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kastilien, spanien, zeitreise, gegenwart, historischer roman

Das Vermächtnis von Granada

Ulrike Schweikert
Flexibler Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 14.03.2016
ISBN 9783734101960
Genre: Historische Romane

Rezension:

»Ich wäre nicht Königin geworden und geblieben, wenn ich stets mit jedem weich und mitleidig gewesen wäre.«

Das Buch beschreibt das Leben von Isabella I. (1451–1504) von Kastilien, die durch die Heirat mit Ferdinand II. von Aragón zwei weiträumige Reiche vereinte. Eine große Königen, eine durchsetzungsfähige Frau, die mutig regierte und die Welt veränderte. Die ersten Kandidaten, die sie heiraten sollte, verstarben und den letzten wollte sie nicht ehelichen. Sie war so emanzipiert, dass sie gegen jede Etikette selbst ihren Gat-ten erwählte und ihm über ihren jüdischen Freund und Finanzberater persönlich ei-nen Antrag machte. Ihre Krone erkämpfte sie sich in einer Schlacht.

»Alle Juden haben das Königreich bis zum 1. Juli 1492 zu verlassen, lautete der Beschluss. Sollten sie zurückkehren, werden sie zum Tode verurteilt. Es ist ihnen verboten, Geld und andere Wertsachen mitzunehmen.«

Unter ihrer Herrschaft wurden zunächst die Juden 1492 aus ihrem Reich vertrieben, die Menschen, die ihr mit viel finanzieller Unterstützung ihre Kriege zum Machtausbau verhalfen. Wer nicht konvertierte, musste gehen, ohne dass er sein Vermögen mit ins Ausland nehmen konnte. Mit Unterstützung der katholischen Kirche und dem Papst erreichte sie viel. Dafür musste Isabella in ihrem Königreich die Inquisition ein-führen, Consejo de la Suprema y General Inquisición, 1488. Wer nicht konvertierte, musste gehen. Allerdings unterstellte man den Konvertierten, dass sie heimlich ihren Glauben weiter verfolgen würden. Die Inquisition wütete im Land, ⅔ der Konvertierten wurden gekreuzigt oder verbrannt. Isabella und Ferdinand führten die Santa Hermandad (Heilige Bruderschaft) ein, ein landesweites Polizei- und Justizsystem, das die bisher üblichen lokalen Hermandades ablöste und die Rechte der lokalen Aristokratie einschränkte. Ein modernes Rechtssystem, das den Idalgos nicht schmeckte. Im Süden, an der Mittelmeerküste, existierte das Emirat Granada, von der Sierra Nevada bis kurz vor Cadiz. Viele Juden und einige Mauren waren im Rahmen der Vertreibung aus Kastilien und Aragón hierhin geflüchtet. Stück für Stück eroberte sich Isabella auch dieses Land, bis sie 1491 Granada eroberte und die Herrschaft über das Reich erlangte. 1492 schickte Isabella Christoph Kolumbus auf die Fahrt, einen Seeweg nach Indien zu finden, er entdeckte Amerika. Im gleichen Jahr zwang sie die Mauren in den eroberten Gebieten zu konvertieren oder das Land zu verlassen.

»Wie eine Himmelserscheinung, wie eine Siegesgöttin kam die Königin über die winterlichen Berge geritten und zog unter Jubelrufen ins Lager ein. Sie schritt daher, als hieße es, die Hochzeit ihrer Tochter zu feiern.«

Eine große Königin in einer Zeit, die die Welt veränderte. Ulrike Schweikert beschreibt Isabella authentisch aus der Sicht zweier Hofdamen, Jimena und Teresa. Die Königin zu Pferd, eine die sich nichts gönnt, von Ort zu Ort reist, mutig, dreist oder besonnen. Alles hat seinen Preis.

»Erzbischof Carillo, zuerst Isabells größter Unterstützer und dann ihr erbitterter Feind. ... weil er geglaubt hatte, die junge unerfahrene Königin leiten zu können und zu einer Art Schattenkönig zu werden, der im Verborgenen die Fäden zieht. Isabel hatte ihm für seine Hilfe gedankt, ihm aber unmissverständlich klargemacht, dass Kastilien und alle Entscheidungen über das Land ganz allein ihr zustanden.«

Der Leser begleitet Isabella von Ort zu Ort, von Entscheidung zu Entscheidung. Die Autorin beschreibt Städte, die historische Bauten authentisch und ebenso den Charakter von Isabella. Trickreich und mit Voraussicht, taktisch in Verhandlungen, aber auch mit Mut wusste sie ihre Position zu festigen. Sie ritt in die Heerlager ein, ihre Soldaten aufzumuntern, zu unterstützen und befahl waghalsige Manöver. Die Wandlung von Isabella, andere Religionen aus ihrem Land zu eliminieren, sich der katholischen Kirche unterzuordnen, wird klug dargestellt.

(Boabdil, der letzte Maurenkönig) »... habe sich oben auf dem Hügelkamm noch ein-mal umgedreht, um mit Tränen in den Augen ein letztes Mal auf Granada und die Al-hambra zurückzusehen. Doch seine Mutter Aischa soll ihm ins Gesicht geschleudert haben: ›Weine wie ein Weib um das, was du nicht wie ein Mann verteidigen konntest!‹«


Isabella ist hart, auch mit sich selbst. Sie reist bei Wind und Wetter, treibt ihr Pferd voran. Dabei verliert sie das ein oder andere Kind. Die Thronnachfolge ist zu regeln, die Kinder müssen politisch wertvoll verheiratet werden. Am Ende ihrer Tage blickt sie auf ihr Königreich. Aus dem kleinen Kastilien ist ein großes Hispania geworden, Kolumbus hat ihr Reich auf der anderen Seite der Welt erweitert, viele Kinder und Schwiegerkinder sind bereits verstorben, andere nützlich verheiratet. Wird ihre schwache Tochter in ihre Fußstapfen treten können? Die Autorin gibt ein gutes Bild der Epoche wieder und zeichnet ein genaues Bild der historischen Eckdaten und von Isabella.

Der zweite Erzählstrang spielt in 2012. Isaura, eine Journalistin, hat in Spanien ein Haus geerbt. Sie weiß nicht genau, ob sie das Erbe annehmen soll. Sie lebt in Scheidung und hat mit dem Arzt Marco eine Beziehung begonnen. Auf ihren Recherchen an historischen Orten befallen Isaura plötzlich Visionen, sie sieht historische Personen zum Greifen nahe vor sich. Isaura stürzt von einem Balkon. Vom gleichen Balkon stürzte 500 Jahre zuvor die stumme Hofdame Teresa. Beide liegen im Koma. Isaura wacht im Körper von Teresa auf (und wo befindet sich die Seele von Teresa?). Dieser Strang gefällt mir überhaupt nicht. Ich habe bis zum Ende des Romans auf eine Erklä-rung gewartet, eine Überraschung, wozu dieser Erzählstrang dienen soll. Den gibt es nicht. Isaura ist nun Teresa, ja und? Es bringt die gesamte Geschichte nicht weiter. Im Gegenteil, dieser Strang unterbricht laufend den Lesefluss zum historischen Gesche-hen. Ich habe den Teil nur quergelesen. Isaura liegt im Krankenhaus im Koma und Menschen sorgen sich ... Dazu kommt, dass ich in dieser Geschichte nur Unlogik empfinde. Teresa ist stumm. Ein Wunder, nach dem Sturz kann sie sprechen, denn Isaura steckt in dem Körper. Mal abgesehen von diesem Wunder, versteht und spricht Isaura die Sprache(n), die vor 500 Jahren gesprochen wurden. Ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man den Wandel von Sprache berücksichtigt. Sie vermisst eine warme Dusche und ein Bad, ist entsetzt über die hygienischen Zustände, aber ansonsten kommt Isaura sofort klar mit dem Leben und den Gerätschaften. Höfische Etikette, das Verhalten von Frauen in der damaligen Gesellschaft, überhaupt, die Art sich ver-bal auszudrücken, sich zu benehmen, hat sich in 500 Jahren stark gewandelt. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man das in fünf Minuten drauf hat, auch nicht in einem Monat. Isaura weiß, was die Zukunft bringen wird. Aber sie hält sich zurück, will die Königin nicht beeinflussen, nicht warnen. Sie will die Geschichte nicht verändern. Letzteres finde ich gut. Aber welchen literarischen Sinn hat es, Isaura in Teresas Körper zu setzen? Es gibt weder einen inhaltlichen, noch einen dramaturgischen Sinn. Isaura lebt 25 Jahre in Teresas Körper. In 2012 sind es nur ein paar Wochen. Mich haben die vielen Ungereimtheiten enorm gestört.

»Tod durch zuviel Sex.« (Isaura)

Sprachlich bewegt sich das Buch in 2012, nicht 500 Jahre zurück. Die Protagonisten wirken in ihrer Sprache recht flapsig und modern, insbesondere die Frauen. Die Hofdamen heiraten und ihre Ehemänner behandeln die Frauen gleichberechtigt, wie in der heutigen Zeit. Was mir fehlt ist das Geistliche. Es wird nicht gebetet. Isabella war sehr gläubig, legte viel Wert auf den Kirchgang. Das ganze Leben war vom Kirchgang und der Beichte gezeichnet. Davon ist bei den Protagonisten nicht viel zu hören.

Fazit: Ein Buch mit zwei Seiten. Mir hat die Darstellung von Isabella I. sehr gut gefallen und die Einarbeitung der geschichtlichen Eckdaten. Der Parallelstrang von 2012 hat mich gestört, die esoterische Ausschweifung hatte der Stoff nicht nötig. An machen Stellen war mir die Geschichte zu pathetisch, aber damit konnte ich leben, auch damit, dass die Protagonisten ein wenig zu modern geraten sind. Ein empfehlenswerter Roman, wenn sich jemand in unterhaltender Weise mit Isabella I. beschäftigen möchte.

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Stille Nacht

Martin Walker
Fester Einband: 96 Seiten
Erschienen bei Dörlemann, 07.11.2016
ISBN 9783038200383
Genre: Romane

Rezension:


Auf dem hellen Cover prangt eine große rote Christbaumkugel.

Lucia erstellt mitten im Sommer bei größter Hitze das Konzept für eine Schaufensterdekoration: Weihnachten. Sie erinnert sich, etwa fünf Seiten lag, an das Weihnachtsfest ihrer Kindheit. Und damit ist das Thema Weihnachten in diesem Buch abgeschlossen.

Allerdings ist mir bis hierhin auch fast die Leselust vergangen. Stilistik und Ausdruck haben mich erschrocken Sätze mehrfach lesen lassen, rätseln. Lucia berichtet vom Weihnachtsessen, vom üppigen Kaninchen, das die Mutter zubereitete. Üppig, ein einziges Kaninchen für eine gesamte Sippe?

»Das Tier kam vom Nachbarn, Vater hatte es ...«

Das Schlachttier kam freiwillig herübergelaufen, damit ihm der Vater den Hals um-drehen konnte? Am Weihnachtsbaum hingen Schokoladenweihnachtsmänner und gefüllte Mäuse, wird beschrieben. Und darauf folgt dieser Satz: »Ein Schwager, auch im Unterhemd, schlief in einem Sessel, ...«
Die Frage ist nun, wer hier auch ein Unterhemd trug, Schokoladenweihnachtsmänner oder Mäuse?

»Ein dunkelblauer Pyjama, dessen Ärmel und Beine und das Oberteil unter den Hüf-ten von hellblauen, breiten Bündchen beschlossen wurde, die ihr schon beim Anblick sämtliches Blut in den Adern abdrückten.«

Sätze, die den Leser ratlos sehen lassen. Lucia sitzt in der sommerlichen Hitze im Un-terhemd am Schreibtisch, denkt an alte Weihnachtsfeste und nun folgt dieser Satz: »Lucia hörte ihrer Chefin nur halbherzig zu.« - Ein Gedankensprung, der für den Leser nicht nachzuvollziehen ist ... Plötzlich befinden wir uns an Lucias Arbeitsplatz im Winter wieder, bei der Dekoration von Schaufenstern.

Wir erfahren, Lucias Ehemann, ein Fotograf, der als Kriegsberichterstatter arbeitete, ist bei einem Einsatz ums Leben gekommen. Er hasste den Krieg, suchte keine Gefahr, auch der Ruhm für seine Fotos war ihm egal, er fühlte sich schuldig, weil er nicht hel-fen konnte, er mochte nicht reisen, nicht seine Frau allein lassen. Aber er fuhr immer wieder los. Leider wird hierauf nur mit zwei Sätzen eingegangen. Der Mann bleibt ein Rätsel, ebenso wie die Protagonistin selbst. Sie lernt kurz einen Unbekannten kennen, der sie in ein Café einlädt. Dieser Mann, Saeed, ein Flüchtling, lernt Anatole kennen, auch ein Bildhauer. Saeed darf in Anatoles Werkstatt arbeiten. Letzterer wiederum war mit Lucias Mann befreundet, möchte mit seinen Fotos eine Ausstellung zum Andenken an den Freund machen.

Mich hat das Buch enttäuscht, da es mit Aufmachung und Titel den Eindruck erweckt, es enthalte eine weihnachtliche Geschichte. Aber gewichtiger, es verging mir schnell die Lust an der Ausdruckskraft, der Text holperte durchgängig vor sich hin. Warum der Künstler Anatol mit einer Schaffensblockade belegt ist, bleibt verborgen. Auch Saeeds Geschichte erschließt sich nicht. Lucia trauert verständlicherweise und zieht sich vorerst zurück. Auch über sie erfährt der Leser nicht viel. Die Figuren blieben mir fern, plakativ und oberflächlich. Die Story zieht sich belanglos dahin ohne Tiefgang, ohne Spannungsbogen. 96 Seiten auf 11x18 cm ein Büchlein, von dem ich mehr erwar-tet hatte. 

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entführung, köln, krimi, kindheit, traum

Marie spiegelt sich

Isabella Archan
Flexibler Einband: 280 Seiten
Erschienen bei CONTE-VERLAG, 24.09.2015
ISBN 9783956020742
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der erste Satz: »Sterne, denkt Es.«

Es entführt ein Kind, doch das Mädchen kann fliehen, Es verfolgt es, der Teich, ein totes Mädchen ...
Fünf Jahre später ist das Reptil in Es erwacht. Es gibt ein anderes Mädchen, das aus-sieht wie sie, das Mädchen von damals.

»›Hallo‹, sagt Es. ›Hallo Mädchen!‹ Das Mädchen nickt. Das Reptil züngelt. Es lächelt. ›Kannst du mir schnell mal bitte am Auto helfen?‹«

Das Mädchen heißt Marie, sie ist 13, wie das Mädchen damals. Marie ist ein typischer Teenie, verstrickt in Pubertät, Aufbegehren und sich gehen lassen, Verliebtheit, Zerrissenheit. Sie lebt bei ihrer Mutter, der Vater wohnt in der Wohnung gegenüber der Schule, mit seiner Neuen. Der Vater hatte ihr ein Notebook geschenkt, das sie fast ausschließlich dazu benutzt, ihr Tagebuch zu führen. Die Datei nennt sie »Marie spie-gelt sich«. An manchen Stellen des Tagebuchs erscheinen mir die Gedanken ein wenig altklug für eine Dreizehnjährige, andere Passagen sind sehr authentisch.

»Ich glaube, dass die Welt hinter dem scheißdunkelgrau von einer Schicht flüssiger Traurigkeit umgeben ist. Jeder trinkt jeden Tag einen Schluck davon oder mehr. Und die, die zuviel davon nehmen, haben Bäuche wie Schläuche.«

Marie wird von Es gefangen. Doch die Polizei benötigt eine Weile, bis sie die Suche nach dem Mädchen ernsthaft aufnimmt. Eine Dreizehnjährige verschwindet, viel-leicht ist sie bei einer Freundin oder lediglich abgehauen ...

»Es. Da, wieder. Zeiten verschwinden, vereinigen sich, Universen berühren einander und Erinnerung wird zur Gegenwart und Zukunft ist ein Gedanke, der zum Handeln zwingt.«

Marie ist das Opfer, sie befindet sich in der Hölle von Es. Der imaginäre Bär redet mir ihr, gibt ihr Halt. Auch Es ist ein Opfer. Isabella Archan schafft es, uns die Charaktere realitätsnah zu transportieren, aber nicht nur die der Hauptpersonen. Perspektiv-wechsel zwischen den Handelnden, Gedanken der Protagonisten, ein feines Zusammenspiel schafft einen düsteren Raum, in den es den Leser hineinzieht, spannend bis zum Schluss.

Die Sprache ist eigenwillig, pointiert. Kurzer Stakkatostil, aber niemals abgehackt, abwechselnd mit fließendem Stil, poetischen Passagen. Ein Buch das sprachlich, wie inhaltlich begeistert. Psychologisch fein gezeichnete Protagonisten runden den Krimi ab.

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paris, musik, orchester, 1920er, taktstock

Der Bund der Zwölf

Miriam Pharo
E-Buch Text: 290 Seiten
Erschienen bei null, 10.01.2016
ISBN B01AG9HXH2
Genre: Romane

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mittelalter, lepra, historisch, ursula neeb, hsitorischer roman

Die Siechenmagd

Ursula Neeb
Flexibler Einband: 302 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Societäts-Druckerei, 01.03.2007
ISBN 9783797310361
Genre: Historische Romane

Rezension:

»Niemand geht zur Beisetzung eines Henkers!, sinnierte Meister Hans bitter. ... Durch die Berührung mit dem Schwert eines Herrschers konnte so die alte Unehrlichkeit vom Henker genommen werden. Er durfte sich dann ein anderes Handwerk wählen, dass aber immer unter den unehrlichen Berufen angesiedelt sein musste, denn die Aufnahme in eine rechtschaffene Zunft konnte ein ehemaliger Henker niemals erlangen.«

Ursula Neeb entführt uns nach Frankfurt ins 16. Jahrhundert. Wer Frankfurt kennt, fühlt sich durch die alten Gassen begleitet, wunderbar beschrieben, lernt man, was es mit dem Gutleutviertel auf sich hat. Strenge Sitten und Bräuche teilten die arbeitende Bevölkerung in ehrliche und unehrliche Schaffende ein. Die Ehrlichen wären allerdings ohne die Unehrlichen in ihrem Dreck versunken. Es sind Menschen, die den Schmutz und andere unangenehme Dinge entsorgen, Berufe mit wenig Ansehen, die die in den Außenbezirken der Stadt wohnten.

Maria, genannt Mäu, ist die Tochter des Abdeckers. Er sammelt wilde Hunde von der Straße auf, tötet sie und zieht ihnen das Fell ab, macht daraus Handschuhe. Auch rei-nigt er unter anderem die Kloaken der feinen Bürger, holt die Toten vom Galgen, be-gräbt sie außerhalb der Stadt. Für jede Arbeit zieht er einen anderen Kittel an, damit man den Unreinen erkennt. Arbeitszeiten sind vorgeschrieben, der Bürger möchte nicht belästigt werden. Die Familie wohnt im Galgenviertel, das Viertel der Unehrli-chen, Tante von Mäu ist eine Hübscherin, eine Hure. Die Mutter arbeitet auf dem Gut-leuthof als Siechenmagd, der von den Spenden der Reichen finanziert wird, auf dem Lepröse weggesperrt werden. Auch Begüterte können von der Krankheit befallen werden. Sie haben dort die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, ein behagliches Lebens-ende zu führen, allerdings ausgeschlossen von der Gesellschaft. Ob Arm oder Reich, auf dem Siechenhof ist man unter sich, Brüder und Schwestern. Wer Geld hat, kann sich Bedienstete leisten, Medikamente, üppiges Essen, Wein und alle Annehmlichkeiten, die er sich kaufen kann. Ein mächtiger Herr zieht ein und die Mutter holt Mäu auf den Gutleuthof, damit sie für den Mann als Siechenmagd dienen kann. Guter Lohn, feines Essen und beim Ableben des Herren winkt eine vorteilhafte Abfindung.

»Seine Leute, die zu Hause in seinem behaglichen Stadthaus saßen, sich wohlergehen ließen und die reichen Früchte seines Geschäfts ernteten, das er durch ein Leben voller Arbeit zum Blühen gebracht hatte, sollten es jedenfalls nicht bekommen! Für sie galt er als tot, verbannt ins Reich der Toten, weit abgesondert von der Welt der Gesunden.«

Mäu hat die Wahl: Einen ekelhaften Tölpel zu heiraten, den der Vater ausgesucht hat, um das Geschäft des Alten zu übernehmen oder als Magd für einen Leprakranken zu arbeiten. Beides schmeckt ihr nicht, sie hat andere Ziele, Träume. Was bleibt ihr aber anderes übrig? Sie beginnt ihren Dienst als Magd, doch der reiche Kaufmann kann die Finger nicht von dem hübschen Mädchen lassen.

Mit viel Sachkenntnis bringt uns die Autorin das mittelalterliche Leben nahe. Berufe, Sitten und Gebräuche, das alltägliche Leben in einer Stadt wird authentisch geschildert. „Strafe Gottes“, wie man die Lepra nannte, war in Europa damals weitverbreitet. Wer mit dem Aussatz befallen war, wurde expatriiert. Bis heute ist die Ursache der bakteriellen Krankheit unbekannt und auch die Heilung nicht immer gewährleistet. Die Autorin schildert nicht nur, wie es in einem solchen Siechenheim zuging, sondern auch, wie man sich als Aussätziger fühlt, verbannt aus der Gesellschaft, von der eigenen Familie verstoßen.

Plastisch geschildert, sieht man die Figuren des Romans vor sich: Reiche Kaufleute, Bettler, fahrende Händler, Gaukler, Hübscherinnen, den Angstmann (Henker) oder den Bettlervogt, der offiziell dafür sorgen musste, dass nur die bettelten, die nicht mehr arbeiten konnten und nicht arbeitsscheues Volk. Besonders ausführlich be-schreibt Ursula Neeb die unehrlichen Berufe, ihre Stellung in der Gesellschaft, ihre harte Arbeit. Korruption, Bestechung, wer Geld hat, kann sich einiges leisten, dem wird geglaubt. Marktgeschehen ist glaubwürdig dargestellt, man kann die Gerüche förmlich aus dem Buch herausriechen, wie auch andere unangenehme Düfte.

Die Sprache ist authentisch dem Mittelalter angelegt, in angemessenem Tonfall, ge-spickt mit zeitgemäßen Ausdrücken. Endlich mal ein Buch, das sich mit der realen Zeit befasst und der Leser sicher Dinge erfährt, die ihm vorher unbekannt waren. Aus diesem Grund sticht der Roman positiv aus allen Mittelalterromanen hervor. Aber nicht nur das. Die Autorin zeigt schonungslos das Rechtsgebaren zu dieser Zeit. Recht und Ordnung existieren, werden aber unterwandert durch Standesdünkel, Bestechung, Missachtung. Klar werden Gesellschaftsstrukturen aufgezeigt und bitter stößt das von vielen verehrte Mittelalter auf. Klare Linien der Wohnorte, Berufe und damit sich nichts ändert, darf niemand nach »oben« heiraten. Neeb zeigt die Gerichtsbarkeit auf, die Executive, die haarsträubenden Zustände in den Gefängnissen. Zu gleicher Zeit hatten Gefangene in England das Recht des täglichen Ausgangs auf dem Hof, an-ständiges Essen, ein Wannenbad pro Woche, ärztliche Behandlung, eine Hängematte zum Schlafen. Revidiert man die Verhältnisse in Deutschland zur zeitgleich, läuft es dem Leser eiskalt über den Rücken. Wer eine Schmonzette erwartet wird enttäuscht sein, denn dieser ordentlich recherchierte Roman zeigt schonungslos die Realität des Mittelalters und daher meine Leseempfehlung für alle Geschichtsfans.

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13 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Montana

Smith Henderson , Walter Ahlers , Sabine Roth
Fester Einband: 608 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 25.04.2016
ISBN 9783630874401
Genre: Romane

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22 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 5 Rezensionen

krimi, krimi-reihe

Küstenstrich

Benjamin Cors
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 22.04.2016
ISBN 9783423261029
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

»Du wirst sehr bald sterben«

Zwei afghanische Flüchtlingsmädchen haben einen Traum: Großbritannien. Sie wohnen in einem Lager an der Küste der Normandie, spazieren am Ufer entlang. Eine von beiden trägt eine Postkarte von London mit sich, ihr Talisman, das Ziel. Und dann bricht das Chaos herein, Bagger rollen an, walzen alles platt, die Flüchtlinge werden verladen auf Anweisung des französischen Politikers Faure. Doch wo sind sieben Mädchen? Verschwunden im Chaos. Der Dschungel musste weg, fort mit dem wilden Camp! Faure brauchte Wählerstimmen!
Zwei Jahre später: Mehrere Leichen, darunter ein totes Mädchen mit der Postkarte von London, werden in Deauville gefunden. Die Polizisten Luc Roussel und Sandrine Poulainc ermitteln.
Parrallelstrang: Personenschützers Nicolas Guerlain war eine Weile aus dem Verkehr gezogen worden, da er psychische Probleme hatte. Nun darf er wieder arbeiten. Er soll in Deauville den adligen Comte de Tancarville beschützen, der Todesnachrichten erhält. Ein großes Fest ist auf seinem Anwesen geplant, das der Comte nicht absagen will. Ein schwieriges Unterfangen für die Personenschützer steht an.
Nicolas Guerlain steht im Konflikt. Der Mann, den er beschützen soll, der beste Freund des Politikers Faure, scheint verwickelt in die Morde, die zu einem Kinderprostitutionsring führen. Kann er im Haus des Comte etwas herausfinden? Und was ist mit Julie geschehen, Nicolas‘ einstige Lebenspartnerin, die von einer Minute auf die andere ein Jahr zuvor verschwand? Nicolas hört nicht auf, nach ihr zu suchen.

Verschiedene Erzählstränge vereinigen sich zu einem spannenden Plot. Das Thema ist grausam realistisch, die Charaktere sind fein gezeichnet. Nicolas Guerlain, gerade von seinen Therapiesitzungen befreit, stürzt sich in die Arbeit. Doch noch immer plagen ihn seine Geister im Kopf, er kann den Tag nur mithilfe von Tabletten überleben. Wo ist Julie? Seine Gedanken an ihre gemeinsame Zeit sind stets präsent. Er kann es nicht glauben, dass sie ihn plötzlich verlassen hat, ihr Liebe verraten. Und dann kommt ein Hinweis ...
Einer der Toten in Deauville war ein Journalist. Nicolas besitzt die Gabe der feinen Beobachtung und er kann schrafsinnig kombinieren. Aus diesem Grund hat man ihn als Personenschützer ausgebildet. Er findet die versteckten Unterlagen des Publizisten, ist entsetzt. Fein blättert sich ein Bild der besseren Gesellschaft auf, ein grausames Netz.

» ›Verzeihen Sie, Monsieur, es ist ...‹ ›Es heißt Monsieur le Comte, verdammt!‹ «

Wem kann man trauen? Im Haus des Comte trifft Nicolas auf einen alten Klassenkameraden Céderic, den Sohn des Comte, ein arroganter Fatzke. In die Geschichte eingebettet zeigt der Autor seine Liebe zur Normandie, zu diesem Küstenstrich. Sprachlich auf hoher Ebene ist dies ein Krimi der besonderen Art. Gekonnt zieht Benjamin Cors seine Erzählstränge durchgehend spannend zum Finale zusammen, pointierte Sätze, ein intelligenter Plot zum politischen Zeitgeschehen. Menschen in wilden Camps, um die sich die Regierung nicht schert. Menschen die Hoffnung haben, einen Traum vom besseren Leben in Großbritannien, was auch immer das sein soll, eben ein Traum.

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selbstmord, die schattenburg, mord, krim, eric berg

Die Schattenbucht

Eric Berg , Nana Spier
Sonstiges Audio-Format
Erschienen bei Random House Audio, 22.02.2016
ISBN 9783837132786
Genre: Krimi und Thriller

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Fluchtwege

Sandro Veronesi , Michael von Killisch-Horn
Fester Einband: 413 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 19.03.2016
ISBN 9783608980356
Genre: Romane

Rezension:

»Ich habe die falschen Fehler gemacht«

Der Tag hatte gut begonnen, das Leben im Allgemeinen lief gut, erzählt uns der Icherzähler. Der Witwer Pietro Paladini ist zufrieden, er wohnt in Rom, sein Autohandel »Super Car« bringt ihm ein gutes Einkommen, seine Tochter geht auf das Gymnasium und Pietro hat eine reizende Geliebte. Sie und ihre Kinder muss er zwar unterstützen, denn ihr drogensüchtiger Exmann macht häufig Ärger, aber das ist für ihn kein Prob-lem. Doch ganz schnell bricht die Welt an einem Tag zusammen. Die Kundin, bei der er ein Auto beschlagnahmen muss, flieht mit dem Audi Q3. Pietro verdient sein Geld unter anderem damit, Autos per Gerichtsbeschluss einzuziehen, deren Leasingraten unbezahlt bleiben und er kann die Wagen für die Bank verkaufen. Er verliert dabei sein Handy, auf dem er alle Nummern, Kontakte und wichtige Passworte gespeichert hat, wie das für den Safe, sein Führerschein wird bei der Verfolgungsjagd eingezogen, das Finanzamt beschlagnahmt alle Akten und die PC’s im Büro, seine Tochter läuft von zu Hause weg, die Freundin wird wieder vom Ex bedroht und flüchtet. Der Geschäftspartner liegt nicht im Krankenhaus, wie er behauptet hatte. Er hinterlässt Pietro eine Nachricht, dass ihm alles leidtue, Pietro habe unwissentlich geklaute Autos verkauft und er solle sich auch lieber aus dem Staub machen.

»Wer soll mich schon finden, wo ich doch beschlossen habe, nicht da zu sein? Wer wird mich verurteilen können für das, was ich bin, wenn niemand weiß, was ich bin?«

Pietro überlegt, was er machen soll. Soll er sich der Polizei stellen? Er wusste doch von nichts. Doch der Justiz vertraut er nicht, wir befinden uns in Italien. Wer kann helfen? Pietro muss sich der Vergangenheit stellen. Wir begleiten ihn nach Mailand, seinem alten Zuhause. Dort wohnt die Schwester, bei der die Tochter nun wohnt. Wir begegnen in Luzern der Witwe seines Vaters, seinem Bruder, der auch auf der Flucht ist, wie einst der Vater. Die ganze Familie scheint auf der Flucht zu sein, aus verschiedensten Gründen. »Sei ehrlich zu dir selbst«, etwas, das Pietro schwerfällt. Auf der Suche nach sich selbst löst er Stück für Stück seine Probleme.

Sprachlich dicht mit viel Humor, nah an der italienischen Seele, ein wundervolles Buch, eigentlich. Am Ende läuft mir die Geschichte zu glatt, zu einfach. Es wirkt, als wenn Sanoro Veronesi am Ende selbst nicht wusste, wohin das Chaos führt, was er damit bezwecken wollte. Aber vielleicht ist gerade dieser banale Schluss italienisch. Lügner, Langfinger, Halunken, falsche Freunde, Menschen die unschuldig mitgerissen werden, Moral gibt es schon lange nicht mehr. Das alles ist Italien. Abducken, fliehen, sehen was passiert, was man aushandeln kann, auch Kriminelle können Freunde sein, wirkliche Freunde und letztendlich ist die Familie alles.

»Ich bin niedergeschmettert. Ich habe noch nie jemandem so aufmerksam zugehört und bemerke, dass zuhören viel anstrengender ist als reden. Doch wie ich mich jetzt fühle, zählt nicht. Zählt nicht mehr.«

Wer Bandwurmsätze mit abweichenden Nebensätzen nicht mag, der sollte die Finger von dem Buch lassen. Die Sätze kommen zielstrebig immer zum Punkt zurück, brin-gen dem Leser in Gedankensprüngen die Protagonisten näher, Bruchstücke, Erinnerungen, Beschreibungen. Mit viel Humor berichtet Pietro aus seinem Leben. Sprach-lich ist dies Buch für mich bemerkenswert. Stück für Stück erfährt man von Pietro, dass gar nicht alles in Ordnung ist in seinem Leben, nur kuschlig zugedeckt, gut ver-packt. Der Leser fühlt sich wie ein Beichtvater, geduldig zuhören, nicht verurteilen und auch keinen Rat erteilen, denn wer sind wir schon, ein Urteil fällen zu dürfen. 

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Augustus

John Williams , Bernhard Robben , Christian Redl , Hanns Zischler
herunterladbare Audio-Datei
Erschienen bei Der Hörverlag, 26.09.2016
ISBN 9783844524383
Genre: Romane

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10 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

schreiben, autorin, roman, de vigan

Nach einer wahren Geschichte

Delphine de Vigan , Doris Heinemann , Martina Gedeck
Audio CD
Erschienen bei Random House Audio, 22.08.2016
ISBN 9783837136418
Genre: Romane

Rezension:

Der erste Satz: »Einige Monate nach dem Erscheinen meines jüngsten Romans hörte ich auf zu schreiben. Fast drei Jahre lang schrieb ich keine Zeile.«

Die Bestsellerautorin Delphine de Vigan, die zuletzt ein Buch über ihre Mutter geschrieben hatte, schreibt ein Buch, indem die Hauptprotagonistin die Bestsellerautorin Delphine de Vigan ist, die zuletzt ein Buch über ihre Familie geschrieben hatte, die eine Schreibblockade bekommt. Sie ist überwältigt über die Reaktion ihrer Leser, die genau wissen wollen, ob alles wahr ist, was in ihrem Buch steht. Sie suchen die Orte aus dem Roman auf, recherchieren im Internet über ihre Familie, saugen Delphine in Lesungen über Privates aus. Nicht alle Familienmitglieder sind mit diesem Buch ein-verstanden. Delphine verarbeitet den Triumph für ihr letztes Buchs, hadert Neues anzufangen. Was muss sie jetzt schreiben, um an den Erfolg anzuknüpfen? Lesungen und Interviews lassen sie nicht zur Ruhe kommen, der Verlag macht Druck, fragt nach dem neuen Manuskript. Die Autorin beschreibt auch optisch sich selbst, ihre Kinder ziehen aus, wechseln ins Studium. Soweit stimmen Autorin und Protagonistin über-ein.

Delphine de Vigan spielt mit ihrem Leser, was ist Fiktion, was ist Realität? Genau da-rum geht es unter anderem, das Schreiben einer wahren Geschichte, der Leser hat es satt, fiktiven Stoff zu lesen, er will Reales lesen, sagt L.. Und wer ist L., die in das Leben der Autorin tritt?

Eines Tages trifft Delphine auf einer Party L.. Elle, gesprochen L bedeutet sie im Französischen: Sie. Die beiden Frauen sind sich auf Anhieb sympathisch und treffen sich ein paarmal, telefonieren, mailen. L. ist Journalistin, als hochkarätige Ghostwriterin für Prominente tätig, schreibt deren Autobiografien. Delphine erhält Hassmails auf ihr letztes Buch, indem sie pikante Details über ihre Familie veröffentlichte, sich vor dem Leser ausblätterte. Die Mails bringen sie aus dem Gleichgewicht. Auch leidet sie unter einer leichten Schreibblockade. Nur L. berichtet sie davon. Sie diskutiert mit L. ihre Ideen für ein neues Buch. L. verhöhnt Delphines fiktive Entwürfe, sie soll über sich selbst schreiben, ihre Seele öffnen, der Leser will die Wahrheit lesen. Delphine hat genug von der Wahrheit, genug von den Reaktionen des letzten Buchs. Doch L. gibt nicht nach.

»Ihre Worte zwangen mich, über das nachzudenken, worüber ich nie hatte theoretisieren wollen. Ihre Überzeugungen stießen heftig gegen das minimale Gebäude, das ich errichtet hatte, um meiner Arbeit einen Sinn zu geben oder wenigstens über sie sprechen zu können. Und ihre Worte schlichen sich ins Herz des Zweifels, den ich nicht mehr zu formulieren vermochte.«

Delphine fühlt sich beobachtet, L. meldet sich stets zur richtigen Zeit, um Delphine zu helfen. Manipulativ, auf freundliche Art und Weise dringt L. in das Leben von Delphine ein, sie sucht Gemeinsamkeiten mit Delphine und da gibt es eine Menge. Delphine fällt in ein tiefes psychisches Loch. L. ist verständnisvoll, mitfühlend, behilflich, wobei sie subtil immer weiter in Delphines Leben eindringt, in ihre Seele. L. manipuliert Delphine, sie ist der Verursacher der Schreibblockade. Delphines Schreibblockade weitet sich aus, nicht einmal Mails kann sie beantworten, einen Einkaufzettel schreiben. L. sieht, wie die Freundin in eine Krise stürzt, ist unterstützend, die einzige wahre Freundin. Sie zieht bei ihr ein, geht einkaufen, kocht, beantwortet Delphines Mails, schreibt Artikel für sie, überweist für sie Rechnungen, übernimmt Delphine. Sie fängt an, sich zu kleiden wie Delphine. Die Soziopathin übernimmt. Delphine ist nur noch ein psychisches Wrack, lebensunfähig. Doch wer ist L.?

»Ja, Schreiben ist eine Waffe... eine Rakete, ein Flammenwerfer, eine Kriegswaffe. Es kann alles zerstören, aber es kann genauso gut alles wieder aufbauen. »

Es geht nicht nur um Delphine und L. in diesem Roman. Es geht um das Schreiben an sich. Die Nöte, eines Bestsellerautors, der unter enormen Druck steht. Von einem Tag auf den anderen ist man weltberühmt und die Welt verlangt Nachschlag von dir. Es geht in diesem Roman um die Wahrheit. Was ist wahr, von dem, was du schreibst, will der Leser wissen. Die typische Frage an Autoren: Wie viel Autobiografisches steckt in ihrem Buch? Der voyeuristische Leser, der alles wissen will, in deinem Leben wühlt. Kann er sich nicht schlicht mit einer guten Geschichte zufriedengeben? Doch was passiert, wenn ein Schriftsteller wirklich Autobiografisches niederschreibt? Wie heftig reagiert seine Umwelt? Hat der Autor damit gerechnet? Wer fängt ihn auf? Wem muss er nun Rede und Antwort stehen? Wie tief verletzen Hassmails den Auto-ren, die er auf seinen Roman erhält? Lesungen, Anfragen, Interviews, Fans, die be-drängen. Wie findet man in dieser Anspannung die Ruhe, ein neues Werk zu beginnen? Themen gehen durch den Kopf. Sind das die richtigen Geschichten, die ein Bestsellerautor schreibt? Werden sie dem Publikum genügen? Was bedeutet schreiben? Wie weit zieht man sich aus? Wo vermischt sich Fiktion mit Wahrheit? Der Protagonist denkt, handelt, hat eine Meinung. Ist das die Meinung des Schriftstellers oder der Figur? Delphine de Vigan hat ein Buch nach dem Buch geschrieben, nach der Veröffentlichung der Autobiographie ihrer Mutter. Diesen Roman hätte es nicht ohne den ersten gegeben. Sie verarbeitet mit dem Schreiben ihre eigene Geschichte. Somit ist die Story wahr. Oder auch nicht. Gibt es L.?

Dieser spannende Roman spiegelt nicht nur die Innenansicht einer Schriftstellerin, es ist ein Spiegel für den Leser. Ihr wollt die Wahrheit wissen? Sucht euch eine aus! In dem Roman geht es um die Wahrheit, um nichts als die Wahrheit. Ein Buch, das nicht loslässt, bis man auf der letzten Seite angekommen ist. Das Jahr ist noch nicht ganz zu Ende, aber dies Buch ist für mich bisher die TOP 1.

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Faunenschnitt

Joshua Groß , Hannah Gebauer
Fester Einband: 124 Seiten
Erschienen bei starfruit publications, 04.05.2016
ISBN 9783922895299
Genre: Romane

Rezension:

»Alles, was hier steht, altert anders als ich.«

Normalerweise lasse ich mich in einer Rezension nie über die Gestaltung von einem Buch aus, weil mich der Text interessiert, nicht das Cover. Bei diesem Buch muss ich etwas ausholen. Das Cover ist auffällig orange-gelb gestaltet, die Buchstaben im Buch sind in einem Tomatenrot gehalten. Fotografien von Hannah Gebauer liegen versteckt, eingebunden als Doppelseite. Der Verlag hat sich hier viel Mühe gemacht. Die Möglichkeit bestand für mich darin, nachdem ich sorgsam nachgesehen hatte, was sich unter den Seiten verbirgt, mit einem Messer die Doppelseiten aufzuschlitzen und das Foto zu teilen oder vorsichtig mit einem Bastelmesser an der Innenkante des Buchs die Seite zu trennen. Ich entschied mich für Letzteres. Manch ein Leser wird Mühe haben, Hand an ein Buch zu legen, darin herumzuschnippeln, es zu verletzen. Damit hatte ich kein Problem. Ich bin ein Kitzler und Seitenumknicker, ein Buch lebt und ich mit ihm, wir wollen nicht zusammen im Museum verstauben. Faunenschnitt ist ein Fachbegriff der Geologie, steht für das Aussterben von Arten. Hier wird Literatur gewagt und gelebt, abseits des Mainstreams. Ein Wagnis, das sich gelohnt hat.

Der Schriftsteller Frank wird von seinem Verleger Bruno gebeten ins Salzkammergut zu fahren. Er soll am Grudelsee herausfinden, wohin ein Dieb verschwunden ist, denn bei Bruno wurde eingebrochen. Sein heiliges Arung (das es nicht gibt) wurde geklaut, ein Heilkraut mit bewusstseinserweiternden Auswirkungen. Ein desertierter Elitesoldat aus Afghanistan ist bereits angeheuert, das Zeug wiederzubeschaffen. Dieses Kraut wird eine große Rolle spielen. Auf dem Weg dorthin wird Frank von einer Muräne gebissen, ein Hund wird ihm geschenkt und der ist obendrein vegan, fühlt sich an wie »Werwolf-Milchbrötchen«. Weitere skurrile, reale, banale, philosophische, halluzinogene Handlung und Gedanken kann man schwer als Inhaltsangabe fassen, nie würde man dem Text gerecht werden. Rausch und Wirklichkeit vermischen sich, vermengen sich mit Historischem, man begegnet seltsamen Gestalten, wie der Vorsitzenden einer Terroristengruppierung, die sich »Das Merkel’sche Kreuz« nennt. Ein Segelflugzeug stürzt in den See, eine Ablenkungstherapie geht baden. Der Tretbootverleiher Edward wird umgebracht, der behauptet, Hitlers Beutekunst in Sicherheit gebracht zu haben. Der wiederum soll früher mal Elche im österreichischen Wald ausgesetzt haben. Und in seinem Haus entdeckt das literarische Gespann Druckerplatten zur Geldfälschung von Pfundnoten. Edwards Vater gehörte anscheinend zur Gruppe »Aktion Bernhard« (die es wirklich gab), die für das Hitlerregiem falsche Noten herstellte. Hitler wollte damit dem englischen Markt überschwemmen um eine Inflation einzuleiten. Auch Thomas Middelhoff, des Ex-Manager von Bertelsmann erhält einen bizarren Auftritt.

„Wer die Phantasie und den Surrealismus so verachtet wie die deutschen Schriftsteller und Kritiker und Professoren, dem bleibt nur übrig, weiterhin ambitionslose, mittelmäßige und nicht überdauernde Kunst zu produzieren. Eine Kunst der Feigheit, eine Kunst des Verrats. Eine Kunst, die keine Kunst ist, sondern Langeweile.“

Witzig, poetisch, philosophisch, mit Symbolik behaftet, mal ins Klamauk übergehend, ohne banal zu werden, begleiten wir Frank durchs Salzkammergut, Geschichten in der Geschichte, als Puzzle zusammengesetzt zum großen Ganzen.

»Der Kies schäumte röchelnd«, oder »Die Sonne lag dem Gras im Nacken«, Sätze gezielt komisch-poetisch, mit viel Raffinesse gesetzt, lässt Lust aufkommen, das Buch nicht nur einmal zu lesen.

Am See trifft der Schriftsteller Sofia, mit der er philosophiert und Arung raucht. Handlung und abschweifende Gedanken von Frank leiten uns in verschiedenartige Dimensionen der Erzählkunst. Was ist Wahrheit, was Fiktion? Joshua Groß führt uns an der Nase herum, lässt uns nachdenken, mitfühlen, lachen.

»Im Diffusen konnten sich die Polemiker profilieren, wir alle wurden empfänglich für Verschwörungstheorien, die Paranoia wuchs, und die anderen, die nicht einfältig waren oder geltungssüchtig, die Zarten, die Komplexen, sahen aus wie Feiglinge, weil sie offenbar abhanden kamen.«

Anfangs hatte ich überlegt, die Kanten der Fotos gerade zu schneiden, die ich ein wenig dicht am Einband abgeschnitten hatte, die nun zottelig daherkommen. Das gehört zu diesem Roman dazu, zottlig, kein Normschnitt. Großartige Literatur, mit Eigensinn verpackt, Danke an den Verlag für das Wagnis, Danke an die Autoren für diesen Flash! Faunenschnitt, nein! Wir wollen solche Literatur lesen! Die wunderschönen Fotos, eingebunden in den Text lieben wir! Wir wollen nicht den Einheitsbrei vorgesetzt bekommen! In diesem Sinn:

»In einem Tunnel schaute ich zweifelnd über die Oberkante meiner Sonnenbrille und wusste, dass ich mich unmöglich meinen ‚Lustigen Taschenbüchern‘ widmen konnte. (Pfeifend) I got so much on my mental. »

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96 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 21 Rezensionen

thriller, kirche, jennifer b. wind, missbrauch, kindesmissbrauch

Als Gott schlief

Jennifer B. Wind
Flexibler Einband: 373 Seiten
Erschienen bei Gmeiner-Verlag, 10.12.2014
ISBN 9783839217177
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

«Meine Hände rutschten zum wiederholten Male von der Wand ab. Ich pochte gegen die Tür, die sich Sekunden vorher geschlossen hatte. Ich wollte schreien: »Lasst mich hier raus!«

Morde in Wien und München stellen die Kommissare Jutta Stern und Georg Kunz vom LKA Wien vor ein Rätsel. Wer hat es auf Mitglieder der katholischen Kirche abgesehen? Ihnen wird der Profiler Thomas Neumann zu Seite gestellt, der frisch vom FBI anreist.
In einem Parallelstrang erfahren wir aus dem Tagebuch von Rebecca etwas darüber, wie man mit Kindern in einem katholischen Kinderheim umging. Harte Bestrafungen, Essensentzug, Misshandlung, bis hin zu Missbrauch und Vergewaltigung blättern sich Abschnitt für Abschnitt auf.
Eindrucksvoll, offen brutal beschreibt die Autorin, was den Kindern angetan wird, wie sie sich fühlen. Anfänglich tappen die Ermittler im Dunkeln, Stück für Stück kommen sie dem Warum und damit dem Täter näher. Doch es gibt viele Verdächtige, genügend Menschen, die einen Grund hätten, sich an den eigentlichen Tätern zu rächen. Allerdings bekommt für mich die anfängliche Spannung einen Hänger, da irgendwann klar ist, warum der Mörder unterwegs ist. Es gibt keine Wendungen mehr und letztendlich ist es egal, wer der Mörder ist.
Die Autorin hat diese Geschichte nach einer wahren Begebenheit aus Irland nachempfunden. Insofern wird dem Leser an machen Stellen fast übel, man mag nicht nachdenken über das Leiden der Kinder. Dieser Roman steht für das Leid vieler Weisen, die sich in den Fängen der katholischen Kirche befunden haben, in vielen Orten dieser Welt. Am Ende des Buchs fühlt sich der Ungläubige bestätigt: Es gibt keinen Gott, nur Sekten, die in ihrer eigenen Dekadenz Menschen übelst leiden lassen.

Die Figuren kommen ein wenig aus dem Schulbuch für Schriftsteller hervor, zu sehr gebacken nach Chema F. Der hyperintelligente Neumann, schnippisch, allwissend, die um Anerkennung haschende Frau, die eben nur eine Frau im Team ist, die traumatisiert ihre Erfüllung im Job sucht. Der Chef ist ein Kauz. Die Dialoge der Kriminalen wirken manchmal ein wenig albern. Das sieht zu sehr nach Baukasten aus, zu gesetzt, darum kommen die Figuren nicht authentisch herüber. Die Kinder allerdings sind gut gezeichnet, die Tagebucheinträge von Rebecca kommen realistisch daher.
Das Thema ist wichtig, auch wichtig, in seiner vollen Brutalität gezeigt zu werden, wie hier geschehen. Immer mehr Beiträge zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche zwingen die Kurie, sich offen mit dem Thema auseinanderzusetzen. Jennifer B. Wind legt offen, wie die Vertuschung funktioniert, zeigt Wege, sie aufzubrechen. Insofern halte ich diesen Krimi als wertvollen Beitrag zum Thema, auch wenn es ein wenig handwerklich zu kritisieren gibt.

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110 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 57 Rezensionen

weingut, spanien, frauen, familie, mord

Die Frauen von La Principal

Lluís Llach , Petra Zickmann
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 07.03.2016
ISBN 9783458176725
Genre: Romane

Rezension:

»Maria, ich habe mich entschieden, dass du, die liebe Tochter, hier bleiben wirst. Ich weiß, du bist jung und hast wahrscheinlich von einem anderen Leben geträumt, fern von Pous und diesem Haus, aber du bleibst hier.«

Der Roman ist ein spanischer Bestseller, eine Familiengeschichte, ein ein bisschen auch ein Krimi. Der Autor, Luís Llach, ist ein sehr bekannter Musiker und Schriftsteller in Katalonien. La Principal ist ein Weingut in der Nähe von Barcelona. Maria Roderich erhält als Erbe die Principal, die Brüder Geld und Immobilien in Barcelona. Gleichzeitig bedroht europaweit die Reblaus Rebstöcke. Weinreben ganzer Regionen gehen kaputt. Auch die Gegend um Principal hat es erwischt. Das Gut ist wertlos.

»Er hat mich mit lebendigem Leib begraben.« (Maria, die Alte)

Aber Maria, man nennt sie mit 24 die Alte, lässt sich nicht unterkriegen, heiratet wohlhabend einen netten Kerl, der sich lieber mit Büchern beschäftigt als mit Geschäften und bekommt eine Tochter, Maria. Eine junge Frau hatte es damals schwer, sich durchzusetzen, insbesondere, wenn sie früh Witwe wurde, wie die Alte. Deshalb muss sie ein hartes Regiment führen und imposant sein. Es herrscht Bürgerkrieg. Maria wird dick, fett, lässt sich sonntags von Dörflern auf einer Sänfte zur höhergelegenen Kirche tragen. Dies beschriebene Schauspiel der ächzenden Träger erinnerte mich an spanische Prozessionen, bei denen junge Männer ein schweres Kreuz auf den Schultern den Berg hochrennen. Maria, die Mutter Gottes. Nebenbei, in Spanien hieß bis in die 80ger jede zweite Frau Maria.

Politik wird in diesem Buch nur am Rande erwähnt, eher spielt die kirchliche Macht eine Rolle. Der Roman ist in mehrere Zeitebenen aufgeteilt, drei Marias sind Hauptprotagonisten und Úrsula, die Köchin und Haushälterin, die alle drei Frauen kennt. Die Zeit wechselt vom hier und jetzt in die Vergangenheit hin und her. Der Hauptstrang dreht sich um die mittlere Maria. Die Alte, ihre Mutter, hatte das Weingut wie-der auf Vordermann gebracht, ihrer Tochter übergeben, die auch in jungen Jahren Witwe wurde. Wir kommen in das Jahr 1940, den Hauptstrang, der Bürgerkrieg ist vorbei. Plötzlich taucht Inspektor Lluís Recader auf Principal auf.

»Der Mörder hatte den Toten, nachdem er ihm den gesamten Unterleib zerfetzt hatte, der reichsten Familie des Dorfes vors Haus gelegt. Wahrlich ein Stoff für Liebhaber von Schauerromanen.«

Während der Wirren des Bürgerkriegs gab es einen Mord auf Principal, der nie aufge-klärt wurde. Der gekündigte Verwalter wurde bestialisch ermordet. Hat das etwas mit den Leuten auf Principal zu tun? Was ist damals geschehen? Polizei und Franco-Regim waren eins. Der Inspektor verhört Úrsula und Maria. Sie müssen vorsichtig sein. Ein Katz- und Mausspiel beginnt.

Andere Begebenheiten berichtet der Vater der jungen Maria, die in der heutigen Zeit lebt. Die aufgeklärte junge Frau erfährt Dinge über ihre Familie, die sie erröten lässt, die so gar nicht in ihr Weltbild der Generationen passen.

Alle drei Frauen müssen sich in einer Männerdomäne durchsetzen, jede Generation hat eigene Schwierigkeiten, zeitgemäße, aber nicht minder leichtere. Ein wunderbares Buch über Emanzipation, die katholische Kirche und eine verrückte Familie, kraftvoll erzählt. Ein Krimi ist es nebenbei auch noch. Zusammen mit dem Inspektor blättert der Leser die Geschichte auf, erfährt von der harten Arbeit auf dem Weingut. Wir lesen mit Maria Magí, der Jungen, die Memoiren des Vaters. Amüsant, gesellschaftskritisch, ein wenig katalanische Geschichte, drei großartige Frauen, unkonventionell, in einer ungewöhnlichen Familie. Freundschaft, Feindschaft, Intrigen, ein wundervolles Buch.

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

italien, drogen, kalabrien, mafia, heimat

Schwarze Seelen

Gioacchino Criaco , Karin Fleischanderl
Fester Einband: 233 Seiten
Erschienen bei Folio, 08.03.2016
ISBN 9783852566849
Genre: Romane

Rezension:

»Wir entschieden uns dafür, in Freiheit, aber bewaffnet zu leben, bereit uns zu verteidigen und anzugreifen. Ehrenmänner und Bullen waren gleichermaßen unsere Feinde.«

Organisiertes Verbrechen in Kalabrien. Die Geschichte der Ndrangheta aus der Innenansicht von einem, der hautnah dabei war. Der Autor Gioacchino Criaco, 1965 geboren in Kalabrien, stammt aus einer Hirtenfamile, arbeitete über 30 Jahre als Rechts-anwalt in Mailand. Sein Vater wurde bei einer Blutfehde ermordet, sein Bruder war einer der 30 meistgesuchtesten Kriminellen in Italien. Und so klingt dieser Bestseller aus Italien, in der Ichform geschrieben, wie eine Autobiografie. Und genau das macht den Reiz aus.

Drei Freunde wachsen in dem kleinen kalabrischen Bergdorf Africa (hier ist der Schriftsteller geboren) auf. Das Dorf wird später umgesiedelt, die Einwohner entwurzelt.

Bevor sie 20 Jahre alt sind, hatten sie: »Bereits gestohlen, Überfälle begangen, Menschen entführt und getötet. Wir lehnten die Welt, in die wir lebten ab, weil sie nicht die unsere war, und nahmen uns, was wir wollten.«

Den Namen des Icherzählers erfahren wir nicht, nur die seiner Freunde, Luciano und Luigi. Sie nennen sich Söhne der Wälder. Dichte, unwegsame Waldungen, Pinien, Eichen, Buchen, Lärchen, ein Gebiet, das nur der begeht, der sich auch auskennt. Immer wieder werden die drei Jungen als Erwachsene zurückkehren, in die Einsamkeit ihrer Wälder, ihre Wunden lecken, sich verstecken. Die Liebe zur Natur, zu diesen Bergen, durchzieht den gesamten Roman. Ein Ort sich zu erden, in der Kälte, der Kargheit und Schönheit.
Criaco beschreibt die kärgliche Landschaft der Ziegenhirten, Häuser, in denen man nicht aufrecht stehen kann, die nur ein Zimmer zum Leben und Schlafen haben, die Zinkwanne, die er als Luxus beschreibt, in der alle sechs Familienmitglieder in lau-warmen Wasser einmal wöchentlich baden, natürlich alle in derselben Brühe. Um das karge Leben ein wenig aufzubessern, verdienen sich die Hirten mit Geiselnahmen Geld dazu, bzw. sie verstecken Geiseln und gesuchte Kriminelle in Ställen in den Ber-gen für die Mafia. Die Geiseln reden sie schlicht mit Schwein an. Manche dieser Geiseln leben über Jahre mit den Hirten, weil die Verwandten nicht zahlen wollen. Manche dürfen mit ins Dorf kommen, gehen mit den Geiselnehmern wandern, völlig traumatisiert sind sie nicht in der Lage, abzuhauen. Manch einer kommt nach Jahren zu einem Freundschaftsbesuch zurück.

Die drei Jungen möchten mehr vom Leben, das Haus der Eltern ausschachten, darin stehen können, anbauen, ein eigenes Zimmer besitzen und das ein oder andere nützliche Ding anschaffen, wie eine Zinkwanne. Aber das Wichtigste, sie wollen heraus aus diesem Leben und verstehen, dass nur Bildung zählen kann. Sie sind fleißig, wissbegierig. Aber die Schule kostet Geld, das ihre Eltern nicht haben. Der Chef der Ndrangheta gibt ihnen die Möglichkeit des Geldverdienens mit kleinen Jobs, bis hin zu Mord. Alle im Dorf sind vom Don abhängig, wer sich gegen ihn stellt, wird vom Blei durch-siebt, wie Lucianos Vater, den er nie kennenlernte. Wer hier lebt, stirbt aus Armut o-der im Kugelhagel, so berichtet der Erzähler. Irgendwann machen die Jungen ihre ei-genen Geschäfte, sie sind schwarze Seelen geworden. Sie studieren in Milano und steigen ins internationale Drogengeschäft ein, legen sich mit den ganz Großen an. Und sie mogeln sich durch die Justiz.

»Die Übereinkunft sah für mich keine Haftstrafe vor.«

Fasziniert, fast voyeuristisch, zieht der Autor von der ersten Seite an den Leser in die Geschichte hinein, in das Dorf Africo, in die Welt der Berge, in die Welt des Dons. Ein Milieu aus Angst, in der Kriminalität zum normalen Leben gehört, wenn man überleben will. Große Erzählkunst, mit der der Autor berichtet, nicht wertet. Man ist er-staunt über das einfache Leben der Hirten und über ihre Dreistigkeit, mit der sie Entführungsopfer wie die Schweine halten. Die drei Jungen wollen mehr vom Leben. Sie wachsen in einer Umgebung von Unrecht und Gewalt auf, wollen dies Leben hinter sich lassen, studieren. Doch wie soll man das Studium finanzieren? Die Kette der Ge-walt schließt sich und irgendwann gibt es keine Retour, sie Sitzen im Drogengeschäft. Doch die Obrigkeit schießt zurück.
Der Leser erfährt, die Jungen wollten mit der Tradition brechen, feine Leute werden, Juristen, Mediziner. Doch wie kann man aus einem Kreis ausbrechen, wenn man längst Teil des Kettengliedes ist? Und ewig lockt das große Geld.

»Ein gewisses Milieu ertrüge es nicht, dass es im Restaurant, im Stadion, bei Konzerten, überall, an zweiter Stelle kam, nach den arroganten und unwissenden Politikern und sogar hinter den stinkenden Bauern und Hirten, die mit Straftaten reich gewor-den waren und mit den ersten wetteiferten. Die sogenannten gebildeten Klassen, die vor Moral trieften, gemeinsam mit politischen Kreisen, die auf kürzestem Weg zur Macht gelangen wollten, wären bereit, zum Angriff überzugehen.«

Dieser Roman ist ein Stück Italien, ein Einblick in die italienische Gesellschaftsordnung. Und sicherlich ist ein Teil der Geschichte von Gioacchino Criaco. Man fragt sich beim Lesen, was ist wahr, was Fiktion? Ist dies in großen Teilen die Geschichte seines Bruders? Letztendlich ist es egal, denn dies ist trotz aller Fiktion die Geschichte der Ndrangheta. Ein hervorragendes Buch, um die schwarze Seele Italiens zu verstehen, spannend geschrieben bis zur letzten Seite. Die Sprache ist nüchtern, sachlich, liest sich wie ein Tatsachenbericht, sicher mit Absicht so gewählt. Der Autor will nichts entschuldigen, sich nicht rechtfertigen. Vielleicht möchte er erklären, die Strukturen einer Parallelgesellschaft.

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113 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 35 Rezensionen

hannover 96, hooligans, familie, hooligan, freundschaft

Hool

Philipp Winkler
Fester Einband: 310 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 19.09.2016
ISBN 9783351036454
Genre: Romane

Rezension:

»Muss ein heftiger Schlag gewesen sein. Der Braunschweiger lag. Lag da mit dem Gesicht in der Regenpampe, wie ein Fisch an Land. Der zuckte wie blöd, und aus seinem Ohr rann Blut. Wusste nicht, was ich davon halten sollte. Das ganze Adrenalin und die Wut wegen der ganzen Scheiße und der Alk vorher beim Spiel«

Heiko Kolbe, Anfang zwanzig, Mitglied einer Gruppe Hooligans, Fans von Hannover 96, lebt bei Armin in Wunstorf. Versteckt auf dem Land züchtet der Kampfhunde auf einem geerbten Hof, veranstaltet illegale Hundekämpfe, und hält auch andere gefährliche Tiere. Heiko ist zweimal durch die Abiprüfung gefallen, hat keinen Schulabschluss. Überhaupt besteht diese Hool-Truppe nicht unbedingt aus solchen Leuten, die der Leser sich gerne vorstellen würde, verkrachte Existenzen ohne Hauptschulabschluss. Die Freunde von Heiko haben es geschafft, arbeiten, studieren. Mit »rechten Glatzen« haben sie nichts im Sinn. Ihre Freizeit verbringt die Clique im Fitnesscenter von Heikos Onkel, im »Wotan Boxing Gym«, in einer alten Fabrikhalle im Stadtteil Stöcken und in der Kneipe »Timpen«. Heiko liebt Yvonne, seine Ex, die morphiumsüchtig ist, Stoff im Krankenhaus klaut. Heiko hat Wut im Bauch, muss sich abreagieren. Sein Vater ist ein aggressiver Alkoholiker, der mit einer devoten Asiatin zusammenwohnt, die Mutter ist lange abgehauen. Die Schwester hat sich freigekämpft, ist von zu Hause ausgezogen, um zu studieren, lebt im Reihenhäuschen. Die Ersatzfamilie von Heiko ist die Kneipe, die Hoolkumpels, mit denen man »Elefantenpisse« (Bier) trinkt und über »Pimmelköppe« herzieht. Es gibt klare Strukturen und man steigt die Leiter der Anerkennung nur hinauf, wenn man den anderen ordentlich was auf die Fresse haut, nicht jammert, aufrecht aus der Schlacht herausgeht. Heikos Onkel ist Chef der Truppe, er gibt den Ton an. Wer ihn beerben will, muss was drauf haben. Der Onkel befiehlt auch, welche Aktionen gestartet werden. Die Jungen rebellieren, Heiko voran, wollen ihre eigene Suppe kochen, versuchen heimlich etwas auf die eigne Faust, das natürlich völlig entgleitet. Selbst im Stadion ist geregelt, wer wo man auf den Stehplätzen der Fankurve einen Platz hat. Die erste Reihe musst du dir zunächst erkämpfen!

Der Leser schüttelt sich, wenn er etwas über den versifften Hof von Armin erfährt, über das verdreckte Haus. Eiskalt läuft es einem über den Rücken, wenn Heiko die Tiere beschreibt, man hofft, sie werden nie entwischen.

»... Man geht nicht zum Napfauswechseln in den Zwinger, wenn der Köter frei darin rumläuft. In null Komma nichts ist man um mindestens zwei Gliedmaßen ärmer. Nachdem ich die Näpfe ausgetauscht, doppelt abgecheckt habe, ob die Zwingerzugänge auch wirklich zu sind.«

Mundschutz, Fäuste, Alkohol und Koks, man trifft sich mit anderen Hools, um sich zu prügeln, mal mit den Kölnern, mal mit Braunschweigern. Man feiert hinterher, als hätte man den Krieg gewonnen. Wozu?, fragt sich der Leser. Für ein bisschen Aufmerksamkeit und Kameradschaft, Halt in der Gruppe, Anerkennung. Ist doch egal wofür, Hauptsache, andere stehen für dich ein und du für sie, deine Familie. Die Kneipe ist das richtige Zuhause.

»Man muss nur drauf achten, ob gerade Klopapier da ist. Ansonsten kann man mit unabgeputzter Kimme ins andere Klo rüberschleichen. Wenn dann auch noch die Kabinen besetzt sind, dann prost Mahlzeit. Die alten Säcke hier brauchen ewig zum Scheißen. Von dem Altmännerkackegestank mal ganz abgesehen.«

Manch einer will aussteigen, meint, er wäre nun erwachsen. Diese Jungs studieren, haben nette Eltern und einen »scheißweißen Gartenzaun«, ein Häuschen mit netter Stube, auf das man sich freuen kann. Heiko hat nichts, drum macht er weiter.
Die Sprache ist gnadenlos, Prosa von unten, schnörkellos. Oft ist die Rede von Prügeln und vom Kacken.

»Ich saß gerade beim Kacken, und wie das immer ist, wenn man in Eile kacken muss, wurde der Schiss so ein mieser, dreckiger und keine schöne aalglatte Wurst, die einem so mir nichts, dir nichts aus dem Anus gleitet, dass man nur einmal abwischen muss und sauber. Nee, natürlich musste ich mir erst mal gefühlte fuffzig Blatt von der Rolle reißen.«

Die Sprache ist für mich leider nicht durchgehend authentisch, sage ich als reinrassiger Hannoveraner. Man spricht in der Kneipe »Timpen« so etwas ähnliches wie »Lindner-Butcherdeutsch«, wie man in Hannover sagt, Unterschichtssprache (»Wat denn«, »Schnauze jet«). Die Jungs sind auf das Gymnasium gegangen, da wird einem was anderes antrainiert, insbesondere wenn man aus gutem Haus kommt und Jura studiert. Hier war mir die Sprache nicht passend zu den Protagonisten gewählt, ein wenig zu aufgesetzt. An vielen Stellen hapert es an den Metaphern, die ich hin und wieder holprig empfand. Nach der Prügelei beschreibt Heiko jemanden, »Als hätte eine Horde von Goths ihn geschminkt«.
Die Sprache ist derb, brutal. Dagegen ist nichts einzuwenden, Prosa in Reinkultur. Das muss man aber durchhalten. Immer wieder gleitet der ungeschliffene Heiko mit der Fluppe im Maul, der bei dem Spacko die Wumme sieht, ab von seinem Asi-Tonfall und lässt den Oberstufler reden. »Und Hannover leuchtet aus tausend Wunden in der Dunkelheit», oder »... diese blaue Augen. Sehen aus wie Eiswürfel, in denen eine Fliege eingefroren wurde. So scharf und gezielt, aber gleichzeitig sind die auch so offen und freischwebend.« Er erzählt vom Auto, das »im fahlen, indirekten Lichtschein« steht. Wer ist Heiko, der hier als Icherzähler fungiert? Ein Asi oder ein Poet? Das wird nicht klar.

Heiko steht politisch eher links, ihm missfällt es, dass sein Onkel Kontakt zu den Ultras sucht. Ihn stört der Dreck auf dem Hof, in der Kneipe, im Grunde seines Herzens ist er in allem ein Kleinbürger geblieben. Was ihn hält, ist die Kameradschaft. Gleiches kann man auch für die Freunde und alten Klassenkameraden von Heiko sagen. Prügeln als Freizeitbeschäftigung. Diese Jungs sind nicht grundsätzlich böse, keine menschlichen Kampfhunde oder politisch Verblendete. Sie sind in etwas hineingeraten, weil sie Kindsköpfe sind und darum wachsen sie aus ihren Kampfstiefeln heraus, hinein in blank polierte Anzugschuhe. Die Clique löst sich langsam auf. Ein Problem für Heiko, der keinen Halt hat. Ein Roman, der einen kleinen Teil der Hooliganszene beschreibt. Wir würden uns freuen, wenn das die Mehrheit wäre. Und genau das nehme ich dem Autoren nicht ab. Abiturienten, die sich bisschen prügeln und irgendwann erwachsen werden.

Das Buch ist lesenswert, mal was anderes. Man findet aber auch nichts Neues. Warum ist der Roman auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises gelandet? Keine Ahnung. Einen Revoluzzer muss es immer geben, einen, der aufregt, einen der grob ist, heraussticht. Das wird es sein, nicht weil es gute Literatur ist, dafür ist die Sprache zu unausgegoren, nicht durchgehend prägnant. Auch taugt die Handlung nicht für etwas Außergewöhnliches. Das Buch ist eben anders, dreckig, voyeuristisch, auf der Linie der Realstorys.

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7 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

schweden, krimi, kriminalroman, grausiger fund

Das Seegrab

Carina Bergfeldt , Dagmar Lendt
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 15.08.2016
ISBN 9783442481248
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Anna Eiler, Kommissarin und Julia Almliden, Journalistin, sind Freundinnen. Julia hat ein psychisches Problem, ihr Vater ist seit einem Jahr verschwunden. Das Trauma scheint tieferliegend, wird aber nur an der Oberfläche beschrieben. Der Vater war nie für sie da, anscheinend und nun war er auch physisch abhandengekommen. Niemand weiß, wohin er verschwunden ist, weg, von einem Tag auf den anderen. Der Lebenspartner von Julia ist gegangen, weil es zwischen den beiden nichts mehr gab, Julia sich sperrte, psychisch von der Rolle war. Sie vermisst ihn, doch geliebt hat sie ihn nie. Es war gut, dass jemand da war, dass man nicht allein war. Anna hat auch ein Problem. Sie liebt einen Kollegen, der ihr suggeriert, sie sei seine große Liebe. Doch er ist verheiratet, ein Familienvater. Im Prinzip sind diese Konflikte das Hauptthema des Krimis. Kriminalroman, jawohl. Es gibt natürlich einen Fall. Ein Mann wird vermisst und später werden in einem See mehrere Müllsäcke mit Leichenteilen gefunden. Einer der Toten ist der verschollene Mann, der andere Julias Vater. Julia und die Witwe fühlen sich verbunden.

Ich hatte ein Problem mit diesem Krimi. Mich hatte Crimestory interessiert, die allerdings als Nebenstrang abgehandelt wird. Im Vordergrund stehen die Frauen mit ihren Problemen. Die Geschichte schleicht sich für meine Begriffe langweilig dahin, ohne Höhen und Tiefen. Das Ende ist konstruiert und für mich nicht ganz nachvollziehbar, unlogisch. Ich will jedoch nicht spoilern.

Sprachlich ist der Text auf einfachstem Niveau gefasst und konnte mich in keiner Weise begeistern. An machen Stellen wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.
»Ja, sie rollte angesichts des Lebens mit den Augen.«, oder »Er kaute auf dem Wort herum. Es passte ihm überhaupt nicht.« Man sollte ihn zum Zahnarzt schicken, damit er beim Einsetzen hilft.
Da sieht Anna in den Pupillen eines Menschen, wie blass sie ist? »Anna Eiler meinte ihr Spiegelbild in Frau Chos Pupillen zu sehen. Sie war bleich wie ein Gespenst.«
»Aus feuchten Achselhöhlen kam eine Wolke von Eternity von Calvin Klein.« Da fragt man sich, ob jemand auf die Düse gedrückt hat.
»Zehn Minuten später dampfte es aus den Kaffeetassen.« Kaffee der dampft wie eine Lok?
»Aber Julia Almliden war die Sorte Mensch, die immer an zwei Orten gleichzeitig ist.« Das würde ich gerne sehen. Ausdruckskraft, die den Leser nur den Kopf schütteln lässt und das sehr häufig, etwas was mich sehr störte. Kurze Kapitel, meist um die drei Seiten, verknappte Sprache ohne Lebendigkeit, die mich langweilte. Blasse Charaktere, die trotz ihrer lang beschriebenen Probleme nicht (be)greifbar werden, Nebencharaktere, an deren Namen ich mich nicht einmal erinnere, nicht mehr weiß, welche Funktion sie überhaupt erfüllten, zeigen mir, dass auch hier beim Lesen nichts hängenblieb.

Als Gesamtpaket kann ich diesen Krimi nicht empfehlen, weder als interessante Handlung, noch als sprachliche Leistung.

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Wetterschmöcker

Michael Theurillat
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 15.07.2016
ISBN 9783550080487
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

»Wie das Fett in der Suppe schwimmt auch der Eigennutz immer obenauf.«

Alois Thüring, der Wetterschmöcker, meldet seine Nichte als vermisst, da sie ihn nicht wie üblich besuchte, sich nicht abmeldete. Die Anzeige kann Kommissar Eschenbach nicht ernsthaft aufnehmen, eine erwachsene Frau, die den Onkel nicht besucht. Er ist auch auf dem Sprung, eine Leiche wurde gefunden, am Siehl, verbrannt nach indianischem Ritus. Aber das wird nicht die einzige tote Frau in diesem Buch bleiben.

Eschenbach schert sich nicht um den Verwaltungskram und geht auch wenig zimperlich mit seiner Sekretärin Rosa um. Obendrauf hat er einen Praktikanten am Hals, der ständig Gedichte zitiert. Die neue Chefin will Arbeitsabläufe strukturieren, verlangt Dokumentationen. Eschenbachs Tochter lebt derzeit bei ihm, leidet unter Liebeskummer, ein Freund ist totkrank. Ein Kommissar, der seinem Gefühl folgt und von dem die Mitarbeiter nie wissen, wo er sich gerade aufhält, einer der das ganze Organisationsgedöns ignoriert. Dafür liebt er gutes Essen und erlesenen Wein, wobei er es manchmal zu bunt treibt, übertreibt. Und es gibt die Psychologin, die ihn erotisiert ...

Zwei Handlungsstränge, zwei Blickweisen. Eschenbach ermittelt, Jerome berichtet aus der Vergangenheit. Alois Thüring, ein begabter Mann, er soll CEO eines Weltunternehmens werden. Burnout, Zusammenbruch kur vor Antritt der Position. Er besitzt genügend Geld, zieht sich zurück Muotathal, kauft sich ein Gehöft, zurück zur Natur, wird ein Wetterschmöcker. Seine Nichte Clara hat es geschafft, sie wird in der Vorstand eines großen Konzerns berufen. Doch sie ist verschwunden. Jerome, der Höhlenforscher, und Clara, sind als Kinder eng verbunden im Muotathal aufgewachsen. Er erinnert sich. Was hat das alles hat es mit den toten Frauen zu tun?

»‚Nicht alle, die einem auf die Nerven gehen, sind Psychopathen.‘... ‚Nicht jeder Psychopath ist delinquent‘, begann Eschenbach. ‚Viele von ihnen trifft man am Arbeitsplatz an. Und einige von ihnen machen ihre Sache sehr ordentlich.‘«

Gewitzte Städter, große Konzerne, verschlossene Dörfler, merkwürdige Naturburschen, Eliteschulen, Lokales aus Zürich, das Muotathal, Höhlenlabyrinth, Schweizer Lebensart, das alles verwoben in einem Krimi, mit Vergnügen zu lesen. Kommissar Eschenbach, ein Mensch, der sich gern leiten lässt, gern auch mal in die persönliche Falle als Genussmensch. Der Krimi hat mir gut gefallen. Allerdings fehlt mir die Vorstellung, dass ein solch eigenbrötlerischer Kommissar bei der Polizei dienstliche Überlebenschancen hätte. Ich hatte das Buch des Titels wegen gekauft. Die Wetterschmöcker sind in der Schweiz eine Institution. Alois ist einer von ihnen. Wie er dazu kam, wird nicht erwähnt. Er erkennt das Wetter für das nächste Jahr, indem er an Tannenzapfen schnuppert. Mehr wird zum Thema nicht gesagt, schade. Das Buch hätte entsprechend auch der Banker oder der Gärtner heißen können. Im Klappentext heißt es, es ginge um Konzerne, die mit Rohstoffen handeln, um Glaspaläste, Macht und eine Intrige. Insofern fühle ich mich als Leser ein wenig verkaspert. Weder wird das Thema die Wetterschmöcker behandelt noch geht es ersthaft um die Machenschaften von Konzernen oder um den Rohstoff auf dieser Welt. Das Buch ist gut, keine Frage. Aber die Interessen, die es mit Titel und Klappentext weckt, werden nicht befriedigt.

»Natürlich hatte er von der kauzigen Truppe gehört, die in der Innerschweiz zu Hause war. Fünf ältere Naturmenschen (oder waren es sechs?), die jeweils im Frühjahr und Herbst Wetterprognosen für den bevorstehenden Sommer oder Winter aufstellten. Die Männer lebten im Einklang mit der Natur, rochen an Tannenzapfen und beobachteten das Verhalten von Ameisen.« (Und das war es im Buch zum Thema.)

Das Buch ist spannend, humorvoll, ein lesenswerter Krimi, schweizerischer Flair, an machen Stellen zieht es sich ein wenig. Meine Kritik geht an den Verlag: Titel und Klappentext, die nicht erfüllt werden, verärgern den Leser!

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60 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 35 Rezensionen

karibik, schmuggel, abenteuer, sklavenhandel, hanse

Bucht der Schmuggler

Ulf Schiewe
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 01.06.2016
ISBN 9783426516935
Genre: Historische Romane

Rezension:

Ich habe bereits diverse Bücher von Ulf Schiewe gelesen und schätze diesen Autor. Nach der Lektüre dieses Romans frage ich mich: Was ist denn da passiert?

In diesem Roman geht es um die Kolonialzeit, um Seefahrt, um die Karibik, Hispaniola, Quisqueya. Heute nennt man die 1492 von Kolumbus entdeckte Insel Dominikanische Republik (die spanische Seite) und Haiti (französische Seite). Wir befinden uns im Jahr 1635. Jan van Hagen kehrt mit seinem Schiff voller Waren in den Heimatort Bremen zurück. Er ist Hansekapitän. Der Vater liegt im Sterben, hoch verschuldet, denn er hatte den Regierenden Geld geliehen, das er nicht zurückerhielt. Nun steckt er selbst in der Klemme. Der Bruder von Jan sitzt im Schuldturm, die Schergen, Jan zu verhaften, sind auf dem Weg. Gleich hier kann Jan problemlos seinen Häschern entkommen. Der Vater hatte ihn gebeten, das Land zu verlassen, sich und Schiff zu retten, in der Karibik Geschäfte zu machen. Er gibt ihm die Adresse eines Freundes in Amsterdam mit auf den Weg. Der Holländer erklärt dem naiven Jan die Seefahrt auf dem Atlantik, rüstet das Schiff auf, um es atlantiktauglich zu machen, stellt Jan Kanonen (die er nie benutzen wird) und Waren zur Verfügung, bittet ihn, sich nach seinem Sohn umzuhören, der mit seinem Schiff lange überfällig ist. Dieses geschliffene Glück zieht sich durch den ganzen Roman. Auf geht es nach Portugal, Waren zu wechseln. Auf dem Weg lernen Captain und Stürmann, die bislang nach Gefühl navigierten, ganz nebenbei die Navigation nach Geräten und Sternen. Hier hätte ich mir Ausführungen gewünscht. Viel Erfahrung gehörte damals zu dieser Art der Navigation, keine Rede davon. Kein Wort davon, dass die Seeleute zu der Zeit ein Längenproblem hatten, da der Sextant erst 1750 erfunden wurde und so enorme Zeitverluste in Kauf genommen werden mussten, weil die Schiffe lange auf dem Breitengrad schipperten, um einen Navigationspunkt zu finden. Schiffe liefen zu der Zeit schnell auf Riffe auf, da sie ihre Position nicht bestimmen konnten, die Karten ungenau waren. Kein Wort davon, auch nicht, dass alle Schiffe auf den Kanaren, der halbe Weg in die Karibik, einen Zwischenstopp einlegten, um zu handeln, Nahrung und Wasser aufzunehmen. In diesem Buch ist Leben auf See hart, aber herzlich und recht problemlos ... keine Rede von Skorbut oder anderen Schwierigkeiten. Zack, ist man problemlos in der Karibik angelangt. Jan wird verhaftet, des Schmuggelns bezichtigt und zack mit Hilfe des gütigen Miguel Garcia Hernandez, einem Zuckerrohrplantagenbesitzer ist er wieder heraus. Dieser reiche Mann hat eine wunderschöne Frau, die gutherzige Maria Carmen, ein Parallelstrang.

Die Guten haben ein weiches Herz, die Bösen sind echte Fieslinge. Die Guten freunden sich dicke mit den Slaven an, die Bösen peitschen sie aus ... Klar geregelt. Die Guten schmuggeln ihre Ware an der Regierung vorbei, weil der spanische König die Steuern erhöhte, man will ja was verdienen. Die Bösen sitzen in der Verwaltung der Insel, weil sie das unterbinden wollen. Hier wird nichts Historisches erklärt. Und dem Priester gefällt die Slaverei natürlich auch nicht. Nebenbei wird erwähnt, dass man schwarze Sklaven auf den Plantagen einsetzte, da die Ureinwohner fast ausgestorben sind, an Krankheiten. Hier hätte man historisch ansetzen können, auch die Zuckerrohrgewinnung besser beschreiben. Das Wort Melasse kommt nicht vor. Wo bleibt die Erklärung, warum Europa den Zucker aus der neuen Welt so begehrte? Nebenbei wird mal etwas von Kaperbriefen erwähnt, Informationen, die zu der beschriebenen Zeit nützlich gewesen wären. Die Guten sind ja ach so gut in diesem Roman. Sie zeigen Denkweisen des 20. Jahrhunderts, die der Guten.
Die junge Hure Elsje hat sich in Amsterdam als blinder Passagier an Bord geschmuggelt. Kaptain Jan befielt, sie soll in Portugal ausgesetzt werden. Aber der nette Kerl bringt es nicht über das Herz und die Dame versteht sich wunderbar mit der Mannschaft. Anschaffen darf sie an Bord natürlich nicht.
Ständig fühlte ich mich in die heutige Zeit versetzt. Die Guten sind natürlich auch der Meinung, dass schwarze Slaven gleiche Rechte haben, der nette Kumpel von nebenan, und ein Protagonist macht einen gesuchten entlaufenen Sklaven gar zum Geschäftspartner. Haarsträubend werden die Charaktere mit modernem Denken ausgestattet, ohne sich in koloniale Denkstrukturen hineinzuversetzen, gesellschaftspolitische soziologische Einflüsse zu berücksichtigen.

Die Sprache ist einfach, Charaktere sind plakativ, simpel strukturiert. Anstatt sich, weil dies ja ein historischer Roman sein soll, sich mit geschichtlich relevanten Themen auseinanderzusetzen, werden hier am laufendem Band Liebesgeschichten eingewoben. Nicht einmal Haudegenszenen sind zu finden. Der Leser ahnt, nachdem er seine Hauptcharaktere kennengelernt hat, wie es enden wird. Keine Angst, es werden ihnen keine Steine in den Weg gelegt, nur ein paar Kieselsteinchen. Weder historisch noch spannend plätschert die Story durch das gesamte Buch, glatt ohne Kanten im Sonnenschein, Friede, Freude, Eierkuchen. Die Schatzinsel war spannender. Meine Empfehlung, ab 10 Jahre gut lesbar. 

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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Der Gerechte

John Grisham , Charles Brauer
herunterladbare Audio-Datei
Erschienen bei Random House Audio, 21.03.2016
ISBN 9783837133226
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

»Ich kämpfe mit allen Mitteln für meine Mandanten und würde fast alle Gesetze brechen, um sie zu schützen, aber ich lasse sie nie zu nah an mich heran.«

Die Memoiren eines Strafverteidigers, so würde ich den Inhalt dieses Romans kurz zusammenfassen. Dies Buch ist eine Mischung aus Schierach und Grisham. John Grisham der emotionale Romanautor und Ferdinand Schierach, der sachlich in juristischen Kurzgeschichten erklärt, das Recht nichts mit Gerechtigkeit oder Moral zu tun hat, sondern die Auslegung von Gesetzen bedeutet. Grisham kann als Romanschriftsteller in die Vollen langen, denn das amerikanische Recht arbeitet mit seinem Juriy-System mit Gefühlen. Eine große ungebildete Jury entscheidet emotional über Recht und Ordnung, über schuldig und unschuldig. Unser Schöffensystem ist anders aufgebaut. Sie sind Laienrichter, besitzen eine Menge Möglichkeiten, müssen minimal ausgebildet werden, sind wenige, stehen im ständigen Austausch mit dem Richter im Hinterzimmer. Ein völlig anderes System, das keine Theatervorstellung benötigt.

»Zurzeit muss ich in billigen Motels nächtigen, jede Woche in einem anderen. Nicht dass ich Geld sparen will. Nein, ich versuche, am Leben zu bleiben. Es gibt jede Menge Leute, die mich umbringen wollen.«

Sebastian Rudd ist Anwalt, er lebt gefährlich. Denn er verteidigt den Dreck, den die Kollegen ablehnen. Er verteidigt Gangster, den Mob. Presse und Volk sind schnell bei der Hand, ein Vorurteil zu fällen. Ein Anwalt, der Mörder und Kinderschänder verteidigt, muss genauso ein Monster sein. Diese Typen haben keinen Anwalt verdient, lynchen. Genau aus diesem Grund kann man verstehen, warum in Kleinstädten niemand die Bösen verteidigen will. Es schädigt das Geschäft. Sebastian Rudd interessiert sich für solche Fälle oder er lässt sich als Pflichtverteidiger anheuern. Sein Büro ist ein gepanzerter Wagen mit Schreibtisch, Aktenschrank, Bar, Waffenschrank, kleiner Küche, für den Notfall ein Bett. Ihm zur Seite steht Partner. Er ist ständig bei ihm, sozusagen, die Assistenz: Freund, Bodyguard, Detektiv, Fahrer, Sekretär, Golfcaddie, Laufbursche. Recherche und Jury-Checking, Schriftverkehr, lässt Sebastian von einer Kanzlei erledigen, die unerkannt nur mit solchen Dingen beschäftigt ist. Die verdienen immer, selbst wenn der Anwalt den Prozess verliert.

Eine Spezialität von Sebastian Rudd ist es, gegen Bullen vorzugehen. Das macht seinen Job noch gefährlicher. Verliert er einen Fall, ein Mafiaboss ist eben wirklich ein Mörder, dann kann es sein, dass dieser vor Wut noch aus dem Gefängnis seine Jungs gegen Sebastian losschickt. Sebastian Rudd berichtet aus seinem Leben. Er erzählt von seinen Fällen, erklärt nebenbei das Rechtssystem. Natürlich hat er auch ein Privatleben, ein kleines zumindest. Geschieden bleiben ihm nur ein paar Tage im Monat, seinen Sohn zu sehen, Exfrau Judith legt ihm Steine in den Weg. Seine Wohnung ist nicht gemütlich, denn er ist oft unterwegs, mit Partner. Der Anwalt interessiert sich für Käfigkämpfe, ist dort engagiert.

Trägheit und Tricks im Justizapparat, bei der Polizei (die hier erschreckend idiotisch dargestellt wird), Korruption, Macht, Manipulation, Ehrgeiz, viele Dinge spielen in einen Prozess hinein. Völliger Irrwitz von Gesetzen wird aufgedeckt. Da ist das Rentnerpaar, dessen Haus mitten in der Nacht von einer militanten Eingreiftruppe (Ortspolizei), einem SWAT-Team, wegen ein paar Drogen gestürmt wird. Erschreckt aufgewacht glaubt der Rentner an Gangster, schießt zurück. Seine Frau wird von der Polizei von Schüssen zersiebt. Verdammt, der Drogendealer war der Nachbarsjunge, der sich in das W-Lan der Alten eingehackt hatte. Das muss vertuscht werden. Der Rentner wird angeklagt, weil er einen Polizisten erschossen hat, in dem Fall gilt keine Notwehr. Und die Polizisten, die seine Frau getötet haben, werden nicht angeklagt. Tut mir leid. Polizisten, die im Einsatz jemanden erschießen, auch wenn wenn es nicht nötig gewesen wäre, dürfen in diesem Bundesstaat nicht angeklagt werden. Wer sagt, das Gesetze gerecht sind?

Der Roman ist nicht einfach eine Aneinanderreihung von Fällen. Grisham schafft es zusätzlich, die Geschichten miteinander zu verknüpfen. Gibst du mir, gebe ich dir ... Jeder hat das Recht auf einen Anwalt, auch wenn er ein Mörder ist. Alle sind vor dem Gesetz gleich. Ein hübsches Märchen. Es gibt keine Vorverurteilung. Noch ein nettes Märchen. Grisham steckt sein Finger in die eitrige Wunden des Rechtssystems, mediale Schlachten, und zeigt einen Polizeistaat Amerika auf. Hin und wieder muss man tief Luft holen beim Lesen. Sebastian Rudd kämpft nicht immer mit legalen Mitteln, er sucht die Lücken im System. Er ist der Gerechte, sagt Sebastian von sich, der, den die anderen nicht mögen, weil er gegen das System kämpft. Sucht er stets Gerechtigkeit? Er tut das, was ein Anwalt erreichen will: Das Beste für seinen Klienten herausholen. So kommt man zum Schluss, Sebastian ist ein Selbstgerechter.

Aber nicht alle Menschen in Justiz und bei der Polizei sind schlecht bei Grisham. Auch sie sind oft machtlos. Ein Anwalt steckt schnell einmal im Dilemma ... Das Mandantengeheimnis besagt, man muss alles für sich behalten ... Für mich eines der besten Bücher von Grisham. Mir hat Sebastian Rudd gefallen. Er ist auch nur ein Mensch.

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85 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 44 Rezensionen

helgoland, thriller, spannung, orkan, anna krüger

Hell-Go-Land

Tim Erzberg
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei HarperCollins, 22.08.2016
ISBN 9783959670463
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

»‚Es ist offensichtlich eine persönliche Sache‘, sagte Paul. ‚Und es steckt offenbar auch ein ganz perfider Plan dahinter. Die Frage ist, was für ein Plan das sein soll.‘«

1890 tauschte England die Insel Helgoland gegen Sansibar an das Deutsche Reich. Nach 1945 nutzten die Briten die Insel als Bombenübungsplatz. In dieser Zeit sprachen die britischen Soldaten auch von »Hell go Land«, vom Land, das zur Hölle geht. Und wer erinnert sich nicht an die Butterfahrten nach Helgoland, mit Eltern und Großeltern, bei denen oft die Hälfte der Passagiere gegen den Wind kotzte. Oft genug musste man umkehren, Ablanden in die kleinen Boote war zu gefährlich, selbst im Sommer. Wieder nichts mit zollfreier Butter und Köm.

Auf dieser rauen Insel platziert Tim Erzberg seinen ersten Thiller. Erzberg hauptberuflich Literaturagent, hat schon mehrere Bücher geschrieben. Diesen Agenten nennt man den »Bestseller-Macher« Hier ist sein erster Thriller. Wer meinen Blog aufmerksam liest, weiss wer dahintersteckt.

Anna Krüger hat sich versetzen lassen, stellvertretende Dienststellenleitung auf Helgoland. Drei Polizisten, zwei Vorgesetzte. Die Polizistin ist auf Helgoland geboren, ihre Eltern sind dort begraben, sowie ihre erste große Liebe. Kontakt hat sie zu niemandem dort. Niemand weiss, dass sie zurückgekehrt ist. Daher ist es erstaunlich, dass für Anna am ersten Tag ein Paket in der Dienststelle abgegeben wurde. Ein Willkommensgeschenk. Der abgetrennte Daumen eines Menschen! Wem gehört dieser Daumen? Ist der Besitzer tot, lebt er noch, ein Unfall, ein Verbrechen? Draußen tobt der Sturm, die letzte Fähre hat abgelegt. Das Wetteramt meldet, die nächsten Tage wird es keinen Kontakt zum Festland geben. Anna erhält Blut-Geschenke. Nun wird es ungemütlich. Die Sache muss persönlich sein. Das kleine Helgoland hat weder einen kriminaltechnischen Dienst, noch gibt es eine Rechtsmedizin, nicht mal einen Pathologen. Die örtlichen Ärzte sind wenig hilfreich. Blutgruppe bestimmen, ja. Das ist fast alles, sie können nicht mal sagen, ob es sich um menschliches Blut handelt oder um Schweineblut. Der Sturm wird heftiger, es gibt Ausgangssperre für die Insel.

Tim Erzberg blättert langsam Annas Vergangenheit auf, bis zum Schluss hält er Einzelheiten zurück, hält den Leser an der Leine. Was ist damals geschehen? Sehr schön beschreibt der Autor die Insel in ihrer Kargheit und in ihrer Schönheit. Behagliches Leben im Sommer, raue Natur im Winter, Salz auf der Haut, Sturm um die Nase, Gischt im Nacken. Wunderbar beschriebene Naturszenen, keine Frage.

Eine spannende Geschichte nach Baukastensystem. Gut zu lesen, aber für einen Top-Thriller muss für mich mehr kommen. Knaller am Anfang, rauf und runter im Maß in der Mitte, persönliche Geschichte aus der Vergangenheit der Hauptprotagonistin, Nebenplot, Cliffhanger, tosendes Ende. Thriller vom Reißbrett. Der geübte Thrillerleser weiss vor der Hälfte, wer der Bösewicht ist, nur noch nicht warum. Das Buch wird bei mir nicht nachhallen. Warum? Mir fehlte eine echte Geschichte. Diese ist schon hundertmal erzählt worden. Für mich braucht ein gutes Buch ein Thema, damit es in meinem Gedächtnis hängenbleibt. Die Figuren waren mir zu flach abgehandelt, ich konnte mir nicht eine einzige vorstellen, mich in sie hineinversetzen, vielleicht ein wenig in Anna. Aber selbst die Hauptprotagonistin kommt mir ein wenig fleischlos herüber. Mir fehlt dem gesamten Buch die Persönlichkeit. Kann man das so sagen?

Der Plot ist spannend. Wer zur Entspannung einen netten Thriller lesen will, ist gut bedient mit diesem Buch.

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Alle Eulen

Filip Florian
Fester Einband: 300 Seiten
Erschienen bei Matthes & Seitz Berlin, 29.02.2016
ISBN 9783957572219
Genre: Romane

Rezension:

Der Anfang: : »Zunächst fiel, nach Neujahr, das Glück vom Himmel. Wahrhaftig.«

Das Buch beginnt mit einem Streich von Lucin, der auch gleich mit einer Tracht Prügel endet. Man fühlt sich an Michel aus Lönneberga erinnert. Emil Stratin kann den Jungen vor dem Schlimmsten bewahren.

Lucin, elf Jahre alt, trifft in den Kaparten auf Emil Stratin, 1940 geboren. Es entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den beiden. Lucin erzählt Emil von seinem Leben, seinen Streichen, Dorftratsch und Emil berichtet von seinem Leben unter der rumänischen Diktatur. So könnte man das Buch kurz zusammenfassen. Schachtelsätze, lange Sätze, empfindet der Leser oft als Zumutung. Hier keinesfalls. In hoher Erzählkunst berichtet Stratin beiläufig über die Zeit der Militärdiktatur Ceaușescus, der Schauer, kriecht dem Leser langsam herauf, bis er ihn erfasst. Emil beherrscht es, mit Eulen zu kommunizieren, was Lucin fasziniert. Der Schrei der Eulen, des Nichtvergessens. Stratins Vater und Großvater waren damals von der Securitate inhaftiert worden. Der Großvater wurde von der Prinzessin gerettet, die sich Ketten und Armbänder wünschte und der Großvater er kundigste Goldschmied war. Der Vater kehrt mit zerstörter Seele heim. Der Kommunismus hatte alles verstaatlicht, Haus, Hof, Tier.

»Wenn man klein ist, kann man Verschleppung für Entspannung halten und ein Arbeitslager für eine Veranstaltung auf der grünen Wiese, später allerdings erscheint einem ein Deutschstämmiger nicht mehr als stämmiger Mensch und ein Donnbass nicht mehr als anhaltend tiefer Ton, das Ächzen, Stöhnen und Schreien aber tönt weiter über Raum und Zeit und gewährt die Einsicht, wieso Lili in der verrückten Welt des Lagers verlangt hatte, mit den Männern zu arbeiten, nachdem sie erfahren hatte, wie viele am Ende der Nachtschicht zu Tode kamen.

Der herzkranke Ingenieur Stratin hat sich in das Kapartendorf zurückgezogen, um seine Memoiren zu schreiben. Lucin ist ein Lausbub mit frecher Klappe, doch nicht ohne gewisse Lebensklugheit. Er wird von seinen Eltern vernachlässigt. Traurig zu lesen, wie ein Anruf einer fernen Tante am Abend die Mutter daran erinnert, dass der Junge Geburtstag hat. Der vom Schnaps abgestürzte Vater muss noch mal aufstehen, den Jungen umarmen und küssen. Wenigstens einmal im Jahr, weil sich das so gehört. Und die Mutter lässt sich dazu hinreißen einen Pfannkuchen zu backen. Geburtstagsfeier zu Ende. Die Geschichte wechselt zwischen Stratins Erinnerungen und den Erzählungen von Emil, seinen Streichen. In letzteren Passagen tritt unverblümter Humor hervor, denn Emil hat so einiges auf Lager. Der Leser erholt sich von schwermütigen und abgründigen Passagen. Doch auch Emil hat schöne Erinnerungen:

»Ihre braunen Locken erinnerten wie gewöhnlich an den Schokoguss auf den Eclairs«

Filip Florian ist Meister der Prosa, der Metaphern.

»Im Übrigen nahm der Abendhimmel die Farbe an, was Stumböen auch für den nächsten Tag ankündigte. Die blauen Stellen schimmerten rosa, die Wolken lila, der Dunst am Horizont spielte ins Weichselrot, und die Zinnen der Gebirge röteten sich, als würden sie mit Paprika gewürzt.«

Anfangs sind die Erzählstränge von Lucin und Emil klar getrennt, wachsen später weiter zusammen. Man erkennt die gediegene Sprache von Emil, und den plappernden Lucin. Doch Lucin verändert seine Sprache, er wird älter, erwachsen. Und so vermengen sich die beiden Erzähler zu einem. Der Leser ahnt, welche Bedeutung das Mädchen Lia für Emil hat und weshalb die Freundschaft zu Lucien ihm wichtig ist. Ein Buch auf hoher Erzählkunst, das man immer wieder in die Hand nehmen kann, immer wieder etwas Neues findet. Prosa vom Feinsten, Bilder, Gerüche, die im Kopf aufgehen, Sätze die auf der Zunge zergehen.

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7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

medien, freiheit, freundschaft, psychogramm, journalismus

Traurige Freiheit

Friederike Gösweiner
Fester Einband: 143 Seiten
Erschienen bei Droschl, M, 05.02.2016
ISBN 9783854209768
Genre: Romane

Rezension:

Dieser Roman hat mich ein wenig ratlos sitzengelassen, zu viele Fragen bleiben offen, ein dünnes Werk, vielleicht darum. Auf keinen Fall kann ich den Hype diverser Feuilletons um das Buch verstehen, schon gar nicht sprachlich. Die Story ist ok, aber bitte, mehr kann ich darin nicht sehen.

Die Geschichte beginnt mit einem Streit.

»Es waren immer die gleichen Sätze, die sie einander gesagt hatten, und immer waren sie bis hierher gekommen. Entweder war Hannah dann wütend ins andere Zimmer gelaufen und hatte kopfschüttelnd die Tür hinter sich zugeknallt oder Jakob hatte sich gekränkt umgedreht und war wortlos gegangen.«

Hannah und Jakob wohnen zusammen, ca. 700 km entfernt von Berlin, wo auch immer. Jakob ist Assistenzarzt, etabliert an der Klinik. Hannah hat ein Studium abgeschlossen (Bachelor? Master?), von dem man nur erfährt, es muss etwas publizistisches sein. Schade. Ein wenig mehr Wissen über die Protagonisten hätte dem Leser beim Verstehen des Buchs weitergeholfen. Nach über 500 Bewerbungen hat Hannah es geschafft. Sie darf in Berlin ein Volontariat absolvieren, ein Praktikum in der schreibenden Zunft, sechs Monate, ev. Verlängerung auf ein Jahr. Die beste Freundin von Hannah (über die erfährt man auch nicht viel) wurde in die Redaktion nach Moskau abberufen, ihre kleine Wohnung steht leer, Hannah braucht nicht einmal Miete zu zahlen. Jakob möchte sie nicht gehen lassen, nicht solange allein sein, stellt Hannah vor die Entscheidung: Praktikum oder er. Sie Situation ist in der heutigen Zeit nicht ganz glaubwürdig, da junge Paare meist ähnlichen Situationen gegenüber stehen. Aber Machos soll es immer noch geben. Jakob bietet an, die Miete der Wohnung voll zu übernehmen. Er sagt nicht, lass mich dir helfen, vielleicht kannst du ein Aufbaustudium draufsetzen, eine Ausbildung. Er sagt nicht, lass uns eine Familie gründen oder irgendetwas in dieser Richtung. Der Leser weiß nicht, wie gefestigt die Beziehung ist. Wie distanziert ist Jakob? Man wird es nicht erfahren.

»Irgendetwas in ihr hatte sie diesen Satz sagen lassen, ebenso ruhig und bestimmt wie Jakob vorhin sein Nein ausgesprochen hatte, als sei sie sich sicher, dass sie sich beide trennen sollten. Dabei wollte sie das doch gar nicht, dachte Hannah dann.«

Hannah geht nach Berlin, absolviert ihr Volontariat. Darüber erfährt man nichts. Leider. Was ist ihre Aufgabe, in welcher Redaktion sitzt sie? Es wäre interessant gewesen, ob sie dieser Tätigkeit gewachsen war, wie viel Druck sie bekommen hat, Überstunden usw. Genau das hätte für mein Verständnis zu den folgenden Ereignissen dazugehört. Das Praktikum ist merkwürdigerweise schon nach acht Wochen beendet, Fehler im Manuskript? Will Hannah zurück? Sie ist sich uneins, zu stolz, zuzugeben: Das war es. Sie bewirbt sich weiter, schreibt kleine Artikel. Worüber hätte der Leser gern gewusst. Irgendwie bleibt Hannah ein leeres Blatt.

Und von nun an lesen wir die Geschichte über eine Depression, die wahrscheinlich schon begonnen hatte, aber der Leser erfährt ja nichts..

»Immer wieder hatte Hannah in diesen Wochen solche kleinen Anfälle von Atemnot gehabt, zuhause, wenn sie im Bett lag und versuchte einzuschlafen. Jetzt war es zum ersten Mal außerhalb von Miriams Wohnung passiert und sehr viel heftiger.«

Der Betroffene bekommt selbst in der Regel von seiner Krankheit nichts mit. Hannah muss nun von irgendetwas leben, darum nimmt sie einen Kellnerjob an. Sie entzieht sich ihrer Umwelt. Sie kennt niemanden in Berlin, möchte niemanden kennenlernen, bereits an den Treffen der Volontäre hatte sie nicht teilgenommen. Hannah steht unter Stress, auch wenn sie das so nicht wahrnimmt, dem Konflikt, zwischen dem, was sie innerlich benötigt und was external von ihr gefordert wird. Sie braucht Selbstbestätigung, muss sich und ihrer Umwelt beweisen, dass sie etwas wert ist, dass sie zum System etwas beiträgt. Sie muss funktionieren, überleben. Hannah lechzt nach Anerkennung zur Stärkung ihrer inneren Sicherheit. Aber da ist niemand. Hin und wieder skypt sie mit Miriam in Moskau, doch die hat eigene Probleme. Weiterhin simst sie jeden Tag mit Jakob, ziemlich oberflächlich. Warum hält er den Kontakt aufrecht, bemerkt als Arzt nicht Hannahs seelische Verfassung? Auch eine Frage, die nicht beantwortet wird. Was kommen muss in der Depression, ist die Phase der Verweigerung, der Rückzug nach innen. Bewerbungen werden nicht mehr geschrieben, auch keine Artikel mehr eingereicht, beides führte ja nur zu negativer Resonanz. Hannah verwahrlost ein Stück. In dieser Phase taucht eine Person auf, die mir in ihrem ganzen Verhalten befremdlich erscheint. Ein älterer, bekannter Journalist aus Hamburg unterrichtet an der Journalistenschule von Berlin, trifft sich hin und wieder mit Hannah. Es entsteht eine ganz sonderbare Freundschaft. Er ist Hannahs Strohhalm. Er könnte ihr beruflich weiterhelfen. Dieser ältere Herr blieb mir ein Rätsel bis spätestens zur Abschiedsszene. Vielleicht interpretiere ich das falsch, für mich ist der Mann eine Vision. Es gibt Formen der schweren Depression oder ähnlich gelagerten Krankheiten, bei denen stellt man sich eine fiktive Person vor, die einen begleitet, weiterhilft. Eine andere Form ist das Stimmenhören.

»Als Hannah jünger war, hatten alle Erwachsenen immer gesagt, sie sei glücklich, gehöre zu der Generation, der alle Wege offenstünden. Man könne alles werden, alles sein, hieß es, alles sei möglich, das sei die totale Freiheit. Aber das stimmte nicht, dachte Hannah, das stimmte überhaupt nicht. Ihr standen keine Wege offen. Niemand brauchte sie. Niemand wollte sie. Sie war zu nichts nutze. Oder stellte sie sich nur besonders dumm?«

Hannah allein in Berlin, erschöpft, mitten in einer Identitätskrise, feiert ihren 30. Geburtstag, einsam in einem Café bei einer Tasse Kaffee und einer Kugel Vanilleeis. Mehr kann sie sich nicht leisten. Dieser Roman handelt von einer schweren Depression oder einer Psychose. Hier geht es nicht um die Generation Praktikum oder das aussichtslose Studium. Das Thema wird niemals behandelt. Eine Krankheit, die in den Genen liegt, irgendwann hätte es Hannah sowieso erwischt bis hin zum Zusammenbruch. Und genau das beschreibt Friederike Gösweiner hervorragend.

»Wie hatte sie nur nicht daran denken können? Wenn alles möglich war, war eben auch das Verlieren möglich. Wie konnten das alle nur vergessen? Wie konnte man denken, dass es immer nur die anderen treffen würde?«

Feine Beobachtung der Autorin setzt sich an einigen Stellen sprachlich durch. Doch in der Gesamtheit hat es mir im Text an Wortkraft gefehlt, an ausgefeilten Sätzen, Stilistik und Rhythmus. Die Autorin ist Journalistin und Lektorin. Die vom Feuilleton hochgelobte sprachliche Kompetenz, wo war sie? Ich hab oft beim Lesen gestutzt, Holpersätze, zu oft. »Hannah wunderte sich über die vollkommene Stille, die da plötzlich war.«; »... der sonst manchmal schon dort saß, wenn Hannah erst um die Mittagszeit kam ...«; »Das hatte ihr auch früher oft geholfen: Wenn ...«

Das Buch ist eine interessante Lektüre, keine Frage. Letztendlich blieben mir zu viele Fragen in der Geschichte offen, um sie ganz zu verstehen. Sprachlich ist das Buch keineswegs der Knaller. Atmosphärisch dicht, in der Darstellung einer psychischen Krankheit, ansonsten hat es mich nicht stark begeistern können.. 

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141 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 20 Rezensionen

david mitchell, fantasy, die knochenuhren, horologe, must have

Die Knochenuhren

David Mitchell , Volker Oldenburg , Anzinger und Rasp, München
Fester Einband: 816 Seiten
Erschienen bei Rowohlt , 11.03.2016
ISBN 9783498045302
Genre: Romane

Rezension:

Wie soll ich dieses Buch beschreiben? Freunde von Stefan King und Harry Potter, ihr werdet euer Vergnügen haben! Anachoreten und Horologen, schon mal von ihnen gehört? Die einen sind die Guten, die anderen die Bösen. Die meisten von ihnen können ewig leben. Doch man kann sie zerstören. Holly Sykes gerät zwischen ihre Fronten. Fantasy, Gegenwart, Endzeitstory, Politik, wo setzt man bei diesem Roman an? Von allem ein bisschen. Diese komplexe Geschichte in eine kleine Inhaltsangabe zu pressen, würde mir Schwierigkeiten bereiten, denn es handelt sich um Geschichten in der Geschichte. Anachoreten und Horologen lauern in jeder Ecke. Niemand weiss etwas von ihnen, niemand erkennt sie, sie sind wie du und ich.

Die Hauptfigur ist Holly Sykes, die schon als Kind Stimmen hört und Ereignisse in der Zukunft sieht, die Radiomenschen in ihrem Kopf. Die Geschichte beginnt 1984 im englischen Gravesend, die Minenarbeiter organisieren sich gegen Thatcher, Hollys Eltern sind Pubbesitzer. Holly, fünfzehn Jahre alt, möchte die Schule abbrechen, doch die Mutter erlaubt es nicht, verbietet ihr obendrein den ein paar Jahre älteren Freund, der als Autoverkäufer arbeitet. Sie packt ihren Rucksack, will beim Freund einziehen, denn der ist ihre Zukunft. Einen Schlüssel für seine Wohnung besitzt sie bereits. In seiner Wohnung angekommen, findet sie ihn im Bett an, zusammen mit ihrer besten Freundin. Die beiden schicken sie zum Brötchenholen. Von der ganzen Welt betrogen, beschließt Holly nun fortzulaufen, in die weite Welt. Sie trifft auf die alte Esther, die ihr Tee anbietet. Und sie bittet Holly, ihr Asyl zu gewähren. Holly lacht und schlägt ein, nicht wissend, was das bedeutet.

Fünf Icherzähler in sechs Kapiteln berichten nun über ihr Leben, alle haben etwas mit Holly zu tun, mit der auch wieder alles endet. Hugo Lamb, ein eingebildeter Cambridge-Student ist der erste, ein ziemliches A...loch und obendrauf ein Betrüger. Ed Brubeck ist der nächste Erzähler, mit Holly verheiratet. Sie haben eine Tochter. Ed ist Journalist, Kriegsberichterstatter im Nahen Osten, süchtig nach seinem Job, findet sich nur noch schwer im realen Leben zurecht. Dann haben wir Crispin Hershey, der Schriftsteller, er steht Hugo Lamb charakterlich in nichts hinterher. Trotz seiner zynischen Lästereien und dem, was einem Kritiker antut, hab ich ihn auf seine Weise gern gehabt, meine Lieblingsfigur. Auch Holly hat ein Buch geschrieben, über die Radiomenschen in ihrem Kopf und über ihre Visionen. Danach befinden wir im Jahre 2025 bei Marinius, über den ich nicht mehr verraten möchte. Nun erfahren wir, was Anachoreten und Horologen sind und was die Knochenuhr ist.

»Wenn man uns kitzelt, lachen wir, wenn man uns vergiftet, sterben wir. Aber nach unserem Tod kommen wir zurück. Wir leben unfreiwillig im Kreis der Auferstehung. Unser neuer Körper wächst heran, altert, stirbt, und - paff - sind wir wieder in der Dämmerung und wachen - wusch - 49 Tage später auf der Erde wieder auf.«

Wir enden 2043 bei Holly im Endzeitszenarium, Ressourcen der Welt sind verbraucht, Strom ein Privileg, kaum noch vorhanden. Willkommen im Mittelalter.

Am Anfang des Romans geschieht nichts Übersinnliches. Es gibt ein paar komische Gestalten, das ist auch alles. Holly erlebt eine merkwürdige Situation mit den Anachoreten und Horologen, die aus ihren Gedächtnis gelöscht wird. Danach geht es real weiter in der Welt von heute, mit allen ihren Problemen. Zwischendurch begegnen wir wiederholt Anachoreten und Horologen, wissen noch nicht viel über sie. Zum Ende hin gleitet der Roman immer weiter in die Fantasywelt und ganz zum Schluss befinden wir uns in einer Dystopie.

»Aber nicht wir haben die Welt kaputtgemacht«, sagt Mo. »Das war das System. Wir konnten nichts dagegen tun.«

Und die Soldaten antworten, nicht sie würden den Leuten ihre Solaranlagen wegnehmen, sondern das System. Niemand fühlt sich schuldig, wenn etwas geschieht.

Apokalypse, Krieg im Nahen Osten, auch politisch hat dieses Buch einiges zu bieten. Aber nie empfindet der Leser den Zeigefinger, den Autor als Prediger. Jeder der Protagonisten erzählt in seiner eigenen Sprache. Über 800 Seiten Spannung und Komik, Kritik an dieser Welt. Cliffhanger, feine Dialoge, spannende Unterhaltung mit kleinen Hieben gegen die Verlagswelt, ein Blick auf die Welt in der wir leben, wie die Zukunft sich gestalten könnte, dazwischen die Wiederkehrer, von denen nicht alle gut sind. Ein gewaltiger Plot mit vielen Einzelgeschichten und Genremix, der aber gradlinig herüberkommt. Nicht gern gesehen in der Verlagswelt wie der Protagonist und Schriftsteller Crispin Hershey erklärt:

»In der Verlagsbranche wechselt man den Körper leichter als das Genre.«
Und Verleger Hal sagt: »Ein Buch kann ebenso wenig halb Mystery sein wie eine Frau halb schwanger.«

David Mitchell kann es! Mitchell erhielt für dieses Buch den World Fantasy Award. Den hat er verdient! 

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wien, ausgrabungen, exorzismus, ermittlungen, krimi

Der Teufel im Glas

Natalie Mesensky
Flexibler Einband: 280 Seiten
Erschienen bei Gmeiner-Verlag, 06.07.2016
ISBN 9783839219157
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

»Anna riss die Geduld. Es fühlte sich an, als ob jemand in ihrem Kopf mit einem Gummiband schnalzte.«

Ein Krimi mit Wiener Charme. In der Michaelergruft von Wien macht die Archäologin Anna Grass eine schreckliche Entdeckung. Eigentlich sollte sie hier Knochen ausheben und umbetten, um Platz für eine Baustelle zu schaffen. Doch nach der Öffnung der Steinplatte liegt die Leiche eines Priesters obendrauf, erst kürzlich verstorben. Die merkwürdige Stellung des Körpers, ein Stein im Mund und die Formung der Hände lässt auf ein Exorzismusritual schließen. Major Paul Kandler übernimmt den Fall und zieht Anna als Beraterin hinzu. Kurz darauf stirbt ein weiterer Priester. Der prominente Wiener Psychiater Kolma mischt sich ein. Gibt es den Teufel und was ist Aberglauben? Für Kandler ist die Sache schnell klar. Wiedergänger, ein Gewäsch für ihn. Er weiß wer der Täter ist, nur muss er es noch beweisen. Sein Kollege Dr. Bauer ist anderer Meinung.
Teufel und Dämonen. Jeder schleppt in diesem Fall seine eigenen Geister mit sich herum. Anna ist noch traumatisiert von ihrem letzten Fall mit Kandler. Sie ist gerade auf dem Weg ihre Ängste zu besiegen, als sie den Toten findet. Alte Narben brechen auf. Sie ist überfordert. Kandler ist mit der Vertuscherei der Kirchlichen überlastet und noch mehr mit dem Aberglauben. Anna wird seitens ihres Schwagers bedrängt, nicht weiterzuforschen, im Namen der Familie. Doch was ist Familie, etwa auch die Angeheirateten der Angeheirateten? Überhaupt Familie, ist man denen gegenüber verpflichtet?

»Du gehörst zur Familie, also benimm dich entsprechend. Wir können keinen Skandal brauchen.«

Noble Wiener Familien mit hübscher Front, hinter den Türen watet man durch Dreck. Natalie Mesensky schafft es, feinfühlig ihre Charaktere dem Leser aufzublättern. Beziehungsgeflechte zwischen Freunden, Eifersüchtelei, Familienabhängigkeit, jeder gegen jeden und alle zusammen. Geschickt zeichnet die Autorin verschiedene Frauenbilder auf, Verhaltensweisen, die es dem Leser an machen Stellen gruseln lässt.

Die Story an sich ist nicht besser als andere. Die Sprache hat es mir angetan, Literatur zeichnet sich durch die Sprachmusik aus, Noten pointiert gesetzt. Beim Lesen hängt ein Wiener Dialekt im Kopf. Die österreichische Sprache und Grammatik kommen nicht zu kurz, sodass man sich auf die Gassen von Wien verschlagen fühlt, in Caféhäuser. Es ist so charmant angelegt, dass man in den Dialekt eintaucht, gleichwohl sämtliche Vokabeln versteht. Ein Glossar am Ende ist nicht nötig. Es ist nicht nur das. Es macht Spaß, diese Beschreibungen und die Tiefe der Ausdruckskraft einzusaugen. Die Autorin ist eine gute Beobachterin und weiß Details gekonnt einzusetzen.

»Sie müffelte nach Lavendel und feuchtem Loden. Kirschroter Lippenstift klebte an ihren Zähnen, und die Kopfhaut schimmerte durch die lila Frisur. Sie plapperte über 15 Themen gleichzeitig in einer Frequenz, die sein Hirn in bleierne Müdigkeit tauchte. Sie war der fleischgewordene Tinnitus.«

Natalie Mesensky schreibt nicht einfach einen Krimi. Kunstgerecht eingesetzte Sprache schafft Atmosphäre, lässt Figuren lebendig werden. Hintergründiger Humor und eine gute Portion Sarkasmus würzen das Menü. Wer neben einem Krimi ein Stück gute Literatur sucht, der sollte an diesem Buch nicht vorbeigehen.


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