit gehört doch Kontrolle! Was soll daran falsch sein? Mattea lernt einen Muslim kennen, dunkle Haut, andere Religion, mit solchen Menschen hatte sie noch niemals Kontakt, denn die hatte der Kanzler alle ausschaffen lassen, alle Ausländer mussten das Land verlassen, sie waren Feinde. Es gibt das staatseigene soziale Netzwerk Mindmine, in dem alle kritischen Kommentare sofort von Staatsangestellten gelöscht werden. Aber was passiert, wenn sie plötzlich mit dem Löschen nicht mehr hinterherkommen, wenn aus einer Terroristin eine Heldin wird? Wenn jeder plötzlich sagt: Ich bin Ina!

»Du bist kein politischer Flüchtling. Du bist eine gesuchte Mörderin. Und als solche wird dich kein anständiges Land haben wollen. Es sei denn als Kämpferin, dann ist die Moral nicht so wichtig.«

Die Icherzählerin Mattea, Soldatin, stets fremdbestimmt, gerät in eine Situation, die sie abermals fremdbestimmt handeln lässt. Der Leser begleitet sie und ihre Gedanken. Sie sitzt in der Zwickmühle, ihr ist die Freiheit genommen. War sie vorher frei? Sie sollte einen Mann heiraten, der für sie ausgewählt wurde. Soldatinnen müssen sich Übergriffigkeiten von Vorgesetzten gefallen lassen! Sieht so Freiheit aus? Und die Rebellen, was können sie schon ausrichten? Deren Kandidatin, Ruth, eine alte Frau, geliftet, unsympathisch, Mattea mag sie nicht. Sie wird auch feindselig von ihr behandelt. Und wie viele Zecken sind das überhaupt? Mattea soll sich für eine Ideologie ins Zeug legen, die nicht ihre ist. Hat sie überhaupt eine eigene Ideologie.

Letztendlich geht es in Gudrun Lerchbaums Thriller um Macht. Macht durch Angst, Vorteilsnahme, Beziehungen, Macht durch Status, Korruption, durch Lüge, Messer, Pistole, Bedrohung. Macht durch Medien und Staatsgewalt. Aber letztendlich auch die Macht der Masse, die etwas bewirken kann, wenn sie sich auflehnt, Macht durch Idole, Mythen und Helden. Ein feiner Roman, der leise, aber eindringlich daherkommt. Wie weit ist Österreichs Spießbürgertum dem Lügengeschwätz bereits erlegen? In diesem Roman hat die Abschottung dem Volk keinen Wohlstand gebracht. Hier geht es nicht um Schwarz und Weiß, die Grauzonen durchziehen die Geschichte. Es geht um Mattea, die sich finden muss, lernen, ihre eigene Macht auszuspielen. Das Ganze ist gewürzt mit Humor und einen Schlagobers gibt die Liebe. An diesen Stellen am Ende wurde es mir ein wenig zu waberig, aber das ist Geschmack. Lügenland ist ein aktueller Thriller, heute mehr denn je. Mir hat er gut gefallen. Auch die Sprecherin des Hörbuchs fand ich nicht schlecht, eine junge Stimme zu der Icherzählerin, passend, auch der Sprachrhythmus zu den ruhigen Sätzen der Autorin, fein formuliert. Was mir fehlte, war ein leichter österreichischer Unterton, damit man sich verortet fühlt im Land der Demokratur.

Gudrun Lerchbaum, wuchs in Wien, Paris und Düsseldorf auf und studierte Philosophie und Architektur. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Wien und schreibt seit 2006. „Die Venezianerin und der Baumeister“ ist ihr Debütroman.

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Alte Feinde

Petra Ivanov
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Unionsverlag, 27.08.2018
ISBN 9783293005372
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der erste Satz: »Der Geruch fiel Bruno Cavalli zuerst auf.«

Um es gleich vorwegzusagen, mit diesem Thriller küre ich Petra Ivanov zur Queen of Crime der Schweiz. Schon das erste Kapitel ist atemberaubend. Cavalli ist wieder da! Wo hat er nur gesteckt? Der Leser wird es erfahren, Regina Flint noch lange nicht. – dies ist der achte Fall für Cavalli und Flint, wer die anderen sieben nicht kennt, der kann hier problemlos einsteigen. Cavalli ist Amerikaner mit indianischen Wurzeln, angestellt bei der Schweizer Polizei als Ermittler. Regina Flint arbeitet als Staatsanwältin in Züricher. Die beiden sind verheiratet, haben Kinder. Aber so gut sie auch beruflich harmonieren, privat hat es Regina nicht ganz leicht mit dem freiheitsliebenden Ehemann. Der ist seit einiger Zeit verschollen. Sie macht sich langsam Sorgen, da er sich seit Monaten nicht gemeldet hat. Sie ermittelt derzeit in einem ungewöhnlichen Todesfall, ein Mann wurde mit einer historischen Waffe mit Pulvermution erschossen. Der Tote ist ein Nachfahr von Heinrich Wirz, eine umstrittene Figur aus dem amerikanischen Bürgerkrieg.

»Ein Soldat, den Kopf auf einen Schnappsack gebettet, hob träge den Arm. Darunter wimmelte es von Maden. Die Füße des Mannes waren von der Wassersucht des Mannes geschwollen, der Bauch aufgerieben. Zähne hatte er keine. Harry blieb neben ihm stehen und fragte nach seinem Namen.«

Der Leser weiß warum, Bruno Cavalli in ernsthaften Schwierigkeiten steckt. Auf keinen Fall darf er Kontakt mit seiner Familie aufnehmen. Neben diesen zwei Strängen verfolgen wir einen historischen Strang: die Geschichte um den Revolver Army No. 2, der von Hand zu Hand geht. Es ist auch die Geschichte von Heinrich Wirz, einem Schweizer, der auswanderte, im Bürgerkrieg zum Lagerkommandanten eines üblen Gefangenenlagers der Konföderierten wurde. Wirz wird von Südstaatlern noch heute hochgeehrt, als Held gefeiert, von den Unionsstaaten wurde er nach Ende des Sezessionskrieges hingerichtet.

»Regina starrte auf den Hörer. Noch sie hatte sie Fahrni so brüsk erlebt. Hatte er eine Schelte kassiert? Sie begriff nicht weshalb. Gurtner hatte den Dienstweg eingehalten und von seinen Vorgesetzten grünes Licht erhalten. Warum die Meinungsänderung? Aus finanziellen Gründen? Eine Einvernahme in der Schweiz kostet mehr als eine Reise in die USA.«

Stellt die Autorin eine solche Behauptung auf, so können wir ihr das glauben. Petra Ivanovs Romane sind immer hoch spannend, dieser besonders. Was mir so gut gefällt, ist die Tatsache, dass sie immer von Tatsachen spricht. Ob es um dienstliche Abläufe geht oder um Naturbeschreibungen, wie in diesem Thriller, von den Smoky Mountains, die sie garantiert durchwandert hat. Wenn sie ein Cherokee-Reservat beschreibt, war sie dort, beschreibt sie ein Museum oder das Maryland State Medical Forensic Center, dann war sie mit Gewissheit vor Ort. Und wenn sie uns erklärt, wie eine Army No. 2 schießt, hat sie sich das erklären lassen, in diesem Fall im Forensischen Institut Zürich. Natürlich hat auch Heinrich Wirz gelebt, als Lagerkommandant agiert. Die Autorin nimmt sich immer ein Thema. In diesem Fall ist es der Bürgerkrieg der Vereinigten Staaten von Amerika und Auswirkungen, die über Generationen bleiben. Bis heute gibt es Bestrebungen, Heinrich Wirz zu rehabilitieren. Die Szenen aus dem Krieg gehen unter die Haut.

Wer ist in diesem Roman Freund, wer Feind? Flint und Cavalli sind sich nicht sicher, weder in Zürich, noch in den USA. Man sollte niemandem trauen. Flint wird in die USA reisen, das kann ich verraten, es steht schon im Klappentext. Alle drei Stränge kommen zusammen, auch wenn es nicht so scheint, als hätte das eine etwas mit dem anderen zu tun. Wer Petra Ivanovs Romane kennt, sie schreibt übrigens auch Jugendbücher, weiß, jedes Buch ist völlig anders als das andere. Selbst in einer Serie kommt jedes Mal ein neues interessantes Thema, ein neuer Ort, der zu bereisen ist.

Ich besuchte die Lesung im Schloss Rapperswil, im Rittersaal. Monika Künzler und Eduard Hirschi vom BücherSpatz haben eine würdige Location ausgewählt. Der Moderator Mike la Marr vom SRF 1 hat Petra Ivanov einiges herauslocken können. Drei Jahre hat sie an diesem Roman recherchiert, geschrieben. Viele Besuche, viele Nachfragen, auch Kontakt mit den Nachfahren von Wirz in der Schweiz. Aber es ist ja nicht nur so, dass die Autorin akribisch recherchiert, sie lässt die entsprechenden Passagen auch noch von den entsprechenden Fachleuten gegenlesen. Die Kunst von Petra Ivanov besteht darin, die Sachverhalte in einen packenden Thriller einzubinden, das kann sie. Eins garantiere ich hier: Es gibt nicht eine langweilige Seite und der Schlussspurt ist Hochspannung.

Petra Ivanov verbrachte ihre Kindheit in New York. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz absolvierte sie die Dolmetscherschule und arbeitete als Übersetzerin, Sprachlehrerin und Journalistin. Heute ist sie als Autorin tätig und gibt Schreibkurse an Schulen und anderen Institutionen. Petra Ivanov hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, u. a. den Zürcher Krimipreis 2010.

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99 herrlich verrückte Ideen für beste Freundinnen


Flexibler Einband: 96 Seiten
Erschienen bei arsEdition, 16.07.2018
ISBN 9783845828060
Genre: Sonstiges

Rezension:

Die Ideen in diesem Buch sind keineswegs ungewöhnlich, die meisten sind banal.

Brezelt euch auf und schaltet den Partymodus ein.
Verbringt einen faulen Tag auf dem Sofa.
Telefoniert stundenlang.

Braucht es dafür ein Buch? Es geht dann auch verrückt, ziemlich verrückt: »Fäbt euch für einen Tag die Haare … Schon mal Haare gefärbt? Meine dunklen Haare nehmen nur dunkel an, für Rot müsste ich erst mal die Haare bleichen. Wer rot oder Blau auf Blond schmiert, bekommt der das Zeug am nächsten Tag wieder heraus?

Startet einen Blog und werdet zur Videobloggerin – (hmmm)
Verbringt einen Tag ohne schlechtes Gewissen. – (hmmm, haben wir denn eins?)
Kugelt gemeinsam einen Hügel herunter – (kommt auf den Hügel an)
Lasst euch die Zukunft vorhersagen. – (Abrakadabra)

Ich habe mit Freundinnen Spannenderes und Ungewöhnlicheres gemacht. Ich halte das Heftchen für Papierverschwendung.

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Unerschrocken 2

Pénélope Bagieu , Claudia Sandberg , Heike Drescher
Fester Einband: 168 Seiten
Erschienen bei Reprodukt, 31.05.2018
ISBN 9783956401428
Genre: Comics

Rezension:

Kürzlich habe ich das Jugendbuch Power Woman – Geniale Ideen mutiger Frauen von Kay Woodward gelesen, die recht bekannte Frauen vorstellt. Es wird immer über großartige Männer in der Geschichte berichtet, großartige Frauen bleiben meist unerwähnt. Pénélope Bagieu zeigt wie im ersten Band, dass man Träume erfüllen kann, wenn man unerschrocken bleibt und sich seiner Sache mit ganzem Herzen widmet. Neben berühmten Frauen wie Betty Davis und Peggy Guggenheim kommen eher unbekannte Frauen zu Wort. Temple Grandin, Tierdolmetcherin, Phoolan Devi, Banditenkönigin, Naziq al-Abid, Aktivistin. Hier werden Frauen porträtiert, von denen man nie gehört hat, die aber Wichtiges geleistet haben. Frances Glessner Lee – Puppenstubenforensikerin – was haben wir uns darunter vorzustellen? Frances, genannt Fanny –

»Sie wird nicht zur Schule geschickt; stattdessen lernt sie Nähen und Stricken und in bester viktorianischer Tradition bastelt sie aufwendige Puppenstuben. Der Bruder studiert in Harvard Medizin. Fanny täumt auch davon, doch das steht natürlich außer Frage.«

George, der beste Freund ihres Bruders, arbeitet in der Rechtsmedizin, ärgert sich darüber, wie Polizisten den Tatort verunreinigen, sogar noch säubern. Fanny langweilt sich in ihrem Leben als Mutter und Hausfrau und nachdem sie sich hat scheiden lassen, die Eltern und der Bruder verstorben sind, erbt sie ein riesiges Vermögen. Ihre Chance, etwas Wichtiges anzufangen. Sie schenkt der Harvard Universität eine stattliche Summe samt Fachbibliothek, um einen Lehrstuhl in Forensik einzurichten. George erhält den Lehrstuhl. Und als auch der verstirbt, gründet Fanny die Harvard Associates in Police Science (HAPS). Dort bringt sie höchstpersönlich Polizisten und Medizinern bei, wie man einen Tatort begutachtet, liest. Um das ganze anschaulich zu machen, erinnert sie sich an ihre Fähigkeiten im Puppenbasteln. Sie setzt sich hin und konstruiert Puppenhäuser, allerdings nach Originaltatorten, bis ins kleinste Detail. Die Seminarteilnehmer müssen versuchen, die Fälle anhand der Spuren in den Miniaturen zu lösen.

»Fanny wird zur Polizeichefin von Hampshire ernannt. (Die erste Frau, die diesen Titel trägt.)«

Oder nehmen wir Nelly Bly, die 1864 in eine sehr arme Einwanderer-Familie in den USA geboren wird. In ihrer Wut über einen Artikel zur Rolle der Frau in einer Zeitung schreibt sie einen Leserbrief und wird vom Herausgeber als Journalistin eingestellt. Sie schreibt über einfache Menschen, schlechte Arbeitsbedingungen. Damit macht sie sich keine Freunde. Unter Druck darf sie nur noch über Mode und Garten berichten, kündigt. Joseph Pulitzer gibt ihr nun eine Chance. Sie wird berühmt mit ihren knallharten sozialen Themen, wobei sie sich jeweils undercover, wie heute Wallraf, einschleust. Und zur Krönung reist sie per Schiff, Zug und Heißluftballon in 80 Tagen durch die Welt, schreibt ein Buch darüber. Sie heiratet einen reichen, viel älteren Industriellen und revolutioniert als Witwe die Arbeitsbedingungen in ihrer Fabrik. Abenteuer steckt ihr im Blut und so wird sie für Österreich die erste weibliche Kriegsberichterstatterin im ersten Weltkrieg, setzt sich später für Frauenrechte ein, schreibt weiter Suffragetten.

Die afghanische Rapperin Sonita Alizadeh rappt im iranischen Exil gegen Zwangsheirat, der sie selbst entgangen ist. Thérèse Clerc kämpft für das Recht auf Abtreibung und ruft als Frauenrechtlerin ein autonomes Wohnprojekt für mittellose Seniorinnen ins Leben. Interessante Frauen, die die französische Illustratorin und Cartoonistin Pénélope Bagieu porträtiert. Sie gehört weltweit zu den erfolgreichsten Comic-Zeichnerinnen. Unbequeme und moderne Frauenfiguren sind ihr Markenzeichen. Jetzt hat sie eine weitere Graphic Novel mit 15 Porträts von außergewöhnlichen Frauen herausgebracht, aus unterschiedlichen Epochen, Ländern, Kulturen und Gesellschaftsschichten. Spannend, spaßig, wissenswert, aber nie mit einem erhobenen Zeigefinger, führt sie durch die jeweilige Graphic Novel. Es ist, wie es ist. Der Text ist pointiert, aber einfach zu lesen, obwohl so viel Inhalt drinsteckt. Feine Zeichnungen, sparsam mit Koloration, bringen es auf den Punkt. Empfehlung!

Eine Altersempfehlung gibt der Verlag nicht vor. Meine Empfehlung: 12 - 99 Jahre.

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Der Ausbruch

Albertine Sarrazin , Claudia Steinitz , Katarina Schröter
Flexibler Einband: 528 Seiten
Erschienen bei INK Press, 27.07.2018
ISBN 9783906811086
Genre: Romane

Rezension:

Der Anfang: »Ich bin bestens ausstaffiert, um heute Abend im Knast zu landen: Opossum und Hose. Das Tierfell bleibt bei der Durchsuchung hängen. Das es womöglich ein paar Sommer die Motten füttert – kein Problem, aber das es womöglich per Tauschhandel im Gauloiserauch aufgeht, dafür will keine Gefängnisverwaltung geradestehen.«

Dieser Roman ist eine Neuauflage und Neuübersetzung von 1967. Albertine wird als Baby von einem französischen Militärarzt-Ehepaar adoptiert, mit zehn Jahren von einem Unbekannten vergewaltigt und mit 15 wird das schwer zu bändigende Mädchen von den Adoptiveltern in ein Erziehungsheim verfrachtet, aus dem sie abhaut. Ihre Mutter war wahrscheinlich eine 15-jährige Spanierin, der Vater ein Algerier. Erziehungsheime, Besserungsanstalten, Gefängnisse, ein Leben hinter Mauern, wo Albertine auch ihr Abitur absolviert. Mit Prostitution und Diebstahl finanziert sie ihren Lebensunterhalt. Als sie neunzehnjährig zu sieben Jahren Jugendgefängnis verurteilt wird, schafft sie es, über die Gefängnismauer abzuhauen, verletzt sich dabei den Fuß und findet zunächst bei einem netten Typ Unterschlupf. Später heiratete sie ihren Retter: Julien Sarrazin, ebenfalls ein entlaufener Häftling. Während er acht Ehejahre waren sie meist getrennt, da fast ausnahmslos einer von beiden oder beide parallel im Knast einsaßen. Hier schrieben sie sich heimlich Briefe (Kassiber). Albertine Sarrazin ist literaturbegeistert und schreibt gern. So entsteht im Gefängnis ihr erster Roman »L’Astragale«, danach »La Cavale« (Kassiber), der nun in Neuauflage unter dem Titel »Der Ausbruch« vorliegt. »La Cavale« hatte Albertine im Gefängnis in Schulhefte geschrieben, in winzigen Buchstaben, ohne Absatz, um viele Worte auf eine Seite zu bringen. Jede Woche schmuggelte sie einzelne Blätter zu ihrer Gefängnis - Psychiaterin, die das Talent erkennt und das Manuskript an den Verleger Pauvert nach Paris schickt. Pauvert, der unter anderem Schriften des Marquis de Sade druckte, meint dazu: »Heutzutage noch ein gutes Manuskript mit der Post zu erhalten, das ist wirklich rar.« »Der Astragal« wird ein Kultbuch und ist über eine Million mal verkauft und in 16 Sprachen übersetzt worden.
Eine große Unterstützerin von Albertine Sarrazin bei Pauvert war Simone de Beauvoir und auch Patty Smith war eine große Bewunderin ihrer Texte. Im Jahr 1966 wurde Albertine Sarrazin der Prix des Quatre Jurys verliehen. Und leider verstarb sie endlich in Freiheit kurz danach bei einer Nierenoperation mit 29 Jahren. Man geht von einem Ärztepfusch aus.

»Aber ich sehe hinter dem Rot vom Rauch das Rot der Schlaflosigkeit und der Tränen hervorscheinen; das Mädchen zieht so einen Flunsch, mit hängenden Mundwinkel, aufgerissenen Augen und bleichen Wangen, dass man noch kurzsichtiger sein müsste als ich, um nicht zu sehen, dass irgendetwas nicht stimmt.«

Weshalb das lange Vorwort? Der Roman spielt in Frauengefängnissen von Frankreich und Albertine Sarrazin schreibt unglaublich eindringlich, mit erzählerischer Kraft. Die Icherzählerin Anick Damien glaubt, sie habe keine Chance auf eine Minimalstrafe und plant einen Ausbruch, von Anfang an. Aber dazu wird es nie kommen. Anick muss an ihr Geld kommen, das der Richter beschlagnahmt hat, der Anwalt muss einen Trick finden und ihr Geld zukommen lassen. Die Mutter lässt mitteilen, sie steht ihr bei, seelisch, finanziell keineswegs, denn die Haft hat Anick sich selbst eingebrockt. Wozu braucht sie Geld? Für Zigaretten, Bonbons, Nes (Nescafé), denn die Gefängnisbrühe schmeckt nicht, auch das Essen kann man so aufpeppen, sich kleine Annehmlichkeiten kaufen, Papier, Stifte. Tägliche Tristesse, wechselndes Publikum, sich behaupten, andere stützen, durchhalten, zusammenhalten, wechselnde Insassen, der Tag ist lag, mal ziemlich kalt, mal zu heiß. Anick schreibt um am Leben zu bleiben, zu fühlen, zu denken.

»Dieser Knast bringt mir nichts. Ich mochte den anderen lieber, wo jeder Tag dem Tod geraubt war. Dieser ist nicht allzu unangenehm konstruiert, das Verhältnis von Dummheit und Gemeinheit ist normal; das Mobiliar, mobil oder nicht, so gut wie jedes andere. Aber ich habe Angst. Angst vor dieser Sauberkeit, vor der Stille, die die Schreie verbirgt, vor dem hellen Stein, aus dem Angst sickert, eine ständige konfuse Bedrohung; die Farblosigkeit meiner Tage überfällt mich, erfüllt mich, verstopft meine Poren, der gefahrlose, folgenlose Alltagstrott wiegt und verschaukelt mich.«

Schreiben macht frei, befreit Gedanken. Es ist erstaunlich, wie viel Kraft die Sprache von Albertine Sarrazin besitzt, wenn man auf ihren Lebensweg schaut. Aber vielleicht genau darum besitzt sie diese Intensität und Stärke. Der Ausbruch, der nie stattfindet und zum Schluss von Zizi, dem Ehemann verhindert wird, der Anick von einer Flucht abbringt, durchzieht den Roman. Dieser Gedanke hält wach, lässt nicht abstumpfen. Der Blick auf Möglichkeiten, durchspielen von Ideen, Hoffnung auf Freiheit. Anick wartet auf ihren Prozess, eine ziemlich lange Zeit vergeht, eine lange Haftzeit könnte bevorstehen, da wäre es besser zu fliehen. Wenn sie Glück hat, fällt die Strafe milde aus, eine Flucht wäre fatal.

»Muss auch die Hose ausziehen, das Tragen ist nicht gesund, erleichtert vielleicht das Auf-den-Stuhl-Klettern für die Blutabnahme, genannt Pflaumenbaum, würde allerdings die Einfuhr des Spekulums stören. Also wenn Sie in den nächsten Tagen mit Ihrer Verhaftung rechnen, haben Sie den Hintern immer nackt und einen Koffer mit Wäsche griffbereit.«

Albertine Sarrazin ist mit 29 Jahren gestorben, leider. Was hätte aus ihrem Talent alles entstehen können ... »Engel mit gebrochenen Flügeln« (so Patti Smith über die Autorin in ihrem Nachwort über »Der Astragal«) Eine Sprache klar schnörkellos, Prosa, und an anderen Stellen bildhaft, fast poetisch. »Eine leere Minute saugt grenzenlose Ewigkeiten ein«, schreibt sie. Die Beschreibung der französischen Frauengefängnisse zur Zeit der Sechziger ist interessant. Gemütlich ist es hier nicht und der Einschluss in Zellen wohl recht selten. Frauen dicht zusammen, Solidarität, Freundschaft, aber auch Abneigung zu der ein oder anderen, solidarische Abneigung gegen eine. Hier brodelt es, beruhigt sich, man arrangiert sich, hilft sich gegenseitig. Wärterin, Mâme Chef, auch hier fühlt man Menschlichkeit. In jedem Gefängnis ist es ein wenig anders, neue Regeln, neue Mitgefangene. Innenwelt und Außenwelt auf Papier, eingesperrt in Mauern, Gedanken Raum geben, Gedanken bekommen Flügel, die Worte befreien. Der Roman ist klar biografisch und genau darum ist er so gut. Es geht hier nicht um das große Ganze, Gesellschaftskritik, die Autorin beschäftigt sich ausschließlich mit sich selbst. Was bedeutet es, einzusitzen? Sarrazin definiert es so: »Halb vulgarisiert, halb benediktiert«

»Ich bin Diebin gewesen, ich will Schriftstellerin werden. Jede andere Tätigkeit scheint mir indiskutabel«, sagte Albertine Sarrazin

Das Erstlingswerk L’Astragale wurde 1968 von Guy Casaril mit Marlène Jobert in der Hauptrolle und Horst Buchholz als Julien verfilmt. Eine neue Filmversion mit Leïla Bekhti und Reda Kateb in den Hauptrollen entstand im Jahr 2015 unter der Regie von Brigitte Sy. 

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