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tolkien, mittelerde, fantasy, beren und luthien, klett cotta

Beren und Lúthien

J.R.R. Tolkien , Christopher Tolkien , Helmut W. Pesch , Hans-Ulrich Möhring
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 28.06.2017
ISBN 9783608961652
Genre: Fantasy

Rezension:

Die Liebe von Beren und Lúthien wird von einem traurigen Schicksal überschattet. Sie ist eine unsterbliche Elbenprinzessin, er ist nur ein Sterblicher. Ihr Vater, der König, hegt eine tiefe Abneigung gegen alle Menschen. Daher stellt er Beren vor eine unlösbare Aufgabe: Um sein Einverständnis zur Hochzeit zu erhalten, muss Beren einen legendären Silmaril erlangen. Diese befinden sich an der Krone des bösen Melkor.

Mit Beren und Lúthien liegt nun ein weiterer Band aus der Welt von J. R. R. Tolkien vor, der von seinem Sohn Christopher Tolkien editiert und veröffentlicht wurde. Da dieser nun selber bereits über neunzig Jahre alt ist, wird es wohl auch das letzte von ihm bearbeitete Werk seines Vaters sein. Jeder, der sich für diesen Roman interessiert, sollte sich vorher klar machen, worum es sich bei diesem Werk handelt. Es lässt sich kaum mit dem Herrn der Ringe, dem kleinen Hobbit und auch nicht mit den Kindern Húrins vergleichen. Es ist, wie im Einband beschrieben, eine Sammlung von Texten, die sich um das Schicksal von Beren und Lúthien drehen. Die Geschichte der beiden war bereits Bestandteil des Silmarillion,  des Buch der Verschollenen Geschichten und des Leithian Liedes. Christopher Tolkien hat in dem vorliegenden Buch versucht, die Geschichte aus den anderen Werken loszulösen. Das Märchen hat für seinen Vater eine besondere persönliche Bedeutung. So schreibt Tolkien in einem Brief an seinen Sohn, dass er sich wünscht, den Namen Lúthien unter den Namen seiner verstorbenen Frau auf deren Grabstein eingravieren zu lassen. Während eines Krankheitsurlaubs im Jahr 1917 trug sich die Szene zu, die ihn zum Schreiben der Geschichte inspirierte und auch in der Erzählung selbst auftaucht: Seine Frau tanzt für ihn auf einer Waldlichtung in Yorkshire, inmitten von weißen Blüten.  Die Erzählung von Tinúviel, wie Tolkien sie ursprünglich betitelte, war für ihn eine der grundlegenden Geschichten in seiner ‚Mythologie‘. Christopher Tolkien versucht, die Entwicklung der Geschichte in den Fokus zu rücken, weshalb er sie aus der komplexen Rahmendhandlung löst.

Sehr freundlich war des Königs Rede
zu Beren, und von Krieg und Fehde
begann der bald schon zu berichten,
von seinem Fußmarsch. Die Geschichten
von Doriath erzählte Beren
im Rat hinter verschlossenen Türen –
doch unbeschreiblich Lúthien war,
wie sie mit weißen Rosen im Haar
getanzt und wie ihr Elbensang
in jener Sternennacht erklang.

Die eigentliche Erzählung macht von dem knapp 300 Seiten umfassenden Buch nur etwa 50 Seiten aus. Ein großer Teil des Werkes besteht aus dem sogenannten Leithian Lied. Ein Heldengedicht in Versform, das ab 1925 von Tolkien geschrieben wurde, dabei allerdings unvollendet blieb. Das Gedicht beschreibt auch die Liebe zwischen Beren und Lúthien, sowie Teile der Vorgeschichte und den Ereignissen nach der zuvor dargestellten Erzählung. Christopher Tolkien verortet so das Märchen um die Elbenprinzessin und den sterblichen Beren im mythologischen Kosmos seines Vaters. Er macht deutlich, wie sich die Geschichte innerhalb der verschiedenen Versionen unterscheidet, zitiert aus Briefen seines Vaters, anderen Werken und zeigt so auf, wie sich die Romanze um Lúthien und Beren entwickelt hat. Das ist vielleicht nicht immer spannend zu lesen, sprachlich weit entfernt vom Herrn der Ringe, aber dennoch vor allem für Fans und Interessierte am Tolkienschen-Kosmos unheimlich interessant. Wer aber noch nie Geschichten aus der Altvorderenzeit gelesen hat und sich auch sonst nicht mit der Mythologie Tolkiens auseinandergesetzt hat, dürfte sich mit Beren und Lúthien schwer tun. Zwar liefert Christopher Tolkien im Vorwort und vielen anderen Anmerkungen Erklärungen zu Namen, Orten und Hintergründen, aber komplett ohne Vorwissen lässt sich die Bedeutung der vorliegenden Geschichte nur schwerlich verstehen. Was sich aber ganz klar zeigt, ist der unglaubliche Ideenreichtum und die Erfindungsgabe von J. R. R. Tolkien. Zudem liefert es einen Einblick in seine Arbeitsweise und macht an verschiedenen Stellen deutlich, wie oft er über Jahrzehnte Teile seiner Arbeit veränderte und überarbeitete. Wie schon in einigen vorigen Veröffentlichungen ist das Buch erneut mit kunstvollen und atmosphärischen Illustrationen von Alan Lee gestaltet.

Nicht immer spannend, aber vermutlich vor allem für Kenner interessant, erzählt die Geschichte Beren und Lúthien von einer starken und unsterblichen Liebe. Christopher Tolkien zeigt, wie sich das Werk seines Vaters wandelte und welche Tiefe die von ihm geschaffene Mythologie hat. Ein Buch, das Einblick in die Arbeitsweise seines Vaters liefert und die Entwicklung eines für J. R. R. Tolkien wichtigsten Texte nachzeichnet. Auf dem Grabstein von Tolkien selbst und seiner Frau finden sich die Namen Beren beziehungsweise Lúthien. Ein weiterer Beleg für die persönliche Bedeutung dieser Erzählung.

Wo der Strom durch den Waldgrund floss
und alle Bäume regungslos
hoch ragten und mit Schattentanz
auf ihrer Rinde überm Glanz
des grünen Flusses schwer und düster
herabhingen, strich Windesflüstern
durchs kühle Schweigen und ein Zittern
urplötzlich durch die stillen Blätter
und leise wie Tiefschläfers Hauch
ein todeskaltes Echo auch:
„Lang sind die schattenhaften Wege,
von keines Fußes Spur zu prägen,
ob Berg und Meer zum Weltenrand.
Weit liegt, so weit, das Friedensland.
Der Toten Land noch weiter ist;
sie warten, während ihr vergesst.
Kein Mondschein, keiner Stimme Tönen,
kein Herzschlag ist dort; nur ein Stöhnen
wird jeweils laut, wenn eine Zeit
untergeht. Weit das Land liegt, weit,
wo in Gedanken Schatten sühnen
die Toten, nicht vom Mond beschienen.“

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240 Bibliotheken, 7 Leser, 0 Gruppen, 40 Rezensionen

elefant, gentechnik, zirkus, genmanipulation, zürich

Elefant

Martin Suter
Fester Einband: 351 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 18.01.2017
ISBN 9783257069709
Genre: Romane

Rezension:

Ein Kinderspielzeug. Ein Elefäntchen, rosarot, wie ein Marzipanschweinchen, aber intensiver. Und es leuchtete wie ein rosarotes Glühwürmchen.

Zürich. Schoch ist obdachlos und schläft in einer Höhle über dem Fluss. Als er eines Tages aufwacht, traut er seinen Augen kaum: ein kleiner, rosafarbener Elefant sitzt vor ihm und leuchtet schwach im Dunkeln. Wahrscheinlich zu viel oder zu wenig getrunken, lautet seine Selbstdiagnose. Doch der Elefant ist wirklich da, er kann ihn anfassen und ihn füttern. Schnell hat Schoch sein Herz verloren an die kleine Dame, die er Sabu tauft. Die Ruhe währt allerdings nicht lang. Der profitorientierte Genforscher Dr. Roux ist hinter Sabu her, seinem Experiment, das ihm entwendet wurde. Mit Hilfe des Zirkusdirektors Pellegrini und eines skrupellosen chinesischen Unternehmens versucht er, sein Experiment wieder zurückzuholen – notfalls mit allen Mitteln.

Als er an einer Überdosis starb, war sie im vierten Monat. Der untergewichtige Junge, den sie zur Welt brachte, wurde gleich nach seinem Drogenentzug zur Adoption freigegeben. Lilly blieb bei den Hündelern und verkaufte sich auf dem Drogenstrich, erhöhte ihre Dosen und vernachlässigte sich immer mehr. Inzwischen sah sie aus wie vierzig und fand keine Freier mehr mit ihren mageren zerstochenen Armen und ihren schlechten Zähnen.

Anfangs entführt Suter seine Leser in die Zürcher Obdachlosenszene – ein Ausflug, der für mich sehr viel neues bereithielt. Doch schnell wird klar, dass noch mehr folgt. Während zwischen Schoch und dem kleinen Elefanten eine wunderbare Freundschaft entsteht, wird, unter anderem in Rückblicken, immer wieder aus der Perspektive von Roux, dem Zirkusdirektor Pellegini oder dem Tierarzt, der sich um Sabus Geburt kümmern soll, berichtet. Nach und nach erfahren wir immer mehr über das fragwürdige Projekt, dass Roux durchführen möchte, über die Beteiligten und ihre verschieden ausgeprägten Moralkodexe. Gleichzeitig wird der Roman zum spannenden, ja rasanten Katz und Maus-Spiel. Roux gegen Schoch, wer schafft es, den anderen auszutricksen und das Forschungsobjekt Sabu für sich zu gewinnen?

Natürlich sagte er sich immer wieder, dass seine Motive durchwegs ethischer Natur waren. Hier hatte einer nicht in die Natur eingegriffen, um einen wissenschaftlichen Fortschritt zu erzielen, der Krankheiten heilen oder Leben retten sollte. Er hatte es getan, um eine Sensation zu erzeugen und damit womöglich ein Vermögen zu machen.

Die Protagonisten in Elefant sind großartig gestaltet. Der machthungrige Dr. Roux, die skrupellosen Chinesen und der sympathische Elefantenflüsterer Kaung tragen enorm zur Qualität der Geschichte bei. Einer jedoch steht unangefochten auf dem ersten Platz: Schoch. Trotz seines Alkoholproblems ist er äußerst liebenswürdig. Er ist eigen und hat gewiss auch seine Macken, aber als er den kleinen Elefanten bei sich aufnimmt, wird sein großes Herz sichtbar. Er kümmert sich mit Fürsorge um die kleine Sabu und macht sich mehr Gedanken um sie als um sich selbst. Er liebt das kleine Wesen und ist bereit, für dessen Sicherheit jedes Opfer zu bringen – ein wahrer Held.

Wir haben es hier zwar mit einer klassischen schwarz-weiß-Trennung der Charaktere zu tun, dennoch schmälert dies meines Erachtens weder den literarischen Wert noch das Lesevergnügen des Romans. Gerade weil Dr. Roux und Schoch so perfekt gegenteilig sind. Der Obdachlose, der alles tun würde, um Sabu zu beschützen, und sein Gegenspieler Dr. Roux, der der Welt sein Können beweisen und sich für die Demütigung in seiner Vergangenheit rächen möchte. Der selbstlose Held und der unmoralische Bösewicht. Sie sind nicht neu in der Literatur, aber hier komplementieren sie sich auf wunderbare Weise.

Je mehr er erfuhr, desto überzeugter war er, dass das, was Kaung und er getan hatten und taten, nicht nur vertretbar war. Es war ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, um die Lieblingsformulierung seines alten Professors für biomedizinische Ethik zu benutzen..

Nüchtern und schnörkellos schreibt Martin Suter, eine Sprache, die zu der wissenschaftlichen Thematik passt, auch wenn ganz viele Gefühle gegenüber der kleinen Elefantendame im Spiel sind. Immerhin geht es hier auch um ein wichtiges Thema – Genforschung – und vor allem um die moralischen Fragen, die damit einhergehen. Sollten wir rosa leuchtende Minielefanten „herstellen“, nur weil wir es potentiell können? Ein rosafarbener, im Dunkeln leuchtender Elefant in Schoßhündchen-Größe ist natürlich die Krönung der Überspitztheit, womöglich das beste Tier, was Suter hätte einfallen können. Trotzdem ist es nicht völlig realitätsfremd. 2015 wurde bekannt, dass chinesische Forscher menschliche Embryos genetisch verändert haben, um z.B. Erbkrankheiten schon vor der Geburt eines Kindes zu stoppen. Das klingt vernünftig, sinnvoll, „richtig“. Doch wann und wo hören wir dann auf? Vor allem, wenn Geld im Spiel ist? Was ist, wenn reiche Familien sich bei bestechlichen Unternehmen Kinder nach ihrem Geschmack erzeugen lassen? Haustiere nach ihrem Geschmack? Wo ziehen wir moralische Grenzen? Oder gibt es sie überhaupt?Martin Suters Roman schafft es, die alten Diskussionen wieder aufflammen zu lassen, denn sie sind keineswegs veraltet. Jahr für Jahr entwickelt sich die Forschung weiter und wir werden nicht zum letzten Mal mit solchen Fragen konfrontiert sein.

Ganz hoch anrechnen muss man Martin Suter seine Recherche für diesen Roman. In seiner Danksagung erfährt man, dass er mit Hirnforschern, Genforschern, Elefantenexperten, Obdachlosen und Experten für die künstliche Befruchtung von Elefanten gesprochen hat und ich muss sagen, dass sich die Vorarbeit ausgezahlt hat. Der Roman wirkt, trotz rosa Minielefant, authentisch.

Auch wenn es in Martin Suters großartigem Roman Elefant primär um Genforschung und Genmanipulation geht, ist es aber auch eine Geschichte über den Menschen, über Freundschaften und Beziehungen, über den Zusammenhalt von Individuen, gemeinsam „das Richtige“ zu tun, über die Hoffnung, die wir niemals aufgeben dürfen, und über solche – ob Mensch oder Tier – die plötzlich in unser Leben treten und es völlig auf den Kopf stellen, selbst in den dunkelsten Zeiten.

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postmodern, verschwörungstheorie, new york city

Bleeding Edge

Thomas Pynchon , Dirk van Gunsteren , any.way
Flexibler Einband: 608 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 26.03.2016
ISBN 9783499268656
Genre: Romane

Rezension:

Manhattan kurz vor und kurz nach 9/11. Nachdem die Dotcom-Blase geplatzt ist, entwickeln einige Programme ein Eigenleben im Internet. Eines davon trägt den Namen DeepArcher. Dahinter verbirgt sich eine verbesserte Version von Second Life, nur scheint hier wirklich alles möglich zu sein. Problemlos ist hier Geldwäsche und auch die Planung von Terroranschlägen machbar, ohne eine Spur zu hinterlassen. Kein Wunder also, dass sich sowohl Geheimdienste als auch Verbrecher dafür interessieren. Auch die Wirtschaftsdetektivin Maxine Tarnow, jüdisch, geschieden, Mutter zweier Jungs wird aufmerksam auf das Programm.

Bleeding Edge ist der zuletzt veröffentliche Roman von Thomas Pynchon. Im Gegensatz zu den anderen Werken des Autors, die ich bis jetzt gelesen habe, verzichtet er hier auf die vielen Perspektivwechsel und verfolgt auch nicht zahllose Handlungsstränge. Ein Trend, der sich wohl schon in dem zuvor veröffentlichten Buch Natürliche Mängel gezeigt hatte. Das Tempo von Bleeding Edge ist ziemlich hoch. Nachdem viele Internet-Unternehmen durch das Platzen der Blase Pleite gegangen sind, befinden sich auf dem Markt nur noch wenige Firmen. Diese arbeiten häufig mit unlauteren Mitteln. Vor allem die Softwarefirma hashlingrz sticht hier hervor und lässt „Microsoft wie Greenpeace aussehen“. Maxine Tarnow kommt in Berührung mit dem Unternehmen, als sie einem Auftrag nachgeht. Zunächst ahnt sie nicht, worin sie sich hier verstricken lässt, bis sie in einem Chaos aus Betrügereien und Finanzspekulationen landet. Drum herum geht es um Verschwörungstheorien rund um die Anschläge vom 11. September, die teilweise unmittelbar mit der Handlung verknüpft werden.

Es gibt Geschichten von Familienmitgliedern, die zur Arbeit gefahren sind, von Freunden und Freunden von Freunden, es gibt Telefongespräche, Gerüchte und Folklore, und unterdessen kommen die Mächte ins Spiel, in deren zwingendem Interesse es liegt, das Narrativ so schnell wie möglich unter ihre Kontrolle zu bringen, sodass der verlässliche historische Horizont   rasch auf einen trostlosen kleinen Kreis um den „Ground Zero“ schrumpft – eine Bezeichnung aus dem kalten Krieg, aus den in den frühen Sechzigern so beliebten Atomkriegsszenarien. Was geschehen ist, war etwas gänzlich anderes als ein sowjetischer Atomangriff auf Manhattan, doch diejenigen, die ständig von „Ground Zero“ reden, tun das ohne Scham oder Gespür für Etymologie. Es dient nur dazu, die Menschen in eine bestimmte Richtung zu treiben. Getrieben, verängstigt und hilflos sollen sie sein.

Die Figur, welche die ganzen Bezugspunkte miteinander verknüpft, ist Maxine Tarnow. Im Verlaufe der Handlung begegnet sie einer Vielzahl an skurrilen Persönlichkeiten: Verschwörungstheoretiker, Fuß-Fetischisten, Killern, einem freiberuflicher Riecher, der entdeckt hat, dass Hitler und Kennedy dasselbe Eau de Cologne benutzt haben und vielen mehr. Trotz der eigentlich ernsten Themen ist der Roman zudem an vielen Stellen auch wirklich witzig. Typisch für Pynchon sind die vielen Anspielungen auf popkulturelle Phänomene. Vor allem die Dialoge sind sehr schlagfertig und humorvoll gestaltet. Aus den Seiten scheint der Sprachwitz teilweise nur so zu sprühen.

Ein weiteres großes Thema des Romans ist die Rolle, welche die Technologie und ihre Entwicklung für die Menschen spielt. Das betrifft vor allem die Digitalisierung. Bleeding edge technologies besitzen ungemeine Möglichkeiten. Allerdings ist gleichzeitig die zukünftige Gefahr, die von ihnen ausgeht, nicht kalkulierbar. Aus dem Mund von Maxines Vater Ernie gibt es zudem mehr als deutliche Kritik an der Kommerzialisierung des Internets und den damit verbundenen Möglichkeiten.

Von mir aus nenn es Freiheit, aber es basiert auf Kontrolle. Alle sind miteinander verbunden, keiner kann mehr verlorengehen, nie mehr. Tu den nächsten Schritt und verbinde das Internet mit diesen Handys und du hast die totale Überwachung, kein Entkommen. Kannst du dich an die Comics in der Daily News erinnern? An Dick Tracys Armbandfunkgerät? Die Dinger werden überall sein, alle Trottel werden darum betteln, eins tragen zu dürfen, die Handschellen der Zukunft. Großartig. Davon träumen die im Pentagon: weltweites Kriegsrecht.

Ich hatte mit Bleeding Edge jede Menge Spaß, würde es aber nicht unbedingt als 9/11-Roman bezeichnen, auch wenn die Terroranschläge eine Rolle spielen. Aber es macht viel Freude mit Maxine durch New-York zu schlendern, die zahlreichen Restaurants mit ihr zu besuchen und all den verrückten Menschen zu begegnen. Die Balance zwischen ernster und düsterer Geschichte auf der einen Seite und witzigen und skurrilen Personen, Dialogen, Orten und Gegebenheiten auf der anderen Seite stimmt absolut. Typisch für Pynchon gibt es natürlich unzählige Verweise und Anspielungen, denen die Leser dabei wieder nachgehen können. Auch sein immer wiederkehrendes Thema Paranoia kommt in Bleeding Edgenicht zu kurz. Verschwörungstheorien an allen Ecken und Enden.

Empfehlenswert ist Bleeding Edge somit allemal. Außerdem finde ich es einfacher und kurzweiliger als andere Romane des Autors, was aber nicht bedeuten soll, dass es besser als diese ist. Wer Pynchon bereits kennt, weiß vermutlich vorher worauf er sich einlässt und diejenigen, die ihn noch nicht kennen, oder bis jetzt eher einen Bogen um seine Werke gemacht haben, finden hier einen guten Einstieg, der im Vergleich zu anderen Romanen nicht so umfangreich und kompliziert ist, dabei aber immer noch ein gutes Buch ist, das sowohl anspruchsvoll als auch unterhaltsam ist.

„Nein, ich meine, der ganze Spätkapitalismus ist ein einziges globales Pyramidensystem – die Art von Pyramide, auf der man Menschenopfer darbringt, und es kommt nur darauf an, den armen Trotteln weiszumachen, dass es immer so weitergeht.“

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84 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 16 Rezensionen

sex, mississippi, ausreißerin, roman, armut

Fay

Larry Brown , Thomas Gunkel
Fester Einband: 656 Seiten
Erschienen bei Heyne, 09.05.2017
ISBN 9783453270961
Genre: Romane

Rezension:

Als sie siebzehn Jahre alt ist, beschließt Fay Jones das Hinterland von Mississippi zu verlassen. Statt weiter in der kleinen Hütte im Wald mit ihrer Familie zu leben, flieht sie vor dem gewalttätigen Vater. Mit kaum mehr als der Kleidung an ihrem Körper und zwei Dollar sucht sie einen Ausweg aus ihrem ärmlichen Leben. Ziel ihrer Träume ist der am Meer gelegene Ort Biloxi. Auf der Straße wird sie von dem Polizisten Sam aufgehalten, der sie bei sich aufnimmt. Sowohl er als auch seine Frau Amy beginnen elterliche Gefühle für sie zu entwickeln. Doch nach dem Unfalltod von Amy verändert sich das Verhältnis zwischen dem über vierzigjährigen Mann und der jungen Fay.

Fay ist sowohl Titel des Romans als auch Name der Hauptfigur. Fay ist ein gerade mal siebzehnjähriges Mädchen, das vor der Gewalt ihres Vaters flieht und an die Küste will. Ihr Leben hat sie bis hierhin in äußerster Armut verbracht. Sie ist ungebildet und bis jetzt ohne festen Wohnsitz mit ihrer Familie von Ort zu Ort gezogen, immer auf der Suche nach Arbeit. Vertraut ist sie dafür mit Gewalt und sexuellem Missbrauch. Wie unerfahren sie ist, zeigt sich bereits bei ihrer ersten Begegnung. Im Dunkeln wird sie von drei jungen Männern mitgenommen, die ihr Drogen geben uns immer aufdringlicher werden. Fay besitzt eine hohe Anziehungskraft auf Männer, unter ihnen potenzielle Ehemänner genauso wie Vergewaltiger und Zuhälter. Sie erscheint ihnen als jung, naiv, schutzlos, schön und wirkt gleichzeitig, als wäre sie leicht zu haben. Doch Fay ist, so unbedarft sie zunächst erscheinen mag, nicht wehrlos. Sie lernt schnell und letztlich bekommt sie doch oft was sie will.

Also, mein Daddy ist ein Säufer, meine Mama ist total verrückt, sie wohnen in einer morschen Hütte im Wald und der Fußboden ist so dreckig, dass man nicht barfuß drübergehen will. Und drinnen muss man vorsichtig sein, weil die Wespen überall ihre Nester bauen. Wollen Sie sonst noch was wissen?

Die Menschen von denen Larry Brown in Fay erzählt sind größtenteils Außenseiter und Kriminelle. Eigentlich alle haben ein Alkoholproblem. Egal ob beim Angeln, am Strand, während der Autofahrt oder sonst wo, die Bierdose ist immer griffbereit und auch Zigaretten scheinen überlebensnotwendig zu sein. Ansonsten trifft Fay auf Prostituierte, Zuhälter und Schläger. Das Leben wird bestimmt von Alkohol, Drogen und Sex, aber auch von Liebe. Eine Ausnahme machen hier Sam und seine Frau Amy. Doch auch diese beiden haben genügend Probleme, wie sich schnell herausstellt. Über allen anderen Figuren steht die Titelheldin Fay. Und diese ist Larry Brown ausgesprochen gut gelungen. Völlig unerfahren in manchen Dingen, woher soll sie auch wissen, dass man Alkohol und Zigaretten erst mit 18 Jahren kaufen darf oder was ein Prostituierte ist, beschließt Fay, dass es ihr einmal in ihrem Leben besser gehen soll. Wie sie, die in ihrem Leben noch niemals bei einem Arzt war, das genau schaffen soll, weiß sie noch nicht, aber ihr Traum lässt sich so leicht nicht erschüttern. Auch nicht, als sich Biloxi nicht als das versprochene Paradies entpuppt:

Die Möwen waren überall, sie schwebten in der Luft oder spazierten im weißen Sand. Der Strand war mit Coladosen, benutzten Kondomen und Zigarettenstummeln übersät. So früh am Morgen fuhren nur ein paar Autos auf dem schwarzen Highway.

In ihrer Unerfahrenheit scheint Fay sich nicht im Klaren darüber zu sein, welche Wirkung sie auf Männer hat. Doch am Ende ist sie die Stärkere und ihre Geschichte lässt sich ebenso als Coming-of-Age-Roman interpretieren wie auch als Femme fatale als junges Mädchen. Larry Brown stellt sie jederzeit überzeugend dar. Während sie mir am Anfang in ihrer Naivität noch sympathisch erschien, hatte ich im Verlauf der Handlung den Eindruck, dass sie sich immer mehr bewusst darüber ist, wie einfach es für sie ist, andere Personen, vor allem Männer, zu manipulieren und auch zu benutzen. Viele der Männer, denen Fay begegnet, haben eindeutige Absichten und meinen es eigentlich nicht gut mit Fay. Besonders bei Aaron, einem Türsteher gelingt es Brown sehr gut, einen Charaktere zu schaffen, der zwar viele negative Charakterzüge besitzt, aber trotzdem differenziert dargestellt wird und nicht nur als böser und schlechter Schlägertyp dasteht. Und bei aller Unbedarftheit von Fay sollte nicht vergessen werden, dass am Ende nicht alle die Begegnung mit ihr überleben werden.

Der Roman handelt von Hoffnungslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Liebe und Hass. Häufig geht es dabei auch um Gegebenheiten, die nur schwer zu ertragen sind. Doch Larry Brown gelingt es, die Handlung um Fay nicht überdramatisch zu erzählen. Der Stil erscheint zunächst eher einfach, ohne große Ausschmückungen werden die meist kurzen Sätze aneinandergereiht. Aber gerade das lässt die Handlung echt und authentisch wirken und schafft eine Atmosphäre, die absolut stimmig dem Erzählten entspricht.

Ich bin sehr froh, dass Larry Brown nun auch auf dem deutschen Markt erschienen ist. Ich kannte ihn vor Fay nicht und würde mich nun auch über weitere Übersetzungen freuen (oder direkt zum englischen Original greifen). Fay ist eine Geschichte, die viele schwierige Aspekte und Themen anspricht, aber mit der Titelheldin eine absolut überzeugende Hauptfigur aufweisen kann, deren Entwicklung im Verlauf der Handlung auch glaubwürdig erscheint. Ein weiterer positiver Aspekt ist der Stil des Autors, der zwar schlicht anmutet, aber dafür trotzdem eine der Handlung angemessene Atmosphäre schaffen kann, ohne dabei das Erzählte zu dramatisieren. Für alle Leser, die sich für Südstaaten-Romane interessieren, eine klare Empfehlung.

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science fiction, roboter, sylvain neuvel, zorn der götter, aliens

Giants - Zorn der Götter

Sylvain Neuvel , Marcel Häußler
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Heyne, 09.05.2017
ISBN 9783453534803
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Neun Jahre nachdem Dr. Rose Franklin und ihre Crew den Roboter Themis erforschten, taucht plötzlich ein zweites, noch größeres Exemplar mitten in London auf. Sie nennen ihn Kronos. Dr. Franklin, die Themis-Piloten Kara und Vincent sowie der Rest der Erdverteidigungstruppen sind ratlos: Warum steht der Roboter dort und worauf wartet er? Ist er in freundlicher oder feindlicher Mission gekommen? Während die Protagonisten neues über ihre Vergangenheit erfahren, soll Kronos allerdings nicht der letzte Besucher sein, den es auf die Erde verschlägt. Als weitere Roboter überall auf der Welt verteilt auftauchen, steigt die Bedrohung für die gesamte Menschheit an.

– Vor weniger als zwölf Stunden hat die Regierung der Vereinigten Staaten an der mexikanischen Grenze über sechshundert Menschen niederschießen lassen. Es waren unbewaffnete Männer, Frauen und Kinder, Familien, die Zuflucht gesucht haben.

– Ist das aus uns geworden?

– Diese Frage habe ich mir schon oft gestellt.

Zorn der Götter ist, wie auch schon sein Vorgänger Giants – Sie sind erwacht, kein traditionell erzählter Science Fiction-Roman, sondern besteht aus Tagebucheinträgen, Briefen, Protokollen und Aufzeichnungen aller Art. Eine kreative Erzählweise, die enorm zum Tempo des Buchs beiträgt: es ist direkter, schneller und lebendiger als ein klassisches Stück Prosa. Hinzu kommt, dass Neuvel eine sehr handlungsstarke Geschichte geschaffen hat, ein Pageturner im besten Sinne des Wortes, noch actionreicher als Band 1. In jedem Kapitel folgt eine neue Entdeckung, eine neue Enthüllung, ein neues Ereignis oder ein neuer Plottwist. Immer, wenn ich eine kurze Pause machen, oder gar für den Rest des Tages mit dem Lesen aufhören wollte, konnte ich es einfach nicht aus der Hand legen, da die Spannung buchstäblich von Anfang bis Ende aufrecht erhalten wird. Diese Kombination aus der Unmittelbarkeit seiner Darstellung sowie der extrem starken Handlung führte dazu, dass ich das Buch in nicht einmal 48 Stunden verschlungen habe – und ich habe jede Minute davon genossen.

Generell bin ich begeistert von Neuvels Ideen, von seinem Einfallsreichtum. Noch einmal zur Erinnerung: ich lese sonst nie Science-Fiction, bin also kein besonders belesener Experte auf diesem Gebiet. Der Roboter, der in London auftaucht und alle Ereignisse, die damit zusammenhängen, sowie die weiteren Entwicklungen dessen waren wahnsinnig interessant. Ebenso wie das, was mit Dr. Rose Franklin zwischen Band 1 und Band 2 geschehen ist, oder der neu eingeführte Charakter und seine Hintergrundgeschichte. Die Handlung ist dieses Mal deutlich brutaler und düsterer als im ersten Band. Gleichzeitig schreibt Neuvel aber wieder mit seinem gewohnten Humor, der sich durch die gesamte Reihe zieht: sarkastische Bemerkungen scheinen das Spezialgebiet sämtlicher Protagonisten zu sein.

– Dann ist zu vermuten, dass sie irgendwie durch die Zeit gereist ist. Das klingt für mich genauso wenig plausibel. Ehrlich gesagt, mangelt es mir an einer Erklärung, die nicht ins Reich der Sience-Fiction fällt.

– Zeitreisen! Ja, ich bin mit meinem DeLorean zu ihr gefahren und habe sie gefragt, ob sie Lust auf eine Spritztour mit hunderteinundvierzig Stundenkilometern hat.

Politische Intrigen und Verschwörungen rücken mittlerweile fast gänzlich in den Hintergrund und machen Platz für einen größeren und entscheidenderen Konflikt: den zwischen der Menschheit und den Außerirdischen, die die Roboter zur Erde gesandt haben. Der Fokus liegt nunmehr nicht mehr auf der Entdeckung und Erforschung eines unbekannten Objekts (dem Roboter Themis), sondern auf dem drohenden Ende der Welt, der potenziellen Vernichtung der Menschheit. Ebenfalls Neuland sind lehrreiche Gespräche zum Thema Genetik, die für mich als Geisteswissenschaftlerin zum Glück aber recht leicht verständlich und nachvollziehbar waren.

– Verstehen Sie, was ich sagen will? Wir sind so dicht dran zu verstehen, wie das Leben entstanden ist. Wie man aus einem Ding etwas Belebtes macht. Es ist…

– Faszinierend?

– Nicht nur faszinierend. Es ist Ehrfurcht gebietend. Es ist… die Genesis.

– Es berührt Sie.

– Ja…

Ich muss gestehen, dass ich kein großer Freund von Fortsetzungen bin. Meistens gefallen mir zweite Bände nicht mehr so gut wie die ersten, ich finde die Handlung schwächer und habe oftmals das Gefühl, dass der „Zauber“ aus Band 1 verflogen ist. Zum Teil merkt man als Leser natürlich auch, wenn eine Fortsetzung nicht von Anfang an geplant war, sondern lediglich nach dem Erfolg eines Buches geschrieben wird, um noch mehr Geld aus der ganzen Sache herauszuholen. Sylvain Neuvel sagte in einem Interview, dass er den Plot für Giants – Zorn der Götter schon bei Beendigung seines ersten Bandes Giants – Sie sind erwacht fertig durchdacht hatte. Das macht sich bemerkbar, denn der zweite Band steht dem ersten in nichts nach. Er ist ein unglaublich gelungener Nachfolger und ich kann es, auch, da Band 2 wieder mit einem grandiosen Cliffhanger endet, überhaupt nicht abwarten, dass Neuvel Band 3 beendet. (Er schreibt noch daran – er soll allerdings erst im Frühjahr 2018 erscheinen.)

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Fische haben keine Beine

Jón Kalman Stefánsson , Karl-Ludwig Wetzig
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Piper, 03.04.2017
ISBN 9783492310611
Genre: Romane

Rezension:

An einem Dienstag verlässt der Verleger und Schriftsteller Ari seine Frau und Kinder ohne jede Vorankündigung. Er findet für kurze Zeit Unterkunft in einem Hotel, bevor es ihn nach Kopenhagen zieht. Doch warum hat er sich zu diesem Schritt entschlossen? Drei Jahre später kehrt Ari zurück, auf die Bitte seines Vaters. Ein altes Foto von ihm und seiner Mutter wecken alte Erinnerungen. Seine Familie und die eigene Jugend in der abgelegenen Stadt Keflavík: zwischen Beatles, der US-Army, Pink Floyd und den ersten Begegnungen mit Mädchen.

Der Roman beginnt mit Aris Rückkehr nach Island. Drei Jahre lang war er fort, um nun überraschend in den Ort seiner Jugend zurückzukehren. Auslöser für seine Reise in die Heimat ist ein Brief von seinem Vater, der im Sterben liegt. Ari möchte seinen Vater ein letztes Mal sehen. Mit dem Schreiben hat sein Vater auch eine alte Urkunde von Aris Großvater Oddur geschickt, einem angesehenen Kapitän und Schiffseigner. Erzählt wird die Handlung von einem namenlosen Ich-Erzähler, der zwischen den verschiedenen Genrationen von Familienangehörigen wechselt und ihre jeweilige Geschichte erzählt. Während ein Teil der Handlung Aris Rückkehr darstellt, wird gleichzeitig das Leben seiner Großeltern in Norðfjörður beschrieben, während es eine dritte zeitliche Ebene gibt, die dazwischen liegt und die Jugend von Ari und dem Erzähler des Romans behandelt. Ort des Geschehens ist ein Ort im Südwesten Islands: Keflavík.

In Keflavík gibt es drei Himmelsrichtungen: den Wind, das Meer und die Ewigkeit.

Dem eigentlichen Roman ist ein Zitat vorangesetzt, in dem es heißt: „Keflavík gibt es nicht.“ Den Ort gibt es natürlich doch und es ist ein zentraler Punkt für Aris Leben. Denn hier hat er seine Jugend verbracht. Mit dem Zitat ist vielleicht eher gemeint, dass die Stadt unscheinbar ist, leicht in Vergessenheit gerät und damit auch das Schicksal ihrer Bewohner. Doch für Ari bedeutet er immer noch viel und ist vor allem auch mit Erinnerungen verbunden: Rockmusik, amerikanische Soldaten und Mädchen. Hierhin kehrt er also zurück, nachdem er in Kopenhagen als Lektor gearbeitet hat und vor etwas Unausgesprochenem zwischen ihm und seiner Frau geflohen ist.

Denk mit uns daran: Das Meer ist größer als der Alltag. Auf dem Meer erholt man sich. Da ist die Weite, die unermessliche Größe, die beruhigt, tröstet und die Probleme des Lebens klein aussehen lässt. Schwierigkeiten an Land, Reibungen, Ärger, Umgang mit Menschen, lästige Pflichten – man schaut in die Wellen und merkt, wie das Dasein in der Brust zur Ruhe kommt. […] Zur See fahren, das ist die Freiheit. Doch Freiheit beinhaltet auch, dass du dich auf niemanden verlassen kannst, auf keinen anderen Menschen und schon gar nicht auf deine Gebete, denn die Güte des Himmels bleibt an Land zurück. Du kannst dich nur auf dich selbst verlassen.

Die Figuren von Fische haben keine Beine sind ‚normale‘ Menschen, die alltägliche Schicksale erleben und dabei auf der Suche nach Glück und Liebe sind. Leben und Tod spielt dabei immer eine Rolle. Dabei werden einfühlsam viele kleine Beobachtungen beschrieben, die auf den ersten Blick nur wenig Bedeutung haben und zu voreiligen Schlüssen verleiten, doch wie sich später herausstellt, für die Betroffenen fatale Folgen haben. Ebenso geht es um zwischenmenschliche Beziehungen: sowohl Freundschaft als auch Partnerschaft. Stefansson macht viele kluge Bemerkungen, die durchaus in die Kategorie philosophisch eingeordnet werden können und beschäftigt sich mit großen Themen, aber anhand von einfachen Personen.

Doch der Roman ist nicht nur auf inhaltlicher Ebene absolut lesenswert. Die Sprachkunst und Sprachvielfalt des Autors ist ein ganz eigenes Erlebnis. Voller Poesie und eindrücklicher Bilder schildert er das Leben von Aris Familie über mehrere Generationen hinweg. Das Tempo des Romans ist eher gedrosselt, so dass genug Zeit bleibt, um der sprachlichen Umsetzung des Buches die Aufmerksamkeit zu widmen, die sie verdient. Manchmal entsteht das Gefühl, dass eigentlich der ganze Roman zitiert werden sollte. Es ist bewundernswert, wie Stefánsson es schafft, für alles die passenden Wörter und Sprachbilder zu finden. Obwohl sich Fische haben keine Beine sich mit grundlegenden Fragen des menschlichen Lebens beschäftigt, die letztlich auch um die Frage nach dem Sinn des Lebens kreisen, regt der Roman vielmehr zum Nachdenken an, als das er versucht, Antworten zu liefern. Eigenverantwortung und die Suche nach dem, was den Einzelnen ausmacht, sind nicht umsonst häufig thematisierte Aspekte der Handlung.

Er guckt die Postkarten an und denkt: Sie zeigen unsere Träume. Traurig denkt er, manchmal sind unsere Träume nichts als Täuschungen, Ausflüchte, Beweis dafür, dass wir uns nicht trauen, der Wirklichkeit ins Gesicht zu sehen, uns mit der Welt auseinanderzusetzen und mit uns selbst in ihr.

Fische haben keine Beine ist eine klare Empfehlung. Ruhig und mit großer Sprachkunst erzählt Jón Kalman Stefánsson von einfachen Menschen und Themen, die letztlich jeden betreffen. Er zeigt deutlich, wie einzigartig und verletzlich das Leben ist und bietet viele Gelegenheiten, um über das Gelesene nachzudenken und auch zu diskutieren.

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liebe, madrid, literatur, julio, bonsai

Bonsai

Alejandro Zambra , Susanne Lange
Fester Einband: 90 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 07.03.2015
ISBN 9783518424803
Genre: Romane

Rezension:

Am Ende stirbt sie, und er bleibt allein, doch allein war er schon mehrere Jahre vor ihrem Tod, vor dem Tod Emilias. Sagen wir, sie heißt oder hieß Emilia, und er heißt, hieß oder heißt immer noch Julio. Julio und Emilia. Am Ende stirbt Emilia, Julio stirbt nicht. Der Rest ist Literatur.

So beginnt der äußerst kurze Roman Bonsai, der 90 Seiten umfasst, es ist keine Novelle, eher schon eine Erzählung. Aber eigentlich ist es ein Roman, ein kurzer, ein Bonsai-Roman sozusagen. Schon am Anfang erzählt uns Zambra, wie es ausgehen wird, und sehr viel geschieht nicht zwischendurch. Julio und Emilia lernen sich kennen und lieben, ihre Beziehung bricht auseinander, Emilia zieht fort. Julio versucht, sie zu vergessen, doch das kann er nicht. Emila stirbt, Julio lebt weiter, Zambra will seine Geschichte zu Ende bringen,

aber Julios Geschichte hat kein Ende, das ist das Problem.

Julio und Emilia lernen sich an der Universität kennen, sie sind jung, lieben die Literatur und beginnen ihre Beziehung mit der Lüge, beide hätten natürlich schon Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeitgelesen. Ihre eigensinnige Liebelei dauert eine Weile an und sie lesen sich nachts, als Vorspiel, gegenseitig die großen Literaten vor: Darío, Perec, Carver, Nietzsche, irgendwann auch Proust. Die Geschichte, die ihre Liebe endgültig verändern soll, ist die Erzählung „Tantalia“ von Macedonio Fernández. Sie erzählt von einem Paar, das sich eine kleine Pflanze als Zeichen ihrer Liebe zulegt. Mit der Pflanze soll auch ihre Liebe sterben. Nach dieser Lektüre bemerken Emilia und Julio, dass auch ihre Liebe nicht mehr dieselbe ist wie zuvor.

Kurz bevor Emilia sich mit Julio einließ, hatte sie beschlossen, fortan mit niemandem mehr Liebe zu machen, sondern nur noch zu vögeln wie die Spanier, ‚follar‘ nannten sie es, nichts mehr von wegen bumsen, mit jemandem schlafen und ficken schon gar nicht. Das ist ein chilenisches Problem, sagte Emilia damals mit einer Ungeniertheit zu Julio, die sie nur im Dunkeln entfaltete, natürlich flüsternd: Das ist ein Problem von uns jungen Leuten in Chile, wir sind zu jung, um Liebe zu machen, und wenn du in Chile nicht Liebe machst, kannst du blöoß ficken, aber mit dir würde ich das ungern tun, mir wäre lieber, wir würden auf gut Spanisch vögeln.

„Tantalia“ begleitet Julio nach Emilias Verschwinden aber noch weiterhin. Er behauptet, Jahre später, gegenüber einer anderen Geliebten, dass er für einen bekannten Schriftsteller dessen neuen Roman abzutippen soll, in welchem der Protagonist erfährt, dass seine Jugendfreundin gestorben ist. Damals hätten sich die beiden einen Bonsai gekauft, als Zeichen ihrer Liebe, doch sie trennten sich und später erfährt er von ihrem Tod. Da wäre er wieder, der Bonsai. Der titelgebende Bonsai, der schon in der Erzählung „Tantalia“ die tragende Rolle spielt, nun von Julio selbst in seinen eigenen Roman eingespannt wird, und – ebenfalls von Julio – als Erinnerungsstück an Emilia herangezüchtet wird. Der Bonsai als wiederkehrendes Element der Verbindung zwischen zwei Liebenden. Gleichzeitig verknüpft Zambra mehrere Metaebenen: er selbst wurde von „Tantalia“ zu Bonsai inspiriert, ebenso wird Julio von „Tantalia“ zu seinem Roman inspiriert. Gleichzeitig ist „Tantalia“ aber auch die Geschichte von Julio und Emilia, und auch Julios Roman spiegelt ihre Liebesgeschichte – ohne Happy End – wider. Grandios verbindet Zambra diese verschiedenen Ebenen miteinander.

Dann weißt du nicht, wovon ich rede, kennst diesen Impuls nicht. Das Schreiben auf dem Papier, das Geräusch des Bleistifts löst einen Impuls aus. Das seltsame Gleichgewicht zwischen Ellbogen, Hand und Bleistift.

Alejandro Zambras Bonsai ist ein reduzierter Roman, sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Er ist präzise, aber dennoch auf seine ganz eigene Art eindringlich. Auch wenn nicht viel geschieht, ist es die im Zeitraffer erzählte Liebesgeschichte von Julio und Emilia, von ihrem unausweichlichen Untergang, die diesem kleinen Büchlein, dem Miniroman, dem Bonsai-Roman, einen besonderen Zauber verleiht.

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Die Republik

Joost de Vries , Martina Hertog-Vogt
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Heyne, 29.08.2016
ISBN 9783453270794
Genre: Romane

Rezension:

Der berühmte Historiker Josip Brik war bei seinen Auftritten immer bereit, die wissenschaftliche Genauigkeit für eine bessere Inszenierung zu vernachlässigen. Sein Spezialgebiet ist die filmische Darstellung Hitlers. Als er aus dem Fenster eines Hotelzimmers in Amsterdam stürzt, ist sein engster Mitarbeiter und Vertrauert Friso de Vos geschockt. Er war die rechte Hand seines Mentors und so scheint es nur normal zu sein, dass Friso seine Nachfolge antritt. Doch woher kommt plötzlich diese fremde Person, die überall auftritt und Interviews gibt zu Josip Brik?

Zu Beginn von Joost de Vries zweitem Roman die Republik entwickelt sich bereits im Prolog eine abstruse Situation: die eigentlich zentrale Figur Josip Brik stirbt direkt am Anfang. Doch trotzdem dreht sich hinterher alles um ihn und er ist ständig präsent. Denn Josip Brik ist nun mal nicht irgendwer. Er ist ein berühmter Historiker mit legendenhaftem Ruf und ebenso berüchtigt wie brillant. Sowohl ein Philosoph als auch ein Akademiker, der sich mit Popmusik und Hollywood-Blockbustern beschäftigt. Sein größtes Faible sind aber die Hitlerstudien und mit Der Schlafwandler ist er Herausgeber der wichtigsten Zeitschrift auf diesem Gebiet. Chefredakteur ist sein Vertrauter Friso de Vos. Bei Briks Ableben befindet sich Friso dummerweise gerade in Chile, um dort einen Mann zu treffen, dessen Familie seit Generationen Hitler heißt. Zudem ist er schwer erkrankt und kann nicht an der Beerdigung teilnehmen. Als plötzlich mit Philip de Vries ein zweiter Ziehsohn auftritt und statt ihm eine Trauerrede hält, ist er völlig irritiert. Dieser Platz hätte doch eigentlich ihm zugestanden und von Philip hat er auch vorher nie gehört.

„Woher weißt du das alles?“ Pippa wusste solche Dinge als Kunsthistorikerin vermutlich besser als ich, würde so etwas aber nie sagen. Und wenn ich ganz ehrlich war, bestand mein Trick darin, dass ich es nicht wirklich wusste. Die Kunst liegt darin, die Sprache zu kennen, das Vokabular, die Querverweise, um in jedem Gegensatz, in jedem Schwarz und jedem Weiß einen Widerspruch zu finden und diesen als einen Ausdruck von Ambivalenz anzuführen, als Doppeldeutigkeit, als konkurrierende Paradigmen. War nicht sämtliche Kunst und waren nicht alle Bücher und Filme und die Musik einfach nur eine Frage von sich verschiebenden Referenzen?

Joost de Vries führt den Leser in eine Akademikerwelt, in der es vor allem um Aufsätze, Renommee, Konferenzen und den eigenen Wert in diesem Milieu geht. Der Ich-Erzähler Friso de Vos ist Brik-Experte und  steht dem anderen Experten Philip de Vries gegenüber. Beide wollen sich als geistiger Nachfolger ihres großen Vorbilds präsentieren. Der Studienschwerpunkt liegt ausgerechnet auf den Hitlerstudien. Im Verlauf der Handlung entwickelt sich ein immer größeres Netz aus Ränken, Intrigen, Verwechslungen und Neid, in dem sich Friso immer mehr von Spionen und Verschwörungen umgeben sieht. Der Autor schreibt seine Gesellschaftssatire mit einem eigenen Humor und Sarkasmus.

Tahl war nicht zu unterschätzen. Er hatte an der Universität von Delhi einen Fachbereich für Hitlerstudien ins Leben gerufen, dessen Bedeutung bei all seiner Mittelmäßigkeit auf das Budget zurückzuführen war, mit dem er Professoren für eine Gastvorlesung oder auch zwei (Gattin oder Geliebte inklusive) aus westlichen Ländern einfliegen lassen und in Hilton-Suiten unterbringen konnte. Seitdem tauchte er auf jedem Kongress auf und kolportierte Studien und Artikel, die zwar niemanden besonders interessierten, die aber auch niemand ausdrücklich ablehnen wollte, um die Dreisterne-Einladungen nicht zu verpassen. Schon seit einem halben Jahr ging er mit einem Essay hausieren, vom dem er annahm, er sei originell, und in dem er Hitler mit Voldemort verglich.

Das sich Joost de Vries für Hitlerforscher als Protagonisten entschieden hat, macht das Ganze umso skurriler. Im Buch finden sich immer wieder Bilder von Katzen, Duschgel-Verpackungen und Häusern, die eine gewisse äußere Ähnlichkeit mit Hitler haben. Und auch im Roman selbst trifft Friso auf einige Personen, die sich mit beängstigender Hingabe dem Leben Hitlers widmen. In einem Laden für Antiquitäten wird Friso in einem geheimen Raum geführt, in dem die Inhaber Gegenstände aus der NS-Zeit sammeln und ausstellen. Ihr wertvollster Besitz ist die Waffe mit der Hitler Selbstmord begangen haben soll. Doch nicht nur Verweise auf Hitler spielen eine Rolle. Es gibt auch zahlreiche Anspielungen auf popkulturelle Phänomene wie Der Herr der Ringe und Harry Potter, sowie viele weitere mehr, die der Leser finden und entschlüsseln kann.

Doch Joost de Vries verlässt sich nicht nur auf Humor und skurrile Situationen, sondern schafft es ebenso, eine spannende Geschichte zu erzählen, die immer mehr an Fahrt aufnimmt und auch die eine oder andere Überraschung bietet. Dabei gelingt es dem Autor auch, immer wieder nachdenkliche Passagen einzubauen. Denn neben seiner Auseinandersetzung mit dem unbekannten Konkurrenten muss Friso nicht nur die Trauer um seinen Mentor und Freund bewältigen, sondern er durchlebt gleichzeitig eine Trennung von seiner langjährigen Freundin. Auch für diese Abschnitte findet Joost de Vries die richtigen Worte.

Die Republik ist eine ironische Gesellschaftssatire, die es gleichzeitig auch schafft, ernste Themen anzusprechen. Voller Anspielungen auf die allgegenwärtigen Hitlerstudien und Pop-Phänomene, zeichnet Joost de Vries ein Bild des akademischen Milieus, in dem nicht die wissenschaftlichen Ergebnisse im Vordergrund stehen, sondern die Menge an veröffentlichten Aufsätzen und das jeweilige Renommee. Aufgrund des teilweise sehr eigenen Humors aber nicht unbedingt für jeden zu empfehlen.

„Und dann sah er mich so an und sagte: ‚Mädchen, lass uns nicht von les mots reden, bei dir interessieren mich eher les choses.‘“
„Oh, wow, das ist, als würde Foucault einem den Hof machen.“

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verlust;, trauer, krähe

Trauer ist das Ding mit Federn

Max Porter , ,
Fester Einband: 112 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin, 24.08.2015
ISBN 9783446249561
Genre: Romane

Rezension:

Moving on, as a concept, is for stupid people, because any sensible person knows grief is a long-term project.

Als die Ehefrau des nur als Dad bekannten Protagonisten einen plötzlichen Unfalltod stirbt, bricht für ihn und seine beiden Söhne eine Welt zusammen. Doch schnell tritt ein anderes Wesen in ihr Leben: die Krähe. Sie bleibt bei der Familie und unterstützt sie in ihrer Trauer, bis sie die Krähe nicht mehr brauchen. Bis dahin erzählen abwechselnd der Vater, die Söhne sowie die Krähe aus ihrem gemeinsamen Alltag.

Once upon a time there was a demon who fed

on grief. The delicious aroma of raw shock and

unexpected loss came wafting from the doors and

windows of a widower’s sad home.

Trauer ist das Ding mit Federn von Max Porter ist mit 128 Seiten ein äußert kurzes literarisches Debüt, allerdings auch ein ganz besonderes. Es ist weder Roman noch eine ‚richtige‘ Erzählung. Kapitel aus der Sicht der Krähe, der Jungs und des Vaters reihen sich aneinander, sind manchmal beobachtend, mal poetisch bis lyrisch. Manchmal wird über den Tod philosophiert, ein anderes Mal über das Leben. Nicht immer ist sofort klar, ob es sich um Realität oder Traum handelt, besonders in den Kapiteln der Jungs. Die Krähe versucht sich gerne an Allegorien, die dann doch wenig hilfreich sind oder auch komplett aus dem Ruder laufen.

Die Krähe ist einer der wunderbarsten literarischen Charaktere, die mir in der letzten Zeit begegnet sind. Sie ist viel größer als eine normale Krähe, hat einen wirklich seltsamen Humor, liebt es, mit Worten zu spielen und ist, trotz ihrer Intelligenz und Weisheit, auch ziemlich verrückt. Als sie eines Abends an der Tür klingelt, kündigt sie an: I won’t leave until you don’t need me anymore. Das klingt erst einmal mehr nach einer Drohung als nach einem Versprechen. Doch nach und nach bemerken der Vater und seine Söhne, dass die Anwesenheit der Krähe ihnen dabei hilft, den Alltag ohne Mutter zu bewältigen, die Leere zu akzeptieren und mit ihrer Trauer zurechtzukommen.

I missed her so much that I wanted to build a

hundred-foot memorial to her with my bare hands. I

wanted to see her sitting in a vast stone chair in Hyde

Park, enjoying her view. Everybody passing could

comprehend how much I miss her. How physical

my missing is. I miss her so much it is a vast golden

prince, a concert hall, a thousand trees, a lake, nine

thousand buses, a million cars, twenty million birds

and more. The whole city is my missing her.

 

Eugh, said Crow, you sound like a fridge magnet.

Überwältigende Emotionen und der sehr spezielle Humor der Krähe liegen oft so nah beieinander, dass man gar nicht weiß, ob man nun weinen oder lachen soll, vielleicht beides nacheinander oder auch gleichzeitig. Die Krähe ist ein vielseitiges Symbol: sie ist ein Omen des Todes und der Veränderung, verkörpert aber auch den weisen Wanderer, der verirrten Wandersleuten (dem Vater und seinen Söhnen) den Weg weist. In der keltischen Mythologie überbringt die Krähe Botschaften aus der Anderswelt bzw. aus dem Jenseits. Im indianischen Horoskop steht die Krähe für Ausdauer, Spontaneität und Erfindungsreichtum – alles Eigenschaften, die auch die Krähe in dieser Geschichte vereint. Allen voran allerdings ist die Krähe eine Erfindung des englischen Dichters und Schriftstellers Ted Hughes, der einen Gedichtband namens Crow: From the Life and Songs of the Crow (1970) geschrieben hat. Porters Titel ist übrigens eine Modifikation von Emily Dickinsons Gedicht Hope is the thing with feathers (zu Deutsch: Die Hoffnung ist das Federding).

MAN I would be done grieving?

BIRD No, not at all. You were done being hopeless.

Grieving is something you’re still doing, and

something you don’t need a crow for.

Max Porter zeigt uns in seinem kurzen, aber dennoch bedeutungsvollen und emotionalen Roman Trauer ist das Ding mit Federn die verschiedenen Arten der Trauer und ihrer Bewältigung. Leben und Tod, Verzweiflung und Witz stehen sich direkt gegenüber. Vor allen Dingen der unglaublich kreative und gelungen konstruierte Charakter der Krähe sticht hervor und hindert durch seine Skurrilität das ein oder andere Mal die Tränen am Fallen – zumindest, bis sich das Weinen in der Schlussszene nicht mehr länger vermeiden lässt. Ein berührendes, trauriges, lustiges und im allerbesten Sinne merkwürdiges kleines Büchlein, das uns zeigt, dass auch Trauer und Schmerz ihre Zeit brauchen.

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barnes, tod

Lebensstufen

Julian Barnes , Gertraude Krueger
Flexibler Einband: 144 Seiten
Erschienen bei btb, 08.08.2016
ISBN 9783442713714
Genre: Romane

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deutsch, deutscher, dbp 2016, roman, njet

Apollokalypse

Gerhard Falkner
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 01.09.2016
ISBN 9783827013361
Genre: Romane

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Der letzte beste Ort

Callan Wink , Hannes Meyer
Fester Einband: 281 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 08.08.2016
ISBN 9783518425596
Genre: Romane

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egoismus, endzeit, überleben, literatursalon, sinn

Eigentlich müssten wir tanzen

Heinz Helle
Flexibler Einband: 172 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 07.08.2017
ISBN 9783518467862
Genre: Romane

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54 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 12 Rezensionen

wolf, berlin, winter, schnee, schicksal

An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Roland Schimmelpfennig
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 25.02.2016
ISBN 9783100024701
Genre: Romane

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21 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

Montana

Smith Henderson , Walter Ahlers , Sabine Roth
Fester Einband: 608 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 25.04.2016
ISBN 9783630874401
Genre: Romane

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117 Bibliotheken, 9 Leser, 1 Gruppe, 13 Rezensionen

china, uhrmacher, zeit, kaiser, verbotene stadt

Cox

Christoph Ransmayr
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 27.10.2016
ISBN 9783100829511
Genre: Romane

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26 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 4 Rezensionen

orient, schreiben, syrien, paris, kompass

Kompass

Mathias Enard , Holger Fock , Sabine Müller
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin, 22.08.2016
ISBN 9783446253155
Genre: Romane

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192 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 50 Rezensionen

gewalt, hooligans, hannover, fußball, hannover 96

Hool

Philipp Winkler
Fester Einband: 310 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 19.09.2016
ISBN 9783351036454
Genre: Romane

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98 Bibliotheken, 3 Leser, 2 Gruppen, 19 Rezensionen

iran, revolution, teheran, debüt, flüchtlinge

Nachts ist es leise in Teheran

Shida Bazyar
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 18.02.2016
ISBN 9783462048919
Genre: Romane

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14 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

Clemens J. Setz
Flexibler Einband: 1.021 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 15.01.2017
ISBN 9783518467534
Genre: Romane

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1.895 Bibliotheken, 60 Leser, 3 Gruppen, 229 Rezensionen

harry potter, fantasy, hogwarts, theaterstück, zauberei

Harry Potter und das verwunschene Kind

J.K. Rowling , John Tiffany , Jack Thorne
Fester Einband: 300 Seiten
Erschienen bei Carlsen, 24.09.2016
ISBN 9783551559159
Genre: Jugendbuch

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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

On Canaan's Side

Sebastian Barry
Flexibler Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Penguin Group USA, 28.08.2012
ISBN 9780143122180
Genre: Sonstiges

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444 Bibliotheken, 21 Leser, 1 Gruppe, 30 Rezensionen

fantasy, ransom riggs, die stadt der besonderen kinder, kinder, besondere kinder

Die Stadt der besonderen Kinder

Ransom Riggs , Silvia Kinkel
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 01.09.2016
ISBN 9783426517185
Genre: Fantasy

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30 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

kurzgeschichten, alltag, amerikanische literatur, liebe, amerikanische kurzgeschichten

Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden

Raymond Carver , Helmut Frielinghaus
Flexibler Einband: 176 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 23.05.2012
ISBN 9783596903887
Genre: Romane

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711 Bibliotheken, 14 Leser, 0 Gruppen, 83 Rezensionen

marissa meyer, wie monde so silbern, märchen, cyborg, cinder

Wie Monde so silbern

Marissa Meyer , Astrid Becker
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Carlsen, 28.07.2016
ISBN 9783551315281
Genre: Jugendbuch

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