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40 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 13 Rezensionen

abenteuer, erwachsenwerden, familienzusammenhalt, fantasie, fantasy, gefängnis, geschwisterliebe, jagen, jugend/kinderbuch, kinder, kinderbuch, königin, prinz, prinzessin, valor

Valor. Die Verschwörung im Königreich

Ruth Lauren , Maren Illinger
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Julius Beltz GmbH & Co. KG, 14.05.2018
ISBN 9783407748522
Genre: Kinderbuch

Rezension:

SPANNENDER AUFTAKT

Den ersten Grund, mich in "Valor - Die Verschwörung im Königreich" zu verlieben, lieferte mir in erster Linie das absolut atemberaubende Cover, das nicht nur wunderschön gestaltet ist, sondern tatsächlich auch so einiges über den Inhalt erzählt ohne gleich allzu viel vorweg zu nehmen. Vermutlich war es der entschlossene Blick der Protagonistin Valor, der mich sofort dazu überredete, zuzugreifen. Und schon nach den ersten Seiten war ich dermaßen in der Geschichte verfangen, dass ich das Buch kaum noch aus der Hand legen konnte. Ohne viel Vorgeplänkel oder langatmige Einführungen in das Leben und den Alltag der Figuren oder eine seitenlange Erklärung, wie die fantastische Welt rund um das Königreich Demidova eigentlich funktioniert, werden wird der Leser direkt in die Geschichte geworfen und hat nur wenig Zeit, sich zu orientieren. Ein solcher Einstieg, der dem Leser wesentliche Informationen nur häppchenweise liefert, kann riskant sein - es kann dazu führen, dass der Autor den Leser spätestens dann verliert, wenn der spannende Auftakt vorbei ist. Ruth Lauren hält das Level an Spannung jedoch, das sie zu Beginn etabliert, kontinuierlich bis zum Ende durch und schafft es mit Leichtigkeit, ihre Leserinnen und Leser an die Seiten zu fesseln. Dass dadurch jedoch viele nebensächliche Informationen verloren gehen, die dafür gesorgt hätten, dass der Plot an Tiefe und Mehr-Dimensionalität gewinnt, war leider vorauszusehen.

KEINE ZEIT, KEINE ZEIT

"Valor - Die Verschwörung im Königreich" handelt einen einzigen Handlungsstrang ab, der zwar gut durchdacht, stellenweise dafür aber recht eindimensional bleibt: Durch die personale Fixierung auf Valor, ihren Mut und ihren Tatendrang bleiben die Nebencharaktere in ihrem Schatten und entwickeln sich nicht zu eigenständigen Figuren mit besonderen Charaktereigenschaften. Ihre Zwillingsschwester Sasha, die für Valor für ihren tollen Charakter und ihre Liebenswürdigkeit und Redegewandtheit sehr bewundert wird, kommt in Valors Abenteuer kaum zu Wort und bleibt eine blasse Schablone dessen, was sie hätte sein können. Die große Zuneigung, die für Valor ausschlaggebend ist, ihr eigenes Leben zu riskieren, um zu Sasha ins Hochsicherheitsgefängnis gebracht zu werden, wird zwar nachdrücklich betont, kommt aber an keiner Stelle so richtig aus dem Text heraus, dadurch dass der Text dem Leser so wenig Zeit gewährt, um Sasha genauer kennen zu lernen. Wir wissen also um Valors Motivation, können sie aber nicht so richtig nachfühlen. Spannend ist das Geschehen zwar trotzdem erzählt, doch der ausschlaggebende, emotionale Hook, den eine Geschichte braucht, um seine Leser auch längerfristig zu beschäftigen, bleibt leider aus.

So hetzt die Geschichte, die sich anfühlt, als habe man sie mit der Schere direkt aus der Mitte des eigentlichen Plots herausgeschnitten - oder zumindest um ein Wesentliches gekürzt, über 320 Seiten hinweg und gönnt dem Leser kaum eine Pause, während man sich wünscht, etwas mehr Zeit mit den Charakteren und der Welt verbringen zu können, um sie besser kennen zu lernen. "Valor" fühlt sich an wie ein spannender Fantasy-Action-Film, aus dem man alles, was irgendwie überflüssig erscheint, herausgekürzt hat, um die 90-Minuten-Marke nicht zu überschreiben. Das macht den Film zwar nicht zu einem schlechten Erlebnis, raubt aber von vorneherein eine Menge Plot-Potenzial.

PANEM MEETS FROZEN

So pauschal kann man die beiden Franchises zwar vielleicht nicht mit "Valor" vergleichen, doch von der Motivik her scheint es mir nicht allzu weit hergeholt. Wir haben zwei unzertrennliche, unerschrockene Schwestern, ein grausames Gefängnis, das all die Missstände im Königreich Demidova in sich bündelt, politische Intrigen und eine Menge Eis und Schnee, die das Vorankommen der Protagonistin noch erschweren. Autorin Ruth Lauren verfügt noch dazu über einen außergewöhnlich schönen Schreibstil, der mit vielen plastischen Beschreibungen und kleinen Nebensächlichkeiten die Figuren und ihre Handlungen zum Leben erweckt. Bis auf ein paar Ungereimtheiten, die vermutlich der Übersetzung zuzuschreiben sind (Valor kämpft im Original mit einem Bogen, im Deutschen jedoch mit einer Armbrust. Die Geschosse heißen jedoch weiterhin "Pfeile", dabei sollten sie bei einer Armbrust eigentlich "Bolzen" heißen.), fließt der Text nur so dahin und man merkt kaum, dass man bereits in wenigen Stunden 200 Seiten weggelesen hat. Valors Willenskraft, niemals aufzugeben, ist geradezu ansteckend und macht "Valor - Die Verschwörung im Königreich" zu einer spannenden und kurzweiligen Leseerfahrung. 

FAZIT

Bei "Valor - Schicksal eines Königreichs" habe ich wie so oft einfach beherzt zugegriffen, als ich das wunderschöne Cover zum ersten Mal sah. Trotzdem ließ mich die Angst niemals ganz los, dass ich mich wieder einmal vom schönen Äußeren habe blenden lassen - meine Befürchtungen haben sich jedoch nicht an einer einzigen Stelle bestätigt. Vielmehr hat "Valor" meine Erwartungen von Anfang an erfüllt. Ruth Lauren besitzt einen fantastischen, lebhaften Schreibstil, der die Charaktere und die Welt geradezu plastisch wirken lässt. Das Buch liest sich unglaublich schnell und gönnt einem mit seinen spannenden Wendungen und Ereignissen kaum eine Pause, auch wenn das Ende der Geschichte bereits zu Anfang recht leicht vorherzusehen ist. Meiner Meinung nach wäre es dem Buch noch besser bekommen, hätte sich die Autorin noch etwas mehr Zeit für die Charakter-Entwicklung und das World-Building genommen. Dann hätte es sich vielleicht mehr wie ein vollwertiger Roman und weniger wie ein schnell abgehandelter Action-Film angefühlt. Den Platz hätte sie auf jeden Fall gehabt. Vielleicht bietet der zweite Band genügend Raum, um dieses Versäumnis nachzuholen.


WERTUNG

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15 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

diversität, frauen, geschichte, graphic novel, portrait

Unerschrocken 1

Pénélope Bagieu , Claudia Sandberg , Heike Drescher
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei Reprodukt, 01.10.2017
ISBN 9783956401299
Genre: Comics

Rezension:

VOM EIGENEN VORURTEIL

Zugegeben, als ich 'Unerschrocken' das erste Mal sah, war ich zunächst skeptisch. Ich kann nicht genau sagen, was es war, das ich davon abgehalten hat, dieses Buch das erste Mal in die Hand zu nehmen. War es das knallige Blau des Einbands? Die Porträt-Karikaturen, die das Cover zieren? Oder meine eigene Angst davor, dass ich mich mit einer großen Anzahl an Frauen vergleichen müsste, die in ihrem Leben so viel mehr erreicht haben, als ich zum jetzigen Zeitpunkt? Vielleicht von allem ein bisschen. Zugleich wirkten die in der Vorschau abgebildeten Zeichnungen und der Aufbau der Panels seltsam minimalistisch - die Seiten machten auf mich einen unordentlichen Eindruck, die Figuren waren nicht auf 'schön' getrimmt, der Hintergrund der Panels gleich ganz weggelassen und überlagert wurden die Bilder von einer für Graphic Novels ungewöhnlichen Menge an Text. Kurz: Der erste Eindruck, den 'Unerschrocken' auf mich machte, war eher schlecht als Recht.

Doch was habe ich mich geirrt?

In insgesamt 15 in sich abgeschlossenen Kapiteln behandelt Zeichnerin und Autorin Pénélope Bagieu das Leben absolut außergewöhnlicher Frauen, die es geschafft haben, sich in einer von Männern dominierten Gesellschaft durchzusetzen, sich allen Vorurteilen zum Trotz vom eigenen Willen und der eigenen Bestimmung leiten ließen und dabei Gutes wie Schlechtes erfuhren. Die schlichten Zeichnungen, die sich über ein Kapitel hinweg an einem zur Person passenden Farbthema orientieren, sind überraschend aussagekräftig - jedes Einzelne von ihnen ist wohl überlegt gesetzt und die Abfolge der Panels spricht derart für sich, dass man die Geschichte auch dann noch ganz gut begreifen kann, wenn man den Text zu den einzelnen Bildern nicht liest. Mit der Zeit entdeckte ich eine unglaubliche Schönheit in der präzise gesetzten Schriftfolge und der den echten Personen so nahe kommenden Karikaturen. Mit jedem Kapitel, das ich abends vor dem Schlafengehen geradezu verzehrte, erkannte ich mehr und mehr, dass es nicht immer die fantastische, überladene und bildgewaltige Illustrationen braucht, um Kunst zu erschaffen. Manchmal liegt die Kunst vielmehr im Feinsinn, in ein Einfachheit und Präzision - und nicht im überbordenden Farbspektakel.

BIOGRAFIEN AUF DEN PUNKT GEBRACHT

Das Leben eines Menschen zwischen zwei Buchdeckeln einzufangen und ihm dabei auch noch gerecht zu werden, ist ein Unterfangen, das nur wenigen begabten Künstlern gelingt. Gleich fünfzehn Biografien in wenigen Worten und Bildern darzustellen, ohne dass es überladen wirkt, dass es zu einem Herunterrattern von Jahreszahlen kommt oder dass man das Gefühl hat, dass etwas fehlt, zeugt von künstlerischem Feingefühl und einem Gespür für das Wesentliche. In kurzen Texten, die die einzelnen Panels begleiten, erzählt Bagieu beinahe nüchtern von Geburt, Leben, Wirken und Tod ihrer Frauen-Figuren und benutzt dabei eine eine Sprache, die so mindestens genauso einfach und schlicht gehalten ist, wie die Zeichnungen ihrer Figuren. Dafür schmücken sich Bild und Text in 'Unerschrocken' gegenseitig, sie ergänzen sich und erzählen dabei Geschichten, die den Leser Schmunzeln und Staunen lassen. Eine gelungene Prise Humor liefern die unter den Erzähltext eingeschobenen Sprechblasen, die den Figuren Leben einhauchen: Während der Erzähltext nämlich über die Personen spricht, kommen sie in Sprechblasen und Randbemerkungen direkt zu Wort, und bekommen somit eine eigene Stimme, die den Leser direkt erreicht - und manchmal sogar direkt anspricht.

Grundsätzlich hatte ich die ganze Zeit über das Gefühl, dass die Geschichten, die Erzählungen, die Figuren und die Geschehnisse mich direkt miteinbezogen, mich teilhaben ließen, mich ansprachen und irgendwie mit mir interagierten. Es war nicht die übliche, irgendwie gleichgültige Rezeption eines Textes, sondern viel mehr ein Dialog mit den Frauen vor meiner Zeit (wobei Leymah Gbowee noch heute für die Rechte der Frauen in Liberia und darüber hinaus eintritt), die mich berührten, mir Mut zu sprachen und mir das Gefühl gaben, Teil einer Bewegung, eines Gefühls, eines Fortschritts zu sein, der auch heute noch immer nicht abgeschlossen ist. Entgegen meiner Angst, ich könnte mich im Schatten dieser Frauen irgendwie minderwertig fühlen, geschah genau das Gegenteil: So viel Selbstbestimmung, so viel Mut, so viel Durchhaltevermögen und Leidenschaft auf einen Blick, in einem einzigen Buch, bestärkt mich auch jetzt noch, einige Tage nachwirkend (und ich hoffe, dass die Wirkung noch ganz ganz lange anhält) in meinem eigenen Sein und Tun, erfüllt mich mit Stolz und Zufriedenheit und erinnert mich daran, dass ich allein diejenige bin, die den Weg bestimmen kann, den ich gehen möchte. 'Unerschrocken' ist das wohl inspirierendste Werk, das mir je begegnet ist.

FAZIT

Trotz meiner anfänglichen Skepsis, die sich vor allem auf das Äußere der Graphic Novel bezog, beendete ich 'Unerschrocken' mit einer Mischung aus euphorisiertem Hochgefühl und einer kleinen Prise Wehmut. Und damit steht mein eigenes Vorurteil dem Werk gegenüber stellvertretend für das Vorurteil, das so vielen Frauen auf der Welt über die Geschichte der Menschheit hinweg zuteil wurde. Ich habe darüber geurteilt, was ich sah, ließ mich von unkonventionellen, scheinbar schmucklosen Zeichnungen und einem irgendwie unordentlichen Panel-Aufbau davon abschrecken, dem Inhalt, dem, was dahinter steht, eine Chance zu geben. Dabei habe ich es nicht bereut, sie ihm gegeben zu haben. Jeden Abend habe ich zwei oder drei Lebensgeschichten von Frauen verschlungen, die es in ihrem Leben niemals leicht hatten und trotzdem das Beste daraus gemacht haben - egal ob aus Gründen der Selbstbestimmung, der Identität, der politischen Überzeugung oder der eigenen Leidenschaft und Liebe heraus. Diese Frauen haben Großartiges bewirkt und ich bin so froh, dass Pénélope Bagieu ihnen mit ihrer Graphic Novel eine Stimme gibt und uns daran erinnert, dass es sie gegeben hat, was sie geleistet haben und welche Wirkung ihre Leistungen für sie selbst und für die ganze Welt gehabt haben. Ich kann diese Graphic Novel absolut jedem ans Herz legen - ich bin sogar der Meinung, das (zumindest) jede Frau ein Exemplar von ihr besitzen sollte. 'Unerschrocken' hat mir nicht nur wahnsinnig viel Spaß gemacht, es hat mich auch in meinem Sein bestärkt und mir gezeigt, wie dumm und sinnlos Vorurteile sind. Ich will in Zukunft unerschrockener sein.


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318 Bibliotheken, 10 Leser, 0 Gruppen, 27 Rezensionen

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Never Never

Colleen Hoover , Tarryn Fisher , Kattrin Stier
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 09.03.2018
ISBN 9783423740340
Genre: Jugendbuch

Rezension:

ZU VIELE KÖCHE VERDERBEN DEN BREI

'Never Never' ist nicht der erste Roman, den ich von der Bestseller-Autorin gelesen habe, wohl aber der erste, den ich von ihrer Autoren-Kollegin Tarryn Fisher in die Hände bekomme. Ich muss gestehen, dass ich das Buch hauptsächlich deshalb gelesen habe, weil es ein 'neuer Hoover' ist, und ich von ihrem bisherigen Werk so absolut hingerissen bin, dass ich keinen Zweifel daran hatte, dass es mir gefallen würde - und beging damit den absoluten Anfängerfehler: Ich schraubte meine Erwartungen viel zu hoch. Nur ein winzig kleiner Teil meiner Leser-Vernunft flüsterte mir zu, dass zu viele Köche in der Regel den Brei versalzen und ich auf eine unangenehme Überraschung gefasst sein müsste.

Dabei fing es gar nicht so schlecht an: Den größten Reiz des Buches macht nämlich die Tatsache aus, dass wir als LeserInnen immer genau so viel wissen, wie die beiden Charaktere, die wir begleiten. In sich abwechselnden Kapiteln folgen wir einmal Charlie und einmal Silas bei der Suche nach ihren Erinnerungen und ihren Schwierigkeiten, sich mit einem blanken Gedächtnis durch den Schul- und Familienalltag zu kämpfen. Die Spannung, die diese Konstellation erzeugt, ist geradezu greifbar und hat mich den ersten Teil des Buches geradezu verschlingen lassen. Noch dazu liest sich Colleen Hoovers Schreibstil leicht und lebensnah: Wenn ich einen Hoover lese, bin ich immer wieder fasziniert davon, wie wahnsinnig leicht es ihr fällt, Situationskomik und Charme mit der richtigen Prise Herzklopfen zu kombinieren, sodass sich daraus Emotionen ergeben, die sich dem Leser fast greifbar präsentieren. 

PERFEKTION UND INKOHÄRENZ

Im ersten Teil des Buches entwickeln Charlie und Silas eine schöne Eigendynamik, die davon lebt, dass sie sich selbst durch den gegenseitigen Umgang miteinander überhaupt erst kennenlernen. Sie charakterisieren sich also selbst: Charlie, die etwas raubeinige, unantastbare, dickköpfige Leseratte, die mehr vertilgen kann, als Silas und sein Bruder Landon gemeinsam - und Silas, der gute Junge aus reichem Hause, der ein gutes Auge für schöne Fotos hat und von seinem Vater gezwungen wird, Football zu spielen. Er ist albern und fantasievoll, liebt Zweideutigkeiten und hat eine Vorliebe dafür, Charlie dazu zu bringen, über ihren Schatten zu springen. Im Grunde waren mir beide Charaktere sehr sympathisch, ich konnte ganz gut über die generischen Attribute amerikanischer Liebesgeschichten hinwegsehen, am wenigsten anfreunden konnte ich mich jedoch mit Silas übertriebener 'Perfektion' in allen Lebenslagen: Er ist nicht nur liebenswert, humorvoll und charmant, sieht toll aus und ist super sportlich (Hey, Captain des Football-Teams, obwohl er Football eigentlich gar nicht leiden kann), er weiß auch absolut immer genau, was er sagen muss, bis hin zu den absolut kitschigsten Liebesbriefen, die ich in meinem Leben jemals gelesen habe. 

" Gestern bin ich treu und brav losgelaufen, um die Chicken Nuggets zu holen, und hab mir dabei einen Großteil des Spiels entgehen lasen. [...] Und das alles nur, weil ich dich so  fürchte  liebe. Sieht so aus, als hättest du mich voll im Griff. Du sahst total sexy aus mit dem ganzen Hähnchenfett im Gesicht. Und wie du das Fleisch mit den Zähnen abgefetzt hast - wie eine Wilde. Mein Gott! Ich will dich auf der Stelle heiraten." (S. 222)

Cringe. Gut, Liebesbriefe gehören vermutlich zum Repertoire einer Liebesgeschichte, aber 'Never Never' ist voll davon und einer ist schlimmer, banaler und fantasieloser als der andere. Am schlimmsten ist es übrigens im zweiten, dem von Tarryn Fisher geschriebenen Teil, in dem sich die Charaktere vollkommen anders anfühlen - statt der im ersten Teil mühsam erlangten Charaktertiefe von Charlie und Silas haben wir hier plötzlich halbfertige Schablonen, die Angewohnheiten entwickeln, von denen vorher keine Rede war, und Eigenschaften verlieren, die Colleen vorher genau abgesteckt hatte: Zweideutigkeiten, schlagfertige Dialoge und humorvolle Wendungen sucht man im zweiten Teil vergeblich. Die beiden Figuren bleiben blass und haben plötzlich keinen Wiedererkennungeffekt mehr, was ich absolut schade finde. Zwei Köche verderben eben doch den Brei.

WENN FANTASTIK ZUR AUSREDE WIRD

Neben schnulzigen Liebesbriefen, die mich bis an die Grenze des Fremdschämens gebracht haben (Briefe eines 14-jährigen Silas, der schreibt als sei er 25 und ein ebenso selbstsicheres sexuelles Begehren zum Ausdruck bringt. Noch vor ihrem ersten Mal. Nein!), entwickelt sich die Geschichte außerhalb des Briefverkehrs nur schleppend weiter. Was am Anfang rasant und spannend beginnt verliert schon nach hundert Seiten an Drive, denn die Gedanken der Protagonisten kreisen wiederholt darum, warum sie alles vergessen haben und warum sie den anderen so toll finden - so wirklich aktiv werden sie in der Sache jedoch nicht. Und dann verlieren sie noch ein paar Mal das Gedächtnis und plötzlich geht alles wieder von vorne los. Dinge, die den Charakteren dann komplett neu vorkommen, kommen einem beim Lesen dann schrecklich wiedergekäut vor. Die Familiengeschichte, die eigentlich Schock- und Drama-Potenzial gehabt hätte bleibt eine reine Nebensache und irgendwie schrecklich langweilig, während die eigentliche Conclusio des Buches, nämlich die auf die Frage, warum sie ihr Gedächtnis verloren haben, abgehoben, schmalzig und naiv bleibt: Der Versuch, ein fantastisches Element in einen realistischen Roman einzubauen, scheitert kläglich und man kann sich eigentlich nur an den Kopf greifen, wie jemand so etwas ernst meinen kann.

FAZIT

'Never Never' von Colleen Hoover will so viel auf einmal und schafft es dabei nicht, auch nur einen Bruchteil davon umzusetzen. Wir haben ein düsteres Familiengeheimnis, Konfliktpotenzial im Freundes- und Familienkreis sowie zwischen den beiden Hauptfiguren, doch nichts davon wird wirklich umgesetzt. Während wir Charlie und Silas im Schulalltag oder auf Stadtbummel begleiten, bekommen wir die eigentlichen Dramen nur indirekt über die schnulzigen Liebesbriefe mit. Es fehlt ein Höhepunkt - zwar gerät Charlie an einer Stelle im Buch sehr wohl in Gefahr, doch löst sich diese am Schluss ohne wirkliche Konsequenzen einfach in Luft auf, bevor das letzte Drittel des Buches reine Turtelei zwischen den Hauptfiguren beinhaltet. Während der Anfang des Buches wahnsinnig vielversprechend einsetzt, verliert man sich in ewigen Wiederholungen, Banalitäten und dem Übergang zwischen zwei Autorinnen, die es nicht schaffen, gemeinsam kohärente Charaktere und eine Geschichte mit einem vernünftigen Spannungsbogen zu erschaffen. Stattdessen haben wir ein Konglomerat an möglichen Plotfäden, die alle irgendwann einfach zugunsten von Schmalz und Schmant und zuleiden der Spannung fallengelassen werden. Auch das 'fantastische' Element des Gedächtnisverlustes hätte eine andere, packendere Wirkung gehabt, hätte man das Ganze fundierter und nicht so schrecklich 'random' aufgezogen. 'Never Never' ist für mich eine Ansammlung guter Ideen, die holprig, schlecht oder gar nicht umgesetzt wurden - und für mich damit nichts weiter als eine Menge verlorenes Potenzial.


WERTUNG

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drachen, fantasy, magie

Nacht der Diebe

Hanna Kuhlmann
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 01.03.2018
ISBN 9783426521212
Genre: Fantasy

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boxen, edda, erwachsenwerden, festival, flucht, hamburg, identität, indianer, jackie, jugend, liebe, mauser, mord, selbstfindung, zöllner

Es war einmal Indianerland

Nils Mohl , , ,
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 01.02.2011
ISBN 9783499215520
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Es war einmal Indianerland (Bd. 1)


Autor
: Nils Mohl
Genre: Jugendliteratur, Slice of Life
Erschienen: 1. Februar 2011
Seiten: 448
Einband: Taschenbuch
Verlag: rowohlt Rotfuchs
ISBN: 978-3-499-21552-0
Preis : 12,99 € [DE], 13,40€ [A]

Rating: ♥♥♥ ♥ ♥


INHALT

"Stell dir vor, du bist 17 und lebst in den Hochhäusern am Stadtrand. Der Sommer ist heiß. Es ist Mittwochnacht, als dir Jackie den Kopf verdreht. Im Freibad. Fuchsrotes Haar. Sandbraune Haut. Stell dir vor, wie dir die Funken aus den Fingern sprühen vor Glück. Und plötzlich fliegt die Welt aus den Angeln: Zöllner erwürgt seine Frau. Edda, die 21-Jährige aus der Videothek, stellt dir nach. Mauser steigt mit Kondor in den Ring. Immer wieder meinst du, diesen Indianer mit der Adlerfederkrone zu sehen. Und dann zieht zum Showdown ein geradezu biblisches Gewitter auf – fühlt es sich so an, erwachsen zu werden?"  - Quelle: Verlag

COVER ♥♥♥

Über das Cover gibt es in diesem Fall nur recht wenig zu sagen: Es ist abstrakt und schlicht gehalten und verrät dadurch nur wenig über den tatsächlichen Inhalt des Buches. Mit dem Titel scheint es zunächst gar nicht zu korrelieren - im Gegenteil -, statt indigener Stereotype finden wir hier eine Darstellung, die ihnen komplett entgegen zu stehen schein: Der Blick in einen pastell-gelben Himmel, gerahmt von Hochhäusern in mattem Grün und knalligem Rot. So untypisch wie in Assoziation mit dem 'Indianer'-Bild des Titels bleibt es auch als Repräsentation eines städtischen Häuserblocks - die geradezu fröhlichen Farben kontrastieren den triste Grau, dass der Betrachter erwartet, geben den beiden Gebäuden einen angenehmen, aber deutlich surrealen Farbton. Mit etwas Fantasie könnte man in der symmetrischen Form der Hochhäuser auch Ansätze einer Federkrone erkennen, wie man sie aus eurozentristischen Karl-May-Adaptionen kennt. Beides passt auf jeden Fall wunderbar zum Inhalt des Buches, der unter anderem zwischen Großstadt-Wüste, kunterbuntem Drogentreiben und einem Indianerhäuptling rangiert. Als Käufer spricht mich das Cover allerdings eher weniger an, eben weil es auf den ersten Blick so schrecklich wenig aussagekräftig ist.

CHARAKTERE ♥♥♥♥♥

Mauser: Wer bin ich eigentlich? Der 17-Jährige Junge aus dem Hochhaus-Block weiß selbst nicht so recht, wohin mit sich: Eigentlich sollte er sich auf den nächsten großen Boxkampf vorbereiten, auf den er sich schon so lange freut, doch dann kommt ihm etwas dazwischen, das niemand hätte ahnen können - sein Vater, Zöllner, tötet im Streit Mausers Stiefmutter und macht sich anschließend aus Angst vor der Polizei aus dem Staub. Von jetzt auf gleich ist Mauser ganz allein auf der Welt und der Vater, von dem er immer dachte, dass er ihm ähnlich sein wolle, lässt ihn im Stich. Plötzlich erkennt er nicht einmal mehr wer er wirklich ist: Im Dialog mit 'Mauser', seinem alten Boxer-Ich und Sohn des Mörders Zöllner, begibt sich das Ich, das einmal Mauser gewesen sein muss, auf die Suche nach sich selbst. Die unterbewusste Verarbeitung der schrecklichen Vorkommnisse passiert dabei so geschickt, dass sie den Leser nach und nach auf die Spur bringt, welche psychologische Anstrengung es für den Jugendlichen kosten mag, diesen Schock zu verarbeiten. Geschickt unterscheidet Nils Mohl zwischen 'Ich', als verletzlichen, unsicheren und konturlosen Kern des Protagonisten, und 'Mauser', als selbstbewusste, starke Maske, die sich das 'Ich' hin und wieder überstülpt, wenn es sich selbst verteidigen muss. In Mauser findet 'Ich' gleichermaßen einen Schutz, etwas hinter dem er sich verstecken, jemanden, den er vorschicken kann, wie auch ein verlorenes Selbst, das es erst noch wiederzufinden gilt. Dabei behilflich sind ihm auch die beiden Mädchen, Jackie und Edda, die ihn in den letzten Tagen dieses Sommers begleiten: Jackie, die so perfekt ist und eigentlich viel besser zu Mauser, dem Abziehbild seines Mörder-Vaters passen würde, und Edda, die dem 'Ich' eigentlich all das gibt, was es braucht: Halt, Nähe, Unterstützung und Gleichberechtigung. Autor Nils Mohl schafft es auf wunderbare, faszinierende Weise diesen Charakter zu porträtieren und ihn dabei zu begleiten, wie aus seinem Ungleichgewicht langsam ein Gleichgewicht wird.

Jackie & Edda: In 'Es war einmal Indianerland' geht es nicht um Jackie oder Edda, nicht um Zöllner oder Ponyhof, es geht um Mauser. Und alle anderen Charaktere erscheinen gegen ihn wie rein funktional gesetzte Figuren, wie Wellen im Ungleichgewicht des Jugendlichen, nicht aber wie individuelle Charaktere. Jackie beispielsweise ist die wunderschöne, perfekte, rothaarige Vorstadtbraut aus dem Villenviertel, die nicht nur leicht zu haben, sondern eigentlich auch ziemlich langweilig ist. Sie bleibt über den Roman hinweg flach und wenig ausgebaut, denn im Zentrum steht Mausers (sexuelle) Gier nach dem, was er sich selbst verwehrt - wir haben also immer wiederkehrende Beschreibungen ihres Äußeren, ihres Geruchs, ihrer Stimme, ihrer Makellosigkeit, und nur sehr selten mal einen Einblick in ihre tatsächliche Gefühlswelt.
Edda dagegen weiß ganz genau, wen sie vor sich hat, als sie Mause in der Videothek das erste Mal begegnet. Mit ihrer Wildschweinbrosche, ihrer Brille, ihren Strickjacken und Kleidchen wirkt sie zunächst wie das genaue Gegenteil von Jackie, hat aber mit der Zeit eine ganz ähnliche Wirkung auf den Protagonisten. Anders als Jackie ist sie nicht einseitig beschränkt und stets auf sich selbst und ihre Schönheit fixiert, sie ist auch Mauser fixiert - und zwar auf das weiche, verletzliche 'Ich', das mit voranschreiten des Romans immer mehr an Präsenz gewinnt. Sie ist liebenswert, intelligent, humorvoll und aufregend im Sinne von 'anders' - und vielleicht auch ein bisschen gruselig, weil sie Mauser geradezu zu verfolgen scheint. Auch wenn wir wenig über ihren familiären Hintergrund erfahren, lernen wir Edda rein gefühlsmäßig wesentlich besser kennen als Jackie, denn sie offenbart ihre Gefühle nicht nur auf handgeschriebenen Postkarten, die sie Mauser immer wieder zusteckt, sie gerät auch als eine der wenigen Figuren im Roman in eine direkte Auseinandersetzung mit ihm.
Die Mädchen stellen beide auf unterschiedliche Weise Lebensabschnitte des Protagonisten dar - anhand ihrer Eigenschaften lassen sich die psychologischen und Reife bedingten Fortschritte Mausers gut ablesen; denn so wie er sich in ihnen spiegelt, spiegeln sie sich auch in ihm wieder.

SCHREIBSTIL ♥♥♥♥♥

Zugegeben, Nils Mohls Schreibstil ist äußerst gewöhnungsbedürftig. Kurze, stakkatoartige Satzstrukturen, knappe Beschreibungen, schlagfertige Dialoge und viele Szenen-Schnitte, die ohne sichtbare Kennzeichnungen durch einen Absatz passieren. Auf diese Weise scheint der Text geradezu vor sich hin zu fließen - und manchmal kennt man sich (zurecht!) in der Zeit- und Handlungsstruktur des Romans überhaupt nicht mehr aus, bevor die einzelnen Fäden am Schluss wieder zusammenfließen. Die jugendliche Sprache ist hier und dort etwas altmodisch, aber im großen und ganzen überraschend natürlich getroffen, sodass ich mich als Mitte-20-Jährige überraschend zuhause gefühlt habe. Bloß, dass der Autor zu lasten der Authentizität beinahe komplett auf Schimpfwörter verzichtet, was der Textästhetik wiederum sehr zu Gute kommt. Während sich der Schreibstil am Anfang noch ungewohnt holprig anfühlt, entwickelte er sich für mich im Lauf des Romans zu einem sanften, fast lyrischen Fluss - ich gewöhnte mich an die Sprache, wie ich mich an den wortkargen, etwas seltsamen Mauser und sein 'Ich' gewöhnte - und die Seiten flogen bloß so dahin, als hätte ich nie etwas anderes getan. Am eindringlichsten fiel mir die großartige Fähigkeit des Autors auf, kleinste Bewegungen und Details in so wenigen Worten und Sätzen zusammenzubringen und trotzdem ein so präzises, natürliches Bild des beschriebenen vor das innere Auge zu projizieren.Ich glaube ich habe noch nie im Leben eine authentischere, natürlichere Darstellung eines Musik-Festivals gesehen bzw. gelesen wie in 'Es war einmal Indianerland' - die Stimmung, die Gerüche, die Eindrücke, die bei einem Festival auf einen einprasseln waren trotz der minimalistischen Beschreibungen so wahnsinnig plastisch, dass man meinen könnte, man stünde direkt hinter Mauser im Matsch.

HANDLUNG ♥♥♥♥

Um der Handlung von 'Es war einmal Indianerland' folgen zu können, muss man dem Buch zunächst etwas Zeit geben. Was wie eine banale, jugendliche Liebesgeschichte beginnt, entwickelt sich im Laufe des Buches zu einer psychologisch so authentischen und spannenden Geschichte über einen Jungen, der erst alles verliert - sogar sich selbst - und dann einen Weg findet, sich auf die ein oder andere Art wiederzuholen, was er verloren hat. Dazu bedarf es allerdings zunächst etwas Geduld, denn der Roman gliedert sich nicht nur in zwei Teile, die jeweils einen Entwicklungsstatus des jugendlichen Mauser darstellen, sondern zunächst auch eine scheinbar beliebige Reihenfolge der Kapitel. Wie bei einem Ton- oder Videoband spult die Geschichte im Erzählstrang vor und zurück, mal bloß 24 Stunden, mal drei, vier oder fünf Tage. Zusätzlich finden innerhalb der Kapitel Zeitsprünge im Sinne von nicht gekennzeichneten Erinnerungen statt, sodass man sich den Roman im Großen und Ganzen wie ein riesiges Puzzle vorstellen kann, dass sich erst mit zunehmenden Lesefortschritt nach und nach zusammensetzt. Ab der zweiten Hälfte des Romans hat man bereits ein ganz gutes Gefühl dafür, was wann wie und wo im zeitlichen Ablauf der Handlung geschehen sein muss, um ein kohärentes Ganzes zu ergeben. Dazu ist aber stets die Mitarbeit und das Mitdenken des Lesers gefragt. Wer sich von der chaotischen Reihenfolge der Kapitel frustrieren lässt, wird es eventuell schwer haben, einen Zugang zum Roman zu finden. Generell ist die Geschichte, die Nils Mohl in seinem Roman erzählt, eine tragische und eine sehr spannende, die leider erst Zeit braucht, um so richtig in Fahrt zu kommen. Ich selbst brauchte mindestens 150 von 350 Seiten, um mich überhaupt orientieren zu können. Es fühlt sich ein bisschen an wie die steile Auffahrt bei einer Achterbahn, die unendlich lange zu dauern scheint - doch was danach kommt, ist die Mühe allemal wert!

GESAMTWERTUNG ♥♥♥♥♥

Ich habe 'Es war einmal Indianerland' im Rahmen einer Vorlesung zu Kinder- und Jugendliteratur und deren filmische Adaptionen gelesen und war zugegebenermaßen zunächst skeptisch, ob dieser Roman etwas für mich ist. Schließlich habe mich (un)wissentlich eher auf fantastische Jugendliteratur spezialisiert, weil mir realistische Jugendliteratur oftmals zu sehr unter die Haut geht. 'Es war einmal Indianerland' geht unter die Haut - aber auf eine positive, fast aufputschende Weise. Ich habe mich nicht nur aufgrund der jugendnahen Sprache und der natürlichen, authentischen Beschreibungen wie zuhause gefühlt, sondern auch, weil ich das Gefühl hatte, dass Autor Nils Mohl hier den Nerv meiner Generation trifft. Schließlich war ich, als der Roman 2011 erschien, 17 Jahre alt. Die psychologische Entwicklung der Selbstfindung ist zwar in Mausers Fall ein Extrembeispiel, betrifft aber - mal mehr und mal weniger - jeden einzelnen Menschen auf diesem Planeten. An viele der Gedanken, Gefühle und Probleme, die der Protagonist mit sich selbst hat, kann ich mich noch heute sehr gut erinnern; manche von ihnen sind vielleicht sogar bis heute noch präsent. 'Es war einmal Indianerland' war für mich, wie bereits beschrieben, eine Achterbahnfahrt: Die Geschichte und ihre Sprache haben lange gebraucht, mich für sich zu gewinnen, aber als ich einmal drin war, wollte ich gar nicht mehr aufhören zu lesen. Für mich ist dieses Buch eine absolute Empfehlung für jeden, der etwas Mut zur Selbsterprobung hat!

Spannung
Romantik
Humor
Gewalt
Action

- Eure Bücherfüchsin

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Wonder Woman - Kriegerin der Amazonen

Leigh Bardugo , Anja Galić
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 06.02.2018
ISBN 9783423761970
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Wonder Woman - Kriegerin der Amazonen


Autor
: Leigh Bardugo
Genre: Jugendbuch, Fantastik, Heroes
Erschienen: 6. Februar 2018
Seiten: 448
Einband: Hardcover
Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-76197-0
Preis : 18,95€ [DE], 19,50€ [A]

Rating: ♥♥♥


INHALT

"Eigentlich will Diana, Tochter der Amazonenkönigin, nur eines: das Rennen gewinnen, in dem sie gegen die schnellsten Läuferinnen der Insel antreten muss. Doch dann erblickt sie am Horizont ein untergehendes Schiff und bewahrt Alia, ein gleichaltriges Mädchen, vor dem Tod. Doch wie Diana vom Orakel erfährt, ist es Alias Bestimmung, die Welt ins Unglück zu stürzen und Krieg über die Menschheit zu bringen. Um dies zu verhindern, reist Diana mit Alia ins ferne New York – und wird unversehens mit einer Welt und Gefahren konfrontiert, die sie bislang nicht kannte ..."  - Quelle: Verlag

COVER ♥♥

Dem Cover von Leigh Bardugos neustem Roman "Wonder Woman" kann ich absolut nichts abgewinnen. Nicht nur das riesige Emblem mit dem Wonder Woman "W", das gefühlt die Hälfte des Bildes einnimmt, auch die schreckliche, schlecht retuschierte Frauenfigur, die darüber thront und anscheinend Diana darstellen soll, wirken irgendwie aufdringlich und zugleich fehl am Platz. Der Dame wurde ein dunkler Schatten über die Augen gelegt, vermutlich, damit man sich das Gesicht der Protagonistin noch immer selbst vorstellen kann - oder sie war vielleicht einfach nicht hübsch genug. Egal wie, die künstliche Verdunkelung der Augen sieht absolut unnatürlich und lächerlich aus und verspielt damit eine Menge Potenzial, ein wirklich schönes Cover zu sein. Auch Schriftart und -farbe des Titels machen diese Verfehlung nicht weg: Der bronzene Orange-Ton, in dem auch Dianas Armreifen gehalten sind, mögen zwar zu ihrem Outfit passen, wirken aber gemeinsam mit dem Mitternachtsblau des Hintergrunds und der gewählten Schriftart irgendwie billig und wenig elegant. Eine Sache kann das Cover jedoch recht gut: Es reicht ein Blick aus, um zu wissen, dass es sich um eine Geschichte mit Wonder Woman handelt - die ikonische Farbgebung und Gestaltung sowie das übertrieben große Wappen lassen daran schließlich keinen Zweifel. Auffällig ist das Cover dadurch allemal.

CHARAKTERE ♥♥♥♥

Diana: Unsere Protagonistin hat es nicht leicht: Statt wie ihre Amazonen-Schwestern auf der Insel Themyscira als Kriegsheldin wiedergeboren worden zu sein, wurde sie von ihrer Mutter Hyppolita aus Lehm geschaffen und auf der Insel geboren worden. Damit steht es ihr noch bevor, sich als wahrhafte Heldin zu beweisen. Als sie eines Tages an der Küste der Insel die gestrandete Alia vor dem Ertrinken rettet, steht sie zwischen denn Stühlen, denn es ist nicht Fremden nicht gestattet, die Insel der Amazonen zu betreten, Alia entpuppt sich auch noch eine größere Bedrohung als zunächst angenommen. Und dennoch will sie ihr Leben um jeden Preis retten. Ihre Reise führt sie damit erstmals in ihrem Leben in die Welt der Menschen - und was sie dort erlebt wird sie für immer verändern. Diana ist eine starke, liebenswürdige und manchmal etwas hilflose Heldin mit einem wahnsinnigen Charme. Die Werte, die sie seit ihrer Geburt auf Themyscira gelehrt bekam, sind ihr so heilig wie jedes einzelne Leben auf der Welt. In Konfrontation mit dem Unbekannten ist sie natürlich ratlos und verwirrt, was immer wieder Situationen hervorbringt, die dem Leser ein Lachen entlocken, ist dabei jedoch nicht so hilflos, dass es für den Leser nervig wird. Leigh Bardugo findet eine gute Waage darin, ihre physisch so übermächtige Heldin an genau den richtigen Stellen auch mal schwach sein zu lassen, um sie den anderen Charakteren, aber auch den Lesern näher zu bringen. Manchmal war mir ihre Loyalität einem Mädchen gegenüber, das sie noch gar nicht so lange kennt, etwas zu übertrieben, andererseits passt diese Eigenschaft wunderbar zu ihrer hinterweltlerischen, teils naiven, teil überzeitlich moralischen Weltauffassung, weshalb ich mich eigentlich nicht beschweren konnte. Diana ist eine sehr angenehme Protagonistin, eine Heldin, wie man sie sich wünscht, aber auch eine Figur ohne viel Tiefe. Eben einfach "leichte Kost".

Alia : Dianas neue Freundin Alia weist dagegen schon eine ganze Menge mehr an psychologischer Tiefe auf. Seit ihrer Geburt trägt sie ein schweres Los und scheint gerade in letzter Zeit besonders viel Pech zu haben: Zu Beginn des Romans wird sie sogar vor der Küste Themysciras schiffbrüchig. Ihr erstes Zusammentreffen mit Diana und den Amazonen, die sie bisher nur aus Mythen und Büchern kannte, wird durch ihren Hintergrund als gewöhnliche Jugendliche aus New York wahnsinnig amüsant. Der Leser kann sich wunderbar in sie hineinfühlen - und durch ihren sehr charmanten Humor werden die Kapitel aus ihrer Sicht, die sich mit denen aus Dianas Sicht abwechseln, zu einer absoluten Lesefreude. Von ihrem über-besorgten Bruder Jason wohlbehütet erlebt Alia ihr ganzes Leben lang eine Form der Unterdrückung und Unfreiheit, die sich so auf ihren Charakter auswirkt, dass sie ihr inneres Potential, eine starke, toughe, junge Frau zu sein, hauptsächlich in Innensichten und erlebter Rede auslebt. Im Verlauf der Geschichte wächst sie nicht nur mit ihrer neuen Freundin Diana fest zusammen, sie wächst auch angenehm über sich hinaus und entwickelt sich zu einer stärkeren, gefestigteren Persönlichkeit als noch am Anfang. Besonders toll fand ich, dass mit ihrer dunklen Hautfarbe als Afro-Amerikanerin geschickt Themen und Probleme der amerikanischen Gesellschaft angesprochen werden, ohne zu stark die Moralkeule zu schwingen. Leigh Bardugo liefert mit Alia genau die richtigen Denkanstöße für Jugendliche und Erwachsene egal welchen Alters oder welcher Hautfarbe.

Nim & Theo: Wie immer wähle ich neben den Hauptcharakteren immer noch mindestens einen Nebencharakter aus, da mir diese in der Regel besonders wichtig sind. In diesem Fall konnte ich mich zwischen den beiden 'Sidekicks' von Alia und Diana nicht entscheiden und möchte sie gerne beide nennen. Nim ist eine kleine, etwas dickliche, fröhliche und selbstbewusste Inderin und Alias allerbeste Freundin. Sie sagt immer geradeheraus was sie denkt, hat ein riesiges Allgemeinwissen und eine schnelle Auffassungsgabe, ist bisexuell und besitzt ein großes Talent als Modedesignerin. Ihre rasanten Dialoge sind geprägt von viel Wortwitz und einer gesunden Portion Sarkasmus, was die Szenen mit ihr unfassbar angenehm zu verfolgen macht. Sie ist ein wahnsinnig moderner, liebenswerter Charakter, der den Roman absolut aufwartet. Mit Theo hatte ich dagegen zunächst meine Probleme: Der afro-amerikanische Junge kommt aus gutem Hause und wurde stets verwöhnt, hat jedoch eine sehr schwierige Beziehung zu seinem Vater. Beschrieben wird er als eher dünn und betitelt sich oft selbst als 'Nerd', der lieber vor dem PC sitzt und Videospiele spielt, als sich den Problemen des Erwachsenwerdens zu stellen. Dafür ist er ein absolut begabter 'Hacker', eine Tatsache, die ich fast schon zu klischeehaft fand, die aber nur am Rande wichtig wird und daher nicht allzu sehr ins Gewicht fällt. Ich konnte ihn zunächst nicht leiden, da er stellenweise eine solche Arroganz an den Tag legt, die mir einfach nicht gefiel - sympathischerweise konnten die restlichen Charaktere damit genauso wenig anfangen wie ich. Leigh Bardugo schafft es also wunderbar, ihn genau so darzustellen, wie er auch auf die anderen wirken soll. Später hatte ich dann einen sehr versöhnlichen Moment mit Theo und halte ihn - ebenso wie Nim - für eine absolute Bereicherung. Auch wenn sein Vater ihm häufig vorwirft, er sei zu nichts zu gebrauchen.

SCHREIBSTIL ♥♥♥♥♥

Ich kenne Leigh Bardugos Schreibstil sehr gut aus 'Das Lied der Krähen', meinem Toptitel aus dem letzten Jahr. Für mich ist sie eine absolut grandiose Jugendbuchautorin, die es ohne große Anstrengung schafft, natürliche, liebenswerte Charaktere zu schaffen, die alle ihre Besonderheiten haben. Gleichzeitig sind sie derart down-to-earth, dass man sich gut vorstellen kann, sie könnten genauso gut nebenan wohnen. Wie viel Gespür sie für charakterliche Nuancen besitzt, zeigt sich besonders darin, dass sie auch in den sich abwechselnden Kapiteln von Diana und Alia jeweils einen anderen Schreibstil verwendet: Zwar sind beide Teile personal und nicht aus der Ich-Perspektive erzählt, doch wird aus dem von ihr verwendeten Vokabular sofort klar, welche der beiden Perspektiven gerade dran ist. Dianas Part ist beispielsweise immer etwas hochgestochener formuliert. Sie benutzt eine eher altmodische Wortwahl und keine Umgangssprache, paraphrasiert dafür viel, weil sie viele Ausdrücke wie 'Aufzug' oder 'Limousine' eben noch nicht kennt. Alias Part dagegen strotzt nur so von modernen Ausdrücken, Anspielungen aus der Popkultur und einer Menge Humor, der Diana beinahe komplett fehlt - das hört sich jetzt allerdings schlimmer an, als es tatsächlich ist, denn auch Dianas trockene Art tut oft genug ihren Teil zu absoluten Situationskomik. Weiterhin zeichnet sich Leigh Bardugos Zeichenstil dadurch aus, dass er wesentlich literarischer ist, als es bei vielen anderen Autoren der Popkultur der Fall ist: Sie rennt nicht durch den Text, sondern lässt sich ausreichend Zeit für Innensichten und Beschreibungen, ohne dabei gähnend langweilig zu werden. Für mich hat sie sich schnell zu einer meiner Lieblingsautorinnen entwickelt.

HANDLUNG ♥♥♥

Ja okay, die Handlung in Wonder Woman war ganz nett, hat mich jetzt aber auch nicht total vom Hocker gehauen. Sie beginnt, wie bei so vielen Superhelden-Geschichten, mit einer Queste, nämlich der, das Alia einen bestimmten Ort der Welt aufsuchen muss, um die absolute Welt-Katastrophe abzuwenden. Zunächst glaubt sie Diana nicht, ist jedoch bald schon sehr motiviert dabei. Fehlen nur noch ein paar actiongeladene Hindernisse, fetzige Dialoge und ein guter Bösewicht und schon haben wir die Rezeptur für einen typischen Marvel/DC-Film. Unterhaltsam, aber eben auch nicht absolut überragend. Wobei die Enthüllung des wahren Bösewichts gegen Ende des Romans auf jeden Fall einen Schockmoment hervorruft und den unaufmerksamen Leser eiskalt erwischt. Der Roman könnte 1:1 so im Kino laufen und würde sich vermutlich wunderbare Quoten einfahren, denn die Rezeptur ist so oft erprobt und Leigh Bardugos Ausführung wirklich gut. Bis auf die eben genannte Szene konnte mich die Handlung jetzt aber auch nicht besonder überraschen - außer, dass es erfrischend viele starke, weibliche Charaktere gibt, die den Männern zeigen, wo die Harke hängt. Ein großer Pluspunkt war für mich das Fehlen einer Lovestory: Zwar gibt es hier und da mal eine Szene, in der sich die Charaktere gegenseitig schöne Augen machen, ansonsten ist die Geschichte absolut schnulzfrei. Die Ablenkung einer amourösen Beziehung würde aus der Wonder Woman Figur auch ziemlich viel Power nehmen. Dann ginge es nicht mehr um sie und ihre Errungenschaften, sie wäre dann ein normales Mädchen wie jedes andere auch - irgendwie entzaubert. Leigh Bardugo hat ein wunderbares Gespür für solche Dinge. 

GESAMTWERTUNG ♥♥♥

Als ich den Roman erstmal in der Hand hielt, wollte ich ihn erst gar nicht lesen. Dann sah ich, von wem er geschrieben worden war und entschied, ihm eine Chance zu geben. Auf den ersten Seiten war ich absolut geflasht von Leigh Bardugos fantastischem Schreibstil und der feinfühligen Zeichnung ihrer Charaktere und der fast greifbaren, plastischen Welt, die sie erschafft. Die anfängliche Begeisterung nahm jedoch bald wieder ab, als ich merkte, dass ich es genauso gut mit dem Drehbuch des nächsten Hollywood-Blockbusters zutun haben könnte. Die Story ist wenig überraschend, die Action-Szenen sind zu einem Großteil wahnsinnig übertrieben - aber ist ja klar, schließlich haben wir es mit einer Heldin mit übermenschlichen Fähigkeiten zu tun. "Wonder Woman - Kriegerin der Amazonen" ist ein guter, unterhaltsamer Action-Held-Roman mit einer großen Prise Humor, viel Spannung und zum Teil überraschend expliziter Gewalt. Besonders genossen habe ich die Problematisierungen am Rande, die den Lesern Denkanstöße zu Themen wie Rassismus im Alltag, Fatshaming, Sexismus etc. liefern, ohne es zu übertreiben und sie zu sehr ins Zentrum zu stellen. Denn allem anderen voran möchte Wonder Woman Jugendliche inspirieren und unterhalten, ohne sie dabei gleich vor eine bombastische Leinwand zu zerren. Und das hat der Roman auf jeden Fall geschafft.


Spannung
Romantik
Humor
Gewalt
Action

- Eure Bücherfüchsin

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World of Warcraft: Traveler

Greg Weisman , Andreas Kasprzak , Samwise Didier
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei FISCHER Kinder- und Jugendtaschenbuch, 27.07.2017
ISBN 9783733503918
Genre: Kinderbuch

Rezension:

World of Warcraft - Traveller (Bd. 1)

Autor: Greg Weisman
Illustrationen: Samwise Didier
Genre: Abenteuer, Fantasy, Jugendbuch
Empfohlenes Lesealter: 10 Jahre
Erschienen: 27. Juli 2017
Seiten: 448
Einband: Broschiert
Verlag: Fischer Verlag
ISBN: 978-3-7335-0391-8
Preis: 12,99€ [D] | 13,40€ [A]

Rating: ♥♥♥♥

INHALT

"Der zwölfjährige Aram hat seinem Vater nie verziehen, dass er ihn und seine Mutter im Stich gelassen hat. Als Kapitän Dorn acht Jahre später plötzlich wieder auftaucht, Aram auffordert, sich seiner Crew anzuschließen und die Meere Azeroths zu durchkreuzen, ist er alles andere als begeistert. Und dann wird das Schiff von Piraten überfallen und Aram ist plötzlich auf sich allein gestellt. Zum Glück ist er im Besitz von Dorns Kompass gelangt. Doch der zeigt dummerweise nicht nach Norden, wie es jeder anständige Kompass tun sollte. Und so führt er Aram nicht zurück in die Heimat, sondern direkt in sein allergrößtes Abenteuer!" - Quelle: Verlag

COVER ♥♥♥♥♥

Das Cover des ersten Bandes von "World of Warcraft - Traveller" ist wunderschön. Als ehemalige und leidenschaftliche World of Warcraft Spielerin sind mir die Artworks des Spiels nur allzu bekannt - und Blizzard-Künstler Samwise Didier schafft es auf wunderbare Weise das fantastische Artwork zum Spiel mit einem bunten, kindlichen Einschlag genau in die Richtung zu drängen, in die das Buch will: Gleichermaßen Spieler des wohl größten Online-Rollenspiels (MMORPG) der Spiele-Branche wie junge Leser ab 10 (bzw. 12) Jahren anzusprechen - oder im besten Fall Leser/innen, die beides in sich vereinen. Ich für meinen Teil liebe das Artwork des Covers: Die geschwungenen und zugleich klaren Konturen, die bunten, aber nicht zu knalligen Farben, die perfekt getroffenen Figuren. Im Vordergrund, ganz unverkennbar und zentral, der Hauptcharakter Aramar Dorn in dem viel zu großen Seefahrer-Mantel seines Vaters mit dem Kompass in der Hand, um dem sich die Geschichte rankt. Links hinter ihm der kleine Murky - ein Murloc, der sich sogar im Spiel selbst einer großen Beliebtheit erfreut und dort als Haustier verfügbar ist. Und rechts hinter ihm der Taure Wildbart, der eins zu eins so getroffen ist, wie ein Taure nunmal auszusehen hat. Was ich nur nicht ganz verstehe ist, warum gerade er es auf das Cover geschafft hat. Wildbart ist kein wesentlicher Nebencharakter und hat nur etwa einen 20-seitigen Auftritt im Buch. Viel eher hätte ich es erwartet, Arams 'Schwester' Makasa oder den Gnoll Hackel auf dem Cover zu sehen, die eine wesentlich größere Bedeutung für Aram haben. Dass Makasas wahres Aussehen für den Leser verschleiert bleiben soll, leuchtet mir ein - es ist sozusagen ein Runnig Gag des Buches. Dennoch halte ich den Tauren weiterhin für eine seltsame Wahl. Vielleicht sind Tauren aber auch einfach spannend anzusehen.

CHARAKTERE ♥♥♥♥

Aramar Dorn: Der 12-jährige Aramar Dorn ist gegen seinen freien Willen Teil der Schiffsmannschaft der "Wellenschreiter", dem Handelsschiff seines Vaters. Nachdem sein Vater ihn und seine Mutter noch vor seinem 6. Geburtstag im Stich ließ und daraufhin nie wieder meldete, ist Arams Wut auf ihn, Kapitän Greydon Dorn, riesig und absolut verständlich. Und dann wagte er es auch noch, eines Tages wieder vor der Tür zu stehen und zu verlangen, das sein Sohn ihn ein Jahr lang auf See begleitet. Zu Beginn des Buches hatte ich meine Probleme mit Aram warm zu werden: Einerseits verstand ich seine Wut auf seinen Vater, der jedoch alles andere als ein böser Mensch zu sein schien, andererseits ging mir seine bockige Art, sein ewiges Selbstmitleid und seine Einstellung, sich nicht einmal zu bemühen, furchtbar auf die Nerven. Dies änderte sich nach etwa einem drittel des Buches, nachdem er und seine Begleiterin Makasa das erste Mal ganz auf sich allein gestellt sind. Statt über Vergangenes und Verlorenes zu trauern, wie ich es eigentlich von ihm erwartet hatte, wächst Aram über sich selbst hinaus und wird - für meinen Geschmack - einen Tick zu schnell erwachsen. Für jüngere Leser bietet der angehende Held aber auf jeden Fall alles was er braucht, um der perfekte Protagonist zu sein: einen gewitzten Verstand, großen Mut, eine gesunde Prise Humor und ein gutes Herz. Zusätzlich besitzt er außerdem das große Talent des Zeichnens - und schafft es spielend leicht, all jene, die er zeichnet, genau so darzustellen, wie sie wirklich sind, oder aber so, wie sie gerne sein würden. Das Resultat seiner Zeichnungen bekommt der Leser parallel zum Text in seitenfüllenden Illustrationen vorgeführt, die - original von Blizzard-Zeichner Samwise Didier - einen wunderbaren Einblick in die Geschichte geben. Die Charaktere werden im Comic-Stil dargestellt und nehmen zwar der eigenen Fantasie das Aussehen der Figuren vorweg, doch empfand ich sie in diesem Fall weniger störend, sondern vielmehr als Gewinn für die Geschichte. Vor allem da sie gleichzeitig als wunderbare Schlüsselelemente den Plot unterstützen. Eine schöne Idee!

Makasa Flintwill: Genau wie bei Aramaer Dorn hatte ich mit Makasa zu Beginn der Geschichte noch so meine Zwistigkeiten. Als 2. Maat des Handelsschiffs ist sie Aram im Rang überlegen und lässt keine Gelegenheit aus, dies zu demonstrieren. Sie hat eine offene Abneigung gegen den Jungen und seine Art, schafft es aber irgendwie nicht, diese mal richtig zur Sprache zu bringen. Außerdem scheint sie ständig mit ihm um die Zuneigung des Kapitäns zu konkurrieren. Sie ist einfach ein typisches Beispiel für 'Harte Schale, weicher Kern', das biestige 17-jährige Mädchen, das alles besser weiß, nur hin und wieder mal nett ist und sich zum Schluss als eine ganz Liebe entpuppt. Trotzdem überraschte sie mich - denn je weiter die Geschichte voran schritt, desto weniger nervig fand ich sie. Makasa ist eine wahnsinnig loyale Seele und eine sehr begabte Kämpferin noch dazu. Dass sie älter ist als Aram und zugleich einen höheren Rang innehat, stieg ihr ab und zu zu Kopf, wohingegen Aram bald lernte, sich ihr gegenüber zu emanzipieren. Ihr mit der Zeit immer freundschaftlicher werdender Machtkampf hatte so immer wieder unfreiwillig komische Momente. Sie mag nicht mein liebster Charakter gewesen sein, aber mit der Zeit kam ich ganz gut mit ihr aus.

Murky: World of Warcraft - Traveller hat eine Menge liebenswürdiger Charaktere zu bieten. Umso schwerer fällt mir die Entscheidung, welchen ich euch hier noch genauer vorstellen möchte. Andererseits fällt es mir dann doch gar nicht so schwer, Murky zu wählen. Der kleine Murloc - eine fischartige Rasse mit lustiger gurgelnder Sprache - ist kein guter Fischer, obwohl er das eigentlich im Blut haben sollte. Stattdessen hat er eine Begabung, sich ständig in seinen eigenen Fischernetzen zu verheddern und sich dabei in brenzliche Situationen zu bringen. Mehr als einmal muss er von seinen neuen "Fronden" vor dem knappen Tod bewahrt werden. Er ist eine unfassbar treue Seele und von einer entzückend kindlichen Naivität, das man ihn als Leser/in ganz einfach ins Herz schließen muss. Da er die Gemeinsprache nicht beherrscht, sondern nur versteht - und andernfalls nur Murloc sprechen kann - sind die Missverständnisse vorprogrammiert, und seine kläglichen Versuche, den anderen Charakteren Gemeinsprache nachzusprechen, sind immer wieder für einen Lacher gut. Sie ziehen sich übrigens durch das ganze Buch und werden vermutlich noch in den nachfolgenden Teilen eine Konstante bleiben. Murky ist einfach nur niedlich und scheint als der perfekte Sidekick einfach aus einem Animationsfilm direkt in das Buch gepackt worden zu sein.

SCHREIBSTIL ♥♥♥♥

Generell liest sich World of Warcraft - Traveller wie ein guter Kinofilm. Die Sprache (auch wenn ich jetzt nur von der Übersetzung sprechen kann. Diese stammt aus der Feder von Andreas Kasprza) ist für einen Jugendroman, der an 10 - 12-jährige Leser gerichtet ist, überraschend melodiös und künstlerisch, ohne dabei an notwendiger Einfachheit zu verlieren. Sie zu lesen ist also nicht nur für Kinder leicht verständlich, sondern auch für Erwachsene ein leichter Genuss. Der Autor schafft es spielend leicht, die Geschehnisse mit Worten so einzufangen, dass sie wie plastisch vor dem Inneren Auge des/der Rezipient/en/in erscheinen und damit wie von einer Leinwand projiziert wirken. Auch ohne Aramars Zeichnungen wäre es ein leichtes, sich die Charaktere und ihre Handlungen bildlich vorzustellen. Ein wenig kritisch betrachte ich jedoch die recht expliziten Formulierungen von Gewalt, die in World of Warcraft - Traveller trotz seiner kindlich anmutenden Ästhetik keine Seltenheit sind. Da fliegen schon Mal Köpfe und Gliedmaßen, es werden Bäuche aufgeschlitzt, Dolche zwischen Rippen gerammt und der Untote verliert ständig seine Gliedmaßen (okay, das ist lustig). Obwohl ich als Erwachsene damit weniger Probleme hatte - und im Gegenteil sogar überrascht war, über die Spannung die das Buch so für mich aufbauen konnte -, halte ich 10 Jährige als Zielgruppe etwas zu jung. Es kommt natürlich immer auch auf den Grad der Aufklärung und der 'Abhärtung' des Kindes an - manche Eltern sind da liberaler als andere - doch für jemanden, der sonst relativ wenig mit Blut und Gemetzel zu tun hat, rate ich, vielleicht noch ein paar Jahre zu warten. Es ist jetzt kein Splatter im Sinne Tarantinos, denn der Autor geht nicht ausführlich ins Detail, aber manche Formulierungen waren doch schon hart an der Grenze. Ein wenig verwirrend waren auch die ständigen Perspektivenwechsel: Der Großteil des Buches beschränkt sich auf die in 3. Person formulierte Perspektive Arams, doch hin und wieder gibt es - zwar in eigenen Absätzen, dennoch gestreut und verwirrend - einen Perspektivenwechsel auf einen der anderen Charaktere (auch der Bösewichte), der dann viel zu kurz ausfällt. Ein regelmäßiger Perspektivenwechsel zwischen zwei oder drei Charakteren hätte ausgereicht, so fühlte es sich manchmal etwas zerschnippselt an.

HANDLUNG ♥♥♥♥

Für mich zog sich die erste Hälfte des Buches wahnsinnig, weshalb ich überraschend lange gebraucht habe, um überhaupt mit den Charakteren und der Handlung warm zu werden. Danach ging alles relativ schnell und ich war zum Schluss sogar etwas traurig, dass es vorbei sein sollte - und wollte am liebsten gleich den zweiten Band in Angriff nehmen (der übrigens schon im April erscheint). Wir haben es bei World of Warcraft - Traveller mit der typischen Heldenreise zu tun: Der junge, unerfahrene Aramar Dorn muss sich von seinem Vater emanzipieren und eine Reise durch Kalimdor, den westlichen Kontinent Azeroths, an der Seite seiner neuen - und alten - Freunde bestreiten. Dabei lernt er immer mehr über sich selbst, das Land, die Völker und vor allem über seinen Vater, lernt, das Gelernte auch umzusetzen, und wächst mit der Zeit zu einer starken Persönlichkeit heran, die im absoluten Kontrast zu dem steht, wie er früher einmal war. Eine Gruppe schräger Bösewichte, die mich irgendwie hin und wieder an Team Rocket erinnert haben, weil ich sie einfach nicht schrecklich finden konnte, darf natürlich auch nicht fehlen. All das ist in keiner Weise neu, auch das Setting in der Welt von World of Warcraft ist keines, das noch nie da gewesen wäre. Wer also total überraschende Wendungen und Charaktere abseits der Prototypen erwartet, wird eventuell enttäuscht werden. Nichtsdestotrotz schafft es Weisman spielend leicht, aus altbekanntem Stoff eine neue, fantastische und für jung und alt spannende Geschichte zu schaffen, die jeden mitreißen kann, der sich ein bisschen auf sie einlässt. Oder einfach ein Fan von World of Warcraft ist.

GESAMTWERTUNG ♥♥♥♥

Ein Gedanke, der mir beim Lesen kam, war: Wie pädagogisch wertvoll kann etwas sein, das junge Leser dazu auffordert, ein Online-Spiel zu spielen, das zugegebenermaßen süchtig machen kann? Aber bei genauerem Hinsehen wurde mir schnell klar, dass das gar nicht der erste Sinn des Buches ist. Die Geschichte wäre auch ohne das Setting eine sehr gute - und es gibt an keiner Stelle im Buch die Aufforderung, selbst World of Warcraft zu spielen. Das hat meinen inneren Kritiker dann doch etwas befriedet. Auch wenn ich als ehemalige Spielerin irgendwie zugeben muss, dass das Buch die Sehnsucht nach Azeroth in mir geweckt hat. Einfach weil die Lore, die Welt, die Völker, die Kulturen und die Geschichten so wahnsinnig ausgefeilt und komplex sind. Weisman lässt es sich nicht nehmen, Azeroth von seiner schönsten Seite zu beschreiben und für Kenner des Spiels die unterschiedlichsten Insider und Easter Eggs zu hinterlassen. Gepaart mit seiner wunderschönen und doch einfachen Sprache, seinen liebenswerten Charakteren (Murky!) und der wirklich spannenden Geschichte, die mich zum Schluss hin einfach nur gefesselt hat, finde ich World of Warcraft - Traveller einfach nur ein gutes Buch, das es meiner Meinung nach verdient hätte, verfilmt zu werden. Nur der für mich sehr zähe Anfang, die zu Beginn nervigen Charaktere und die überraschend explizite Gewalt sind ein Grund für mich, dem Buch nicht die volle Anzahl an Punkten zu geben. Wer Lust bekommen hat, dieses Buch zu lesen, sollte sich auf jeden Fall weiterhin darüber im Klaren sein, dass Erwachsene nicht die erste Zielgruppe für Traveller sind. Wer sich darauf einstellt, kann mit einem spannenden Abenteuer rechnen, das - leicht zu lesen - eine gelungene Auszeit vom schnöden Alltag bietet. 
Ich danke den Fischer Verlagen für das Rezensionsexemplar!
Spannung  Romantik// Humor ♥♥♥ Gewalt ♥♥♥ Action 
- Eure Bücherfüchsin

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17 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

5, fantasy, leann porter, rezension

Die Fährte der Wandler

Leann Porter
Flexibler Einband: 698 Seiten
Erschienen bei Dead Soft Verlag, 01.12.2016
ISBN 9783960890430
Genre: Fantasy

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blue, fantasy, freundschaft, geister, jugendbuch, ley-linien, liebe, maggie stiefvater, magie, rabe, raben, raven boys, suche, tod, wen der rabe ruft

Wen der Rabe ruft

Maggie Stiefvater , Sandra Knuffinke , Jessika Komina
Fester Einband: 496 Seiten
Erschienen bei script5, 09.10.2013
ISBN 9783839001530
Genre: Jugendbuch

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6 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

Der Fledermausmann

Jo Nesbø , Günther Frauenlob , Uve Teschner
herunterladbare Audio-Datei
Erschienen bei TIDE exklusiv, 13.11.2017
ISBN 9783844917079
Genre: Krimi und Thriller

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Outlander - Die geliehene Zeit

Diana Gabaldon ,
Flexibler Einband: 1.232 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 02.11.2015
ISBN 9783426518106
Genre: Historische Romane

Rezension:

Outlander - Die geliehene Zeit (Bd. 2)

Autor: Diana Gabaldon
Genre: Historisch, Abenteuer
Erschienen: 2. November 2015
Seiten: 1232
Einband: Taschenbuch
Verlag: Droemer Knaur
ISBN: 978-3-426-51810-6
Preis: 16,99€ [Print] | 12,99€ [eBook]

Rating: ♥♥♥♥

INHALT

"Schottland, 1968: 20 Jahre nachdem Claire Randall aus der Vergangenheit zurückgekehrt ist, bringt sie ihre Tochter Brianna in die Highlands, denn Brianna soll endlich das Land ihres Vaters kennenlernen. Claire will außerdem die Antwort auf eine Frage finden, die sie seit über 20 Jahren quält: Konnte ihre große Liebe Jamie Fraser die schreckliche Schlacht von Culloden überleben?" - Quelle: Verlag

COVER ♥♥♥♥

Wer meine  Rezension zu Band 1 gelesen hat, der wird wissen, dass ich von seiner Aufmachung nicht allzu begeistert bin: Es ist super schlicht gehalten, was die Farbe zum Hauptmotiv des Covers werden lässt. Dabei sind die leicht aus dem Cover herauskommenden Verzierungen und die aufgedruckte Buchschnalle das einzig Besondere an dem 1200-Seiten-Wälzer, den ich so unter Umständen vermutlich nicht einmal in die Hand genommen hätte, wüsste ich nicht bereits um die Genialität des Inhalts. Das aufdringliche Orange, das den zweiten Band vom ersten unterscheidet, lindert meinen Unmut dabei leider nicht im geringsten. Im Gegensatz zum milden Himmelblau des ersten Bands, fehlt der unnatürlichen Farbe irgendwie die mysteriöse Zurückhaltung. Andererseits, und da bin ich ebenfalls ehrlich, wüsste ich auch nicht, wie sich ein so umfangreiches Buch wie dieses - und jedes weitere der Reihe - gebührend in einem einzigen Cover zusammenfassen ließe. Die Wahl eines schlichten, hübschen Covers mit historisch anmutender Buchschnalle scheint mir daher nach Monaten, die ich mit dem Buch verbracht habe, die richtige zu sein. Bloß die Farbe hätte meiner Meinung nach ruhig etwas weniger grell und unnatürlich ausfallen können.

CHARAKTERE ♥♥♥♥♥

Claire Randall Fraser: Claire ist nach wie vor eine der stärksten, spannendsten und zugleich lebendigsten Frauenfiguren unserer Zeit. Mit dem Scharfsinn und der Stärke einer intelligenten, emanzipierten Frau, wie sie ihrer Zeit (und damit meine ich wortwörtlich ihrer Zeit 1945) um einiges Voraus ist, manövriert sie wie selbstverständlich zwischen den politischen Intrigen und blutigen Ausschreitungen eines Europas im 1800 Jahrhundert - egal ob am Hofe des französischen Königs Ludwig XV. in Paris oder im Matsch zwischen Horden von ungewaschenen Highlandern, Claire bewahrt stets Ruhe, weiß immer Rat und und tut stets was sie kann, um ihre Lieben zu schützen oder zu unterstützen. Und dabei ist sie keineswegs perfekt. Sie begeht sehr wohl Fehler, die ihr im Laufe des Buches äußerst teuer zu stehen kommen. Vermittelt aus ihrer Perspektive erleben wir die Abenteuer von Claire und ihrem Mann im zweiten Band mindestens genauso hautnah, wie noch im ersten - unser Wissensstand ist stets der selbe wie der unserer Protagonistin, wodurch wir gezwungen werden, Intrigen und Erkenntnisse zeitgleich mit ihr zu erfahren, zu verarbeiten und weiterzudenken. Es ist eine Freude, einen so unerschütterlichen Geist wie Claire über tausende von Seiten zu begleiten, mit ihr zu rätseln, zu lieben, zu trauern und jede Gefühlsregung so wahrzunehmen, als sei sie die eigene. Gleichzeitig kann man von ihr unfassbar viel lernen, denn nicht selten unterscheidet sich ihre Reaktion von der eigenen dadurch, dass sie oftmals viel bedachter, viel erwachsener handelt, als man selbst in einer solchen Stresssituation vielleicht gehandelt hätte. "Was würde Claire Fraser tun?" erscheint mir im Hinblick auf eine so wunderbare und vorbildhafte Frauenfigur wie Claire als ein durchaus legitimes Lebensmotto! :)

James 'Jaime' McKenzie Fraser: Wer glaubt, dass ich in Hinblick auf Claire schon zu sehr ins schwärmen geraten bin, der sollte diesen Teil möglicherweise überspringen: Was gibt es über Jaime Fraser mehr zu sagen, als dass er ein absolut unrealistisches, viel zu perfektes Männerbild suggeriert, das einem im Leben nichts anderes als falsche Hoffnungen machen kann? Nein, mal im Ernst - Jaime ist einfach ... Jaime. Er entspricht nicht nur äußerlich den feuchten Träumen einer jeden Frau (hochgewachsen, breitschultrig, hünenhaft, muskulös, rothaarig, blauäugig, hübsch, stark, kampferprobt, ...), er besitzt auch einen beinahe makellosen Charakter. Er ist wild, entschlossen, stark, scharfsinnig, humorvoll, kindlich, manchmal etwas hilflos naiv, folgt jedoch immer seinem unanfechtbaren Moralkodex ... ist ja gut, Jaime ist einfach perfekt. Und während ich mich in anderen Büchern oftmals darüber aufrege, so kann ich nicht anders, als ihn dafür zu lieben. Bei Diana Gabaldon heißt perfekt nämlich nicht zwangsläufig makellos. Jaime kann nicht alles, er weiß nicht alles und er begeht, genau wie Claire, Fehler, die ihm den Kopf kosten können. Obwohl er wie der wahrgewordene Traum erscheint, bleibt er in seinem Charakter stets menschlich, nachvollziehbar und angreifbar, er wirkt lebendig, wie eine Figur, die es so tatsächlich einmal gegeben haben könnte. Diese Gratwanderung ist es, die Diana Gabaldons Romane so erfolgreich machen: Ihre perfekten Charaktere sind nicht unerreichbar und übermenschlich, sondern vermitteln das Gefühl, realistisch und echt zu sein, so als bestünde die Hoffnung, einem Jaime oder einer Claire irgendwann einmal zufällig auf der Straße zu begegnen. Der zweite Band vermittelt dieses Gefühl sogar noch wesentlich mehr, als es der erste getan hat.

SCHREIBSTIL ♥♥♥♥

Diana Gabaldon bleibt ihrem Schreibstil im zweiten Band mehr als nur treu. Ich habe selten ein Buch lesen dürfen, das so detailliert geschrieben und dabei so feingliedrig durchdacht ist. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie viele hundert Stunden die Autorin damit verbracht haben muss, all diese kleinen historischen Details rund um Heilkunde, Kräuterkunde, Kriegskunst oder Kochkunst des 18. Jahrhunderts in Frankreich und Schottland zusammenzusammeln und unbemerkt in ihren Roman einflechten zu lassen. Sicher, viele dieser Details könnte sie sich auch ausgedacht haben, dafür erscheinen sie mir jedoch zu durchdacht und gleichermaßen realistisch. Beantworten kann dies nur ein Experte in Sachen schottischer bzw. französischer Geschichte - und da ich ein solcher nicht bin, vertraue ich auf meinen gesunden Menschenverstand und das Know-How, das ein Autor bzw. eine Autorin mitbringen muss, die sich selbst aufbürdet, einen so detaillierten historischen Roman zu verfassen. Zugegebenermaßen war es mir an Detailbeschreibungen in diesem Band manchmal um einiges zu viel - gerade in den Passagen, in denen Claire von den wahren Geschehnissen abgeschnitten bleibt, eben weil sie nur eine Frau ist, und stattdessen Bankette besucht oder grausige Wunden behandelt, waren voll von interessanten, aber Reiz überflutenden Informationen, die die Handlung nicht so recht weiterbrachten. In diesem Fall wirkte die Perspektive, die bis auf die Anfangs- und Endkapitel ausschließlich auf Claire festgesetzt ist, einschränkend für die Leseerfahrung. Viel lieber hätte ich mehr über die Verhandlungen und Gespräche erfahren, die Jaime  in dieser Zeit geführt hat. Der hohe Detailgrad führte bei mir auch dazu, dass ich regelmäßig ermüdete, weil sich die eigentliche, die spannende Handlung so sehr in die Länge zog. Ein Jahr habe ich gebraucht, um die 1200 Seiten hinter mich zu bringen - und es hat sich definitiv gelohnt. Einfach zu lesen war es für mich jedoch nicht immer.

HANDLUNG ♥♥♥♥

Durch diese wahrlich große Leistung sehr detaillierter Beschreibungen zog sich die Handlung eben phasenweise um einiges in die Länge. Besonders Anfang und Ende sowie einige Passagen in Paris sind zum Teil sogar fürchterlich anstrengend, dass ich das Buch zum Teil mehrere Wochen weglegen musste, bevor ich es wieder in die Hand nahm. Die einzelnen Handlungsstränge, die parallel zur Haupthandlung ablaufen, sind so verworren und an so viele einzelne Namen geknüpft, dass es nicht ungewöhnlich ist, vieles nicht gleich beim ersten Lesen miteinander in Verbindung zu bringen. Gerade in Bezug auf die Pariser Intrigenschmiede eröffnet sich einem vieles erst beim zweiten Mal lesen, da bin ich mir relativ sicher. Die Handlung, der Plot, ist daher zwar in zwei bis drei Sätzen zusammengefasst (Claire und Jaime reisen nach Paris, um Bonnie Prince Charlie aufzuhalten), das gesamte Ausmaß der 1200 Seiten lässt sich jedoch nur schwer Revue passieren, ist wirr, durcheinander und von vielen Reisen, vielen Rückschlägen, vielen Abstechern, Umwegen und Gefahren geprägt. Und das ist mindestens genauso anstrengend, wie es sich jetzt gerade anhört. Hätten wir es jedoch mit einer einfachen, linearen Handlung zu tun, die ohne Umschweife auf 400 Seiten erzählt würde, so würde doch etwas fehlen. Der hohe Detailgrad, die zeitnahe, verworrene Erzählung und die hundertfachen Schleifen, die die die Handlung dreht führen erst zu der unfassbaren Nähe, die man zu den Charakteren und ihren Schicksalen erfährt. Mit Abschluss des Buches fühlt sich der Leser letztlich dann so erschöpft und durch die Mangel genommen, als hätte er das Chaos des Krieges und die Irrfahrten von Jaime und Claire am eigenen Leib erfahren.

GESAMTWERTUNG ♥♥♥♥

Alles in allem hat mir der zweite Band der Outlander-Saga nicht ganz so gut gefallen, wie der erste. Dies lag hauptsächlich daran, dass der Detailgrad, die Verworrenheit und die kleinteiligen Beschreibungen für mich einfach ein bisschen zuviel an "Zuviel" waren. Während ich mit Claire also im politischen Sumpf am französischen Hof feststeckte, wollte ich mit ihr eigentlich viel lieber zurück nach Schottland. Die vielen hundert Namen und Gesichter, die ich mit genausten Beschreibungen während des Lesens kennengelernt habe, hatte ich nach den nächsten dreißig Seiten bereits wieder vergessen - und nur ein paar wenige sind mir letztlich im Gedächtnis geblieben. Doch alles hat seine guten und schlechten Seiten: So wäre Outlander ohne Diana Gabaldons außergewöhnlichen Schreibstil nicht Outlander. Es würde sich nicht so anfühlen, als stecke man mitten im Geschehen und als erlebe man alles hautnah mit, würde sie nicht so unfassbar viel Zeit in Gefühle, Gesichter und Beschreibungen stecken. Claire, Jaime, Charles und all die anderen Charaktere, die wir im Verlauf des Buches kennenlernen, würden sich nicht so unfassbar echt und lebendig anfühlen, wenn nicht durch die Kunst der Autorin, alles lebensgenau beschreiben zu können. Auch wenn das Buch meiner Meinung nach seine Längen hatte, so war der Großteil doch so spannend, atemberaubend, leidenschaftlich und dramatisch, wie ich es noch aus dem ersten Band großteils gewohnt war. Und nachdem es bereits 8 Bände der Outlander-Saga gibt, habe ich noch lange nicht das Gefühl, genug von Jaime und Claire zu haben. Nach der großen Anstrengung, die mich dieses Buch gekostet hat, werde ich jedoch erstmal eine kleine Pause brauchen, bevor ich mich erneut in die Gesellschaft der Sassenach und ihren Highlandern begebe. 


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Romantik 
Humor 
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Iskari - Der Sturm naht

Kristen Ciccarelli , Astrid Finke
Fester Einband
Erschienen bei Heyne, 02.10.2017
ISBN 9783453271234
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Iskari - Der Sturm naht (1)

Autor: Kristen Ciccarelli
Genre: Fantasy, Romance, Jugendbuch
Erschienen: 02.10.2017
Seiten: 582
Einband: Hardcover
Verlag: Heyne fliegt
ISBN: 978-3-453-27123-4
Preis: 16,99€ [DE] | 17,50€ [A]

Rating: ♥♥♥♥


INHALT

"Als kleines Kind lockte Asha einst Kozu herbei, den mächtigsten aller Drachen. Er gab vor, ihr Freund zu sein, doch dann flog er auf und vernichtete mit seinen mörderischen Flammen Ashas Heimatstadt. Um die unverzeihliche Schuld, die sie damit auf sich geladen hat, zu sühnen, ist sie eine Iskari geworden, eine Drachentöterin – die beste und mutigste. Doch ihre größte Prüfung steht noch bevor. Denn ihr Vater, der König, stellt ihr ein schreckliches Ultimatum. Entweder befreit sie das Land endgültig von Kozu – oder sie muss den ihr verhassten Jarek heiraten. Aber Kozu ist unbesiegbar, der Kampf mit ihm selbst für eine Iskari viel zu schwer. Doch Asha ist nicht allein, denn plötzlich stellt sich jemand an ihre Seite. Jemand, der sie noch nicht einmal ansehen dürfte: Torwin, der geheimnisvolle Sklave Jareks …" - Quelle: Verlag

COVER ♥♥♥♥

Das Cover von "Iskari - Der Sturm naht" ist unglaublich schön. Als ich das letzte Mal durch meinen Stammbuchladen schwadronierte, fiel mir dieses Buch unter all den Neuerscheinungen am meisten auf. Die schönen, vollen Lippen einer jungen Frau sind hier in geradezu erotischer Weise an ein großes, äußerst scharf aussehendes Messer gepresst. Während die gesamte Komposition in ein elegantes Grau getaucht ist, ist die Haut des Mädchens mit hübschem goldenen Staub versehen, der die selbe Farbe trägt, wie der Titel. Kennt man das Buch, wird einem schnell auffallen, wie stark das Cover die Geschehnisse des Romans widerspiegeln ohne dem unwissenden Leser das Lesevergnügen zu verderben. Mir wäre dieses Cover durchaus vier Herzen wert, hätte ich nicht das originale Cover der englischen Version gesehen. Dort trägt das Mädchen ein ganz anderes Messer an den Lippen - ein hübsches, zweischneidiges und ornamentiertes Messer, das stärker an den Orient erinnert, als das der aktuellen deutschen Ausgabe. Ich nehme an, dass man hierzulande Probleme mit dem Copyright bekam. Bedauerlicherweise hat man keinen allzu schönen Ersatz gefunden, denn dieses Messer erinnert bloß an ein langweiliges, einfarbiges Fleischermesser, wie man es in deutschen Küchen nur allzu oft findet - nicht aber an die Waffe einer orientalischen Kriegerin. Auch wenn die Komposition an sich stimmig ist, muss ich hierfür einen Punkt Abzug geben.

CHARAKTERE ♥♥♥

Asha: Ich gebe zu - ich mochte Asha gerade zu Beginn des Buches kein Bisschen. Als Iskari hat sie in ihrem Leben eine schwere Bürde zu tragen, die sich nicht nur als Narben auf ihrer Haut, sondern auch in der Interaktion mit anderen Charakteren zu erkennen gibt. Und auch wenn ich die psychologisch gut hergeleitete Begründung für ihr kühles Verhalten und unnahbares Geplänkel gut nachvollziehen kann, ging sie mir die meiste Zeit einfach auf die Nerven. Es war einfach viel zu früh bereits abzusehen, dass sich hinter ihrer harten Schale ein viel zu weicher Kern befindet. Ich habe ihr die starke Kriegerin, die unnahbare Prizessin, einfach von Anfang an nicht abgenommen. Sie schafft es weder, Drachen zu erlegen, ohne dabei fast in Ohnmacht zu fallen, noch weiß sie sich gegen ihre männlich bestimmte Familie zu behaupten. Sie ist von Anfang bis Ende des Romans ein Spielball männlicher Interessen, schwört, die stärkste und beängstigendste Drachentöterin zu sein und kuscht dennoch vor ihrem fanatischen Verlobten, der sie für nicht viel mehr hält, als ein hübsches Stück Fleisch. Asha schafft es nicht, auf den Tisch zu hauen und sich aus eigener Kraft aus ihrer misslichen, unterdrückten Lage zu befreien - sie braucht einen (zugegebenermaßen hinreißenden) Mann dafür. Und selbst für dessen wahre Worte ist sie bis zum Schluss blind. Was ich wahnsinnig schade finde, denn in der Danksagung des Buches behauptet die Autorin, ihr Leben lang von starken Frauenfiguren in Film und Buch inspiriert worden zu sein Prinzessin Mononoke, Éowyn, Mulan, Xena... Ich erkenne keine dieser Figuren in Asha wieder. Ihre aufgesetzte Art, ihr durchdringendes Selbstmitleid und ihre leicht zu manipulierenden Gedanken waren einfach zu präsent, um in mir als Leserin irgendeine Form der Verbindung herstellen zu können, die der zu ihren geistigen Vorfahren auf irgendeine Weise gleichgekommen wäre.

Jarek: Ashas gewalttätiger und fanatischer Verlobter machte als Figur für mich wenig Sinn. Er kam mir rein instrumentalisiert vor. Er kommt mir weder besonders hell im Kopf, noch in seiner Figuren-Motivation besonders stimmig vor. Jarek ist unnötig gewalttätig und trägt eine Spur des Bösen in sich, von der niemand weiß, woher sie rührt. Er war für mich als Leser unglaublich unnahbar und nur dazu da, Spannung, Angst und Frust zu erzeugen. Ich kann nicht einmal viel zu seinem Charakter sagen, außer dass seine machohafte und machtgierige Art alles ist, was ihn ausmacht. Aber einen guten "Bösewicht" macht nicht allein seine Skrupellosigkeit und Boshaftigkeit aus - ein guter Bösewicht hat Gründe für seine Düsternis, für seinen Hass und seine Taten. Vielleicht ist er aber auch nur ein gefühlskalter Psychopath - aber um das beurteilen zu können, geht sein Charakter nicht ausreichend genug in die Tiefe. Für mich war Jarek einfach nur ein Stereotyp, der Mann, vor dem eine Jungfrau in Nöten, wie sie Asha schließlich ist, eben einfach gerettet werden will, weil sie sich selbst nicht wehren kann. Weil sie ihm nicht selbst sagen kann, dass er ein sexistischer, aufgeblasener Versager ist, der keine Macht über sie hat. Aber nein, dazu ist die ach-so-große Drachentöterin dann irgendwie doch zu feige (und das, obwohl er und sie gemeinsam aufgewachsen sind ...). Und das Schicksal, das Jarek gegen Ende des Romans widerfährt, widerspricht seiner bedrohlichen Stärke und seiner sonstigen Übermacht in jedweder Weise. Jarek ist immer nur dann schwach, wenn die Autorin einen Grund braucht, ihre Helden aus einer misslichen Lage zu befreien. Und immer dann übermächtig, wenn ihr kein anderes Mittel einfällt, um Spannung aufzubauen. Auf mich wirkte das ganze äußerst unausgeglichen.

Torwin: Der Skral Torwin hat für mich das Buch gerettet. Er stellt eine komplett andere Form der Männlichkeit dar als beispielsweise Jarek, der eiskalte, machohafte Ritter, oder Ashas Bruder Dax, der goldene, strahlende Held. Torwin ist weder besonders stark, noch besonders kampferprobt. Er ist weder machohaft noch unterdrückend, er ist nicht männlich in einem hegemonialen Sinn, sondern ein weicher, zartgliedriger, liebevoller Lautenspieler. Er näht, er singt, er musiziert, er tanzt. Er verarztet und beruhigt. Er schafft die schönsten Kleider. Und seine bevorzugte Waffe ist der Bogen, nicht das Schwert. Doch dabei bleibt Torwin doch immer männlich, strahlt eine so schützende Ruhe aus, dass man sich als Leserin gerne mal danach sehnt, in die Arme eines solchen Mannes zu fallen. Torwin muss sich nicht behaupten: Nicht in seiner Männlichkeit, nicht in seiner Macht, nicht in seiner Stärke. Alles was er sich wünscht, ist frei zu sein. Er kennt seine Schwächen und er akzeptiert sie, so wie er die Schwächen der anderen um sich herum akzeptiert. Für mich ist Torwin einer der wertvollsten Charaktere, die ich seit langem kennenlernen durfte - und ich bin der Meinung, dass die Autorin es mit ihm geschafft hat, das zu erreichen, was sie eigentlich mit Asha vorhatte zu tun: Nämlich einen Charakter zu schaffen, der die (leider noch immer allzu gängigen) Geschlechterkonventionen aufzubricht und sich selbst neu erschafft.

SCHREIBSTIL ♥♥♥♥

Kristen Cicarelli besitzt einen einfachen, zauberhaften Schreibstil. Sie schafft es, mit den wenigen Worten eines Jugendbuchs ganze Welten zu erschaffen, glaubwürdige Details zu erschaffen und Stimmungen zu transportieren, die den Leser lange nach dem Lesen nicht mehr loslassen. Die Welt und ihre uralten Geschichten sind ganz toll konzipiert und lesen sich zum Teil so authentisch wie die Märchen aus 1001 Nacht. Ihr gelingt es, eine hybride Welt zwischen westlicher und nahöstlicher Kultur so zu vereinen und neu aufzubereiten, dass sich Leserinnen und Leser beider Kulturen auf ihre weise angesprochen fühlen können. Dabei fällt die klassische Fantasy jedoch fast über die Tischkante: Die viel zu wenig detaillierte Beschreibung der Drachen, die an einigen Stellen fast in kindlichen Ton abrutscht, erinnert viel mehr an die Kuscheldrachen aus DreamWorks "Drachenzähmen leicht gemacht", als an starke, ehrfurchtgebietende, gefährliche Echsen der Lüfte. In diesem Zusammenhang sind mir auch viele Wiederholungen aufgefallen (Drachen, die den Kopf schieflegen; Drachen, die Hände anstupsen), die so wirken, als seien der Autorin nach einiger Zeit die Ideen ausgegangen. Meiner Meinung nach wurden die Textbeschreibungen den Drachen, wie sie nach den Erzählungen innerhalb des Buches eigentlich sein sollten, in keiner Weise gerecht. Im Gegenteil: Sie werden zu einfachen Tieren degradiert.

HANDLUNG ♥♥♥♥♥

Während sich der Anfang des Romans noch etwas zieht, nimmt der Plot der Geschichte dann relativ schnell Fahrt auf. Spätestens ab der Hälfte entwickelt Iskari einen solchen erzählerischen Sog, dass man das Buch kaum noch aus der Hand legen möchte. Ein Plottwist jagt den nächsten, ein Abenteuer das andere. Und obwohl Liebe und Vertrauen eine wesentliche Rolle spielen, hatte ich nie das Gefühl, dass die sich anbahnende Liebesgeschichte das epische Geschehen beeinflusst oder hemmt - sie fügt sich wunderbar in das Plot-Gefüge ein und lässt Platz für anderes, nimmt nicht den gesamten Raum ein. Die toll inszenierte Welt und ihre Lore spielen dabei eine wesentliche Rolle in der Spannungserzeugung: Während die Geschichte der Gegenwart den roten Faden bildet, wird eie Kapitel abwechselnd von alten Geschichten über die Mythologie und die Vergangenheit durchzogen. Diese Geschichten lesen sich kurzweilig wie abgeschlossene Märchen und haben auf ihre Art immer einen direkten Impact auf das Geschehen der Gegenwart. Die dadurch erzeugte Vielschichtigkeit macht das Lesen, Eintauchen und Verbindungen knüpfen für den Leser zu einem wahren Fest. Lediglich Gegen Ende hin läuft es für die Helden des Buches ein wenig zu schnell zu glatt, die Anfangs angeführte Bedrohung scheint plötzlich gar nicht mehr so bedrohlich zu sein, im Gegenteil: Sie ist sogar relativ schnell gebannt. Für das Gesamterlebnis halte ich diese Plot-Entscheidung jedoch nicht für allzu entscheidend, denn es bleibt immer noch eine große Freude, die Geschichte von Anfang bis Ende zu verfolgen.

GESAMTWERTUNG ♥♥♥♥

Iskari - Der Sturm naht ist für mich ein sehr gutes Buch, das mich über viel Stunden hinweg sehr erfreut hat. Es ist wahnsinnig fantasievoll, von Anfang bis Ende spannend und vergleichsweise relativ wenig vorhersehbar. Die Emotionen, die die Autorin mit ihrer Sprache und ihrem guten Gefühl für Stimmung und Charakter-Chemie zu transportieren weiß, sind geradezu greifbar packend und halten die Leserin spielend leicht in der Geschichte. Und das, obwohl Hauptperson Asha alles andere als sympathisch geschweigedenn authentisch konzipiert ist. Ihre schwermütige, selbstmitleidbesudelte Art ist auf Dauer mindestens so anstrengend wie ihr kläglich scheiternder Versuch, eine starke weibliche Hauptfigur zu sein. Ihr männlicher Gegenpart Torwin erweist sich in dieser Hinsicht als wesentlich besser gestaltet: In ihm brechen tatsächlich einige Normen der generischen Männlichkeit auf. Auch wenn mir die Drachen und ihre Beschreibungen im Buch nur wenig gefallen haben, weil sie mich zu stark an eine für Kinder gestaltete Fluff-Version der Echsen erinnern, so war doch der Rest des Buchs flüssig, fantasievoll und spannend zu lesen. Zu einem wesentlichen Teil tragen dazu die alten Geschichten bei, die wie einzelne, für sich stehende Märchen das Buch durchziehen und immer neue Abschnitte einleiten. Für mich war Iskari eine schöne Leseerfahrung, die mir Lust auf den Orient gemacht und mich in eine bislang unbekannte Form der High Fantasy entführt hat. 


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bande, ermittlung, experiment, fall, freundschaft, insel, jugend, jugendbande, kindheit, knickerbocker, knickerbocker-bande, krimi, reihe, spannender krimi, spannung

Knickerbocker4immer - Alte Geister ruhen unsanft

Thomas Brezina
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Ecowin, 11.12.2017
ISBN 9783711001610
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Knickerbocker4Immer - Alte Geister ruhen unsanft

Autor: Thomas Brezina
Genre: Mystery, Krimi, Abenteuer, Jugendbuch
Erschienen: 9. November 2017
Seiten: 416
Einband: Hardcover
Verlag: ecowin
ISBN: 978-3-7110-0161-0
Preis: 18,00€ [Print] | 13,99€ [eBook]

Rating: ♥♥♥


INHALT

"Aus dem Streit wurde Schweigen. Aus Tagen wurden Monate. Aus Monaten wurden Jahre. Aus der verschworenen Bande wurden Fremde und Erwachsene, die ihren Weg gingen. Allein. Bis zu jenem Brief. Die Einladung zu einem Treffen der vier Knickerbocker kam überraschend für jeden Einzelnen von ihnen. Aber die Dringlichkeit des Schreibens ließ ihnen keine Wahl. Es musste ein Wiedersehen geben – nach 20 Jahren. Auf Canon Island, der Insel des Schreckens, wartete man geduldig auf ihr Eintreffen und beobachtete jeden ihrer Schritte. Wie schon damals, vor dem Streit. Alles war geplant und vorbereitet. Das Projekt ging in seine entscheidende Phase." - Quelle: Verlag

COVER ♥♥♥

Kennt man die Bücher von Thomas Brezina zumindest von außen, wird man bei diesem Buch definitiv das gewohnte Muster in der Covergestaltung erkennen: Ein breiter, roter Rahmen umgibt ein Bild unserer Helden, auf dem sie im Schatten, die Gesichter nicht erkennbar, aber durch die Umrisse klar als Erwachsene zu identifizieren, abgebildet sind. Darüber steht in weißen Lettern der Titel des Bandes, rechts darüber die Reihenzuordnung: Knickerbocker4immer. Der Name des bekannten österreichischen Kinderbuch-Autors Thomas Brezina ist dagegen am oberen Ende des Covers fast dezent angegeben, was ich dem Verlag hinsichtlich seiner Bekanntheit im deutschsprachigen Raum definitiv zugute kommen lassen muss - die Anordnung und Größenverhältnisse zeigen, dass man hier nicht hauptsächlich mit dem Autor, sondern mit der Geschichte selbst werben möchte. Die Tatsache, dass der Reihen-Titel im Vergleich zum Buchtitel relativ klein ausgefallen ist, zeugt davon, dass man hier einen Neustart wagt und neuen Lesern, die die Knickerbocker Bande nicht kennen, eine Chance geben will, die vier Nachwuchs-Helden neu kennen zu lernen, ohne sich von dem Gedanken an "Oh-Gott-eine-Reihe-lieber-nicht" abschrecken zu lassen. Farbe und Komposition des Covers sind definitiv gut, ansprechend und strategisch gewählt - die Schattenansicht der Helden lädt zur eigenen Imagination ein, hat dabei definitiv etwas Geheimnisvolles an sich, so als würde man mit dem Buchdeckel eine Akte X aufschlagen. Meiner Meinung nach hätte der rote Rahmen jedoch nicht sein müssen, er ist störend und erinnert zu sehr an (die) Kinderbücher, was ihm seine Ernsthaftigkeit raubt und ihn für die Rubrik der Jugendbuchs fast schon disqualifiziert. Als junge Erwachsene signalisiert mir dieses Cover nicht, dass es für meine Altersgruppe geschaffen ist.

CHARAKTERE ♥♥♥

Diesen Anspruch hat das Buch aber durchaus - nicht nur der Imagewechsel, auch das neue Alter der Protagonisten will eine neue, alte Zielgruppe an Land holen: Die jungen Erwachsenen, die mit der Knickerbocker-Bande aufgewachsen sind und sich nach einem Wiedersehen mit ihren Kindheitshelden sehnen. Ich gehöre zugegebenermaßen nicht dazu. Ich kannte die Knickerbocker zwar vom Hörensagen, hatte jedoch noch nie das Vergnügen, eines ihrer Bücher zu lesen. Für mich war der Einstieg in die mysteriöse Krimi-Welt von Lilo, Axel, Poppi und Dominik ein vollkommen neuer, ich musste die vier also von Grund auf neu kennen lernen. Und ich muss gestehen, dass ich mich damit deutlich schwer getan habe. Die Charaktere wirken relativ flach und haben wenig emotionale bzw. psychologische Tiefe, was nicht zuletzt auch am relativ spartanischen Schreibstil des Autoren liegt. Gerade zu Anfang konnte ich den ausschlaggebenden Streit der vier kaum richtig nachvollziehen, ich hatte nicht einmal ein richtiges Bild davon, wie alt die Charaktere nun wirklich sind. Auch wenn sie ganze 20 (!) Jahre älter werden - damit also geschätzt um die 30 sein müssen - ändert sich das Verhalten der Charaktere nur geringfügig. Sie sind vielleicht weniger kindisch und ungehalten, haben aber sonst mit einem normalen Erwachsenen nicht viel gemein. Es fehlen die komplexen Gedanken und Gefühle, die ein Mensch mit 30 nun mal hat, die Probleme eines erwachsenen Lebens und wie die Charaktere damit zurecht kommen. Stattdessen geht es beispielsweise darum, wer wann in wen "verknallt" war, und die vier Charaktere wirken, als seien sie nie ganz aus ihren Kinderschuhen rausgekommen. Während andere Jugendbuch-Autoren es meiner Meinung nach oft nicht schaffen, einen Jugendlichen nicht wie einen Erwachsenen denken und handeln zu lassen, hatte ich bei Brezina das Gefühl, dass er es nicht schafft, einen Erwachsenen NICHT wie ein Kind denken und handeln zu lassen. Nach über 550 veröffentlichten (Kinder)Büchern ist die Gewohnheit vermutlich einfach zu stark.

SCHREIBSTIL ♥♥♥

Mit dazu beigetragen, dass ich mit den Charakteren nicht so recht warm wurde, hat definitiv der einfache, geradezu spartanische Schreibstil, der das Buch beherrscht. Ich verstehe, dass man sich in einem Kinderbuch möglichst einfach und wenig präzise ausdrücken muss, dass die direkte Rede den restlichen prosaischen Beschreibungen überstellt bleiben sollte. Doch hätte es dem "Reboot" einer Serie, die versucht, erwachseneres Publikum anzusprechen, definitiv gut getan, hätte man sich mit den Beschreibungen, den Details, den Charakterzeichnungen mehr Zeit gelassen. Hier bleibt so gut wie alles der Fantasie des Lesers überlassen, wie die Charaktere aussehen, wie sie sich bewegen, wie sie denken, fühlen und handeln, das alles bleibt kurz und knapp, vieles sogar unerwähnt. Ohne ein richtiges Federkleid aus Worten bleiben die Charaktere dementsprechend schwach und erreichen den Leser nicht dort, wo sie ihn eigentlich erreichen sollten. Auch hier wagt sich der Autor nicht so richtig vor, er bleibt lieber bei seinem Patent-Rezept, statt sich selbst und seinen Schreibstil mal auf eine ganz andere Weise auf die Probe zu stellen. Die kurzen, knappen Sätze und einfachen, dafür deutlichen Beschreibungen tragen aber auf jeden Fall dazu bei, dass sich das Buch dementsprechend angenehm und leicht liest.

HANDLUNG ♥♥♥♥

Die Handlung in "Alte Geister ruhen unsanft" ist in mehrere Teile aufgeteilt. Zu Beginn gibt es eine kurze Einleitung in die Abenteuer, die die vier Helden bereits in vergangenen Büchern erlebt haben - natürlich nicht alle, dafür sind es zu viele, aber ein paar wesentliche, die in diesem Buch wieder wichtig werden, erhalten einen kurzen Abriss, bevor sich die Knickerbocker Bande durch einen Streit für zwei Jahrzehnte ganz aus den Augen verliert. Mithilfe eines falschen Vorwands werden die vier dann, zwanzig Jahre später, zusammen auf eine Insel gelockt und gemeinsam dort festgehalten. Es folgt das für die Bücher wohl bekannte Rätseln, Knobeln und auch die obligatorischen Action-Szenen. Im Großen und Ganzen ist die Handlung schön spannend und von unvorhergesehenen Wendungen gespickt. Es ist sehr angenehm, dass Axel, Lilo, Poppi und Dominik eigens denken, gut kombinieren und die Lösung der Fälle nicht dem Zufall überlassen wird. Das Tempo zur Entschlüsselung der Geschichte ist dementsprechend auch für Erwachsene spannend, und es ist bewundernswert, dass Thomas Brezina nach so vielen Büchern noch immer nicht die Ideen für spannende Wendungen ausgehen. Das Ende hingegen war etwas mau im Vergleich zu den Erwartungen, die die Geschichte im Vorhinein im Leser evoziert: Dies lässt sich hinsichtlich der recht spannende Story jedoch ganz gut verschmerzen.

GESAMTWERTUNG ♥♥♥

Ich gebe zu, ich hatte meine Probleme mit "Alte Geister ruhen unsanft". Ich hatte mich wirklich sehr auf das Buch gefreut - schließlich kannte ich Thomas Brezinas Werke bis dato nicht, hatte aber nur Gutes von meinen Freunden und aus der Presse gehört. Viele Leserinnen und Leser meines Alters kriegen bei seinem Namen einen ganz nostalgisch-verträumten Blick. Dass da die Erwartungen nur so in die Höhe schnalzen, ist also nicht verwunderlich. Alles in allem ist das neue Buch der Knickerbocker-Bande zwar durchaus spannend und solide konzipiert, lässt sich durch den einfachen Schreibstil wirklich locker und leicht lesen - doch die Zielgruppen-Verwirrung bzw. (man müsste eigentlich eher sagen) -Verfehlung lässt sich nicht so einfach wegstecken. Thomas Brezina schafft es nicht, über seine Kinderbuch-Gewohnheiten hinauszuwachsen. Und so bleibt der Schreibstil ein einfaches Aneinanderreihen von blanken Worten ohne viel Gefühl, die Charaktere bleiben kindlich, blass und fad und der Erwachsenen-Anspruch bleibt eigentlich vollends auf der Strecke. Hätte sich der Autor auch nur einmal damit auseinandergesetzt, was junge Erwachsene heute so alles lesen und wie ernsthaft die Themen für Jugendliche ab 16 bereits sind, hätte er vielleicht schnell gemerkt, dass das Konzept seines neuen Buches nicht so ganz ins Bild passt. Stattdessen wirkt es so, als hätte man vorsichtshalber den Fuß noch in der Kinderbuch-Tür gelassen, schließlich könnte es sein, dass die Jugendlichen und die Erwachsenen doch nicht so ganz anbeißen - und dann ließe sich das Buch immer noch bequem von Kindern unter 12 lesen. Fällt ja sowieso kaum auf, dass die Protagonisten bereits 30 Jahre alte, gestandene Menschen sind. Für einen nostalgischen Ausflug in die eigene Kindheit mag das vielleicht reichen, ich bezweifle jedoch, dass man es schafft, damit neue Leser der älteren Zielgruppe mit ins Knickerbocker-Boot zu holen. 

Spannung 
Romantik  //
Humor 
Gewalt 
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5 sterne, bittersweet, die rebellion, fantasy, fantasyreihe, impress, impressverlag, i. reen bow, jugendbuch, jugendbücher, magie, mustread, revolution. aufstand, tolle bücher

Nebelring - Das Lied vom Oxean

I. Reen Bow
E-Buch Text
Erschienen bei Impress, 05.10.2017
ISBN 9783646603842
Genre: Jugendbuch

Rezension:

NEBELRING - DAS LIED VOM OXEAN (1)

Autor: I. Reen Bow Genre: Fantasy Erschienen: 2014  [erscheint am 05.10.17 bei Carlsen] Seiten: 380 Einband: eBook (auch als Taschenbuch) Verlag: Carlsen Impress ISBN: 978-3-646-60384-2 Preis: 3,99€ [eBook]
Rating: ♥♥♥♥♥

INHALT

"Wahre stets dein Gesicht.“ Zoe Craine kennt ihren Vater nicht, obwohl sie ihn jeden Tag sieht. Er ist krank und in einem Traumzustand gefangen, aus dem heraus er seine Umgebung nicht wahrnimmt. Der Gründer der umstrittenen Organisation namens Nebelring hat ihn mit der neuen, auf Malwee-Substanz basierenden Silbermagie gefährlich vergiftet. Eine Heilung gibt es bislang nicht und doch ist es genau das, was Zoe sich ersehnt. An ihrem sechzehnten Geburtstag vertraut sie diesen Wunsch ihrer Geburtstagskerze und den Freunden ihres Vaters an und ahnt dabei nicht, dass sie sich direkt in einen Aufstand gegen den Nebelring wünscht." - Quelle: Amazon

COVER ♥♥♥♥♥

Absolute Liebe! Wer meinen Blog verfolgt und mich eventuell auch kennt, der weiß, wie sehr ich in Füchse und alles drumherum vernarrt bin, sodass ich an diesem Cover einfach nicht vorbeischauen konnte. Und seien wir doch mal ehrlich: Es ist ein absoluter Blickfang! Die wunderschönen Farben, die tolle Fotocollage, die magisch-mystische Stimmung der Bilder, die dezente Farbgebung der Schrift und wie sie sich in den Gesamteindruck einfügt. Ich habe absolut keine Wünsche offen bei diesem Cover - und das passiert mir dann doch eher selten! 

CHARAKTERE ♥♥♥♥♥

Zoe: Zoe Craine ist eine der faszinierendsten Protagonisten, die ich jemals begleiten durfte. Klar, man könnte auf den ersten Blick meinen, sie gehöre zu diesen stereotypen Jugendbuch-Hauptfiguren: sechzehnjährige Heldinnen, die plötzlich mitten im Geschehen stehen und es auf immer gleiche Weise denken, handeln, fühlen und sprechen, bis sie sich schließlich zu einer starken und mutigen Heldin entwickeln. Ja, Zoe ist sechzehn. Ja, Zoe steht plötzlich mitten im Geschehen und weiß nicht wohin mit sich. Und ja, sie wird sicherlich irgendwann zu einer Heldin werden. Aber was sie von all diesen anderen langweiligen, wie maschinell gefertigten Heroinnen abhebt, ist ihre absolut unwiderstehliche Individualität und lebhafte, in sich vollkommen stimmige Art zu denken und zu handeln. Ihre Sorge um ihren Vater, den sie über alles liebt und dessen Wohl sie sogar über ihr eigenes stellen würde. Ihre Hilflosigkeit gegenüber den Vorfällen, mit denen sie konfrontiert wird, die ihren bisherigen Horizont übersteigen und ihr Angst machen. Ich liebe es, dass Zoe Schwächen hat, wie sie jeder von uns hat, wie sie in allem eigentlich ein vollkommen durchschnittlicher Teenager ist, nicht besonders sportlich, nicht besonders stark und schon gar nicht dafür gemacht, Auge einer Revolution zu sein. Ich war mit ihren Entscheidungen nicht immer einverstanden und manchmal, wenn sie sich über einen der anderen Charaktere gegrämt hat, fand ich ihre Reaktion vielleicht übertrieben. Andererseits vermittelte mir das auch das Gefühl, dass Zoe kein gesichtsloser, austauschbarer Sandsack, sondern ein vollkommen eigenständig denken und handelndes Subjekt ist. Sie hat Fehler, sie hat Stärken und Schwächen, sie ist - anders als etwa Katniss Everdeen aus  Die Tribute von Panem - fähig zu großen, menschlichen Emotionen, die in ihrer Zeichnung so tief und verständlich waren, dass es mich einfach mitgerissen hat. Und obwohl ich Zoe nicht immer leiden konnte, besonders im Umgang mit den Freunden ihres Vaters, war ich von ihr als Figur so sehr beeindruckt, dass es mich einfach mitgerissen hat. Was für eine Leistung!
Bess: Mal abgesehen davon, dass eine Hündin, die ich kannte, Bess hieß, habe ich mich mit der Zeit richtig an den Namen gewöhnt und finde inzwischen, dass die Autorin keinen besseren hätte finden können. Bess ist das, was man als geübte Jugendbuch-Leserin sofort als die große Liebe der Protagonistin erkennt, ohne, dass man viel von ihm gelesen haben muss. Doch auch hier schafft es Anna Moffey sich gegen bestehende Stereotypen zu stemmen und ihren Charakteren einen ganz eigenen Weg aufzuzeigen: Bess ist mutig, gutmütig, wortgewandt, und auf seine Weise geheimnisvoll und frech. Klar spürt man, dass zwischen ihm und Zoe eine Verbindung besteht, ein kleiner, heißer Funken, der aber erfrischenderweise endlich mal nicht im Mittelpunkt der Handlung breitgetreten wird, sondern sich verschämt am Rande der Geschichte bewegt. So langsam, schrittweise, wie das mit der Liebe eben so kommt - besonders, wenn man ständig auf der Flucht ist. Da gibt es kein "Nach-Fünfzig-Seiten-Schon-Hals-Über-Kopf-Verliebt-Sein" und "An-Nichts-Mehr-Anderes-Denken-Können". Die beiden wachsen zusammen, ja. Sie entwickeln eine Zuneigung für einander, ja, vielleicht. Aber es geht in einem so realistischen Tempo voran, dass es dem Leser Spaß macht, im Text nach kleinen, fein gestreuten Andeutungen für eine wachsende Liebe zu suchen, anstatt sich von der Gewalt überdimensional aufgeplusterter, total übertriebener Liebesstürme erschlagen zu sehen. Ich liebe es, dass Bess nicht der große, starke, sexy Typ mit den stattlichen Muskeln, unwiderstehlichen Körper und hübschen Gesicht ist. Bess ist ... Bess. Er ist geschickt und flink und natürlich auch auf seine Weise hübsch. Aber an Bess ist nichts oberflächlich aufgebauscht oder übertrieben. Er ist eben ein Junge, dem das Leben nicht gut mitgespielt hat, und der trotzdem das Lächeln nie verlernt hat. Ich liebe Bess. Und ich ziehe meinem Hut vor ihm!
TaikNebelring - Das Lied vom Oxean birgt so viele tolle, individuelle Charaktere, die einfach nur zum Liebhaben sind, dass es mir schwer fällt mich für einen zu entscheiden, den ich neben Zoe und Bess noch vorstellen könnte. Taik scheint mir da eine gute Wahl zu sein, denn er ist nicht nur einer der außergewöhnlicheren, sondern auch einer der wichtigeren Charaktere. Als Geschichtensammler ist er immer schon weit gereist, hat dabei auch noch den Ruf, dass die Frauen ihm regelmäßig zu Füßen liegen und dabei auch noch eine unfassbar charmante, abgedrehte Art, mit der er Zoe im Verlauf der Ereignisse immer wieder eine Stütze ist. Dabei tun sich dem Leser immer wieder Fragen auf, die zu klären er einfach verweigert: Woher kommt er? Wieso ist er so alt und sieht trotzdem so jung aus? Und wieso hat er diese merkwürdigen Wellen-Augen, die alle um ihn herum so sehr faszinieren? Zu Beginn macht es noch den Eindruck, Taik sei ein verrückter, alter Einsiedler, den man nicht so recht ernst nehmen kann. Doch im Laufe der Zeit verändert sich dieser erste Eindruck und seine Verrücktheit, die am Anfang noch relativ im Mittelpunkt seiner Person stand, fällt plötzlich von ihm ab, wird nur noch am Rande spürbar, während er hinter den anderen Charakteren und dem Geschehen zurücktritt. Schade! Auch, wenn ich den späteren Taik genauso leiden konnte, wie den anfänglichen, hätte ich mir dennoch ein bisschen mehr von diesem verrückten Funken auch während der Flucht gewünscht, aber vielleicht wäre das dem Ernst der Lage auch nicht gerecht geworden. Alles in allem ein toller Charakter, den man einfach liebgewinnen muss!

SCHREIBSTIL ♥♥♥♥♥

Noch nie ist mir eine Autorin begegnet, die einen so unvergleichlichen, realistischen und zugleich melodischen Schreibstil hat! Tatsächlich hatte ich beim Lesen ständig das Gefühl, dass ich mich mitten in einem guten Film befinde. Die Beschreibungen waren so wundervoll detailliert, ohne übertrieben ausfällig zu sein und die Art und Weise, wie die Autorin es schafft, die kleinsten, dem Anschein nach unbedeutenden Momente einzufangen, um aus ihnen ein großes Ganzes zu schaffen, ist einfach faszinierend. Hier gibt es keine abgedroschenen, wiederkehrenden Phrasen, sondern ausgefallene, hinreißende Formulierungen, die von einer ganz besonderen Beobachtungsgabe der Autorin sprechen. Die Dialoge sind allesamt feinsinnig, mitreißend und zeichnen die Figuren so gut, dass jeder einzelne von ihnen schon nach wenigen Seiten als ein vollwertig ausgefeilter Charakter erscheint. Ich würde Anna Moffey ganz dringend ans Herz legen, ihr Talent unbedingt auch im Bereich Drehbuch einzusetzen - die Filme, die unter ihrer Feder entstünden, wären einfach großartig inszeniert! Ihr Schreibstil, ihre Sprache und die Art, wie sie mit wenigen Worten Spannung aufbauen kann, ohne dabei zu schnell oder zu langsam zu sein, ist einfach wahnsinnig gut. Es gibt viele Indiautoren, bei denen ich im Laufe des Lesens das Gefühl habe, dass ihre Sprache nicht angemessen ausgereift ist, um überhaupt zu veröffentlichen. Bei Anna Moffey hatte ich durchgängig das Gefühl, es mit einem ausgewachsenen Profi zu tun zu haben, die jedes Wort so gekonnt setzt, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Ich ziehe meinen Hut, Anna, und ich frage mich bis heute, warum die Verlage sich so ein großes Talent wie dich entgehen lassen!

HANDLUNG ♥♥♥♥

Hier muss ich tatsächlich ein bisschen Kritik anmelden. Denn obwohl ich  Nebelring - Das Lied vom Oxean von vorne bis hinten genossen habe, so hatte ich doch zu Anfang das Gefühl, dass die Story nicht so recht in Schwung kommen will. Richtig spannend und mitreißend wird es tatsächlich erst ab der Hälfte des Buches, vorher wird viel Wert darauf gelegt, die Haupt- und Nebencharaktere angemessen einzuführen, die Welt zu erklären und Beziehungen zwischen den Figuren zu zeichnen. Das ist zunächst natürlich nichts schlechtes und ich habe von Beginn an jede Zeile in mich aufgesogen, doch ich kann mir vorstellen, dass es dort draußen Leserinnen und Leser gibt, die sich von zu vielen Namen und zu vielen internen Zusammenhängen abschrecken lassen und so die Chance verpassen, tief in eine der - für mich! - vielversprechendsten Fantasygeschichten seit Langem einzutauchen. Die eigentliche Handlung, bei der tatsächlich auch Plot technisch etwas voran geht, fällt dadurch etwas kurz, aber dadurch nicht weniger spannend aus. Es gibt überraschend wenige Klischees, einzigartige Charaktere, faszinierende, neue Ideen und eine spannungsgeladene Szene nach der anderen, sodass man gegen Ende hin kaum dazu kommt, richtig durchzuatmen, weil man vor Anspannung die Luft anhalten muss. Die Handlungen der Charaktere sind immer nachvollziehbar und realitätsnah, was den Leser nochmals tiefer in das Geschehen reißt, als vollkommen übertriebene, aus der Luft gegriffene Cyberschlachten. Wer sich also von der relativ langen Einführungsphase des Romans nicht abschrecken lässt und sich gerne in einer ganz eigenen, charmanten Welt verliert, der kann hier beherzt zugreifen!

GESAMTWERTUNG ♥♥♥♥♥

Nebelring - Das Lied vom Oxean hat mich von vorne bis hinten durchweg überzeugt. Autorin Anna Moffey hat ein unfassbar großes Talent für die Zeichnung ganz individuell eigenständiger Charaktere und ein tolles Gefühl für Sprache, sodass ich mich von der ersten Seite an wie in einen großartig inszenierten Fantasy-Film versetzt vorgekommen bin. Tolle Dialoge, tolle Charaktere, tolle Handlung, tolle, neue Ideen und gleichzeitig das Fehlen von unrealistischen Klischees hat mich nach dem Lesen fasziniert und begeistert zugleich zurückgelassen. Ein kleines Manko für ungeduldige Leser könnte es sein, dass sich der erste Teil des Buches vergleichsweise zieht, da hier die Einführung vieler einzigartiger Charaktere und einer faszinierenden, neuen Weltordnung passiert; erst ab der zweiten Hälfte stürzt sich die Handlung in eine Berg- und Talbahnfahrt der Spannung, die einen vollkommen mitreißt. Mich hat die Länge zu Beginn nicht gestört, denn ich war viel zu getragen von den bunten Bildern, die die Autorin mit ihrer farbigen, fantasievollen und nicht einen Moment langweiligen Sprache herbeizuzaubern weiß. Absolut filmreif in Sprache, Stil und Komposition! Ich bin absolut begeistert und ich freue mich schon wie wild auf den zweiten Teil! Mehr davon!


Spannung  ♥♥ Romantik  Humor  Gewalt ♥♥♥  Action 
- Eure Bücherfüchsin

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Das Lied der Krähen

Leigh Bardugo , Michelle Gyo
Flexibler Einband: 592 Seiten
Erschienen bei Knaur, 02.10.2017
ISBN 9783426654439
Genre: Fantasy

Rezension:

Das Lied der Krähen (1)

Autor: Leigh Bardugo
Genre: Fantasy, Jugendbuch
Erschienen: 02.10.2017
Seiten: 582
Einband: Taschenbuch 
Verlag: Droemer Knaur
ISBN: 978-3-426-65443-9
Preis: 16,99€ [Taschenbuch] | 14,99€ [eBook]


Rating: ♥♥♥♥♥


INHALT

"Ketterdam – pulsierende Hafenstadt, Handelsmetropole, Tummelplatz zwielichtiger Gestalten: Hier hat sich Kaz Brekker zur gerissenen und skrupellosen rechten Hand eines Bandenchefs hochgearbeitet. Als er eines Tages ein Jobangebot erhält, das ihm unermesslichen Reichtum bescheren würde, weiß Kaz zwei Dinge: Erstens wird dieses Geld den Tod seines Bruders rächen. Zweitens kann er den Job unmöglich allein erledigen … Mit fünf Gefährten, die höchst unterschiedliche Motive antreiben, macht Kaz sich auf in den Norden, um einen gefährlichen Magier aus dem bestgesicherten Gefängnis der Welt zu befreien. Die sechs Krähen sind professionell, clever, und Kaz fühlt sich jeder Herausforderung gewachsen – außer in Gegenwart der schönen Inej … " - Quelle: Verlag

COVER ♥♥♥♥♥

Seht euch dieses Cover an, habt ihr schon mal so ein schönes gesehen? Passend zum Titel "Das Lied der Krähen" erstreckt sich eine riesige Krähe über das Cover und hält dabei schützend ihre Federn über eine Stadt in den grauen Wolken. Die Schrift des Titels und des Autornamens spielen mit dem Farbkontrast Weiß zu Rot perfekt in die dunkle Farbkomposition hinein, und heben sich trotzdem gut genug ab, um den Blickfokus von der Krähe abzulenken. Selten ist mir ein Cover begegnet, dass ich mich gleich vom ersten Blick an so verzaubert hat, dass ich meine Augen nicht davon lassen wollte. Hält man das Buch als Taschenbuch in der Hand, wird man übrigens feststellen, dass die Schnittkanten der Buchseiten an den Rändern schwarz eingefärbt sind, was die Düsternis des Covers perfekt unterstützt. Hätte es bloß blanke weiße Seitenränder, wäre der Kontrast unnatürlich und das Buch würde an Mysterium verlieren. Auf diese Weise wird es tausende Menschen anlocken, die es in die Hand nehmen und seinen Inhalt ergründen wollen.

CHARAKTERE ♥♥♥♥♥

Insgesamt haben wir es in "Das Lied der Krähen" mit 6 Protagonisten zu tun. 5 von ihnen erhalten in rotierender Reihenfolge je Kapitel aus ihrer Sicht geschrieben, was sie alle gleichermaßen wichtig macht. Da es zu lang würde, alle 6 Protagonisten zu beschreiben, picke ich mir meine Lieblinge heraus (was eine verdammt schwere Wahl ist!), den Rest muss man einfach selbst erleben.

Kaz: Kaz Brekker ist eines der gefürchtetsten kriminellen Masterminds im Barrel, einer Stadt, die vor Laster, Grausamkeit und Verbrechen nur so stinkt. Gemeinsam mit dem alten Per Haskell führt er die Verbrecherbande der Dregs von einem Raubzug zum nächsten, der noch nicht begriffen hat, das Kaz inoffiziell die Führung der Bande an sich gerissen hat. Ganz nach dem Handelscredo der Stadt "Geschäft ist Geschäft", lässt er sich auf einen halsbrecherischen Handel mit einem Krämer ein: 30 Millionen Kruge für das Leben eines Wissenschaftlers, der im sichersten Gefängnis der Welt untergebracht ist. Die Aussicht auf so viel Gold treibt seine Gier an, seine Gier nach Rache, Gier danach, mehr zu haben als sein Rivale. Kaz Brekker ist für mich einer der gelungensten Charaktere, die ich seit langem begleiten durfte. Auch wenn er sich oft wesentlich erwachsener verhält, als gemäß den 18 Jahren, die er alt sein soll, ist sein Charakter scharfkantig und spitz, er hat immer einen Plan, immer ein verdrehtes Wort auf der Zunge, er ist manipulativ, er ist gefährlich, er ist brutal, aber er ist eben auch nur ... ein Junge. Allein sein Äußeres ist so ikonisch und kantig, dass es mir bei seiner Beschreibung ein Lächeln entlockte: Dunkles Haar, grüne Augen, helle Haut, filigran aber muskulös, aufgrund eines schlecht verheilten Bruchs hinkt er mit dem rechten Bein und leidet oft an Schmerzen, hat deswegen immer einen Stock mit dem Kopf einer Krähe bei sich, mit dem er auch gerne seine Kämpfe bestreitet - er zieht seine Handschuhe niemals aus, trägt stets einen dunklen Anzug mit Krawatte und einen passenden Hut. Ich kann mir diesen Jungen so scharf bildlich vorstellen, kann genau sehen, wie er filmisch umgesetzt glänzen würde: Oliver Twist nur viel dunkler. Und das schönste (und das, was ich an anderen Charakteren oft beklage) ist, dass Kaz alles andere als perfekt ist. Er ist sehr gerissen und kaum besiegbar, doch er hat Schwächen, er macht Fehler, er hat Ecken und Kanten. Er ist für mich der perfekte Antiheld, geradezu ein perfekter Protagonist. Eben weil er nicht perfekt ist.

Inej: Ausgebildet zur Seiltänzerin wurde das Sulimädchen schon als Kind Opfer von Sklavenhändlern, die sie an ein Freudenhaus verkauften. Als Kaz Inej aus ihrer Gefangenschaft freikaufte, wusste er ganz genau, welche Vorteile sie ihm bringen würde, wenn sie in seiner Schuld stand: Inej wird auch "das Phantom" genannt, weil sie sich so lautlos bewegt, dass sie jederzeit unbemerkt bleiben kann, wenn sie möchte. Insgesamt 5 Dolche trägt sie mit sich herum, denen sie jeweils einen eigenen Namen gegeben hat, sie glaubt an die Gunst der Götter und ist Kaz treu ergeben. Zu Beginn der Geschichte wirkt sie eher wie eine graue Maus, nicht im Sinne ihres Äußeren, sondern in Bezug auf ihr Abhängigkeitsverhältnis zu Kaz. Obwohl sie freigekauft wurde, ist sie es nicht - und sie scheint auch keinen Drang zu haben, wirklich frei sein zu wollen, selbst wenn sie es könnte. Sie hält sich oft im Hintergrund, schließlich ist sie eine Spionin und damit eher das Zuhören als das Sprechen gewohnt. Trotzdem ist sie geübt scharfzüngig im Umgang mit ihrem Schuldner und den Menschen, denen sie vertraut. Im Verlauf des Buches durchläuft Inej eine - so finde ich - fantastische Wandlung vom hörigen Haustier zum freien Geist. Trotzdem ist sie niemals schwach, auch wenn sie in einer gewissen Abhängigkeit lebt, im Gegenteil: Leigh Bardugo hat eine Begabung, starke Frauencharaktere umzusetzen. Sie weiß sich sehr wohl selbst zu behaupten, sowohl mündlich, als auch aktiv im Kampf, sie braucht keinen Beschützer sie hat oft ihren eigenen Kopf. Aus feministischer Sicht ist sie gerade erst dabei, sich auch gegen die männliche Welt zu behaupten, in der sie wie eine Ware durch verschiedene Hände gehen musste. Ich bin gespannt, wie sich Inej im folgenden zweiten Band weiterentwickelt.

Nina & Matthias: Nina und Matthias kann man eigentlich nur zusammen nennen, denn ihr Schicksal ist auf ewig miteinander verbunden. Nina ist eine Grisha, das bedeutet sie ist eine Magierin. Es gibt verschiedene Arten von Grisha, solche, die ein gewisses Element beherrschen, solche, die Materialien nach ihren Wünschen formen können und diejenigen, die den menschlichen Körper zum Guten oder zum Schlechten manipulieren können. Nina ist letzteres. Sie ist eine sogenannte "Entherzerin", dazu in der Lage, Körper in Schlaf zu versetzen oder schlimmeres. Matthias ist ein Drüskelle, ein Nordmann, dazu ausgebildet, Grisha zu jagen und zu vernichten. Der Hexenjäger und die Hexe, ein Bild, dass mir aus "Die dreizehnte Fee" noch allzu vertraut war, und diese beiden haben ein ähnliches Verhältnis zueinander. Nina ist eine starke Frau, sie mag zwar zu den Dregs, Kaz Bande, gehören, ist aber dennoch auf ihre Weise unabhängig, dickköpfig und lässt sich ungern etwas sagen. Sie kennt ihre Reize, aber auch ihre Schwächen. Matthias ist ein grimmiger, riesiger Nordling, der das Lachen nie so wirklich gelernt hat und der in seinem Leben von nichts anderem angetrieben wird als seinem unerschütterlichen Glauben und seinem Hass auf Nina. Das Aufeinandertreffen der beiden Hauptcharaktere ist ein Fest, fast wie ein Tanz aus Hass und Liebe, beide sind unfassbar starrsinnig und weich zugleich. Ich habe beide sehr geliebt, denn ihre Gedanken, ihre psychologischen Knicke waren so spürbar und nachvollziehbar, ihre Argumente auf beiden Seiten so verständlich, dass es von Anfang bis Ende spannend war, sie zu verfolgen.

SCHREIBSTIL ♥♥♥♥♥

Leigh Bardugo hat einen außergewöhnlichen Schreibstil. Er ist klar, detailliert und mit so viel liebe zum Wort gespickt, dass es einfach Freude macht, zu lesen. Sie zeichnet ihre Charaktere und das Geschehen so klar, fast hollywoodreif, dass es ein Leichtes ist, sich vorzustellen, wie ihre Handlung und ihre Charaktere einmal filmisch umgesetzt werden könnten. Das könnte damit zusammenhängen, dass die Autorin tatsächlich im Moment in Hollywood lebt. Ich bin mir daher relativ sicher, dass ihre Bücher es früher oder später zu einer Verfilmung schaffen werden. Ihre Dialoge sind zackig, ihre Welt rund um die Grisha-Magie ist stimmig, ihre Charaktere sind einzigartig ausstaffiert und sie hat ein Feingefühl für die Charakter-Psychologie, sodass man nie das Gefühl bekommt, jemand wäre grundlos stur, grundlos böse, grundlos abhängig, etc. Und auch die Stimmung, die sie innerhalb der verschiedenen Orte und Szenen aufzubauen weiß, ist immer on-point und wunderbar vermittelt. Es braucht keinen Soundtrack beim Lesen, wenn ein Autor bzw. eine Autorin die Macht der Worte beherrscht. Alles in Allem hat mich Bardugos Stil sehr (!) an den von Fantasy-Größe Patrick Rothfuss ( Der Name des Windes) erinnert, der mit hohem Detailgrad und fantasievollen Beschreibungen heute in einem Atemzug mit George Martin und Tolkien gehandelt werden kann (sollte er es endlich schaffen, den dritten Teil  seines Epos zu vollenden). Nur versteht es Bardugo mehr, alles etwas mehr auf den Punkt zu bringen und es zielgruppengemäß anzupassen.

HANDLUNG ♥♥♥

Es fühlt sich etwas seltsam an, das Buch von vorne bis hinten zu lieben, aber mit der Handlung dennoch ein kleines Problem zu haben. Der rote Faden der Geschichte ist relativ leicht zusammengefasst. Kaz Brekker sammelt eine Mannschaft, um in ein Hochsicherheitsgefängnis einzubrechen und einen Wissenschaftler zu befreien, für den er und seine Leute 30 Millionen Kruge einstreichen wollen. Das Abenteuer wird als waghalsig und unschaffbar beschrieben, noch nie ist jemand in das Eistribunal eingebrochen und diejenigen, die es versucht haben, sind mit dem Kopf auf einem Pfahl geendet. Leider nimmt die Befreiungsaktion lediglich das letzte Drittel des Buches ein, die ersten zwei Drittel werden darauf verwendet, die Charaktere einzuführen und zusammenzutrommeln und ihre Vergangenheit häppchenweise in Rückblicken zu erzählen. Natürlich trägt das zum Detailgrad und der wunderbaren Ausstaffierung der Charaktere bei, doch das eigentliche Ziel, auf das sie hinaus wollen, gerät dabei häufig aus den Augen. Es wird zwar stellenweise spannend, sowohl in den Rückblicken als auch in der gegenwärtigen Erzählung, einen wirklichen Höhepunkt erfährt die Story erst gegen Ende der Geschichte, was sich für mich etwas zu spät anfühlte. Gern gelesen habe ich wegen des tollen Schreibstils und der tollen Charaktere, die das Fehlen einer aufbauenden Spannung ausgeglichen haben, rein handlungstechnisch halte ich es jedoch trotzdem nicht konzipiert. Sowohl die ersten als auch die letzten 50 Seiten sind reines Vor- bzw. Nachgeplänkel, die nett zu lesen sind, aber genauso gut entweder weggelassen werden oder in den Prolog des zweiten Bandes hätten übernommen werden können. Die Befreiung aus dem Eistribunal ist schon spannend, läuft für mein Gefühl aber zu reibungslos, zu verlustfrei ab. Einfach zu glatt dafür, dass das Gefängnis eine absolute Bastion sein sollte, in die noch nie eingebrochen wurde. Mir fehlte es an Schockmomenten. Ich habe immer auf einen Moment gewartet, der mich vollkommen erschüttert zurücklässt und mit diesem Antrieb das Buch verschlungen. Leider blieb der richtige Schock aus. Ich weiß allerdings nicht, ob das an meinem Game-of-Thrones-gehärteten Geist oder an der Geschichte selbst liegt.

GESAMTWERTUNG ♥♥♥♥♥

Für einen Jugendbuch-Fantasy-Roman waren mir die Charaktere für ihr junges Alter viel zu erwachsen, für einen reinen Fantasy-Roman waren sie mir zu jung - also habe ich kurzerhand mein Zielgruppenverständnis ausgeblendet und das Buch einfach Buch sein lassen. So, wie der Buchtrailer versprochen hat, haben die sechs Verbrecher aus dem Barrel mein Herz erobert. Ich habe mit jedem einzelnen von ihnen auf meine ganz eigene Weise mitgefiebert, habe ihre Vergangenheit und ihre Gegenwart in mich aufgesogen und hatte dabei immer das Gefühl, hautnah dabei zu sein, ein Teil der Gruppe zu sein. Das ist nicht nur auf die unfassbare Authentizität der Welt zurückzuführen, sondern auch auf den fantasievollen, hollywoodreifen Schreibstil der Autorin, die sich locker mit allerhand Bestsellerautoren messen kann. In dem Moment in dem die Geschichte beendet und mein Buch zugeklappt war, wusste ich, dass ich die Dregs, das Barrel, Kaz, Inej, Nina, Matthias, Jesper und Wylan vermissen würde, als hätte ich soeben meine engsten Freunde verloren. Die paar Schwächen, die der Spannungsbogen und das Erzähltempo dabei aufwiesen, konnte ich getrost hinter mir lassen, denn die Reise war so oder so eine unvergessliche, die allein durch ihre Charaktere getragen wird. Ich ziehe meinen Hut vor dem Machwerk und ich giere bereits nach dem zweiten Band, der hoffentlich ganz bald erscheint (im Englischen ist er bereits erschienen! Ich bin sooo versucht!). 




Spannung 
Romantik 
Humor 
Gewalt ♥♥♥
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hochhaussiedlung, selbstmord

Sun Village

Inio Asano
Flexibler Einband
Erschienen bei TOKYOPOP, 15.06.2017
ISBN 9783842036499
Genre: Comics

Rezension:

SUN VILLAGE
Autor/Zeichner: Inio Asano
Kategorie: Manga
Genre: Drama, Mystery, Seinen*
Freigabe: ab 15+
Erschienen: 15. Juni 2017
Bände: 1/1 (abgeschlossen)
Seiten: 224
Verlag: Tokyopop
ISBN: 978-3-8420-3649-9
Preis: 12,00€

Rating: ♥♥♥♥♥

"Denn es gibt mehr Dinge, die wir vergessen wollen, als Dinge, die wir nicht verlieren wollen. Können wir nicht einfach freier leben, so wie wir es möchten?" (S. 75)

KLAPPENTEXT
In einem sonnendurchfluteten Wohngebiet namens »Sun Village« leben die unterschiedlichsten Menschen auf engstem Raum zusammen und ihre Wege kreuzen sich unweigerlich. Ein junges Ehepaar, das ein Kind erwartet, ein Mangaka, der sich Sorgen um seine Zukunft macht, eine Schülerin, die sich das Leben nehmen möchte ... Alle sind durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden, das der Schüler Tasuku fleißig knüpft und wieder zertrennt...

INHALT
"Tasuku lebt im »Sun Village« bei seinem Vater, der nach und nach seinen Verstand verliert und nichts weiter als seine verschimmelten Kirschtomaten gießt. Dass sein Sohn die Schule schon lange nicht mehr besucht und stattdessen lieber im Viertel herumläuft, weiß er nicht. Tasuku hat außerdem noch ein weiteres Geheimnis: Er hilft Menschen bei ihren Selbstmorden und tut manchmal auch ein klein wenig mehr ... Eine Kurzgeschichtensammlung aus Inio Asanos Anfangszeit." - Quelle: Verlag

COVER ♥♥♥♥
Ich habe eine ganze Sammlung von Inio Asanos Werken bei mir zuhause und es braucht nicht viel, um zu erkennen, dass Verlag Tokyopop bei der Gestaltung seiner Mangas ein gewisses Muster einhält. Die meisten seiner Kurzgeschichtenbände oder Two-Shots sehen genau so aus: ein schwarzer Einband, auf dem in einer leuchtenden Farbe Titel und Autor abgebildet sind, ein Ausschnitt aus dem Manga im unteren Drittel, das zumeist das Gesicht einer Hauptperson zeigt. Im richtigen Licht erkennt man, dass das Schwarz des Einbands immer wieder mit dem glänzenden Namen des Autors bestückt ist. Ich kann nicht sagen, dass ich die Gestaltung außergewöhnlich schön oder außergewöhnlich kreativ finde - sie ist okay. Der Ausschnitt aus dem Manga selbst ist immer wunderbar gewählt und spiegelt das Gefühl wieder, das einen im Inneren erwartet. Gleichzeitig hat es etwas geheimnisvolles: Man muss das Büchlein aufschlagen, um zu sehen, was darin enthalten ist. Außerdem hat es einen guten Wiedererkennungswert, ich brauche nämlich keine Sekunde, um zu erkennen, dass es sich um einen Asano handelt; und er passt im Regal unglaublich gut neben die anderen Mangas des Autors, sodass es der Sammlung im Regal eine gewisse Optik verleiht. Am besten finde ich jedoch, wie sich der Manga anfühlt: eine gewisse Kunststoffbeschichtung führt zu einem etwas ledrigen Gefühl unter den Fingern, das sich nicht nur gut anfühlt, sondern auch gut Haftung hat, wenn man es in der Hand hat. Ich muss hier also die Zweckmäßigkeit der Schönheit vorziehen: Es ist gut gestaltet!

CHARAKTERE ♥♥♥♥♥
Da es sich um eine Kurzgeschichten-Ssammlung handelt, besitzt jedes Kapitel seine eigenen Protagonisten, was es schwer macht, sie alle im wesentlichen zu besprechen. Deswegen nehme ich mir die Freiheit, es etwas allgemeiner zu halten. Inio Asano ist dafür bekannt, die Schattenseiten der (japanischen) Gesellschaft aus allen möglichen Blickwinkeln heraus zu beleuchten und zu bewerten. In Sun Village macht er das anhand der Bewohner eines Wohnblocks, die aufgrund einer arbeitsbedingten Beziehung zu einem Pharmakonzern in der Nähe, in dieses 'sonnendurchflutete' Gebäude umgesiedelt wurden. Doch die fehlende Nähe zur Natur und die harten Arbeitsbedingungen im Konzern haben so ihre Auswirkungen auf die Psyche der Menschen, die hier zwar äußerst überspitzt, dafür aber nicht weniger eindrucksvoll dargestellt werden. Ein bestes Beispiel für die Radikalität in der Charakterumsetzung ist Tasuku, der kleine Junge, der selbstmordgefährdeten Menschen dabei hilft, den letzten Schritt zu tun und Selbstmord zu begehen. Dafür bekommt er Geld, hat die Schule geschmissen und sammelt nach getaner Arbeit die Handys seiner 'Kundschaft' ein, um nicht gefasst zu werden. Man möchte ihn für einen Wahnsinnigen, einen Psychopathen halten, aber auch er ist nur ein Opfer der Gesellschaft, in der er lebt: Sein Vater verlor nach einem schlimmen Unfall bei der Arbeit den Verstand und tut heute nichts anderes mehr, als jeden Tag den bereits verschimmelten Tomaten-Strauch zu gießen und dabei nicht mehr wirklich ansprechbar zu sein. Seine Mutter starb bei einem Unfall. Tasuku muss also sehen, dass er irgendwie überlebt, in einer sonnigen Siedlung, in der nicht einmal die Zikaden singen, weil der Beton ihre Eier in der Erde erstickt hat. Das grandiose an Inio Asanos Charakteren ist, dass sie einerseits so übertrieben wirken, dass man denken könnte: "Einen 9-Jährigen, der so etwas tut, das kann es gar nicht geben." - sich andererseits aber auch nicht sicher ist, denn wer weiß schon, was es alles gibt? Es wirkt abwegig, aber nicht unmöglich. Asano spielt bei seinem Charakterdesign mit dieser grotesken Furcht, dass wir den wahren Abschaum der Welt gar nicht kennen können und spielt so mit unseren Ängsten. Aber auch mit unseren Sympathien. Denn anstatt uns in reine Gegenposition zu diesen absonderlichen Figuren zu stellen, gibt er ihnen einen Charakter, eine Vergangenheit, eine Intention und etwas, das sie lieben, sodass sie für uns menschlicher und begreifbarer werden, als wir das gerne hätten. Ich mochte Tasuku auf eine seltsam abnorme Weise, obwohl er schreckliche Dinge tut. Und gerade das macht gute Gesellschaftskritik aus: es reicht nicht aus, einfach nur das Böse in den Menschen zu karikieren, es muss immer auch einen Hinweis auf das 'Warum' geben - und die erschreckende Erkenntnis, dass Menschen wie diese, einmal genauso 'bürgerlich' gewesen sein könnten, wie wir. Niemand wird mit der Veranlagung geboren, böse Dinge zu tun. Es sind die äußeren Umstände, die einen Menschen dazu bringen.

ZEICHENSTIL ♥♥♥♥♥
Das erste Mal auf einen Asano gestoßen bin ich auf der AnimagiC 2014 in Bonn: Am Tokyopopstand sprang mir der sonderbare Zeichenstil sofort ins Auge und ich wurde sogleich von einer besonders netten Verkäuferin darauf aufmerksam gemacht, wie grandios dieser Mangaka ist und wie anders seine Geschichten funktionieren. Und ja, das stimmt! Inio Asano ist anders. Seine Figuren sind nicht die typischen großäugigen, großbusigen Magical Girls, die man im stereotypen Manga der heutigen Zeit finden kann. Er setzt auf Realismus, aus dem er aber manchmal auch gerne ausbricht, um seine Philosophie mit Surrealismus zu untermalen. Die Realität ist eben manchmal nicht einfach zu begreifen. Sein Talent liegt darin, Emotionen subtil darzustellen, so subtil, wie sie in der japanischen Gesellschaft eben wirklich zumeist vorkommen - und damit gleichzeitig modernen Schrecken abzubilden. Die Menschen, die er zeichnet, sind alle nahe des Wahnsinns, doch jeder von ihnen drückt diesen Wahnsinn anders aus. Ein vom Leben gezeichneter alter Mann ist verhärmt, während die Jugend glatt und ausdruckslos aussieht. Er ist einer der wohl schärfsten Beobachter, die unsere Zeit kennt, und das sieht man auch, wenn nicht sogar vor allem, an seinen Zeichnungen. Den Manga-Stil verliert er dabei aber nie ganz, das spielerische Element verschiedenster Gesichtsausdrücke gehört zu den Werkzeugen eines guten Mangaka.

HANDLUNG ♥♥♥♥♥
Wie bereits erwähnt handelt es sich bei "Sun Village" um eine Kurzgeschichten-Sammlung. Sie stammt aus dem Jahr 2005 und steht damit für einen jungen, einen früheren Inio Asano. Wer seine Werke kennt, der kennt jedoch das Muster, nachdem sie auch heute noch funktionieren. Wir nehmen verschiedene Perspektiven ein. Die des Jungen Tasuku habe ich eben bereits durchgespielt, doch es gibt auch noch die Sicht eines Mädchens, das sich umbringen will, die Sicht eines wenig erfolgreichen Mangaka, dessen Freundin schwanger ist und der nicht wirklich genug verdient, um eine Familie durchzubringen, die eines Mörders und Messerstechers, der mit seinem Mitbewohner gemeinsam ein 5-jähriges Mädchen großzieht, von dem sie nicht genau wissen, wer von beiden eigentlich der wahre Vater ist, ... Es sind Episoden aus den Leben dieser Menschen, die einen Wendepunkt erleben und etwas ändern, sei es zum Positiven oder zum Negativen. Dabei steht die Frage 'Was ist eigentlich wichtig im Leben?' wie ein überdimensioniertes Fragezeichen über dem Ganzen und man hat die ganze Zeit das Gefühl, die Antwort auf der Zunge liegen zu haben - den letzten Schritt, nämlich den zur Erkenntnis, muss man dann aber selbst gehen - dann, wenn die Geschichte aus ist und der Kopf vor philosophischen Fragen nur so summt.Ihr seht, über die Handlung lässt sich recht wenig sagen, denn es handelt sich um mehrere Kurzgeschichten und damit nicht nur um eine einzige Handlung - und jedes Wort wäre schon zu viel, man sollte es einfach selbst erleben. Das Schöne an der Konzeption dieses Bandes ist jedoch, dass alle Geschichten irgendwie miteinander verbunden sind: Alle Charaktere leben in Sun Village, was sie so gesehen alle zu Nachbarn macht, und sie haben alle aufeinander einen mehr oder weniger starken Einfluss.

GESAMTWERTUNG ♥♥♥♥♥
Sun Village ist eines der besten Werke, das ich von Inio Asano bisher lesen durfte. Obwohl die Geschichte schon über 10 Jahre alt ist, fühlt sie sich zeitlos wichtig an und sie verrät nicht nur viel über die japanische Gesellschaft, sondern auch über die eigene. Die eigenen Wünsche, Ängste, die eigenen Einstellungen zu gut und böse, richtig oder falsch werden auf Herz und Nieren geprüft und abgetastet. Asano nimmt kein Blatt vor den Mund und er scheut auch nicht davor, das zu thematisieren, was andere tabuisieren würden. Er zwickt und zwackt, er kneift da, wo es unangenehm ist und das ist es, was ihn zu einem so großen Mangaka macht, bei dem ich inzwischen blind zugreife, wenn ich eine neue Veröffentlichung von ihm entdecke. Bis jetzt ist meine Sammlung seiner Tokyopop-Veröffentlichungen immer uptodate. Ich kann Sun Village jedem empfehlen, der über die Klischees des modernen Manga hinausgehen und ein philosophisches Selbstexperiment wagen will. Ich warne aber auch davor, dass Asanos Mangas nicht für jeden Leser etwas sind: Die einen finden ihn zu langatmig, die anderen zu abgedreht, manchmal kriegt man ihn auch einfach nicht zu fassen. Im Vergleich zu Werken wie "Gute Nacht Pun Pun" ist Sun Village aber immer noch recht konkret!

*SEINEN beschreibt ein Genre im japanischen Manga (und Anime), das thematisch für junge, erwachsene Männer als Zielgruppe zugeschnitten ist.

Eure Bücherfüchsin

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emil, fuchsdoppel, füchse, fuchsnacht, gefahr, julia mayer, tierdoppel, verwandlung

Fuchsnacht

Julia Mayer
Flexibler Einband: 324 Seiten
Erschienen bei Drachenmond-Verlag, 27.08.2017
ISBN 9783959910750
Genre: Fantasy

Rezension:

Fuchsnacht - nimm meine Hand und sieh

Autor: Julia Mayer
Genre: Urban Fantasy, Gay Romance, Jugendbuch
Erschienen: 27.08.2017
Seiten: 324
Einband: eBook, Taschenbuch 
Verlag: Drachenmond Verlag
ISBN: 978-3-570-30843-1
Preis: 14,90€ [Taschenbuch] | 4,99€ [eBook]

Rating♥♥♥

INHALT

"Emil Matthei hat es im Leben nicht leicht. Sein Haar hat die Farbe von Karottensaft, er ist Besitzer einer mageren Hühnerbrust und hat sich in der Schule mit seiner Rolle als Mobbingopfer abgefunden. Daheim kümmert er sich um seinen an einer Psychose erkrankten Vater, in der ständigen Angst, zu seinem brutalen Onkel abgeschoben zu werden. Doch alles ändert sich, als Emil nach einem Unfall in der Leichenhalle wieder erwacht: Nachts ein Mensch, tagsüber ein Fuchs, nehmen ihn drei andere Fuchsdoppel unter ihre Fittiche, damit er sich nicht einer der rivalisierenden Gangs anschließen muss. Besonders zu Timon entwickelt sich eine Verbindung, die weit über Freundschaft hinausgeht, und zum ersten Mal fühlt Emil sich dazugehörig und verstanden. Doch als mehr und mehr ihresgleichen spurlos verschwinden, steht nicht nur Emils Leben, sondern auch die Zukunft aller Fuchsdoppel auf dem Spiel, und schon bald muss er eine Entscheidung treffen: Wird er weiterhin davonlaufen oder sich alten und neuen Herausforderungen stellen? " - Quelle: Verlag

COVER ♥♥♥♥♥

Ich bin ein großer Fan dieses Covers. Es ist von der selben Art wie das meiner Lieblingsreihe 'Die Dreizehnte Fee' von Julia Adrian: Die Mitte ziert der Titel mit einem aussagekräftigen Emblem, in diesem Fall der Fuchs, umrahmt von goldenen Verzierungen und mit einem Hintergrund, der vom Dunklen ins Hellere aufweicht. Es ist elegant, symmetrisch total aufeinander abgestimmt und wunderbar in Farbauswahl und Komposition. Ich kann einfach keinen Fehler an diesem Cover erkennen, nichts, was mich stören würde, es ist für mich einfach in sich rund, abgeschlossen und wunderschön. Eine Sache gibt es jedoch, die nicht unbedingt rein optisch störend wirkt: Den Untertitel des Romans 'Nimm meine Hand und sieh' finde ich nicht nur zu dick aufgetragen, sondern ich konnte auch keine Verbindung zur Geschichte erkennen.

CHARAKTERE ♥♥♥

Emil: Ich bin relativ unentschlossen, was Emil betrifft. Einerseits ist er ein sehr guter, sehr konsequent durchgehaltener Hauptcharakter, den man mit Schwächen kennen lernt und der mit neu gewonnenen Stärken dem Ende der Geschichte entspringt. Mir persönlich war er mit 15 Jahren aber nicht nur zu jung, sondern auch - selbst wenn das für einen Jungen im Teenager-Alter möglicherweise passend sein mag - viel zu weinerlich und viel zu wenig selbstständig. Er versinkt im Laufe der Geschichte geradezu in Selbstmitleid, wird schnell weinerlich und ist eigentlich in einer Tour überfordert von allem. Nach den schrecklichen Geschehnissen, die er während des Romans erleben muss, glaubt er ein neuer Mensch zu sein, sich vollkommen verändert und an Stärke gewonnen zu haben, verfällt auf den letzten Seiten aber wieder seinem alten Muster. Hin- und hergerissen bin ich deshalb, weil diese Schwäche, diese Weinerlichkeit im Grunde Thema des Romans ist, das heißt der Hauptcharakter ist sich dessen sehr wohl bewusst und die Autorin hat es sicherlich so intendiert. In den meisten Fällen kann ich seine Schwäche auch sehr gut nachvollziehen. Aber manchmal... Manchmal wollte ich ihn einfach packen und schütteln und sagen: Jetzt reiß dich mal zusammen! 
Timon: Timon ist ein netter Charakter... aber das war's für mich leider auch schon. Zu Beginn der Geschichte wird er als grummeliger, harter Kerl eingeführt, der irgendwie geheimnisvoll und irgendwie ein bisschen sexy ist. Doch das verlor sich nach dem ersten Drittel des Buches relativ schnell wieder und er war plötzlich alles andere als hart und geheimnisvoll. Er war ein netter, sanfter Kerl ohne große Ecken und Kanten. Vernünftig, aber irgendwie noch nicht ganz trocken hinter den Ohren. Er wirkte für mich viel jünger als 18, ich kann nicht einmal genau sagen warum. Er drängt Emil zu nichts, er weiß selbst nicht so genau wohin oder was als nächstes zu tun ist und er hat auch keine großartigen Geheimnisse, die seine sonstige Flachheit wettmachen könnten. Während er zu Beginn noch ein kleines Aggressionsproblem zu haben scheint, ist er gegen Mitte bzw. Ende hin plötzlich sanft wie ein Lamm. Und eine große Rolle spielt er im letzten Drittel des Romans leider auch nicht mehr, was vielleicht konsequent, aber irgendwie auch schade ist.

Kara & Biggers: Die beiden Freunde von Timon - und später auch von Emil - waren auch nett. Kara ist ein sehr liebenswertes Mädchen mit einer sanften, manchmal befremdlich körperlichen Art. Sie nimmt Timon, als sie ihn kennenlernt, gleich in den Arm, streichelt seine Wange und lässt ihn bei sich im Bett schlafen. Sie hat einen guten Humor und wird anscheinend niemals richtig wütend. Erst, als sie schreckliche Sorgen hat, entfaltet sie einen sehr starken Charakter, der mich noch sehr lange berührt hat. Ihr bester Freund Biggers ist ein großer, liebenswerter Kerl, der gerne kocht. Mehr weiß man von ihm leider nicht. Die beiden spielen eine wichtige, aber dafür eine sehr nebensächliche Rolle, sodass ich leider keine richtige Beziehung zu ihnen aufbauen konnte, selbst wenn ich es wollte. Schmerz und Sorge, die der Text mir in Bezug auf die beiden also nahe bringen wollte, kamen nicht richtig an, ich blieb relativ unbeteiligt. Die Charaktere waren mir einfach alle irgendwie zu rund, zu flach und dadurch irgendwie alle nach einem Schlag stereotypisiert.

SCHREIBSTIL ♥♥♥♥♥

Ein absoluter, absoluter Pluspunkt dieses Buches ist sein wahnsinnig guter Schreibstil. Ich liebe es, mich mit dem Fluss der Sprache zu bewegen und dabei auf Formulierungen zu stoßen, die ich so sonst nirgendwo gelesen habe - und die poetisch wie grammatikalisch passend sind. Julia Mayer beherrscht die Sprache. Sie streut die schönsten Bilder in ihren Text und beschreibt selbst alltägliche Situationen so passend und beinahe lyrisch, dass das Lesen, selbst wenn ich die Charaktere etwas flach fand, zu einem absoluten Genuss wurde. Bereits auf den ersten Seiten habe ich mir so viele schöne Formulierungen auf meinem Kindle markiert, dass jetzt, nach Abschluss des Romans, mein Notizbuch fast aus den Nähten platzt. Nach Absprache mit dem Verlag darf ich sogar ein paar Zitate mit euch teilen, um euch einen Einblick in die schöne Sprache der Julia Mayer zu gewähren:
Mein blasser Körper ist im Gegensatz zu denen der anderen wie ein ewiges Vorher-Bild auf einer Bodybuilding-Webseite, wer will sich so schon zeigen. (Pos. 87) Ich bilde mir ein, seinen Atem zu hören. Schwer und dunkel, wie ein Rennpferd in der Startbox. (Pos. 659)[...]  meine Gedanken erlahmen und treiben wie im Schlamm gefangene Insekten vor sich hin[...] (Pos. 2397) Seine Worte wirken auf mich, als hätte ich eine Treppenstufe übersehen. (Pos. 2530)  Ich kann die Worte nicht verstehen, aber seine Stimme klingt aufgeregt, die harten Kanten der Konsonanten knistern in meinen Ohren. (Pos. 2956) Aber meine Wut ist nicht groß genug, meine Trauer verschluckt sie, macht mich sanft wie ein Lamm, rückgratlos wie eine Qualle. (Pos. 4145)Wo hat die Autorin nur so wunderschön schreiben gelernt? Ich ziehe meinen Hut vor ihr und kann jedem empfehlen, einmal in ihre Texte einzutauchen.

HANDLUNG ♥♥♥♥

Die Handlung von Fuchsnacht hat ihre guten und schlechten Seiten. Ich beginne mit den schlechten, denn sie wiegen nicht so schwer wie die guten: Der Plot wirkt ein wenig zerrupft, denn er teilt sich in drei große Teile, die alle miteinander schwere Themen behandeln, die ein eigenes Buch füllen könnten. Da wäre zunächst die Episode mit Emils krankem Vater, ein schwerwiegendes, ernstzunehmendes Thema, das einen eigenen Roman verdient hätte. Die Autorin geht unfassbar feinfühlig und treffend an die Sache ran, dass es mir jetzt noch Gänsehaut verursacht. Doch das Thema wird abgehandelt und wird dann für die restlichen zwei Drittel unwichtig, sodass ich etwas unbefriedigt blieb, weil es sich anfühlte wie ein wichtiger Erzählstrang, dann allerdings im Sande verlief (bis auf eine kurze Auflösung im letzten Kapitel). Das zweite Thema beschäftigte sich mit Emils Selbstfindung bezüglich Liebe und Sexualität. Während ich eben noch überzeugt davon war, dass es sich um einen psychologisierten Jugendroman handelte, fand ich mich plötzlich in einer feinfühligen und tiefen Liebesgeschichte wieder, die ebenso flach auslief wie das Thema Krankheit in der Familie. Die eigentliche Geschichte beginnt nämlich erst im letzten Drittel des Buches, wo wir uns plötzlich an einem Ort befinden, der stark an dystopische Romane wie Die Tribute von Panem oder Die Bestimmung erinnert, und der mit den vorherigen Teilen nur lose in Verbindung steht - und sich auch viel zu spät anbahnt, ja, den Leser geradezu überrumpelt. Dieser Teil, hätte wesentlich früher beginnen müssen, damit es sich nicht anfühlt, wie drei Romane in einem, wobei jeder einzelne für sich genommen ein wenig zu kurz kommt. Abgesehen davon war die Geschichte unfassbar gut erzählt, nicht nur sprachlich, wie oben schon genannt, sondern auch psychologisch gesehen unfassbar treffend und mitreißend. Es gibt mehrere Höhepunkte, was die Spannung betrifft, die alle von ein paar spannungsflachen Kapiteln getrennt bleiben. Es schwebt immer etwas Mysteriöses im Text mit, eine Art Suspense, die einen bis zum Schluss nicht mehr loslässt. Die Geschichte überrascht einen immer wieder mit einer unverhohlenen Grausamkeit, die wie aus dem Nichts kommt und einen dann völlig aus den Socken haut - ein bisschen nach dem Gestus, den wir bei Game of Thrones so sehr lieben. Das Ende ist nicht vollkommen neuartig, kommt jedoch irgendwie doch ganz anders als man denkt und ist dabei äußerst Konsequent. Ich würde hier fast eine Warnung aussprechen, dass die Brutalität, die zum Teil beschrieben wird, nicht für zartbesaitete Leserinnen und Leser gedacht ist. Andererseits glaube ich, dass wir alle, die wir Game of Thrones oder Panem kennen, bereits mehr gewöhnt sind, als wir zugeben wollen. Etwas schade finde ich, dass die Storyline rund um die Fuchsdoppel erst so spät im Roman an Wichtigkeit und Informationen für den Leser zunimmt, man hätte dem Ganzen schon von Beginn an etwas mehr Hinweise streuen können, um eine geradlinige Steigung der Spannung zu gewährleisten.

GESAMTWERTUNG ♥♥♥♥

Fuchsnacht von Julia Mayer ist harter Tobak. Es werden viele wichtige, emotionsträchtige Themen auf feinfühlige Weise behandelt, von denen die meisten im Verlauf des Plots allerdings irgendwann abflachen und fast ganz verschwinden: Mobbing, Krankheit in der Familie, häusliche Gewalt, Homosexualität, Gewalt und Kontrollverlust. Dadurch fühlte sich das Storygeflecht leider etwas collagenartig an und der wesentliche Teil der Geschichte, der um die Fuchsdoppel, die Gestaltwandler, gewann zu spät an Wichtigkeit. Auch wenn die Charaktere für meinen Geschmack etwas zu flach blieben und die Hauptperson ein paar Mal zu viele Tränen vergoss, habe ich nicht nur den atemberaubenden Schreibstil der Autorin genossen, sondern mich auch von psychologisch akkuraten und emotional sehr intensiven Geschichte nur zu gerne mitreißen lassen. Stellenweise war das Buch so spannend, dass ich es gar nicht weglegen konnte - und es überraschte mich mehr als einmal mit einer unvorhergesehenen Wendung. Die Brutalität konnte ich persönlich gut wegstecken, muss aber nochmals betonen, dass diese nicht für jedermann gemacht ist. Und dass Füchse meine Lieblingstiere sind, brauche ich wahrscheinlich nicht nochmals zu betonen...



Spannung 
Romantik 
Humor 
Gewalt ♥♥♥♥
Action 

- Eure Bücherfüchsin

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gefühle, gegensätze, geheimnis, gewinn, humor, irische pubs, irland, kennenlernen, liebe, liebesroman, papageientaucher, rezension, roadtrip, stefanie lahme, traurigkeit

Das Glück ist einen Flügelschlag entfernt: Ein Irland-Roman

Stefanie Lahme
E-Buch Text: 378 Seiten
Erschienen bei Forever, 07.08.2017
ISBN 9783958182059
Genre: Liebesromane

Rezension:

DAS GLÜCK IST EINEN FLÜGELSCHLAG ENTFERNT

Autor: Stefanie Lahme
Genre: Slice of Life. Romance, Reiseroman
Erschienen: 07.08.2017
Seiten: 378
Einband: eBook 
Verlag: Ullstein Verlag
ISBN: 978-3-570-30843-1
Preis: 8,99€ [DE] | 9,30€ [AT]

Rating♥♥♥

INHALT

"Chaotin trifft Erbsenzähler. Lukas hat seinen Irlandurlaub minutiös durchgeplant, Josefine lässt sich lieber treiben. Als sie einen gemeinsamen Aufenthalt in einem Ferienhaus gewinnen, steht für beide fest, dass sie sich das Haus nicht teilen können. Auf einem Roadtrip quer durch Irland wollen sie entscheiden, wer das Ferienhaus am Ende bekommt: Wer auch immer die meisten perfekten Tage organisiert, gewinnt. Während ihrer Reise kommen sich die beiden immer näher – doch noch kennt Lukas Josefines Geheimnis nicht." - Quelle: Verlag

COVER ♥♥♥


Das Cover von 'Das Glück ist einen Flügelschlag entfernt' ist hübsch und nimmt, trotz der abgebildeten Charaktere, nicht zu viel von der Fantasie des Lesers weg. Dadurch, dass nur die Rücken der beiden Personen zu sehen sind, bleibt es einem selbst überlassen, die Gesichter zu den Personen zu erfinden. Als stünden wir hinter dem Liebespaar sehen wir mit ihm gemeinsam über einen irischen See hinweg hinaus aufs Meer, während einer der berühmten Puffins - Lunde, so heißen die Vögel im Deutschen - steil über sie hinweg fliegt. Es fängt die Atmosphäre des Romans wunderbar ein, denn genauso erleben wir auch die Geschichte: Wir erleben Irland mit einem Blick über die Schulter der beiden Hauptfiguren. Wir sitzen auf Klippen, sehen grüne Wiesen, Seen und das Meer und wir besuchen die Puffins an ihre Nistplätzen. Doch so passend das Cover auch sein mag, es würde mich nicht genug reizen, das Buch in die Hand zu nehmen. Es fehlt ihm, ebenso wie der Geschichte, an Spannung. Ich sehe hier das Endresultat dessen, was mich zwischen den beiden Buchdeckeln erwartet: Ein Happyend in wunderschöner Atmosphäre der irischen Landschaft - und Puffins. Ich sehe, was mich erwartet; was ich hier sehe, das bekomme ich auch. Das Cover gibt mir keinen Anlass, herausfinden zu wollen, was hinter dem Bild steht, weil es mir bereits alles verrät.

CHARAKTERE ♥♥♥

Josefine: Josefine wird im Buchtext auf de Verlagsseite als Chaotin bezeichnet - und ich bin mir sicher, das sollte sie auch darstellen, aber leider konnte ich davon im Verlauf der Geschichte wenig spüren. Dass sie Roadtrips ohne Planung mag, muss nicht unbedingt ein Indiz dafür sein, dass sie eine Chaotin ist. Auch dass sie ihr Shampoo gerne in der Dusche vergisst oder ihre Kleidung in ihren Rucksack stopft ist für mich noch nicht Anlass genug, sie so zu nennen. Stattdessen ist Josefine eine Frau, die ganz genau weiß, was sie will, wo sie hin will und warum sie etwas tut. Sie hat einen totalen Plan vom Leben und sie ist frei. Sie ist liebenswert, hat einen tollen Humor, ist überall beliebt und trägt mit Vorliebe Dreadlocks und verrückte bzw. kunterbunte Kleider. Mir fehlte es bei ihr an Tiefe. Denn auch wenn sie ein bitteres Geheimnis mit sich herumschleppt, so schien sie dieses nur ganz selten wirklich zu beeinträchtigen. Es hätte sie in meinen Augen noch etwas menschlicher gemacht, wenn sie im Leben mit ihrer Einstellung nicht immer ganz so gut voran käme. Wenn sie mal nicht gewusst hätte, wohin, oder sich mit ihrer verplanten Art mehrmals in Schwierigkeiten begibt, die sie nicht vorher ahnen konnte. Aber so wirkte sie wie eine nette, liebe Person, die so wunderbar bodenständig ist, dass man sie liebend gern den eigenen Eltern vorstellen möchte. Nicht wie ein Chaotin, bei der alles drunter und drüber ging. Ich mochte Josefine. Ich konnte mich gut mit ihr identifizieren. Aber es steckte auch viel ungenutztes Potential in ihr.
Lukas: Anders als in Lukas - oder 'Luke Skywalker', wie Josefine ihn gerne nannte. Lukas war einfach on point. Der typische, durchgeplante deutsche Tourist, wie man ihn sich nach dem Stereotyp vorstellen würde - und wie ich ihn selbst in meiner Familie habe. Immer die Uhr dabei, immer den Tag durchplanen und immer so komfortabel wie möglich. Zu Beginn der Geschichte konnte ich ihn absolut nicht ausstehen und das war sicherlich auch so gewollt. Er ist garstig, beschwert sich viel und gibt gerne anderen Schuld an seinem Leid. Außerdem hat er keinen Humor und ist überhaupt nicht flexibel. Stimmt, neben Lukas hätte sicher jeder andere normale Mensch wie ein Chaot gewirkt. Aber ich habe seinen Charakter sehr genossen: Er ist eckig und passt nicht gern in eine Form, stattdessen zieht er lieber sein Ding durch. Ich habe etwas übrig für Protagonisten (nicht Antagonisten! Die sollen ja in der Regel unausstehlich sein!), die den Leser dazu bringen, ihn absichtlich nicht zu mögen, weil er so ist wie er ist. Das spricht von Feingefühl im Umgang mit der Charakterkonzeption und auch mit der Psychologie. Ecken und Kanten sind wichtig für einen Charakter; ich mag lieber die Schwächen eines Charakters als seine Stärken. Viel zu oft ist es mir schon passiert, dass ich einen Protagonisten nicht ausstehen konnte, weil er einfach zu perfekt - weil er einfach too much war. Aber Lukas ist ein wunderbarer Charakter und es macht Spaß, seiner Entwicklung beizuwohnen.

SCHREIBSTIL ♥♥♥♥♥

Stefanie Lahme ist für mich eine großartige Schriftstellerin. Sie besitzt ein großes Talent für Sprache und lässt es so einfach und geschmeidig erscheinen, schön aber nicht zu ausschweifend zu formulieren. Sie fängt sowohl Landschaftsbilder als auch Personencharakterisierungen so wunderbar in ihrem Text ein, dass die Dinge plastisch hervortreten und einem das Gefühl geben, hautnah dabei zu sein. Ich kenne viele unbekanntere Autoren, die mit Formulierungen und Unsicherheiten in der Sprache schwächeln und mir dadurch Spaß am Lesen nehmen, da ich einen großen Wert auf Sprache und Formulierung lege. Alles, was ich von Stefanie bislang lesen durfte, hat mich dahingehend so begeistert, dass ich mit Freuden weitergelesen habe, auch wenn es an anderen Stellen des Romans Dinge gibt, die ich zu bemängeln hatte. Die Dialoge sind schlagfertig und so treffend gewählt, das man glauben könnte, sie schreibe kein Roman, sondern ein Drehbuch. Ich würde ihr ans Herz legen, sich auch mal ans Drehbuchschreiben zuwagen! Auch wenn dadurch vielleicht einige schöne Formulierungen verloren gingen, das Talent dazu hätte sie.

HANDLUNG ♥♥

Das bringt mich jedoch zu einem Schwachpunkt der Geschichte, der mir das Lesen an einigen Stellen etwas erschwerte. Eine Handlung ist kaum existent. Das heißt nicht, dass die Protagonisten nichts tun, denn sie tun sehr wohl etwas: Sie reisen. Und zwar durch Irland. Man muss dazu sagen, dass dies wohl der erste Reiseroman ist, den ich je in die Finger bekommen habe und es daher sehr gut sein kann, dass es für dieses Genre eben normal ist, dass viel gereist wird und dabei wenig Spannung aufkommt, aber ich kann es eben nicht mit Sicherheit sagen. Der Roman plätschert die meiste Zeit spannungstechnisch einfach so vor sich hin. Es gibt zwei oder drei spannende Szenen, die für ein paar Seiten anhalten, aber dann wieder vom Reisen, von Pubbesuchen, Dialogen und Irlandbeschreibungen abgelöst werden. Wir haben viel Zeit, die beiden Hauptfiguren gut kennen zu lernen - was wir aber noch besser kennen lernen, ist wohl Irland. Das muss man der Autorin definitiv lassen: Ich habe noch nie einen so gut und so detailliert recherchierten Roman gelesen wie diesen. Von den Strecken- und Ortsbeschreibungen über die Kultur, bis hin zu Speisen und Getränken wirkte alles so gefühlsecht, als würde die Autorin selbst aus Irland kommen. Das Problem jedoch ist, dass wenn man selbst noch nie in Irland war, einem die Freude an vielen Dingen einfach verwehrt bleibt. Man kann sich weder die Seen noch die Hügel, die Klippen, das Meer oder die Aussicht vorstellen, die die beiden Protagonisten vor sich haben. Man schmeckt nicht das Smithwicks, man hört nicht das Diddeldididdeldi der abendlichen Pubbesuche und man sieht die Puffins nicht selbst. Man bekommt zwar Lust, es zu tun, aber es befriedigt einen nicht, den Beschreibungen zu folgen, es fühlte sich fast schon frustrierend an - eben weil die Reise den Hauptteil der Geschichte ausmacht, während die Liebe und die Beziehung der Charaktere zwar da, aber nur zweitrangig bleibt. Der Fokus liegt auf Irland. Man muss es einfach selbst sehen. Dass die Liebesgeschichte und die dunklen Geheimnisse der beiden Figuren dann noch so vorhersehbar und verglichen mit anderen Liebesgeschichten seicht blieben, machte den Frust über die Klippen und Strände, die ich nicht sehen konnte, nicht viel besser.

GESAMTWERTUNG ♥♥♥

Wenn man Irland liebt - oder einfach gerne reist - und sich von einer kleinen, netten Liebesgeschichte vor dem Hintergrund eines so schönen Landes wie Irland gerne den Mund wässrig machen lässt, seine eigene nächste Reise zu planen, dann könnte dieser Roman genau das richtige sein. Die Charaktere sind schön gestaltet, wenn auch mit etwas wenig Tiefgang, und sprachlich ist die Autorin einfach unfassbar gut; sie schafft es wie mit Links, den Geist des Landes in ihrem Buch einzufangen. Leider haben mir die Reisebeschreibungen zwar Lust aufs Reisen gemacht, konnten mir beim Lesen aber kaum eine Freude machen - es fehlte mir an Spannung und persönlichem Drama, es fehlte mir an Höhepunkt. Nicht nur die Entwicklung der Charaktere, auch ihr Schicksal war von Anfang an relativ schnell durchschaubar und es fühlte sich eher frustrierend an, darauf zu warten, dass die beiden sich endlich einander öffneten. Der große Konflikt am Ende wirkte für mich zu forciert und dadurch gekünstelt. Alles in allem war es aber gut zu lesen und ich war gerne mit den beiden Charakteren unterwegs. 


Spannung  Romantik  Humor  Gewalt  // Action 
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Fallen Queen

Ana Woods
Flexibler Einband: 300 Seiten
Erschienen bei Drachenmond-Verlag, 20.06.2017
ISBN 9783959911047
Genre: Fantasy

Rezension:

Fallen Queen - Ein Apfel, rot wie Blut

Autor: Ana Woods
Genre: Jugendbuch, Fantasy, Märchen
Erschienen: 20.06.2017
Seiten: ca. 300
Einband: Taschenbuch / eBook
Verlag: Drachenmond Verlag
ISBN: 978-3-95991-104-7
Preis: 12,90€ [Taschenbuch] | 3,99€ [eBook]
Rating: Abbruch

Inhalt

"Wenn aus Schwestern Feindinnen werden und Äpfel Königinnen zu Fall bringen.Erst wenn Königin Nerina sich einen Gemahl erwählt hat, darf die Prinzessin des Landes heiraten. Was aber, wenn sie sich in den Mann verliebt, den auch das Herz ihrer Schwester begehrt?Um den Thron betrogen und zum Tode verurteilt flieht Nerina in den Verwunschenen Wald, einen Ort, den viele Menschen betraten, doch niemals mehr verließen." - Quelle: Verlag

Cover ♥♥♥♥♥


Ohne Frage, dieses Cover ist eines der schönsten, das ich je gesehen habe. Es ist dunkel, mysteriös und sieht wahnsinnig edel aus. Ich liebe den düsteren Bezug zu Natur und Wald, der bei den Grimmsmärchen ja stets eine große Rolle gespielt hat. Und die schön abgestimmte Schrift mit der Krone über dem Sekundärtitel veredelt das darunter liegende Bild nur noch mehr. Nicht zu vergessen der für Schneewittchen allseits bekannte, blutrote Apfel, dessen Farbe und Taubemalung einfach von Perfektion spricht - ich musste einfach zugreifen! Auch wenn es in diesem Fall bedeutete, dass das schöne Äußere über das gar nicht mal so schöne Innere hinwegtäuschte.

Charaktere ♥

Nerina: Hauptperson dieser modernen Neu-Inszenierung der Grimmschen Schneewittchen-Geschichte ist nicht etwa, wie vielleicht erwartet, Schneewittchen selbst, sondern Nerina, die böse Königin, die mithilfe eines vergifteten Apfels ihre Schwester umgebracht haben soll. Zumindest fast. Denn wie wir wissen bedeutet dieser Apfel für Schneewitchen nicht das Ende, für die beiden Schwestern jedoch das Ende einer gemeinsamen Zeit. Nerina war für mich eine der charakterschwächsten Figuren, die ich bislang erleben durfte. Und das, obwohl sie bei ihren seitenweisen Monologen mehr als genug Zeit hat, ihren Charakter in allen möglichen Tiefen auszuleuchten - ihr Charakter bleibt flach und ohne Ecken und Kanten, ohne schlechte Eigenschaften, ohne Eigenheiten. Sie scheint nur ein Mittel zum Zweck - das sind sie schließlich alle, diese Figuren, nur die meisten Autoren schaffen es, aus diesem Werkzeug lebendige Wesen zu machen - und erzählt sogleich zu Beginn der Geschichte ihrer 14-jährigen Schwester relativ detailgetreu und sensationsheischend von dem Gemetzel, bei dem ihre Eltern ums Leben kamen. Ich musste den Abschnitt gleich zwei Mal lesen, ob ich auch wirklich richtig gesehen hatte. Welche große Schwester erzählt ihrer jüngeren, wie das Blut ihrer Eltern den Boden tränkte? Sie selbst scheint dabei alles andere als hart im Nehmen zu sein. Nicht nur versinkt sie eigentlich die meiste Zeit in Selbstmitleid und gibt sich ihren Tränen hin, nein, sie scheint auch von solchem Gutglauben zu sein, dass sie nicht einmal in der Lage ist, den Mord ihrer Eltern aufzuklären oder ein vernünftiges Gespräch mit ihrer Schwester zu führen. Nicht alle Hauptfiguren müssen stark sein. Aber es ist zumindest von Vorteil, wenn sie etwas Tiefe haben.

Eira: Schneewittchens Name ist Eira. Sie ist die jüngere Schwester der Königin und trägt seit dem Tod ihrer Eltern eine unbeschreibliche Dunkelheit in ihrem Herzen. Sie verzeiht ihrer Schwester nicht, dass sie nichts tut, um den Mord, der ihr Leben so sehr verändert hat, aufzuklären und ein wenig Gerechtigkeit wirken zu lassen. Insoweit hatte ich Verständnis für das kühle und garstige Verhalten, dass sie Nerina die meiste Zeit entgegenbringt. Später ist es eine jugendliche Liebe, die sie über die Trauer hinwegbringt und ihr neues Leben einhaucht. Doch auch diese Liebe währt nicht lange, sie wird durch Nerina verhindert - und der anfängliche Unmut der kleinen Schwester wird in Hass umgekehrt. Während die Königin die eigentlich Gute der Geschichte ist, verkümmert die jüngere Schwester in ihrem Schatten zu einem nicht ernstzunehmenden und vorallem schwer nachzuvollziehenden Bösewicht. Ich konnte ihren Hass verstehen, doch nicht ihre Absicht, ihre Schwester für das Unglück, das ihr widerfahren ist, mit allem was sie ausmacht vernichten zu wollen. Ihr Wahnsinn kam wie aus dem Nichts und nahm Ausmaße an, die für mich psychologisch unbegründet waren. Des Weiteren bleibt Eira nichts als eine Hülle ihrer Zweckmäßigkeit: Sie hat ebensowenig Ecken und Kanten wie ihre Schwester und wird im Verlauf der Geschichte auch nicht wirklich nahe gebracht. Keine der beiden Figuren bleibt einem besonders lange im Gedächtnis.

Schreibstil ♥♥

Es wäre gelogen, wenn ich behauptete, dass Ana Woods kein Talent zum Schreiben habe. Ihr Schreibstil ist märchenhaft, passend zum Genre, und beinahe fehlerfrei zu lesen, bleibt dabei aber genauso flach wie ihre Figuren. Es fehlt definitiv an Dialogen und Charakterinteraktion, viele wesentliche Schlüsselszenen, bei denen mehr Charaktere als die Königin zugegeben waren, werden auf ein paar Sätze runtergekürzt und checklistenartig erwähnt. Ihre aufflammende Liebe zu einem Mann bleibt dadurch ein billiges Detail am Rande, das für den Leser wenig mitreißend ist, obwohl diese Liebe für die Königin eine, wenn nicht sogar die bedeutendste, Handlungsmotivation darstellt. Angst, Zuneigung, Trauer und Glück werden durch den Schreibstil nicht transportiert sondern abgearbeitet und alle damit verbundenen weiteren Emotionen bleiben gekünstelt und in den meisten Fällen irgendwie grundlos. Es werden viele unwichtige Nebencharaktere eingeführt, die letztlich keinen tieferen Sinn für die Geschichte haben und bald darauf auch schon wieder aus dem Namensgedächtnis des Lesers verschwinden. Wo Spannung aufkommen sollte herrscht eine Menge Dramatik aber wenig Gespür für die menschliche Psychologie.

Handlung ♥

An dieser Stelle muss ich nochmals betonen, dass ich Fallen Queen nicht bis zum Ende gelesen habe. Somit muss ich meine Einschätzung geben, ohne das Ende des Romans zu kennen. Wie ich eben bereits erwähnte, hatte ich das Gefühl, das viele wesentliche Szenen verkürzt und wie im Schnelldurchlauf abgearbeitet wurden, obwohl sie für die Charakterentwicklung zentral zu sein schienen. Das Kennenlernen ihres Geliebten oder die Versuche, an ihre trauernde Schwester heranzukommen, sollten emotionale Höhepunkte für die Hauptpersonen darstellen und nicht nur nebensächlich am Rande erwähnt werden. Eine spannende Geschichte ist für den Leser nicht spannend, wenn er keine Verbindung mit den Charakteren spürt. Dann könnten wir auch einfach alle billigen Splatter-Horror lesen, bei dem es nur darum geht, wer wann auf welche spektakuläre Weise als nächstes umkommt. Deswegen hat mich die Handlung absolut nicht berührt. Es gibt nicht einmal eine Nebenhandlung oder nette Nebencharaktere, die den fehlenden emotionalen Hook ersetzen könnten. Somit spürt man ganz deutlich, welche Punkte sich die Autorin auf ihrer Handlungsliste bei der Planung ihres Romans notiert hat und diese dann nach und nach abhakt. Sie nimmt sich viel Zeit für die wenig spannende Innensicht der Königin, und überhaupt keine Zeit dafür, die Welt, in der diese Königin lebt, lebendig und anschaulich darzustellen. Man weiß eigentlich gar nichts. Man kennt ein paar Namen der Herzogtümer und ihrer Herrscher, doch diese bleiben unwesentlich und in einem Satz abgearbeitet. Ob es besser wird, weiß ich nicht, denn als mich der erste dramatische Höhepunkt nicht mitreißen konnte, musste ich das Buch weglegen.

Gesamtwertung ♥

Da ich das Buch abgebrochen habe - und das ist mir noch nie passiert, denn in den meisten Fällen nehme ich mir vor, das Buch erstmal nur wegzulegen und es später wieder zu versuchen - nehme ich mir heraus, ihm eine Ein-Herz-Bewertung zu geben. Dies ist meine Meinung und sie muss nicht mit der euren übereinstimmen. Denn darüber, dass mich das Buch absolut gar nicht berühre konnte, kann nicht einmal das traumhafte Cover oder der solide Schreibstil hinwegtrösten. Wenig Tiefe, oberflächliche Charaktere, wenig Gespür für Prioritäten und szenisches Schreiben bei der Konzeption des Romans sowie nicht nachvollziehbare Handlungen machten das Lesen für mich eher zu einer Bürde, als dass es mir Spaß machte. Und wenn du dich von den ausladenden Monologen und Selbstmitleidtiraden der Hauptperson nicht länger berieseln lassen kannst, weil du es einfach nicht mehr auszuhalten glaubst, und dich nicht ein einziger weiterer Charakter mehr in der Geschichte hält, dann ist es vielleicht besser aufzugeben. Vielleicht hätte ich gerne erfahren wollen, was aus Nerinas Geliebten geworden ist, hätte ich die Chance gehabt ihn kennenzulernen. Vielleicht hätte ich Eiras tödlichen Hass verstanden, hätte sie die Gelegenheit bekommen, im Text ein psychologisches Profil zu erhalten, statt eine Hülle aus Worten zu bleiben. Aber so blieb mir alles, was mit der Geschichte zu tun hatte, bis zu meinem Absprung traurigerweise äußerst gleichgültig.

Vielen Dank an den Drachenmond Verlag für das Rezensionsexemplar!

Spannung
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audiokassetten, depression, einsamkeit, freundschaft, gerüchte, jugendliche, kassetten, mobbing, parties, schuld, schule, selbstmord, suizid, tod, verrat

Thirteen Reasons Why

Jay Asher
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Penguin Books Ltd, 25.06.2009
ISBN 9780141328294
Genre: Jugendbuch

Rezension:

TOTE MÄDCHEN LÜGEN NICHT

Autor: Jay Asher
Genre: Jugendbuch, New Adult, Slice of Life
Originaltitel: "Thirteen Reasons Why"
Erschienen: 08.10.2012
Seiten: 288
Einband: Taschenbuch
Verlag: cbt
ISBN: 978-3-570-30843-1
Preis: 8,99€ [DE] | 9,30€ [AT]

Rating♥♥♥♥♥

INHALT

"Als Clay Jensen aus der Schule nach Hause kommt, findet er ein Päckchen mit Kassetten vor. Er legt die erste in einen alten Kassettenrekorder, drückt auf »Play« – und hört die Stimme von Hannah Baker. Hannah, seine ehemalige Mitschülerin. Hannah, für die er heimlich schwärmte. Hannah, die sich vor zwei Wochen umgebracht hat. Mit ihrer Stimme im Ohr wandert Clay durch die Nacht, und was er hört, lässt ihm den Atem stocken. Dreizehn Gründe sind es, die zu ihrem Selbstmord geführt haben, dreizehn Personen, die daran ihren Anteil haben. Clay ist einer davon ..." - Quelle: Verlag

COVER ♥♥♥♥♥


Ich habe mich mal wieder ein ein englisches Buch getraut. Wie immer werde ich deswegen das Cover bewerten, unter dem ich es gelesen habe, da schöne Covers für mich ein Kaufgrund sind. Das alternative, in diesem Fall deutsche Cover findet ihr wie immer unter diesem Beitrag - ich möchte es euch nicht vorenthalten. Wie oft bin ich in der Buchhandlung schon an dem hässlichen deutschen Cover mit rotem Hintergrund, grüner und schwarzer Schrift vorbei gelaufen und hatte dabei keine Ahnung, welche Perle mir entgeht? Unzählige Male! Und so stehe ich in der englischen Abteilung meines Lieblingsthalia und halte plötzlich dieses silbern glänzende Schätzchen in der Hand - so einfach geht's. Mal im Ernst, ich weiß nicht, was sich der deutsche Coverdesigner gedacht hat... aber das ging ja mal voll daneben. Das englische Cover fängt das Gefühl des Romans wunderbar auf: Die auf silbernem Hintergrund montierte Fotographie ist in sanften Schwarz-Weiß-Tönen gehalten, wie man es von alten Fotografien kennt. Wie eine verblassende Erinnerung, die im Begriff ist, sich dem schimmernden, nebligen Hintergrund anzupassen. Der Name des Romans und der Name des Autors ist dezent auf ein paar alten Holzplanken vermerkt, die aussehen wie die Überreste eines alten Zauns. Es gibt zwei Pressezitate, die im schlichten Weiß gehalten sind und sich so nicht nur wunderbar in das Gesamtbild einfügen, sondern sich auch nicht zu sehr aufdrängen. Ich mag ja für gewöhnlich keine Fotocovers, weil sie einem die Fantasie nehmen, doch in diesem Fall muss ich eine Ausnahme machen: Es ist wirklich ein wunderschönes Foto - und auch wenn Hannah in meiner Vorstellung brünett (muss an der Netflix-Serie liegen) und nicht blond ist, ist sie wunderbar getroffen. Die etwas zusamengewürfelte und trotzdem hübsche Kleidung, die kurze Haare unter einer Mütze versteckt, der abwesende Blick, als wäre sie in diesem Augenblick ganz allein auf der Welt. Hannah ist anders. Hannah ist besonders. Und so ist auch dieses Cover.

CHARAKTERE ♥♥♥♥♥

Hannah Baker: Das Verrückte an diesem Buch ist, dass man schon nach ein paar wenigen Seiten das Gefühl hat, man würde Hannah schon seit Ewigkeiten kennen. Nach der Struktur des Romans folgen wir dem stillen Clay dabei, wie er die dreizehn Seiten der insgesamt 7 Kassetten hört und dabei Hannahs Stimme in die verschiedensten Winkel der Stadt folgt. Wir sind Clay. Und wir erleben Hannah hautnah, so, als wäre sie schon lange eine Freundin von uns, der wir uns nie so recht nähern konnten. Ich für meinen Teil habe angefangen, Hannah zu lieben. Mit all ihrem Witz, ihrem Charm, ihrer Macht, Worte zu flechten und zu ihrer Waffe zu machen. Der einzigen Waffe zu machen, die sie im Kampf gegen die Welt, die sie immer und immer wieder enttäuscht hat, noch übrig hat, um ein Exempel zu statuieren. Sie ist eine wundervolle Persönlichkeit und ich bin mir sicher, wir wären echte Freunde geworden, hätte sie jemals wirklich existiert. Aber nicht nur das. Hannah ist auch eine Repräsentantin für unzählige junge Mädchen dort draußen, denen es im Leben ähnlich ergeht und die Hilfe brauchen. Damit ist nicht (nur) die professionelle Hilfe eines Erwachsenen gemeint, sondern auch die Hilfe gleichaltriger Mitschüler, die die Anzeichen noch viel früher zu spüren bekommen als jeder Erwachsene. Hannah zeigt uns, dass wir die Macht haben etwas zu verändern. Das wir Leben zerstören können, wenn wir nicht Acht geben, und dass wir Leben retten können, wenn wir uns nur eine Minute Zeit nehmen und bewusst werden, dass es sich lohnt, zu helfen. Auch wenn es nur ein offenes Ohr ist.
Clay Jensen: Zugegeben, Clay ist nicht der ausdrucksstärkste Charakter, der mir je untergekommen ist. Eigentlich ist er sogar das Gegenteil. Er ist still, bekommt in entscheidenden Situationen oft den Mund nicht auf, hat eine blütenreine Weste und deswegen keine Probleme in der Schule - oder? Er hat immer versucht ein guter Mensch zu sein, ohne sich dabei allzu sehr anstrengen zu müssen. Man könnte sagen, er ist natürlicherweise eine gute Seele, doch manchmal fehlt ihm der Blick über den Tellerrand hinaus. Während er Hannahs Kassetten hört, folgen wir ihm auf Schritt und Tritt und eigentlich passiert ihm dabei nicht viel. Er sitzt in einem Diner und trinkt einen Milchshake. Oder er steht vor einem Alkoholgeschäft und starrt dabei die ganze Zeit nachdenklich vor sich hin. Manchmal trifft er jemanden aus seiner Schule, doch er redet nicht viel. Was ist nun eigentlich das interessante an Clay Jensen? Warum folgen wir ihm und nicht einer der anderen Personen auf diesen Tapes? Das Interessante ist das, was in seinem Inneren vor geht: Während Hannah uns die Gründe dafür aufzählt, wieso ihr diese Welt zuwider geworden ist, führt Clay im Kopf mit ihr eine Argumentation darüber, wieso es noch Hoffnung gegeben hätte. Was Hannah hätte tun können. Er nimmt so stark die Position des Lesers ein, das man manchmal ganz vergisst, dass er überhaupt noch da ist, irgendwo zwischen den Zeilen, die mit Hannahs Stimme aus dem Walkman fast den ganzen Raum einnehmen. Er ist dabei niemals ignorant oder verständnislos - im Gegenteil: Er versucht es, mehr als jeder andere, Hannah zu verstehen. Aber er sucht auch Lösungen. Hätte es nicht irgendetwas gegeben, was man hätte tun können, um Hannah zu retten? 

SCHREIBSTIL ♥♥♥♥♥

Es ist das erste Buch von Jay Asher, das ich in die Finger bekomme - aber ich muss gestehen, ich bin jetzt schon süchtig und suche insgeheim schon nach dem nächsten. Für mich ist er ein absolut grandioser Autor, der es schafft, Gefühle jeder Art so präzise in Worte zu fassen, dass es einen Umhaut. Hannahs Monolog (bzw. indirekter Dialog mit Clay) ist ein absolutes Meisterwerk und eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Ich kann nicht einmal richtig in Worte fassen, was es war, was mich sprachlich so mitgerissen hat. Es fühlte sich einfach einerseits so literarisch, andererseits so hautnah an. Seine Sprache ist modern und trifft den Ton meiner Generation so präzise, dass es mir Gänsehaut bereitet hat. Die englische Originalausgabe erschien im August 2009. Zu diesem Zeitpunkt war ich 16. Hannah hätte eine Freundin von mir sein können, Hannah hätte ich sein können. Und Jay Asher schafft es, so präzise sich in die Gedanken- und Gefühlswelt, in die sprachlichen Eigenheiten eines 16 Jährigen Mädchens einzufühlen, dass es beinahe gruselig ist. Ich ziehe meinen Hut vor dieser Leistung.

HANDLUNG ♥♥♥♥♥

Wie bereits erwähnt teilt sich Hannahs Geschichte (denn es ist Hannahs Geschichte, nicht Clays) in zwei Erzählebenen: die vergangene Ebene der Kassettenaufnahmen und die gegenwärtige Ebene Clays, der gerade dabei ist, diese Aufnahmen zu hören. Beide Ebene laufen parallel und wechseln sich dabei immer wieder ab. Manchmal unterbricht Clay Hannahs Redefluss, indem er die Kassette pausiert, dann erscheint ein Pausezeichen und du als Leser weißt genau, okay Hannah muss kurz warten. Wenn er fortfährt, drückt er wieder Play und der Leser sieht anhand des Playzeichens, dass es weitergeht. Wenn eine Seite einer Kassette zu ende ist, wird dies mit einem Stopzeichen demonstriert. Zurückgespult wird niemals. Man kann die Vergangenheit nicht rückgängig machen. Clay Handlungsstrang bleibt während der gesamten Geschichte relativ flach, nur ab und zu, wenn er die Kassette pausiert, gerät er in einen Dialog mit anderen oder wechselt seinen Standort. Seine Erzählung gewinnt mit der Tatsache an Spannung, dass er die Kassetten absolut geheimhalten muss - vor seiner Mutter oder vor anderen Schülern, die nicht von der Existenz dieser Tonaufnahmen wissen. Immer wieder redet er sich um Kopf und Kragen und man verspürt als Leser den selben Spannungsdruck wie Clay: Wehe - du - verplapperst - dich! Hannahs Geschichte jedoch, aufgeteilt in dreizehn Kapitel, enthält Anekdoten aus ihrem Leben, die sie über die Jahre hinweg gesammelt hat und die sie all die Zeit über belastet haben. Jede der dreizehn Seiten ist einer Person gewidmet, die Schuld an ihrem Leid hat. Egal ob eine große oder eine kleine Schuld, alles hängt irgendwie zusammen und eines führt zum anderen. Nicht immer ist sofort klar, wer mit einer Seite gemeint ist und was diese Person getan hat, aber sprachlich sind die einzelnen Kapitel so aufgebaut, wie eine gute Geschichte eben aufgebaut sein muss: Anfang, Spannungssteigerung, Höhepunkt, Conclusio. Jedes Kapitel ist eine Welle, wie das Bild eines Herzschlags, ein absolutes Gefühlschaos für den Leser. Manchmal versteht man Hannah nicht. Manchmal ist die Geschichte gar nicht so spannend, wie sie am Anfang noch aufgebauscht wird. Aber am Schluss ergibt alles ein großes, schreckliches Ganzes und auch wenn Hannahs Entscheidung nicht zu entschuldigen ist, hat man dennoch das Gefühl ihre Beweggründe verstanden zu haben.
"And when I say my final words ... well probably not my final words, but the last words on these tapes ... it's going to be one tight, well-connected, emotional ball of words. - In other words, a poem." (S. 178) 

GESAMTWERTUNG ♥♥♥♥♥

Ich will ehrlich sein: Tote Mädchen Lügen Nicht, oder "Thirteen Reasons Why" ist harter Tobak und ich würde es niemandem empfehlen, der emotional zu zart besaitet ist, um mit den dunklen Seiten der menschlichen Psyche klar zu kommen. Dieses Buch handelt von einem Überlebenskampf, nicht mehr und nicht weniger. Zu Beginn, wenn der Kampf noch nicht seine vollen Ausmaße angenommen hat, kann man noch jubeln darüber, wie stark Hannah der Welt, die ihr nur Zitronen bietet, die Stirn bietet, und Limonade daraus macht. Doch gegen Ende hin kann man selbst nicht mehr. Hannahs letztes Kapitel war für mich selbst kaum zu ertragen. Man weiß, wie das Buch ausgeht, doch man befindet sich - ebenso wie Clay - auf den letzten Seiten immer noch in einem Zustand absoluten Leugnens. Aus Selbstschutz und auf der Suche nach Hoffnung in dieser Welt. Wer nicht in der Lage ist, Literatur und Realität zu differenzieren, ist hier fehl am Platz. Denn die Grenzen sind hier gefährlich verschwommen. Nichtsdestotrotz halte ich dieses Buch für eines der genialsten, das ich je gelesen habe. Psychologisch, pädagogisch, menschlich auf den Punkt. Eigentlich sollte es Pflichtlektüre für Lehrer sein - für Schüler halte ich dieses Buch fast zu gefährlich, denn es gibt immer jemanden, der den Sinn hinter den Worten falsch interpretieren könnte. Dieses Buch ruft dazu auf, ein Auge auf unsere Mitmenschen zu haben und im Hinterkopf zu behalten, dass unsere Handlungen und unsere Worte Auswirkungen auf das Leben der Menschen um uns herum haben - auch wenn es nur kleine Auswirkungen sind, je mehr zusammenkommt, umso stärker ist der Impact im Ganzen. Wir kennen unsere Kollegen, Mitschüler, Nachbarn nicht, wir kennen ihr Leben nicht, wir kennen ihre Vergangenheit nicht. Wir kennen nur unser eigenes Leben. Wir können nicht wissen, was wir zerstören, ob wir es zerstören oder wie sehr. Aus diesem Grund müssen wir aufeinander Acht geben. Ob wir jemandem weh tun oder ob wir ihm die Hand reichen und mit ihm einen Kaffee trinken, einfach da sind, kann schon einen Unterschied machen. In einer Gesellschaft trägt man sich immer auch etwas gegenseitig. Und gerade Eltern und Vertrauenslehrer, die oftmals die letzte entscheidende Instanz für Jugendliche darstellen, müssen sich darüber im Klaren sein.


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1.316 Bibliotheken, 15 Leser, 2 Gruppen, 226 Rezensionen

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Love and Confess

Colleen Hoover ,
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 20.11.2015
ISBN 9783423740128
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Love and Confess

Autor: Colleen Hoover
Genre: Romantik, New Adult, Slice of Life
Erschienen: 20.11.2015
Seiten: 400
Einband: Paperback
Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-74012-8
Preis: 12,95€ [Paperback] | 3,99€ [eBook]
Rating: ♥♥♥
 

Inhalt

"Vor fünf Jahren hat Auburn ihre erste große Liebe in Dallas zurücklassen müssen, verbunden mit einem Schmerz, den sie bis heute nicht ganz überwunden hat. Als sie eines Abends im Schaufenster einer Kunstgalerie Briefe mit anonymen Bekenntnissen entdeckt, ist sie zutiefst berührt, denn auch sie trägt ein Geheimnis mit sich. Niemand soll von ihrer Vergangenheit wissen – vor allem nicht Owen, der junge Künstler mit den grünen Augen, der sich von den Geschichtenanderer Menschen für seine Bilder inspirieren lässt. Vom ersten Augenblick an fühlt sie sich zu ihm hingezogen und Owen geht es nicht anders. Die beiden verlieben sich mit ungeahnter Wucht ineinander. Doch auch Owen hat ein Geheimnis, das alles zu zerstören droht, was ihnen wichtig ist . . . " - Quelle: Verlag

Cover  ♥♥♥♥

Als ich im Laden vor dem Bücherhaufen mit Werken von Colleen Hoover stand und ich mich für eines davon entscheiden musste, fiel es mir bei "Love and Confess" besonders leicht, zuzugreifen. Viel leichter als beispielsweise bei ihrem Buch mit dem gruseligen deutschen Titel "Zurück ins Leben geliebt". Das Cover von "Love and Confess" ist einfach wunderschön. Der Grundton ist ein dunkles Pink, das in Farbschattierungen auch ins schwarz übergeht. Der Titel spaltet sich in die Farben Rot und Metallic Blau, wobei Rot für "Love" und das kalte Blau für "Confess" verwendet wurde, in das ein bisschen des Rots der Liebe hineinspielt. Ich weiß nicht, ob die Farben zufällig so gewählt wurden, aber mit dem Kontrast zwischen Rot und Blau, warm und kalt, Liebe und Geständnis wird nach dieser Farbgebung ganz wunderbar gespielt. Der Name der Autorin sitzt in auffälligem Schwarz wie eine Krone auf dem Haupt der im Hintergrund abgebildeten Frau, die in Trauer ihre Lider gesenkt hat. Wer das Buch gelesen hat weiß, was es mit dem Bild auf sich hat, allen anderen will ich den Spaß nicht verderben, es selbst herauszufinden. Es hätte keine bessere Wahl getroffen werden. Colleen Hoovers Name hätte für meinen Geschmack nicht ganz so dick aufgetragen das Bild dominieren müssen, auch wenn es aus Marketingzwecken sicherlich die einzig richtige Entscheidung gewesen ist. Colleen Hoover ist inzwischen ein großer Name - und auch ich greife bedenkenlos zu, wenn ich ihn lese.

Charaktere  ♥♥♥

Owen: Ich bin dann mal ehrlich: Collen Hoover schafft es immer wieder das Abbild eines perfekten Mannes in Worte zu kleiden. Owen ist Maler und besitzt ein eigenes Atelier, in dem er die anonymen Geständnisse anderer Menschen mit Akrylfarben auf Leinwände bringt und schließlich verkauft. Damit verdient er seinen Lebensunterhalt, denn die Beziehung zu seinem reichen Anwalt-Vater ist seit einigen Jahren nicht mehr so, wie sie zwischen Vater und Sohn sein sollte. Er ist nicht nur kreativ gesehen ein kleines Wunder, sondern sieht nebenbei bemerkt auch noch wahnsinnig gut aus, hat einen Sixpack (obwohl niemals die Rede davon ist, woher er den eigentlich hat, der Glückliche!), ist sehr gepflegt, und noch dazu ein unglaublich liebenswerter Kerl, der nicht nur gerne für andere in die Bresche springt, sondern auch rundum sehr liebevoll und verständnisvoll ist - er weiß einfach immer und zu jederzeit das Richtige zu tun oder zu sagen, um die Herzen von Hauptfigur Auburn und dem jeweiligen Leser bzw. der Leserin hinter den Zeilen höher schlagen zu lassen. Mal im Ernst. So einen Mann gibt es doch nicht. Oder? Natürlich war ich mehr als nur hingerissen von Owen. Was auch sonst? Der Mann macht ja nichts falsch ... er trägt nicht mal zu dick auf, er ist einfach rund-um-perfekt. Aber die ganze Zeit dachte ich: Komm schon Junge, irgendwo muss du doch einen Makel haben. Irgendeinen! Und siehe da: er hat einen schiefen Schneidezahn. Als ich das gelesen habe, musste ich mir erstmal die Hand vor die Stirn schlagen und das Buch zur Seite legen. Man muss Colleen eines lassen: Offenbar hatte sie den selben Gedanken wie ich und hat fieberhaft versucht, Owen noch irgendeinen Fehler anzudichten, damit er nicht ganz so wirkt, als sei er gerade direkt vom Himmel gefallen. Aber der Versuch scheitert irgendwie, denn es wirkt eher wie gewollt und nicht gekonnt als tatsächlich wie ein annehmbarer Hinweis auf seine Glaubwürdigkeit. Was soll's, was hatte ich denn erwartet? Bücher - und besonders die, die mit Liebe zu tun haben - sind zum Träumen da. Mir bleibt also nichts anderes übrig, als Owen einfach so zu lieben wie er ist.

Auburn: Mit Auburn dagegen hatte ich so meine Probleme. Das geht mir oft so mit weiblichen Hauptcharakteren. Wenn ich ein Buch aus der Ich-Perspektive lese, dann erwarte ich, dass ich mich mit ihr identifizieren kann, damit ich das volle Leseerlebnis auskosten kann. Denn das impliziert die erste Person Singular Präsens/Präteritum schließlich: den Versuch, den Leser/die Leserin näher an das Geschehen heranzubringen. Natürlich ist jeder Mensch anders, deswegen ist es mit den Perspektiven immer so ein Glücksspiel. Im Falle Auburns ging es für mich die meiste Zeit gut aus, zumindest solange, wie sie nicht in Trauer, Scham oder Selbstmitleid versunken ist. Während des Lesens werden Auburns Probleme relativ schnell klar verständlich gemacht. Trotzdem ging es mir auf die Nerven, ihr ständig dabei "zusehen" zu müssen, wie sie weinerlich in der Ecke sitzt und sich von Owen betüddeln lässt. Wenn sie nicht gerade von Schmerz zerrissen und wie gelähmt dasitzt und einfach nur dabei zusieht, was ihr passiert, stellt sie sich selbst ein Bein, indem sie unnötig trotzig ist, anstatt einfach den Mund aufzumachen und Probleme direkt anzusprechen. Klar, es wird genau erklärt, warum es ihr dahingehend an Selbstbewusstsein fehlt, aber trotzdem ist es eine Frustpartie, wenn man als Leserin das Gefühl hat, die Protagonistin anschreien und schütteln zu wollen. Sie ist 21 Jahre, das mag vielleicht jung sein, trotzdem kommt sie mir meistens eher vor wie eine pubertierende 16-jährige. Ich bin jetzt vielleicht etwas hart, denn es gab auch genug Momente, in denen ich ganz bei ihr war und mit ihr mitgefühlt habe - am Schluss des Romans erlebt sie nämlich eine erfrischende Wende - aber ich habe mich auf diese Weise ganz besonders zäh durch die erste Hälfte des Romans geschleppt (dazu weiter unten mehr). Auburn ist nett, aber austauschbar. Je mehr ich von Colleen lese, desto mehr erkenne ich die Parallelen, die alle ihre weiblichen Protagonistinnen verbindet. Ich finde es schade, dass sie auch gerade im Vergleich zu Owen so schwach und uneinprägsam bleibt.

Schreibstil  ♥♥♥♥

Ich liebe Colleen Hoovers Art zu schreiben. Natürlich kann ich bislang nur von den deutschen Übersetzungen sprechen (mit Ausnahme von Maybe Not), aber ich denke nach dem vierten Buch von ihr bin ich mir da relativ sicher. Sie schafft es einfach, den jungen Ton meiner Generation zu treffen, ohne dabei überzogen oder aufgesetzt zu wirken, wie es bei anderen Jugendromanen der Fall ist. Sie ist die Meisterin des Herzschmerzes, sie kennt all die wunden und weichen Punkte ihrer weiblichen Leserinnen und nutzt dieses Wissen, um sie zum Lachen, Weinen und Lieben zu bringen. Ja, man durchlebt jede Emotion der Charaktere am eigenen Leib. Am schlimmsten war es für mich bei Maybe Someday, dieser Roman ließ mich wochenlang verweichlicht und emotional durchgewalkt zurück. Love and Confess hat das leider nicht geschafft. Klar, am Schreibstil hat primär vielleicht nicht gelegen, aber es hat definitiv hineingespielt. Man spürt einfach deutlich, dass Love and Confess eines ihrer früheren Werke ist und dass sie sich nicht so recht traut, sprachlich direkt auf körperliche Dinge wie Erregung und sexuelle Anziehung einzugehen. Ihr Wortschatz bleibt relativ klein beim Beschreiben der Küsse, und nach den ersten zwei Malen weiß man bereits, wie die nächsten Küsse in etwa ablaufen werden. Natürlich kann das auch an der Zielgruppe liegen... oder einfach an meinem Geschmack. Für einen New Adult Roman blieb sie mir sprachlich einfach zu schüchtern, schließlich kann man davon ausgehen, dass bei einem New Adult Roman (Protagonisten über 20) die Leserinnen über den Erfahrungswert eines Teenagers bereits hinaus sind. Was mich zur Handlung führt...

Handlung  ♥♥♥

Colleen Hoover hat es sich zu Aufgabe gemacht, schwere Themen in ihren Romanen zu verarbeiten und daraus leidenschaftliche Geschichten zu spinnen. Schwere Schicksale und Rückschläge im Leben sind in der Regel Handlungsmotivationen für die Charaktere. So auch in "Love and Confess", doch aus Spoilergründen muss ich mich hier natürlich bedeckt halten. Klar ist, dass mir die Annäherung der Charaktere wieder etwas zu schnell ging. Schon am ersten Tag ist die Anziehung der beiden so groß, das es ihnen fast wehtut, ganz so, als würden sie sich schon lange kennen und hätten nur auf den Moment gewartet, sich zu treffen. Natürlich konnte ich darüber schnell hinwegsehen, schließlich lese ich Romance wegen der Romance und nicht aus anderen Gründen. Doch so richtig aus den Kinderschuhen kamen die Charaktere einfach nicht heraus. In Anbetracht ihres Alters und vor allem der Dinge, die sie in ihrem Leben bereits erlebt haben, kamen mir die beiden einfach zu wenig erwachsen vor - einerseits im Umgang mit eben jenen Problemen und andererseits im Umgang miteinander. Ich hatte die meiste Zeit das Gefühl es mit Teenagern zu tun zu haben (bei Auburn mehr als bei Owen), als mit erwachsenen Personen, die bereits Erfahrungen und eine harte Zeit hinter sich haben. Ich vermute dahinter den Wunsch, die Zielgruppe der Teenager eher anzusprechen als die der New Adults, auch wenn dann das Alter der Protagonisten einfach nicht mehr passt. Gegen Ende hin wurde die Handlung sehr spannend und auch die Entscheidungen der Protagonisten wurden mir eher erklärlich als noch zu Anfang. Trotzdem war das Ende schnell vorhersehbar und auf diese Weise leider nicht mit ihren anderen Büchern vergleichbar.

Gesamtwertung ♥♥♥

Ich habe lange überlegt, ob ich "Love and Confess" 3 oder 4 Herzen geben soll. Aber es wurde schnell klar, dass es für 4 Herzen diesmal leider nicht ausreicht. Ich hatte einfach meine Probleme mit Auburn und mit der Art und Weise, wie sie sich verhält - nämlich wie eine Teenagerin, die noch nicht recht weiß, wo sie im Leben hinwill. Und das ist in Anbetracht ihres Erfahrungswertes einfach nicht glaubwürdig. Die Liebesgeschichte zwischen ihr und Owen war leidenschaftlich wie immer, hatte aber immer einen irgendwie prüden, irgendwie verschämten Beigeschmack einer Teenie-Romanze statt eines älteren Paars, wie man es in einem New Adult Roman erwarten würde. Dafür war die Thematik hinter den beiden Protagonisten auch zu schwerwiegend - psychisch irgendwie geprägt oder benachteiligt wirkten sie trotz ihrer schweren Schicksalsschläge nicht, lediglich Auburns fehlendes Selbstbewusstsein wurde angesprochen. Das war mir einfach zu wenig. Es war mir zu flach. Auch, wenn ich eine gute Zeit mit dem Buch hatte und es gerne gelesen habe, weil ich einfach gerne Hoover lese, konnte der überaus perfekte Owen mit dem schiefen Schneidezahn die Schwäche der Geschichte an sich nicht über drei Sterne hinaus hieven.


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2, bela, drachenmond, drachenmondverlag, drachenmond verlag, dystopi, dystopie, lovestory, marion hübinge, marion hübinger, rezension, romance, water love, waters, watership5

Water Love

Marion Hübinger
Flexibler Einband: 312 Seiten
Erschienen bei Drachenmond-Verlag, 27.02.2017
ISBN 9783959912587
Genre: Fantasy

Rezension:

Water Love

Autor: Marion Hübinger
Genre: Dystopie, Romantik
Erschienen: 27.02.2017
Seiten:
312
Einband:
eBook / Taschenbuch
Verlag: Drachenmond Verlag
ISBN: 978-3-95991-258-7
Preis: 12,90€ [Taschenbuch] | 3,99€ [eBook]

Rating: ♥♥♥

Inhalt

"Der neunzehnjährige Bela erwartet nicht mehr viel vom Leben. Nicht, nachdem seine Eltern vor drei Jahren bei einem Flugzeugunglück umgekommen und sein Großvater Laszlo, ein berühmter Maler, aus Ungarn zu ihm gezogen war. Erst recht nicht in einer Zeit, in der jeder die drastischen Bedrohungen des Klimawandels nervös verfolgt und sich fragt, wie er überleben wird. Wer zu den Waters gehört, wird das Glück haben gerettet zu werden. Seit Bela zurückdenken kann, regieren die Waters das Land. Doch Bela ist ein Landers, einer, der dazu verdammt ist, an Land zu bleiben, sollte es zur Katastrophe kommen. Warum muss ausgerechnet er sich in eine Waters verlieben? Warum muss genau in dem Moment die Smogwelle über Kiel Alarmstufe ROT auslösen und ihn und Sintje viel zu schnell wieder trennen? Als Bela im Bunker festsitzt, fragt er sich jeden Tag, ob es eine Hoffnung für ihre Liebe geben wird …" - Quelle: Verlag

Cover  ♥♥♥♥♥

Wie ihr wisst, isst das Auge bekanntlich mit - und so ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich Büchern mit einem für mich ansprechenden Cover sofort eine Chance gebe, während ich andere Bücher, deren Cover mich nicht so ansprechen, ohne zu Zögern ins Aus katapultiere. In diesem Fall war es ganz klar das Cover, das mich überzeugt hat, zuzugreifen. Wer mich schon länger verfolgt, der weiß, dass ich mit Covern ein großes Problem habe, die mir mit fotogenen Modelgesichtern meine eigene Vorstellung der Charaktere zerstören. Hier ist das glücklicherweise nicht der Fall! Und es hat nicht nur keine Modellvorlagen, es ist außerdem wunderschön. Die verträumte Bucht mit der untergehenden (oder aufgehenden?) Sonne, der Titel des Buches auf Sand gebettet und von der Sonne angestrahlt. Ich finde, wir haben es hier mit einem Cover-Meisterwerk zu tun, und ich hätte es vermutlich den liebenlangen Tag angestarrt, hätte ich Waterlove nicht als eBook gelesen. Meine Hochachtung an den Designer!

Charaktere  ♥♥

Bela:  Leider bedeutet auch ein schönes Cover nicht immer, dass ich mit dem Inhalt auch 100% zufrieden bin. Ein Grund dafür ist für mich der liebe Bela. Als einer der der beiden Hauptcharaktere, aus deren Sichtweisen die einzelnen Kapitel erzählt werden, war er mir einfach zu glatt. Der junge Künstler weist während des ganzen Romans keine großartigen Fehler auf: er ist höflich, freundlich und hat einen starken Überlebenswillen. Das ist leider auch schon alles, was ich über ihn sagen kann. Er wird leider kaum äußerlich beschrieben, außer, dass im Verlauf der Geschichte seine Haare länger werden und ihm ein Bart wächst, weiß ich nicht wirklich, wie ich ihn mir vorstellen soll. Dies kann vermutlich reizvoll sein, möglichst wenig Vorgaben geben einem schließlich auch möglichst viel Freiheit in der eigenen Fantasie. Dennoch fühlte sich Bela für mich auf diese Weise nur noch vergessenswürdiger an. Er hat keine Fehler, keine Macken, keine offenen Fehden, keine Geheimnisse, keine Schwachpunkte, bis auf ein Mädchen, dass er gerade ein paar Wochen kennt und in das er sich ganz offensichtlich verknallt hat. Zwar hat Bela auch einen besten Freund und einen Opa, an dem ihm sehr viel liegt, doch er ist ohne zu Zögern bereit, das Leben dieser beiden aufs Spiel zu setzen, um nach einem Mädchen zu suchen, das er kaum kennt und das höchstwahrscheinlich nichteinmal in Gefahr ist. Weil nach so kurzer Zeit die Liebe so groß ist, sein eigenes Leben zu riskieren. (Wenn man will, könnte man argmunentieren, dass Bela also sehr wohl einen Fehler hat. Der ist allerdings weniger charakteristisch als unglaubwürdig). Man könnte also sagen, Bela definiert sich in der kurzen Zeit, die man mit ihm hat, ausschließlich durch seine Verliebtheit (und vielleicht seine künstlerische Ader). Leider hat es nicht gereicht, mich zu berühren. Ich konnte mich meistens nicht mit seinen Entscheidungen identifizieren, noch hat mich sein Schicksal viel gekümmert. Denn oft dominierte nur der Gedanke: So würde sich im lebensbedrohlichen Ausnahmezustand doch niemand aufführen!

Sintje: Mit Sintje dagegen habe ich mich wesentlich besser vertragen. Sie mag sich zwar ebenso fehlerlos und rein anfühlen wie Bela, doch hat sie zumindest ein Temperament, das mir gefällt. Sie lässt sich nicht gerne was sagen, spricht ihre Meinung laut aus und gibt gerne Kontra. Sie macht Fehler, für die sie hin und wieder büßen muss. Trotz ihres Temperaments bleibt Sintje leider fürchterlich passiv und versinkt recht schnell in Resignation, findet sich mit ihrer Situation ab. Sie versucht weder, etwas an ihrer Situation zu ändern, noch Bela auf irgendeinem Weg zu kontaktieren oder etwas über seinen Verbleib herauszufinden, sie bleibt eifnach wo sie ist und findet sich ab. Gut, das würde ich an ihrer Stelle vermutlich auch tun - schließlich kennen sich die beiden ersten seit ein paar Wochen, warum also das Risiko auf sich nehmen? Doch in Anbetracht der Tatsache, dass Bela bereits ein - in meinen Augen - schwacher Charakter ist, war Sintjes fehlender Tatendrang nur noch enttäuschender. Es fehlte einfach an Gründen, an Antrieb und Spannung für Sintje zu handeln. Das ist als weniger ihre Schuld, als die Schuld des sich in der Mitte des Romans schnell abbauenden Spannungsfadens.  annungs

Schreibstil  ♥♥♥

Marion Hübingers Schreibstil hat mich im Gegensatz zu ihren Charakteren überrauschend beeindruckt. Sie benutzt eine klare, moderne Sprache, wiederholt sich wenig und ist besonders gut darin, ihre apokalyptische Welt mit kleinen Details plastischer zu machen. Ich habe es wirklich sehr genossen, mir die Nachrichtenmaschinen und futuristischen Gerätschaften vorzustellen, die sie beschreibt, die Fachworte, die sie für bislang noch nicht existierende Dinge ihrer Welt erfindet. Ich konnte mich wunderbar einfühlen und mir diese Zukunft ausmalen, die sie mir präsentiert hat, denn sie fühlte sich absolut legitim an. Leider gab es auch einige Ungereimtheiten, die mir zwischenzeitlich aufstießen. So glaube ich kaum, dass die Weltbevölkerung auf 3 Millionen Menschen hinabsinken kann, ohne, dass das Folgen auf Ökologie und Lebensweise der Menschen hat. Die Anzahl der Bewohner der Stadt Berlin allein auf der Welt ... das wäre kaum vorstellbar, alles müsste anders funktionieren. Doch die Beschreibung der Endzeit bleibt auch hier wie auch an manchen anderen Stellen des Romans inkonsequent durchgesetzt. Die Menschen scheinen weit weniger Maschinen zu gebrachen, als sie es in der Gegenwart tun, dabei wissen wir alle, wie abhängig wir inzwischen von den medialen Welt sind. Die Wahrscheinlichkeit, das dies in Zukunft - ohne genannten Grund - zurück geht, halte ich für nicht gegeben. Hinzu kommt, dass ich den Versuch, moderne gesprochene Sprache in einen Text zu übertragen, zwar mutig finde, es mich jedoch immer wieder unangenehm zusammenzucken ließ, wenn ein Charakter voll lässig daherredete. Das ist allerdings mein ganz persönlicher Geschmack (wie eigentlich alles an dieser Rezension).

Handlung  ♥♥♥

Die Handlung des Romans empfand ich als wechselartig. Zu Beginn ging mir alles etwas zu schnell. Die Annährung der beiden Protagonisten war nett, aber weder besonders spektakulär oder mitreißend, noch besonders nachvollziehbar. Wie bereits oben erwähnt, scheinen die beiden schon nach ganz wenigen Annäherungen bis über beide Ohren verliebt und verhalten sich gerade gegen Ende hin, als seien sie bereits seit mehreren Jahren ein liebendes Paar. Es gibt Liebesgeschichten, die lassen mein Herz höher schlagen und meine Hände feucht werden und zaubern mir ein verliebtes Grinsen aufs Gesicht, weil ich das Gefühl habe, die Emotionen der Charaktere absolut mitempfinden zu können. Im Falle von Water Love blieb das Feuerwerk leider aus. Und auch die Frage, ob die beiden sich wiedersehen oder nicht, ob sie zusammen kommen oder nicht, hat sich mir nur mit einem Achselzucken gestellt. Schließlich war von Anfang an klar, auf was das Ende hinaus laufen würde. Ich hatte zu Beginn kaum Zeit, die beiden kennenzulernen und mit ihnen eine Liebe aufzubauen - ebenso wenig wie sie in der Realität wahrscheinlich in der Lage gewesen wären, eine Liebe zueinander aufzubauen. Der Mittelteil des Buches zog sich dagegen eher dahin, die Beschreibungen des Bunkers waren zwar spannend und gut und realistisch, doch Belas unvernünftiges, unnachvollziehbares Verhalten war mit der Zeit nervenaufreibend, vorallem, da seine Initiative auf sich warten ließ. Gegen Ende hin wurde es für ihn viel zu leicht und das Ende fühlte sich wenig überraschend an, sondern erinnerte dafür sehr stark an bereits exisiterende Bücher des Genres. Trotzdem habe ich mich am Ende dabei erwischt, wie ich das Buch nicht aus der Hand legen wollte, als die Spannung dann endlich kam und mich in ihren Bann schlug.

Gesamtwertung ♥♥♥

Würde man mich auffordern, direkt mit einem Wort zu beschreiben, wie ich Water Love fand, würde ich sagen: okay. Trotz seiner absolut schwachen und leider weniger erinnerungswürdigen Charaktere, ein paar logischen Ungereimheiten und einem eher langatmigen Mittelteil, hat mich der Großteil des Romans doch irgendwie unterhalten. Besonderen Spaß hatte ich an den Beschreibungen der dystopischen Welt, die auf diese Weise sicherlich noch nicht existiert, und vor allem vollkommen nachvollziehbar dargestellt wird. Hier punktet Marion Hübinger besonders mit ihrer detaillierten und kreativen Sprache. Außerdem haben es der Beginn und der Schluss der Geschichte geschafft, mich mit ihrer Spannung zu packen, ich kann also sehr wohl sagen, dass mich das Buch gut unterhalten hat. Ich hätte mir nur gewüscht, dass mehr Zeit darauf verwendet worden wäre, die beiden Charaktere und ihre Beziehung zueinander ordentlich einzuführen und auszugestalten, damit ich als Leserin in irgendeiner Weise mit ihnen verbunden bleibe.


Spannung ♥♥
Romantik

Humor

Gewalt

Action

 
- Eure Bücherfüchsin

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clemens j. setz, familie, indigo, mysteriös, österreich, spannung, suhrkamp

Indigo

Clemens J. Setz
Flexibler Einband: 475 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 11.11.2013
ISBN 9783518464779
Genre: Romane

Rezension:

Indigo

Autor: Clemens J. Setz
Genre: Postmoderne Literatur, Metafiktion, Mystery
Erschienen: 29.09.2016
Seiten:
 479
Einband:
Hardcover / Taschenbuch / eBook
Verlag: Suhrkamp Verlag
ISBN:
978-3-518-42324-0
Preis:
22,95€ [Hardcover] | 10,99€ [Taschenbuch]

Rating: ♥♥♥♥

Inhalt

"Im Norden der Steiermark liegt die Helianau, eine Internatsschule für Kinder, die an einer rätselhaften Störung leiden, dem Indigo-Syndrom. Jeden, der ihnen zu nahe kommt, befallen Übelkeit, Schwindel und heftige Kopfschmerzen. Der junge Mathematiklehrer Clemens Setz unterrichtet an dieser Schule und wird auf seltsame Vorgänge aufmerksam: Immer wieder werden Kinder in eigenartigen Maskierungen in einem Auto mit unbekanntem Ziel davongefahren. Setz beginnt, Nachforschungen anzustellen, doch er kommt nicht weit; er wird aus dem Schuldienst entlassen. Fünfzehn Jahre später berichten die Zeitungen von einem aufsehenerregenden Strafprozess: Ein ehemaliger Mathematiklehrer wird vom Vorwurf freigesprochen, einen Tierquäler brutal ermordet zu haben." - Quelle: Verlag

Weihnachten und Literaturwissenschaft

Hallo meine lieben Bücherfüchse,

ich hoffe ihr genießt eine wunderbare Vorweihnachtszeit, trinkt viel Tee, lest viel und lasst euch von der Kälte nicht die Laune verderben. Ich melde mich heute mit einem Buchprojekt zurück, das ich im Rahmen meines Germanistik-Masterstudiums genauer untersucht habe. Da ich seit neustem in Wien wohne, lerne ich in letzter Zeit mehr und mehr die Vorzüge der Österreichischen Literatur kennen - und Clemens J. Setz ist ein Name, den man sich noch eine ganze Weile merken sollte. Gerade in Sachen Literatur fällt mir eine nach meinen klassischen Regeln geartete Bewertung eher schwer, weshalb ich in solchen Fällen gerne mit meinen Konventionen brechen würde. Ich werde die Rezension also nicht nach Cover, Charaktere, Schreibstil und Handlung aufteilen, sondern mich auf andere Aspekte konzentrieren, die mir wichtiger erscheinen. In der Literatur geht es nicht immer um den sinnigsten Inhalt, den melodischsten Stil oder die mitreißendsten Charaktere. Besonders in der modernen und postmodernen Literatur (im deutschsprachigen Raum) sind Experimente und Querdenkerei an der Tagesordnung. So muss ich mich also den Strömungen anpassen. Gerade solche Texte sind für eine wissenschaftliche Untersuchung besonders interessant - ob sie mir gefallen oder nicht kann ich in solchen Fällen dann nur selten genau sagen. Bitte bedenkt auch, dass es sich hier ganz allein um meine Meinung als Literaturwissenschaftlerin handelt und dass diese mit eurem Geschmack nicht übereinstimmen muss. Ich rate dennoch dazu, sich ab und zu einem Selbstexperiment zu unterziehen und der modernen Literatur eine Chance in der Welt des Populären einzuräumen, so experimentell sie auch sein mag. 

"Irgendwann gewöhnt man sich gegen alles"

Clemens J. Setz Roman Indigo präsentiert sich als gnadenlos kafkaesk konstruiertes Versatzstück realer und fiktiver Quellen, die dem Leser auf der Suche nach der Wahrheit niemals volle Befriedigung gewährt.Unter diesen Umständen gestaltet sich eine textnahe Zusammenfassung des Inhalts ebenso unbefriedigend wie unzureichend, wenngleich auch schnell geschaffen: Thema des Buches sind die sogenannten „Indigo-Kinder“. Basierend auf der esoterischen Theorie von Nancy Anne Tappe, nach der jeder Mensch von einer farbigen Aura umgeben sei und eine Gruppe von auserwählten Kindern von einer ebensolchen in indigoblau, haben die Indigo-Kinder in Setz Roman eine seltsame und direkte Auswirkung auf ihre Umgebung. Jeder, der sich ihnen nähert, erfährt nach wenigen Minuten heftige Kopfschmerzen, Brechreiz, Hautausschläge und Durchfall – selbst ihre Eltern. Um dieser krankmachenden Wirkung auf den Grund zu gehen, sie zu studieren, sie sich zu Nutze zu machen und die Gesellschaft vor ihrem Einfluss zu schützen, werden diese Kinder in einer Sondererziehungsanstalt im fiktiven Helianau untergebracht und schließlich „reloziert“ – das heißt sie verschwinden. Ein paar spärlich gesäte Hinweise lassen vermuten, dass man ihre „Einflusszone“ dazu nutzt, um bei anderen Menschen – in Gefängnissen beispielsweise – gezielt folterartige Zustände herbeizuführen, oder für beinahe okkultistische Zwecke zur Selbstmarterung innerhalb sektenartiger Strukturen benutzt werden.

Form und Aufbau

Der Roman spaltet sich dabei lose in zwei Zeit- und Erzählebenen, die sich gegenseitig abwechseln. Mittelpunkt der ersten Ebene ist Clemens J. Setz, Alter Ego des gleichnamigen Autors, der Ermittlungen über die Indigo-Kinder, ihre Wirkung und ihr Schicksal im Helianau Institut anstellt. Diese Zeitebene ist nicht chronologisch angeordnet: Sie beginnt zu Anfang seiner Recherchebemühungen, wird dann durch eine Art Flashback in die Vergangenheit unterbrochen, in der Clemens Setz Lehrpraktikant für Mathematik im Helianau Institut zum ersten Mal mit den Indigo-Kindern in Berührung kommt, und wird schließlich wieder in die erste Zeitebene zurückgeführt. Die zweite Realitätsebene wird von einem personalen Erzähler geführt, der den Alltag des ehemaligen – ausgebrannten – „Indigo“ Robert Tätzel schildert. Zeitlich ist dieser Erzählstrang im Vergleich zur ersten Erzählebene weit in der Zukunft angesetzt; einer Zukunft, in der die Augmented Reality die Welt beherrscht, virtuelle Zeitungen unsichtbar und unauffindbar werden, und die Bevölkerung von sogenannten iBalls unter ständiger Beobachtung steht.

Intertextualität und Fiktion

Unterbrochen werden die beiden Erzählebenen durch eine Sammlung diverser faksimileartiger Dokumente wie Briefe, Klappentexte oder Sekundärtexte, die versuchen, die wahre Existenz des Indigo-Phänomens mit stichhaltigen Beweisen hinreichend zu belegen – um auf diese Weise einen unkritischen Leser vom Wahrheitsgehalt des Romans zu überzeugen, oder einen kritischen Leser zur eigenen Recherche anzutreiben. So ergeben sich die meisten Quellenangaben als schlichtweg inexistent – an einer Stelle ist beispielsweise von einer Kalendergeschichte Johann Peter Hebels die Rede, die realitätsgetreu in Frakturschrift verfasst und unter dem Titel „Die Jütterin von Bonndorf“ aufgeführt ist, sich jedoch als reine Erfindung herausstellt. Die Suche nach anderen, nicht im Roman aufgeführten Quellen zum Konzept „Indigo“ verschaffte der Frustration eines wissbegierigen Lesers zumindest Linderung: Die als Urquelle bezeichnete (und bereits 2012 verstorbene) Dame Nancy Anne Tanne besitzt gar eine eigene Website (www.nancyanntappe.com) und einen Blog zum Thema Indigo (www.allaboutindigos.com) und im deutschsprachigen Raum wird das Thema der Indigo-Kinder von einem Esoterik-Blog (www.bunkahle.com) erwähnt und mit Literaturhinweisen hinterlegt. Auch das populäre Online-Nachschlagewerk Wikipedia führt einen
Artikel über das Phänomen; die in den Fußnoten angeführten Links zu weiterführenden Quellen führen inzwischen jedoch alle ins Nichts, zu nicht mehr existierenden Seiten, ganz so als handle es sich beim Indigo-Begriff um einen kurzen und inzwischen verrauchten Trend. FAZ-Redakteur Jan Wiele nennt es sehr passend: „man könnte sich kaputtgooglen“ (2012). Denn nicht nur die oben genannten Interventionen gefälschter Quellenangaben regen zur Überprüfung an, auch die innerhalb der Kapitel aufgeführten Exkurse über merkwürdige Phänomene wie einer Maus mit einem angewachsenen menschlichen Ohr auf dem Rücken, der einsamsten Telefonzelle der Welt, zwei russischen Hunden im Weltall oder der wahren Entstehungsgeschichte der Glühbirne (ein Exkurs, der einen zum Schluss des Romans wahnsinnig ungeduldig werden lässt), lassen einen modernen Leser nur allzu oft das Handy in die Hand und die Suchmaschine Google zu Rate ziehen. Dabei stößt man gleichwohl auf Wahrheiten und Unwahrheiten, wie auf geschickt in das erzählerische Gewebe eingefügte Halbwahrheiten: aus dem Zusammenhang gerissene Fotos und Namen, entfremdet und fehl am Platz und doch keine Fremdkörper, denn gäbe es das Internet nicht, würde der Fehler in der Matrix vielleicht nicht einmal jemandem auffallen. Es fühlt sich an, als würde der Text seinen Leser stetig an der Nase herumführen und ihm seine eigenen Grenzen unaufgefordert und kaltblütig aufzeigen: Wie abhängig wir vom heutigen Internetmedium sind. Wie lückenhaft unser Allgemeinwissen ist. Wie leicht es ist, Wahrheiten, Halbwahrheiten und Unwahrheiten in ein und demselben Text zu verweben, bis ein zweifelhaft unzweifelhaftes Konstrukt entsteht, dem ganz ungeniert auf den Leim gegangen werden kann. Wie viel Zeit Autor Clemens Setz auf die Ansammlung (unnützen) Wissens verwendet haben muss, um ein derart informationsdichtes Textgewebe zu schaffen.

Meinung

Gerade die vielen, unnötig erscheinenden Exkurse, die stets abschweifenden Gedanken der beiden Protagonisten Setz und Tätzel, machen es einem oft schwer, dem eigentlichen Plot – sollte es so etwas überhaupt geben – zu folgen und wichtige sowie interessante Fakten über das eigentliche Thema, nämlich die Indigo-Kinder und ihr Verschwinden, im Kopf zu behalten. Ebenso wie die Figur Clemens Setz möchte man mehr über diese mysteriöse Krankheit erfahren, die Kinder befällt und Familien zerstört, doch sobald die Dialoge an den Rand konkreter Informationen und Aussagen schwappen, brechen die Figuren entweder mitten im Satz ab, weil sie sich nicht weiterzusprechen trauen, oder das Gespräch wird durch einen inneren Monolog seitens des Protagonisten unterbrochen. Auf diese Weise kommt der Leser nur bruchstückhaft voran, setzt sich auf knapp 500 Seiten sein Bild von der Wahrheit puzzelteilweise zusammen und muss am Ende doch feststellen, dass das große Ganze, die Antwort auf die Frage nach dem „Was genau ist da nun eigentlich passiert?“, noch immer von schwarzen Löchern des Nicht-Wissens zerfressen bleibt. Frustriert denkt er sich dann: „l’art pour l’art“, denn bestimmt geht es überhaupt gar nicht um den Inhalt. Nicht wahr, Herr Kafka?


Kurz:  Spannend, frustrierend, anstrengend, unbequem, zerpflückt, zerschunden, geflickt, verbunden. Wer dieses Buch durchhält, hat viel und nichts gewonnen.  Ich rate hier zum Selbstexperiment!

- Eure Bücherfüchsin

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brandzeichen, cecelia ahern, celestine, dystopie, familie, fantasy, fehler, fehlerhaft, flawed, gesellschaft, gilde, jugendbuch, liebe, perfekt, perfektion

Flawed – Wie perfekt willst du sein?

Cecelia Ahern , Anna Julia Strüh , Christine Strüh
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei FISCHER FJB, 29.09.2016
ISBN 9783841422354
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Flawed - Wie perfekt willst du sein? (1)

Autor: Cecilia Ahern
Genre: Jugendbuch, Utopie/Dystopie
Erschienen: 29.09.2016
Seiten:
480
Einband:
Hardcover [DE] / Taschenbuch [UK]
Verlag:
Fischer FJB [DE] / Harper Collins [UK]
ISBN:
978-3-8414-2235-4
Preis:
 18,99€ [DE] | 7,99£ [UK]

Rating: ♥♥♥♥♥

Inhalt

"Celestines Leben scheint perfekt: Sie ist schön, bei allen beliebt und hat einen unglaublich süßen Freund.Doch dann handelt sie in einem entscheidenden Moment aus dem Bauch heraus. Und bricht damit alle Regeln. Sie könnte im Gefängnis landen oder gebrandmarkt werden – verurteilt als Fehlerhafte.Denn Fehler sind in ihrer Welt nicht erlaubt. Nichts geht über die Perfektion. Auch nicht die Menschlichkeit. Jetzt muss sie kämpfen – um ihre eigene Zukunft und um ihre große Liebe." - Quelle: Verlag

Cover  ♥♥♥♥♥


Wie ihr oben sehen könnt, habe ich die englische und nicht die deutsche Version des Jugendbuch-Debüts von Cecilia Ahern gelesen. Aus diesem Grund finde ich es nur richtig, hier das Cover der UK-Version zu bewerten; das deutsche habe ich euch für den direkten Vergleich jedoch unter diesem Beitrag abgebildet. Ich finde, es kommt in keiner Weise an die Qualität des Originals heran. Das liegt für mich - allem vorran - an der wunderschönen Farbgebung, die sich einer meiner liebsten Farbkombinationen bedient: Türkis und Pink. Ich liebe die Anordnung des Covers! Celestine in der Mitte, Zentrum der Geschichte, Zentrum des Geschehens und doch weit und breit allein, wie sie es auch in der Geschichte zu sein scheint. Sie geht aus dem Schatten hin zum Licht, ein Anblick, der Hoffnung verspricht, diese wird allerdings schnell zunichte gemacht, sobald man den Buchdeckel aufschlägt. Rahmen und Schrift sind schlicht aber schön gewählt und harmonieren wunderbar mit den Farben und miteinander. Natürlich ist der Name Cecilia Ahern so groß wie möglich gehalten, trotzdem stört er nicht und setzt sich nicht über den Titel des Werks hinweg, der - wie ich finde - immernoch der erste Eye-Catcher ist. Ich konnte im Laden an diesem Prachtexemplar einfach nicht vorbeigehen... Für mich ein absolut gelungenes Cover!

Charaktere  ♥♥♥♥

Celestine North: Zu Beginn der Geschichte konnte ich mit Celestine so gut wie nichts anfangen. Sie wird einem als ein verwöhntes und furchtbar oberflächliches Gör präsentiert, das im Leben keine andere Sorgen hat, als die Auswahl ihrer Kleider oder ihrem guten Ruf. Schnell stellt sich jedoch heraus, dass diese Charaktereigenschaften nicht ihre eigene Schuld sind: Sie wurden ihr von der Gesellschaft aufgezwungen. In einer Welt, in der Fehler und Fehlentscheidungen restlos bestraft werden ist es nicht verwunderlich, dass die Kinder lernen, "perfekt zu sein" als oberstes Ziel im Leben betrachten. Und so fürchtet Celestine nichts mehr, als in irgendeinerweise aus der Reihe zu tanzen: bloß nicht auffallen, stets so sein wie die anderen, keinen Sinn für Individualität zulassen. Umso überraschender ist es, als sie plötzlich aus dieser ihr vorgefertigten Rolle ausbricht - und es nicht einmal bewusst wahrzunehmen scheint. Indem sie einer Person hilft, die es besonders nötig hat, bricht sie die ihr auferlegten Regeln und wirkt dabei merkwürdig fremdbestimmt. Obwohl sie sich sehr wohl bewusst ist, dass sie einen schweren Fehler begeht, tut sie so, als hätte sie mit den folgenden Konsequenzen nicht gerechnet. Was mir in Anbetracht ihrer im Vorhinein so stark thematisierten Angst, etwas falsches zu tun, doch etwas zu konstruiert vorkam. Sobald die Geschichte jedoch ins Rollen kommt erfährt Celestine eine wunderbare Charakterentwicklung, der ich mit vergnügen gefolgt bin. Vom anfänglich ängstlichen und gesichtslosen Teenager ist bald nichts mehr übrig und sie wächst zu einer starken, schlagfertigen - wenn auch noch manchmal immernoch viel zu naiven - jungen Frau heran. Sie bildet das Zentrum der Geschichte und oft wirkt es so, als wären die anderen Charaktere neben ihr nur unwichtige Statisten, denen in Bezug auf "Pagetime", Charakterentwicklung und Hintergrund viel zu wenig an Wichtigkeit beigemessen wird. Sie sind zwar da und beeinflussen Celestines Werdegang, doch keiner von ihnen scheint für den Leser unentbehrlich. Das macht es keineswegs keineswegs langweilig. Vielmehr finde ich es eine Kunst, den Fokus einer Geschichte so sehr auf eine Person zu verlagern, ohne dass dem Leser etwas fehlt. Und es ist besonders angenehm, dass die "Große Liebe", wie sie im Klappentext so wichtigtuerisch angepriesen wird, für Celestine zwar wichtig ist, in der Geschichte jedoch nicht so viel Raum bekommt, wie es für Jungendbücher heute sonst der Fall ist. Hier gibt es kein übertrieben kitschiges Drama, keine Dreiecksbeziehung, keine seitenlangen inneren Monologe der Protagonistin über ihren Liebsten - es ist da, es ist gut so, aber es ist nicht Hauptteil der Geschichte! Wie unglaublich erfrischend das Fehlen von Kitsch von Zeit zu Zeit sein kann. Und weil keiner der anderen Charaktere bezüglich Charakterschärfe und Wichtigkeit an Celestine herankommt - und weil ich im anderen Falle zu sehr in Spoilern käme - behalte ich mir vor, diesmal nur die Protagonistin vorzustellen.

Schreibstil  ♥♥♥♥♥

Wie oben schon angedeutet habe ich Flawed diesmal auf Englisch gelesen - eines der ersten Bücher, die ich bislang komplett in einer Fremdsprache durchgezogen habe. Ich hätte es schon viel früher tun sollen. Es ist alles in allem nicht nur günstiger und hilft bei der Verbesserung meiner sprachlichen Fähigkeiten - es bringt auch gewisse Nuancen zutage, die bei einer deutschen Übersetzung häufig verloren gehen können. Cecilia Aherns Schreibstil ist, wie man es von ihrem Klassiker P. S. Ich liebe dich gewöhnt ist, sehr schlicht, aber sehr präzise. Sie schafft es mit wenigen Worten und einem wirklich sehr rasanten Erzähltempo eine unglaubliche Spannung zu erzeugen, die einen das Buch kaum mehr aus der Hand legen lässt. Es gibt einige Szenen, die aufgrund ihrer Inszenierung, ihrer grandiosen Dialoge oder ihrer tiefen Emotionalität noch lange nach beenden des Buches im Gedächtnis bleiben. An manchen Stellen finde ich persönlich die Grenze des Jugendbuchs erreicht und ich würde von einer Empfehlung für Jüngere oder zarte Beseitete wohl eher absehen, doch für alle, die mit die Tribute von Panem keine Probleme hatten, sollten auch hier beherzt zugreifen.

Handlung  ♥♥♥♥♥

Die Geschichte von Celestine - ob Flawed oder nicht - fühlt sich an wie ein wilder Achterbahnritt. Nicht einmal die Einleitung gestattet dem Leser ein ruhiges Innehalten zum Kennenlernen der wichtigsten Charaktere, sondern reißt ihn direkt mitten ins Geschehen und in die Deportation einer Flawed vor den Augen ihrer Familie. Die Bedrohung wird einem also sofort und schonungslos aufs Auge gedrückt - es gibt keinen Schein, der lange bewahrt und aufrecht erhalten werden möchte. Daraufhin folgt ein Schlag auf den anderen. Es gibt keinen Alltag in dieser Geschichte, alles fühlt sich an wie ein einziger Ausnahmezustand. Oft gerät Celestine durch reines Selbstverschulden und pure Naivität in verzwickte Situationen, sodass man sich als Leser manchmal kopfschüttelnd an die Stirn fassen muss, doch alles in allem ist das Netz der Handlung gut durchstrukturiert. Langeweile war hier auf keiner Seite spürbar, nicht einmal in den Phasen zwischen den Spannungsspitzen. Wer also auf der Suche nach einer kurzweiligen und spannenden Geschichte ist, der sollte Fl awed auf jeden Fall eine Chance geben.

Gesamtwertung ♥♥♥♥♥

Nach meiner etwa dreimonatigen Sommerpause melde ich mich aus dem Off zurück und habe einen wunderbaren Titel von einer bereits sehr bekannten Autorin mitgebracht. Die englische Version von Flawed stach mir vor ein paar Wochen in einem Flughafen-Buchhandel ins Auge und ließ mich seitdem nicht mehr los. Nicht nur hatte mich das Cover vollends überzeugt, auch der sogleich spannende Einstieg holte mich direkt ins Boot. Die zunächst etwas flache Celestine ist mir im Laufe ihrer (Leidens-)Geschichte ganz besonders ans Herz gewachsen und ich ziehe meinen Hut vor der Autorin, die es schafft, den Fokus ihrer Leser so vollkommen auf das Schicksal ihrer Heldin zu lenken, dass kein zweiter Protagonist nötig ist, um die Spannung aufrecht zu erhalten. Flawed ist eine brutale und ernstzunehmende Version einer Zukunft, in der wir unser Leben von öffentlicher Reputation und Fehlerhaftigkeit abhängig machen und von dem Wunsch nach Perfektion unser Leben bestimmen lassen. Am Schluss ihres Romans schreibt die Autorin wunderbar passend:  " If there 's one message t hat I ho pe this book p ortrays, it's this : none of us are perfect. Let us not pretend that we are. Let us not be afra id that we're not. Let us not label others and pretend we are not the same. Le t us all know that to be human is to be flawed , and let us learn from every mistake made so that we don't make them ag ain." - Cecilia Ahern Amen.




Spannung ♥♥
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1.484 Bibliotheken, 93 Leser, 6 Gruppen, 116 Rezensionen

18. jahrhundert, clans, diana gabaldon, feuer und stein, highlands, highland-saga, historisch, historischer roman, krankenschwester, liebe, outlander, schottland, steinkreis, zeitreise, zeitreisen

Outlander - Feuer und Stein

Diana Gabaldon , Barbara Schnell
Flexibler Einband: 1.136 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 04.05.2015
ISBN 9783426518021
Genre: Historische Romane

Rezension:

Feuer und Stein (Outlander 1)

Autor: Diana Gabaldon
Genre:
 Historisch, Abenteuer
Erschienen: 04.05.2015 (Neuauflage) Seiten: 1136 Einband: Taschenbuch
Verlag:
 Droemer Knaur
  ISBN: 978-3-426-51802-1
Preis: 14,99€ [Taschenbuch] | 12,99€ [eBook]

Rating: ♥♥♥♥♥

Inhalt

"Schottland 1946: Die englische Krankenschwester Claire Randall ist in den zweiten Flitterwochen, als sie neugierig einen alten Steinkreis betritt und darin auf einmal ohnmächtig wird. Als sie wieder zu sich kommt, befindet sie sich im Jahr 1743 – und ist von jetzt auf gleich eine Fremde, ein »Outlander«." - Quelle: Verlag

Cover  ♥♥♥

Nagut, seien wir ehrlich: Das Cover der Neuauflage "Feuer und Stein" aus dem Droemer Knaur Verlag macht wirklich nicht viel her. Hätte ich nicht von vorherein nach dem Buch gesucht, wäre es mir vermutlich niemals aufgefallen - und selbst wenn, hätte ich ihm vielleicht nicht mal eine Chance zu geben. So schlicht und blau, mit ein paar Schattierungen und Schnörkeln, ist das einzig auffällige auf dem Cover die Schrift und das große Emblem, das als Fake-Lederschnalle das Gefühl vermitteln soll, man hätte es mit einem alten historischen Werk zu tun. Ein netter Kniff, aber leider nicht gut genug, um Aufmerksamkeit zu erzielen. Ich mag es nicht besonders - und dass die nachfolgenden Bände gleich gestaltet sind und sich nur farblich unterscheiden, macht es leider nicht besser. Leider nur drei Sterne an dieser Stelle, und leider auch nur für die hübsche Impregnierung und dafür, dass es nicht ganz furchtbar hässlich aussieht.

Charaktere  ♥♥♥♥♥

Claire Randall: Als Claire nach den ewigen Wirren des zweiten Weltkriegs endlich ihren Ehemann in die Arme schließen kann, beschließen Sie, bei einem Ausflug nach Schottland ihr Wiedersehen zu feiern. Besonders viel Zeit haben die beiden leider nicht miteinander, denn eines Tages verschwindet Claire spurlos - und erwacht in einer anderen Zeit, zweihundert Jahre von ihrem bisherigen Leben getrennt. Doch trotz der schrecklichen Geschehnisse, die kurz darauf auf sie einprasseln, ist und bleibt Claire ein starker, gesetzter und vor allem sehr pragmatischer Mensch. Sie verliert auch in den kritischsten Situationen nur selten die Nerven - was auf Ihre bisherige Karriere als Lazarett-Krankenschwester zurückzuführen ist - und begegnet jeder Bedrohung mit Mut, Intelligenz, Wortgewandtheit und einer befriedigenden Prise Humor. Sie ist keine Heldin und sie ist trotz ihres guten Herzens gezwungen, Dinge zu tun, die ihr moralisch widersprechen, um zu überleben - sie kann weder kämpfen noch kennt Sie sich mit den Gebräuchen der Zeit besonders gut auf, doch mit ihrem geschichtlichen Hintergrundwissen und ihren Kenntnissen in der Heilkunst schafft Sie sich ihren Weg. Ich bewundere Claire und ich habe jede einzelne Seite aufgesogen, um mir daraus ein Bild von ihr zu schaffen. Sie ist eigensinnig, stur und egal, ob Sie ein Messer an der Kehle hat, oder vor frischer Verliebtheit nicht mehr weiß, wo oben und unten ist: Sie lässt sich von Männern nicht blind herumkommandieren, verfolgt ihre eigenen Ziele und ist alles, was man sich als Frau von einer Romanheldin nur wünschen kann. Ich liebe es, dass sie in Krisenmomenten, statt wie gelähmt nur von ihren eigenen, panischen Empfindungen zu schwafeln, die Situation kühl analysiert und dem Leser auf diese Weise stets ein detailliertes Bild zeichnet. Dass ihr Hirn - statt blind zu verzweifeln und sich auf eine Rettung durch andere zu verlassen - stets arbeitet, wie Sie weiter handeln sollte oder welche feine Wortwahl ihr dabei helfen könnte. Ihre Beziehung zu anderen Charakteren ist tief, aber niemals so tief, dass sie sich in unnötigen Schwafeleien, in Kitsch oder einem Gedankenkarussell verlieren könnte. Einfach ein Prachtexemplar von einer Frau, einem Charakter und einer Protagonistin. Danke dafür!
Jaime Fraser: Immer, wenn ich glaube, dass ich meinen ultimativen "Bookboyfriend" - das heißt meine heimliche Bücherliebe - gefunden habe, kommt ein anderer daher, der alle anderen in den Schatten stellt. So ist es auch mit James Alexander Malcom McKenzie Fraser. Der rüstige Highlander mit dem roten Haar, den blauen Augen, der gutmütigen, selbstlosen Art, gepaart mit der entzückenden Unerfahrenheit eines Junggesellen, dem elefantenartigen Sturkopf und dem Mut eines Löwen, hat er einfach alles, wovon ich eigentlich nur träumen kann. Und doch ist er nicht makellos. Er begeht Fehler - Fehler, die ihm selbst die hingerissenste Leserin nicht verzeihen kann -, er bewegt sich stets auf einer Grenze zwischen Moral und Heldentum, die einfach unsagbar faszinierend ist. Eine Stelle, die als die in der Community am meisten diskutierte Szene gilt, ließ mich meinen Glauben an Jamie verlieren, eine andere Szene brach mir fast das Herz. Ich kann nicht sagen, wie viel ich mit den beiden Protagonisten gelitten habe, aber es hat mich Tränen und Nerven gekostet, Sie auf ihrem Weg zu begleiten. Jamie ist in diesem Buch, das eine Zeit voll von Krieg und Grausamkeiten beschreibt, ein hoffnungsvoller Stern am Horizont, der einen in dem Glauben lässt, Frieden und Gerechtigkeit existieren auch dort noch irgendwo. Ein toller Charakter - und ich bin ihm mit Herz und Seele verfallen. Aber pssst, erzählt bloß meinem Freund nichts davon. 
Dougal McKenzie: Dieses Buch strotzt nur so von einzigartigen, wichtigen und bewundernswerten Charakteren und es gibt sicherlich andere Charaktere, die ihren Platz in meiner Charakter-Bewertung mehr verdient hätten, als Dougal McKenzie. Trotzdem habe ich ihn gewählt, da er merkwürdigerweise neben den beiden Protagonisten zu meinen Lieblingen zählt. Der schon recht betagte, glatzköpfige, vollbärtige Bruder des McKenzie-Clan-Anführers ist ebenso liebens- wie hassenswert. Er arbeitet stets nach seinen eigenen Interessen, und obwohl er Loyalität schwört und dennoch sein Wort bricht, kann man sich trotzdem immer auf ihn verlassen. Er ist ein hinterlistiger kleiner Mistkerl und trotzdem ein vertrauer Verbündeter. Ich liebe es, wie auch er auf einem schmalen Grat zwischen Schwarz und Weiß, Licht und Dunkelheit, Gut und Böse balanciert, dabei für mich aber niemals an Sympathie verliert. Wenn ihr wisst, was ich meine, würde mich eure Meinung dazu brennend interessieren!
Jonathan "Black Jack" Randall: Eigentlich ist es unrecht, ihn am Schluss aufzuführen, aber der Mistkerl hat es nicht anders verdient. Diana Gabaldon hat in Jonathan Randall einen Charakter erschaffen, der mir durch Mark und Bein geschossen ist. Er ist so giftig wie eine Schlange und mindestens ebenso gefährlich - und wenn ich mich damit nicht zu weit aus dem Fenster lehne, würde ich sogar behaupten, er ist mindestens so geistesgestört wie Ramsay Bolton und Geoffrey Barratheon aus George R. R. Martins Fantasie Epos "Ein Lied von Eis und Feuer" / "Game of Thrones". Ironischerweise sind die beiden Autoren sogar befreundet, weshalb ein gegenseitiger Einfluss sicher nicht abzustreiten ist. Randall ist ein Sadist par Excellence. Er quält, er schlitzt, er zertrümmert und er widert mich an, und trotzdem ist er einer der wichtigsten Faktoren in Claires und Jaimes Geschichte - ohne ihn wäre das alles nur halb so schön. Es ist paradox, doch Jonathan Randall ist das beste Beispiel dafür, das gute Antagonisten eine gute Geschichte erst so richtig ausmachen. Macht euch darauf gefasst, dass er euch bei lebendigem Leibe (bzw. beim Lesen) das Herz aus der Brust schneidet und dabei auch noch Spaß hat. Dieser miese Lauch!

Schreibstil  ♥♥♥♥♥

Diana Gabaldon ist eine wahre Künstlerin. Während ich zu Beginn der Geschichte Sorge hatte, dass der Schreibstil möglicherweise zu trocken und zäh sein könnte, wie man es von einem historischen Roman nun mal erwartet, hat sie mich sehr bald vom Gegenteil überzeugt. Geschrieben aus Claires Perspektive weiß die Autorin sehr genau, wie man politische Intrige und persönliches Schicksal bestmöglich miteinander abmischt, wie man mit Detailreichtum und emotionaler Bindung zu einem Charakter unerträgliche Spannung aufbaut und welche wilde Macht in emotionalen Höhepunkten liegen kann, wenn man sie selten aber bewusst einsetzt, um dem Leser das Herz wahlweise höher schlagen zu lassen oder es ihm zu zerquetschen. Ich kann nicht in Worte fassen, wie unglaublich gut diese Frau ist. Wie nuanciert, wie wortgewandt, intelligent und unsagbar komplex ihr Schreibstil - nein, ihre ganze Geschichte! - ist. Man muss es selbst erlebt haben.

Handlung  ♥♥♥♥♥

Ich gebe zu, ich hatte meine Probleme, in den Roman reinzukommen. Das lag aber vor allem daran, dass ich die erste Folge der Serie gesehen hatte, bevor ich das Buch angefangen hatte, und mir die Zeit vor ihrem Sturz durch die Zeit unendlich lang vorkam. Ich wollte Action, Abenteuer und Spannung, aber so beginnt dieser Roman nicht. Feuer und Stein lässt sich Zeit, die Protagonistin einzuführen und mit vorausdeutenden Zeichen dem Leser kleine, versteckte Hinweise zu geben, was ihn im Folgenden noch erwarten könnte. Erst, wenn man die Schwelle ins 18. Jahrhundert überschritten hat, fängt man an zu begreifen, mit was für einem mächtigen Werk man es eigentlich zu tun hat. 1000 Seiten ... und ich habe mich auf keiner Einzigen davon gelangweilt. Kennt ihr das, wenn ihr regelmäßig auf die Seitenzahlen schaut, um stolz zu sehen, wie weit ihr schon gekommen seit? Beim Lesen von Feuer und Stein habe ich nur etwa alle 100-150 Seiten bewusst einen Blick auf die Seitenzahl geworfen und dann auch nur in der Angst, dass es möglicherweise bald schon vorbei sein könnte - nicht etwa, weil ich so viel Seiten hinter mich bringen wollte wie nur möglich. Ich finde, das sagt schon mehr über die Handlung des Buches aus, als ich es ohne zu Spoilern anders formulieren könnte. Das Abenteuer hat kein Ende. Es wirft einen hin und her, wiegt einen Sicherheit und Frieden und reißt einen dann zurück in die grausame Realität. Man liebt, man hasst, man weint, man lacht, man zittert, man wütet, man schreit, man schweigt, man schluckt.

Gesamtwertung ♥♥♥♥♥

Ich habe schon viele gute Bücher gelesen. Trotzdem meide ich in der Regel Bücher, die über tausend Seiten haben, einfach weil ich weiß, dass ich sie, egal wie gut sie auch sein mögen, mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in der Mitte abbrechen werde, weil etwas anderes, besseres dazwischen kommt. Weil ich keine Geduld mehr habe, bis ich die Masse an Buchseiten hinter mich gebracht habe, weil ich endlich meinen SuB verkleinern will. Und obwohl ich wirklich lange gebraucht habe (4 Wochen mit im Durchschnitt 1 Stunde Lesen pro Tag), habe ich es durchgezogen ohne auch nur einen einzigen Gedanken an ein anderes Buch zu verschwenden, weil es einfach so unsagbar gut war, dass ich niemals aufhören wollte. Ich wollte die Highlands nicht verlassen, ich wollte Jamie und Claire in Sicherheit wissen, bevor ich das Schottland des 18. Jahrhunderts zurücklasse und mich in andere Geschichten vertiefe. Die Wahrheit ist: Ich bin immer noch dort. Und ich habe den zweiten Band der Reihe schon neben mir liegen und kann es nicht erwarten, nachhause zurückzukehren. Amen. 


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