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29 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 17 Rezensionen

berlin, krimi, berli, mordkommission, debüt

Die letzte Farbe des Todes

Philipp Reinartz
Flexibler Einband
Erschienen bei Goldmann, 20.03.2017
ISBN 9783442486274
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der erste Satz: „Ziemlich alt für einen Matrosen, dachte Jay. Er verstand nicht viel von Seefahrt, aber der vor ihm war sicher über sechzig.“

In Berlin existiert eine SOKO, für besondere Fälle (Aber die wird doch erst im besonderen Fall gebildet, mit passenden Spezialkräften?) Gut, Berlin hat so eine besondere Mordkommission (auch das noch). Als Leiter wird Jerusalem (genannt Jay) Schmitt eingesetzt, Polizeielite, international ausgebildet (so der Klappentext).

Ein Toter wird gefunden, das Mordopfer trägt einen Matrosenanzug, hat einen Farbfleck im Nacken. Im Verlauf kommen weitere Mordopfer hinzu, inszenierte Darstellung der Toten, bunter Punkt im Nacken. Das Team ermittelt, findet aber keinen Zusammenhang zwischen den Personen. Welche Verbindung gibt es zwischen den Toten? Der Mörder geht gezielt vor, doch was treibt ihn an? Jay steht unter Erfolgsdruck, Presse und Ministerium erwarten Ergebnisse.

Der Autor hat mir auf der Messe sein Buch als hochspannenden Thriller beschrieben, mich gebeten, es zu lesen und dann ziehe ich es auch durch bis zur letzten Seite. Ohne dieses Versprechen, ich gebe es zu, wäre nach der ersten Seite Schluss gewesen. Der Verlag schreibt als Untertitel: „Jerusalem Schmitt ermittelt“, was auf einen Krimi schließen lässt. Es ist ein ganz typischer Krimi. Auf die Spannung habe ich bis zur letzten Seite gewartet, leider. Der Plot zieht sich zäh dahin, ermüdet beim Lesen. Das liegt mit Sicherheit an der Schreibweise. Es wird viel im Partizip geschrieben, „war“, „hatte“, und achtzig Prozent der wörtlichen Rede ist im Konjunktiv formuliert. Dialoge sollten Dynamik besitzen. Aber Philipp Reinartz schafft das leider nicht. Die Zusammenfassung eines Verhörs, „er sei“, „er hätte“, macht jede sprachliche Finesse platt.

„Geht das hier mit der Lautstärke?“

Allgemein ist die Ausdrucksweise recht einfach gestaltet. Dreimal lesen, Lautstärke mit Beinen? Ah, ist es hier zu laut?, war gemeint.
Die Metaphern klingen gewollt, herausgequetscht, geben oft keinen Sinn. Der Leser liest fünf Mal, versteht irgendwann, hier gibt es nichts zu verstehen.

„Überall schwirrten Flugzeuge durch die Luft, preschten Schnellzüge durch das Land, und wenn man seine Liebe dann von sich warf, konnte sie wenige Meter neben einem niederfallen, konnte aber ebenso die Maschine nach Peking treffen oder über eine Glasfaserleitung nach Amerika gezogen werden.“

Bisweilen nimmt es sogar komische Züge an.

„Sie winselte, sah ihn wieder hineinstürmen, hörte das Fenster. Dann rannten die Beine zurück in den Flur. Schreien wollte sie, sie war zu schwach. … Dann standen die Beine plötzlich sehr nahe neben ihr.“

Die grammatische Stellung des Verbs besitzt beim Autor einen eigenen Stil, an den ich mich nicht gewöhnen wolle: „Schreien wollte sie …“
, Gehäufte Füllwörter wie „dann“ und insbesondere „da“ nerven. Beim ständig falschen Gebrauch von „da“, konnte ich fast eine Allergie entwickeln (Drei Sätze hinter-einander mit Füll-da sind keine Seltenheit.).

„Es war keine wirklich ergiebige Zeit da drinnen gewesen.“

Neben aufgeblasenen Sätzen durch Füllwörter und den erzählerisch lähmenden Zeit-formen gibt es aber auch Stakkato-Strecken. Minimalisierte Sätze, allerdings ohne Elixier, ohne Feinschliff, Sätze im Aufzählungsmodus, die wie eine Maschinengewehr-salve klingen.

Die Figuren haben mich nicht packen können. Sie bleiben flach und ohne Inhalt. Jay, der Hauptprotagonist passt in seinen Handlungen nicht zu seiner Figurbeschreibung: Top ausgebildet als internationaler Elitepolizist ist er nicht in der Lage im Team zu arbeiten? Angeblich ist er sehr intelligent, arbeitet logisch und strukturiert, absolut profesionell. Er kann nicht mit anderen im Zimmer arbeiten, zieht gleich aus dem Zweierbüro in einen anderen Raum um, bestellt sich einen Schreibtisch aus Walnussholz, chromumrandet (völlig abstrus). Er hasst die Ermittlungstafel der Kollegen, das Brainstorming, das nichts bringt, die Klebezettel darauf nerven, gemeinsame Besprechungen sind blah.. Sein Stil ist richtig. Er nennt alleine herum, techtemechtelt mit Zeuginnen, verrennt sich. Die Figur klingt konstruiert, aber nicht schlüssig in sich. Jay lässt niemanden nahekommen, schon gar nicht den Leser. Alle anderen Protagonisten sind kleine Lichter, womit auch sie keinen Raum haben, sich zu entwickeln.

„Normalerweise konnte man schon anhand der Optik einer Frau sehr gut einschätzen, mit welchen Absichten sie einem gegenübersaß. Zumindest wenn es einen nennenswerten Vergleichswert gab. Kannte man – durch vorherige Treffen, Erzählungen oder Fotos – ihr Erscheinungsbild im Alltag, sozusagen ihren Normwert, ließ sich die aktu-elle Abweichung betrachten.“

Das heißt, wie im weiteren Verlauf beschrieben wird, je aufgebrezelter neben dem Alltagsoutfit, desto williger. Das ist unterste Schublade der Schubladen. Das Frauen-bild des Protagonisten lässt insgesamt zu wünschen übrig. Jay trifft sich völlig unprofessionell privat mit einer Zeugin, die zum Verdächtigenkreis gehört, nicht nur ein-mal, sogar noch, nachdem die Kollegin ihn erwischt und ermahnt. Er ruft sie nachts um halb drei Uhr an, sie geht nicht ans Telefon, ruft morgens zurück. Jay hat gerade keine Lust auf Gespräche, drückt weg. Die Frau, beunruhigt, fährt zum Polizeipräsidium. Als Jay ankommt, ist sie ihm das peinlich, die Kollegen wissen Bescheid. Drum muss erst mal die Zeugin vor der Mannschaft zusammengestampft werden, warum sie komme, bloß weil er angerufen habe. Und hinter der Tür gibt es einen obendrauf, denn sie hatte ihn Jay genannt, nicht Herr Schmitt. Und den Kollegen erklärt er, na klar, wenn ihm nachts Zeugenfragen einfallen, ruft er gleich an. Er ist nämlich fleißig. Was sonst?

Jeder der Morde ist optisch inszeniert. Wir Leser werden nicht erfahren, warum der Mörder so handelte. Es gibt auch keinen logischen Rückschluss zum Grund seines Tötens auf die Verkleidung der Opfer. Hier hat der Autor etwas plakativ konstruiert, das am Ende vergessen wird aufzulösen. Mir fiele auch nichts Sinnvolles ein.

Alles in allem konnte der Roman mich nicht überzeugen, weder sprachlich noch von der Ausarbeitung der Geschichte. Eins dieser Bücher, bei dem man sich fragt, ob das Lektorat in Verlagen abgeschafft wurde! Nach der Lektüre des Romans wollte ich wissen, wer ist dieser Autor, wo kommt er her? Und das fand ich bei dem Einunddreißig-jährigen auf der Webpage über sich selbst: „Und in der Deutschen Fußballnationalmannschaft der Autoren mal im linken Mittelfeld und mal im Sturm. Es ging schon beim Studium los: Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, Germanistik, Geschichte, Journalismus und Design Thinking.“ Nationalmannschaft, Sturm? Wenn Sie meinen.

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6 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Das Mädchen und der Träumer

Dacia Maraini
Fester Einband: 340 Seiten
Erschienen bei Folio, 21.02.2017
ISBN 9783852567150
Genre: Romane

Rezension:

Der erste Satz: »Ich haste durch eine nebelverhangene Straße.«

Dracia Maraini ist eine der wichtigsten Schriftstellerinnen Italiens. Schon seit Jahren wird sie für den Nobelpreis gehandelt. Sie war eng befreundet mit Pier Paolo Pasolini, lebte über 20 Jahre mit Alberto Moravia zusammen, der zuvor lange Zeit mit Elsa Morante verheiratet war.

Dracia Maraini lässt ihrem neuen Roman von Nani Sapienza, einem Lehrer in einer italienischen Kleinstadt erzählen (Sapienza bedeutet übrigens Wissen). Seine Tochter ist im Alter von acht Jahren an Krebs gestorben, die Ehe hielt das nicht aus, seine Frau hat Nani verlassen. Eines nachts träumt er von einem Mädchen im roten Mantel mit weißen Gummistiefeln. Im Radio berichtet man Morgen vom Verschwinden des Mädchens Lucia, im roten Mantel mit weißen Gummistiefeln. Das Mädchen ging auf Nanis Schule, das kann kein Zufall sein. Das Mädchen wird nicht gefunden, die Polizei stellt irgendwann die Suche ein. Nani, immer noch in Erinnerung an die eigene Tochter, die er nicht wieder zurückholen kann, glaubt hier, seine Erfüllung zu finden. Er sucht Lucia. Er interviewt Menschen, sammelt Spuren, geht Hinweisen nach, gerät plötzlich selbst unter Verdacht.

»Wer legt denn fest, welche Themen für zehnjährige Kinder angemessen sind? Kinder, die freien Zugang zum Internet haben, wo man alles finden kann, von der Pornografie bis zur Philosophie. ... Die Schüler sehen und hören es doch im Fernsehen ungefiltert. Ich dagegen bemühe mich ihnen die Angelegenheit behutsam zu erklären, mit Respekt vor ihrem Alter, und versuche dabei Bezüge zu den Mythen der Antike herzustellen.«

Ein weiterer Teil des Buchs befasst sich mit dem Unterricht von Nani, der den Grundschülern in seiner eigenen philosophischen Denkweise eine liberale Welt erklärt, sie zum Denken auffordert, was den Eltern nicht immer gefällt. Es geht in diesem Roman nicht nur um Kinder, die jedes Jahr spurlos verschwinden, sondern auch darum, wo Kinder in dieser Gesellschaft stehen, wohin wir in Zukunft gehen werden. Nani erzählt seinen Schülern Geschichten, lässt sie raten, wie sie ausgehen, lässt verschiedene Entwicklungen der Legenden zu, die dann kontrovers diskutiert werden. Er gibt den Kindern Raum zu denken, sich eine Meinung zu bilden, die dann auch zu vertreten, gibt Denkanstöße, verknüpft alte Mythen mit Playstation und Internet. Dabei bedient er sich in abgewandelter Form der ganzen Kulturgeschichte, angefangen bei Rotkäppchen über Alice im Wunderland, die in einem Erdloch verschwindet. Er berichtet von King Kong, der die Frau raubt und vom Raub der Sabinerinnen.

»›Was ist ein Sklave?‹ – ›Du wirst zum Sklaven, wenn du deine Freiheit und alle Rechte verlierst, wenn du das Eigentum eines Herren wirst, der mit dir machen kann, was er will.‹ – ›Wie ein Hund?‹ – ›Ja, genau wie ein Hund, selbst wenn du ihn quälst oder sogar röstest, sagt niemand etwas.‹ – ›Ich habe einen Hund. Er schläft in meinem Bett und ich tue ihm gar nichts.‹ – ›Zum Glück gibt es auch freundliche Menschen, die einander lieben. Aber Freiheit und Recht sind etwas anderes. ...‹« (und nun wird über Würde diskutiert ... herrlich!)

Die Themen in diesem Buch sind vielschichtig, vom islamischen Fundamentalismus, der achtjährige Mädchen durch Vollverschleierung von der öffentlichen Bildfläche verschwinden lässt, bis hin zu Kinderbordellen in Kambodscha und Formen der Pädophilie. Mädchen verschwinden. Maraini zieht alle Kisten auf. Nani selbst sitzt der unsichtbare Rabe auf der Schulter und der flüstert ihm ein, dass er vielleicht selbst das Mädchen entführt habe ... Hast du vielleicht ein anderes Ich, so kennst du es nicht. Die Autorin spielt mit dem Leser, ein Roman, der gewissermaßen auch unter Krimi einsortiert wird. Zumindest ein Buch, das man lesen sollte, auf jeden Fall. 

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282 Bibliotheken, 30 Leser, 1 Gruppe, 30 Rezensionen

freundschaft, roman, missbrauch, ein wenig leben, hanya yanagihara

Ein wenig Leben

Hanya Yanagihara , Stephan Kleiner
Fester Einband: 958 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin, 30.01.2017
ISBN 9783446254718
Genre: Romane

Rezension:

»Es war Bruder Peter, der ihn in Mathematik unterrichtete und ihn unentwegt an sein glückliches Schicksal erinnerte, der ihm gesagt hatte, dass er in einer Mülltonne gefunden worden war. Bruder Michael behauptete später, so stimme das gar nicht. "Du lagst nicht in der Mülltonne, du lagst neben der Mülltonne.«

Über Kunst kann diskutieren aber nicht streiten. Dieses Buch gehört zu der Klasse, die die Leserschaft spaltet in Liebhaber und Augenverdreher, die nichts mit dem Buch anfangen können.

Der Roman beginnt mit der Freundschaft von Jude, JB (Jean-Baptiste) , Willem und Malcolm, die sich am College kennenlernen, zwei Doppelstockbetten in einem winzigen Zimmer teilen. Der farbige JB, wuchs ohne Vater auf, zwischen Mutter, Tanten und Großmutter, Einwanderer aus Haiti, die davon überzeugt sind, dass JB ein Genie ist. Der farbige Malcolm entstammt einer sehr wohlhabenden Intellektuellenfamilie. Er kämpft um Aufmerksamkeit und Zuwendung seines Vaters, da er meint, der würde nur seine Prinzessin, die Schwester, beachten. Der hellblonde Willem, wuchs auf einer Farm in Wyoming auf. Seine Eltern, Einwanderer aus Skandinavien, betreuen ein behindertes Kind, für Willem bleibt keine Zeit. Die Vierte im Bund ist Jude, das Findelkind aus dem Kloster. Den Freunden ist schnell klar, dass Judes Kindheit schrecklich war. Er will nicht darüber reden, schon gar nicht zieht er sich vor den Freunden aus, auch im Sommer trägt er lang an Arm und Bein. Jude hat eine leichte Behinderung mit seinen Beinen.

Die Freunde studieren später angesagte Studiengänge, verlieren sich aber nie aus den Augen. Thanksgiving und Weihnachten verbringen sie zusammen. Jude studiert Jura.

»Das Recht ist nicht immer fair. Verträge sind nicht fair, nicht immer. Aber manchmal ist das notwendig, weil es das Funktionieren der Gesellschaft sichert.«

JB, wird Künstler der figurativen Malerei, bewohnt zunächst ein kostenfreies Loch. Architekt Malcolm lebt anfänglich bei seinen Eltern, später leistet er sich ein einfaches Appartement.

»Er winkte ein Taxi heran. ›Ecke 71st Street und Lexington Avenue. ....‹ ›Glaubst du wirklich, wenn sie denken, du wohnst in Lex und nicht in Park, bist du nicht mehr street?‹, fragte er ihn. ›Du bist so ein Idiot, Malcolm.‹«

Jude, steht eine steile Karriere als Anwalt bevor, und er mietet gemeinsam mit Schauspieler Willem, der nebenbei kellnert, ein abgewracktes Apartment in Downtown.

»Nicht alle, die im Ortolan bedienten, waren Schauspieler. Oder besser gesagt, nicht alle waren noch Schauspieler. Es gab diese Restaurants in New York, in denen man vom Schauspieler, der nebenher kellnerte, irgendwie zum Kellner wurde, der früher mal Schauspieler war.«

Diese vier Jungs (sauber ethnisch durchmischt, hetero und schwul durchmischt) gehen gemeinsam durch Feuer und Wasser, belegen nicht nur angesagte Traum-Studienfächer (Selbstverwirklichung), sie wohnen in NY und sie werden die angesagtesten, bestbezahlten Männer ihrer Branche. The American Deam! Irgendwie ist bei mir da schon ein wenig die Lampe ausgegangen. Das erste Drittel hatte gute Passagen, das muss bei aller Kritik erwähnt werden, und ab der Mitte, ich gebe es zu, habe ich angefangen, immer mehr zu blättern. Jude lernt Andrew kennen, einen namhaften Juristen, kinderlos. Er ist so angetan von Judes Persönlichkeit, dass er und seine Frau sich entscheiden, Jude zu adoptieren.

»Wann ist der Punkt gekommen, an dem ein Land und die Menschen, die darin leben, die soziale Kontrolle über ihren Sinn für Moral stellen sollen? Gibt es einen solchen Punkt überhaupt?«

Bis zu diesem Zeitpunkt erfahren wir viel über das körperliche Leid von Jude, seine unerträglichen Schmerzen in Beinen und Rücken, immer wieder kehrende Entzündungen. Wir erfahren etwas über den völlig vernarbten Rücken von Jude, er bearbeitet seine Arme regelmäßig mit Rasierklingen, auch die sind völlig vernarbt. Andy, sein neuer Arzt, taucht auf, der Juds Beine behandelt und ihn versorgt, wenn Jud zu fest geritzt hat, fast verblutet. Auch er vergöttert Jude. 958 Seiten Jude, Jude und seine Leiden, seine Selbstmordgedanken, seine Selbstverachtung ... denn alle anderen Protagonisten sind Statisten in kleinen Rollen. Jude, das Findelkind, aufgewachsen im Kloster mit hoher Bildung. Aber die Klosterbrüder verprügelten ihn bis zur Bewusstlosigkeit, missbrauchten ihn seit frühester Kindheit. Einer ist besser, fühlt mit Jude, so glaubt er wenigstens, Bruder Luke. Der haut mit Jude aus dem Kloster ab, als dieser circa neun Jahre alt ist, erklärt dem Jungen, sie würden sich ein kleines Haus am Waldesrand kaufen. Doch Luke hat kein Geld um ein Haus zu erwerben, das muss Jude erarbeiten:

»Mal war es nur einer, mal waren es mehrere. Die Männer brachten ihre eigenen Handtücher und ihre eigenen Laken mit, die sie über das Bett spannten, bevor sie anfingen, und wieder abzogen und mitnahmen, wenn sie gingen.«

Sie ziehen von Stadt zu Stadt, von Motel zu Motel, bis Luke, der auch selbst Jude missbraucht, schlägt, von der Polizei erwischt wird. Jude, 14 Jahre alt, kommt ins Heim, wird weiter missbraucht von Erziehern und Lehrern, bis zur Bewusstlosigkeit verprügelt. Er hält es nicht mehr aus, schafft es, zu fliehen, ernährt sich wodurch wohl? Straßenstrich. Eines Tages greift ihn der Psychiater Dr. Trayler auf, sperrt ihn in den Keller, missbraucht ihn, verprügelt Jude, verkauft ihn an andere Männer. Bis Jude fliehen kann:

»Er rannte. Dr. Trayler folgte ihm und manchmal beschleunigte er, und er rannte schneller. Aber er konnte nicht mehr so gut rennen, und er stürzte und stürzte wieder. ... Als er zum letzten Mal stürzte, konnte er nicht mehr aufstehen. ... Und dann hörte er den Motor wieder anspringen, und er spürte, wie die Scheinwerfer auf ihn zukamen, zwei Feuerströme wie die Augen des Engels, und er drehte den Kopf zur Seite und wartete, und das Auto fuhr auf ihn zu und dann über ihn hinweg, und es war vollbracht.«

Judes Beine sind völlig zerstört. Eine Sozialarbeiterin kümmert sich um den Jungen. Nun wird alles gut, ein neues Leben beginnt für den intelligenten Sechzehnjährigen. Er kommt aufs Collage und lernt seine Freunde kennen.

Jude ist nun ein erfolgreicher Anwalt, doch im Inneren ist er ein Wrack. Er hält sich für einen schlechten Menschen und sehnt sich nach Liebe, ritzt ständig seine Arme. Die Freunde sieht er selten.

»Er sitzt zu Hause und schneidet sich in Stücke, er besteht eigentlich nur noch aus Narbengewebe, sieht aus, wie ein verdammtes Skelett, und wo bist du Willem?«

Alle Menschen um ihn herum bewundern Jude wie einen Gott. So viel Leid, so viel göttliche Bewunderung, so viel Erfolg, so viel Brillanz ... das alles ist ziemlich dick aufgetragen. Kurz vor Ostern gelesen kommen Gedanken auf: Jude – Jesus – göttliche Verehrung – Leiden am Kreuz. Und alles wird wiedergekäut, wahrscheinlich mit Absicht, um das Leid, wie Filoteig auszuwalzen.

»Doch was Andy nicht begriff: Er war ein Optimist. Monat für Monat, Woche für Woche entschied er sich dafür, die Augen aufzuschlagen, einen weiteren Tag in der Welt zuzubringen. Er tat es, wenn er sich so schrecklich fühlte, dass die Schmerzen ihn in einen anderen Zustand zu versetzen schienen, einen, in dem alles, selbst die Vergangenheit, die zu vergessen er sich so mühte, zu einem grauen, aquarellartigen Schleier verschwamm.«

Jude schmachtet nach Liebe und Geborgenheit, die Freunde haben Beziehungen, nicht Jude. Freundschaft ist keine Liebe, keine körperlich spürbare Nähe, Geborgenheit. Er kann aber niemanden an sich heranlassen. Sein Körper ist zerschunden, er ist so hässlich, so schlecht, niemand kann einen solch ekelhaften Mann lieben, so Judes Selbsteinschätzung. Doch dann trifft er Caleb und Jude weiß von Anfang an, welchen Preis er dafür zahlen muss, am Abend nicht allein zu sein, Wärme in der Nacht zu finden ...

»Er hatte die ganze Zeit über auf eine Strafe für seine Hybris gewartet, dafür, dass er geglaubt hatte, er könne haben, was alle anderen haben, und nun war sie endlich gekommen. Das hast du davon, sagte die Stimme in seinem Kopf. Das hast du davon, dass du dich für jemanden hältst, der du nicht bist, dass du glaubst, du wärest nicht schlechter als die anderen.«

Zum Ede findet Jude seine Liebe. Einer seiner großen Bewunderer möchte mit ihm leben. Der ist eigentlich nicht homosexuell, nimmt aber an, Jude sei es und nimmt eine sexuelle Beziehung in Kauf, die eigentlich nicht seine ist. Jude denkt, er müsse sich für diese Liebe opfern, denn Sex ist für ihn widerlich, verständlicherweise lediglich ein Akt der Gewalt. Jude wird sich niemals einer Person öffnen, über seine Gefühle sprechen. Andy, sein Arzt rät ihm dazu, zu einer Psychotherapie, die Jude nie antreten wird. Jude bleibt mit seinem Kummer allein.

Ich habe mich gefragt, warum ich nicht heule, wie viele andere Leser, nicht berührt bin. Für mich ist Jude ist nicht authentisch. In meinem Beruf habe ich viele Menschen mit leidvollem Hintergrund betreut, die erlebten ein Körnchen von dem, was Jude geschehen ist, waren aber wesentlich zerstörerischer mit sich selbst. Vor kurzen haben mich Bücher wie »Miss Terry«, »Aquarium«, »Schwarze Seelen« unfassbar berührt, aber auch »Bitter Wash Road« und »Montana«. Warum perlt dieses Buch ab, gelangweilt?

Reduzieren wir diese fast 1000 Seiten auf ein Gerüst: Jude, der Hauptprotagonist. Was erfahren wir von ihm? Seine Vergangenheit und seine Leidensgedanken. Wir wissen nicht wie er aussieht, erfahren nur etwas über sein todschickes teures Apartment und dass er ein brillanter Anwalt ist. Was macht er überhaupt? Wer befindet sich in seinem täglichen Umfeld, was passiert in der Welt? Von allen Nebenprotagonisten wird Jude vergöttert. Es sind seine Freunde. Aber wie agiert er normal in seiner Umwelt? Nach Jude kommt lange gar nichts. Wir haben ein paar Nebencharaktere, von denen wir nichts wissen, nicht mal wie sie aussehen, wir kennen lediglich ihren Beruf, ihre Brillanz (allesamt!!) und ihre Vergötterung für Jude. Die Juristen sind ausschließlich gute Menschen, von der gerechten Seite. Die Antagonisten dürfen nicht fehlen, die Menschen, die Jude zerstörten: der Geistliche Luke, der Psychiater Dr. Traylor, der Kollege Caleb und hunderte Unbekannte. Von ihnen erfahren wir nichts, gesichtslose Täter. Was bleibt, ist Jude. Ein kleines Geschmäckle bleibt mir zurück: Alle Guten sind intelligent, schön, beliebt und erfolgreich, extrem reich. Die Pädophilen sind Kirchenmänner, Lehrer, Erzieher, Psychiater und ein böser Anwalt.

Es wird gesagt, dies sei ein Gesellschaftsroman. Welche Gesellschaft? Ich schätze, Jude ist in den Fünfzigern oder Anfang der Sechziger geboren, das Buch endet anscheinend in der heutigen Zeit. Allerdings erfährt man nichts über diese Gesellschaft, über die Zeit, keine Ereignisse, keine Strukturen. Die Geschichte könnte auch in Berlin, London, Paris oder sonst wo spielen, zu einer anderen Zeit. Das sei ein Familienroman, behaupten andere, seltsam, um welche Familie soll es sich drehen? Ein Buch über Freundschaft, sagen andere. Wenn Freundschaft als Form der Vergötterung eines Menschen gesehen wird, dann bitte. Für mich ist es schlicht ein überzogenes Drama, das bei mir durch die Übertreibung an jeder einzelnen Stelle nicht landen konnte, ein plakatives Klischee folgte dem nächsten. Künstliche Überspitzung, um etwas zu vermitteln? Es gab genügend Bücher, die mit dem Staubkorn dieses Textes mehr bewirkt haben. Ein Roman, der viele Herzen bewegte und der auf jeden Fall gute Passagen besitzt, mich persönlich aber nicht überzeugen konnte.

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

journalisten, balzac

Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken

Honoré de Balzac , Rudolf von Bitter
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Manesse, 26.09.2016
ISBN 9783717523826
Genre: Romane

Rezension:

1843 hat der französische Schriftsteller Honoré de Balzac in seinem Werk »Monographie de la presse parisienne« seine Geringschätzung gegenüber Journalisten zu Papier gebracht. Nach circa 150 Jahren ist dieses Werk immer noch aktuell. Man kann es nicht glauben, bisher ist dieses Buch nicht auf Deutsch erschienen! Vielen Dank, Rudolf von Bitter, für diese Übersetzung.

»Die Presse, wie die Frau, ist wunderbar und erhaben, wenn sie eine Lüge vorbringt. Sie lässt nicht locker, bis Sie ihr glauben, und sie verwendet die größten Talente auf diesen Kampf, in dem das Publikum, so dämlich wie ein Ehegatte, immer unterlegen ist. Wenn es die Presse nicht gäbe, dürfte man sie nicht erfinden.«

Balzac unterteilt die »Schmierfinken« in Publizisten und Kritiker, Gattungen mit Untergattungen wie bei Brehms Tierleben. Feuilletonisten bezeichnet er als »fröhlichste Spezies all dieser Papierverschwender«. Es gibt »Pamphletisten, Lobhudler, Schönschreiber, Nihilogen, das Faktotum, Zeilenangler, den Mann fürs Grobe und was sonst noch alles in Redaktionen kreucht und fleucht.« Die »Quarkschläger« gehören zu der Gattung der Journalisten, die Art Artikel schreiben, die die Masse der Leser konsumieren möchte, es sind opportunistische Karriere-Journalisten. Schon damals werden Buch-Piraten benannt, die sich Raubdrucker nannten.

»Für den Journalisten ist alles Wahrscheinliche wahr.«

Voller Polemik und Satire zieht Balzac über die Presse her, in Wut über die schlechten Rezensionen seiner Bücher. Balzac selbst hatte als Journalist begonnen, sich dann für die Schriftstellerei entschieden, wurde von den Kollegen in den Dreck gezogen. Er behauptet, im Gegensatz zum Schriftsteller bedienen sich Journalisten an vorgefertigten Sätzen. In den Redaktionen befinden sich Menschen »mit grüner, gelber oder roter Brille, die dereinst mit ihrer Brille auf der Nase sterben werden und die man einem bestimmten Blatt zuordnet.« Und die ernsthafte Recherche kann nicht bezahlt werden, drum gilt: »Erst daufhauen, dann klären.«

Er kennt sich aus in Zeitungen, beschreibt den Wettbewerb der Marktanteile, politischen Einfluss und den Einfluss der Werbeschaltung. Eine gehaltvolle Fürsprache zum Urheberrecht, wird Jahre später vom Gericht zur Urteilsfindung und gültigen Rechtsprechung herangezogen, ist noch heute brandaktuell. Voll Temperament peitscht Balzac respektlos auf die ehemaligen Kollegen ein, polemisch, ja, aber mit viel Tiefe und Sachverstand. Schmierenpresse, Fake-News, Lügenpresse, Presse zur Meinungsmache zu nutzen, politische Zwecke, gockelhafte Chefredakteure, allzu viel hat sich seit damals nicht geändert. Balzac bedauert, dass die ehrlichen, kritischen Journalisten weder von der Presse noch vom Volk geliebt werden.

»Das Blatt mit den meisten Abonnenten ist also das, das der Masse am ähnlichen ist.«

Ich finde, dieses Buch darf in keinem Bücherschrank fehlen.

»Der junge blonde Kritiker – Drei Arten: 1. Der Leugner, 2. Der Spaßvogel, 3. Der Lobhudler« Nun frage ich, wer bin ich? Zum Glück bin ich nicht blond.


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39 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 23 Rezensionen

barcelona, gaudi, mord, spanien, frauen

Die Sieben Türen

Daniel Sánchez Pardos , Alice Jakubeit
Flexibler Einband: 544 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.08.2016
ISBN 9783492060479
Genre: Historische Romane

Rezension:

»Unsere Sinne bringen uns in Kontakt mit der Welt, aber gleichzeitig begrenzen sie diese Welt auch. Wir sehen nur das, was unsere Augen sehen können und wir hören nur das, was unsere Ohren hören können. Aber wir wissen auch, dass es jenseits unserer Sinne Geräusche und Farben, die oberhalb oder unterhalb unserer Wahrnehmungsschwelle liegen. Die für uns außer Reichweite sind.«

Gleich vorweg, um vom Buch keinen falschen Eindruck zu hinterlassen: Wer glaubt, hier etwas über den berühmten Architekten Antoni Gaudí zu erfahren, ist im falschen Buch. DIESER Antoni Gaudí ist Student der Architektur in Barcelona und intelligent. Hier enden die Gemeinsamkeiten. Der echte Gaudí arbeitete vom ersten Semester an in Barcelonas für Architekten, verdiente dort seinen Studienunterhalt (1873 bis 1878), weil man seine Genialität schätzte. Sein Vater war Kesselflicker, wohnte nie in Barcelona. Der Gaudí in diesem Buch ist ein habseidener Typ, der sich in Nachtbars herumtreibt und nicht ganz illegalen Geschäften nachgeht, um seinen begnadeten Vater zu unterstützen, der in einer alten Lagerhalle Barcelona als architektonisches Modell neu entwirft. Der Autor und der Verlag führen mit Namensgebung, Beruf und Jahreszahl letztendlich in die Irre, was einen faden Beigeschmack hat. Auch ich bin bei der Auswahl des Buchs darauf hereingefallen. Der Roman hat das nicht nötig, denn er steht für sich auch ohne Promis.

Der geschichtliche Hintergrund dreht sich um Alfons XII, Sohn Isabella II. von Spanien. Durch die Septemberrevolution von 1868 wurde Alfons, zehn Jahre alt, mit seiner Familie ins Exil nach Paris getrieben. Am 1. September 1870 marschierten deutsche Truppen in Paris ein und die Königsfamilie floh in die Schweiz, Schule und Studium in Wien, britische Militärakademie. Im Dezember stellte 1874 Generals Arsenio Martínez-Campos den Antrag für die Wiedereinführung der Monarchie und sprach sich für Alfons als König aus.
Der katalanische Schriftsteller Daniel Sánchez Pardos wurde 1979 in Barcelona geboren. Er studierte Spanische Philologie und machte sein Diplom im Übersetzen von Literatur. Seither arbeitet er als Übersetzer und Autor. Zu seinen Auszeichnungen gehört der La Tormenta en un Vaso-Preis als bester neuer Autor des Jahres im Jahr 2011. Seine Romane wurden in acht Sprachen übersetzt.

Zum Buch: 1874, Gabriel Camarasa, Sohn eines Zeitungsverlegers, ist mit seiner Familie nach Barcelona von London zurückgekehrt. Antoni Gaudí rettet ihn vor einer heranfahrenden Straßenbahn und die beiden ungleichen Studenten freunden sich an. Die erfolgreiche, moderne Zeitung der Camarasas ist nach der englischen Yellow-Press angelegt und Fiona, eine Freundin Gabriels, ist dort als Zeichnerin angestellt. Plötzlich steht Gabriels Vater unter Verdacht, einen Geschäftspartner erstochen zu haben. Die beiden Freunde versuchen, unter Mithilfe Fionas, herauszubekommen, wer der Mörder ist. Das Lokal »Die sieben Türen« und »Das Theater der Träume« führen sie zu einer Geheimgesellschaft.
Auf der einen Seite stehen revolutionäre Gruppen, auf der anderen bourgeoisen Royalisten, die den König wiedereinsetzen wollen. Gehört Gabriels Vater zu dem Bund der Royalisten und war sein Zweck, nach Barcelona zurückzukehren, gar nicht die Gründung der Zeitung?
Der Autor wird von der Presse mit Carlos Ruiz Záfon verglichen, was ich leider nicht nachvollziehen kann, dazu langt es nicht. Aber Daniel Sánchez Pardos versteht es, mit seiner Sprache und der Beschreibung des alten Barcelonas eine Atmosphäre für die Zeit zu errichten. Die dunkle Altstadt mit engen Gassen, prachtvolle Hauptstraßen, Märkte, Cafes, Restaurants, der Hafen, man sieht und riecht die Stadt in alter Manier. Fiona, mit dem fotografischen Gedächtnis, die an Tatorten genau zeichnet, fabriziert etwas völlig Neues. Das Unbehagen über die neue Art des »Klatschens« durch Abbildungen und des Voyeurismus der plakativen Zeitung werden gut dargestellt, aufkommende Technik beherrscht Paris. Trotz der Länge des Buchs hat Sánchez Pardos es für mich nicht geschafft, die Figuren fein zu zeichnen, sie bleiben oberflächlich und wabern durch den Plot, entwickeln sich nicht. An sich ist die Geschichte spannend, aber an einigen Stellen sehr plattgewalzt, eine Straffung hätte gutgetan, die Protagonisten langweilen ein wenig.

Um sich ein Bild der politischen Umwälzung zwischen einer nicht funktionierenden Republik hin zur royalen Regierung zu machen, taugt dieses Buch als historischer Krimi. Eine Zeit der Umwälzung durch die Moderne legt in der Luft. Allerdings ist der Roman nur etwas für geduldige Leser. Das Buch kann man gut lesen, aber man hat nichts verpasst, wenn man es nicht kennt.

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15 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

thriller, paris, marquis de sade

Fest der Finsternis

Ulf Torreck
E-Buch Text: 672 Seiten
Erschienen bei Heyne Verlag, 13.02.2017
ISBN 9783641190545
Genre: Sonstiges

Rezension:


»Der Mann hielt einen stumpfen Spiegel in der Hand und trug ein Damenkorsett über einem weißen Nachthemd. Er stand auf einer zwei Meter hohen Bühne. Die Frauen neben ihm hatten einen angemalten Bart und ihr wirres graues Haar unter einen verrosteten Gardistenhelm gestopft.«

1805, Polizeichef von Brest, Louis Marais, hierher strafversetzt, wird von Polizeiminister Joseph Fouché nach Paris zurückbeordert, wieder als Commissaire eingesetzt. Eine Frau wurde grausam ermordet. Der Polizeipathologe stellt fest, ihr Kopf wurde fachgerecht mit Spezialwerkzeug abgetrennt, was darauf schließen lässt, dass der Mörder ein Arzt oder ähnlichen Berufs sein muss. Die junge Frau hatte kurz vor ihrem Mord entbunden. In den geheimen Hinterlassenschaften des ehemaligen Polizeipathologen, der nun im Irrenhaus sitzt, finden sich Aufzeichnungen zu weiteren ähnlichen Morden, die aber der Polizei nicht bekannt sind. Was hat das zu bedeuten? Wer vertuscht was? Steckt ein Geheimbund hinter den Morden?

»Du brauchst ein Monster, um ein anderes Monster zu fangen.«

Und nun muss Marais auch noch mit einem verhassten Perversen zusammenarbeiten, der ihm als Berater zur Seite gestellt wird: Marquis de Sade, alt, fett, verbraucht. Der wiederum auch nicht gut auf den katholischen Louis Marais zu sprechen ist. De Sade ist der Meinung, die besten Informationen würde man in den eleganten Bordellen erhalten. Das ungleiche Team ermittelt mit Intelligenz und die beiden ergänzen sich hervorragend.

»Monsieur le Ministre benutzte offensichtlich Marais, um sich seines Erzfeindes Talleyrand zu entledigen. Doch Talleyrand war nach dem Kaiser der mächtigste Mann des Reiches.«

Marais und de Sade werden gesucht, müssen sich verstecken, sind scheinbar das Opfer einer politischen Intrige. Eine schützende Hand schwebt immer über ihnen, nur wem können sie trauen?

»Wir sind verloren, Marais! Isabelle de la Tour ist nur eine kleine, dumme Nutte. ... Jeder Polizeiagent in Paris sucht zweifellos inzwischen nach uns.«

Im Gegensatz zu »Sakrileg« wird hier glücklicherweise ein glaubwürdiger Plot entworfen. Der Autor ist Meister des Kopfkinos, Gerüche und Bilder tauchen auf, lassen das stinkende Paris erscheinen, die Pathologie, bunte Bordelle, gutes Essen. Der Zwiespalt zwischen moderner Wissenschaft, Aufklärung und im Gegensatz Feudalismus, Aberglaube, Glaube, Aufbruch in neue Zeiten der Moderne steht im krassen Gegensatz. Marais und der Aufklärer de Sade stehen im Gegensatz, wobei der gläubige und abergläubige Marais doch mit beiden Füßen auf der Erde steht und sich gern der Wissenschaft bedient.

Ich hatte Ulf Torreck bei dem Randomhouse Blogtalk auf der Buchmesse in Leipzig zugeteilt bekommen, ein nettes Gespräch übrigens. Er erzählte mir etwas über seinen historischen Krimi, zu dem er einige Jahre recherchiert hat. Und das hat er sauber umgesetzt. Das Paris der napoleonischen Zeit kommt gut herüber. Louis Marais und Marquis de Sade ermitteln im Team Stück für Stück die Zusammenhänge der Frauenmorde, ein typischer Krimi, der an manchen Stellen breit gezogen ist. Es kommen zwar eine Menge Leichen vor, aber es wird ordentlich medizinisch-kriminalistisch berichtet und nicht vom Täter blutig herumgeschnitzelt, was mir gut gefallen hat. Auf dem Buchdeckel hat der Verlag den Roman als Thriller betitelt. Das halte ich für einen Fehler, weil damit beim Käufer ein falscher Eindruck erweckt wird, der Krimileser eventuell abgeschreckt wird, der Thrillerleser enttäuscht. Es ist auch vom mystischen Gothic die Rede. Das kann man gerade noch durchgehen lassen. Ulf Torreck absolvierte nach dem Abbruch eines Jurastudiums eine Ausbildung zum Drehbuchautor und Script Doctor. Längere Auslandsaufenthalte in Frankreich, Irland, Großbritannien und Nepal animierten ihn zu seinen Büchern. Denn der Autor begann als Selfpublisher und brachte beim Pendragon Verlag mehrere Bücher unter dem Pseudonym David Gray heraus, ist sicher manchem Leser unter diesem Namen bekannt, auch wenn Ulf Torreck hier seinen Debütroman präsentiert.
Interessant an dieser Geschichte ist die Vermischung von Fiktion und Wahrheit. Viele handelnde Personen sind echt. Joseph Fouché war Polizeiminister und Charles-Maurice de Talleyrand-Perigord, ehemaliger Bischof von Autum, Mitglied der Nationalversammlung, setzte sich für die Verstaatlichung der Kirchengüter ein. Er ist einer der bekanntesten französischen Staatsmänner, Diplomat während der Französischen Revolution, der Napoleonischen Kriege und beim Wiener Kongress. Seine Feindschaft zu Fouché ist legendär. Donatien Alphonse François, Marquis de Sade verbrachte häppchenweise 29 Jahre in Kerkern und Irrenhäusern, zumeist ohne ordentliches Gerichtsurteil und selbstverständlich ohne Anerkenntnis seiner Schuld. Er führte einen ausschweifenden, ruinösen Lebenswandel, verprasste innerhalb kurzer Zeit sein gesamtes großes Erbe in Spielsalons und gab Unsummen für Mätressen aus. Gerichtsurteile auf Grund liederlichen Lebenswandels, abscheulichen Gottlosigkeit brachten ihn in den Kerker. Wegen seiner sadistischen, pornografischen Schriften wurde er immer wieder angeklagt, bekannt »Die 120 Tage Sodom« (umstrittene Verfilmung von Pier Paolo Pasolini).
Auch Polizeiinspektor Louis Marais gab es wirklich, ihm oblag die Aufgabe, das Liebesleben adligen Müßiggänger zu observieren, die sich gern »Libertins« nannten, was man je nach Blickwinkel, mit Freigeist oder Lüstling übersetzen konnte. Marais Dossiers waren bei Hofe, als Unterhaltungslektüre, sehr geschätzt, Marquis de Sade hatte er scharf im Visier. Insofern decken sich geschichtliche Daten und Gegebenheiten mit der fiktiven Geschichte und gibt beim Lesen das Gefühl, sich im alten Paris zu befinden. Es tauchen noch eine Menge bekannter Persönlichkeiten auf.

Am Ende des Romans werden alle Protagonisten zusammenfassend bis in die letzte Nebenfigur vorgestellt (Das alles hatte man bereits gelesen.). Dafür hätte ich mir lieber gewünscht, nur die historisch bekannten Personen kurz zu beschreiben, Geburtsdaten und kurzen echten Lebenslauf. Der historische Leser mag Fakten, lieber Heyne-Verlag.

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Leuchten

Thomas Kapielski
Flexibler Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 08.08.2016
ISBN 9783518127384
Genre: Romane

Rezension:


»›Die Restlichen setzen sich bitte nach hinten!‹ – ›Die Restlichen‹: eine variable, flexible Masse. – Wie viele gibt es davon? Zählen wir selbst (bisweilen) dazu? – ›Die Restlichen‹: ein tauglicher Titel auch für Romanciers, Essayisten, Philosophen und für alle Restlichen, die glücklicherweise wenig oder gar nicht schreiben.«


Aphorismen, Philosophisches, Satire, interpretierte Zitate, eine Ansammlung von Lebensweisheiten. Erzähl- und Notizwerk zum Nachdenken über Gedanken, Anekdoten in Mono- oder Dialogform. Die »Frimmels« haben mir besonders gut gefallen, Wagner im Gespräch mit Nietzsche, einfach herrlich. 


»›Wohin des Wegs, Du Mann des Feuers?‹ – Feuerwehrmann: ›Zum Ort des Brandes, Du Loch des Arsches!‹«


Den ungespitzten Bleistift rammt Thomas Kapielski aufs Papier, nichts und niemand ist vor dem Autor sicher. Dies ist eins der feinen Bücher, das auf dem Schreibtisch liegt, in dem man jeden Tag ein wenig blättert. Einmal lesen reicht nicht, auch nicht zweimal.


»›Vieles lege ich nach zwanzig Seiten weg – scheiß drauf! Mist! Das kann ein Schunkelbuch sein, wo alle dran mitschunkeln. Oder ich lese was mit Wonne, wo andere aufkreischen: Was? So was liest du?‹ – So ein ›Aufschnapp‹, ein in Gastwirtschaften erhaschtes oder sonstwo gepflücktes Wort also, von höchster Güte allein des ›Schunkelbuchs‹ wegen! Und das einer so liest und nicht (bzw. nicht nicht) anders! Alle Achtung! Alle Ehre! – Gleichwohl rätselhaft.«

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roman, stalker, neuerscheinung, buch, lukas bärfuss

Hagard

Lukas Bärfuss
E-Buch Text: 174 Seiten
Erschienen bei Wallstein Verlag, 21.02.2017
ISBN 9783835329546
Genre: Sonstiges

Rezension:

Der Anfang: »Seit viel zu langer Zeit versuche ich, Philips Geschichte zu verstehen. Ich will das Geheimnis lüften, das in ihr verborgen ist.«

Der Schweizer Dramatiker, Essayist und Romancier wurde für seine Werke mehrfach ausgezeichnet: Mülheimer Dramatikerpreis (2005), Anna-Seghers-Preis (2008), Mara-Cassens-Preis (2008), Schillerpreis der Schweizerischen Schillerstiftung (2009), Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis, Sonderpreis (2009), Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster (2010), Kulturpreis Berner Oberland (2011), Berliner Literaturpreis (2013), Solothurner Literaturpreis (2014), Thuner Kulturpreis (2014), Schweizer Buchpreis (2014), Nicolas-Born-Preis (2015), war in diesem Jahr für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.
Was ist Hagard? Das Wort kommt im Buch nicht vor. Lukas Bärfuss erklärt, Hagard sei ein Fachwort aus der Jägersprache. Gemeint sind wild gefangene Falken, die abgerichtet werden, aber sich nie ganz zähmen lassen. Und dieser Hagard ist für den Erzähler dieses Buchs der Protagonist Philip. Dieser angepasste Geschäftsmann wartet auf einen Kunden, der nicht erscheint. Um sich die Zeit zum nächsten Termin mit Belinda zu vertreiben, begibt sich der Immobilienhändler auf die Straße, sieht pflaumenblaue Ballerina, Beine, ist fasziniert und folgt dieser Frau ... Sie verschwindet in einem Laden, überreicht dem Angestellten einen Zettel, ein Pelz wird in eine Hülle gegeben, sie verlässt den Laden mit dem Pelzmantel über dem Arm. Wer mag die Frau sein?

»Der Anfang? Damit ist es so eine Sache. Niemand kann bestimmen, mit welchem Ereignis eine Geschichte beginnt. Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde, so heißt es – aber was hat er vorher getrieben?«

Was treibt er dort, fragt sich der Erzähler? Er stalkt an einem Zürcher Märznachmittag diese unbekannte Frau. Gut, denkt der Leser, er folgt einer unbekannten Frau, beantwortet keine SMS der Sekretärin, lässt Belinda unentschuldigt sitzen, fährt schwarz in der S-Bahn. So weit, so gut, er folgt einem inneren Trieb. Doch er folgt ihr bis nach Hause, lungert die ganze Nacht vor ihrem Haus herum, bestellt jemanden, der sein Auto aus der Garage holt, zu fährt. Setzt sich hinein, bestellt eine Pizza, beobachtet das Haus. Am nächten Tag muss er nach Gran Canaria fliegen, einer Gruppe Senioren Appartements verkaufen.

»Darauf war Philip nicht vorbereitet. Er hat den nächsten Schritt, nachdem man einen Schuh verloren hat, nie gelernt. Seine Zivilisation hat diesen Fall nicht vorgesehen.«

Aber was treibt er da? Er hat Hunger, Durst, doch er kann nicht von dieser Frau ohne Gesicht nicht loslassen, folgt ihr am nächsten Tag, fährt wieder schwarz, ohne Portemonnaie, der Akkustand des Handys tendiert gegen Ende, er verliert einen Schuh, klaut sich einen überdimensionalen Plüschhausschuh.

Wer stalkt wen? Philip die Frau oder der Leser über den Erzähler, der atemlos Philip verfolgt? Der Akku des Handys entleert sich, wie Philips Verstand, sein Bezug zur Wirklichkeit.
»Das Mädchen stand in einem Streifen Sonnenlicht, der durch die Äste fiel. Im Gegenlicht entzündeten sich ihre Haare, ein Strahlenkranz hob ihre Umrisse aus dem Dunkel, ein Schattenriss in einer Korona, eine betörende Komposition, ein Geschenk für jeden, der Augen dafür hatte.«

Der Akku ist leer, das öffentliche Telefon nimmt keine Münzen an, es ist auch egal, denn die Nummern befinden sich nicht im Kopf, auch hier ist der Akku leer. Die Geschichte von einem, der aus der Rolle fällt, schleichend, sich fallen lässt in die Verwahrlosung. Ein Mann, der sich hineingleiten lässt in seine innersten Gefühle, abgleitet heraus aus dem Alltag, gnadenlos, wohin ihn das auch führen mag. Er folgt seinen Urinstinkt, verlässt sich auf Geruchssinn und visuelle Reize. Die Gründe mag man ahnen. Belinda, man meint, sie sei seine Freundin, Frau, erfährt später, sie sei Tagesmutter von Philipps Kind und illegal im Land, trifft er nicht, informiert sie nicht. Kein Gedanke an das Kind. Gibt es eine Ehefrau? Irgendwann fragt sich der Leser, ob die Frau, deren Gesicht Philip nicht erkennen kann, existent ist. Oder ist sie schlicht die Metapher des Abgleitens ins Nichts? Fliegen und vergessen, Verantwortung abstreifen, verfallen dem Wahn.

»Blind gehen sie den Weg, zurechtgemacht für den Dienst. Kompakte Tornister, die Getränkeflaschen in den Seitentaschen, alle frisch, frisiert, feldtüchtig. Gestern war er einer wie sie, heute verachtet er die Menschen.«

Am Anfang vom Buch beobachtet Philip Jugendliche, »Sie wussten nicht, dass sie längst in der Falle saßen, längst geknechtet von den Kreditverträgen.« Der erste Hinweis, auf das was folgen wird. Diese Geschichte erinnert mich im Prinzip an wahre Zusammenbrüche. Ein beeindruckender Text, der im Zeitraffer die Ereignisse zusammenfasst. Ein Ende, das viele Gedanken zulässt. Wer ist der Erzähler, der diese Details kennt? Der andere Philip in seinem Körper oder die Frau ohne Gesicht?

»Ich weiß alles, und ich verstehe nichts.«

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146 Bibliotheken, 11 Leser, 0 Gruppen, 20 Rezensionen

thriller, überwachung, internet, manipulation, marc elsberg

ZERO - Sie wissen, was du tust

Marc Elsberg
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 17.10.2016
ISBN 9783734100932
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Zero – Sie wissen was du tust von Marc Elsberg

Hörbuch, gelesen von Steffen Groth

Klappentext: London. Bei einer Verfolgungsjagd wird ein Junge erschossen. Sein Tod führt die Journalistin Cynthia Bonsant zu der gefeierten Internetplattform Freemee. Diese sammelt und analysiert Daten – und verspricht dadurch ihren Millionen Nutzern ein besseres Leben und mehr Erfolg. Nur einer warnt vor Freemee und vor der Macht, die der Online-Newcomer einigen wenigen verleihen könnte: ZERO, der meistgesuchte Online-Aktivist der Welt. Als Cynthia anfängt, genauer zu recherchieren, wird sie selbst zur Gejagten. Doch in einer Welt voller Kameras, Datenbrillen und Smartphones gibt es kein Entkommen...

Gleich vorweg, ich halte diesen Thriller für großartig. Für mich ist Marc Elsberg der neue Michael Crichton. Das hat er mit seinen beiden Bücher „Blackout“ und „Zero“ bewiesen. „Zero“ sollte meiner Meinung nach Schullektüre werden. Zitat: „Datenkraken müssen zerschlagen werden.”

ActApps gibt es bei Freeme, einem sozialen Netzwerk. Fast alle Jugendlichen sind dort angemeldet und immer mehr Erwachsene. Die Apps helfen dir, dich besser zu präsentieren und achten auf deine Gesundheit. Mit Schrittzähler und Pulsmesser sagt dir die App, ob du noch ein wenig Sport treiben solltest, hilft dir dich perfekt zu kleiden, hilft dir bei den Hausaufgaben, unterstützt dich beim Lernen. Die Apps helfen dir ein Kochrezept für den Tag zu finden, schreiben deinen Einkaufszettel. Dabei achten sie auf die richtige Ernährung für dich und deine Bedürfnisse. Die Apps sagen dir in welche Bahn du steigen musst, erinnern dich auszusteigen und umzusteigen, erinnern dich an Termine und helfen dir die richtigen Worte beim Date zu finden. Wie konnte ich bloss ohne Freeme in meinem vorigen Leben existieren?


Und noch etwas, ich kann mit meinen Daten Geld verdienen! Freeme gibt mir Kohle, wenn ich meine Daten von den Apps freischalte und ein paar Hundert Fragen beantworte. Damit bin ich im sozialen Ranking und kann mich mit anderen vergleichen. Durch Freeme kann ich auch auf alle meine Daten in Firmen zugreifen, sehen, wie mein Score bei der Bank steht. Was wäre ich ohne Freeme!

Der Roman ist im Präsens gehalten. Der Leser steht mitten im Geschehen. Cynthia, die ältere Journalistin, nicht sehr technikaffin, muss sich für eine Recherche mit modernen Kommunikationsmittel befassen. Damit hat Elsberg den Charakter erschaffen, dem alles neu ist und der sich viel erklären lassen muss. Hierdurch erfährt der Leser, was passiert, wenn … Mancher Leser wird an diesen Stellen den Roman zu trocken und technisch empfinden, aber das Grundlagenwissen ist nötig.

Die Handlung ist utopisch. Doch halt! Ist sie das? Datenbrillen gibt es heute schon, soziale Netzwerke, Apps. Wir werden überall auf der Strasse von Kameras überwacht. Wir schreiben Mails und Messages, versenden und veröffentlichen Fotos, wir kaufen online, mit Karte und mit Payback, sichern unsere Daten in Wolken, lassen uns im Verkehr leiten. Wir benutzen Suchmaschinen, Apps für Wetter, Reise, Parken, Gesundheit, die neuen Kreditkarten wissen wo wir einkaufen und machen uns im Einkaufszentrum auf Angebote aufmerksam, da sie erkennen, ob wir Kunde sind. Im Supermarkt kann ich mir per Smartphone Angebote anzeigen lassen, wenn ich daran vorbeigehe oder Preise vergleichen. Ich kann Schrittzähler, Medikamentenerinnerung per Apps laden, mein Bookreader sendet dem Verkäufer Daten über meine Notizen, weiß, ob ich das Buch zu Ende gelesen habe. Das Elektrizitätswerk sammelt unsere Daten und die Vertreiber von TV, Musik und Filmen kennen unsere Vorlieben. Nun gut. Freeme gibt es nicht. Noch nicht.

„Daten sind das Gold der Zukunft“

Elsberg zeigt deutlich, wohin die Datensammelei führt, wie gläsern wir sind und wie verführbar. Welche Macht haben Datensammler über uns und wie versuchen sie uns zu beeinflussen? Freeme gibt es nicht in diesem Ausmass als Einzelfirma, aber ein Stück steht fast jeder von uns mit einem Bein mitten drin. Zero ist ein spannender Thriller, der uns die Kehrseite der modernen Vernetzung zeigt.

„Die Menschen lebten ganz gut ohne Privatsphäre, bis sie ein raffinierter Anwalt vor 100 Jahren erfand. – Er erfand sie nicht, sie wurde bloß damals in die Gesetze aufgenommen. Gesetze kommen und gehen, die Privatsphäre wohl auch.“

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136 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 52 Rezensionen

thriller, entführung, gedächtnisverlust, janet clark, london

Black Memory

Janet Clark
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Heyne, 12.12.2016
ISBN 9783453418332
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


»Meine Kehle ist trocken, der salzige Geschmack in meinem Mund unerträglich, die Lippen fühlen sich wie ausgedörrt und rissig an wie verbrannter Lehmboden. Instinktiv benetze ich sie mit der Zunge. Noch mehr Salz.«

Selten halte ich ein Buch in den Händen, das mich alles um mich herum vergessen lässt, bis ich auf der letzen Seite angekommen bin. Dieser Thriller ist ein echter Pageturner!

Clare erwacht auf einem Boot, kann sich nicht erinnern, was geschehen ist, weiß nicht einmal ihren Namen. Sie befindet sich in einem Land, das sie Asien zuordnet. Gab es ein Schiffsunglück? Ist sie von dem Mann aus dem Wasser gezogen worden, der das Boot steuert? Auf jeden Fall scheint er sie gerettet zu haben. Die Hilfe dauert nicht lange an, Claire landet in einer Gefängniszelle. Man wirft ihr vor, ein Kind entführt zu haben. Was ist geschehen? Es dauert nicht lange und ein Mann taucht auf, der ihre Sprache spricht, nimmt sie mit. Ein zweiter Mann kommt dazu, Paul, er be-hauptet, er wäre ihr Ehemann. Sie fliegen nach London. Clare erfährt, sie sei mit der gemeinsamen Tochter Bonnie zu einem Ferienaufenthalt im Inland abgereist, dort aber nie angekommen, Bonnie bleibt verschwunden. Alles erscheint Claire fremd: die Kleidung im Schrank, das ganze luxuriöse Appartement, ihr Arbeitszimmer. Claire ist Ärztin und Osteopathin, die sich auf Kinder spezialisiert hat, ihr Mann arbeitet als Schönheitschirurg. Beunruhigend erscheint es Clair, dass ihr Mann sie von der Außenwelt abschirmt.

»Warum will Paul nicht, dass ich Besuch bekomme? Die Frage lässt mich nicht mehr los.«

Angela, eine Frau, die sich als Freundin vorstellt, warnt Claire vor Paul, der eine Beziehung mit einer Moira haben soll, sie warnt vor dem Therapeuten, für den die Anwältin Moira einen Hypnosetermin besorgt hat. Angela will sie selbst behandeln. Und Paul wiederum warnt vor Angela, fragt, ob sie sich nicht an das Zerwürfnis erinnern kann. Claire kann sich an gar nichts erinnern, ist verunsichert, fragt sich, wem sie trauen kann. Glücklicherweise weiß der sympathische Portier Raphael Rat, ihm fällt eine gute Therapeutin in Florenz ein und er kann Clare durch Beziehungen einen Termin besorgen. Ohne Paul zu sagen, wohin sie verreist, begibt sie sich in Hände der renommierten Wissenschaftlerin aus Italien. Claire will ihr Gedächtnis zurückerhalten ...

Janet Clark lässt uns aus der Ich-Perspektive hautnah miterleben, welche Gefühlswal-lungen Claire durchlebt, Stück für Stück erfährt sie mehr über sich, über ihre Tochter Bonnie, die eine Inselbegabung hat: Sie kann die Traumata anderer Menschen fühlen, zeichnet diese auf Papier. Neben dem spannenden Plot befasst sich der Thriller mit epigenetischen Mechanismen, der Weitervererbung von Umwelteinflüssen, Stress und Traumata, einer Forschung, mit der sich Claire beschäftigte. Sie glaubt, dass Erinnerungen in der Zelle gespeichert werden, nicht ausschließlich im Gehirn. Hat Bonnie Begabung oder die Ergebnisse der eigenen Arbeit etwas mit der Entführung des Kin-des zu tun? Warum hielt sich Claire in Asien auf und wo ist Bonnie? Warum sind Claire so viele Menschen behilflich, interessieren sich für sie? Wem kann sie trauen? Ist Paul auf ihrer Seite und ist Angela ihre Freundin? Puzzleteil für Puzzleteil fügt sich alles zusammen. Oder auch nicht? Was ist wahr, was ist Lüge?

Zum Inhalt möchte ich nicht mehr verraten, vielleicht noch, dass sich die Spannung Seite für Seite hochhält, bis zu einem Feuerwerk auf den letzten Metern. Sprachlich fein dosiert, Charaktere gut gezeichnet, versetzt sich der Leser in die Sicht von Claire, erfährt mit ihr zusammen, staunend und bisweilen verwirrt, misstrauisch, welche Informationen zu Tage kommen. Ein spannender, intelligenter Plot entsteht durch den Gedächtnisverlust der Hauptprotagonistin. Janet Clark jagt Claire durch einen Irrgarten und narrt somit nicht den Leser, sondern die eigene Hauptfigur. Deutsche Auto-rinnen können niveauvolle Thriller, Pageturner schreiben. 

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226 Bibliotheken, 7 Leser, 1 Gruppe, 121 Rezensionen

schweden, krimi, fabian risk, dänemark, mord

Minus 18 Grad

Stefan Ahnhem , Katrin Frey
Flexibler Einband: 560 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 02.01.2017
ISBN 9783471351246
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Kommissar Fabian Risk und sein Team stehen vor einem Rätsel. Zunächst sieht alles nach einem Verkehrsunfall aus. Ein Mann stürzt mit dem Auto vor Zeugen die Klip-pen hinunter. Die volltrunkene Chefin der Mordkommission von Helsingborg, Astrid Tuvesso, hatte den Wagen verfolgt. Der Fahrer ist allerdings tiefgefroren, laut Aussage der Rechtsmedizin bereits seit Wochen tot. Wer ist gefahren? Die Nachforschungen ergeben, dass der Tote jedoch kurz vor dem Unfall mehrfach gesehen wurde, Bankgeschäfte tätigte. Er hatte sein gesamtes Vermögen aufgelöst, nach Panama transferiert. Die Ermittler tippen auf Identitätsdiebstahl und finden heraus, dass der Tote ein paar Monate vorher einen neuen Führerschein beantragt hatte und die Bank wechselte. Nun beginnen sie zu forschen, fragen die Führerscheinstelle ab, vergleichen neu beantragte Führerscheine mit Namen von alleinstehenden Millionären. Eine Mordserie scheint sich aufzutun. Allerdings stiehlt der Täter nicht nur die Identität, er ist auch in der Lage, sich optisch in sein Opfer zu verwandeln. Die Leichen werden in einer Tiefkühltruhe eingefroren und der Täter verkauft in Ruhe alle Vermögenswerte, ver-schiebt die Gewinne. Wer steht als Nächstes auf der Liste? Können Risk und sein Team weitere Morde verhindern?

Parallel ermittelt in Dänemark die strafversetzte Polizistin Dunja Hougaard in mehre-ren Fällen von »Happy Slapping«, bei dem Menschen auf öffentlicher Straße von einer Gruppe Jugendlicher misshandelt werden, die Smiley-Masken tragen. Einer von ihnen filmt das Slapping, stellt es ins Netz. Die Slapper werden von Mal zu Mal brutaler.

Identitätsdiebstahl, kein neues Thema, aber immer wieder zieht dem Leser eine Gän-sehaut über den Rücken, wie einfach das zu managen ist. Neu ist hier, dass der Täter nicht elektronisch agiert, sondern per Maske völlig die Identität seines Opfers über-nimmt.

Ein typischer Schwedenkrimi, düster, brutal, Ermittler mit einem Haufen von Problemen überzogen, versoffene Polizisten, kaputte Familien.

Junge Leute ergötzen sich daran, Schwächere niederzuprügeln und sogar im späteren Verlauf zu töten. Sie ziehen ihren Kick daraus, das Ganze zu filmen und auf die Likes zu warten. Nicht explizit ausgedacht vom Autor, sondern heute real im Netz anzuschauen. Warum sehen sich andere Menschen sich das an, fragen sich die Leser? Warum liest du Schwedenkrimis?, könnte man zurückfragen. Eine Verrohung der Gesellschaft? 18 Grad Minus haben hier nicht nur die Leichen in der Tiefkühltruhe, der ganze Plot ist durch Handlung und die kaputten Protagonisten kalt durchsetzt. Beide Stränge haben eigentlich nicht viel miteinander zu tun, sind durch die Protagonisten am Ende verwoben.

Die Geschichte ist durchgängig spannend und die Cliffhanger sind gekonnt gesetzt. Soweit ist der Thriller klasse gesetzt. Die Geschichte hat mich am Ende nicht ganz überzeugt. Der Antagonist des Identitätsdiebstahls selbst (na klar doch ...) ist ein Opfer ..., das drumherum ist doch arg klischeehaft. Die Masse der Opfer, die Schnelligkeit, deren Rolle zu übernehmen, wirkt aufgesetzt. Die anfangs feine Vorbereitung, völlig akribisch sich dem Opfer anzugleichen, seine Stimme zu trainieren, Vorlieben, Hobbys, die Optik, ist zum Ende des Buchs für mich nicht mehr glaubhaft in der Dimension. Die persönliche Geschichte des Antagonisten ist für mich unglaubwürdig und abgelutscht (ich will nicht spoilern). Ich frage mich auch, warum die beiden Erzählstränge in das Buch hineinmussten? War eine Grausamkeit nicht genug, die sich steigert? Sie sind auch nur eine private Verflechtung einer Familie der Protagonisten. Jeder Polizist ist kaputt, die Familien sind samt Kinder desolat, fast jeder ist persönlich involviert, die Masse an Komplikationen, privater Probleme, eingestrickt in die Verbrechen, geben dem Gesamtkonzept dann das Minus. Was gut angefangen hat, endete für mich im Keller der Abstrusitäten, auch wenn die einzelnen Figuren charakterlich gut gezeichnet sind. Schade. Schwedenkrimi, mal wieder reingeschnuppert und für mich festgestellt, nicht meins: Zu duster, zu brutal, viel zu kaputte Typen auf einen Haufen. Schwedenkrimifans werden den Thriller mögen.

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16 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

hardboiled, krimi, dave robicheaux, mord, new orleans

Neonregen

James Lee Burke , Hans H. Harbort
Flexibler Einband
Erschienen bei Pendragon, 06.07.2016
ISBN 9783865325488
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

»Der Grund war einfach der, dass ich trinken wollte. Und es ging nicht etwa darum, sanft wieder darin zu versinken, lässige Manhattans in einer vornehmen Bar mit Mahagonitäfelung und Messingläufen, rot gepolsterten Ledernischen und langen Reihen blank geputzter Gläser vor einem endlos langen Spiegel zu trinken. Mich verlangte nach einer richtigen Dröhnung. Jack Daniel’s mit Fassbier, Wodka auf Eis, Jim Beam pur mit einem Glas Wasser dazu, scharfer Tequila, der einem den Atem raubt und den Schweiß aus allen Poren treibt. ... Nach vier Jahren der Abstinenz wollte ich mal wieder meinen Kopf mit Spinnen und Würmern und Schlangen füllen, die sich an dem Teil von mir mästeteten, gegen den ich jeden Tag auf’s Neue ankämpfte.«


Schon das Vorwort begeistert. James Lee Burke hatte mit seinen drei ersten Romanen Erfolg. Doch dann schlitterte er auf ein tiefes Loch zu. 13 Jahre lang konnte er mit keinem Buch landen. Sein vierter Roman »The Lost Get-Back Boogie« wurde von 111 Verlagen abgelehnt, wurde viel später von einem Verlag aufgenommen und für den Pulitzer Preis nominiert. Aber eben nach 13 Jahren Durststrecke empfahl ein Freund James Lee Burke, er solle einen Krimi schreiben, er besäße das Zeug dazu und man bekäme nach Vorlage der ersten Kapitel einen Vorschuss. Burke probierte es sofort mit zwei Kapiteln ... der Beginn der Dave Robicheaux-Krimi-Serie. Das Buch wurde verfilmt mit Tommy Lee Jones in der Hauptrolle (»In The Electric Mist«). Mittlerweile umfasst die Reihe zwanzig Romane. Dieser Krim ist von 1987, neu herausgegeben vom Pendragon Verlag, der die Bände 1, 2, 7 und 16 neu auflegte.

Ein Klassiker der US-Krimis aus dem Süden, aus Louisiana. Dave Robicheaux, Leutnant im ersten Revier des New Orleans Police Department, wird zu einem Ganoven ins Gefängnis gerufen, der zum Tode verurteilt wurde und nur noch ein paar Stunden zu leben hat. Er mag Robicheaux, will reinen Tisch machen. Darum erklärt er ihm, was man sich im Knast erzählt, wer dahintersteckt, konnte er nicht herausfinden: Ein Killer wurde angeheuert um Robicheaux platt zu machen.

Hatte er seine Nase zu tief in einen Fall aus einem anderen Bezirk gesteckt, der ihn eigentlich gar nichts anging, wegen einer toten Nutte, die er vor zwei Wochen beim Angeln gefunden hatte? Aus der Ich-Perspektive lernen wir Dave kennen, ein aufrechter Bulle, der den Slum um sich sieht, Korruption, Gewalt. Dave mischt sich nie ein, soweit ihn die Sache nichts angeht. Dave, der verliebt ist, den die Teufel in seinem Kopf verfolgen, Erinnerungen an Vietnam, der Schnaps, der nach dem trockenen Alkoholiker ruft.
In diesem Fall fühlt er sich persönlich betroffen, es ist nicht irgendeine dreckige Nutte, es ist eine junge Frau, die Tochter von trauernden Eltern und irgendjemand hat etwas zu vertuschen, warum? Was wusste sie? Niemand nimmt die Drohung gegen Dave ernst, doch das ist ein Fehler.

»Ich konnte die Erinnerung an jene zehn Sekunden nicht verdrängen zwischen dem Augenblick, da der Torwächter seine Automatik aus der Seitentür gezogen hatte, und dem anderen, als die .45er in meiner Hand losging und Seguras Kopf im Inneren des Wagens zerplatzte. Ich war überzeugt, dass Segura im Gegensatz zu den meisten bedauernswerten Typen, mit denen wir es sonst zu tun hatten, ein wirklich abgrundtief böser Mensch gewesen war, aber jeder, der schon mal auf einen anderen geschossen hat, kennt das schreckliche, vom Adrenalin aufgeputschte Gefühl der Allmacht und Arroganz, das einen in solchen Augenblicken überkommt, und die heimliche Freude, mit der man auf die Gelegenheit reagiert, die sich einem da plötzlich bietet. Ich hatte es in Vietnam erlebt, und auch als Polizist war ich schon zweimal in einer solchen Situation gewesen, und ich war mir der Tatsache bewusst, dass das wilde, affenartige Wesen, von dem wir alle abstammen, in meinem Innern überaus lebendig war.«

Dave Robicheaux ist ein guter Ermittler, einer, der nicht nur sachlich an die Sache herangeht, sondern auch sein Bauchgefühl springen lässt. Er kennt sich aus in seinem Barrio, in seinem Milieu, weiss wie manche Dinge zusammenhängen. Und genau das kann Burke gut beschreiben. Brutale Cops und brutale Gangster, die aufeinanderkrachen, korrupte Cops. Fitzpatrick spricht Dave an, der Mann von der CIA, benötigt Informationen. Er hält Robicheaux für sauber.

»›Also seid ihr von der CIA?‹ - ›Sind Sie wirklich so dumm zu glauben, dass die Regierungsmacht von einer einheitlichen Gruppe von Leuten ausgeübt wird? So wie die Jungs von der Forstbehörde mit ihrem Smokey-Bear-Anzügen?‹«.

Drogenbosse aus Mittel- und Südamerika scheinen gemeinsame Sache mit US-amerikanischen Behörden zu machen, was ist los? Wohin werden für wen Waffen verschoben? Für Fitzpatrick und Robicheaux wird es brenzlig. Wer spielt hier mit wem und wo gibt es undichte Stellen unter den eigenen Kollegen?

»Die finsteren Gedanken, denen ich nachhing, beunruhigten mich. Meine Erfahrung als langjähriger Alkoholiker hatte mich gelehrt, meinem Unterbewusstsein nicht zu trauen, da es mich auf raffinierte Weise immer wieder in Situationen gebracht hatte, die für mich, für die Menschen um mich oder für alle Betroffenen oft genug katastrophale Folgen gehabt hatten.«

Die Gewaltbereitschaft auf der einen Seite wie auf der anderen ist erschreckend. Robicheaux selbst, ein empathischer Mann, mit einem Herzen für die einfachen Menschen ist nicht minder zimperlich. Bedrückend ist auch die Selbstgerechtigkeit der Obrigkeit, die die Ordnung aufrecht erhalten soll, gleichzeitig sie im wahrsten Sinn zerschlägt. Die innere Zerrissenheit Robicheaux tritt zu Tage, unverarbeitete Traumata aus Vietnam, Flashbacks, Alkohol, Selbstmitleid. Er lebt auf einem Hausboot auf dem Lake Pontchartrain, auch wundervolle Landschaftsbeschreibungen fließen in den Roman ein. Dave Robicheaux ist ein Mensch, kein Supermann. Genau das macht diesen Roman für mich aus, er schafft Atmosphäre für Louisiana, man sieht die Landschaft, spürt die Hitze, die hohe Luftfeuchtigkeit, fühlt, wie die Menschen ticken, Schwarze, Weiße, Angloamerikaner, Shrimps und Austern mit scharfer Soße zu schmutzigem Reis, auf Sandwiches. Ein gesellschaftskritischer Krimi, unterschwellig politisch. Mehr geht nicht.

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33 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 20 Rezensionen

sizilien, krimi, archäologie, mozia, luca santangelo ermittelt

Sizilianische Rache

Ann Baiano
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 15.08.2016
ISBN 9783442205134
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

»Unsicher schlug der kleine, dickliche Commissario auf den nicht sonderlich sauberen Schreibtisch: Da klebten Zigarettenasche und braune Tabakkrümel, obwohl auf dem Kommissariat natürlich nicht geraucht werden durfte, und auf dem hellen Holz waren überall bräunliche Ringe zu erkennen, wo der Commissario zahllose Espressotassen abgestellt hatte.«

Giulia und Diego, ein junges Studentenpaar, eine romantische Nacht auf einer Insel in lauer Sommernacht, so war es angedacht. Die Archäologiestudentin Giulia arbeitet auf einer Ausgrabungsstelle auf der Privatinsel Mozia, weiß, dass niemand sich nachts dort aufhält. Mit dem Boot angekommen, prescht Giulia los, Richtung Museum und Diego verirrt sich in Dunkelheit und Nebel, stößt auf eine merkwürdige alte Frau, danach auf den leblosen Giacomo, den er versucht, mit einer Erste-Hilfe-Maßnahme zu retten, er ist verletzt. Doch Giacomo, ein heißer Verehrer von Giulia, ist tot. Giulia sieht schemenhaft drei Männer im Dunkeln, sucht nach Diego, findet ihn über den Toten gebeugt und beschuldigt im Verlauf ihren Freund, den Konkurrenten aus Eifersucht getötet zu haben. Im Museum der Insel wurde eingebrochen und eine wertvolle Statue, der »Jüngling von Mozia«, wurde geraubt. Eine Katastrophe, denn die Figur sollte am nächsten Tag einer Ausstellung in Rom zugeführt werden.

Luca, ein Journalist, der Vater von Diego, nimmt zusammen mit seiner Freundin Ada und dem befreundeten Fotografen Silvio die Ermittlungen auf, will seinen Sohn entlasten. Bald haben sie das Gefühl, dass Diego tief in der Patsche sitzt, denn die Anschuldigungen gegen ihn verdichten sich, sollen womöglich vom Diebstahl der Figur ablenken. Ist diese Figur überhaupt echt? Versucht man, mit der Mordanschuldigung, eine Kunstfälschung zu vertuschen, von dem Diebstahl abzulenken?

Gleichzeitig wird in Rückblenden die Geschichte der englisch-sizilianischen Familie der Philipsons erzählt, die einen Palazzo und eine Thunfischfabrik in Marsala besitzen. Hier geht es um die traditionelle Thunfischfischerei, die legendäre Mattanza, bei der jährlich große Schwärme in die Enge getrieben wurden, bestialisch abgeschlachtet. Der jeweilige Rais führte in alten Zeiten die Fischer an.
Für mich waren diese geschichtlichen Rückblenden der stärkste Teil des Buches. Und ganz ehrlich, ich könnte mir einen historischen Roman um diesen Stoff wesentlich spannender vorstellen. Beide Plots laufen nebeneinander her, haben nichts miteinander zu tun, werden erst am Ende verwoben, ein Umstand, der den Leser ständig aus der einen oder anderen Story herauskippt. Insgesamt bekommt man einen guten Eindruck des sizilianischen Flairs, was mir gut gefallen hat, eine Stärke der Autorin. Aber, am Anfang war ich geneigt, das Buch nicht zu Ende zu lesen. Die Sätze holperten wie auf einem Waschbrett dahin, Ausdruck, Stilistik, Grammatik. Einigen Verben fehlte ein e als letzter Buchstabe, alle Frauen werden vorgestellt mit: »Ihre Haare waren tiefschwarz glänzend«, und man wird mit unzähligen Adjektiven behämmert. Der Leser weiß z.B., dass Kaffee und Tabak braun sind, fühlt sich dauernd belehrt.

»Luca sah ihm nach, wie er mit langen, entschiedenen Schritten über die menschenleere Piazza zu Delia Leoni ging, die an einer Hauswand lehnte. Ein paar Katzen balgten sich in der Sonne und stießen hohe, spitze Schreie aus. Vor der Bar saßen uralte Männer mit runzligen Gesichtern auf klapprigen Plastikstühlen ...«

Beschreibungen und Regieanweisungen ersetzen anfänglich das Profil der Protagonisten. Letztendlich hat mich die Geschichte der Thunfischjagd an der Stange gehalten. Die sprachliche Ausdruckskraft verbessert sich im Verlauf, die Protagonisten gewinnen an Profil. Zusammenfassend schleicht die Geschichte ohne Spannungsbogen auf einer Nulllinie dahin. Wer sizilianisches Flair mag, sich für die Mattanza interessiert, der ist gut aufgehoben. Wer einen spannenden Krimi sucht, wird enttäuscht sein.

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(66)

107 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 62 Rezensionen

thriller, cruelty, cia, scott bergstrom, agenten

Cruelty

Scott Bergstrom , Christiane Steen
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 17.02.2017
ISBN 9783499272660
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der Anfang: »Die Jungen warten jetzt gespannt auf die Hinrichtung. Sie sitzen ganz verzückt da, gierig wie die Schakale, und warten darauf, dass das Beil fällt.«

Das Buch ist flott gelesen, du wunderst dich, ganz schnell die Hälfte durchgelesen zu haben. Der Plot bietet allerdings nichts, was man schon zigmal gelesen hat., passt auf einen Kinderfahrschein. Gwendolyn Blooms Mutter ist seit 10 Jahren verstorben. Als Diplomatenkind ist Gwen häufig umgezogen, hat in Moskau, Paris usw. gelebt, spricht fließend Französisch, Russisch, Arabisch, Englisch und ein wenig Deutsch. Derzeit leben die beiden wohnen in New York. Gwen wird in der Schule gemobbt, wehrt sich nicht, hat im Allgemeinen Probleme mit dem Selbstbewusstsein und nimmt häufig Psychopharmaka gegen Depressionen. Der Vater muss für drei Tage beruflich nach Paris reisen, wie so häufig. Doch diesmal kommt er nicht zurück, er ist in Paris verschwunden. Das CIA steht vor der Tür und Gwen erfährt, der Vater hat keinen Bürojob, wie er ihr vorgaukelte, er arbeitet für den CIA. Die Wohnung wird auf den Kopf gestellt. Irgendetwas suchen die Agenten. Gwens Tante aus Texas kommt, will das Mädchen mitnehmen, das noch nicht volljährig ist. Wie alt sie ist, erfährt man erst am Ende, man weiß lediglich, ihr Schulexamen steht bevor. Gwen entschließt sich, auf eigene Faust nach Paris zu fliegen, den Vater zu suchen. Ein Freund des Vaters, der früher beim Mossad gearbeitet hat, ist behilflich, vermittelt ihr eine Kontaktfrau. Wir erfahren die Geschichte aus Gwens Ich-Perspektive. Bis zur Mitte des Romans dachte ich, nach einem Jugendroman gegriffen zu haben. Doch dann gab das Buch eine Wende, die ich anfänglich nachvollziehen konnte, zum Ende allerdings nur noch mit dem Kopf schütteln konnte. Das Buch ist spannend, temporeich, es liest sich gut, aber man darf nicht darüber nachdenken ... Mir ging es so, dass der Denkprozess erst am Ende einsetzte und im Nachgang. Und dann blieb für mich nichts mehr übrig von dem Buch, als Absurdität und eine billige, klischeehafte Geschichte, tausendmal bereits erzählt. Für meinen Geschmack hat sie das Rätsel um die Aufzeichnungen ihres Vaters zu schnell gelöst, aber nun ja, dachte ich. In Paris wird sie von einer ehemaligen Mossad-Agentin aufgenommen und trainiert. Das fand ich interessant, denn sie lernt den Straßenkampf, lernt, mit weiblichen Methoden zu punkten. Sie schlägt sich nicht mit irgendwelchen Kampfattacken, sondern bedient sich Dreh- und Hebebwirkung, Gelenke drehen, Finger drehen, auf bestimmte Punkte treten, den Hals angreifen. Wer ein wenig Kampfsport gemacht hat, weiß, so kann man Ungeübte flachlegen, Finger und Arme brechen. Bis hierhin hat mir das Buch gefallen. Allerdings empfand ich die Auferstehung der depressiven, schwächelnden Gwyn zum Kampfsporttiger etwas schnell, zu unwahrscheinlich.

»Irgendwas Komisches geht in meinem Bauch und meinem Kopf vor, all der Schrecken, den ich von dem Moment an erlebt habe, ich herausfand, dass mein Dad gekidnappt worden ist - tut was? Verändert sich?«

Alles was jetzt kommt ist energiegeladen, schnell, spannend, aber psychologischer Humbug, triviale Klischees, ein nicht glaubhaftes Geschehen. Gwyn fährt von Paris weiter in andere Städte Europas, und findet, oh welcher Dusel, oh, welcher Zufall ... immer gleich die richtigen Hinweise und die richtigen Personen. Sie verkloppt reihenweise schwergewichtige Muskelpakete, weil diese Zuhälter und Gangster auch so fürchterlich kampfunerfahren sind ... och nö. Und was sie zum Ende vollbringt, ist einfach nur noch eine Lachnummer, erinnert an einen Alien, nicht an einen Menschen. Der Autor hätte sich besser durch einen Psychologen beraten lassen sollen. Was als Jugendbuch anfängt, endet als Massaker. Ich weiß nicht genau, für welche Zielgruppe das Buch geschrieben ist. Jugendlichen sollte man es nicht in die Hand geben, für den Actionfan ist der Anfang zu seicht. Die sympathische Gwyn mutiert zum Monster, unglaubwürdig, unsympathisch, gaga Superfrau. Lieber Herr Bergstrom, im letzten Drittel haben sie die Story voll verbockt!

»Ich bleibe einen Augenblick auf dem Boden liegen und fokussiere mich auf das Blut. ›Ich bin hart genug‹, sage ich. ›Hart genug wofür?‹ ›für das, was zu tun nötig ist.‹«

In der Verlagsankündigung las ich von korrupten Machenschaften aus Waffenschmuggel, Dogenmafia, Menschenhandel, Mord, Raub, Verschwörung und Auftragsmorde. Ja, das kommt am Ende auch mal vor. Das organisiertes Verbrechen, »Mafia«, betreibt Menschenhandel mit Frauen und Waffengeschäfte, Informationen, die ich ohne dieses Buch nie bekommen hätte? Die Figuren ist so was von klischeehaft, dass ich am Ende nur noch schmunzeln konnte. Und Gwen? Eine Figur, bei der der Anfang nicht zum Ende passt. Der Polt insgesamt völlig unglaubwürdig, mit einer Heldin, die Flügel und Fäuste bekommt, der alles gelingt, allein oder mit daherfliegenden Helferlein, die ihr gerade im passenden Moment über den Weg laufen. Kein Stein, nicht mal ein Stöckchen liegt Gwen im Weg. Nachgedacht oder Krach-Bum-Zack- Problem gelöst oder eliminiert.

Das Buch ist spannend, eine nette Unterhaltung. Wer gern Supermann liest und auf geladene Action steht, dabei nicht nachdenken mag, für den ist dieses Buch genau das richtige Lesefutter. Zack- bum - krach - knack. Zumindest haben wir hier eine weibliche Heldin, die zackig und ohne Gewissen erkämpft, was sie haben will. Als Bond*ine verfilmt könnte es ganz nett werden mit Special Effekts ...




+++++ Spoiler +++++ +++++ Spoiler +++++ +++++ Spoiler +++++
Nicht lesen, wenn du das Buch lesen willst!!!




Am Anfang bricht Gwen in ein Lagerhaus ein, ihr kluger Freund löst schwer knackbare Cods ... na ja, dachte ich, hoffentlich geht es nicht so einfach weiter für Gwen. Aber es wurde immer absurder ...

Die ganzen Kerle, die Gwen verhaut, Geheimagenten, Zuhälter und Gangster, sind alle nicht im Kampf ausgebildet? Lassen sich von einem Mädel verhauen?

Am Ende des Buchs kommt heraus, Gwen ist in der Zeit auf der Suche nach dem Vater volljährig geworden. Der Zeitabschnitt wird über den Daumen gerechnet drei bis maximal fünf Monate gedauert haben. Und das Jugendamt entscheidet, die Gwen unbekannte Tante darf das Mädchen, fast volljährig, kurz vor der Prüfung stehend, mit nach Texas nehmen? Das, obwohl im gleichen Haus ein Ehepaar wohnt, das Gwen aufnehmen würde, gute Freunde. Gwen wird erst gar nicht gefragt. Das ist unvorstellbar. Die Verwandlung von der ängstlichen Jugendlichen Gwen in eine stahlharte Kämpferin, die absolut keine Gewissensbisse kennt, ist auf keinen Fall psychologisch stimmig. Und was sie zum Ende abzieht ... sperrt 6 Typen in einen LKW und jagt sie mit einer Panzerfaust in die Luft, kurz danach vergiftet sie einen Trupp Millionäre mit einem Shot ... Ich dachte, ich spinne, als ich das las. Sie geht drüber wie ein Waldschrat über eine Distel, völlig gefühlskalt?

Die Gangster legen alles um, was ihnen vor die Füße kommt, aber den Vater von Gwen sperren sie ein? Warum erschließt sich bis zum Ende nicht ernsthaft. Er kannte Kontonummern. Gut, aber die hätten die Gangster aus ihm herausgepresst ... Sie hätten ihn auch an die Amerikaner verkaufen können, alles nicht logisch. Gwen schießt im Industriegelände auf dem Firmengelände der Firma den LKW mit Insassen in die Luft. Das hört niemand und den Rauch bemerkt niemand? Bis zum Abend haben die Gangster nicht mitbekommen, was dort ablief, keine Kommunikation dorthin, wo doch die Waffenlieferung angekommen war? Das Ende erscheint mir zusammengezimmert, was nicht zusammenpasst, eine Unlogik folgt der nächsten. Und dann die Vergiftungsaktion, hurra! Da schlägt man an Ende nur noch die Hände über dem Kopf zusammen. Und dann taucht die bekannte Dame vom Mossat auf ... Was hat die mit der ganzen Sache zu tun? 

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Nach mir die Nacht

Benjamin Whitmer , Len Wanner
Flexibler Einband: 308 Seiten
Erschienen bei Polar Verlag, 01.07.2016
ISBN 9783945133378
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der erste Satz: »Als Patterson Wells durch die Haustür tritt, ist Chase gerade mit einem Haufen Crystal Meth beschäftigt, einem Haufen so groß wie sein eingefallener Schädel.«

Patterson Wells arbeitet als »Sturmbeseitiger«, schafft in 16-Stundenschichten das fort, was die Natur hinterlassen hat, ein harter Job. Hier kann er vergessen, seinen Schmerz stillen. Sein Sohn ist verstorben, ein medizinischer Fehler. Ist die Hurrikan-Zeit vorbei, fährt er nach Colorado, zu seiner Holzhütte im San Luis Valley in der Nähe von Denver, gern fährt er auch in die Mesas. Er betäubt seinen Schmerz mit Alkohol und Drogen. Männer, die sich mit Drogen zupumpen, ausflippen, ihre Verdrängung von Frust und Wut in Gewalt umsetzen, einsame Gegenden, Abgehängte, die dort wohnen, wo die Umweltbehörde normalerweise das Gebiet räumen müsste, da die Verseuchung die Gesundheit gefährdet.

Das Buch wird als Kriminalroman in den Handel gebracht. Das ist es auf keinen Fall. Es gibt Tote. Doch es schert sich kein Ermittler darum. »Nach mir die Nacht« ist für mich ein klassischer Gesellschaftsroman. Patterson rettet Chase Frau, davor, von Chase umgebracht zu werden. Sie macht sich von dannen, in der Tasche das Crystal Meth, eine ziemlich große Menge. Chase, ziemlich lädiert zurückgelassen, glaubt, Patterson hätte ihm die Frau und die Drogen gestohlen, ist auf der Jagd nach ihm. Patterson interessierte aber weder das eine noch das andere.

»Junior lebt im heruntergekommenen Wohngebiet Elyria-Swansea, eingepfercht zwischen den vielen Schrottplätzen, Autowerkstätten und abgetakelten Kneipen im Nordosten Denvers. Was die Gegend besonders auszeichnet, sind die sogenannten Superfund Sites, die in einem Umkreis von zwei Meilen liegen. Sechs Gebiete, die nach US-Umweltschutzrecht als verseucht gelten ...«

Patterson, in seiner Hütte angekommen, hängt mit Juniora ab, der mit der Augenklappe, von dem man sagt, er sei nicht ganz dicht, der krumme Geschäfte macht. Junior und seine Frau leben getrennt, nahe beieinander, damit er seinen Sohn besuchen kann. Seine Frau hielt es mit dem gewalttätigen Drogenabhängigen nicht aus. Und nun will sie wegziehen, weil sie einen guten Job angeboten bekommen hat. Noch ein Grund mehr, für Junior Frust zu schieben.

»Es ist, als ob alle, die daran glauben, ein bodenloses Loch in sich hätten, aber niemandem davon erzählen können, weil es ja lediglich ein Loch ist, also erfinden sie Geschichten, die genauso schrecklich und beängstigend sind wie ihr Loch. Diese Geschichten schmeißen sie dann hinein und hoffen, dass es sich wieder füllen lässt.«

Hillbillies, Verschwörungstheoretiker, Rocker, Kranke, hart arbeitende Menschen, die nicht ordentlich versichert sind, nicht daran denken mögen, was sie im Alter erwartet, weite Landschaften, Grundwasser, das man lieber nicht trinken sollte. Männer, die sich ihren Braten selbst schießen. Dafür gibt es um so mehr Alk und anderes Zeug und Waffen an jeder Ecke. Ein Amerika, das wir aus dem TV nicht kennen, weit entfernt von Denver-Clan.

»Das Einzige, was es im gemeindefreien Adams County reichlich gibt, sind passende Plätze, um eine Leiche zu vergraben.«

Im eigentlichen Sinn gibt es keinen Mord, eine geplante Tötung, es geht unter bestimmten Umständen immer ein wenig zu weit. Es endet mit dem Tod, er oder ich oder aus Versehen, aus Frust. Ein Gesellschaftsporträt des Amerika der unteren Klasse, düster, erschreckend. Colorado, Denver, man hat weite Landschaften, blühende Städte vor Augen. Hier nicht, man möchte dieses Colorado nicht besuchen, Menschen ohne Zukunft, die Fragen stellen, aber mit Antworten nicht hoffen können.

Ein Roman, der berührt, bei dem es einem eiskalt den Rücken herunterläuft. Ein Patterson, der seinem toten Sohn Briefe schreibt gegen das Vergessen, die grandiose Landschaft der Mesa, zerklüftetes Gebirge der Tafelberge, dichte Wälder voller Wild. Als Gegenpol die versifften Vorstädte mit ebenso kaputten Menschen. Wer Noir Krimis mag, Gesellschaftsromane, kommt voll auf seine Kosten. Kraftvolle pointierte Sprache, kein Wort zuviel, keins zu wenig.

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37 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Aquarium

David Vann , Miriam Mandelkow
Fester Einband: 282 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 27.03.2016
ISBN 9783518425367
Genre: Romane

Rezension:

»Im Laufe meines Lebens werden die Riffe wegschmelzen, sich aufgelöst haben. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts werden fast alle Fische verschwunden sein. Das gesamte Erbe der Menschheit wird auf nur eins hinauslaufen, eine Linie roter Pampe in der paläozeanographischen Aufzeichnung. Unsere Dummheit ist überwältigend traurig. Doch wenn ich eine Mondqualle betrachte, deren Schirmsternbild in die endlose Nacht pulsiert, denke ich, vielleicht ist alles gut.«

Caitlin Thompson lebt allein mit ihrer Mutter Sheri in einer Wohnung in der Vorstadt, einem Industriegebiet in Detroit, dort, wo man nur deshalb wohnt, weil es billig ist. Die Umgebung ist hässlich, grau, lieblos. In der Wohnung sieht es nicht besser aus. Spärlich eingerichtet, weiße Wände, brutales Deckenlicht von unverhüllten Glühbirnen. Die Mutter arbeitet hart im Containerhafen als Mechanikerin, 12 bis 14 Stunden, macht häufig Überstunden. Sehr früh am Morgen fahren die beiden den weiten Weg in die Stadt, Caitlin wartet Stunden in der Schule, bevor der Unterricht beginnt. Nach dem Unterricht geht sie ins Aquarium, denn sie liebt Fische. Die Mutter holt sie dort ab und wenn sie Überstunden machen muss, hockt Caitlin nach dem Aquarium in einem Aufenthaltraum im Hafen. Doch eines Tages gerät sie an einen Securitymann, dem es nicht passt, dass ein Kind dort herumlungert.

»Ich glaube, es gibt ein Gesetz, das besagt, dass ich dich nicht allein lassen darf, ohne einen Erwachsenen. Also mache ich keine Überstunden mehr. Wir kommen trotzdem zurecht. Ich habe genug für die Miete und Essen und Sprit, und du hast deinen Aquarium-Ausweis. ... Ich bestelle Telefon und Fernsehen ab, wenn ich kann.«

Caitlin verbringt ihre gesamte Freizeit im Aquarium, besucht die dort angebotenen Vorträge, weiß alles über Fische. Fische, die in Freiheit leben, Fische in Schwären, nie allein. Eines Tages unterhält sie sich mit einem älteren Herrn und von nun an jeden Tag. Sie schließen Freundschaft. Der Mann bittet sie, der Mutter von ihm zu berichten, sich mit ihr zu treffen. Sheri ist außer sich, vermutet einen Pädophilen, informiert die Polizei. Im Aquarium wird der Mann gestellt. Und nun rastet Sheri völlig aus: Es ist ihr eigener Vater! Der Mann, der sie als Jugendliche mit einer todkranken Mutter verlassen hatte. Der Mann, der sie überforderte, mit dem schleichenden Tod und der Pflege allein ließ, der ihr die Möglichkeit zur Bildung nahm, der ihr alles nahm, was sie hatte, was sie sich für die Zukunft wünschte. Sie verbietet Caitlin den Umgang mit ihrem Opa, obwohl er ein interessantes Angebot macht.

»Wie eine feste Traube von Eiern, dichtest gedrängte Anemonen. Ein samtgrüner Mond am Ende jedes Stängels, sie wiegend in der Strömung von innen erleuchtet, unmöglich zu verorten. Da und nicht da. Ein erhebendes Gefühl, Teil einer Familie zu sein, dazuzugehören.«

Caitlin ist glücklich, ihren Großvater gefunden zu haben, ein Stück Familie, die Wärme des alten Mannes. Sie kämpft für ihn. Das Mädchen hat neben ihrer Mutter nicht viel Kontakt zur Außenwelt. Eine einzige Freundin aus der Schule, die sie hin und wieder besucht und Steve, der Freund der Mutter, der oft zu Besuch ist, der fantastisch kochen kann, ein lebenslustiger Mann ist.

Herkunft, sagte Steve. Sie erklärt uns nicht, weißt du. Niemals. Jeder ist seine eigene Marke. Ich stamme von Nintendo ab. Das war ein Elternteil, meine Mutter. Ich habe am Joystick genuckelt. Und AC/DC, ein später, aber solider Satz Väter, Back in Black und ganze Nacht durchschütteln, ein guter Vorläufer von Nirvana.«

Doch was nun folgt, ist unglaublich. Die Mutter projiziert ihren erlebten Schmerz auf die Tochter, der Leser erschaudert. Brutale Abgründe tun sich auf, verletzte Seelen, Hass, Schuldzuweisungen, es gibt keine Chance zur Versöhnung. Die Zerstörung der Seele der vierzehnjährigen Sheri wird noch einmal durchlebt, bringt sie selbst und alle Menschen um sie herum an ihre Grenzen. Der Leser leidet mit Caitlin, versteht die Heftigkeit des Handels der Mutter nicht, leidet aber auch mit Sheri, am Ende sogar mit dem Vater, ist hin- und hergerissen, hineingezogen in diese Familientragödie, hofft, das alles irgendwann ein gutes Ende nehmen wird, hofft auf Aussöhnung.

Eine abgründige Erzählung, starke Metaphern, der Roman hallt beim Leser lange nach. Atmosphärisch dicht, sprachgewaltig, sanfte Töne, die den Leser ruhig einstimmen, Gespräche zwischen dem Kind und dem alten Mann im Aquarium, die Beobachtungsgabe der beiden, die einzelne Fische mit Menschen vergleichen, Schwäre mit Familien. Später kracht es gewaltig, zerstörerisch. Ein großartiges Buch.

David Vann ist in Alaska geboren und dies ist nicht der erste Roman, die sich mit Katastrophen von Familien beschäftigt. Er weiß, wovon er spricht. Er verlor mit dreizehn seinen Vater durch dessen Suizid. Als der Vater mit seiner zweiten Ehefrau, telefonierte, die sich ebenso wie die erste Frau wegen seiner dauernden Untreue von ihm getrennt hatte, erschoss er sich. »I love you but I’m not going to live without you«, soll er zu ihr gesagt haben.
David Vann wurde für seinen Roman »Dreck« mit dem St. Francis College Literary Prize ausgezeichnet. Es ist einer der mit $50.000 höchstdotierten Literaturpreise der USA.

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8 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

dorfgemeinschaft, massaker, lidice, widerstand, zweiter weltkrieg

Die Toten schauen zu

Gerald Kersh
Flexibler Einband: 200 Seiten
Erschienen bei PULP MASTER, 28.01.2016
ISBN 9783927734746
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

»Heinz Horner erkannte, dass Bertsch phantasierte, und sagte: ›fettes Schwein.‹ Er rüttelte Bertsch an der Schulter. Bertsch versuchte, ihn zu beißen. Einer der drei namhaftesten Chirurgen der Welt sagte: ›Sie tun ihm furchbar weh.‹ Horner zuckte mit den Achseln und Bertschs Qual war solcher Gestalt, dass selbst eine kleine Störung in Form eines Achselzuckens ihn aufheulen ließ wie einen Hund.«

Gerald Kersh, ein Meister des Noir, dies 1943 geschriebene Buch, neu aufgelegt vom pulp master Verlag sollte Schullektüre sein. Denn kann die Wahrheit zu brutal sein? Sie muss brutal sein, damit wir verstehen und nicht vergessen. Dieser Roman ist eine Abrechnung mit dem Kriegsverbrechen, das die Nazis im tschechischen Lidice begangen hatten, damit diese Taten nicht in Vergessenheit geraten. Die Geschichte geht zurück auf das Attentat auf Reinhard Heydrich, SS-Obergruppenführer, Chef des Reichssicherheitshauptamtes, im besetzten Prag am 27. Mai 1942, der die Zerstörung des Dorfes Lidice als Vergeltungsmaßnahme am 9. Juni 1942 befahl: Zerstörung, Erschießung, Deportierung.

Das Dorf nennt sich hier Dudicka. Ein verschlafenes Nest, versteckt in den idyllischen Bergen, wunderschön beschrieben. Wir lernen Anna und Max kennen, die sich zum ersten Mal küssen. Alles ist friedlich. Doch dann wird in der Nähe der SS-Obergruppenführer Bertsch von einem vorbeifahrenden Motorradfahrer erschossen. Am Rand von Dudicka finden die Deutschen ein Motorrad. Der Mörder muss in diesem Dorf stecken. Ziemlich schnell ist auch klar, das Motorrad ist uralt, verrottet, funktioniert nicht mehr. Doch darum geht es schon gar nicht mehr, an den unschuldigen Dorfbewohnern wird ein Exempel zu statuiert.

»Der Hauptmann deutete auf eine vergilbte Fotografie in einem Rahmen, die einen Mann mit Vollbart zeigte. ›Der Weihnachtsmann?‹, fragte er. ›Oder Karl Mordechai Marx?‹ ›Mein Vater, Herr Hauptmann, ein guter Mensch.‹«

Häuser werden systematisch durchsucht, sämtliches Metall wird abmontiert, mit dem Kirchendach wird begonnen, die Männer, Kinder, Frauen werden getrennt eingesperrt.

»›Klang wie ein Maschinengewehr, Onkel Karel“, sagte Max. ›bedeutet es, dass es Probleme geben wird, Vater?‹, wollte Anna wissen. ›Nein. Es bedeutet Untergang‹, erwiderte der Lehrer gelassen.«

Die Dorfbewohner verstehen nicht, was vorgeht, der Wald mit den Walnussbäumen wird abgeholzt, ihr Vermögen. Max und Anna konnten in eine Höhle fliehen, halten sich an den Händen, ahnen nur in Fragmenten, was unten im Dorf vor sich geht. Kersh beherrscht es, den Leser immer wieder aus wunderschönen, idyllischen Augenblicken ins Grauen zu werfen. Selbst in dieser Situation gibt es unter den eigenen Leuten Verräter, die Glauben, auf diese Weise heil aus der Sache herauszukommen.

»Anfangs habe ich gedacht, dass sie Menschen sind, schlechte Menschen zwar, aber Menschen. Nun, es sind keine Menschen. Und sie betrachten uns nicht als Menschen. Weißt du, was sie sagen? Ich habe sie das oft sagen hören: Slawen sind Sklaven. Sie würden einen Hund besser behandeln als jeden von uns.«

Deutsche Gründlichkeit und Genauigkeit kommen zu Tage. Hier wird von Anfang an alles sauber getrennt: Gold, Silber, Eisen, Kupfer, Messing, durchgerechnet, wie viele Kugelhüllen mit einem Kerzenständer hergestellt werden können. Skurrile, komische Szenen entstehen, denn die Dorfbewohner nehmen den Feind hin als Zerstörer, wissen nicht, was folgen wird. Doch irgendwann ist auch dem Dümmsten klar, weshalb sie eine tiefe Kuhle ausheben sollen.

»Das wird heute Nacht unser Bett sein. Unsere Körper werden zu Blumen und Gras und unsere Seelen gehen zu Gott. Habt Mut, denn das ist nicht unser Ende. Unsere Toten schauen uns zu, meine Brüder.«

Am Ende verbleibt keine Menschenseele zurück. Das Dorf liegt in Schutt und Asche. Insgesamt 405 Personen, denen 90 Häuser und eine Kirche, ein Fluss, ein Steinbruch, Obsthaine und Walnussbäume Heimat bedeuten, ist niedergewalzt. Erschossene Männer, deportierte Kinder, alle, die germanisierbar erscheinen, werden in Pflegefamilien gegeben, die Frauen geschunden verschleppt in Armeebordelle oder in Konzentrationslager.

»Seine elegante, neue Uniform hing an ihm wie an einer Schneiderpuppe. Unter einer geradezu ungebührlich keck aufgesetzten Uniformmütze funkelten Brillengläser, rund wie die Augen einer Eule. Der Schirm der Mütze warf einen Schatten auf die unauffällige Nase, den ebenso unauffälligen Schnurrbart und auf einen Mund, der aussah wie von einem Messer geschlitzt.«

Beginnt man zu lesen, ist klar, wie die Sache endet. Aber zu lesen, wie es geschieht, lässt den Leser eine Gänsehaut hochkriechen, lässt ihn erschüttert zurück. Ein Buch gegen das Vergessen, das in der heutigen Zeit hochaktuell. Sprachlich gekonnt, mit erzählerischer Kraft, ein Buch, das zur Pflichtlektüre gehört.

Kersh, 1911 in eine Familie englischer Juden geboren, war während des Zweiten Weltkriegs ein Bestsellerautor. Er starb verarmt 1968 in den USA, ganz vergessen war er jedoch nie. Sein großartiger Noir »Nachts in der Stadt» wurde zweimal prominent verfilmt.

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208 Bibliotheken, 8 Leser, 2 Gruppen, 76 Rezensionen

freundschaft, neapel, italien, roman, studium

Die Geschichte eines neuen Namens

Elena Ferrante , Karin Krieger
Fester Einband: 624 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 10.01.2017
ISBN 9783518425749
Genre: Romane

Rezension:

Die sizilianische Saga geht in den zweiten Teil. 1960 wird aus der Schustertochter Raffaela Cerullo Signora Caracci, worauf sich wohl der Titel bezieht. Lila, verheiratet, aufgestiegen zur eleganten Dame, Lenù, die Ich-Erzählerin, besucht anfänglich ein humanistisches Gymnasium, nach der Lauda bewirbt sie sich auf ein Stipendium und wird für ein Studium in Pisa aufgenommen.

Lila liebt ihren Mann nicht, verweigert ihm den Beischlaf, provoziert bis ins Unermessliche. Manchmal fragt man sich, ob sie die Schläge provoziert, um wieder fühlen zu können. Eigentlich ist ihr alles egal, ihr Mann, seine Firma, das Geld. Sie lockt ihm die Scheine aus der Tasche, greift in die Kasse, verteilt es an die, die es nötig haben, für Arztrechnungen, Lenù bekommt Geld für ihre Schulbücher. Soziale Strukturen Süditaliens, die Abhängigkeit und Verfechtung der kleinen Geschäftsleute mit der Camorra, die Stellung der Frauen, Frauen und ihre Töchter, eine patriarchalische Gesellschaft, der Roman ist wie der erste Teil ein Abbild der damaligen Gesellschaft des Mezzogiorno.

Nach einer Fehlgeburt wird Lila nicht wieder schwanger. Stefanos schickt sie auf Empfehlung auf Sommerurlaub nach Ischia, ihre Mutter Nunzia und die Schwägerin Pinuccia im Schlepptau. Lenù hat eine Anstellung in der Buchhandlung über den Sommer, wird von Lila überredet mitzufahren, wird von ihr bezahlt. Lila fährt nur deshalb mit, weil sie hofft, Nino Sarratore wiederzutreffen. Sie begegnen sich, aber die Sache läuft anders, als von Lenù erhofft.

Die Dramaturgie des Romans ist wie im ersten Teil gekonnt, die Figurenzeichnung raffiniert und tiefgehend. Lenù und Lila reiben sich aneinander, finden wieder zusammen und entfernen sich, ein ewiges auf und ab.

Die Lehrerin, Maestra Oliviero, spielt eine große Rolle für die beiden Mädchen, insbesondere für Lila. Sie hatte die Intelligenz der beiden Mädchen erkannt, sie gefördert, war traurig, als Lilas Eltern es nicht zuließen, sie weiter zur Schule zu schicken und sie ist stolz auf Lenù. Später wird Lenùs Mutter ihr vorwerfen, die Maestra wäre für sie bedeutender gewesen als ihre Mutter selbst, Lenù hätte nur für ihre Anerkennung gelernt. Lila versucht, der Maestra klarzumachen, dass ihr Leben in Ordnung ist und sie weiß ganz genau, dass sie sich selbst in die Tasche lügt.

»›Es heißt Ulysses.‹ ›Geht es um Odysseus?‹ ›Nein, es geht darum, wie seicht das heutige Leben ist.‹ ›Und weiter?‹ ›Nichts weiter. Es geht darum, dass wir den Kopf voller Blödsinn haben. Dass wir aus Fleisch, Blut und Knochen sind. Dass ein Mensch so viel wert ist wie der andere. Dass wir nur essen, trinken und ficken wollen.‹ Nach diesem letzten Ausdruck wies die Maestra sie zurecht wie in der Schule, und Lila gebärdete sich unverschämt und lachte, so dass die alte Frau noch verdrießlicher wurde. Sie fragte, wie das Buch sei. Lila antwortete, es sei schwierig und sie verstehe nicht alles. ›Warum liest du es dann?‹ ›Weil das einer gelesen hat, den ich mal kannte. Aber dem hat es nicht gefallen.‹ ›Und dir?‹ ›Mir gefällt es.‹ ›Obwohl es so schwierig ist?‹ ›Ja.‹ ›Lies keine Bücher, die du nicht verstehst. Das bekommt dir nicht.‹ ›Es gibt vieles, was einem nicht bekommt.‹ ›Bist du zufrieden mit deinem Leben?‹ ›Geht so.‹ ›Du warst zu Großem bestimmt.‹ ›Das habe ich vollbracht: Ich habe geheiratet und ein Kind gekriegt.‹ ›Das kann jeder.‹ ›Ich bin wie jeder.‹ ›Da irrst du dich.‹ ›Nein, sie irren sich, Sie haben sich immer geirrt.‹«

Lenù erhält von Lila eine Blechschachtel voll Notizbücher, die sie verstecken soll, denn sie hat Angst, ihr Mann könne sie finden. Aber sie darf sie nicht lesen. Natürlich schaut Lenù hinein und es offenbart sich ihr Lilas Seele, Lila hat gefunden, nachdem Lenù bis zu dem Zeitpunkt suchte. Sie liest die wundervollen Worte hundert mal, verinnerlicht sie und wirft die Hefte voller Wut von der Brüstung des Ponte Solferino in den Arno. Aber auch aus dem Lesen zieht sie später ihren Nutzen für ihren Verlauf. Wie im ersten Teil profitiert sie abermals von Lilas Können.

»Ich beschäftigte mich viel mit diesen Seiten, tagelang, wochenlang“, gesteht Elena. „Ich studierte sie und lernte am Ende die Stellen auswendig, die mir gefielen, die mich begeisterten, die mich faszinierten, die mich beschämten.«

Eindringlich beschrieben ist der Unterschied von Norditalien und dem Mezzogiorno. Lenù kommt mit dem Stipendium in Pisa an, ärmlich zwischen all den Reichen und nicht nur in der Optik. Sie denkt, ihre Sprache sei ohne Dialekt, doch der kommt durch. Ihr Italienisch ist eher belustigend, sie spricht die Sprache, die in Bücher geschrieben steht, sie spricht zu laut, ist zu auffällig, eben eine aus dem Mezzogiorno.

Während Lenù die gesellschaftlichen Treppen immer weiter nach oben geht, stürzt Lila immer weiter ab. Zwischendurch stellt sie fest, dass alle Männer gleich sind, brutal und herrisch. Sie hat den falschen Mann geheiratet. Sie hätte damals den Camorrista Michele Solara nehmen sollen. Es ist egal, welches von den Arschlöchern man auswählt, meint sie, dann wenigstens den mit der meisten Macht, dem meisten Geld.

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freundschaft, neapel, italien, roman, studium

Die Geschichte eines neuen Namens

Elena Ferrante , Karin Krieger
Fester Einband: 624 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 10.01.2017
ISBN 9783518425749
Genre: Romane

Rezension:

Die sizilianische Saga geht in den zweiten Teil. 1960 wird aus der Schustertochter Raffaela Cerullo Signora Caracci, worauf sich wohl der Titel bezieht. Lila, verheiratet, aufgestiegen zur eleganten Dame, Lenù, die Ich-Erzählerin, besucht anfänglich ein humanistisches Gymnasium, nach der Lauda bewirbt sie sich auf ein Stipendium und wird für ein Studium in Pisa aufgenommen.

Lila liebt ihren Mann nicht, verweigert ihm den Beischlaf, provoziert bis ins Unermessliche. Manchmal fragt man sich, ob sie die Schläge provoziert, um wieder fühlen zu können. Eigentlich ist ihr alles egal, ihr Mann, seine Firma, das Geld. Sie lockt ihm die Scheine aus der Tasche, greift in die Kasse, verteilt es an die, die es nötig haben, für Arztrechnungen, Lenù bekommt Geld für ihre Schulbücher. Soziale Strukturen Süditaliens, die Abhängigkeit und Verfechtung der kleinen Geschäftsleute mit der Camorra, die Stellung der Frauen, Frauen und ihre Töchter, eine patriarchalische Gesellschaft, der Roman ist wie der erste Teil ein Abbild der damaligen Gesellschaft des Mezzogiorno.

Nach einer Fehlgeburt wird Lila nicht wieder schwanger. Stefanos schickt sie auf Empfehlung auf Sommerurlaub nach Ischia, ihre Mutter Nunzia und die Schwägerin Pinuccia im Schlepptau. Lenù hat eine Anstellung in der Buchhandlung über den Sommer, wird von Lila überredet mitzufahren, wird von ihr bezahlt. Lila fährt nur deshalb mit, weil sie hofft, Nino Sarratore wiederzutreffen. Sie begegnen sich, aber die Sache läuft anders, als von Lenù erhofft.

Die Dramaturgie des Romans ist wie im ersten Teil gekonnt, die Figurenzeichnung raffiniert und tiefgehend. Lenù und Lila reiben sich aneinander, finden wieder zusammen und entfernen sich, ein ewiges auf und ab.

Die Lehrerin, Maestra Oliviero, spielt eine große Rolle für die beiden Mädchen, insbesondere für Lila. Sie hatte die Intelligenz der beiden Mädchen erkannt, sie gefördert, war traurig, als Lilas Eltern es nicht zuließen, sie weiter zur Schule zu schicken und sie ist stolz auf Lenù. Später wird Lenùs Mutter ihr vorwerfen, die Maestra wäre für sie bedeutender gewesen als ihre Mutter selbst, Lenù hätte nur für ihre Anerkennung gelernt. Lila versucht, der Maestra klarzumachen, dass ihr Leben in Ordnung ist und sie weiß ganz genau, dass sie sich selbst in die Tasche lügt.

»›Es heißt Ulysses.‹ ›Geht es um Odysseus?‹ ›Nein, es geht darum, wie seicht das heutige Leben ist.‹ ›Und weiter?‹ ›Nichts weiter. Es geht darum, dass wir den Kopf voller Blödsinn haben. Dass wir aus Fleisch, Blut und Knochen sind. Dass ein Mensch so viel wert ist wie der andere. Dass wir nur essen, trinken und ficken wollen.‹ Nach diesem letzten Ausdruck wies die Maestra sie zurecht wie in der Schule, und Lila gebärdete sich unverschämt und lachte, so dass die alte Frau noch verdrießlicher wurde. Sie fragte, wie das Buch sei. Lila antwortete, es sei schwierig und sie verstehe nicht alles. ›Warum liest du es dann?‹ ›Weil das einer gelesen hat, den ich mal kannte. Aber dem hat es nicht gefallen.‹ ›Und dir?‹ ›Mir gefällt es.‹ ›Obwohl es so schwierig ist?‹ ›Ja.‹ ›Lies keine Bücher, die du nicht verstehst. Das bekommt dir nicht.‹ ›Es gibt vieles, was einem nicht bekommt.‹ ›Bist du zufrieden mit deinem Leben?‹ ›Geht so.‹ ›Du warst zu Großem bestimmt.‹ ›Das habe ich vollbracht: Ich habe geheiratet und ein Kind gekriegt.‹ ›Das kann jeder.‹ ›Ich bin wie jeder.‹ ›Da irrst du dich.‹ ›Nein, sie irren sich, Sie haben sich immer geirrt.‹«

Lenù erhält von Lila eine Blechschachtel voll Notizbücher, die sie verstecken soll, denn sie hat Angst, ihr Mann könne sie finden. Aber sie darf sie nicht lesen. Natürlich schaut Lenù hinein und es offenbart sich ihr Lilas Seele, Lila hat gefunden, nachdem Lenù bis zu dem Zeitpunkt suchte. Sie liest die wundervollen Worte hundert mal, verinnerlicht sie und wirft die Hefte voller Wut von der Brüstung des Ponte Solferino in den Arno. Aber auch aus dem Lesen zieht sie später ihren Nutzen für ihren Verlauf. Wie im ersten Teil profitiert sie abermals von Lilas Können.

»Ich beschäftigte mich viel mit diesen Seiten, tagelang, wochenlang“, gesteht Elena. „Ich studierte sie und lernte am Ende die Stellen auswendig, die mir gefielen, die mich begeisterten, die mich faszinierten, die mich beschämten.«

Eindringlich beschrieben ist der Unterschied von Norditalien und dem Mezzogiorno. Lenù kommt mit dem Stipendium in Pisa an, ärmlich zwischen all den Reichen und nicht nur in der Optik. Sie denkt, ihre Sprache sei ohne Dialekt, doch der kommt durch. Ihr Italienisch ist eher belustigend, sie spricht die Sprache, die in Bücher geschrieben steht, sie spricht zu laut, ist zu auffällig, eben eine aus dem Mezzogiorno.

Während Lenù die gesellschaftlichen Treppen immer weiter nach oben geht, stürzt Lila immer weiter ab. Zwischendurch stellt sie fest, dass alle Männer gleich sind, brutal und herrisch. Sie hat den falschen Mann geheiratet. Sie hätte damals den Camorrista Michele Solara nehmen sollen. Es ist egal, welches von den Arschlöchern man auswählt, meint sie, dann wenigstens den mit der meisten Macht, dem meisten Geld.

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352 Bibliotheken, 13 Leser, 0 Gruppen, 120 Rezensionen

thriller, genmanipulation, gentechnik, wissenschaft, marc elsberg

HELIX - Sie werden uns ersetzen

Marc Elsberg
Fester Einband: 648 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 31.10.2016
ISBN 9783764505646
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

»Der zweite Ansatz liegt in der Besonderheit des Erregers. Wenn er wirklich, wie wir annehmen, auf den Minister zugeschnitten war, brauchte der Biodesigner dafür ein Muster vom Erbgut des Ministers.«

Von »Blackout« war ich begeistert, »Zero« fand ich gut. »Helix« hat mich enttäuscht. Bis zur Mitte konnte mich das Buch begeistern, danach habe ich mich nur noch durch-gekämpft. Es passierte nichts Spektakuläres mehr, die Story plätschert langweilig zum Ende.

Der amerikanische Minister verstirbt bei einer Konferenz in Deutschland. Er wird ob-duziert und die Rechtsmedizinerin findet ein Zeichen auf dem Herz, das wie ein Totenschädel aussieht. - Helen und Greg können keine Kinder bekommen, sie wollen es mit künstlicher Befruchtung probieren und erhalten ein ungewöhnliches Angebot. - An einer UNI in den USA studiert ein hochbegabtes Kind, verschwindet ganz plötzlich nach dem Seminar, entwischt dem Aufpasser. Was hat es mit diesem Mädchen Jill auf sich? - Supermais in Tansania, grandiose Baumwollernte in Brasilien, geniale Ziegen in Indien, melden die Scouts. Was ist los auf der Welt?, fragt sich Helge, Vorstandsvorsitzender der Santrias, ein Chemie- und Biotechunternehmen. Welcher Konkurrent ist am Werk?

»Auf den Bildern erkannte Helge die genetisch manipulierten indischen Ziegen und die gleichfalls veränderte brasilianische Baumwolle, auf die ihre Scouts vor ein paar Wochen gestoßen waren.«

Kurze Kapitel, von teilweise nur 2-3 Seiten, scheinen derzeit modern zu sein. In diesem Buch jedoch zieht die Methode der Cliffhanger nicht, weil keine Spannung er-zeugt wird. Als Leser hopst man von Protagonist zu Protagonist durch die Welt, was ich eher als nervig empfand. Wer war das nochmal, wo war das nochmal?, fragt man sich. Dieser Aufbau führt dazu, dass sich die Protagonisten nicht entwickeln können. Sämtlichst bleiben sie hohle Pappkameraden ohne Profil. Gerade in diesem Roman hätten die Figuren der »Seele« bedurft.

Helen und Greg landen in einem Institut, einem Areal, im Süden der USA. Das riesige Gelände ist gut abgesichert. Hier befinden sich ein Labor, Wohnhäuser, eine Schule mit Internat, sozusagen eine abgeschlossene Welt. Dem Paar und einigen anderen Eltern, die für das Wochenende nach »New Garden« eingeladen waren, wird erklärt, was dort erforscht wird. Genmanipulierte Kinder, gesund, Augen-, Haut- und Haar-farbe wählbar, ebenso das Geschlecht. Es gibt zwei Pakete: besonders starke, athletische Kinder, kommende Superstars für den Sportbereich oder besonders intelligente Kinder, die intellektuelle Zukunft der Menschheit. Die Eltern entscheiden sich alle für Superkids, sind guter Laune und guter Hoffnung mit ihren implantierten befruchteten Eizellen, als das Militär das Institut stürmt, mit der amerikanischen Präsidentin im Schlepptau. Niemand darf das Gelände verlassen. Das Virus, das den Außenminister tötete, entspringt diesem Institut. Sind bereits alle Anwesenden vom Virus befallen? Und was hat die entwischte Jill vor, die vor ihrem Gen-Bruder Eugene warnte: Er ist hochgefährlich! Intelligente Kinder finden immer einen Ausweg. Und so entwischt Eugene mit ein paar anderen Kindern aus dem Institut.

Ab hier stockt die Geschichte, teilt sich in viele zähe Stränge. Kurze Kapitel, der Leser fühlt sich ein wenig verloren, weiß nicht genau, wo es hingehen soll. Es kommt einem so vor, als wenn der Autor den Überblick verloren hat. Über Genmanipulation ist alles gesagt, nur wie bekommt man die Story zu Ende? Am Schluss wird dann zusammen-gestückelt, einige Teile vergessen. Abgabetermin, der Autor unter Druck, obwohl die Geschichte nicht zu Ende gedacht ist? Dazu würde auch passen, dass es einige Logikfehler und Verwechselungen innerhalb der Protagonisten gibt. Der Autor kennt seine Figuren nicht ... das durchzieht das ganze Buch. Und der Lektor merkt es nicht. Zeit-druck? Dafür spricht auch der ungeschliffene Ausdruck, der mich an manchen Stellen fast vom Stuhl gehauen hat. Kapitel 97 beginnt mit: »›Scheiße hat den Ventilator er-reicht‹, textete Jessica an Colin.« Was auch immer Marc Elsberg damit sagen wollte ... »Heiße Angst schoss in sein Gesicht.« Hier kann kein Lektor ordentlich gearbeitet haben, zu viele Fehler im Gerüst, ein lascher Spannungsbogen, zuviel sprachliche Grobheiten in Stil und Ausdruck, wie oben angesprochen.

Ist man am Ende angelangt, so fragt man sich: Wer hat den Außenminister ermordet? Die Frage vom Anfang wird nicht beantwortet. Darum ging es doch, oder? Nebenbei erfährt man, dass die Besucher in »New Garden« wohl doch das Institut verlassen durften. Mit Embryo oder ohne?, mussten Sie sich der Geheimhaltung verpflichten und was passierte mit den Mitarbeitern? Was passiert mit den Kindern dort? Bleiben sie allesamt dort, unter Beobachtung? Und was ist mit den Eltern und Kindern, die schon weltweit verteilt sind? Dann haben wir noch die Kids, die per Helikopter ent-wischt waren. Bei einigen wissen wir, wie es ausgeht. Was ist mit den anderen? Das Ende lässt mir zu viele Fragen offen und leider kam es mir zusammengestückelt vor, völlig spannungslos, etwas planlos. Ab der Mitte des Romans liegt die Spannung auf der Nulllinie, Schade. Dramaturgie und Figurenaufbau fehlen hier völlig. Letzteres ist eine Schwäche des Autors, die im ersten Roman durch die geballte Spannung nicht weiter auffällt, im zweiten Roman zu Tage tritt und hier wirklich zum Mangel wird.

Genug geschimpft. Wer sich mit Genmanipulation als Roman befassen mag, für den ist dies Buch sicher interessant. Gut fand ich, die Sicht der Kinder anzusprechen. Wie fühlen sie sich als Überlegene? Die »Laborratten« dürfen kein normales Leben führen, stehen unter ständiger Beobachtung. Natürlich passt das keinem Kind. Von »normalen« Kindern werden sie schnell ausgestoßen, denn sie sind anders. Das kennen wir bereits von hochbegabten Kindern in unseren Schulen. Ein genmanipuliertes Kind ist extrem teuer. Da wissen wir gleich, wer sich die »Elite« wird leisten können ... Und wie sieht es aus mit genmanipulierten Pflanzen? Könnten diese vielleicht sogar in manchen Gegenden der Welt zum Vorteil sein? Viele interessante Fragen werden an-gesprochen. Im Nachwort punktet Marc Elsberg nochmal für mich. Nein, darüber mag ich nicht nachdenken ... Ein Epilog von einem Elsberg, wie ich ihn mag! Danke. Fazit: Ein Buch, das man lesen kann, aber man sollte nicht pingelig sein, eher sachinteressiert, dann kann man sicher etwas mitnehmen. Wer sich bereits mit dem Thema befasst hat, verpasst nichts.

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

rassismus, nachbarschaft, multikulturelle gesellschaft, krimi, sündenbock

Miss Terry

Liza Cody , Martin Grundmann
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Argument Verlag mit Ariadne, 17.10.2016
ISBN 9783867542197
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der erste Satz: »Könnten wir Nita Theri beim Schlafen zusehen, wir bekämen vermut-lich einen ganz falschen Eindruck.«

Nita Theri, in England geboren, Britin, Tochter pakistanischer Einwanderer, hat sich in London, unweit vom Fluss, eine Eigentumswohnung gekauft. Sie arbeitet als Lehrerin. Später erfährt man, sie hat ihrem Vater ein Geschäft verpatzt, denn der wollte sie meistbietend an einen älteren Mann nach Pakistan verheiraten. Nita wollte weder ihr Studium abbrechen noch einen älteren Mann heiraten. Sie ist abgehauen, muss sich verstecken, denn wehe, ihr Vater und die anderen Männer der Familie erwischen sie ... Heimlich telefoniert ihre jüngere Schwester mit ihr, die sich nämlich nicht gewehrt hat, die das Studium abbrach, im fremden Ausland bei einem ungeliebten Mann lebt. Nita muss sparsam sein, die Raten für die Wohnung und die Rückzahlung des Studiendarlehns drücken. Sie geht nicht viel aus, hat wenig soziale Kontakte. Liza Cody hat diesen Krimi aus der personalen Ebene geschrieben. Nicht in der Ich-Form, sondern als Leser blicken wir auf Nita, erleben, was sie erlebt und sehen nur das, was Nita von der Welt sieht.

Doch nun von Anfang an: Vor dem Haus gegenüber steht ein Container, es wird re-noviert. Nita ärgert sich, denn die Nachbarn entsorgen ihren Müll, ihre Tannenbäume und vieles mehr zwischen dem Bauschutt. Und plötzlich klingelt die Polizei bei Nita, stellt komische Fragen. Man fragt, mit wem sie schläft und mit wie vielen. Was passiert sei, fragt Nita, worum es gehe. Nur ein paar Fragen. Man hält sich bedeckt. Andere Nachbarn werden nicht ausgequetscht. Was geht vor? Man verlangt sogar eine DNA-Probe von Nita. Sie bittet die Polizisten, zu gehen.

»›Sie sprechen verdammt gut Englisch‹, sagte Reed in einem Ton, der versöhnlich klingen sollte. - ›Ich bin Engländerin.‹ Nita war so wütend, dass sie fast stotterte. ›Und sie beide gehen jetzt bitte.‹«

Immer wieder diese Frage! Nita versteht es nicht. Die Polizisten gehen nicht, bitten sie sogar, einen Tee zu kochen, amüsieren sich, wie sie die Kanne vorwärmt. Man kann die Polizei nicht rausschmeißen, nicht mit dieser Hautfarbe. Aber man muss sich auch nicht alles gefallen lassen. Nita informiert sich, ob sie ohne Begründung ihre DNA abgeben muss. Auf Seite 81 erfahren wir endlich gemeinsam mit Nita, was passiert ist. In dem Container wurde ein toter Säugling gefunden.

»›... Ein kleines Mädchen, höchstens ein paar Tage alt, wobei wir noch auf den gerichtsmedizinischen Befund warten, um ganz sicher zu sein. Und genau, wie sie bereits vermutet haben, war das Baby multi-ethnischer Abstammung.‹ - ›Welche Ethnien?‹ - Sergeant Cutler schaute unbehaglich drein. - ›Sie wissen es nicht, nicht wahr?‹ Nita empfand etwas wie Genugtuung. ›Und daraufhin haben sie sich auf die einzige farbige Frau in der Guscott Road gestürzt. ...«


Für Nita bricht nun eine Welt zusammen. Anwohner behaupten, sie wäre schwanger gewesen. Eine Nachbarin hält zu Nita und klärt sie auf, welche Gerüchte herumgehen.

»Die Nuttige behauptet, Sie hätten einen Braten in der Röhre gehabt, als Sie hierher zogen. Die Hochnäsige erklärt, Sie wären illegal eingewandert, und der bekloppte Idiot da überm Frauenhaus krakeelt, Sie wären eine arabische Bombenlegerin. Ich hab gesagt, Sie sind nicht der Typ für so was, aber die verflixten Cops meinten, das wäre generell keine Frage des Typs, und wir müssten heutzutage alle die Augen offen halten, immer und überall.«

Hass gegen die Dunkelhäutige springt Nita nun entgegen. Auch an der Schule wird sie vom Direktor zum Gespräch geladen. Umschläge mit merkwürdigen Dingen landen in ihrem Briefkasten. Da tritt Privatermittler Zach in ihr Leben. Der kennt sich mit polizeilichen Ermittlungen aus. Sein Honorar frisst Nitas Notgroschen auf. Eine Boshaftigkeit nach der anderen stellen ihr Leben auf den Kopf. Wird Zach sie vor der Polizei schützen können, herausfinden, wer Nita bedroht? Wird die Zeitung ihren Namen schreiben und die Familie ihr auf die Spur kommen?

»WAS NU BRAUNE KUH«, so ist das Päckchen beschriftet, das vor Nitas Haustür liegt.

Nita kocht gern scharfe Gerichte. Genauso scharf sieht Lisa Cody hin und wir erfassen gemeinsam mit Nita eine Welt voll Ausgrenzung und Vorurteil. Nita Theri erklärt mehrfach, wie man ihren Namen ausspricht. Ignorant wird sie von den Polizisten weiter Miss Terry genannt (schnell gesprochen landen wir bei mystery), man ignoriert ihre Fragen, ihre Aufforderungen, mach sich in ihrer Gegenwart lustig über sie. Sie ist Britin, auch das wird nicht wahrgenommen, sie ist die Dunkelhäutige. Dieser Roman, Krimi ist fast die falsche Bezeichnung für diese gute Geschichte, ist spannend, besitzt britischen Humor und natürlich ist diese Geschichte ein Drama. Nita wächst dem Leser ans Herz, man würde sie gern beschützen, die zarte Frau, einmal naiv und wehrlos, dann wieder durchsetzungsstark, überlegt. Immer wenn man meint, Nita hätte genug gelitten, setzt uns Liza Cody eins oben drauf. Die Geschichte ist hinterhältig. Aber trotz allem hat man nie das Gefühl, ins Dunkel gezogen zu werden, denn Nita gibt nie auf und immer wieder leuchtet ein Stern am Firmament. Eine Geschichte gegen Rassismus, denn nur weil man den »richtigen« Pass besitzt, gehört man noch lange nicht dazu. Nita hängt zwischen den Welten. Die englische Welt lässt sich nicht ganz herein und die Welt, von der sie sich getrennt hat, lässt sie nicht ganz gehen. Als sie ihre Familie verließ, wusste sie, es gibt keine Rückkehr. Heimlich hält sie Kontakt mit einer Schwester, hofft, ihr jüngerer Bruder sei in dieser Welt angekommen, würde ihr nicht nach dem Leben trachten wie der Vater und der Onkel. Ihre Gedanken schweifen immer zurück zur Familie, Gedanken der Liebe an die einen, die der Angst vor den anderen. Wo ist Nita zu Hause? Die Geschichte zeigt nicht nur die seelische Zerrissenheit von Nita, sondern gelernte Verhaltensmuster aus der Kindheit tauchen auf: Furcht vor der Obrigkeit, sich ducken, unsichtbar machen, um bloß nicht unangenehm aufzufallen, freundlich zu sein, sich Männern zu fügen. Nita setzt die Polizisten nicht vor die Tür, empört sich nicht, als der Direktor sie freistellt. Sie lässt sich alles gefallen ... nicht ganz. Es gibt Solidarität, auch wenn du gar nicht mehr damit rechnest. Ein wundervolles Buch. Zu Recht erhielt Liza Cody in diesem Jahr den »Deutschen Krimipreis« für dieses Buch und 2015 für den Obdachlosen-Krimi „Lady Bag“.

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37 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 26 Rezensionen

italien, sichelgaita, 11. jahrhundert, 4 buch einer reihe, abwasserkanal

Der Sturm der Normannen

Ulf Schiewe
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 01.12.2016
ISBN 9783426516416
Genre: Historische Romane

Rezension:

Dies ist nun der vierte Band um Robert Guiscard de Hauteville, einem Ritter, der nach Süditalien aufbricht, wo sich seine Brüder bereits als Kriegsherren einen Namen machten. Mit von der Partie ist der fiktive Protagonist Gilbert. Die Geschichte beginnt 1057 mit der Eroberung von Cosenza und es droht ein Bruderkrieg zwischen den Hauteville-Brüdern. Kalabrien ist der ärmere Teil des Mezzogiorno, Apulien der reiche Teil, drum haben die Normannen ein Auge darauf geworfen.
Fürstin Gaitelgrima, eher an Robert, als an ihrem Gatten interessiert hat ihre intriganten Finger im Spiel. Ein Rankenspiel kann beginnen.

Im gewohnten plaudernden Ton, eine Mischung aus Abenteuerroman und Geschichte berichtet Gilbert von den Ereignissen. Aus Söldnern und Raubrittern werden Herren. Im Laufe des 11. Jahrhunderts eroberten die Normannen Süditalien, besiegten die Longobarden, setzten Byzantiner und Araber vor die Tür. Selbst die christliche Kirche verbündete sich mit ihnen. Papst Nikolaus II bestätigte 1059 die Gebietsansprüche von Richard von Capua und machte Robert Guiscard zum Herzog von Apulien und Kalabrien, ernannte sie zu Lehnherren, um sein schwaches Militär zu stützen.

Ulf Schiewe ist mit dem letzten Band aus dieser Reihe wieder ein unterhaltender Roman gelungen, der an der Historie orientiert ist. Unterhaltend und spannend beschrieben, begleiten wir die Haudegen durch die Intrigen der Mächtigen. Gute Kurzweil mit historischem Hintergrund. Beim »Ave Maria« habe ich ein wenig geschluckt. Das ist mit dem Marienkult erst Ende des 11. oder erst im 12. Jahrhundert eingeführt worden. Ein Ritter, der meint, schneller jemanden besiegen zu können, als das Ave Maria zu beten ... obendrein der unchristliche Normanne ans Ave Maria erinnert, das war mir ein wenig weit von der realen Geschichte entfernt. Aber Schwamm drüber. 

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39 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 5 Rezensionen

spannend bis zum ende, schweden, jugendlich, radikalisierung

Der Bruder

Joakim Zander , Nina Hoyer , Ursel Allenstein , Hauptmann & Kompanie, Werbeagentur
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 24.06.2016
ISBN 9783499268892
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der Politthriller ist in zwei Zeitebenen gegliedert, die mit Datum versehen sind. Wir beginnen mit Fadi im Winter 2011. Parallel dazu Yasmine und andere am 13. August 2015. Die Erzählstränge nähern sich immer weiter an, enden am 26. August 2015.

Fadi ist tot, so wurde es der Familie mitgeteilt. Verstorben im Kampf gegen die Ungläubigen in Syrien. Doch dann erhält Jasmine, die in New York lebt, als Trend Scout für eine Event-PR-Agentur arbeitet, die Nachricht ihrer Mutter, sie hätte ein Foto zugespielt bekommen: Fadi lebt, er ist zurück nach Schweden gekommen. Jasmine fährt nach Hause und sucht ihren Bruder. In einem dritten Strang wird der Menschenrechtlerin Klara Walldéen der Laptop in Stockholm gestohlen, kurz vor einer wichtigen Sicherheitskonferenz. Laut Klappentext begegnen sich die beiden Frauen in Stockholm. Nun ja ... auf den letzen Seiten, sie haben eigentlich nichts miteinander zu tun. Hier ist der Klappentext schlicht verwirrend, wohl um mit der Protagonistin des letzten Buchs zu werben.

Die Familie von Fadi ist eine afghanische Einwandererfamilie, lebt in der Stockholmer Vorstadt Bergort. Fadi bringt nichts auf die Reihe, ist arbeitslos, verdingt sich als Kleinkrimineller, während seine Schwester den beruflichen Aufstieg geschafft hat. Fadi gerät in die Fänge von Islamisten, die ihn immer mehr faszinieren, die sein Gehirn umdrehen. Unter den »Brüdern« findet der junge Mann Halt und Anerkennung und er entschließt sich, im Namen Allahs, in den heiligen Krieg zu ziehen.
In Bergort brennen die Straßen, radikalisierte Jugendliche randalieren, bewaffnen sich, die Polizei scheint mit dieser Situation überfordert. Ein russisches Sicherheitsunternehmen bietet sich an, die Polizei professionell zu unterstützen. Wer steckt hinter den Randalierern? Fadi wird zunächst durch seine »Brüder« in die Türkei geschickt, und später weiter nach Syrien. Er hat aus Schweden den Auftrag erhalten, einen Verräter zu identifizieren, hat daher ein Satellitentelefon von den Schweden zugesteckt bekommen. Wem kann er trauen, wem nicht? Wer ist der Verräter in den eigenen Reihen?

Wer spielt hier wen aus und was ist die Wahrheit? Ein spannender, gut konstruierter Thriller zeigt auf, wie Manipulation funktioniert. Zusammenspiel von Geheimdienst und Terroristen, Regierungen und Privatorganisationen, wer ist der »Gute«, wer der »Böse«? Viele Organisationen stecken ihre Finger hinein, für mich waren es zu viele.
Joakim Zander versucht zu erklären, was einen jungen Mann dazu antreiben könnte, sich zu radikalisieren. Das könnte eine Erklärung sein, aber sicher nur eine von vielen Faktoren, die Facetten der Radikalisierung sind vielschichtig. In diesem Roman werden verschiedene Szenarien angesprochen, miteinander verwoben. Ich will nicht zuviel verraten. Ein spannender Plot, aber insgesamt für meine Begriffe einfach zu kompakte Pakete, Thema für drei oder vier Bücher. Die einzelnen Themen finde ich interessant, glaubwürdig, jedoch in der Masse auf einen Plot zugespitzt, wird genau das ein wenig fragwürdig. Den Strang mit Klara Walldéen hätte man meiner Meinung nach ganz herauslassen können. Musste sie hinein, weil sie im letzten Buch von Zander die Hauptperson war? Dafür hätte ich mir mehr von Fadi gewünscht, dieser Protagonist, die Hauptperson, kommt mir ein wenig klischeehaft herüber.

Insgesamt ist dies ein Thriller, den es sich lohnt zu lesen, der viele Aspekte anspricht, die einem schwindelig werden lassen. Die Gesamtthematik ist böse, unvorstellbar, aber keineswegs von der Hand zu weisen. Ein Politthriller, der die großen Zusammenhänge aufdeckt, wie sie durchaus vorstellbar sind.

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Ein wenig Glück

Claudia Piñeiro , Stefanie Gerhold
Fester Einband
Erschienen bei Unionsverlag, 18.07.2016
ISBN 9783293005068
Genre: Romane

Rezension:

»Womöglich habe ich auch deshalb zugesagt, weil ich es im Grunde wollte. In meinem tiefsten Inneren, in das ich selbst nicht hineinblicken kann, wollte ich es. Vielleicht habe ich die ganze Zeit darauf gewartet, dass etwas, jemand, eine unwiderstehliche Kraft, ein unausweichlicher Umstand mich zwingen würde, zurückzukehren.«

Die Journalistin und Schriftstellerin Claudia Piñeiro aus Argentinien ist in ihrer Heimat bereits sehr bekannt. Ihr neues Buch war für mich betörend. Schuld strahlt in vielen Facetten, die eigene Schuld, die Schuld zu verdammen, zu diskriminieren, nicht verzeihen zu können. Mary, die eigentlich Maria heißt, kehrt zurück in die Heimat, Argentinien. Sie arbeitet für das Garlic Institute, eine Kette von amerikanischen Eliteschulen. Das St. Peter’s College in Argentinien stellt den Antrag aufgenommen zu werden. Mary bewertet die Qualität von Schulen. Nun reist sie zum St. Peter’s, nach 20 Jahren zurück in ihre Vergangenheit. Gefärbte Haare, Kontaktlinsen, gealtert, sie ist sicher, man wird sie nicht erkennen. Mary hat vor 20 Jahren ihren Mann verlassen und ihren Sohn, letzteres hat sie nie ganz verkraften können. Was war geschehen? Es gab einen Unfall, das Auto, die Bahnschranke, der Zug ... Mary erinnert sich, es war ihre Schuld. Erst zum Ende des Romans erfährt der Leser, was wirklich geschah. Mary war Lehrerin an dieser Schule. Ihrem Schwiegervater gehörte eine große Klinik, ihr Mann war Arzt, eine Bilderbuchfamilie? Mariano, ihr Mann, kaufte »ihr« ein Haus.

»Mariano stellte mich vor vollendete Tatsachen. Er hatte ausgesucht, was er für uns beide für richtig befunden hatte, er hatte für uns entschieden. Das heißt, eigentlich für sich. Trotzdem empfand ich es zunächst wie ein unverdientes Geschenk und war ihm dankbar dafür.«

In Erinnerungen an ihre Vergangenheit sucht Mary fast vergessene Orte auf. Eine Frau erkennt sie fast, sagt, sie erinnere Mary an diese schreckliche Frau, die fortgegangen ist, diese üble Person. Aber die hatte ja blaue Agen.
Mary besucht die Schule, beurteilt die Örtlichkeit, lässt sich die Lebensläufe der Lehrer geben, hält mit ihnen Einzelgespräche. Ein junger Geschichtslehrer steht vor ihr, es ist Marys Sohn.

»Er verharrt für einen Moment, der nicht in Sekunden zu fassen ist und nicht in Worte. Von mir aus könnte es für immer so weitergehen - keiner von uns rührt sich, keiner sagt ein Wort. Doch irgendwann schüttelt er leicht den Kopf, als würde er aus einem Traum erwachen oder von einem Gedanken zurückkehren, der ihn weit von hier weggeführt hat. Er verabschiedet sich und geht fort. Mein Sohn geht fort.«

Präzise Sätze, wohlformulierte Gedanken, Mary führt uns in der Ichform durch ihre Seele. Immer wieder die Schranke, die Kinder, das Auto, der Zug ... Die glückliche Mary in Argentinien, das Unglück, die Schmach. Ihre Umwelt isolierte sie, nicht ungleich ihre eigene Familie. Mary packte ihre Koffer, verließ das Land. Tat sie es für sich, für andere oder wegen der Schmach? Wollte sie sich nicht stellen, war sie feige?

Bereits der erste Satz hat mich in das Buch hineingezogen, das ich nicht mehr aus der Hand legen konnte:

»Ich hätte Nein sagen sollen, dass es nicht geht, dass ich nicht wegkann. Irgendwas sagen, egal was. Aber das habe ich nicht getan. Immer wieder habe ich mir die Gründe aufgezählt, warum ich mich, statt Nein zu sagen, am Ende doch bereit erklärt habe. Der Abgrund zieht uns an. Manchmal ohne dass wir es merken. Wie ein Magnet. Dann treten wir an den Rand, blicken in die Tiefe – und könnten springen. Ich bin so jemand. Ich könnte vortreten, mich in die Tiefe stürzen, in die Leere, ins Nichts fallen lassen, nur um – endlich – frei zu sein.«

Stück für Stück erfährt der Leser mehr. Mary wohnte in den USA mit Robert zusammen, der gerade verstorben ist. Robert, ihre Stütze gewesen, er hatte geholfen sie zu stabilisieren. Mary, die ihre Familie im Stich ließ, sich von niemandem verabschiedete, einfach verschwand. Plötzlich, nach 20 Jahren, steht Federico vor ihr, erwachsen, selbst ein Vater, ihr kleiner Sohn. Claudia Piñeiro führt uns durch die Gefühlswelt von Mary Lohan, durch Gefühle, geprägt von Schuld und Sühne, von Sehnsucht nach dem Kind. Mit wenigen Worten schafft Piñeiro tiefe Atmosphäre, einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Mary, die Schuld auf sich geladen hat, die sie nie ganz abstreifen konnte, sucht ein wenig Glück. Wird sie es an dem Ort ihrer Jugend wiederfinden? Eine erzählerisch starke Geschichte, die beeindruckt.

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14 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

die botschaft der letzten helden gegen hitle, jahrhundertzeugen

Jahrhundertzeugen

Tim Pröse
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Heyne, 31.10.2016
ISBN 9783453201248
Genre: Biografien

Rezension:

Jahrhundert-Zeugen - Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler von Tim Pröse

»So wie man behutsam schlafende Kinder streichelt, mit einer seltsamen Beharrlichkeit. Als wolle sie diesen Moment letzter Zärtlichkeit ins Ewige bannen.« So erinnert sich Inge Aicher-Scholl an ihre Mutter, die die Särge ihrer Kinder Hans und Sophie Scholl bei der Beerdigung streichelte.


Nachdem ich Tim Pröse interviewen durfte, war ich beeindruckt von der großen Empathie des Journalisten. Das Buch machte mich neugierig. Dazu möchte ich etwas ausholen. Tim Pröse war Redakteur beim »Focus« und Chefredakteur bei der »Münchner Abendzeitung«. Sein Thema waren Reportagen mit interessanten Menschen. Besonders faszinierte ihn der Widerstand während der Hitlerzeit. In seinen Porträts in »Jahrhundert-Zeugen« fasste er die Interviews von 15 Jahren zusammen, einige der Interviewpartner besuchte er mehrmals.

Beeindruckend schildert Tim Pröse in Begegnungen mit 18 Personen die Helden jener Tage. Bertold Beitz, der während der Hitlerzeit bereits für die Firma Krupp im heutigen Polen arbeitete, stieg nach dem Krieg zum Generalbevollmächtigten der Firma Krupp auf. Mir war nicht bekannt, dass er als Manager der Karpaten-Öl AG Hunderte von Juden aus dem Zug zog, behauptete, es seien seine Arbeiter, sie damit vor der Deportation rettete, sie einstellte, den ein oder anderen zu Hause versteckte, wie auch den Jungen Jurek Rothenberg. Beitz und Rothenberg treffen sich nach Jahren, Pröse ist dabei. Inge Aicher-Scholl berichtet über ihre Schwester Sophie Scholl. Hans Rosenthal klopfte an der Tür einer wildfremden Frau, die in einer Gartenlaube lebte, bat im Hilfe, ihn, den Juden, zu verstecken. Sie versteckt ihn zwei Jahre lang!

»Franz Müller kämpfte in der Weißen Rose.«
»Kurt Keller kehrt noch einmal an den Omaha Beach zurück«
»Wie Hans-Erdmann Schönbeck Stalingrad und den 20.Juli überlebte«
»Zeitzeugen erinnern sich an Claus Graf von Stauffenberg«
»Zu Besuch bei Ewald-Heinrich von Kleist, der Hitler töten sollte«
»Klaus von Dohnanyi über seinen Vater Hans und seinen Onkel Dietrich Bonhoeffer«
»Der Letzte von Schindlers Liste«
»Edgar Feutwanger im Haus seines alten Nachbarn Hitler«

So lauten einige der Untertitel zu den Kapitelüberschriften. Reportagen über großartige Menschen, die man nicht vergessen darf.

»Michael Emge verdankt Schindler sein Leben. ›Er war ein guter Mensch‹, sagt Emge. Dann schweigt er für Sekunden. ‹Privat aber war er auch ein Schuft. Alkohol, Frauen, Geld. Diese drei Dinge waren ihm wichtig.‹ Schindler war ein Geschäftsmann, der Hennessy-Cognac, englische Zigaretten und alle hübschen Frauen liebte, die ihm begegneten. Er sei auch deswegen gut zu ›seinen‹ Juden gewesen, weil er reich mit ihnen geworden sei, sagt Emge: ›Er war durchaus zunächst auf seinen Vorteil bedacht.‹«

Dies Buch ist wichtig! Gerade weil wir in einer Zeit leben, in der mancher nach einer starken Hand schreit, faschistische Tendenzen sich breitmachen, an der Demokratie gezweifelt wird. Tim Pröse führt uns zurück in düstere Jahre, zeigt Menschen, die aufrecht andere verteidigten, die den Mut besaßen, NEIN zu sagen und er zeigt Opfer des Nationalsozialismus. In empathischer Weise begegnet er den Zeitzeugen und lässt sie berichten. Tim Pröse klagt nicht an. Sein persönlicher Bericht über die Begegnung mit Menschen, die sich nicht anpassen wollten, die sich nicht duckten, berührte mich als Leser. Ein wunderbares Buch gegen das Vergessen und ein Aufruf für den zivilen Widerstand!

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